Florentin. Darum, daß mich die Gräfin Rosaffa wieder liebt?

Kardinal. Eben darum! Es ist noch etwas Niegeschehnes, daß Rosaffens Herz für irgend einen Mann wärmer geschlagen, als für den andern. Ihr seid der erste, und fürwahr seid auch der Einzige. — Sie ist schön, der Liebe des schönsten Mannes in Europa würdig; sie ist reich und vom Range. Und nun denkt Euch im Besiz eines solchen allbeseeligenden, entzükkenden Weibes — —

Florentin. (einfallend) Im Besiz?

Kardinal. Sie liebt Euch ja!

Florentin. Liebt mich? — Sei es, ich bezweifle die Wahrheit Eurer Worte nicht — aber Besiz? — Wer besizt sie? Wer? —Ist sie nicht Piedros?

Kardinal. (mit Besinnung) Es ist wahr! —Ich bedaure Euch und — die unglükselige Gräfin. — Was seztet Ihr wohl daran Rosaffen zu befreien? —

Florentin. (verwirrt) Eine verfängliche Frage, die ich kaum zu beantworten weis. — Doch — — Ihr wißt, ich liebe sie heftig.

Kardinal. (die Achsel zukkend) Piedro — — — —

Florentin. (mit einem Seufzer) O Gott!

Kardinal. (mitleidig, ernst und ausspähend) Piedro — —

Florentin. Ich bitt Euch, nennt mir diesen Namen nicht; raubt mir nicht die lezte elende Hofnung.

Kardinal. Euer Leiden thut mir weh. Könnt’ ich helfen — könnt’ ichs — doch aus Liebe für Euch, mein Bester, wag ich alles. (Er steht auf und geht umher, indem er sich nachdenkend stellt.)

Florentin. (seufzt ohngefähr so laut, daß es den Ohren Sr. Eminenz nicht unbemerkt bleiben kann.)

Kardinal. (rasch zurükkehrend) Fiorentino, Rosaffa sei die Eure!

Florentin. (aufsprengend mit Aeusserungen des Entzükkens) Wär es möglich?

Kardinal. Wie viel wagt Ihr daran?

Florentin. So viel die verzweifelnde Liebe wagen kann!

Kardinal. (lächelnd) Es soll nicht Tod und Leben gelten, sondern daß Ihr, nächst Rosaffen, mir Eure ganze Zuneigung schenket.

Florentin. O, die war die Eure, ehe ich Rosaffen liebte, und ist noch die Eure und zwar in solchem Grade, als Ihr es vielleicht selber nicht von mir erwartet. Ich könnte Euch gewisse Proben davon vor Eure Augen legen — ich sage Proben — — — doch davon zu seiner Zeit.

Kardinal. Ich bewunderte von jeher Eure Offenherzigkeit und zugleich Eure Verschwiegenheit. Wendet diese beiden Tugenden von nun an zu meinem Interesse an; denn an meiner Glükseligkeit liegt die Eurige durch Rosaffen unauflöslich gefesselt.

Florentin. (mit einem Blik voller Rührung) Benedetto!

Kardinal. (ihm die Hand und den Mund reichend) Seid mein! — Jezt bin der Eurige!

(sie küssen sich)

Kardinal. Und nun zuerst, Fiorentino sag mir, — bei unsrer Freundschaft beschwör ich dich — sag mir, zu welchem Entzwek läßt Moriz im ganzen Lande werben? Ich befürchte Nebenabsichten!

Florentin. (geheimnisvoll) Mit Recht!

Kardinal. Wär es möglich?

Florentin. Dem Herzoge und wahrscheinlich auch Euch ist ein fremder Zwek vorgespiegelt.

Kardinal. Mir hat man von einer bevorstehenden Revoluzion in Kanella gesagt, welche Verstärkung der Truppen nothwendig mache.

Florentin. Mir der Revoluzion hat es seine Richtigkeit; in der That muß sich das Volk in einigen Monaten empören, wovon man die untrüglichsten Spuren vorgefunden. — Allein Moriz trift keine Gegenanstalten, sondern — — doch Euch sind ja Morizens Kabinetsgeheimnisse so wohl, als mir bekannt.

Kardinal. (sich vertraulich an ihn schließend) Er will die Regentschaft von Kanella an sich reißen, wenn das Volk im Aufruhr Piedron minorenn am Verstande und der Regierung unfähig erklärt.

Florentin. Ihr habts getroffen.

Kardinal. (hämisch lachend) Ha, ha, ha, ha! (er geht zu einem Pulte und zieht verschiedene Papiere hervor, die er dem Grafen überreicht.) Seht hier! Piedros Untüchtigkeit zur Staatsverwaltung ist allgemein bekannt — der Aufruhr des Volks mag vor sich gehn; er ist nothwendig — aber Kanellas Heil liegt meinem Herzen zu nahe. Seht hier, und leset, wie lange ich deswegen schon mit dem Römischen Hofe korrespondirt habe.

Florentin. (durchfliegt mit froher Bestürzung die Blätter) Ich bin ausser mir!

Kardinal. (wohlgefällig lächelnd) Und seht nun hier das Finale — eine Bulle Sr. päbstlichen Heiligkeit, die mich zum Regenten Kanellas ernennt.

Florentin. (liests) Bei Gott, ja! — Wohlan, ich sprach vorhin mit Euch von gewissen Proben meiner Liebe, welche ich aufzuzeigen hätte. (Er zieht Papiere aus dem Busen) Seht hier — leset dies Bittschreiben von beinah hundert der vornehmsten Bürger Kanellas eigenhändig unterschrieben und an Ew. Eminenz gerichtet.

Kardinal. (wird beim Lesen aus Freuden halb ohnmächtig — er reißt das Fenster auf, lehnt sich lange hinaus, troknet sich die Thräne der freudigen Ueberraschung vom Auge und fällt dem Grafen um den Hals) So hat man mich denn in der That lieb? verlangt mich in der That an Kanellas Staatsruder? — o Fiorentino, Fiorentino! steh mir bei, ich bin zu schwach solche Last zu ertragen! Aber Moriz?

Florentin. Laßt ihn werben, er wirbt vor Euch.

Kardinal. Die guten Bürger sollen in weniger Zeit eines großen Theil ihre ungeheuern Abgaben überhoben werden. Ich wills dahin bringen; notifizirt ihnen das; sagt ihnen, daß es Benedetto nie anders, als wohl mit Kanella gemeint habe und meinen werde. Ich will mich den Kanellesern von der blendensten Seite zeigen.

