Nur Träume sind des Lebens Gold,

Nur Träume, die die Brust des Sterblichen beleben,

Und feuchte Wimpern heben,

Von welchen noch des Harmes Zähre rollt;

Nur Träume, die uns hold,

Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.

Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus — und wurden nicht geleert.

In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so wohlgemuthe Onkel konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da, düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch wagte ers nicht. Oft zerpreßt’ er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand auf seinem Schoose fest. Florentin sas in einer ähnlichen Attitüde, den Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden der Zukunft. Rikchen drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit der andern umschlang sie Holders Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz verbarg. — Holder mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein Auge bewölkte.

So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So hätte die Nacht sie überfallen können, wenn Florentin nicht aufgestanden wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.

„Wahr ists, und wahr bleibts,“ rief der Onkel, und erhob sich: „’s ist doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder, die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt’ ich doch den Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!“

„„Das würde freilich keiner!““ antwortete Holder, dem die Philosophie des gutherzigen Onkels ein Lächeln abzwang.

„Drum glaub ich auch,“ kontinuirte jener: „daß unsre Nachkommen gewiß noch alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.“

„„Despotien in Republiken!““ sagte Holder mit einem bedeutenden Tone zu Florentinen hinblikkend.

„Ja, Despotien in Republiken umgemünzt, wirds eine gangbare Waare für die freigeborne Menschheit!“ rief Florentin, und ihm wars, als träumte er den Traum von den schwarzen Brüdern, wo sich in seiner Seele das erste lebhafte Gefühl für Freiheit, und schwarzer Groll wider Fürsten entwikkelte. — Er that einen freiern Athemzug — ihm wars ungewöhnlich wohl. „Despotien in Republiken!“ schallte es immer noch in seinen Ohren: „und da würdest du Louisen ungestört lieben dürfen, würdest du nicht über die Gränze wandern müssen, um einer frohen Nacht willen!“ setzte er bei sich stillschweigend hinzu, und ihn wandelte ein sonderbarer Schauer an; er fühlte sich in seiner ganzen Größe, sein Odem flog schneller, seine Hände krallten sich zusammen, sein Auge blikte funkelnd empor — sein Geist schwebte auf stürmendem Gefieder der ahndenden Fantasie.

„Ich sehe nur nicht ein, warum nicht jezt schon, das alles so ist, wie’s sein soll? warum sich erst künftige Jahrhunderte dieses Glüks erfreuen sollen? — O, die glükliche Nachwelt!“ sagte der alte Graf mit einer Mine der bittersten Unzufriedenheit. Der Onkel, der seine Lieblingsgrille, welche wir schon an ihm kennen1), zum Stoff der Unterhaltung machte, als die übrigen, schwazten und schwärmten so den Rest des Tages hinweg, umarmten sich dann noch einmahl und eilten halb traurig und halb getröstet ihren Betten zu.

Man freute sich Florentinen am folgenden Tage noch einige Stunden sehn zu können, und schlief ruhig mit diesem Gedanken ein. Aber, — Gott! wer schildert den Jammer dieser liebenden, treuen Seelen, als sie Florentinen am künftigen Morgen nicht mehr erblikten, der sich wahrscheinlich schon in der Nacht mit seinen beiden Dienern aufgemacht hatte!

Viertes Kapitel.
Abschied von der Sorbenburg.

Mein Bruder hat uns verlassen, ohne uns das Lebewohl zu sagen!“ rief Rikchen ihrem Onkel weinend entgegen, der ungewöhnlich früh aus den Federn gestiegen war, um sich noch desto länger mit seinem Neffen unterhalten zu können.

Dem Alten fuhrs wie ein Donnerschlag durch die Ohren. „Uns schon verlassen?“ stammelte er, und sein Unwille sprach aus Blikken und Gebehrden: „das war dumm!“

Holder, welcher noch die meiste Fassung hatte, suchte beide zu beruhigen. Es gelang ihm nur schwer.

„Dumm ists!“ rief der alte Graf: „und dumm bleibts. Ich sehe im Grunde nicht ein, warum der Kammerherr so sehr mit seiner Reise eilt. Ich weis, der Herzog würde gewis nicht böse sein, wenn Florentin noch einige Monate, wenigstens einige Wochen, bei seinen Verwandten geblieben, wäre.“

Holder. Aber es war ja des Herzogs ausdrüklichster Befehl, daß Florentin seine Reise je bälder je lieber antreten sollte. Serenissimus bedient sich ihres Neffen höchst wahrscheinlich in ausserordentlich wichtigen Angelegenheiten, welches daraus erhellt, daß der Zwek dieser Reise so sehr geheim gehalten wird und der Termin der Abreise sobald angesezt ist.

Onkel. Die vermaledeiete Dependenz!

Holder. Und weil es denn einmahl geschieden sein sollte: so wollte sich und Ihnen der gute Florentin die Trennung dadurch erleichtern, daß er plözlich verschwand. Sie kennen ja seine Art in diesen Fällen!

Onkel. Jedes andre macht verzeihlich, nur heute nicht. O, mir ahndets, ich soll ihn nicht wiedersehn auf Erden — seine Heimkunft nicht erleben.

