Da schrie in dumpfen Klagen
Die leidende Kreatur:
„Herr, erbarm dich unser!“
„Herr, erbarme dich unser!“
Doch Gottes Langmuth, Gottes Güte
Verzögerte der Frevler Tod.
Des jauchzten die Tyrannen;
Mit ungeweihten Händen;
Zerstörten sie der Menschheit Heiligthum!
Und ihrer Sünden Maas ward voll,
Und ihre Bosheit unbegränzt!
Da ächzte sterbend der Greis,
Da ächzte sterbend der Säugling:
„Herr, erbarme dich unser!“
„Herr, erbarme dich unser!“
„Herr, erbarme dich unser!“
Und unser erbarmte sich Gott,
Es rollte in Gewitterschnelle
Sein Strafgericht hervor;
Sie sahn’s, die Mörder und erbleichten
Und schaudernd stürzten sie nieder —
Das Sklavenland ward frei!
Hallelujah! Hallelujah!
Der Gesang schloß sich. Dulli weinte Freuden- und Jammerthränen vermischt; Florentin hörte nichts, er saß an Badners Bette: starrte schwermüthig den Leichnam seines Getreuen an und hielt die Hand seines Lieblings fest in der seinigen verschlossen.
Aber das Volk lärmte unaufhörlich fort, und wiederholte die Worte des Gesanges: „das Sklavenland ward frei!“ mit dem größten Enthusiasm. — „Ja, das Sklavenland ward frei!“ hörte man einige rufen: „und frei durch den Helden Fiorentino!“ —
„„Großer Fiorentino wir lieben dich!““
„„„Freiheitsbringer, lebe lange!“““
„„„„Fiorentino, lebe hoch!““““
So schrie man verwirrt durcheinander und Florentin — achtete des nicht. Am Lager des Verstorbnen sizzend, hatte sein Leben jeden Reiz verloren. Er war nun einmal wieder so arm an aller Freude, so arm an aller Hofnung, jemahls wieder froh werden zu können, als er es irgend schon einmahl war.
Freund, Blutsbruder, Vater — oder welcher Name heiliger ist — alles das war ihm der ehrliche Badner gewesen, und diesen sah er jezt für sich verloren. — Wer nun schon einen solchen Freund, Bruder und Vater verlor, der male sich des armen Florentins Schmerz. Indem sich die Augen eines einzigen Freundes auf ewig verschließen, schließen auch tausend Götterchen der Freuden die ihrigen zu.
„Hört Ihrs nicht, gnädiger Herr, wie das Volk Euern Namen ausruft“ sagte Dulli, indem er sich zum Grafen wandte; aber er vermogte es nicht ihn aus dem Strom seiner Empfindungen hervorzureißen.
„Die Kanelleser werden ungestüm, sie verlangen Euch zu sehn, Euch zu huldigen!“ fuhr Dulli nach einiger Zeit fort, inzwischen das Volk auf der Straße tobte und schrie.
„„O Kanelleser,““ erwiederte Florentin traurig: „„und legtet Ihr mir die herzogliche Krone zu Füssen — jezt hüb’ ich sie nicht auf. — Geh, Dulli, sage deinen Landesleuten, daß Sie auseinander gehn, und mich nicht stöhren sollen in meinem Schmerz!““
Dulli. (zum Fenster hinunter) Freie Kanelleser, stöhret den Grafen nicht, ihm ist sein Liebling ermordet für Eure Freiheit.
Stimmen von unten. Fiorentino! großer Fiorentino, die Bürger Kanella’s wünschen den Heiland ihres Staats zu sehn. Fiorentino tretet hervor!
Dulli. Fiorentino danket Euch für Eure Huld; aber erscheinen wird er nicht.
Stimmen des Volks. Fiorentino, erhöret uns!
Dulli. Gönnet ihm Ruhe, opfert ihm Eure Wünsche auf, da er seine Freuden für Euch hingab.
Stimmen. Fiorentino! Fiorentino!
Florentin erschien. Mit nassen Augen stand er da, auf den erhabnen Stufen, welche zum Eingang seines Pallastes führten. — Man sahe ihn, und wie die Erscheinung einen Gottes war die seinige; die Luft, vor einem Augenblik noch vom verworrendsten Geschrei zerrissen, wurde jezt durch einen leisen Odemzug erschüttert.
Fakkeln flogen herbei und umringten ihn; wie in einer himmlischen Verklärung stand er da vor den Augen des Volks: die ihm nächststehenden sanken nieder auf die Kniee um den entferntern Zuschauern den Anblik eines Halbvergötterten nicht zu rauben; alle entblößten ihre Häupter in stiller Ehrfurcht. —
Ruhig war die Nacht; sternenschwer der Himmel; der Mond stieg in dieser Minute hinter einem Gebirge schimmernder Wolken hervor, die Szene zu verherrlichen; kühl und leise hauchte der Nachtwind über die Menge des Volks hin und goß ein heiliges Schauern über sie aus.
Florentin von Wehmuth und Entzükken hingerissen, vermogte lange kein Wort zu reden. Endlich sprach er:
„Brüder, — meine Brüder, Ihr seid glüklich; aber ich bins nicht, kanns nicht sein. Ich weis es, daß Ihr mich liebet, aber, — was ich verlor, könnt Ihr mir nicht wiedergeben. Darum laßt mich trauern; laßt mich ungestört Mensch sein, und einem Freunde den lezten Zoll der Liebe — Thränen um seinen Verlust entrichten. Nur der Gedanke an ihn gewährt mir Trost. — — Gute Nacht, Freunde!“
„„Gute Nacht! unglüklicher Mann, gute Nacht!““ riefen ihm unzähliche Stimmen in eine verschmolzen nach. Mitleid und Liebe erpreßten manchem Auge Thränen, — ach und diese Thränen waren das Herrlichste in diesem nächtlichen Triumpfe Florentins von Duur!
