Florentin. Sie beschämen mich, gnädiges Fräulein; meine Nachläßigkeit, mein Leichtsinn sind mir kaum zu vergeben.

Auguste. Sehr gern zu vergeben, denn ich spielte eine unbedeutende Rolle in der Geschichte Ihres Lebens; allein Sie in der meinigen eine größere, ohne dass Sie darum wußten.

Florentin. Dürft’ ich darum nicht wissen, vortrefliches Fräulein?

Auguste. Nein, so ist es und war es vielleicht besser. Aber ich hatt es mir vorgenommen, Ihnen es einst — und wär es auf meinem Todtenbette — zu bekennen, oder sollt’ ich zu früh aus diesem Leben gegangen, sein, würden es diese Papiere gethan haben.

Florentin. (verwirrt) Gnädiges — — Fräulein — —

Auguste. Ich stehe am Rande des Grabes, getrennt von allen Freuden, allen Leiden dieser Welt, ohne Gram, ohne Sehnen; kein Wunsch keine Hofnung bleibt hier zurük, und deswegen red’ ich offen zu Ihnen, wie ich mirs lange schon vorbehalten hatte.

Florentin. Mögten sie noch lange mit uns bleiben!

Auguste. Nein, so ist es besser; meine Wiedergenesung würde mich nicht glüklich machen können.

Florentin. Vielleicht doch. O, daß ich Sie nicht früher, nicht näher kennen lernte!

Auguste (mit leiserer Stimme) Sehen Sie, Graf, dies war der unglükliche Punkt, welchen zu berühren Sie mir die Mühe überheben. — (mit zitterndem Tone) O Graf! vielleicht daß ich dann nicht hier — nicht jezt — —

Florentin. (mit Thränen) Gott!

Auguste. Nicht izt schon — so früh — —

Florentin. Können Sie mir auch das — auch das vergeben? — — (indem er ihre Hand küßt) Können Sie das?

Auguste. (die Duurs Thränen auf ihrer Hand fühlt) Weinen Sie, Herr Graf? o, zuviel für eine Sterbende, weinen Sie nicht! —

Florentin. Vielleicht — vielleicht bin ich Ihres frühzeitigen Verwelkens — — —

Auguste. Nicht doch! so entwarf die heilige Vorsehung ihren Plan, so mußten Sie handeln, und so mußt ich empfinden. — — Alles unergründlich, mit Leiden verwebt für mich, aber das Wesen, welches für uns eine so planvolle, wunderbare, schöne Welt erschuf, sollte dies Wesen allein planlos in unsern Schiksalen handeln?

Florentin. Ein fürchterlicher, trauriger Plan!

Auguste. Nein, Bester, glauben Sie es nicht! — mir ist freilich noch izt am Ende meiner Tage manches in denselben verworren und dunkel, allein droben, droben erwarte ich Licht; warum sollte der Himmel unsern Eigensinn, unsre Wißsucht zu befriedigen gegen die Ordnung der Natur und des Schiksals sein?

Florentin. Unnachahmliche, Sie — Sie sind meine Trösterin, da Sie selber Trostes bedürfen.

Auguste. Nein, ich bedarf keines Trostes; ich habe meinen Zwek erreicht; Sie sollten mich noch ganz kennen lernen, eh ich die Erdenwelt verliesse, sollten mir Ihr Mitleid gönnen, da ich nicht mehr hoffen dürfte; ich glaubte in dieser gegenseitigen Entdekkung Beruhigung zu finden, und ich fand sie.

Florentin. Daß ich mehr zu Ihrer Beruhigung hätte thun können!

Auguste. Genug gethan! — wollen Sie noch eines, so bitt’ ich Sie, diese Blätter, welche ich zu Anfange meiner Krankheit unter ahndenden Gefühlen des Todes schrieb, an Sie schrieb, mir noch einmal vorzulesen, und hernach, sie keinem andern Ohr und Auge, als den ihrigen anzuvertrauen. — Es sind Träumereien, Schwärmereien, welche Sie als nichts mehr betrachten dürfen. Aber indem ich mich meinen Empfindungen und meiner Einbildungskraft überlies, war ich doch glüklich. — —

Florentin, in die schwermüthigste Seelenstimmung versunken, entsiegelte die Papiere, und begann zu lesen. Oft zitterte, oft brach seine Stimme, aber die Sterbende lächelte holdseelig auf ihn hin, und er fuhr im Lesen fort.

Wer vielleicht aus ähnlichem Hang, vielleicht aus Neugier, oder wider die Langeweile, der liebenswürdigen Auguste Schwärmereien, mit Florentin, zu lesen wünsche, wende sich zum folgenden Kapitel.

Fünftes Kapitel.
Schwärmereien Augustens von Gülden.

Ich will mich hieherstellen und den Vollmond ansehn, wie er schweigend über den einsamen Thurm der Kirche hinschwebt; — es ist ein feierliches Schauspiel! die Gottheit erschuf diesen wiederleuchtenden Weltkörper, daß er ewig und liebend uns umschwebe, und nie unsern Stern verlasse, sondern ihn immer begleite in seinem Kreislauf.

Was hier Gesez der Natur heißt, heißt bei den Menschen Liebe; aber ist Liebe vorherbestimmtes Gesez, ist Liebe Zwang? Ich mag es nicht ergründen, aber Heil mir daß ich diesen süssen Zwang, oder diese beseeligende Willkühr meines Herzens empfinde!