Rikchen. O doch, Onkelchen! und geben Sie acht, er holt sich gewis die schöne Marinerin aus Italien2) und feiert hier in Sorbenburg die Hochzeit. Das ahndet mir!

Onkel. Gott weis es, wessen Ahndung trügen wird!

Der Onkel schien so unrecht nicht zu haben, aber Rikchen gewis auch nicht. Und wenn unser fahrender Ritter auch das schöne Mädchen aus St. Marino nicht mitbrachte, könnte er nicht irgendwo für sich ein andres holdes Weibchen auffinden!

Inzwischen verstrichen nach diesem traurigen Morgen Monate nach Monaten, es wurde ein Jahr daraus; Florentin kam nicht wieder heim in die vaterländische Wohnung, und man verschmerzte endlich seinen Verlust. Zwei, drei, vier Jahre folgten dem ersten, doch man vergas ihn nicht!

Graf Florentin von Duur, den wir jezt auf seiner Abentheuerjagd begleiten müssen, denn die Sorbenburgsche Familie werden wir nicht so bald wieder besuchen können, war am Abend seines Abreisetags über die Gränze des Vaterlandes mit seinen Gefährten Badner und Gotthold. Es war ihm wehe und wohl, wenn er hinter sich in die Vergangenheit, oder vor sich in die Zukunft hinausblikte, sahe was er dort überstanden, und hier noch zu erwarten hatte! —

Der Winter war vorüber, der Frühling begonnen, und die schönen Tage des Maies erwachten; aber über seine Seele streute die liebliche Jahrszeit keine Freuden. Ungewis und unbestimmt, mehr ernst, als froh, kreuzte er etliche Wochen in den benachbarten Gegenden seines Vaterlandes umher; ohne sich dessen klar bewußt zu sein, wurde er immer noch magnetisch dahingezogen. Und so rükte der Tag des heiligen Urbanus unvermerkt näher, an welchem er sich in dem Städtlein Mungenwall befinden sollte.

Fünftes Kapitel.
Eine schöne Erscheinung.

Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen, als unser Graf mit seinen Kumpanen ein niedliches Dorf unten im Thale vor sich erblikten. In angenehmer Verwirrung lagen die braunen Strohhütten da zerstreut, jede von krausem Gebüsche überwachsen und beschattet. Zur rechten und zur linken sahe man Gärten in todte und blühende Hekken eingefaßt, und zur rechten und zur linken tönte der süsse Gesang der Vögel fröhlich daher. In der Mitte des Dörfchens ragte über alles in prachtloser Einfalt die spizze Kuppel des Kirchenthurmes hervor, dessen hellschlagende Glokke mit silbernen Ton die frommen Christen zur Andacht in Tempel rief.

Florentin von dieser Gegend überrascht, hielt sein Pferd an, sein Auge länger noch an dem Reiz der vollkommenen Natur zu laben. Seine Seele klärte sich auf; die Stirn entfaltete sich und er wurde zum erstenmahle mit seinen Gefährten gesprächig, denn bisher hatte man aus seinem Munde nur kaum ein andres Wort, als das trockne: „Ja“ oder „Nein“ gehört.

„Wie heißt das Dörfchen da unten?“ fragte er ein vorübergehendes junges Bauermädchen und lächelte einmahl wieder seit langer Zeit freundlich.

„Gott grüß’ euch, meine Herrn,“ erwiederte die junge Bäuerin, ohne stehn zu bleiben: „Riedelsheim!“ —

„Wir wollen in die Kirche gehn, und Gott danken für den schönen Frühling!“ sagte der Graf und trottete den Bergweg hinab ins Thal; Gotthold und Badner ihm nach.

Leztere bestaunten den Einfall ihres Herrn, eine Dorfkirche zu besuchen; aber man hatte kaum im Wirthshause gefrühstükt, so sahe man, daß es dem Grafen Ernst sei.

Der Pfarrer zu Riedelsheim bestieg in eben dem Augenblik die Kanzel, als unser Graf in die Kirche trat. Er sezte sich in einen Winkel auf ein Bänkchen, um kein Aufsehn zu erregen; hörte andächtig dem lehrenden Greise zu, fühlte sich durch den herzlichen Vortrag desselben bis zum Weinen gerührt, und würde sehr erbaut von hinnen gegangen sein, wären seine Sinne und Gedanken nicht mit einem mahle von aller Andacht hinweg und auf einen andern Gegenstand — eine weibliche Gestalt gezogen worden.

Er sah hinter einem Gitter, dreißig Schritt ohngefähr von sich entfernt, ein Frauenzimmer sizzen, dessen Kleidung und Anstand dasselbe auffallend von Dorfbewohnerinnen unterschied. Der Anzug dieser Schönen war einförmig, aber doch mit Geschmack angeordnet; und so viel der obere Theil ihres Körpers verrieth, denn mehr konnte man nicht von ihr erblikken, mußte sie noch jung sein. Ihr Gesicht war leider verschleiert.