Florentin. Um alles zu verderben?

Kardinal. Wie?

Florentin. Drängt vielmehr die Kanelleser bis zu des Elends äussersten Gipfel hinan, daß sie revoltiren müssen, desto eilender gelangt Ihr zum Ziele. Güte beruhigt die Leute und zerstört Eure Pläne.

Kardinal. Verzeiht, verzeiht! Ihr habt Recht, die Freude machte mich wirbeln. Und doch — o, wär es möglich, daß ich jezt ganz Kanella für mich einnehmen könnte!

Florentin. Kanella verehrt Euch wie seinen Vater, aber haßt den Prinz Moriz.

Kardinal. Ihr schmeichelt. Aber unterlaßt auch ja nicht, den vertrauten Umgang mit Moriz fortzusezzen. Es ist uns nothwendig!

Florentin. Sehr natürlich. Selbst die Morizischen Werbungen empören das Volk nicht wenig, in eingen Dörfern ist es schon zum Aufstande gekommen.

Kardinal. (applaudirend) Bravo! bravo! — Laßt uns alles zur Beförderung und Beschleunigung der Revolte beitragen. Ich werde Euch die dazu erforderlichen Geldsummen anzeigen.

Florentin. Ich hege keinen Zweifel am — glüklichen Ausgang dieser fürchterlichen, verworrenen Händel!

Kardinal. Und Euer ist Rosaffa, Euer das schönste Weib von ganz Kanella, sobald Piedro enttrohnt ist und Benedetto an seiner Statt herrscht.

Florentin. (im Ausbruch der Freude die dürre Kardinalshand küssend) Benedetto!

Kardinal. (gnädig lächelnd) Fiorentino!

Florentin. (auf die Knie niederstürzend vor ihm) Gebt mir — gebt mir Rosaffen!

Kardinal. (hebt den Grafen liebreich auf) Ihr seid ausser Euch!

Fünftes Kapitel.
Sturm und Liebesfreuden.

Inzwischen die Kabale und Intrigue heimlich den Hof in Partheien zertrennte, und Wollust und Zeremoniel ihn öffentlich zu einem harmonischen Ganzen machte; inzwischen Piedro mit seinem Mädchen und Hofbuben lustig schwelgte und nichts minder als eine baldige Störung seiner Feste ahndete; indessen Rosaffa um Florentins Wiederliebe buhlte; Benedetto mit dem Vatikan wegen seiner Regentschaft briefwechselte, Moriz sich kriegerisch rüstete, die heimlich unterstüzte Rebellion zu seinem Vortheil zu lenken, und beide der Prinz und Kardinal Florentin zu ihrem vertrautesten Vertrauten machten — unterdessen Bälle, Assembleen, Karnevals, Geburtsfeste beständig am Hofe abwechselten und alles in einer frohen nichtsbesorgenden Stimmung erhielten, wüthete Verzweiflung und Hungersnoth im Volke; zogen sich die Elenden immer genauer an einander; stimmte alles immer inniger zu einem totalen Aufruhr zusammen; fachten die schwarzen Brüder, im ganzen Lande verstreut, das glimmende Gefühl für die geraubte Freiheit immer mehr an, und bestimmte man zulezt einmüthig den Abend des ersten Septembers zum Termin der bisherigen Sklaverei und der zu erringenden Volksfreiheit. Die Verschwörung der Kanelleser beschäftigte mehr das Herz, als die Lippen; so verschwiegen war noch keine Konspirazion, und so geheim noch keine Vorbereitung zu derselben gehalten worden. Alles trug um so mehr den Anschein eines glüklichen Erfolgs, da selbst Moriz und Benedetto von allem wußten, selbst den ersten Septemberabend kannten und dennoch, statt zu verhindern, Unterstüzzung leisteten.

Piedro! Piedro! hättest du Augen gehabt zu sehn, du würdest nicht länger, hinter Weibern und Flaschen verschanzt, sardanapalisirt haben! denn der August begann sich allmählig seinem Ende entgegen zu neigen und das ehmals trauernde Volk lies nun eine zu rasche Veränderung spüren. Geduldig ließen die Richter ihre Rechte verhunzen von Hofschranzen, denn sie sahen den ersten Septemberabend schon im Geiste grauen, der ihnen alles zurükgeben sollte; Städte ließen sich ohne Murren um ihre lezten Freiheiten plündern, denn sie hofften in etlichen Wochen sie mit Wucher zurük zu gewinnen; verarmte Familien aßen ihr schimmlichtes Brod, ohne es noch mit Thränen des Kummers zu nezzen, die Hofnung strahlte auch ihnen trostvoll entgegen, welche sie glauben machte, bald ein besseres Schiksal zu empfangen.

Viele von den Großen Kanella’s und der Parthei des Herzogs wurden dieser Phänomene frühzeitig genug inne. Ihre Spione brachten ihnen aus allen Gegenden der Republik Nachrichten, eine furchtbarer, als die andre; sie fingen sogar an argwöhnischer auf den so fahrläßig scheinenden Kardinal zu werden, und ehe man es erwartete, zogen drei tausend Mann ausländischer Soldaten, von einem benachbarten kleinen Fürsten gemiethet, in Kanellas Gebiet. Hier handelte Piedro einmahl ohne Mitwillen seiner Beherrscher, das heißt des Prinzen und des Kardinals, sondern nach dem Einfall einiger andern ihm getreuen Räthe. Aber dieser Schritt wurde ihm sehr natürlich von den beiden Universalministern gewaltig verübelt, und gemisdeutet. „Der Schaz ist größtentheils erschöpft,“ hieß es und lies man im Volke aussprengen: „demungeachtet beruft er fremde Soldaten ins Land, welche den Einwohner noch mehr aussaugen müssen; Er marchandirt mit seinen Landeskindern, verkauft seine Regimenter, um sich fremde Truppen wieder zu miethen! o des fürstlichen Dummkopfs!“ —

Piedros Ansehn litte dadurch ungemein, wozu Moriz und Benedetto das meiste unter der Hand beitrugen. Der Muthwille des Pöbels ging so weit, daß sich eines Tages tausende vor dem Herzoglichen Pallast versammelten und unter fürchterlichen Drohungen dem Piedro geboten, die Miethssoldaten aus dem Lande zu schaffen. Allein ein Detaschement derselben zerstreute das aufgebrachte Volk, und dieses lies sich willig auseinander treiben, denn noch war der erste Septemberabend nicht erschienen!