„Nur der Gedank’ an ihn gewährt ihm Trost?“ sprachen am folgenden Tage die Kanelleser: „Laßt uns den großen Mann trösten, er hat ja unsre Thränen abgetroknet!“
Nach einigen Monaten wurde Florentin lieblich überrascht. Eines Morgens lehnte er sich, nach seiner Gewohnheit, zum Fenster hinaus, und o! wie staunte er, da er seinem Hause gegen über eine in der vergangnen Nacht errichtete Statüe erblikte. Es war Badners Gestalt, Badners Miene; mit der rechten Hand winkte das Gebild zu ihm herauf, als riefe es leise: „komm’ zu mir!“ — Drunten standen in Goldschrift die Worte:
„Badner, Liebling des großen Fiorentino von Duur.“
Anfangs wollte der Graf seinen Augen nicht glauben; er rieb die Wimpern; starrte wieder dahin, und gewahrte abermals Badners Gestalt, wie sie winkend dastand.
„Dulli! Dulli!“ rief er wonnetrunken, und Dulli kam.
Florentin. (frohbebend) Ach, Dulli, sieh hinaus. Sage, was erblikst du?
Dulli. Beim heiligen Petrus, gnädiger Herr, Euern getreuen Badner, Gott hab’ ihn selig, wie er leibt und lebt!
Florentin. Nein, soviel hab’ ich nicht an Euch verdient, Kanelleser! — Sage mir, ist ers wirklich? täuscht sich mein Gesicht?
Dulli. Das Bildnis ist ja so gar weit nicht entfernt.
Florentin (ihn umhalsend) O Dulli!
Dulli. Gott, gnädiger Herr, wie Ihr nun da seid? Ihr habt Millionen verspendet und das dankbare Völklein beut euch dafür einen Heller; — Ihr sehet wenigstens, wie werth Ihr den Kanellesern seid.
Florentin. Ich seh’s, ich fühls, ich danke! — Ja, Badner hat’s verdient! —
Dulli. Bei Gott, das hat er.
Florentin. War’s noch nicht genug, daß man die Asche dieses Redlichen in feierlicher Prozeßion durch Stadt und Land seinem Grabe in Deutschland entgegenführte, mußte man ihm noch die Säule weihn?
Dulli. Gnädiger Herr, Ihr verdientet einen höhern Lohn, als einen geschnizten Marmor, darum errichtete man Euch keine Statüe — diese ist nur für Eure Freunde gut.
Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als das Volk haufenweis herbeiströmte und neugierig die Bildsäule am Duurschen Pallast umringte. Das Spiel jener Nacht wurde wiederhohlt; wiederum der hehre Freiheitsgesang:
„Heilig ist Gott und groß! &c.“ angestimmt; wiederum Fiorentino’s Wohl ausgerufen und dergleichen mehr.
Angenehmer konnte kein Trost erfunden werden für des Grafen leidenden Seele; und kein Trost war auch für ihn von erwünschtern Folgen, als dieser.
Mit verdoppeltem Eifer bemühte sich Florentin, nebst den Großen von Kanella, den errungenen Freiheitskranz nun unentreisbar zu befestigen. Moriz sowohl als Benedetto, welche sich in der ersten Septembernacht der allgemeinen Verwirrung zu Nuzzen gemacht und die Flucht ergriffen hatten, arbeiteten freilich an verschiednen mächtigen Höfen, Piedro’n wieder auf den monarchischen Thron zu erhöhn, und die alte Staatsverfassung zu restauriren; suchten freilich die Kanelleser unter einander zu entzwein, und Contrerevoluzionen anzuspinnen, allein gleich einer unsichtbaren Gottheit widerstand ihnen der schwarzen Brüder heiliger Bund.
Vergebens fachten sie den Argwohn der ausländischen Potentaten an, daß die Freiheitssucht, durch der Kanellesen glükliches Beispiel vergrößert, um sich greifen und auch sie enthronen dürfte; vergebens streuten sie durch elende besoldete Broschürenschmierer den Saamen der Zwietracht unter den befreiten Bürgern aus — die schwarzen Brüder, selber verschiedene Staaten-Ruder regierend, löschten den aufglimmenden Funken des Argwohns im Busen der Fürsten aus, und zertraten allgewaltig den versäeten Saamen der Zwietracht, daß er nicht reifen konnte.
Aber es verflossen Jahre, ehe der Sturm ausgebrauset, die Gährungen sich aufgelöset, und die Bewohner Kanellas ein neues Staatssystem aufgeführt hatten. Doch die schwarzen Freunde des menschlichen Wohles wollten, und Kanella blieb frei! —
Und schon sank, die glänzende, hochgeschwungene Palme in seinen Händen, den Frieden herab über ein neugebornes Volk; schon erndteten die Kämpfer ihres Sieges Lohn ein; schon fühlten sich alt und jung, Hohe und Niedre selig auf Erden — da empfand Florentin, nun erst entlassen von den öffentlichen Geschäften der Republik, mächtiger, als jemahls den süssen Hang, heimzukehren ins geliebte Vaterland, auszuruhn im Arme der entfernten Blutsverwandten von seinen Thaten.
Zwar hatte Kanellas Dankbarkeit eine große lebenslange Pension ihm und seinen etwannigen Nachkommen ausgesezt; zwar hatte man ihm einen beinahe fürstlichen Hofstaat eingewilligt, ihm den geschmackvollsten Pallast in der Residenz geschenkt — aber die Sorbenburg, das ländliche Schloß seines Onkels lokte ihn mehr, als jede Herrlichkeit Kanellas. Ueberdies besaß er schon seit einiger Zeit mehrere Briefe vom Herzog Adolf, in welchen sein Exil gänzlich aufgehoben, förmliche Versöhnung angeboten war — wie konnte Duur, der weiche, zartfühlende Duur widerstreben?