Ich weis selbst nicht, welcher Dämon Florentins Augen auf die Dame hinlenkte, da er doch seit der unglüklichen Liebe Louisens beinahe einer der ärgsten Misopyne geworden war, die nur je die Menschheit des weiblichen Geschlechts bezweifelten.3)

Unverwandt starrten seine Augen nach dem Gitterstuhle. Er zitterte, wenn die Dame sich bewegte, und rükte ungeduldig hin und her, wenn sie stille sas. — Er selber wußte sich seine Empfindungen nicht zu erklären; er wollte seinem Geiste die verlorne Andacht wiedergeben — umsonst, seine Augen glitschten immer von der Kanzel auf den Gitterstuhl zurük, von dem Munde des Predigers auf den Schleier der Dame.

Eine sonderbare Ahndung überflog ihn. Er glaubte in der Gestalt, in den Bewegungen der Dame im Gitterstuhle auffallende Gleichheiten mit Louisen zu entdekken. Seine Fantasie wurde lebhafter; die Möglichkeit stieg in ihm zur Gewisheit empor.

Plözlich schlug die Unbekannte mit ihrer schönen Hand den Flor vom Gesichte zurük — — o Himmel! und Florentin sah Louisen. Ihm wurd’ es dunkel vor den Augen; eine Ohnmacht schien sein ganzes Wesen aufzulösen — Noch einmahl sah er hin, und — ach! der Gitterstuhl war ledig, Louisens Bild verschwunden.

In einer süssen Betäubung sas er da. „Sie ists! sie ists!“ rief sein Geist in ihm; „dem Unglüklichen wird noch einmal das Glük die Geliebte zu sehn!“ —

Der Prediger prieß die Schönheiten der göttlichen Schöpfung; Duur zergliederte sich Louisens Reizze. — Amen scholl es von der Kanzel, und der Liebetrunkne stürzte zur Kirche hinaus. Er durchreiste das Dörfchen, suchte das verschleierte Gesicht und — fand es nirgends.

Hinter einer dichten Reihe hoher, breitlaubigter, finsterer Kastanienbäume entdekte er am Ende den Dorfes ein im neusten Geschmack errichtetes, zweistokhohes Gebäude, welches das ansehnlichste in Riedelsheim war. Er blieb stehn, und maaß das Haus mit neugierigen Blicken. Gern wär er hineingegangen, um auch da der geliebten Schwester des Herzogs nachzuspüren, wenn es ihm nicht die Etikette verboten hätte.

Was sollt er thun? — umkehren und Riedelsheim verlassen, ohne Sie zu sehn die geliebte Stifterin seines Unglüks? — sie jezt nicht wiedersehn, die er vielleicht dann nie, weder in diesem, oder jenem Leben wieder zu erblikken glüklich genug sein könnte! — Unmöglich, kein Liebender hätte dies an Florentins Stelle gethan, und Florentin thats auch nicht.

Als er noch unentschlossen da stand, mit einem Stökchen im Staube malend, zeigte sich seinen Augen ein junger, wohlgekleideter Mann, dessen Aeusseres viel gutes ahnden lies. Florentin machte sich sogleich an ihn und fragte nach dem Besizzer des weißen Hauses.

„Sie sehen ihn vor sich!“ antwortete jener und Florentinen ward seltsam zu Muthe durch diese Antwort, denn Mann und Stimme desselben waren ihm sehr wohl bekannt. Kurz gesagt, die Gestalt und der Ton gehörten in den Traum von den schwarzen Brüdern hin, und zwar dem Puppenspieler, der im Wirthshause die grausamliche Zerstörung Magdeburgs aufgeführt, und dessen Kasten unser Graf zertrümmert hatte. Daß Florentin durch die frappante Aehnlichkeit zweier so heterogener Personen etwas bestürzt gemacht wurde, läßt sich denken.

„Wen hab’ ich dass Glük zu sprechen?“ fragte er.

„„Ich hin der *** Prinzenerzieher Aellmar, lebe hier durch die Gnade meines Fürsten ein angenehmes Privatleben, und werde mich freuen, wenn Sie in meiner Wohnung mit einer ländlichen Bewirthung vorlieb nehmen wollen. Sie sind — —?““

„Der Graf von Duur.“

„„Ich kenne Sie schon näher, wie mich däucht.““

„Und mir ists, als hätte ich ebenfalls schon das Glük gehabt Ihre Person einmahl, aber Gott weis, wo und in welcher Verkappung, zu sehn. Ihre Gesichtszüge — ihre Stimme —“

„„Vielleicht haben Sie sich nicht geirrt.““

„Wär es möglich!“

„„Wie befindet sich Herr Holder von Sorbenburg? Wahrscheinlich haben Sie ihn noch — —?““

„So wahr ich lebe, Herr Aellmar, Sie und ein gewisser, schwarzer Puppenspieler“ — —

„„Ganz recht, Vinzenz!““

„Gott, ich bin glüklich.“

„„Still, wir plaudern nachher mehr. Haben Sie die Güte mein Gast zu sein.““

„Haben Sie Fremde?“

„„Sie werden niemanden ausser dem Prediger Leedri, meinen Schwiegervater, und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.““

Wie gern folgte Florentin der willkommenen Einladung des metamorphosirten Puppenspielers! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.