Fragt nicht, wo ist Gott und was ist die Gottheit? — sehet über euch die zahllosen Gestirne, die liebend und treu sich umeinander hindrehn; sehet die vernunftlosen Thiere, die Gewürme des Staubes welche sich mit einander vereinen, und die Seeligkeit ihres Daseins in der Liebe finden. Dort ist Gott und Gott ist hier, er webt und wandelt in und über den erhabnen Sfären des Weltalls und webt und wandelt in und über den Blumen des Feldes. Gott ist die Liebe; die Liebe ist Gottheit und allgegenwärtig!

Seid mir willkommen, ihr schmeichelnden, heiligen Gefühle, welche meinem Herzen unbekannt waren, seit Gustaf heimkehrte zum Staube, woraus er erschaffen war! Seid mit willkommen, ihr die ihr nicht mit seinem schönen Geiste der Erdenwelt entflohn seid! Ich Unglükliche soll noch glüklich sein; meine erstorbnen Freuden blühn wieder auf, meine melancholischen Klagen lösen sich in frohe Gesänge der Hofnung und Sehnsucht auf, o darum Heil der Liebe, Heil der Gottheit!

Noch weis, noch ahndet er nicht, daß ihn ein Mädchen liebt am Hofe; stolz bieten ihm Rosen, und Tulpen sich an, an seiner Brust verblühn zu können; wird er das unbekannte, einsame Veilchen verschmähen? — Wird Florentin Augusten verschmähen?

O daß er mich belauschte, wenn die Thräne der Sehnsucht meinem Auge entquillt; daß er mich belauschte, wenn ich sinnend die Züge seines schönen Namens auf das Papier hinmahle; daß er mich belauschte wenn ich: Florentin! Florentin! seufze, und meine Wangen schaamvoll erröthen! — —

Eine liebliche Ahndung umgaukelt meine Seele; die Hofnung strahlt mir lächelnd entgegen: spät oder früh sinkt er an meinen Busen, spät oder früh umschliessen den Geliebten meine Arme. — Seelige, beneidenswürdige Auguste, Dein Himmel wohnet auf Erden; Liebe wird Dir mit Liebe vergolten, Florentin Dir alles, und Du dem schönsten Jüngling alles werden; o Loos der Liebe, wie seelig bist Du! —

*          *          *

Gustaf, Gustaf, warum erschienst Du mir im Traume dieser Nacht? warum lächeltest Du mir so wehmüthig zu, und liessest Thränen über Deine Engelswangen rinnen? — Heiliger, Auserwählter, zürnest Du?

Ach nein, wie könnte ein Geliebter Gottes zürnen? Dein Lächeln war das Lächeln der Freude, Deine Thräne, die Thräne der Wonne Deine Auguste nach langen Leiden glüklich zu sehn! — o sieh herab auf mich, Verklärter, und sieh Augustens Glük! — Ich bin Dir noch treu, treu, wie bei dem ersten Kusse, welchen ich Dir, Engel, aufdrükte; und doch liebe ich einen Florentin. Bin ich strafbar? nein, denn, wenn Liebe zum Verbrechen geworden ist, so sind alle Meisterwerke der Schöpfung Sünde; im Hauch der Liebe wurden sie erschaffen, und zur Liebe reizen sie wieder.

*          *          *

Hör’ es, hör’ es, wohlthätiger Geist der Liebe! hör’ es Du ganze glükliche Natur, hört es alle, ihr seeligen Geschöpfe auf Erden, daß ich unglüklich bin! Florentin liebet mich nicht! ach, Gott, er liebet mich nicht! —

Nun sinken sie alle ein, die schönen Fantome meiner hoffenden Liebe; nun verdüstern sie sich, die lächelnden Paradiese, welche meine Einbildungskraft in frohen Augenblikken hinzauberte. Nun ist für Augusten keine Freude mehr! —

O Louise, Du hast ihn mir geraubt, Du, die sich meine Busenfreundin genannt hat, ihn der den Traum meiner Tage allein versüssen, konnte: Hast ihn mir geraubt, die Du so vieles besizzest, von einem Herzogthume angebetet wirst, hast ihn mir Armen geraubt, die da nichts, als ein weiches, empfindendes Herz zum Eigenthume hat. Bist Du nicht reich genug gewesen, mußt Du auch die Bettlerin um ihren Schaz plündern?

Verlange nicht stolze Habsüchtige, daß ich Dich noch liebe; fordre nicht Besiz eines Herzens, nach dem Du mit giftigen Pfeilen zieltest. O mit räubrischen Händen entwandst Du mir ein Heiligthum, und ich soll Dich lieben? — Nein, nein, die kühnsten Widersprüche der Natur mögen sich in Harmonien auflösen; der Raubvogel in den Lüften seiner Antipathie vergessen; liebend neigen die Bewohner des Paradieses die Behausungen der verdammten besuchen, nur nimmer wird meine blutende Seele der Deinigen in Eintracht begegnen!

Ha, Fürchterliche, wisse, das Glük der Liebenden zerstören, heißt den Grundstein der Schöpfung verderben. — Heilige, reine Liebe konnte nimmer in einem Herzen, wie das Deinige, ihre Wohnstatt aufschlagen, aber nimmer müsse Dich auch ihr leisester Odem beseeligen. — Nie umarme dich eine liebende Gestalt; finde nie deinen Himmel auf den Lippen eines Jünglings. Geh, geh, suche bei der ewigen Güte Erbarmen, und finde es nicht; geh, geh! — —

*          *          *

Nein gute Louise, vergieb, ich habe gesündigt; habe Dich gelästert und Du bist eine Heilige! — Ich bin so unglüklich, o, so, unglüklich, dein Zorn mache mich nicht elender!