Wir, meine Leer, begleiten ihn schon durch so viele Szenen, aber immer erkannten wir in ihm einen und eben denselben. Jezt war er nicht mehr Jüngling — er war Mann in voller Blüthe, oder vielmehr Reife des Lebens. Ausgebildet, groß, majestätisch an Körper und Geist stand er jezt da; aber sein Karakter war noch immer der stolze, schwankende, schwärmerische, welchen er den Kinderjahren abgeerbt hatte — Jezt sehnte er sich nach Ruhe. — Ruhe nach so mühvollen Jahren, auch zu ihr wollen wir ihn geleiten.
Vielleicht daß er sich nicht sobald entschlossen hätte den Kanellesischen Pallast mit dem vaterländischen Landgute zu vertauschen, wenn ihn nicht ein unerwartetes Schreiben — (nicht Holders, oder des Onkels oder Aellmars, denn diese schwiegen, als wären sie ausgestorben) nein, ein Schreiben Louisens, der herzoglichen Schwester, von Kanella hinweggetrieben hätte.
„Ists möglich — ewiger, barmherziger Gott, ists möglich!“ schrie der Graf, indem er Louisens Brief fallen lies und die Hände verzweiflungsvoll über sein Haupt zusammenschlug.
Dulli, der in einem Winkel des Zimmers gestanden und einen mitleidenden Zuschauer von der Szene abgegeben hatte, da Florentin den Brief las, und von Minute zu Minute die Farbe des Gesichts änderte, trat jezt hervor und wollte trösten.
Florentin. (sich ruhig stellend) Nein, lieber Dulli, es hat nichts zu sagen; ich habe ihn längst erwartet diesen Streich des Schiksals.
Dulli. Desto besser, desto besser. — Aber — —
Florentin. Du willst sagen, ich sei sehr unglüklich — nicht wahr? — Du hast wohl recht! —
Dulli. Und, gnädiger Herr, Euer Karakter! Ihr seid so zart empfindend; jede Lust oder Unlust, die euch anweht, reizt Eure Nerven mehr, als her größte Schmerz, oder das größte Glük einen andern. Und das ist eben die Quelle Eures Leidens.
Florentin. (eine Thräne erstikkend) Freilich, freilich Philosoph. — Gieb Befehl, daß man alles zur Abreise anordne.
Dulli. (erschrokken) Im Ernst?
Florentin. Ich scherze nicht; Dulli, die Zeiten sind vorüber, da ich scherzen durfte. —
Dulli. Ihr wollt uns verlassen? doch mich nicht gnädiger Herr! Ich folge Euch nach, gnädiger Herr, beim heiligen Petrus, ich folge Euch nach.
Florentin. So lange du noch Hofnungen nährest hier in dein Vaterlande dein Seelenglük zu finden, so bleib hier, warum willst du es unter einem fremden Himmelsstrich suchen.
Dulli. Gnädiger Herr, ich würde, wenn ich Euch verlöre, nie wieder froh sein können.
Florentin. Meinst du? — doch, ich weis schon ein Etwas für dich, bei dem Du mein vergessen kannst.
Dulli. (befremdet) Wie?
Florentin. Daß du während meiner Abwesenheit über dies Schloß und meine Einkünfte verwaltest, ist das geringste, aber — — doch stille deine Neugier! — Geh und bereite alles zur Abreise nach Deutschland! —
Dulli. (sich traurig umwendend) Ich gehe.
Florentin. (weichmüthig) Dulli!
Dulli. Gnädiger Herr!
Florentin. Sei nicht so niedergeschlagen. Es steht in deiner Willkühr, ob du mich in mein Vaterland begleitest.
Dulli. Werdet Ihr da glüklicher sein?
Florentin. (frohglänzenden Auges) Ja, gewiß!
Dulli. So bin ichs auch dort.
Florentin. Lade meine Freunde sammt und sonders auf übermorgen zu einem Gastmahle und Ball ein.
Dulli. Ha, wie werden die Kanelleser bestürzt sein, wenn sie vom Valetschmaus hören!
Florentin. Geh!
Dulli gieng. Florentin hob zitternd den fatalen Brief auf und überlas ihn noch einmal.
„Geliebter!“
„Diese Zeilen sind — zittre nicht — sind die lezten, welche Louise dir schreibt. Ich liege zwar nicht auf dem Sterbebett; aber doch für dich bin ich hinfort so gut, als verstorben. — Begnüge dich mit den seligen Stunden, welche meine Liebe dir einst erschuf, geize nicht mehrern nach. — — Vielleicht verstehst du mich nicht; vielleicht glaubst du, ich habe aufgehört dich zu lieben; allein, wenn dieses wäre, so hätte ich mir ja nicht die Mühe genommen dir noch zu schreiben. Nein, Louise wird die Gemahlin des Erbprinzen von Z**, wird das Opfer des politischen Interesse.“
„Als wir uns vor einigen Jahren im Garten von Dosa sahn, damahls, mein Lieber, reiste ich an den Hof, dessen Erbprinzeßin ich nun bald sein werde. Holder, ein gewisser Aellmar, und ein alter Rath am Hofe meines Bruders ließen mirs wissen, daß du mich noch mit aller Liebe liebtest, daß ich dir in der Nähe vorüberreisen würde, daß ich dich an einem dritten Orte noch einmal sehn, noch einmal sprechen könnte, — ihnen also hast du unsere Zusammenkunft in Dosa zu danken.“
„Und nun, Florentin, tröste dich. Ein Mann wie du findet leicht mehrere Louisen, aber ich werde keinen Florentin wieder finden. Der Erbprinz besizt zwar der männlichen Schönheiten manche, aber sie sind doch nur kaum ein Schatten von den Deinigen. Und vielleicht — vielleicht sind wir so glüklich auch künftig noch unsrer geheimen Liebe Nahrung zu geben; vielleicht darf dich auch noch einmal die Erbprinzeßin umarmen. Leb wohl, sei heiter und vergiß — oder vergiß nicht die ehmalige
geliebte Louise.“
„Ja, ich will deiner vergessen, ehmahlige Louise!“ sagte der Graf: „denn du hast meiner vergessen. — Freilich wie konnt ich armer Thor es hoffen, daß eine Fürstin mir treue Liebe vergelten würde, und doch war diese Hofnung so reizvoll für mich! — Ach, auch diese Freude ist mir genommen; o, ich sehe eine Lebensperiode vor mir, die die schreklichste ist, welche je ein Sterblicher durchwandeln mußte. — Nun lebe wohl, Kanella, durch mich glüklich gewordnes Kanella, lebe wohl; der dir dein Leiden abnahm, wird elender als er zu dir gekommen, deine Gränzen verlassen!“
Nichts liessen die edlen Kanelleser unangewandt den bedauernswürdigen Grafen bei sich zu behalten. Vergebens boten sie ihm grössere Macht und höhern Rang an; umsonst flehten ihn weinend die schönsten Damen der Republik auf dem Balle im Florentinischen Pallast an, daß er zurükbliebe — nichts vermochte bei ihm etwas. Er suchte Ruhe, Ruhe, die er nicht im glänzenden, geräuschvollen Stande zu Kanella, aber vielleicht wohl in den väterlichen Gegenden, in der Mitte seiner theuern Verwandten, finden konnte. Hier glaubte er seiner Leiden vergessen, seines Herzens Wunden heilen, seinen sonstigen Frieden wieder gewinnen zu können.