„Wahrscheinlich meine Frau!“ antwortete Aellmar und führte den halb unzufriednen Duur in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor Leedri allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und jenem; Aellmar entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und Florentin exegisirte über das „Wahrscheinlich“ des Aellmar.

„Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar angehören konnte!“ dachte er bei sich.

Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. Florentin der anfangs in heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der liebenswürdigsten, sanftesten Weiber — aber nicht das Idol seiner Seele sah.

So gut es sich thun lies, verbarg Florentin seinen Mismuth; er mußte es nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen. Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in Mungenwall einzutreffen, den gastfreundlichen Aellmar unter vier Augen zu sprechen.

Es gelang ihm.

Sechstes Kapitel.
Aufklärungen.

Der Graf und sein Wirth entfernten sich von dem alten Leedri und seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.

„Ich bedaure,“ sagte Aellmar lächelnd: „Ich bedaure, daß Sie sich durch den Schleier so verführen ließen, meine Frau für Ihre Durchlaucht die Prinzeßin Louise zu halten. Zudem, wie sollt ich zu der Ehre gelangen, eine fürstliche“ — —

Florentin. Aber wissen Sie gar nicht, wo sich die Prinzeßin befindet?

Aellmar. Wie sollt’ ich? so viel ist gewis, und das wird Ihnen ja besser, als mir bekannt sein, daß die Prinzeßin Louise, wegen ihrer Kränklichkeit, auf einem ihrer Landgüter lebte. Die Aerzte haben es ihr gerathen; Veränderung der Luft und des Aufenhalts soll sie bald wieder herstellen. Die Prinzeßin, um sich zu gleicher Zeit ein seltneres Vergnügen zu gewähren, macht inkognito, von wenigen Bedienten nur begleitet, kleine Reisen durchs Herzogthum, so daß niemand eigentlich weis, wo sie sich befindet.

Florentin. (rieb sich die Stirn.)

Aellmar. Dies ist alle Auskunft, die ich Ihnen geben kann, das heißt, ich sage, was man allenthalben spricht. — Doch lassen Sie uns davon abbrechen. Sie wollen nach Mungenwall reisen.

Florentin. Wie ich Ihnen gesagt habe.

Aellmar. Und wohin zielt von da Ihre Reise?

Florentin. Wohin mirs gelüstet. Des Herzogs Befehl bindet mich an keinen Ort und keine besondern Geschäfte.

Aellmar. So würd ich mich in Ihrer Stelle um Menschen, Länder, Politik und Volkskraft zu studieren, ohne Anstand nach Kanella begeben, wo jezt Volk und Fürst im Prozeß liegen, Komplote geschmiedet, Pläne entworfen und zerrissen, Kabalen gespielt und Gährungen erregt und gedämpft werden.

Florentin. (zerstreut) Ich fänd’ es selber nicht unangenehm.

Aellmar. Ich witterte diese Unruhen schon vor einigen Jahren, als ich mit Holdern nach Italien reisen mußte, und wir zwei Monate in Kanella hinbrachten.

Florentin. (aufmerksam) Mußte Holder nach Italien reisen.

Aellmar. Er mußte, und zwar in Geschäften der schwarzen Brüder.

Florentin. Und Sie begleiteten ihn?

Aellmar. In einer ähnlichen Angelegenheit.

Florentin. Darf ich um Holders Geschäfte in Italien wissen? Es intereßirt mich zu sehr, um so seltsamer mir damahls seine Entschwindung vorkam, als er — —

Aellmar. Ich erinnere es mich noch sehr gut. — Der Zwek der schwarzen Brüder ist Verbreitung des Guten, Unterdrükkung des menschlichen Elends. Wir waren es, welche die Jesuiten aus Italien vertrieben hatten, ohne daß diese eben so wenig, als die übrige ungeweihte Welt davon ahndeten. Unser Triumpf war groß. Die Zerstörung der jesuitischen Hierarchie war eine herrliche That unsers Bundes, lange schon beschlossen in unserm Rathe, und so meisterhaft ausgeführt, daß niemand dabei unsern Einfluß ahndete — Diese in Heiligenmasken verkappten Teufel aber schlichen sich bald wieder an einigen italiänischen Höfen ein; ihre Fortschritte machten uns besorgen zu frühzeitig triumfirt zu haben; sie hatten ihre Nezze so fein und so stark gewebt, daß es eben so leicht möglich war, sich in ihnen zu vergarnen, als unmöglich sich denselben wieder zu entwinden. Wir bekamen Wind davon. Der Plan, die Gespinnste des Jesuitismus ganz zu zerreißen, ward entworfen, ihn auszuführen bedurfte es einen Mannes mit dem schärfsten, alles umfassenden Blik, mit der feinsten Politik, mit einer ausserordentlichen Geistesgegenwart begabt. Alles beruhte auf diesen Mann allein und — Holder wurde erwählt.

Florentin. Sie sezzen mich in Erstaunen.

Aellmar. Holder lebte zu der Zeit auf dem Landgute ihres Oheims, wo er von allem, was geschah, schriftlich und mündlich Notiz erhielt. An 6 verschiedne Herrschaften Italiens wurden einige schwarze Brüder verschikt, die Jesuiten in der Nähe zu beobachten, Holder selber sollte sich dahin begeben, um die mannigfachen Pläne des Ordens der schwarzen Brüder, die an den verschiedenen Höfen realisirt werden sollten, harmonisch zu erhalten, Maasregeln, die aus der Uebersicht des Ganzen entspringen mußten, zu ertheilen, mit einem Worte alles zu dirigiren. Seine Abreise hing noch von der Einwilligung eines deutschen Fürsten in einen gewissen Vorschlag in Rüksicht der jesuitischgesinnten Italiäner ab. Alle hofften wir auf Entscheidung. Auch ich wurde bestimmt mit Holdern zu reisen, um seinen Befehlen zu gehorchen. Damahls lernt ich ihn kennen; ich sprach ihn zuweilen in der Nacht in der Nähe des Duurschen Landgutes, wann er mir und andern das Signal durch einen Büchsenschuß gab. Ich bewunderte schon in diesen seltnen nächtlichen Konversazionen den schlauen, weisen, ehrwürdigen Mann. Der deutsche Fürst lies uns lange hoffen, Holder wurde beinah ungeduldig, er liebte Ihre Fräulein Schwester und hätte sich gern mit ihr genauer verbunden, wenn nicht die Macht des Ordens auf eine Zeitlang dawider gestanden. Plözlich erhielten wir Befehl aufzubrechen, ohne Zeitverlust, ohne Schonung der Geldkosten, so schleunig, als möglich, weil von unsrer baldigen Ankunft in Italien alles dependirte. Wir gaben Holdern das Signal. Er erschien; unsre Nachricht dekontenanzirte ihn anfangs — allein, weil wir schon seit eingen Monaten Befehl hatten, uns in jeder Stunde zum schleunigsten Aufbruch bereit zu halten, so mußte er noch in eben der Nacht mit uns. Rastlos gieng die Reise durch Deutschland. Wir kamen nach Italien; zerstreuten uns, jeder an dem ihm vorbestimmten Posten. Holder zeigte sich hier, als Meister. Er kam zurük zu den Brüdern in Deutschland, die seine bewundernswürdige Thaten, seinen Eifer mit dem Stuhl des Regenten belohnten. Glauben Sie mir, Herr Graf, es leben eben so viel große Männer unbekannt, als bekannt! —

Florentin. Wahrlich ich bin stolz der schwarzen Brüder einer zu sein.

Der Graf sprach dies in der That, nicht als ein Compliment, sondern als Aeusserung derjenigen höhern Empfindung, welche aus dem süssen Bewußtsein quoll, du bist auch einer derselben, die, wie die Gottheit, ungesehn sichtbare herrliche Thaten üben. Wahr ists, das Schiksal hat mich eben so sehr über gewöhnliche Menschen emporgehoben, als es mich sinken lies unter denselben! —

„Und auch Sie, lieber Aellmar,“ fuhr der Graf nach einer Pause fort: „auch Sie haben schon an der allgemeinen Glükseligkeit des Menschengeschlechts gearbeitet — und ich — — —“

Aellmar. Graf, Sie thaten schon ein Gleiches in ihrem Vaterlande. Schon damahls waren Sie ein Werkzeug der schwarzen Brüder, schon damahls zur Aufnahme bestimmt. Erinnern Sie’s sich nicht mehr, wie sich die Unbekannten Ihnen schon lange bekannt machten? — Haben Sie die Ihnen zugesandten Briefe vergessen, welche — —

Florentin. Wie sollt’ ich!

Aellmar. So darf ich Ihnen nichts mehr erklären.

Florentin. Demungeachtet ist mir noch manche Aufklärung nöthig. Zum Beispiel, woher es kam, daß man um meine Geheimnisse wußte, wußte, was in meinem Herzen, und in meinen vest verwahrten Koffern und Schränken vorgieng!

Aellmar. Ein Räthsel welches leicht aufzulösen ist, wenn Sie wissen, wie ausgebreitet unser Orden ist, und daß der meisten Ihrer Bedienten und Vertraute, so wie die Aerzte am Hofe u. s. f. zur Zahl der schwarzen Brüder gehören.

Florentin. (bestürzt lächelnd) Ha!

Aellmar. Ich habe Ihnen nun so viel anvertraut, als ich darf, und Sie bedürfen. Jezt erlauben Sie, daß wir hievon schweigen.

Florentin. Werd’ ich nicht auch zu dieser Kenntnis alles dessen was im Orden vorgeht, und wie es geschieht, gelangen?

Aellmar. Nicht früher, als Sie sich dazu würdig gemacht haben; sodann gehört die Kenntnis des was und wie? zu Ihren Belohnungen.

Hier brach Aellmar das Gespräch ab, nöthigte den Grafen sich wieder zu zerstreuen und — heilige Verschwiegenheit zu beobachten.

Sie verließen das Gartenhaus.

Der Graf sonderte sich von seinem neuen Freunde ab, wankte tiefsinnig mit verschränkten Armen durch die Gänge des Gartens, und überdachte da die Worte Aellmars.

Es stiegen sonderbare Empfindungen in ihm auf. Ihm wars, als wäre er zu einer Klasse höherer Wesen gezählt — er fühlte sich in ihrer Mitte zu stehn, unwürdig und kleinlich, und wieder gros, wenn er der Thaten gedachte, zu welchen der Orden ihm Bahn bräche. Seine Fantasie begann lieblicher um ihn zu spielen; er warf sich halbträumend in den Schatten eines Kastanienbaums.

„O, werd’ ich einst ausgerungen haben, nennt mich die künftige Zeit gros, rauschet der kühlende Lorbeer um meine glühnde Schläfe — kehre ich heim aus dem Felde der Thaten und begrüsset mich die vaterländische Flur wieder, wo ich als Kind tändelte, als reifender Jüngling schwärmte, ruhe ich dann aus in den heimischen Thälern in der Stille des väterlichen Hains, o wie seelig wird dann mein Loos sein! — Nein, ich fordre nicht zur Vergeltung fürstliche Palläste, nicht die Freundschaft der Großen, nicht Anbetung vom Volke und Vergötterung, — nein ihr Gewaltigen, die ihr euren Arm in den Mantel der Nacht verberget, gebt mir, wenn ihr es geben könnet, Louisens Liebe in einem entlegnen Winkel der Erde, meinen Tod in Louisens Armen, an Louisens Busen!“

So träumte der gute Graf sich noch manchen angenehmen Traum, von wehmüthiger Sehnsucht nach Ruhe durchwebt; denn Ruhe bedurfte sein diefleidendes Herz, oder eine ungewöhnliche Zerstreuung.

Glüklich war Florentin in der Mitte dieser ihn umwallenden Bilder, welche die Fantasie erschuf; und so ist jeder glüklicher in der Rükerinnrung oder Hoffnung, als im Genuss selber!

Siebentes Kapitel.
Ein Nachtstük.

Es war ein schwüler Nachmittag; die Luft glühte, der Erdboden schmachtete, kein Wind wehte Erfrischung; Florentin entschlos sich also leicht, Aellmars Bitte zu erhören und erst am Abend dieses merkwürdigen Tages seine Reise zu verfolgen.

Unterdes suchte Aellmar seinem Gaste diese wenigen Stunden so sehr, als möglich zu verannehmlichen. Weil der Graf, über dessen Seele ein ewger Gram brütete, der nur selten und auch dann nur erzwungen, lächelte, jede Gesellschaft ennuiant fand, wo Scherz und muntre Laune das Herz für Freude stimmten, so unterhielten sich beide stets allein.

Unter andern führte Aellmar seinen Freund in sein Studierzimmer, welches rings herum mit vortreflichen Gemählden ausgeschmükt war. Florentin heftete gleich beim Eintritte sein Auge auf einen männlichen Kopf. Er gieng näher und erkannte bald, daß Holder zu demselben das Original sei.

„Auffallend ähnlich!“ rief der Graf: „dies hat ein Meister gemacht!“

„„Es ist sehr wohl gerathen.““ Erwiederte Aellmar und stellte sich neben Florentinen.

„Ganz seine freie stolze Stirn, welche der Gefahr trozt — ganz sein feierlich ernster, majestätischer Blik, der das menschliche Herz durchspäht, und über die Entwürfe des Schiksals hinblikt, als lebte er mit demselben in einem höhern Einverständnis. Sein Mund — ganz eben der, welcher sich immer nur zum Wohl des allgemeinen Ganzen zu öffnen scheint, und nur das Orakel der Weisheit sein kann. Dieser matte Zug um die Lippen, diese matte Falten der Stirn, welche die stoische Kälte, den strengen oft furchtbaren Ernst des Mannes so karakteristisch mahlt — Aellmar, ich bin stolz, daß Holder mein Blutsverwandter ist, und hasse mich selber, daß ich der Gelegenheiten so wenig vest hielt mich durch diesen Ausserordentlichen und nach seinem großen Muster zu bilden.“

„„Ich schäzze den höher, welcher sich durch die Natur ausbilden läßt, und nicht die Größe eines andern zu seinem Maasstabe macht. Erstere veredelt den menschlichen Geist, so sehr es ihm seinem innern Gehalte nach möglich ist, lezteres verzerrt denselben und bringt gewöhnlich Karrikaturen zur Welt. Ich zweifle nicht daran, Herr Graf, daß auch Sie ein Holder werden können, wenn sie in Verhältnisse gerathen, wie er; daß Sie in der Gefahr so kalt bleiben, wenn Sie, wie er, zweimal in einem Meersturme scheidern, oder, wie er, sich durch einen Haufen Banditen schlagen, oder unter malthesischen Flaggen an einen türkischen Seefahrer entern —““

„Was sagen Sie mir da? — Sie scheinen mehr von Holders ehemaligen Lebensumständen zu wissen, als ich. Er hat sich in unsrer Familie selten davon etwas verlauten lassen; nur so viel wissen wir, daß er von blutarmen Eltern am Rheine geboren wurde.“

„„Im Orden, lieber Graf, werden Sie mehr darüber erfahren können. Nur so viel ist gewiß, daß Holder ein grösserer Abentheurer, als irgendein Bruder von der Küste4) geworden wäre, hätten die schwarzen Brüder ihn nicht in ihre Pläne verstrikt, unter ihre Zahl aufgenommen, und seinem Genie eine edlere Bahn angewiesen.““

Vergebens bemühte sich Florentin Aellmarn mehrere Skizzen von Holders Leben abzulokken, dieser wußte immer unter einem artigen Vorwande den Versuchen des Grafen zu widerstehn.

Schon sank die Sonne mit aller ihrer Pracht hinter den Tannenwipfeln des benachbarten Forstes unter; schon wurden die Lüfte kühler und graue Dämmerung umflog die Landschaft; schon tönte vom Thurme von Riedelsheim die späte Abendglokke, und das Geräusch der Menschen schwieg und die Dorfbewohner suchten das Lager, um früher zur Arbeit aufzubrechen, als Florentin erst von Aellmar, dem alten Pastor Leedri und dessen Tochter Agathe schied, um in der Nacht die versäumte Reise des Tages zu ersezzen.

Der Graf mit seinen beiden Kumpanen trottete langsam zum Dorfe Riedelsheim hinaus, das Thal hindurch, die Hohlwege hinan. Florentin war im Geiste noch immer um Aellmar, hörte ihn noch immer von Holdern, oder der heiligen Bestimmung der schwarzen Brüder plaudern; sah noch immer den verführerischen Gitterstuhl in der Kirche, oder die verschleierte Agathe Leedri, Aellmars Weib, darinnen. So schlenderte sein Gaul ruhig unter ihm den Weg hin, ohne daß es einmal die Spornen seines Ritters in den Seiten fühlte, und Gotthold, nebst dem alten Badner, der, wie ich anzumerken vergas, eben so bald zu seiner, des schwazhaften Gottholds und des Grafen Freude die verlorne Sprache wieder gewann, als er über die herzogliche Landesgränze hinaus war, ich sage Gotthold und Badner trabten, im Mondenscheine vertraulich mit einander plaudernd, bald voran, bald zur Seite, bald hinterher.

„Kopf ab!“ rief Gotthold nach einer halben Stunde dem Grafen zu, der sich rasch niederdukte, um nicht mit den Baumästen über sich in Kollision zu gerathen, und nun erst bemerkte, daß er sich in einem angenehmen Wäldchen befände.

Dies sehn und den Entschluß fassen eine Strekke Weges zu Fuße zu wandern, war eins. Er stieg ab, reichte Gottholden den Zaum seines Rosses und trabte frisch voran.

Die Nacht war angenehm, zum Schwärmen reizend, einladend zum Vollgenus reinerer Empfindungen. Der Graf gieng mit starken Schritten vorwärts, schwärmte, genoß. Er war noch keine Viertelstunde gegangen, als ihn eine weibliche Stimme, welche durch die tiefe Stille der Mitternacht seitwärts ertönte, vom Wege ablokte.

Meine Leser, wenn Sie hier ein gewöhnliches Waldabentheuer erwarten; so täuschen Sie sich. Es geschah etwas sehr natürliches, was nur in Florentins Augen den Anstrich des Wunderbaren trug.

Florentin gehörte eben nicht zu der Gattung neugieriger Lauscher, welche das Sumsen einer Mükke aufmerksam macht. Es hätte vielleicht für ihn in jeder andern Seelenstimmung die Weibesstimme süs oder sauer tönen mögen, sie hätte ihn nicht von seinem Wege abgebannt, — aber jezt. — Doch um die Ursachen recht einzusehn, welche ihn reizten den Fußsteig zu verlassen, müssen wir sein unmittelbar vorhergehendes Gedankenspiel wissen.

Die Nacht, wie man weis, war schön;

Ein wunderbar Gemisch von Licht und Schatten

Verherrlichte den Wald mit unbekannter Pracht.

Auf jedem Zweige sahe man die Nacht

Sich mit des Mondes reinstem Silber gatten.

Verworren schliefen Hain und Hügel in der Tracht

Des alten Chaos — Edens Nächte hatten

Nicht solchen Reiz gesehn, und solcher Augenlust

Sind sich die Heilgen kaum im Paradies bewußt.

Florentin knüpfte an das Bild dieser Nacht das Bild aller ehmals im Vaterlande genossenen schönen Nächte; natürlich spielte in diesen auch Louise eine hervorstrahlende Rolle, und, was noch natürlicher war, die Schönheit der nächtlichen Natur wurde in eben dem Augenblikke über die Schönheit der angebeteten Auserwählten gänzlich vergessen.

Nun schwamm ihm nur das magische Gebild

Louisens vor der Stirne;

Ihm malt der Bach, der von dem Felsen quillt

In Silberringen seine Dirne.

Süs haucht ein Zefyr von der hoch umbüschten Flur,

Doch haucht er ihren Namen nur,

Nur ihrer Wangen Roth zu zeigen

Entknospen frühe Rosen sich,

Vor ihres Busens Blenden neigen

Sich Lilien schamhaftiglich.

Aus dichtverwachsnen Büschen schläget

Vergebens schön die Nachtigall.