Wie doch alles so wunderbar im menschlichen Leben an einander gekettet, und durch einander gewirrt ist! und das alles, alles ist weiser Plan des weisesten Wesens? —

Ich bin ja eine Sterbliche; Leidenschaft und zartes Gefühl sind mir angeschaffen, die Schönheiten der Welt sind ja auch für mich vorhanden; und doch bin ich ausgestoßen aus der Zahl froher Wesen? — die Freude und das Jauchzen der wonneberauschten Kreaturen ist ein Lobgesang auf die Güte des Himmels, verherrlichen meine Thränen den Himmel auch? — was hat denn meine Seele verbrochen, welches sie abbüssen müsste, warum bin ich so verlassen?

Ich ergründ es nicht, und werd’ es nie ergründen!

Seid glüklich, ihr schönen Seelen, Auguste findet ihre Ruhe in den Thränen der Schwermuth; euch umfasse ein blühender Busch, geheime Küsse zu verbergen; mich verdekke ein sterbendes Gesträuch, das sein trauriges Lispeln in meine Seufzer mischet.

Bricht das Licht des Morgens empor, so verscheucht es melancholische Träume von meinen Augenwimpern, und ladet zum Weinen ein; umschleiert die Nacht mich, so sink ich an ihren Busen um ungestörter zu jammern. — Seid glüklich, ihr meine Mitgeschöpfe, ich bin es im Leiden. Ewigkeit ist unser Loos nicht; meine Thränen werden einst versiegen!

*          *          *

Nein, nein, ich will sie nicht mehr hören, jene bangen, furchtbaren Ahndungen, ich will sie alle verbannen. Die Hofnung steigt vom Himmel herab, lächelt und bringet mir Trost. Furchtlos sollen meine mattgeweinten Blikke auf die Leiden hinsehn, die mir bestimmt sind, vergebens sollen sie mich verfolgen. Eine Freistätte öfnet sich mir, eine Freistätte, an deren Pforte die Furien des menschlichen Lebens zurükbeben, und die ihnen entrinnende Beute unverfolgt lassen. — O, Tod, dies ist dein Tempel!

Die Nebel zerrinnen, mit welchen die furchtsame Einbildungskraft der Sterblichen deinen Vorhof umlagerte; eine wohlthätige Gottheit schwebst du aus diesen Finsternissen hervor, und strekkest dem zitternden Verlaßnen deine Arme entgegen. Mit ewigem Lichte ist dein Thron umringt, ihm zur Seite glänzt die majestätische Wahrheit, die holde Ruhe, der liebenswürdige Friede herrschen hier, und bieten dem schüchternen Ankömmling ihre Zauberschaalen. Abgemattet von dem mühevollen Lebenslaufe trinkt der Mensch den dargebotnen Trank, und weggeschwunden sind jeder Harm und selbst die wehmüthige Erinnrung.

O Menschen, Sonderbare, Unerklärliche! warum mahlet ihr der Gottheit süssestes Geschenk mit so schauerlichen Farben? — So manche Noth drükket euern Miterschafnen, geheimer Kummer nascht mit gefrässigem Zahn an der Wurzel seines Lebens und ihr weinet über seinen Leichnam?

Freuet euch, meine Lieben, wenn der gefällige Tod des Lebens Bürde von mir nimmt; bedekket meinen Leichnam nicht mit einem düstern Tuche, worin die Hand des Künstlers das Bild der Verwesung gezeichnet hat. Zündet um meiner Baare keine Todtenfakkeln an, deren blasser, zitternder Glanz, wenn er sich mit grauenvoller Dunkelheit gattet, die Seele des Zuschauers beben macht. Begleitet mich nicht in langen Trauergewändern, mit erdwärtsgesenkten Blikken zu Grabe. — Nein, umkränzet mir lieber das Haupt mit Blumen, wünschet der Entschlummerten Glük, und senket mit Lobliedern auf den Tod den Leichnam in die mütterliche Erde. So ehret ihr den Triumf eurer Freundin! —6)

*          *          *

Louise, Du fragst, warum Augustens Wangen verblassen? — verblassen sie wirklich? wohl mir, dies ist der erste Kus des Todes. Ich fühl es, meine Kraft ist vertroknet, meine Hofnungen glüklicher Lebensszenen sind verloschen, Gustaf winkt. —

Lebt wohl, ihr die ihr mich lieb hattet, lebt wohl. Und Du, Florentin, sei glüklich. Dich nur liebt ich allein auf dieser Welt, — Dich hatte ich mir zum Ersaz vieler Thränen auserkohren Dich hätte ich nicht für die ganze Pracht einer königlichen Krone vertauscht, und Dir entsage ich izt.

Sprach man von den schönsten Werken des ewigen Schöpfers, so dachte ich deiner; sollte sich meine Andacht vor heiligen Altären zum höhern Fluge beflügeln, so dachte ich deiner — nannte man die Freuden eines künftigen Lebens, Florentin, so dachte ich deiner, und dir sag ich izt das Lebewohl! Nur einen Wunsch gewähre mir das Schiksal, daß Florentin einst, wenn ich schon von dem Irrdischen entfesselt, hinübergegangen bin in die Wohnungen der Ruhe, diese Blätter lesen, mich noch mitleidig betrauern mögte, oder daß er mir an meinem Sterbebette noch diese Klagen vorlesen, und ich seine Wehmuth sehen dürfte! Oh, ich habe vielleicht zu viel gebeten, vielleicht — —

Florentin konnte nicht weiter; er verhüllte schluchzend sein Gesicht; der alte Herr von Gülden zerfloß in Thränen und schaute in stiller Verzweiflung auf sein Kind hin.