Niemand aber von allen rang und arbeitete mehr, als Florentin von Duur, niemand bedürfte mehrerer Erquikkung und Anfrischung, und niemanden wurde weniger von derselben zu Theil. Die einzige Erhohlung, welche er sich gewährte, war die, daß er sich oft Abends hinausschlich aus dem Gewühle des Hofes und der Stadt, hinaus in einen an die Stadt gränzenden Park, welcher dem Herzoge zugehörte, aber wegen der seltnen Besuche ganz verwildert war. Hier lagerte sich dann der ermüdete Held entweder in dunkle Nischen dichtverflochtenen Gebüsches, oder an eine kleine Quelle, oder er begab sich in ein niedliches Landhaus, welches in der Tiefe eines Thales lag und von einem Paar alter Eheleute bewohnt wurde. Seine Thaten mit froher Seele überschauend, hinausblikkend in die belohnende Zukunft, wars ihm hier nur allein wohl, und genos er nur hier die lieblichsten Stunden seiner Tage in Kanella.

Wer ihn im Park belauscht hätte, würde Florentinen, den großen, höfischen, verwegnen Florentin, den ernsten, hochgeachteten Bündner der schwarzen Brüder nicht erkannt, sondern einen sanften, liebesiechen, schwärmenden jungen Mann gefunden haben. Da stand er oft und schnizte den Namen, seiner Louise in die Rinde junger Linden; oder er drükte Holders Bildnis an seinen Mund, oder er rief den Namen seiner Schwester Friederike mit brüderlicher Wehmuth aus.

Ungestört hatte er hier bisher sich so manchen schönen Abend selber leben können, aber — ein schwarzer Dämon raubte dem guten Duur auch diese lezten Freuden.

Einsmahls lag er seiner Gewohnheit nach in seiner Lieblingsnische; der Abend war einer der schönsten des Augusts, die Gegend durch denselben so reizvoll geworden, das Abendroth zitterte wie in goldnen Tropfen am Halm und Laub, die Vögel gossen Melodien durch das Gehölz. Plözlich schlug der Saitenton einer nahen Guitarre sein Ohr; bald darauf mischte sich eine süsse, klagende Weiberstimme dazu. Florentin horchte betroffen; er hörte folgenden Sang:

Dich zu sehn, und dich zu lieben,

Einziger in der Natur,

Allgewaltsam hingetrieben

Auf der Liebe Dornenspur —

Eine That vom Augenblik

War mein Leiden, war mein Glük.

Dürft’ ich, Trauter, dir bekennen,

Was mein wundes Herz gefühlt,

Wie mir Herz und Wangen brennen,

Nie vom Troste angekühlt —

O, du würdest hold und schön

Auf mein Leid hernieder sehn.

Würdest weinend mitempfinden,

Was ich weinend schon empfand;

Würdest mir verzeihn die Sünden,

Daß, wenn Gott und Welt verschwand,

Du vor mir in Liebespracht

Meine Seele angelacht!

Daß in stillen Mitternächten

Mir dein süsses Bild erschien,

Um die Stirne Sternen flechten,

An den Busen — Rosmarin;

Aber ach! ich sah genau

Auf den Zweigen Thränenthau!

Daß des Mondes Silberstrahlen,

Aus des Himmels lichten Höhn,

Immer mir dein Bildnis malen

In den Glanz der Heiligen,

Und ich dann im trüben Weh

Auf zu dir anbetend seh’!

Ach, du lächelst, thust den Himmel

Mir in deinen Blikken auf;

Aus der großen Welt Getümmel

Ziehst du mich zu dir hinauf —

Trinkend Paradieseslust,

Ruhe ich an deiner Brust.

Selige Gefühle keimen

Aus der Seele düsterm Raum;

Dürft’ ich, Jüngling, ewig träumen

Meiner Liebe schönen Traum? —

Aber, ach, zu bald, zu bald

Ist dies Lustgebild verwallt.

Warum sah’ ich dich, mein Leiden

Namenloser zu erhöhn?

Warum konnt’ ich dich nicht meiden,

Mußt’ ich deine Schönheit sehn?

O des Schiksals Eisenhand

Schlang um uns dies Zauberband!

Liebe heilet nur die Wunden

Meines Herzens wieder zu,

Gieb mir, was du mir entwunden,

Gieb mir die verlorne Ruh’:

Liebe, Theurer, liebe mich,

Gott erschuf mich ja für dich! —

Florentins seltsame Verwirrung läßt sich unmöglich beschreiben. Ihm wars, als lebte er in jenen Zeiten des Schäferlebens, wo eine schüchterne Grazie einsam fantasirend dem Echo und den Winden ihre unglükliche Liebe entgegenklagte, oder in jenem romantischen Zeitalter, welches Wieland mit so unnachahmlichen Schönheiten ausschmükte, wo ein schmachtendes Mädchen in ihrem bezauberten Thurm dem abwesenden Geliebten Liebe bekennt, die sie ihm in seiner Anwesenheit läugnet.

Dem Grafen war die Stimme der schwermüthigen Sängerin nicht unbekannt, nur daß er des Liedes Inhalt eher von einer liebenden Nonne, als — einer fürstlichen Mätresse erwartet hätte. So unwillkommen ihm diese Ueberraschung war, mußte er sich dennoch der Etikette unterwerfen, sich wiederum in den täuschenden Mantel der Verstellung vermummen und — Rosaffen aufsuchen.

Schön wie eine Halbgöttin, reizend wie eine Griechin gekleidet, trat sie jezt aus dem Gebüsch ihm entgegen. Sie schien ihm nicht so nahe beahndet zu haben, denn sein Anblik jagte all ihr Blut hinauf um Wangen und Busen. Florentin selber bebte zurük; so gewaffnet mit allem Zauber des Schönen, glaubte er sie noch nie gesehn zu haben, wozu nicht wenig ein gewisses schwermüthiges Etwas, welches in ihren Lineamenten und Tönen und Bewegungen lag, beitrug. Zwar war die Gräfin nichts weniger, als zur Mislaune gestimmt; allein sie kannte Florentinen zu genau und den Geschmak gewisser Männer, welche lieber ihre Damen schwärmen und empfindeln, als natürlich froh sehn. Sie wußte zu gut, wie viel ein solches Madonnengesicht bewirke; wie leicht die Saite des Mitleids in männlichen Seelen anzuschlagen und wie klein der Sprung vom Mitleid zur Liebe sei.