„Ah, wär ich ein Kind geblieben, seufzte er: so wär ich glüklich geblieben. Nun wohlan, so laßt mich hinziehn in jene Thäler, wo ich den Morgen meines Lebens durchtändelte; laßt mich hinziehn zu jenen Hainen, zu jenen Thälern, wo ich unschuldsvoll am Mutterbusen der gütigen Natur hing und keinen Schmerz, keinen Seelenharm kannte. Laßt mich wiederum werden wie ein Kind, und meines Daseins Stunden in mir selber verleben. Ja, es ist wahr, und abermahls wahr: selten, ist der Mensch in der Gegenwart glüklich, am meisten in der Vergangenheit, und Zukunft, in der Rükerinnerung und Erwartung!“
Borghemo, Giovanni Borsellino, der alte Eo, die schwarzen Brüder von Kanella, da sie sahen, wie unabänderlich Florentins Entschluß sei, ergaben sich mit traurenden Herzen in seinen Willen — alle nahmen sie den wehmüthigsten Abschied. Duur, der sich so leicht an gleichgestimmte Seelen kettete, litte ungemein, da er einen seiner Freunde nach dem andern von ihm hinweg eilen sah. Nur Dulli wollte nicht von seinem Herrn ablassen; allein Florentin selber fesselte ihn an sein Vaterland.
Einige Tage vor der Abreise rief ihn der Graf zu sich. Dulli trat wohlgemuth ins Zimmer, aber erschrokken fuhr er drei Schritte zurük, da er an der Seite des Grafen seine halbvergeßne Ladda erblikte.
Sie sehen alle vergangne Szenen der Liebe wieder heim rufen in die Seele, sprachlos ihr entgegen wanken, Vorwürfe und Verzeihung im Blikke tragen — war das Werk einer Minute.
Florentin. Nun, Dulli? kennst du dies schöne Mädchen?
Dulli. (mit beklemmter Brust und Freudenthränen) Ach, Ladda!
Ladda. (indem das stürmische Steigen und Sinken ihres Busens die Gefühle des Herzens verräth) Mein lieber — lieber Dulli!
Dulli. Du hier?
Ladda. Ich suchte dich, und habe dich gefunden.
Dulli. Und hofftest von mir noch Liebe?
Ladda. (mit Seelenruhe im glänzenden Auge) Ich hoffe sie. — (Pause. Sie tritt ihm näher) Dulli! (sie ergreift seine Hand und drükt sie weinend an ihren Mund) Mein Dulli!
Dulli. (ihr an die Brust sinkend) Ach, ja, Ladda, meine Ladda, Dulli liebt dich noch! —
Mit unbeschreiblicher Wonne lagen sie beide lange einander in den Armen, küßten sie sich der Versöhnung süssen Kuß, und vergaßen sie des Grafen, der ein gerührter Zuschauer dieses schönen Schauspiels war. Selber ein Unglüklicher in seiner Liebe ward er der Schöpfer fremden Liebes-Wohls. —
Viel zu fest waren die Banden, mit welchen Dulli nun an Kanella gebunden lag, als daß er sie hätte zersprengen und seinem geliebten Herrn folgen können, der begleitet von den Ersten der Republik, Kanella verlies.
Müd’ und Thatensatt eilte Duur in Gottholds Gesellschaft der Heimat entgegen. Sobald er die deutsche Gränze erreicht hatte, schrieb er sogleich an seinen Onkel folgenden Brief:
„Mein Onkelchen!“
„Ihr Neffe, Ihr Florentin kömmt, um bei Ihnen, so lange Gott es will, zu leben. Ich habe manches unterdessen erlitten, manche Thräne unterdessen geweint, — verfolgt vom Schiksal, fliehe ich in ihre väterlichen Arme zurük; da werd’ ich sicher ausruhn dürfen vom Sturm des Lebens. Nicht wahr, Sie haben sich eben so oft nach mir gesehnt, wie ich mich nach Ihnen — jezt werden unsre Wünsche erfüllt werden, wird uns beiden wohl sein. — Höchstens in vier Wochen treffe ich auf Ihrem Landgute ein, höchstens in vier Wochen küß’ ich Sie und meine Schwester und meinen Holder! O, ich zittre so bang, als würde ich die göttliche Stunde des Wiedersehns nicht erleben. — Wie viel werden wir da uns zu erzählen, wie viel uns da zu klagen haben! — Ich stelle mirs schon im Geiste vor, wie sie hervorstürzen werden aus dem Schlosse, wenn Sie die Hufen meines Pferdes schlagen hören; wie Rikchen weinend an meinem Halse hängen, Holder mich feurig umarmen wird. Ich fühle schon alle Freude voraus, die dann — ach, dann mir allein angehören werden! —“
„Hat sich vieles während unsrer Trennung auf dem Schlosse verändert? — lebt der alte Herr von Bastholm noch? Laden Sie ja ihn und den ganzen benachbarten Adel ein, daß nichts in unserm Feste mangle, was ihm Reiz gewähre. Leben Sie wohl indeß; leb’ auch du wohl, geliebtes Rikchen, die ich nun bald umarme; küsse deine Kinder — wenn du Mutter bist, denn ich weis ja noch gar nichts von Euern häuslichen Umständen, weil Ihr mir keine Nachricht gegeben habet, ihr bösen Leutchen! — und bleibt mir alle gewogen, Euerm Florentin.“
Dieser Brief hatte kaum das Duursche Landgut erreicht, als auch unser Graf schon mit seinem Gotthold daselbst anlangten.