„Es ist erfüllt!“ lallte Auguste — ihr Auge war gebrochen, jezt brach ihr Herz. Der alte Vater stürzte sich über ihren Leichnam; Florentin küßte die kalte Hand der Entschlummerten, und Jammer und Thränen wurden allgemein.

Sechstes Kapitel.
Der Donner aus der Ferne.

Ausgerungen hat die schöne Leidende; ihr Fus durchwandelt jezt seligere Regionen; ihr Auge kennt jezt keine Thränen mehr; sie ruht vielleicht jezt am Busen ihres Gustaf; ruht aus von überstandenen Leiden, indessen ich Verlassne trüben Bliks ihrem Flug nachstarre!“

So sagte Louise zu sich, als sie von dem Tode ihrer Freundin benachrichtigt worden war; und in der That hatte sie Recht zu klagen.

Sie fühlte, ihre Lage sei, in jeder Hinsicht, schreklich, sie war in ein Labyrinth verschlungen, aus welchem zu entkommen bis izt alle Möglichkeit verloren schien. Und nun war sie auch ihrer Rathgeberin, Trösterin, Mitweinenden — ihrer Vertrauten, ihrer Schwester beraubt.

„O unglükseelige Liebe!“ rief sie zu wiederholten Mahlen aus, indem sie ihre Blikke zu Boden schlug und ängstlich die Hände rang: „Ich mus mich dem unglüklichen Grafen entdekken, es koste was es wolle. Vielleicht findet er einen Ausweg, den mein Auge bisher nicht wahrnahm; vielleicht — o Florentin, wehe Dir und mir, wir sind Beide verloren!“

Augustens Tod war gleichsam das Signal, zu fürchterlichen Ungewittern, die sich izt über unsre beiden Liebenden zusammenzogen.

Louisens Freundin wurde feierlich begraben, und zwar so, wie sie es ausdrüklich auf ihrem Sterbelager gewollt hatte.

Einige Tage vor der Beerdigung stand ihr Leichnam in einem braungebeizten kostbaren Sarge öffentlich zur Schau, damit Freunde und Bekannte und Unbekannte noch einmahl die schöne, zur Verwesung eingesunkne Hülle einer noch schönern Seele sehen mögten. — Sie war in ein weisses Gewand gehüllt, hin und wieder mit jungen Rosen überstreut; ein Kranz von eben diesen Blumen, mit Vergismeinnichten durchwebt, umflos ihre Stirn. Alles was schauerliche Vorstellungen vom Tode und Grabe erregen konnte, war hier verbannt, keine schwarz überschlagne Wände, kein langer Trauerflor, kein Todtenkopf, waren hier zu erblikken.

Am Fusgestelle der Baare stand ein ovales, lebhaft umkränztes Bildnis errichtet, in welchem die Verstorbne vorgestellt wurde, wie sie von ihrem Genius geführt, den Hallen des Lichts entgegenschwebte. Die Erde lag mit falbem Grün bekleidet, leblos und vernebelt unter ihren Fersen; ihr Gesichte strahlte im Wiederschein der ätherischen Gegenden, und ein Seraf, mit den Zügen des schönen Gustafs, schwebte ihr entgegen, mit der glänzenden Palme.

Ehe der Sarg in die Gruft hinabgesenkt wurde, sezte man ihn nach alter Sitte zuvor in der Gegend des Altars in der Schloskirche nieder. Hier sprach der neue Hofprediger vom Wiedersehn in der Ewigkeit, und der Wohlthat des Todes für die Sterblichen so vieles und so schön, daß die Augen der Leidenden und Frohen, die bei dieser Szene versammelt waren, von Thränen stiller Sehnsucht und Hoffnung glänzten; eine angenehme Ruhe wohnte in jeder Brust, eine feierliche Stille herrschte überall, nur hin und wieder hörte man die leisen Seufzer der trauernden Verwandten.

Plözlich erscholl Klopstoks

Auferstehen wirst Du, auferstehen!

vom Chore herab; die Gemeinde stimmte mitempfindend in den herzerhebenden Gesang; liebliche Wehmuth und Hoffnung vermischten sich in jeder Seele.

Augustens Hülle wurde eingesenkt, unter den Gesängen unsrer besten deutschen Dichter über Wiedersehn in der Ewigkeit, Auferstehung, und Seeligkeit der Entschlummerten Gerechten. Bekannte und Unbekannte, Mädchen und Jünglinge eilten unterdessen zum Grabe, Blumen herunter zu streun, auch die Prinzessin Louise, mit einem Körbchen voll junger Rosen, stand unter ihnen, und warf sie der Asche ihrer Freundin nach.

Heiter kehrten sie alle zurük, und, halbgetröstet über den Verlust seiner geliebten Tochter, auch der Vater Augustens.

Man sprach noch lange von diesem Leichenbegängnis, und die einsichtsvollern unter den Residenzbewohnern führten es bei sich ein, worauf auch der gemeine Mann nicht länger anstand es nachzuahmen.

Florentin blieb einige Tage darauf stets in seinem Zimmer verschlossen; er war trostlos um Augustens Tod, als dessen Ursach er sich betrachtete, aber bald wurde er durch einen neuen Auftritt aus dieser Schwermuth gewekt.

Er erhielt nämlich Befehl vor der Prinzessin zu erscheinen.

Florentin ging zur bestimmten Stunde, wurde vorgelassen und fand Louisen auf ihrem Sofa blas, schwermüthig, und wie aus tiefen Gedanken aufgeschrekt, sizzen.

Er küßte zitternd ihre Hand und fragte um ihren Befehl. Sie schwieg eine Weile, bat ihn sich nieder zu lassen, ging darauf schweigend in dem Zimmer auf und nieder und warf unterweilen einen traurigen Blik auf ihn.