Drum hatte sie, welche die geheime Retirade des Grafen in diesen Park ausgeforscht, und sich, Gott weis es, unter welchem Vorwande, auf den Fittigen der sehnsuchtsvollen Liebe hieher führen lassen, den Rath des Dichters benuzt, der da sagte:

Gern seh ich das Mädchen in Wollust und Scherz,

Doch lieber die Liebe im weinenden Schmerz,

Ein Thränchen im schwimmenden Blaue;

Denn lächelt die Sonne nicht hinter dem Flor

Verschleiernder Nebel noch schöner hervor,

Nicht schöner die Rose im Thaue?

„So ward Ihr, schöne Gräfin, die angenehme Sängerin selber?“

Rosaffa. (sich an seinem Arm stüzzend) Schmeichler, war Euch Gesang oder Sängerin angenehmer?

Florentin. Hätt’ es das Lied ohne die Sängerin sein können?

Rosaffa. Vielleicht doch!

Florentin schwieg; Rosaffens Hand schmiegte sich um die seine — langsam schlenderten sie fort, und immer tiefer in das liebliche Gehölz hinein; der bange Florentin bebte an Rosaffens Arm; sie war zu schön.

„Wir verirren uns,“ sagte er: „laßt uns einen geebneten Fußsteig aufsuchen.“

„„Um Gotteswillen nicht, damit mich nicht ein Verräther in diesem Park und Eurer Gesellschaft allein erblikt.““

„Vor wem darf eine Rosaffa zittern?“

„„Ah, Fiorentino, wär Euch der ganze Umfang meines Elends bekannt! — Doch, wir wollen den Fußsteig vermeiden; lenkt hier rechts ein.““

„Seht, wie uneben dieser Weg für Eure zarten Füsse, die solcher Wanderungen nicht gewohnt sind!“ „„Wohl, so ruhen wir auf diesem Rasenhügel aus. Man wird uns hier nicht beobachten können.““

Sie sprachs, und sezte sich nieder. Der Graf gehorchte, halb mit Grauen, halb mit Lust ihren Wink, und warf sich neben ihr hin.

Sie sprachen lange kein Wort, aber ihre Hände fanden sich unvermerkt wieder zusammen.

„Sag mir, Fiorentino, wie ists möglich, daß Ihr so langes Wohlgefallen an dem Aufenthalt in Kanella hegen könnet, in Kanella, wo der Sammelplaz so vieler Unruhen und Unannehmlichkeiten ist?“

„„Hat nicht jeder Plaz auf der Erde sein Angenehmes und Widriges?““

„Wohl, so frag ich bestimmter: wie ists möglich, daß Kanella mehr Reizze, als Unangenehmes für Euch haben kann?“

„„Ihr solltet dies nicht fragen, nur Ihr nicht; — jeder andre könnte es vielleicht, und vielleicht antwortete ich jedem darauf.““

„Mir nicht? wie so?“

„„Rosaffa, so unwissend seid Ihr nicht!““

„Aber wie, wenn ichs nun bin?“

„„So dürft’ ich der Geliebten des Herzog Piedros nicht antworten.““

„Ihr seid grausam. Warum laßt Ihr — Ihr es mich und just es jezzo fühlen, wer ich Unglükliche bin?“

„„Rosaffa!““

„Fiorentino, bei Gott, ich hab es nicht ganz, und am mindesten um Euch verdient!“

„„Ich verstehe Euch nicht.““

„So verstand ich Euch besser, als Ihr es wolltet.“

„„Verzeiht mirs, schöne Gräfin, wenn ich Euch unwissend kränkte!““

„Unwissend? o, Fiorentino, heuchelt dies einer andern! — Unwissend? — also nur Euch wär’ es unbekannt, an welches Ungeheuer mich das Schiksal verkaufte? Euch nur unbekannt, wie Rosaffa leidet in eines elenden Wollüstlings Riesenarmen? — Eines Herzogs Geliebte! ach Fiorentino, hättet Ihr nie diese Worte ausgesprochen!“

„„Eben dieser stolze Name, um welchen Euch alle Kanelleserinnen beneiden —““

„Eben dies ists, was mein Leiden vermehrt. Die einzige Thräne eines mitleidigen Freundes ist in der Noth köstlicher, als die Bewunderung von der halben Welt.“

„„Ihr seid unglüklich?““

„Daß Ihr dies fragen könnet!“ — (Rosaffa schwieg lange still; Thränen stiegen in ihren Augen auf; sie suchte dieselben zu verbergen.) „Denkt Euch, Fiorentino, denkt Euch ein junges, unerfahrnes Mädchen, welches noch nichts von den Gefühlen der Liebe kannte, welches nur zu tändeln, sich zu schmükken und zu gefallen verstand; ein Mädchen, welches von seinen eignen Eltern, von Verwandten und Fremden ihrer Schönheit willen geschmeichelt, von Dichtern unzählig oft besungen, von Malern und Bildhauern zu Modelen ihrer Göttinnen erhoben wurde. Denkt Euch solch ein Mädchen und sagt mir, wessen war die Schuld, wenn dasselbe so bald verdorben wurde? — Dieses Mädchen, angebetet von allen Jünglingen, wurde der Gegenstand von der Liebe eines Fürsten. Er warb um ihr Herz, um ihren Besitz. O, Fiorentino, und hätte auch der Werber selber nicht Reize genug besessen ein schwaches Weib zu fesseln, wie viel verführerische, allgewaltige Mittel sind zu einem solchen Zwek nicht in den Händen der Fürsten? wie könnte da ein eitelgebildetes Mädchen länger widerstreben, wo die Eltern es selbst zu dem reizenden Schritte zwingen? Fiorentino, hasset mich nicht, denn ich rede von mir selber.“

Duur wußte nicht wie ihm wurde. Stiller Mitschmerz beklemmte seine Brust; er rükte Rosaffen näher, und sah ihr mit weichern Blikken ins Auge.