In seinem tauben Ohr erreget

Der Liebeswahn ihm süssern Hall!

Und in diesem Moment hört er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen Lippen entfliehen konnte. „Louise ists! Louise ists!“ rief ihm sein liebendes Herz zu, und alles Blut stürmte wilder den Pulsen entgegen, seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. „Ich muß sie sehn!“ dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb, und ohnmächtig sich an eine hundertjährige Eiche lehnte.

Durchs Gebüsch sah er in einer mäßigen Entfernung ein schöngebildetes Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebüsches Schatten traf kaum eine Falte vom weißen Gewande der Dame, demungeachtet hätte jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden können, was der Blik des sterblich verliebten Grafen, oder vielmehr seine dienstfertige Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was Florentin erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mußte seine Liebe doppelt anfachen. Es hält freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewiß bin, daß ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der trunkne Liebhaber sich vorschuf.

Denn nie war Sterblichen noch der Schönheit liebliches Urbild in der Hülle eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meißel entsprungen, welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen wähnte. Hier raubt der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Erröthend schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer Zauberfülle geboren.

Regellos, doch schön umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weiße blendende Stirne in geziemende Gränzen. Ueber die zärtlichen blauen Augen, die der Liebe begeisternde Sprache verstanden, majestätisch sich wandten, und ein himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entzünden vermögend, wölbten zartverrinnend sich zwei dunkele Bögen, welche die Schwermuth sich zu ihrem Throne erlesen. Zwischen den rosig blühenden, schneeummaleten Wangen, von dem ewigen, süssen Lächeln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten Ebenmaaße, lieblich erhöht die Nas’ empor, und tiefer der schmalen, purpurnen Lippen schönes elastisches Paar, verführend zum tändelnden Kusse. Ihren Busen umfloß des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die göttliche, weiche Bildung floß der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen, silbergestirnten Gürtel unter dem Busen geschlossen. — Aber wer malet nun den unaussprechlichen Liebreiz, welcher über diese hehre Gestaltung gegossen? Jenen rührenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen verwandelt, die Empfindungen auflößt, in die seligste Ohnmacht welche Seelen verzükket und in öden Wüsten der Schönheit Altäre erbauet?

Unmöglich konnte Florentin alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward, daß die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde beschlossen; denn in allen Fällen blieb es ein sonderbares Phänomen, wie ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde hieher in das Gehölz gerieth? Wäre dies in den Tagen des alten Roms oder Graciens geschehn: so hätte man glauben müssen, Diana habe sich verloren, einen schlafenden Endymion zu finden; lebten wir in den Tagen Hüons, Rolands oder Doolins: so wär es vielleicht die Königin der Elfen, oder irgend eine gute, schöne Fee gewesen; oder wären wir abergläubig, so muthmaaßten wir, Louise habe sich in ihrer Todesstunde geahndet. Dies alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren, weil sich dem guten Willen des liebenden Duur, die gewähnte Louise auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewässer entgegenstellte, welches sich in die Länge umherzog, und ohne Brükke unmöglich passirt werden konnte.

Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder Baches umher, allein fruchtlos für seine Wünsche; fruchtlos rief er öfters den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewölbe des Waldes und keine Antwort scholl zurük.

Müde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergnügt, mit gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend schwang er sich aufs Roß und traurig suchte er wieder die reizenden Geschöpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitäten betrogen war.

In der Liebe süsbethörende Träume verloren, flog nun trunken sein Geist durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfären Louisens Namen entgegen durch die hallende Schöpfung. Louisens Namen malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermeßlichen Aethers.

Doch ermüdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzükte nicht sein Auge das Anschaun der Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Küsse sein Ohr und nicht der harmonische Wohlklang, den die schöpfrische Lieb’ um Louisens Namen gewunden.

Doch ich befürchte, zulezt noch aus dem Märchenerzähler ein epischer Dichter zu werden, wenn ich mich länger in Florentins Fantasien einträume.

Kurz und gut seis denn prosaisch gesagt, daß Duur mit Badnern und Gotthold nach acht Tagen im Städtchen Mungenwall waren.

Achtes Kapitel.
Freude — Verdrus und Schauder.

Die Empfindungen der Freude, des Verdrusses und des Schauders sind ziemlich heterogen; es könnte schier glaublich werden, als habe mir ein muthwilliger Freund diese Worte zum Text eines Kapitels gegeben, mein Erfindungsvermögen zu taxieren. Aber nicht also! — sondern, so wie sich täglich und stündlich in unsrer Seele die entgegengeseztesten Empfindungen durchkreuzen: so wars auch bei dem exilirenden Florentin.

Zuerst will ich umständlich erzählen, wie der Freudenlose endlich einmal zu einer Freude gelangte.

Er lebte schon seit zwei Tagen im Städtlein Mungenwall dem Tage des heil. Urbanus entgegen harrend, als eines Morgens an die Thür gepocht wurde und der Briefträger hereintrat. Florentin nahm den Brief, erkannte in der Addresse eine Frauenzimmerhand, fertigte behende den Postboten ab und erbrach neugierig das Couvert.