„Nicht wahr,“ sagte sie endlich, indem sie am Fenster stehn blieb, mit weggewandten Gesicht: „wir haben am Fräulein v. Gülden viel verloren?“

Florentin. (einen Seufzer unterdrükkend) Ja, bei Gott unendlich viel.

Prinzessin. Wer wird jezt ihren Plaz ausfüllen können?

Florentin. Ich wüßte kein Mädchen von so sanftem liebenswürdigen Karakter, von solcher Treue, solcher Verschwiegenheit.

Prinzessin. Sie haben Recht. Aber meinen Sie daß wir jezt einer solchen Vertrauten entbehren könnten? meinen Sie Graf?

Florentin. Eher vielleicht das Geheimnis unsrer Liebe einer Verrätherin offenbart würde, eher dächt’ ich — —

Prinzessin. Es wäre wenigstens zu wagen; denn bester Graf, in kurzem sind wir Beide verrathen.

Florentin. (erschrokken) Verrathen?

Prinzessin. Erschrekken Sie nicht; erwarten Sie alles mit gefaßter, männlichen Entschlossenheit, was Ihnen und mir auch begegnen mögte.

Florentin. (einen Schritt näher tretend) Um Gotteswillen. Theure, wozu diese Vorbereitung?

Prinzessin. Leider daß man Sie vorbereiten mus!

Florentin. Verrätherei unsrer Liebe? — o, hätten Sie mir gesagt, daß ich in der folgenden Minute des unfehlbaren Todes wäre, es hätte mich nicht erschüttert.

Prinzessin. Unsre Liebe wird verrathen werden, ich sage ja: wird; noch ist sie es nicht.

Florentin. Wird? o, gnädigste Prinzessin, sagen Sie mirs, durch wen? durch wen? — ich bitte Sie um Gottes, um ihrer zeitlichen Wohlfahrt, um alles Heiligen willen, durch wen?

Prinzessin. (die ihr Gesicht verhüllt.) Oh!

Florentin. Durch wen? ich flehe; nur um des verhaßten Namens erste Silbe flehe ich; und bei dem grossen, furchtbaren Gott, bei dem ewigen Geheimnis unsrer Liebe beschwöre ichs, ich bringe den Verräther um. — Sie wollen nicht? wollen sich unglüklich machen, und mich? —

Prinzessin. (weinend) Verlassen Sie mich.

Florentin. Nein, ich ruhe nicht, bevor ich den Verräther entdekt habe. Sie schweigen noch? o, Louise, gedenke jener seeligen Nächte, und bei diesen sei beschworen: wer will —

Prinzessin. (seine Hand fassend und ihn zärtlich anblikkend) Eben — eben jene seeligen Nächte — — o, las mich nicht fortfahren.

Florentin. (sie anstarrend.) Eben jene seeligen Nächte, Louise — —?

Prinzessin. (mit weiblicher Schaam an seine Brust sinkend) Oh, Florentin!

Florentin. Was ist das?

Prinzessin. Machten dich — dich zum Entehrer des herzoglichen Geblüts, Dich — — zum Vater! —

Florentin. (hinsinkend) Oh, Gott! Gott!

(eine lange, ängstliche Stille.)

Prinzessin. Nun, mein Florentin?

Florentin. (starrt düster vor sich hin)

Prinzessin. Quäle meine Seele nicht, Lieber. Wir sind unglüklich, nicht so? ohne Rettung, ohne Hofnung unglüklich? —

Florentin. (schweigt, wie oben.)

Prinzessin. Hätten wir uns nie gesehen, hätten wir uns gehasset, statt zu lieben, hätten wir nie, ach nie den giftigen Kelch der Wollust genossen! — — Florentin, sieh mich an. Sieh nicht so starr vor dir hin, presse nicht die Lippen so zusammen, — komm, heitre dich auf, lächle. Ich bin unglüklich, aber doch nicht allein. Du bist elend aber es doch nicht allein; zu jeder andern Stunde, ein fürchterlicher Trost, jezt aber namenlos süs.

Florentin. (giebt keine Antwort)

Prinzessin. Ein unglüklicheres Loos konnte nicht auf mich fallen, als gefallen ist. Wär’ ich die ärmste Dörferin dieses Herzogthums, ich wäre glüklicher; es würde sich ein mitleidiger Hirt finden, der mich Verstoßne aufnähme; wir würden uns lieben dürfen, ohne daß die ganze Welt auf unsre Liebe sähe; doch es ist geschehn.

Florentin. (sich ermannend) Es ist geschehn, theuerste Louise, es ist geschehn. Ich stehe fest. Ich seh’ es voraus, der Staat wird für diese Liebe mein Blut fodern, ich will es ihm nicht verweigern; nur Louisen mögt’ ich nicht leidend wissen.

Prinzessin. Sonderbarer, zittre nicht für die Schwester eines Herzogs. — Doch Du, Bester, Du —

Florentin. Ich bin jeder Gefahr gewärtig.

Prinzessin. (geht zu einem Schrank und zieht ein Kästchen hervor) Nimm dies und entflieh.

Florentin. Nimmermehr.

Prinzessin. Entflieh!

Florentin. Nimmermehr; wo Louise lebt, will auch ich leben, und soll ich sterben, so will ich unter ihren Augen meinen Geist aufgeben. — Ich fliehe nicht, Louise wäre denn mit mir: dann hin in die unfruchtbarsten Wüsteneien, in die schauerlichsten Winkel eines Waldes, hin in entlegne Welttheile, wo die Menschen noch Thiere sind, wo die Sonne nur halbjährlich hinblikt, oder wo sie ewig glühend sich um ihren Mittelpunkt wälzt, — allenthalben blühete dann ein Paradies für mich.