„Wenn nun endlich der Geist des betrognen Mädchens erwacht;“ fuhr Rosaffa fort: „wenn es sichs nun seiner Unschuld, wie in einem Traum, entrissen findet; wenn nun das reine Feuer der Liebe für einen Liebenswürdigen zum erstenmahle in ihrem Busen aufzulodern beginnt — ach, und keine gütige Hofnung ihren Wünschen wohlthut; wenn — — doch ich breche ab! — Fiorentino, ich frage dich, zweifelst du noch, ob ich unglüklich sei?“

„„Ihr habt mich gerührt!““

„Kalter, Gefühlloser — nur gerührt? — o Fiorentino!“ (mit diesen Worten sank sie nieder in seinen Arm, und blikte schwimmenden Auges zu ihm auf.)

„„Rosaffa!““ stammelte er und drükte sie an sich.

„Ich — liebe dich, Fiorentino! — bist du diesem Geständnis böse?“

„„Wie könnt’ ich das?““

„Liebst du Rosaffen — kannst du Rosaffen lieben?“

„„Herzog Piedro““ — — —

„Nur ein einziges, armseliges Ja, oder Nein antworte mir!“

„„Der Herzog — — —““

„Ha, verdammt, mit deinem Herzoge!“ rief sie und sprang auf: „Sich mich an, Mensch, verblüht bin ich noch nicht, und noch nicht deines Ekels werth!“

Florentin bestürzt und verwirrt stand auf, und suchte dies gefährliche Mädchen zu besänftigen; aber die Kanelleserin hörte ihn nicht. Sie ging seufzend auf und ab. „Nein,“ sagte sie: „du liebst mich nicht, denn die Sprache des Liebenden tönt anders, als die deine. Und doch, Fiorentino, o Fiorentino, wär’ es nicht möglich, daß du mich einst — — Aber nein; nur ausforschen wollt’ ich dich — Mehr wollt’ ich nicht. Ein Wort von dir konnte mir schon zu viel sagen!“

Der Graf wollte reden, aber sie hörte ihn nicht. Die weibliche Schaam bestürmte sie mit hundert Vorwürfen; ihr Stolz empörte jeden Tropfen Bluts in den Adern; sie wollte sich fassen und vermogt’ es nicht. So dauerte es lange.

„Ich bin unglüklich!“ sagte sie nach einer Pause, in welcher der Graf in keiner geringen Verlegenheit dagestanden: „ich bin sehr unglüklich, dem Himmel seis geklagt! — Geht, und laßt niemanden eine Spur von dem, was unter uns vorfiel, wittern, oder, bei Gott, Ihr lernt eine Kanelleserin kennen! — Geht, und, um alles in der Welt, bemitleidet mich nur nicht. Euer Mitleiden ist mir entsezlich; hütet Euch! Hütet Euch, sagte ich, oder ich mache Euch in eingen Tagen zum Gegenstand des allgemeinen Mitleids und Bedauerns. Mir sind gewisse Geschichten bekannt, welche Euch um den Kopf bringen dürften, wenn sie bekannter würden; gewisse Pläne von Aufruhren, Enthronungen und so mehr! — Ich wette, Euer ganzer Anhang dürfte sich in kurzer Zeit auf dem Schaffot wälzen! — Kennt Ihr mich nun?“

„„O, so wahr ich lebe,““ rief Duur plözlich wider das Weib angeflammt mit einer wilden, schreklichen Miene: „„Kanelleserin, ich kenne Euch! — Aber bei dem gegenwärtigen Gott seis Euch furchtbar geschworen, der erste mordsüchtige Gedanke, welcher in Eurer schwarzen Seele aufschießt, soll Euch mit selbiger Münze bezahlt werden. Gelüstets Euch den Grafen Duur kennen zu lernen, so erprobt ihn!““

Er sprachs, wandte sich um und lies sie betäubt allein dastehn.

So hatte Rosaffa noch nie den Grafen gesehn, noch nie hatte so ein Mann in Kanella wider sie gestanden. — Sie bebte; ihr Gewissen schauderte; sie sah den Fürchterlichen zwischen den Bäumen verschwinden; Fieberfrost in den Gliedern und Rache im kochenden Busen verlies sie den Park.

Sechstes Kapitel.
Die schwarzen Brüder.

Aber ein schreklicher Tumult erhob sich eines Morgens im herzoglichen Pallast; alles lief blas und verwirrt durcheinander hin; Piedro rasete von Zimmern zu Zimmern; der Kardinal und Moriz wurden eiligst herbeigeschaft; die Hofdamen weinten, und ermannten sich von Ohnmachten, um in neue zu fallen — alles lies die größte Bestürzung blikken. —

Rosaffa war ermordet.

Schwimmend in geronnenem Blute, einen Dolch in der Brust fand man sie entgeistert in ihrem Bette, als sie von ihren Zofen früh besucht wurde. Auf der Erde lag eine Pergamentrolle, darauf stand mit großen, lesbaren Zügen geschrieben:

„Sie trat das Recht öffentlicher Richter mit Füssen, drum ward sie von uns gerichtet. — Auf ihr ruhte das Verderben des Staats; auf ihr der unschuldige Tod manches Biedern, auf ihr das Elend der Verwiesnen und Verarmten — sie ward am Ende dem allgemeinen Wohl gefährlicher noch, darum ward sie hingerichtet vom

Gericht der Unbekannten.“

Niemand war entnervter bei dieser Szene, als der schwache Piedro, niemand ob dieses Zettels bestürzter, als der Prinz Moriz, und niemand verzweiflungsvoller, als — Duur. Mit Grausen standen sie alle da um Rosaffens Bett, anstarrend die Ueberreste einer so gewaltsam zernichteten Schönheit. Sie, deren Lächeln noch vor zwölf Stunden den ganzen Hof entzükken, deren finstre Stirn einen Fürsten zittern, ein Herzogthum schaudern machen konnte, — sie war jezt ein machtloses, zerstörtes, unnüzzes Prachtstük.

Königlich waren die Anstalten zu ihrem Begräbnis; drei Tage stand ihr Leichnam hindurch in einem kostbaren Sarge zur Schau — aber niemand, auch kaum ein neugieriges altes Weib, schlich sich herbei die Ermordete zu sehn. Meister der harmonischen Tonkunst führten am Tage ihrer Beerdigung öffentliche Trauermusiken auf, aber — kein Auge näßte sich. Kanellas Dichter besangen die Hingesunkene, und keiner las die schwarzberänderten Blätter.