Es war des Morgens. Die herbstliche Sonne hing hinter Nebeln verschleiert; die Felder standen, ihrer Halme und Goldähren entmäht, kahl und reizlos; die Natur schien sich allmählig, ihrer Arbeiten müde, zum Wiederschlafe zu bereiten — gelb und welk floß das Laub in kalten Morgenduft.
„Wir sind zur Stelle, Gotthold!“ rief der Graf, indem er den krummen Fahrweg zum Dorfe seines Onkels hinuntertrabte.
Gotthold. (freudig) Ja, ja! Sehn Sie nicht dort — dort wo hinter den Ulmen die graue Kuppel des Duurschen Schlosses hervorragt?
Florentin. Ich seh’s! Laß uns hier die Pferde ein Weilchen anhalten! — o Gott, mein Blut wallt ungewöhnlich, ich bin ausser mir!
Gotthold. Ach, da meine Eltern noch in dem Dörfchen hier lebten, da war ich wohl glüklich! Sehn Sie, gnädger Herr, hier rechts den Hügel hinter den beiden Scheunen? Sehn Sie die hohe Fichte darauf? — die hab ich als Knabe dahin gepflanzt, weil mir der Berg und die Aussicht von ihm hinab so wohl gefiel.
Florentin. Und bemerkst du nicht drunten den Bach? siehst du den Steig hinüber? Da baut ich meine Kähne, als Kind und lies ich meine papiernen Flotten aussegeln.
Gotthold. Ach, es waren schöne Zeiten.
Florentin. Waren schöne Zeiten, und sollten sie nicht wiederkehren? — O, gewiß! gewiß!
Gotthold. Aber es ist alles so still!
Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schläft noch jedes Auge.
Gotthold. Wenn man wüßte, wie nahe Sie wären, gnädiger Herr — —
Florentin. Ich kann unmöglich sogleich zu meinen Freunden fliegen — ich bin so verwirrt, so ängstlich, so froh — ein Heer von Empfindungen überwältigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke die holden Schläfer aus ihren Morgenträumen, deren Inhalt vielleicht ich bin. Sag’ ihnen meine Ankunft! — tummle dich! — —
Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum Schloßhofe entlang.
Aber der Graf rükte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte. Sein Blut stürmte ungestüm durch die Adern hin; der Purpur der Freude schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in unwillkührlichen Thränen.
„Gott! mein Gott!“ sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glühender Inbrunst: „gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Güte! Ich war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war Jüngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden. Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im Himmel, hast mich nicht vergessen, — du hast mich reinern Freuden aufgespart, deren Genuß mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein Kind; mit Thränen dank’ ich dir und Seufzern, daß du mich nicht vergessen hast!“
Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete fort.
Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; — er sahe die graue Schloßkuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfüllung seiner Jahrlangen Schwärmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewölke um ihn her.
Er stand auf dem Schloshof — sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur offnen Pforte, wo Holder ihm in die Arme sank.
„Noch einmahl sei Gott gelobet!“ rief der Freudenberauschte Graf: „so hab ich dich wieder!“
Holder. (mit bebender Stimme) Mein Florentin!
Florentin. (ihn heftig an sich pressend) Holder, Holder!
Holder. O Gott! — die Freude tödtet mich!
Florentin. Nun hab’ ich ausgerungen.
Holder. Ausgerungen?
Florentin. Nun will ich ausruhn von vielen Kämpfen, vielen Leiden! — Holder, was macht Onkelchen? — was dein Weibchen? — wo ist mein Sohn, mein Karl?
Holder. Sie schlafen.
Florentin. Sie schlafen? wir wollen sie erwekken, wollen ihnen den Schlummer von den Wimpern abküssen, sie aus einem Traum in den andern führen.
Holder. (lächelt schwermüthig) Wollen wir?
Florentin. Du siehst so blas, Holder, so kränklich! was fehlt dir?
Holder. Wenig — und viel! — doch davon ein andermahl.
Florentin. Auf — wo sind die Lieben?
Holder. Du scheinst sehr heiter zu sein.
Florentin. (verwundert) das bin ich, wiewohl ichs sonst nicht war. Aber, um Gotteswillen, wie geräthst du zu solchen Gedanken anjezt — anjezt!
Holder. Ich sah deine blühende Gesichtsfarbe, dein muntres Wesen. So warst du nicht vor Jahr und Tag, als ich dir den Weg zum rothen Walde vor Munchenwall beschreiben mußte.
Florentin. Die Zeiten sind vorüber!
Holder. Sind vorüber?
Florentin. Was zaudern wir? laß uns die Schläfer erwekken. — Dein kaltes, trübsinnathmendes Schweigen macht mich zittern — Holder, Holder, was ist geschehn? — ist einer von ihnen krank?
Holder. (ihm auf die Achseln klopfend) Keiner! — folge mir — doch eins noch; wen verlangst du zuerst zu sehn; den Onkel, mein Weib oder deinen Sohn Karl?
Florentin. (schwankend) Alle zugleich; führe mich zu allen. Und Karl — Karl ist hier im Schlosse?
Holder. Ja wohl!
Florentin. O, so führe mich zu meinem Sohn!
Holder, der so gern die fürchterlichste Schwermuth hinter seinem Lächeln und Scherzen verstekken wollte, ergrif die Hand des gerührten Vaters, welcher jezt zum erstenmahl die Frucht seiner Liebe umarmen sollte, und leitete ihn in ein bekanntes Kabinet, wo, halbnakt, blühend, schön und unschuldig ein Liebesgott auf weichen Pflaum hingestrekt schlummerte.
„Dies ist dein Sohn!“ sprach Holder und zeigte mit der Hand auf das schlafende Kind.
Der Graf stand frohbestürzt an Karlchens Bett; seine Augen wurden naß; seine Lippen bebten von einem Segensspruch über den schlummernden Sohn; bestürmt von den unaussprechlichen süssen Vaterfreuden sank er hin über den schönen Knaben, ihn mit tausend Küssen erwekkend.
„Karl! mein Karl!“ jauchzte Florentin mit väterlichem Hochgefühl.
Ein großes liebliches blaues Augenpaar schlug der Knabe auf, hochverwundert ob der fremden Erscheinung.
„Oheim Holder!“ rief er mit süsser, furchtsamer Stimme: „wer ist der Mann?“
„„Dein Vater!““ entgegnete Holder: „„dein von dir so lange erwarteter, lieber Vater ists!““
„Mein Vater bist du?“ sagte das Kind mit dem anmuthigen Lächeln eines Engels und wand sich so dicht mit Armen und Füssen um den wonnevollen Florentin, als hätte es in der That den traurigen Zustand zu fühlen gewußt, in welchem es sich bisher befand, da es weder seinen Vater noch seine Mutter kannte.
„„Ja, theures Karlchen — ja, mein Alles, mein Sohn, ja ich bin dein Vater!““ erwiderte der Graf, der nicht wußte, wie ihm geschah, als ihm der süsse Vaternamen zum erstenmahle von den Lippen des holdseligen Buben entgegen scholl: „„Ich bin dein Vater, der dich nun nie wieder verlässet.““
Liebst du mich denn?
„Ja, Karl ist dir recht gut?“
„„Wie sehr liebst du mich denn?““
Das Kind antwortete nicht, sondern drükte sich schmeichelnd an seinen Vater fest an.
Länger, als eine Stunde, tändelte Duur mit dem Kinde, indem er selbst vor Freuden zum Kinde ward. Bald wikkelte er die gelben Lokken des Knaben um seine Hand; bald küßt er ihm Stirn’, Augen, Mund und Wangen; bald suchte er Louisens Züge in Karlchens Mienen auf, bald die seinen.
O, Väter und Mütter, die Ihr diese Blätter leset, Ihr nur verstehet mich, Ihr nur wisset Florentins Tändeleien richtig zu beurtheilen, Ihr nur kennet die Sprache des zärtlichen Gefühls. Mahlet Euch die Szene mit all den weichen Farben aus, welche Eure Fantasie Euch beut — ich schweige. Schweige, damit nicht kalte Krittler mich langweilig finden, oder unnatürliche Eltern mich nicht einen empfindelnden Schwäzzer schelten mögen.
Wie gesagt, erst nach einer vollen Stunde fiel es dem Grafen bei auch die andern Geliebten zu sehen.
„Bringe mich zu ihnen!“ sagte er zur Holdern.
„„Sie schlafen!““ entgegnete dieser.
„Lass’ uns sie wach küssen.“
„„Wirst du es?““
„Ich werd’ es. Fort, fort, ich zittre vor Ungeduld meinen alten Onkel, meine Schwester zu, sehn!“
„„Komm!““ antwortete Holder, dessen Gesichtszüge sich plözlich verändert fanden, dessen Augen in Zähren schwammen, dessen Sprache stokte.
„Was ist dir?“ fragte der Graf.
„„Was soll mir sein?““ war die Gegenfrage.
Holder führte seinen Freund zum Schlosse hinaus, durchs Dorf.
„Wohin bringst du mich? führe mich zum Bette meines Onkels und meiner Schwester!“ sagte Duur ängstlich, indem er von schreklichen Ahndungen angeweht, sich dichter an Holdern schlos.
„„Ich führe dich dahin!““ antwortete dieser, indem er mit seinem Schwager so eben in den Dorfkirchhof trat, und den guten Duur vor einem verwitterten Leichensteine stehn lies, an welchem geschrieben war:
„Wandrer, stehe still!
Allhier
ruhen die Hüllen zweier guten, frommen
Seelen, die Gebeine
der
edeln, vielgeliebten
Friederike von Sorbenburg
und
des braven
Albertus Daniel von Duur.
Wandrer, der du Tugend liebest, weine, denn
diese sind deiner Thränen
werth!“
„Hilf mir Gott!“ schrie Duur erblassend und stürzte vom Schmerz entgeistert auf einen Grabhügel.
Holder. (vor sich niederstarrend, mit verschränkten Armen) Florentin!
Florentin. (nach einer langen Stille in tiefsten Jammer ausrufend) Auch sie sind dahin — o mein Gott, auch sie!
Holder. Du bist ein Mann, ich darf dich nicht trösten!
Florentin. (ihn nicht hörend) Auch sie!
Holder. Steh auf, Bruder; die Theuern haben längst ausgelitten.
Florentin. Längst schon?
Holder. Kaum wars ein Jahr nach deiner Wanderung aus Deutschland, da starb mein Weib in Kindesnöthen; der Onkel grämte sich um ihren Verlust zu Tode.
Florentin. Grausamer, warum erfuhr ich dies nicht schon lange?
Holder. Nenne mich gütig, nicht grausam; solch ein Unglük erfährt man jedesmahl nur zu früh; auch die schwarzen Brüder verhinderten, daß dir davon Nachricht ward, damit dich der Schmerz nicht großen Thaten entnervte.
Florentin. (jammernd) Schwester, Schwester, o meine Schwester, so seh’ ich dich nie wieder? O, mein alter, ehrwürdiger Oheim, so schläfst du ewig? erwachst nie wieder, deinen unglüklichen Florentin noch einmahl zu segnen?
Holder. (schmerzvoll) Florentin!
Florentin. Ha, Leben, schrekliches Leben, schreklicher Traum, wann werd’ ich von dir erwachen? —
Holder. Hörst du die Stimme deines Holder nicht mehr?
Florentin. Ich höre nichts — nichts mehr! für mich ist alles tod. Ich habe keine Schwester mehr, habe keinen Vater, keinen Badner, keine Geliebte — — alles ist dem unglüklichen Florentin geraubt. Ausruhen wollt’ ich, ach, und ich darfs nicht. Ich wähnte im Hafen des Friedens gelandet zu haben, wehe mir, und der Sturm des Schiksals schleudert mein zerbrechliches Schiff weit in den Ozean zurük.
Holder. Deine Seele leidet viel.
Florentin. Leidet unaussprechlich viel; ach, die ganze, fürchterliche Summe des menschlichen Elendes liegt auf sie allein hingebürdet.
Holder. Verzweifle nicht.
Florentin. Verliere deine Bluts- und Herzverwandten, verliere deine lezten Aussichten, den lezten tröstlichen Hofnungsschein, die allerlezte Zuflucht, verliere alles und fühle dieß alles — und sprich dann zu dir: verzweifle nicht! — Oh, prahlerischer Bund der Schwarzen, ich habe deine Wünsche gestillt, deine Entwürfe zur Wirklichkeit umgeschaffen — wo ist mein Lohn? wo sind die mir vorgespiegelten Freuden? — tritt her, gesammter, großer Bund, tritt her, in deiner ganzen Allmacht, und rufe meine Freuden aus dem Grabe hervor! —
Holder. Wird dein Klagen die Entschlafnen wekken?
Florentin. Wirds freilich nicht! Aber laß mich hier liegen auf dem kleinen Hügel, der die Asche meiner Ewiggeliebten verschließt — ich bin doch dieser Asche näher, fühle mich getrösteter. Bruder, o mein Bruder — ich bin ja ein Mensch!
Holder. Und bist ein Christ!
Florentin. (mit Bewegung) Ein Christ.
Holder. Und wirst wiedersehen die deiner Seele werth sind nach dieses Lebens entflohnem Traum.
Florentin. (nachlallend) Werde sie wiedersehn!
Holder. Drum auf, ermanne dich, Florentin, um ein Kleines, und du wirst Trost gefunden haben!
Florentin. (liegt in dumpfer Betäubung auf dem Grabe.)
Holder. Folge mir in unsre Wohnung; abgesondert von der Welt lebte ich dort lange schon das Leben eines Einsiedlers. Du bist jezt mein Gefährt. — Hörst du mich nicht?
Florentin. (schweigt)
Holder. Oeffne dein leidendes Herz für den Freund. Auf, folge mir nach.
Florentin. (antwortet nicht)
Holder. Vater, Vater, hörst du nicht die Stimme deines Kindes mehr? — Karl ruft! hörst du nicht, Florentin?
Florentin sprang bei diesen Worten auf. Er wandte die Augen gen Himmel und seufzte tief. Holder führte den leidenden Mann heim.
Vergebens war Holders tröstliches Zureden, vergebens Karlchens kindisches Milleiden — nichts heiterte den Grafen wieder auf; seine Seele war allen frohen Empfindungen verschlossen. — Er hatte zu viel verloren, zu viel Empfindsamkeit für seinen Verlust; er war zu sehr getäuscht in Erwartungen, welche ihn ehemals zu den gefährlichsten Wagstükken Muth und Flügel gaben — kein Wunder, wenn er mit jeder Woche düstrer wurde, da jede Kleinigkeit ihn an den traurigen Verlust erinnerte.
Nur Holder, dieser seltsame, ausserordentliche Mann blieb sich immer gleich; er beschäftigte sich seit des Grafen Ankunft mehr, als sonst, mit gewissen chemischen Operazionen, Briefwechseln, und dergleichen mehr. Florentin achtete nicht darauf. — Holder machte ein Testament in seinen und Florentins Namen, worin er den Herzog Adolf, als Landesherrn zum Erben der Sorbenburg und des ganzen Duurschen Vermögens, einige Legate ausgenommen, einsezte. Duur mußte das Testament eigenhändig unterschreiben, doch keine Frage gieng aus seinem Munde, wegen des sonderbaren Betragens seines Freundes — Holder lies Anstalten zu einer großen Reise machen; Florentin erkundigte sich um diese Zurüstungen nicht.
Eines Tages trat der räthselhafte Mann vor dem Grafen hin; mit vieler Mühe gelang es ihm denselben in ein Gespräch zu verwikkeln.
Holder. Erinnerst du dich noch der Stunde, Bruder, da ich dir jenes Gelübde that; du solltest mich über fünfhundert Jahren wiedersehn in Deutschland?
Florentin. Dunkel.
Holder. Die Welt scheint dir verhaßt zu seyn.
Florentin. So, daß ich einen Selbstmord begehn könnte.
Holder. Spare den Rest deines Lebens für ein andres Jahrhundert. Ich thue desgleichen.
Florentin. Ich verstehe dich nicht.
Holder. Du sollst die Erde noch einmahl nach fünfhundert Jahren sehen. Vielleicht blühen dann für uns mehr Freuden, vielleicht hat dann die Vergessenheit einen Schleier über unsre vergangnen Leiden gewebt. Hast du Muth genug in meiner Gesellschaft ein halbes Jahrtausend zu verschlafen?
Florentin. (ihn anstarrend) Mensch!
Holder. Vielleicht wähnst du, ich scherze, oder rase. Aber bei dem Ewigen, du irrst.
Florentin. Ist es möglich?
Holder. Wann ertapptest du mich je auf einer Lüge? Klage mich vor dem Richterstuhl Gottes an, wenn ich dich betrog. — Hast du Muth?
Florentin. Aber mein Sohn Karl — —
Holder. Wird, unbewußt was mit ihm vorgeht, mit uns schlafen.
Florentin. Ich begreife dich nicht. Wann wirst du dich mir endlich enträthseln?
Holder. Nach fünfhundert Jahren, wenn du willst, dann will ich dir noch in Deutschland erklären, was ich bin und wer ich war.
Florentin. O, es ist ein schöner Traum, die Bürger der Erde nach fünf Jahrhunderten noch einmahl zu erblikken — allein — — —
Holder. Wenn wir dann vielleicht in einer einsamen Hütte friedlich beisammen sizzen und die neuen Menschen erblikken und die Hand Gottes anstaunen, dann könnte ich dir vielleicht noch manchen Aufschlus über manches geben, dann ließe es sich so schön von unsern vergangnen Freuden und Leiden plaudern.
Florentin. Noch einmahl, Holder, du weißt mir mit jedem Augenblick unerklärlicher? — wie ist es möglich, daß Seel’ und Körper ein halbes Jahrtausend unverlezt und sich ihrer bewußtlos existiren? —
Holder. Hast du die Geheimnisse der Natur alle erforscht, vermöge welcher der Körper auf Jahrtausende unverweslich erhalten, und das Band zwischen denselben und der Seele gestählt werden kann? — O Bruder, Hamlet hat Recht, wenn er sagt, wohl liegen unter dem Monde noch gewisse Dinge vorhanden, von denen sich das menschliche Geschlecht nichts träumen läßt! —
Florentin. (bestürzt) Holder!
Holder. (mit unbeschreiblicher Majestät) Wisse, ich bin der Obern einer im Bündnisse der schwarzen Brüder! — Eben dies Bündnis sendet mich an die Brüder nach fünf Jahrhunderten, um unsers Ordens heilige Statuten aufrecht zu erhalten zum Wohl der Menschheit; Ich mus — mus dahin! willst du mich begleiten?
Florentin. Wohl, ich schlage ein; denn was hab ich in diesem Leben noch zu verlieren, oder was noch zu gewinnen?
Holder. Ich habe jede Vorkehrung getroffen, daß wir, ohne Unordnungen zu erregen, aus den jetzigen Verhältnissen heraustreten dürfen. Wir reisen nun nach den Alpen.
Holder hielt Wort. Nach Verlauf weniger Monate standen sie schon beide, mit dem kleinen Karl, in einer der grausenvollsten, abgelegensten, unbekanntesten Höhlen des Alpengebürges.
Ein heimliches Schaudern schüttelte allen die Haut. Holder zündete Licht an, welches durch seinen matten Schimmer diesen unterirdischen Aufenthalt nur noch fürchterlicher machte. Sie suchten sich, jeder besonders, ihre künftige Ruhestätt aus; dann langte der Obere des schwarzen Bundes eine Flasche hervor, gefüllt mit einem unbekannten Getränk. Er goß davon eine silberne Schaale voll und trank sie rein aus. Er füllte die Schaale zum andernmahle, und bot sie dem Grafen. Der Graf schauderte und trank. Zum drittenmahle floß das Getränk in den Silberbecher, und Karlchen, ohne die seltsamen Wirkungen zu beahnden leerte das Gefäß.
„Jezt ists vollbracht!“ rief Ludwig Holder aus: „jezt ists vollbracht! leb wohl für diesmahl, Welt, nach fünf Jahrhunderten sehe ich dein Licht wieder!“
Sie umarmtem sich. Das brennende Licht verlöschte plötzlich. Alle sanken aufgelößt um.
„Herr Gott, erbarm dich unser!“ schrie der Graf.
„Vater! Vater!“ lallte das Kind.
Und sie entschliefen! — — —
* * *
Sie scheinen zu erstaunen, meine Leser und Leserinnen! — ich erstaune nicht weniger als Sie selber. Indessen was wahr ist, bleibt wahr. — Florentin und Holder schlummern ruhig den Morgen eines Tages vom Jahr 2300, nach Christi Geburt, entgegen.
Ich bin überzeugt, daß ein volles Drittheil meiner Leser, wo nicht alle, so gern als Florentin von Duur dem wunderbaren Ludwig Holder von Sorbenburg in die Alpenhöhle nachfolgen würden, wenn sie Gewißheit hätten, nach einem gewissen Zeitraum wieder zu erwachen. Wie viel Veränderungen haben sich in der Zeit nicht auf unserm Erdenplaneten ereignet! welche Revoluzionen in der politischen und Schriftstellerwelt haben sich unterdessen angesponnen und ausgebildet! — Wie sehn dann die Staaten, wie sehn dann die Menschen aus!
„Welche Moden werden dann herrschen?“ fragt mich eine Dame.
„Was wird man dann von mir und meinen operibus reden?“ fragt mich ein Autor.
„Wie stehts dann mit dem Bunde der schwarzen Brüder? und wird Florentin mit Holdern und Karlchen glüklicher sein?“
„„Wir möchten um alles in der Welt gern Zuhörer von Holdern abgeben, wenn er seinen Lebenslauf erzählt in der Hütte des vier und zwanzigsten Sekulums!““
Sie haben sammt und sonders, meine Leser, gar nicht unrecht. Allein um Ihren Zwek zu erreichen, ist es nothwendig, daß sie entweder mit Florentin und Holder fünf Jahrhunderte später wieder auferstehn, oder daß Sie mich und meine prophetische Muse bitten, damit wir Ihnen den schwarzen von der Hand des Fatums gewebten Vorhang vor dem Allerheiligsten der Folgezeit ein wenig lupfen, und Sie in den Gukkasten der Zukunft auf ein Weilchen hineinblikken.
Geben Sie mir also ein gutes Wort: so erzähle ich Ihnen im folgenden Bändchen Raritäten aus dem vier und zwanzigsten Jahrhundert nach Christi Geburt! —
Nun? — — —