Prinzessin. (mit Stolz) Ich bin Fürstin. — (schmeichelnd) Entflieh!

Florentin. Ich kann nicht. Las mich, wenn es sein soll, sterben, nur entfliehen nicht. Ein leidender Verbrecher erregt wenigstens Mitleiden; der glükliche Flüchtling schleppt den Has der Welt mit sich in alle Zonen herum. Ich will bleiben.

Vergebens bat Louise ihren Liebling mit Thränen; er widerstand mit Hartnäkkigkeit. Lange dauerte der zärtliche Streit, bis die Prinzessin mit heimlichem Schaudern in Florentins Verlangen willigte. Er blieb in der Residenz, bis zur Entwikkelung der Geschichte, sein Schiksal möge sich dann entfalten, wie es wolle.

„O!“ — seufzt der unglükliche Graf, wie einst Hüon:

— — — Das allgemeine Loos

Der Menschheit, schwach zu sein — ist mein Verbrechen blos.

schwer büß’ ichs nun, doch klaglos, denn gereuen

Des liebenswürdigen Verbrechens soll michs nicht!

Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen.

Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.

Sie schieden von einander. In einer fürchterlichen Angst hing Louise an seinem Halse; noch einmal, unter zahllosen Thränen, unter zahllosen Beschwörungen bat sie ihn, zu fliehn, er aber weigerte standhaft.

„Ich bleibe,“ sagte er, und drükte einen Kuß auf ihre Lippen: „ich bleibe. Und muß ich sterben, wohl so sterb’ ich gern. Mein Tod wird meine Feinde zum Mitleiden rühren, meine Flucht aber wäre ihr Triumf; alle wohlthätige Anstalten, welche ich zum Besten meines Vaterlandes traf, würden vielleicht dann ihren Werth verlieren, mein Tod kann aber noch eine Stüzze derselben sein.“

Ohne noch ein Wort zu verlieren, entfernte er sich.

Siebentes Kapitel.
Das Gewitter zieht näher heran.

Prinz Moriz. (auf einem Ottomann) Es ist alles umsonst; indes kann ich mich leicht darin ergeben. Duur, Duur wir begegnen uns noch einmal auf einem fürchterlichen Gange; doch der Kerl ist einer so langen Erinnrung nicht werth. — (er klingelt)

Ein Bedienter. (kommt herein)

Prinz Moriz. Geh zur Signora Biondine; sie darf mich heute zum Nachtessen bei sich erwarten.

Bedienter. (geht ab.)

Pr. Moriz. Prinzessinnen und Sängerinnen sind beim ausgelöschtem Lichte einander gleich. Louise und Biondine! freilich eine gräßliche Kluft zwischen beiden, aber Biondine gehört zu den weichherzigen Seelen, und das macht alle ihre Fehler gut.

Sekretair Flimmer. (tritt herein)

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. O vortreflich!

Pr. Moriz. Teufel, du lügst!

Flimmer. Haben Sie die Gnade mich zu hören. Ich besuchte während Ew. Hoheit sich hier am Hofe aufhielten, nach meiner alten Gewohnheit zum Zeitvertreib die Tabagien; man findet an solchen Oertern die schönste Gelegenheit Menschengesichter zu beobachten, physiognomische und politische Betrachtungen aufzustellen. Unter andern frappirte mich ein alter, schlichter Kerl, aus welchem niemand eigentlich klug werden konnte. Man wußte mir von ihm nicht mehr zu sagen, als daß er täglich in den Weinhäusern herumläge, spielte, söffe und unserm Hergott die Tage abstöhle. Dazu wollte man sich erinnern, das er ein verschmizter Gauch wäre, welcher schon manchen dummen Streich begangen hätte. Das trolligste bei der ganzen Sache ist, daß der alte Schelm stumm ist.

Pr. Moriz. So. Wie beißt der Tagedieb?

Flimmer. Badner. Ich bemerkte, daß er Geld zu verschwenden hatte, drum währte es nicht lange, so saßen wir neben einander und tranken Brüderschaft. Ich unterhielt mich öfters ganze Abende mit ihm; seine Bleifeder diente ihm statt der Zunge.

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. Dieser sonderbare Taugenichts ging vor einiger Zeit zum Grafen Duur in Dienste; seine Börse ist bankerot, vermuthlich gedenkt er sie durch die Freigebigkeit seines jezzigen Herrn wieder zu spikken. Allein seit einigen Tagen schien er mit seinem Schiksale nicht recht zufrieden zu sein; flugs machte ich mich an ihn, lokte ihn aus, und ich hatte den küzlichen Flek richtig getroffen. Ich ließ einige Worte von Ihnen fallen, von Ihrer Güte, Ihrer Mildthätigkeit. Der Kerl spizte die Ohren. Folgenden Tages ließ ich ihn merken, dass Ew. Hoheit ihn wohl in Dienst zu nehmen gedächten. Mein Badner war wie ausser sich vor Freude. Am dritten Tage sprach ich von einem Werke, wodurch er sich Ew. Hoheit sogar verbindlich machen könne. Er fragte um nähere Umstände; ich konnte ihm weiter nichts erwiedern, als daß Ew. Hoheit dem Grafen von Duur nicht wohl wollten, und daß, und so weiter. Und heut bring’ ich Ihnen den Erzgauner, willig zu jedem Bubenstük, her. Ein Wort von Ihnen selber kann ihn zum Vatermorde stark machen. Er steht und wartet in der Antichambre.

Prinz Moriz. (läßt sich eine Chatulle reichen.) Führ’ ihn her.

Der alte Badner. (tritt nach einer Weile mit dem Sekretair herein.)

Pr. Moriz. Höre Badner, Du willst des Grafen Dienst verlassen?

Badner. (schüchtern mit dem Kopf winkend) Ho.

Pr. Moriz. So kannst Du in den meinigen treten, wenn Du ein ehrlicher treuer Kerl bist. Ich bezahle meine Leute gut, aber sie müssen im Fall der Noth auch wohl ihr Leben für mich in die Schanze schlagen können. Bist du das auch gewillt?

Badner. (sich verbeugend) Ho!

Pr. Moriz. Schade alter Bursche, daß Dir das Maul vernagelt ist. (wirft ihm eine Börse voller Geld entgegen) Da, nimms zum Handgelde. Wie lange wirst Du noch beim Grafen bleiben?

Badner. (zieht eine Schreibtafel hervor und schreibt) Ein Monat noch.

Pr. Moriz. Ja, Bursche, das währt zu lange. Doch mein Sekretair wird Dir schon einige Winke gegeben haben, wie Du Dich zu verhalten hast.

Badner. (winkend) Ho, ho!

Pr. Moriz. Wird Dir auch wohl von den hundert Louisd’oren und von diesem Fläschchen gesagt haben, dessen Wasser Du — —

Badner. (mit treuherziger Miene) Ho, ho!

Pr. Moriz. Du darfst dies Wasser nur unter seinen Wein, oder in eine Suppe schütten. In ein, zwei, drei Wochen keucht das Junkerchen seinen zukkersüssen Geist von sich, und Du empfängst noch funfzig Louisd’ors von mir. Funfzig hältst Du jezt schon der Hand.

Badner. (schreibt) Ew. Hoheit erlauben mir aber bei Ihnen Dienste zu nehmen?

Pr. Moriz. Nicht anders; so bald der Graf das Wasser verschlukt hat, meldest du dich wieder. (er reicht ihm das Fläschgen) Leb wohl. Mache dein Probestük als Meister; mein Sekretair sage dir das übrige.

Flimmer und Badner. (entfernen sich)

Ein Bedienter. (bringt dem Prinzen einen Brief, worauf sich derselbe wieder wegbegiebt.)

Pr. Moriz. (bricht auf und liest:)

Prinz!

Da Ihr unsre Warnungen verachtet, unsern Rath verlacht, unsre Stimme tauben Ohren schallen lasset; so rufen wirs Euch zum leztenmale zu: seid auf Eurer Hut, entgehet der Rache beizeiten, ehe sie Euch unverhoft überfällt. — Giftmischer werden auf deutschem Boden nicht geduldet, schlaget Euch zu den Banditen in Welschland! — Entfernet Euch binnen vierzehn Tagen aus dem Herzogthum, eine Stunde, so Ihr über die gegebene Frist verzögert, bringt Euch unfehlbaren Tod von dem Gericht der Euch Unbekannten.

Donner und Wetter was sollen die Mummereien? — der dritte Brief schon den mir die unbekanten Spione zuschikken und kann nicht erkunden von wem und von wannen? — Ists der Herzog selber, der in dem richterlichen Tone zu mir spricht und mir sein Land zum Aufenthalt versagt, oder ists der vermaledeite Graf? — Unmöglich, wie wußten diese um all meine Geheimnisse? — Hier ist Verrätherei! (er springt vom Ottomann auf) Hollah! ho! Flimmer!

Flimmer. (kömmt.)

Prinz Moriz. (ihn hart anfahrend) Bösewicht, oder Dummkopf! sprich was bist Du von beiden?

Flimmer. (erstaunt) Ew. Hoheit verzeihn — —

Pr. Moriz. Schurke, ich bin verrathen durch Dich!

Flimmer. Verrathen? Wie so? auf welche Art? was denn?

Pr. Moriz. He, weißt Du nicht mehr zu sagen? Ich bin verrathen, die verfluchte Giftgeschichte — alles ist bekannt!

Flimmer. (erblassend) Unmöglich!

Pr. Moriz. Wohl möglich! wohl möglich! — He, Schurke, mache Dich allmählich zum Strik gefaßt!

Flimmer. Ich bin ausser mir. Ich bitte unterthänigst mir zu sagen, wie kann das verrathen sein? Badner ist nur jezt eben erst von mir gegangen; er vermaas sich noch hoch und theuer, daß er binnen heut und morgen dem Grafen das Gift beiringen, oder sein Leben einbüssen wolle. Eben, sag ich, ist er erst fortgegangen, und Ew. Hoheit wollen schon so genau wissen, daß wir verrathen sind?

Pr. Moriz. Nun da. (er hält ihm die Worte des Briefes dar.) Lies!

Flimmer. (ließt.) „Giftmischer werden auf deutschen Boden nicht geduldet — schlaget Euch zu den Banditen in Welschland.“ — Gnädigster Herr — dahinter stekt mehr, als gewöhnlicher Menschenwiz; das ist Hexerei, oder der Satan äfft uns!

Pr. Moriz. Bedenke Dich, ob Du nicht hie oder da ein unüberlegtes Wort hingeplaudert hast.

Flimmer. Ich darf Ew. Hoheit nicht an so viele tausend Streiche erinnern, welche ich ausführte, und wodurch mir Ihre Gnade erwarb. Kein einziger verrieth einen Dummkopf, einen Stümperer und dieser einzige, einer der allerleichtesten von der Welt, dieser elende Streich sollte durch mich selber verrathen worden sein? —

Pr. Moriz. Vielleicht hat Dich Dein Weinglas, oder Dein Freudenmädchen plauderhaft gemacht. Besinne Dich!

Flimmer. Ich selber weis ja erst seit gestern um die Vergiftung; wie konnte mich in dieser Zeit ein Mädchen auslokken, da ich den ganzen Tag in dem Zimmer Ew. Hoheit Briefe schrieb, und mir nur ein Stündchen für Badnern abmüssigte! und selbst Badnern lies ich nur halb den Plan Ew. Hoheit errathen.

Pr. Moriz. Donner und Wetter, ich könnte rasend darüber werden! Wer hat denn nun geschwazt? die Wände werden doch nicht horchen und es den fatalen Briefschreibern wiederposaunen? — Und werden die unbekannten Sittenrichter nicht auch dem Grafen die ganze Geschichte schreiben und ihn warnen? — Es ist alles umsonst!

Flimmer. Fürchten Sie nichts, gnädigster Herr, fürchten Sie nichts; im Nothfall sezz’ ich meinen Kopf zum Pfande, daß der stumme Badner demungeachtet seinem Herrn den Tofanatrunk beibringen wird.

Pr. Moriz. Ich fasse Dich beim Worte. Geh auf Dein Zimmer, man soll Dich nicht eher herauslassen, bis es mir gefällt.

Flimmer. (kriechend) Allein Ew. Hoheit — —

Pr. Moriz. Fort! fort! der Teufel soll auf jeden Verräther und auf die fürchterlichen Correspondenten fahren! fort, fort! — —

Florentin ahndete nichts von dieser Seite und blieb ruhig; allein seine ganze Heiterkeit war verschwunden; düster und ernsthaft ging er vor sich umher, verschlossen in seinen Zimmern lag er und sann er nach Rettung, aber vergebens.

„Zum Richtplaz! — zum Richtplaz! wohl denn, ich bin ein Mensch; der Tod ist einmal mein gewisses Ziel; — ich gehe!“

So sprach er oft bei sich, und fühlte in jeder Nerve kühne Entschlossenheit. Nur ein Gedanke war fähig ihn um diese schauerliche Ruhe des Geistes zu bringen, der Gedanke an seinen Onkel und seine gute Schwester. —

Zuweilen wieder dämmerte ihm der Hofnung liebliches Morgenroth durch die Finsternis; Holder lebte ja noch, und Holder könnte vielleicht helfen. Aber haben nicht Holder und die, welche in seinem Namen schrieben, ihre Pflicht erfüllt? warnten sie nicht oft genug, und, ach! nur zu spät? — Wer ist denn der Sonderling Holder, daß er retten dürfte? ein gemeiner Unterthan des Herzogs, der für seine Cur an dem kranken Fürsten theuer genug bezahlt worden ist! ein Flüchtling, ein Abentheurer, der in der Welt umherschwärmt, und nun es sich belieben läßt aus Italien wieder nach Deutschland zu wandern. — Allein sein Karakter ist doch so edel, so schön! wird er nicht alles für den verurtheilten Freund wagen? — wagen? und was denn? was liesse ein erbitterter Fürst wider sich wagen? O es ist alles umsonst, und Florentin in jedem Falle der baldige Gegenstand der Rache eines beleidigten, tief beleidigten Landesherrn.

Indeß verzagte der Unglükliche nicht ganz. Flucht hätte ihn vielleicht vor dem Zorn des Richters sichern können, aber fliehn wollte Graf Duur nicht. „Besser ein beklagter Unglüklicher sein, rief er seiner Seele zu, als ein glüklicher Bösewicht!“ —

Badner trat zu ihm herein und grüßte freundlich. Noch nie sah der Graf diesen Alten so vergnügt; es fiel ihm auf, und er fragte.

Badner lächelte und winkte bedeutend mit dem Kopf, zog dann ein Gläschen hervor, sezte es auf den Tisch vor seinem Herrn, zählte funfzig Louisdor’s daneben und schrieb in die Schreibtafel: „Das Gifttränklein für Sie, und die Funfzig für mich.“

Florentin starrte ihn verwundert an. Badner lächelte und schrieb weitet:

„So will es Prinz Moriz, aber Badner wills anders.“

Hierauf öfnete der Alte das Fenster, zerschmetterte das Glas an das Strassenpflaster, und strich das Geld triumfirend ein.

„Schikken Sie das Blutgeld an das Armenhaus, und bleiben Sie mir gut!“ schrieb er auf das Pergament.

Florentin drükte gerührt seines treuen Dieners Hand. „Ich danke dir,“ sagte er: „ich danke dir für deine Ergebenheit; bezahlen kann ich solche biedre That nicht. Indessen hättest du Morizens Befehl immerhin ausführen können, ich würde dir auch gedankt haben, und du hättest mir vielleicht gütlicher gethan.“ —

Badner schien sich verwundern.

„Nein, lieber Alter, verwundre dich nicht! Dein Herr ist unglüklich. In einem Monate hast Du vielleicht mehr erfahren!“

Achtes Kapitel.
Eine Episode.

Es war des Morgens um vier Uhr, als Pr. Moriz auf der Straße von vier starken, verkleideten Kerlen angehalten wurde. Er kam so eben aus den Armen der Signora Biondina, welche ihrem Galan eine seelige Nacht geschaffen hatte.

„Hör’ Er, Freund,“ sagte einer von den Verkleideten, indem er den Prinzen beim Arm faßte: „Er nimmts uns wohl nicht übel, daß wir so dreist sind, mit ihm ein Paar Worte zu plaudern.“