Elendes Loos der im Leben vergötterten Bosheit! — der Seufzer eines Edeln über dem Grabe des Guten ist unendlich köstlicher, als die kunstgebildete Thräne eines Marmorbildes über des Sünders Gruft, welche die Flüche der Unglüklichen umrauschen!

Moriz, dessen Gedächtnis die ehmahlige Korrespondenz der Unbekannten mit ihm, und die fatale Begebenheit mit den maskirten Kerln, welche ihn auf der Straße so unsanft zugesprochen8), noch nicht verloren gegangen war, befand sich jezt in keiner angenehmen Lage.

Freilich waren es bis zum entscheidenden Abend des ersten Septembers nur etwa noch acht Tage hin, — aber wie viel Querstriche konnten ihm nicht in dieser Zeit noch von den verwünschten Unbekannten durch seine Pläne gezogen werden? — Jezt fing er sich an vor Florentinen zu fürchten, denn um seinetwillen hatten die Unbekannten ihn ehmals an Herzog Adolfs Hof so übel mitgenommen, und seit Florentin in Kanella etwas merkwürdiger geworden, hub sich auch sogleich das alte Unwesen wieder an.

Morizens Gewissen pochte; es war sich keiner schönen Thaten bewußt, welche sonst die beste Arzenei in kritischen Augenblikken wider das Herzklopfen sind; überdies hatte Florentin die sämmtlichen Papiere von Sr. Hoheit in den Händen, worin das ganze Gewebe der schlummernden Verschwörung und des drohenden Aufruhrs gar deutlich angegeben stand, — und wie leicht konnte der Graf auf einen bösen Einfall gerathen! — Der einzige Trost für ihn waren die glüklich ablaufenden Werbungen, indem jezt schon nicht mehr, als funfzehn tausend Mann auf den Beinen standen, die theils in der Residenz, theils in der Nachbarschaft quartirt waren. Zur größten Sicherheit verstärkte er die Wachen um seinen Pallast.

Aber man denke sich sein Entsezzen, als Flimmer an Rosaffas Begräbnistage mit der Botschaft zu ihm hereintrat, daß er aus sicherm Munde erfahren habe, Sr. Eminenz der Kardinal Benedetto wisse nicht nur umständlich von Morizens Anschlägen, von der Bestimmung der angeworbnen Mannschaften, von der am Septemberabend bevorstehenden Landesrebellion, sondern habe auch schon, im Fall der Aufruhr nach Wunsch ablaufe, eine Bulle von Sr. päbstlichen Heiligkeit in Bereitschaft, vermöge welcher er sich zum Vormund des Piedro und Interimsregenten des Staats aufzuwerfen die Vollmacht habe.

Dem Prinzen wurd’ es bei dieser Post dunkel um die Augen; sein braunes Gesicht wurde blasgelb, und es fehlte wenig, daß er vor Schrekken umgesunken wäre.

Was blieb ihm bei solchen Umständen zu thun übrig? — Hiergegen fruchtet keine Verstärkung der Leibwache, und eine Bulle konnte leicht dreisig tausend Mann schlagen!

Flimmer fragte den Prinz etliche mal, aber gewann keine Antwort; erst nach einer halben Stunde kam dieser wieder zu sich selber. Einige Flüche machten ihm erstlich Luft, dann war seine sehr natürliche Frage: „Was soll ich thun?“

„Eben das ists, was ich schon längst gern von Euch erfahren möchte!“ entgegnete der Sekretair.

„Ich werde unsinnig!“

„„Freilich, es ist schmerzhaft solchen Streich leiden zu müssen — erfahren zu müssen, daß, wo man am sichersten mit seinem Schiffe zu seegeln wähnt, Klippen, Sandbänke und Untiefen den augenbliklichen Untergang drohn. Und doch ists besser noch zur rechten Zeit die gefährliche Situazion zu entdekken, als dem Schiffbruch unwissend mit vollen Seegeln entgegenzustürzen.““

„Da hast du Recht, aber das beruhigt mich nicht!“

„„Ihr habt ja einen so wakkern Piloten, gnädigster Herr, einen Duur, der Euch leichtlich retten könnte!““ sagte Flimmer und grinsete teuflisch dazu.

„Ah, verdammt! wer weis, ob nicht der Schurke selbst mein ganzes Verderben zubereitet hat!“

„„Aber Ihr selber, mein Prinz, Ihr selber habt mir ja oft die Unmöglichkeit dargethan, daß Duur so handeln könne.““

„Und du elender Bube, willst meiner auch noch spotten?“ —

„„Ihr versteht mich nicht.““

„Augenbliklich schikke einen Boten zum Grafen, daß er sogleich zu mir komme.“

Der Bote ging; der Bote kam und brachte statt des Grafen Entschuldigungen zurük.

Jezt faßte Morizens Argwohn Wurzel, und seine Wuth wurde fürchterlich. Flimmer stand rath- und thatlos da, und grübelte und spannte seinen Wiz auf die Folter, und erfolterte nichts.

„Was sinnst du da, Narr!“ redete ihn Moriz an, der auf ihm zuging und ihn so vertraulich an die Schulter anpakte, daß er gern hätte laut aufschreien mögen: „Was sinnst du? — Wenn die Noth am größten ist, wird doch Moriz nur allein Rath zu schaffen und zu helfen wissen. Sei ruhig, sei ruhig, armer Gauch! der Kardinal soll sich betrogen haben, entsezlich betrogen haben. Das sagt Moriz! Ich stehe wider den ganzen Sturm; mag er nur entgegenbrausen — ich will stehn. Siehe, wenn mein Kopf erkrankt, meine Autorität im Volke stirbt, meine funfzehn tausend die Flucht ergreifen, wenn alles verloren geht, alles: — so geht auch ein Kardinalsleben zur Neige. Verstehst du mich? — Es ruhen schrekliche Mittel in meiner Macht; ich kann einen Staat umstürzen, wenn auch nicht wieder aufbauen; ich kann mir Wege über Leichen bahnen, wo Lebende mir die Huldigung versagen; ich will über Trümmern wohnen, wo man mir den Besiz des Pallasts abschlägt. Folge mir in mein geheimstes Kabinet, vorher aber befiehl, daß binnen drei Stunden kein Mensch sich in der Nachbarschaft desselben gewahren lasse.“

Siebentes Kapitel.
Der Garten von Dosa.

Noch war an eben diesem interessanten Tage die Sonne nicht untergangen, als auch Florentin unruhiger war. — Badner hatte ihm nämlich einen Brief gebracht, der abentheuerlich genug klang und in folgenden Worten abgefaßt war:

Vinzenz,“

Habt Dank von uns, daß Ihr unsre Hoffnungen nicht zu täuschen vermochtet; Heil Euch, Ihr seid der größten einer im Bunde! — Beharrt Euern Plan getreu. Verherrlicht Euch in der nahen erhabnen That; ein lieblicher Glanz wird von Euch auf unsern Bund zurükfallen. Wir sind Eurer wohl eingedenk; den Beweis davon findet Ihr im Städtlein Dosa, an der Kanellesischen Gränze. Dahin eilet straks nach Empfang dieser Zeilen, es wird Euch nicht gereuen. Euer Quartier sei das Wirthshaus zum goldnen Dorn. Eilet!“

Die schwarzen Brüder von
Deutschland
.“

So wahr, als jeder meiner Leser, durch solchen Brief in Florentins izzigen Verhältnissen mit Kanella, in Verlegenheit gerathen wäre, eben so gerieth auch Florentin nach Lesung des Schreibens in eine der unangenehmsten. Was sollt’ er thun? — Kanella verlassen, zu eben der Zeit, da sich der Staat der lezten, entscheidenden Krisis genahet? Kanella verlassen und zwar in einem Zeitpunkt wo seine Gegenwart unausbleiblich nothwendig, wo noch einer der gefährlichsten Streiche in Rüksicht des Prinzen und des Kardinals zu vollführen war? —

Er schwankte.

„Was hab’ ich in Dosa mit den schwarzen Brüdern aus Deutschland zu schaffen?“ fragte seine Neugier oft, und die thätige Fantasie wußte tausenderlei Vielleichts zu entgegnen. Das lieblichste war Florentinen das angenehmste, und dieses lies nichts geringers muthmasen als Holdern in Dosa zu finden.

„Holder in Dosa!“ sprach er dann zu sich selber in halbem Entzükken: „Holder in Dosa! o, mein Gott, da ihn nach so langer Trennung wieder zu finden, wieder zu umarmen! — Was wird er mir alles zu sagen, ich ihm alles zu erzählen haben! — Da werd’ ich von dir hören, göttliche Louise, da von meinem Erstgebornen, meinem Karl! — da von Schwester Rikchen, vom guten Onkel. — Ach, Gott, ja! ich muß dahin, ich lasse die seligste Stunde meines Lebens so nicht entstreichen!“

Sogleich wurden einige Billette geschrieben, versiegelt und an die schwarzen Brüder in Kanellas verschikt, welche sich um Mitternacht in Florentins Garten, der an seinen Pallast stieß, zu versammeln eingeladen wurden. Gotthold und Dulli richteten alles zur schleunigen, geheimen Abreise ein; der Graf selber arbeitete bis um Mitternacht. Er siegelte zwei ansehnliche Pakete von Schriften und Briefen ein, beide an Sr. Durchlaucht, dem Herzog Piedro von Kanella addreßirt, höchst eigenhändig von demselben zu erbrechen.

Eine fürchterliche Mine sollte zum Wohl der Republik gesprengt, der Kardinal Benedetto und Prinz Moriz morgendes Tages von ihrer gefährlichen Höhe herabgestürzt und zur Revoluzion am ersten Septemberabend kraftlos gemacht werden.

Lange hatte der Graf hieran gearbeitet; denn nicht umsonst war er in die Geheimnisse dieser beiden Staatsmänner eingedrungen, hatte er einen schönen Theil seines Lebens in den ekeln Gesellschaften des Hofes vergehn lassen, hatte er die unsichre, gefahrvolle Protheusrolle gespielt und oft sein Leben daran gewagt.

Inzwischen hatten sich die schwarzen Brüder der höhern Ordnung im gräflichen Garten versammelt, wohin sie durch eine abgelegne Hinterpforte unvermerkt gelangen konnten. Es war finstre Nacht, der Himmel umwölkt, mond- und sternlos. Florentin, den Brief der schwarzen Deutschen in der Hand, trat jezt unter ihnen hin.

„Freunde,“ sprach er: „entschuldigt bin ich durch diesen Brief, worin ich von den deutschen Verwandten unsers heiligen Bundes gen Dosa beschieden worden, ich sage, entschuldigt bin ich durch ihn, daß ich Euch auf eine Stunde im nächtlichen Schlummer störte und hier versammelte.“

„„Ihr nach Dosa? — jezt nach Dosa? verlassen wollt Ihr uns jezt in der Noth?““ so schollen etliche Stimmen verworren aus der Menge hervor, indessen andre der Versammelten beim Laternenschein Florentins Brief lasen.

„Ja, ich muß Euch verlassen, muß dem Bunde gehorchen; ehe noch der Morgen graut bin ich ausser Kanellas Mauern. Dosa ist von hier nicht allzu entlegen; es wird die Reise von etlichen Tagen sein. Der erste September sieht mich wieder hier.“

„„Warum wollt Ihr jezt hinweg, da die Gefahr vor der Thür liegt?““ schollen die vorigen Stimmen, aber schon weniger laut zurük.

„Ihr habt meine Antwort gehört!“ entgegnete Duur mit ernsterm Ton: „Glaubt Ihr, daß ich aus Furcht zu entfliehn, oder mich von der nahen furchtbaren Szene zu entfernen gedenke? Ha, Brüder, kann man mich einer feigen Schurkerei bezüchtigen unter Euch? Sezt ich nicht oft schon Gesundheit und Leben öffentlichen und verborgnen Gefahren um Kanellas Wohl aus? — Ich kehre zurük, um am Abend des ersten Septembers an Eurer Spizze zu stehn, kehr zurük, und wär es auch zum Opfertode für Eure Freiheit.“ —

„„Ihr seid entschuldigt!““ riefen einige.

„Verlangt Ihr, daß ich durch einen Eid zeitliches und ewiges Wohl verpfände?“

„„Ihr seid gerechtfertigt! Ihr seid gerechtfertigt!““ riefen mehrere.

„Oder will jemand meinen Muth auf dieser Stätte in diesem Augenblick mit seiner Degenklinge messen?“

„„Still! still! still!““ riefen alle: „„kein Mistrauen unter uns!““

„Wohlan!“ erwiederte mit sanfterer Stimme der Graf: „so laßt mich ziehn, und beweiset nun auch Ihr während meiner Abwesenheit Muth und Geistesgröße. Habt Acht! kaum werde ich in Dosa angelangt sein, so stürzen zwei Männer von ihrer schwindlichen Höhe hernieder, die der Volksfreiheit die gefährlichsten waren. — Moriz und Benedetto, diese Riesen werden fallen!“

„„Wie ist es möglich!““

„Diese Männer wußten allein am Hofe um die große Verschwörung; sie wußten um alles durch mich. Sie selber mußten die Hände anlegen die Schlinge wieder aufzuknüpfen, welche sie despotisch um den Hals der Kanelleser geworfen hatten; sie selber mußten Waffen und Geldsummen liefern, damit wir den großen Plan mit Nachdruk ausführen könnten. Ohne ihre Hülfe würden wir nichts vermogt haben, darum verzettelt’ ich sie selber in das Komplot, und hielt ich sie fest darin durch falsche Vorspieglungen. Jezt aber ist es Zeit sie wieder von uns auszustoßen; sie gruben der Nazion eine Grube, darum stürz’ ich sie selber hinein. Ihre wichtigsten Papiere, und selbst Benedetto’s päbstliche Bulle, welche ihn zum Vormund Piedros und Kanellas Regenten erkohr, sind in meinen Händen, und morgen lieset sie der Herzog! — Morgen sind Moriz und Benedetto Staatsgefangne! —“

Ein frohes, verworrnes Gemurmel erhob sich; die Männer drängten sich näher um den Edeln.

„„Seit ich am Hofe öfter und geliebter erschien, werdet Ihr, Brüder, bemerkt haben, daß die Kanelleser zehnfach unglüklicher geworden, als sie es vorher waren. Ihr schienet vor mir zu zittern, und mich geheim als den Urheber dieser allgemeinen Noth anzuklagen. Ja, und ich wars. Ich wars, der die empörendsten Ungerechtigkeiten wider Kanella übte; ich wars, der die unseligen Werbungen im Lande veranstaltete; ich wars, der die ältesten Rechte der Städte mit Füssen trat — wars, der die elenden, bejammernswürdigen Bürger oder Sklaven von Kanella bis zur Verzweiflung trieb, in welcher sie sich izt befinden. Allein so weit mußt’ es im ganzen Lande gedeihen, verzweifeln mußten die Kanelleser, um fähig zu sein ihr Joch abzuschütteln, denn Gefühl für Größe und Freiheit schlief unter ihnen. Jezt ist eine allgemeine Revolte nothwendig; sie ist nicht mehr zu verhindern. Ihr indessen wacht jezt mit verdoppelter Scharfsichtigkeit über alles, was geschehn könnte; hütet das Arsenal, die Magazine; und was sonst von importanten Pläzzen, Gebäuden und Wachthäusern in der Gewalt der schwarzen Brüder ist, wohl; erhaltet Ordnung, und harret mit Kälte und Geistesgegenwart dem ersten Septemberabend entgegen! — Lebt wohl!““

Der Graf sprachs und wünschte ihnen eine gute Nacht — „Gute Nacht!“ riefen die Männer, und wer da konnte, drükte dem großen Fiorentino dankbar die Hand.

Achtes Kapitel.
Fortsezzung des Vorigen.

Gewis war Duur mit Dulli noch nicht eingetroffen im Dosanischen Wirthshause zum goldnen Dorn, als seine Weissagung zu Kanella schon in Erfüllung gegangen. —

Es bedürfte eben keiner Thron- und Lebensgefahren um einen Schwächling, als Piedro, aus aller Fassung hinauszustürzen. Ein mislungenes wollüstiges Projekt, eine verdorbne Frisur, die Ohnmacht einer Dame, der Tod eines Schooshundes war allein schon stark genug ihn aus dem Sattel seines Gleichmuths zu heben. Und nun denke man sich die Lage dieses kleinherzigen Prinzen beim Empfang der Florentinischen Briefe; denke sich sein Entsetzen, Schaudern, Verzweifeln während des Lesens.

Er sank, wie vom Schlage gerührt, kraftlos auf das Sofa nieder; Todesblässe floß über sein Angesicht, Todesschweis drang in kalten Tropfen aus allen Poren hervor; die Hände zitterten wie in einer betäubenden, halben Lähmung, die Knie schlotterten heftig.

So lag er da, ein Gegenstand des Mitleidens, der Erbarmung, lag er da, als hätte ein Donnerschlag seinen Insektenmuth gänzlich vernichtet, und alle Kraft aus Nerven und Gebeinen verzehrt. Nach Viertelstunden erwachte er wieder wie von einem Todesschlaf — Traum wars nicht gewesen, die gräflichen Briefe widerlegten ihn, so gern er sich vom Gegentheil überredet hatte. — Er weinte.

Jezt erschien seinem Geiste Florentin von Duur in der erhabensten Größe; er bewunderte den Mann mit Thränen, eben den, welchen er einst so sehr übersah. All sein Vertrauen warf er izt auf diesen Engel; er schikte zum Grafen, wünschte ihn privatissime zu sprechen, allein Duur war längst verschwunden.

Zum Erstaunen des ganzen Kanella wurden der Prinz Moriz und der eminente Kardinal an eben dem Tage unsichtbar; denn Piedro hatte beide hinterlistig zu sich gebeten, sodann von verschwiegnen, getreuen Offiziren in abgelegnen Zimmern seines herzoglichen Pallastes gefangen halten und in der Nacht heimlich auf ein Landschloß transportiren lassen. Ihre Palais wurden stark bewacht, ihre Geräthschaften versiegelt und eine Untersuchungskommißion wurde niedergesezt, die den beiden Staatsverräthern den Prozeß machen sollten.

Wir lassen jezt Morizen fluchen, Benedetten anathematisiren und Piedron sich schmeicheln eine Verschwörung zerstört, einem nahen Aufruhr vorgebeugt zu haben, und wenden uns zum Grafen, der kaum anderthalb Tage in Dosa war, als er die Ursach seiner Dahinberufung erfuhr.

Ein Mädchen trat an einem Vormittage in sein Zimmer, erkundigte sich nach ihm und überreichte ihm ein versigeltes Handbriefchen. Florentin stuzte, erbrach das Billet und las: