Ergieß Dich in die Adern, süsse Schwermuth
Dränge mein Herz, bis das Auge thränt,
Und eine Zähr auf blasser Wange
Im Mondenschein zittert!
Der Abend ward stiller. Kein Lüftchen säuselte durch der Bäume schlummernde Zweige; das Ufer des Sees drüben hauchte sanft über die Wellen den sterbenden Ton der Stimm’ und Saiten zurück.
Idalla horchte vor der Hütte. Holder hatte sie das Spiel der Laute, die Natur aber sie Empfindung und Gesang gelehrt. Kaum herrschte die alte Stille, so hub sie an, in Begleitung der Saitenakkorde:
Freud’ und Ruhe sind Geschwister,
Sie nennen dich Mutter, Natur!
Sie flüstern im hangenden Maibusch,
Sie wohnen im Busen
Des duftenden Veilchenthals;
Sie tanzen vertraulich auf deinen
Zitternden Wellen, o See!
Holder. Weinend gedenk’ ich deiner,
Heilige Vergangenheit!
Weinend gedenk’ ich eurer,
Heilige Minuten der Freundschaft,
Heilge Momente der Liebe. — —
Entblätterte Rosen
Blühen nicht wieder, —
Und ihrem Grabe entsteiget
Nicht die gestorbene Freude.
Idalla. Im weichen Arm der Ruhe
Schläft die Vergangenheit;
Am Arm der Freude tanzet
Die junge Gegenwart!
Und Ruh und Freude wohnen
In deinem Schoos, Natur!
Holder. Und euer Staub,
Und eure Gräber
Sind längst verweht,
Ihr, meines Lebens Engel,
Verwandte meines Herzens!
Ach, euer Geist
Durchwandert fremde Sterne.
Und denkt nicht mehr
Des Weinenden im Staube.
Idalla. Was Grab sonst war
Wird eine Freudengrotte;
Wo sonst die Freude schwärmte
Ist nun der Ruhe Schlummerbett.
Was hier verblüht,
Blüht herrlich drüben auf.
Denn Freud’ und Ruhe
Sind zärtliche Geschwister.
Holder. (indem er sich Idallen nähert.)
Laß uns, so lange sie uns lächelt,
Die Freude küssen,
Und dann ermüdet sinken
In ihrer Schwester Arm!
Idalla eilte ihm entgegen: „Du hast das Lied mich gelehrt, Holder, und so straf’ ich Dich mit Deiner eignen Lehre. Hättest Du Dich nicht bald bekehrt und mein Lied gesungen: so hätt’ ich Dir die Laute genommen.“
„Aber Deine Augen sind ja feucht, Idalla. Hast Du geweint?“ fragte Holder.
„Beinah.“
„Warum denn?“
„Warum? Dich machte die Vergangenheit, mich die Zukunft traurig. Ach, Holder, wenn ich Dir die Vergangenheit vergessen machen könnte, und Du Idallen in Schutz nähmest für die Zukunft! — Ich hab so allerlei bei mir gedacht — meine Brüder haben mich verlassen, dem guten Florentin gefällts bei mir nicht mehr, und, dacht’ ich dann, wenn Holder mich — — —“
„Was denn?“ fragt’ er zärtlich.
„Mich nicht mehr — — — ach, lieber Holder!“ sagte sie stockend und schlug ihren Arm um seinen Nacken.
„Würde mich Idalla gern verlieren?“
„Ich antworte Dir nicht.“
„Gute Idalla!“ seufzte er, und starrte ihr ins freundlich-traurige Auge.
„Was willst Du?“ lispelte sie unruhig, und ihr Busen erhob sich. Der Mond brach in diesem Augenblick durch ein falbes Gewölk und überströmte die unbefangne Engelsmiene dieser kleinen Heiligin mit einem verklärenden Glanz. Holdern ward, als wär er verzaubert in eine wunderbare Feenwelt; als wandelt er neben einer Ueberirrdischen. Das feierliche Schweigen allgemein umher; nur dann und wann ein melancholisches Aufmurmeln der fernen Wellen; das magische Helldunkel der Landschaft, der grelle Wechsel und Contrast des tiefsten Schattens und hellsten Silberlichts — alles wirkte sonderbar auf sein empfindsames Herz.
„Holder, lieber Holder!“ sagte endlich nach einer langen Pause die schöne Insulanerin, und wußte nicht, oder sehnte sich nicht, mehr zu fragen. Aber unwillkürlich entschlüpfen ihren Lippen die Worte: „Ich mögte wohl etwas wissen von Dir.“
„Und was denn?“
„Ob ich — ob Du — ob Du meines Vaters Grab weißt?“
„Eine seltsame Frage. Nein ich weiß es nicht.“
„Hier, hier unter uns, am jungen Eichbaum hier.“
„Laß ihn ruhn!“
„O, wenn er doch noch lebte, wenn er Dich doch auch sähe, wenn — — — er würde Dir gewiß auch recht herzlich gut seyn.“
„Idalla ist mit also herzlich gut?“
„O, Holder, so hätte ich Dich nicht fragen mögen. Wenn ich nur alles, alles Dir so sagen könnte. Wenn ich nur — — o, Du verstehst Idallen niemals!“
„Ich versteh Idalla’s Sprache dennoch!“
„Aber ist Dir denn auch so zu Muth bei Idallen, wie Idallen bei Dir?“
„Eben so, und ewig so.“
„Ewig so? das ist ein kleines Wörtchen mit unermeßlichem Sinn. Ach, dann könntest Du auch Idallen nie verlassen, denn Idalla kann Dich nicht verlassen.“
„Ich will es nie.“
„Holder! Holder!“ schluchzte sie und warf sich an sein Herz und weinte heiße Thränen.
„Und Idalla weint?“
„Ach, Idalla muß weinen, denn sie ist Holdern zu gut!“ rief sie, und klettete sich fest an ihn, und es war ihr, als ständ’ ihr Vater ihr zur Seiten und segnete sie.
Holder sank an Idallens Busen. „Ich glaub’ eine Seelenwanderung,“ rief er mit nassen Augen: „ich höre Rikchens Stimme; aus dir spricht wieder meiner Friedrike Geist zu mir!“
Er schwieg. Die Eichen summsten im Winde. Die abendliche Natur feierte mitempfindend das Fest der schönen Seelen. Rikchens Geist schien auf einer Wolke niedersinkend, ihrem Holder Beifall zu lächeln.
Erst am Abend des folgenden Tages kam Duur von seiner Jagd heim. Aengstlich und bekümmert hatten Holder und Idalla den ganzen Tag vergebens seine Zurückkunft gehofft.
Wie heiter lachte ihm Holder nun entgegen; wie freundlich drückt’ ihm Idalla die Hand! Er kam aber nicht allein, sondern ein fremder Mann mit ihm.
Florentin war finster. Er warf die Flinte in einen Winkel nieder und bat für den Fremdling um Speis’ und Trank und Nachtlager.
Gastfreundlich trug die liebe Wirthin ihr Bestes auf. Florentin warf sich in einen Sessel, und lachte bald und knirschte bald mit den Zähnen.
Holder lehnte sich ihm gegenüber an die Wand, und betrachtete das seltsame Mienenspiel seines Freundes mit Verwunderung.
Alles schwieg. Holder wollte doch ein Gespräch anknüpfen, und fragte, um etwas zu fragen, den Fremden: „was giebts neues in der Welt?“
„Neues?“ entgegnete der Gast: „Das Neuste wäre nun wohl, daß der deutsche Kaiser in der vorgen Woche zu Berlin gestorben ist.“
„Wie? sind Preußen und Oesterreich so gute Freunde und Nachbarn?“
„Ich verstehe Sie nicht?“
„Ihr sagtet, der Kaiser sey in Berlin gestorben.“
„Freilich — in der Residenz.“
„In der Residenz? residiren die Kaiser in der preußischen Residenz?“ fragte Holder und sah den Gast mit verdächtigem Lächeln an.
„Nun ja, wo denn anders? Ach, Sie scherzen — ja, ja, ich besinne mich. Vor dreihundert Jahren sollen sie noch in Wien gewohnt haben. Ich weiß das noch von der Schule her, wenn wir das dürre Namenregister der deutschen Kaiser auswendig lernen mußten.“
Holdern schoß bei diesen Worten das Blut ins Gesicht — er erinnerte sich der Alpen, und das, woran er unterweilen selbst noch zu zweifeln gewohnt war, bestätigte sich ihm immer mehr und auf neue Art zur sonderbaren Gewißheit.
Aber Florentin saß da, starr und unbeweglich, sah und hörte nicht. Sein räthselhaftes Betragen ward mit jedem Augenblick auffallender.
Es war ein langweiliger Abend. Der Fremde sehnte sich endlich zur Ruhe. Idalla wies ihm sein Lager.
„Was fehlt Dir, Florentin?“ fragte Holder endlich in einem herzlichen Tone, indem er die Hand des Sonderlings ergriff: „Du bist niedergeschlagen!“
„Laß mich!“
„Nein, ich kann unmöglich länger ein verlegner Zuschauer deines Mißmuths seyn. Erkläre Dich. Sey offenherzig. Was hast Du vor?“
Florentin antwortete nicht, sondern ein tiefer Seufzer drängte sich aus seiner Brust auf. Holder schüttelte den Kopf. Idalla warf den Arm um ihren Liebling, und sah, das Haupt traulich an seine Achsel gelehnt, der ungewohnten Szene zu.
„Bruder!“ rief Florentin endlich, stand auf und ergriff Holders Hand mit Ungestüm: „Hast Du mich betrogen? — Bei dem ewigen Gott, bei unsrer Freundschaft, bei der Asche meiner Schwester, die Du einst so sehr liebtest, bei allem was dir theuer war und noch ist, sei beschworen: hast Du mich betrogen?“
Holder. (kalt.) Ich Dich betrogen?
Florentin. (mit glühndem Gesicht.) Hast Du mich betrogen?
Holder. Ich verstehe Dich nicht.
Florentin. Triebst Du Gaukelei mit mir in der Alpenhöhle? wirkte Dein Schlaftrunk auf fünf Jahrhunderte oder fünf Tage?
Holder. Wie kömmst Du erst jezt auf die Frage?
Florentin. (wilder.) Antworte mir! es liegt mir alles daran — mein Leben, meine Seligkeit; antworte!
Holder. Nach meinem Willen auf fünf Jahrhunderte.
Florentin. So hintergehn mich Verstand und Sinne. Denn, Holder, — Holder! ich, habe sie gesehn!
Holder. Wen hast Du gesehn?
Florentin. O, daß Du so fragen kannst; ich habe Louisen, — Louisen, Adolphs Schwester — gesehn! Wir leben noch im achtzehnten Jahrhundert! Ich habe sie gesehn!
Holder. (verwirrt.) Du die Prinzessin?
Florentin. Eben die, welche mich an Adolphs Hofe liebte, eben die, welche ich im Garten von Dosa gesehn!
Holder. Das ist unnatürlich! —
Florentin. Meinst Du? — O, ich war beinahe zufrieden, hatte das achtzehnte Jahrhundert mit seinen Leiden und Freuden schon halb vergessen; mein Onkel, mein Rikchen, mein Badner, Louise, Adolph, Kanella, — alles hing nur noch in verbleichten Farben vor meiner Seele. Ich glaubte die Wunden meines Herzens schon zugeheilt; kein Gram nagte mehr an meiner Ruhe — o, mein Gott, und das alles hatt’ ich mir nur vorgelogen. — Louise lebt noch, und ich mit ihr in einem Jahrhundert.
Holder. Dich betrügt ein Traumbild.
Florentin. Sprich lieber, es hatte mich betrogen, und daß ich so — so, davon erwachen mußte! — —
Idalla. (mitleidig.) Du bist unglücklich?
Florentin. Ja, liebe Idalla, ich bin sehr unglücklich.
Idalla. Armer Florentin!
Florentin. Ja wohl, ärmer bin ich zu keiner Zeit gewesen!
Holder. Es bleibt mir alles ein Räthsel, ehe Du mir nicht umständlich Dein Abentheuer im Walde erzählst.
Florentin. Ich wills erzählen — vielleicht machts mich ruhiger. O, klaube aus meiner Erzählung jedes Mögliche heraus, um mir nur zu beweisen, ich habe Louisen nicht gesehn. Hörst Du? — Ach, ich liebe sie noch, ich muß sie lieben, trotz ihrer Untreue!
Holder wußte nicht, was er glauben sollte, und sah seinem Freunde mit einer unbeschreiblichen Verlegenheit ins Gesicht.
Idalla zündete die Lampe an; sie und ihr Liebling nahmen den Schwärmer in die Mitte, der endlich ihre Neugier stillte und seine Erzählung begann:
„Gestern verließ ich Euch; ich war etwas düster; Gott weiß, was ich dachte, was ich empfand. — Ich war noch keine Stunde umhergetrabt, als ich mich mißvergnügt unter einem Baum niederwarf, und mich in die Tage der Vorwelt heimträumte. — Ist er nicht wunderbar zusammengesponnen der Traum meines Lebens, dacht’ ich.“
„Ich war ein Kind, und war glücklich. Ich blühte zum Jüngling auf, und hoffte auf einstige Seligkeiten! — Ich wurde ein Mann, und — war unglücklich. Louise machte mich unglücklich, oder vielmehr ich mich selber. Dem Tode nahe, wurd’ ich errettet. Ich war der Verzweiflung nahe, und die Hand der schwarzen Brüder führte mich von dem Abgrunde hinweg, über dessen Tiefen ich schwebte, Ich suchte Ruhe, suchte Zerstreuung, und befreite Kanella mit Lebensgefahr. Lorbeern erndtete ich, aber keine Ruhe des Herzens. Meine Wünsche, meinen Lohn, welchen ich mir ersah, konnte mir des schwarzen Bundes Allgewalt nicht verleihen. Das Schicksal kämpfte wider mich mit eiserner Faust. Ich war elend, schmachtete nach einem bessern Leben — die schwarzen Brüder wollten mich belohnen und ertheilten wir zum Geschenk — ein andres Jahrhundert.“ —
„Ich bin noch nicht glücklich, dacht’ ich weiter. Und woher meine Unzufriedenheit? wohinaus will dies unaufhörliche Sehnen? — Ich wollte in mein Innres hinunterschaun, und fand — und fand die Phantasie mir Louisens Bildniß vorhaltend.“ —
„Also dahin willst du? Unmöglichkeit ist dein Ziel? — o, rief ich mir selber zu, so unmöglich ist denn auch dein Glück hienieden! — Verdammt sey der Schlaftrunk, der mich um den Rest des Zeitalters plünderte, in welchem noch eine Louise wohnte. Verdammt sey die Stunde, in welcher ich den ungeheuren Riesensprung in der Zeit wagte, welcher eine Ewigkeit zwischen mir und Louisen wälzte. — So dacht ich. In dem Augenblick rauschte etwas hinter mir auf; mein Pudel bellte — dies erweckte mich. Ich sah mich um; eine Hündin sprang neben mir vorbei. — Ich fuhr auf, verfolgte das Thier, welches vielleicht noch von keinem Jäger verfolgt worden war, denn es blieb oft stehn und neckte mich immer weiter.“ —
„Du sollst mein werden! rief ich und dachte an Louisen: Du sollst mein werden, denn uns scheidet noch nicht die unüberspringliche Kluft von Jahrhunderten! — ich verfolgte das Thier Stundenlang und erreichte es nie!“
„Der Mittag mochte noch nicht vorüber sehn, als ich, von der fatalen Hündin verführt, ziemlich entfernt von dieser Gegend, mich mit einemmale aus des Waldes Dunkel in einen grünen, zirkelförmigen Platz stürzte, in dessen Mitte zwei niedliche mit Wimpeln und Segeln versehne Kähne auf trocknem Boden standen!“
„Ich blieb stehn. Ich wähnte in der Feenwelt zu wohnen. — Die Hündin entwischte, ich dachte nicht mehr an sie.“
„Nun, bei Gott!“ sagte Holder: „läßt sich doch Deine Erzählung so drolligt an, wie irgend ein Märchen aus Gallands Tausend und einer Nacht. — Zulezt glaub ich gar, die Weltbegebenheiten laufen aus und repetiren sich, wie ein Uhrwerk. — Wir leben und weben wieder in den Tagen, die Wieland und Ariost so schön besangen.“
„Das wird mir immer wahrscheinlicher!“ sezte Holder muthwillig hinzu, indem er sich in Idallens großen blauen Augen spiegelte, die ihn so liebevoll anblickten.
„Erzähle Du weiter, armer Florentin!“ sagte Idalla, und faltete ihre Hand in Holders Hand.
„Indem ich,“ fuhr Florentin erzählend fort: „versteinert dastand, und die beiden prachtvoll ausgeschmückten Kähne mit der waldigten Wildniß zu paaren suchte, flüsterten die Zweige eines nahen Wacholdergebüsches neben mir. Ich wandte meine Augen dahin, und, o Gott, wie wurde mir, als ich — Louisen vor mir stehn sah!“ —
„Sie bebte vor mir zurück — ich vor ihr. Wir starrten uns lange an — ich fand sie schöner, als ich sie je gesehn hatte — ich wollte sprechen, wollte ihr Vorwürfe machen — meine Lippen bewegten sich, aber die Worte erstarben in ihrem Werben.“ —
„Unwillkührlich fühlt’ ich mich zu ihr hingezogen, zu ihr, die wie eine Gottheit da vor mir stand. Ich wähnte ihren Geist zu erblicken, sank zu ihren Füßen nieder, umarmte die Kniee eines irrdischen Weibes, die Kniee meiner Louise! — Schreck, Hoffnung, Entzücken, alles umfing mich mit gränzenloser Kraft; meine Vorstellungen wurden dunkel, die Welt verschmolz vor meinen Sinnen in Nichts — ich ward ohnmächtig!“
„Gott im Himmel!“ rief die weichgeschaffne Idalla: „was ist das!“
„O, wär’ ich so vernichtet, so ganz ausgestrichen geblieben aus der Liste der Schöpfung, ich wäre vielleicht glücklicher! — — Aber ich erwachte — wie — von einem Kusse. Ich schlug die Augen auf. Louise kniete neben mir auf dem Erdboden, sie schien sich mit mir beschäftigt zu haben. — Ihr Auge sprach etwas, das — ach, wer hat Worte dafür?“ —
„Und plötzlich entstand ein Geräusch im Walde von Männerstimmen. Es drang immer näher. Louise drückte mir die Hand, sah mich noch einmal an, und lief zum nächsten Kahn. Es liessen sich verschiedne Männer sehn, die sich in die beiden Kähne vertheilten. Sie sprachen heftig unter einander, aber ich verstand sie nicht. — Plötzlich schwollen die Kähne von allen Seiten auf, und vergrößerten sich in einigen Minuten ungeheuer; in eben den Augenblicken stiegen sie in die Luft empor und mit Vogelschnelle schwammen sie über den Wipfeln der höchsten Bäume hin — und verschwanden meinem Gesicht.“
„Noch immer lag ich auf dem Erdboden; meine Augen starrten auf den Luftpunkt hin, in welchem mir Louise entflog. — Hier lag ich im dumpfen Hinbrüten, ich empfand vieles und nichts, ich dachte an Louisens lezten Blick, an ihren lezten Händedruck; So übereilte mich der Abend, und ich konnte mich nicht trennen von dem Orte, an welchem Louise mir erschienen war. Ich sah das Laub des Waldes, die Wolken des Himmels verrinnen ins nächtliche Schwarz, allein ich blieb, wo ich war. Ein leichter Schlummer erquickte mich; er war mir wohlthätig.“
„Ich erwachte eher, als die Sonne. Ich dachte an das Gestrige, und mir wars, wie Rückerinnrung an einen Traum. Louise kam nicht heim; vergebens erwartete ich sie. Ich stand auf und begab mich, in düstre Melancholien verloren, hieher zurück. — Unterwegs ward ich des Mannes gewahr, der mich um Gotteswillen bat, ihn im Walde zurechtzuweisen. Ich winkte ihm, mir nachzufolgen. Er wollte mir mit seinem Gewäsche die Zeit vertreiben, ich hörte nicht auf ihn.“ —
„Versetze Dich im Geist in meine Lage, Holder, und zweifle noch, ob ich unglücklich, ob ich wahnsinnig sey, wenn ich mich noch im achtzehnten Jahrhundert zu befinden glaube. Louise lebt ja noch!“ —
„Desto besser!“ entgegnete Holder: „so lebt Dir auch noch die Hoffnung, wieder glücklich werden zu können, wenn denn Louise einmal Deinen Himmel enthält.“
Das ganze Räthsel löste sich zum Theil am folgenden Tage, als die kleine arkadische Familie beim Frühstück versammelt sas. —
Der Fremde nemlich, welcher sich Matthias nennen ließ, erzählte seinen neugierigen Zuhörern auf Holders Verlangen die Begebenheit, durch welche er in das benachbarte Gehölz und zu Florentin gekommen sey.
„Meiner Kunst und Profession nach“ sagte er: „bin ich eigentlich ein Luftgondler. Mein Vater und Großvater, und deren Ahnen, so weit sie mir bekannt sind, trieben dies Geschäft. Ich lebte dabei sehr gemächlich, bis der unselige Krieg ausbrach, welcher izt einen Theil meines Vaterlandes verwüstet. Wider meinen Willen ward ich bei der Armee als Luftgondler angeworben. Ich mußte mich in mein Geschick ergeben, und konnt’ es um so leichter, da ich zu Hause weder Weib noch Kind zu ernähren hatte.“
„Eines Tags wurd’ ich mit meiner Gondel zur Recognoscirung des feindlichen Lagers commandirt. In meiner Barke befand sich der General nebst mehrern Offizieren. Zwei Nebengondeln waren mit uns zur Beschützung. Es war ein trüber, neblichter Morgen. Das Wetter kam uns zu Statten, um unvermerkt aufsteigen, und beim fallenden Nebel das ganze Lager den Norder überschaun zu können. Allein, wie erschraken wir, als wir in den höhern Revieren der wolkigten Luft auf feindliche Segel stießen, die in gleicher Absicht dort schwebten und an Zahl uns beiweiten überlegen waren. Wir hatten uns noch kaum besonnen: so umzingelten sie uns, und der Luftscharmützel begann.“ —
„Von allem, was Ihr da saget, versteh ich kein Wort, Herr Luftgondler!“ rief Holder mit Lächeln des Erstaunens: „führt man denn izt Kriege in der Luft, wie die Vögel?“
„Sie scheinen auf Ihrer Insel hier in einer glücklichen Unwissenheit zu leben, mein Herr!“ entgegnete der Luftschiffer: „eine Unwissenheit, die mir ans Unbegreifliche gränzt, da Sie doch übrigens so viel Kenntnisse zu verrathen scheinen.“ —
„Wir leben hier“ erwiederte Holder mit lustiger Verlegenheit: „wir leben hier zu Lande ohne Umgang mit andern Menschen, ohne Bücher, ohne Zeitungen. Kurz und gut, ich glaubs Euch. Die Europäer bekriegen sich nicht nur auf Erden, auf dem Wasser, sondern auch in der Luft.“
„Ich sagte vorhin,“ fuhr der Gondler fort: „daß wir von den Nordern umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht war zu groß. Zum Unglück hatten wir uns nicht einmal mit Lärmgeschütz versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hörte man und wußte man von nichts.“
„Erlaubet,“ fiel Holder ein: „unten hörte man nichts? War man denn so weit von der Erde entfernt, daß der Flintendonner unten nicht mehr hörbar war?“
Der Gondler lächelte: „Sie müssen wissen, mein Herr, daß zu geheimen Expeditionen, Ueberfällen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen mit stillem Pulver gefüllt werden. Der Schuß ist ohne Lärmen, und am Tage kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wußte man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers nichts. — Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf sich in den Nothschirm, und stürzte auf gut Glück hinunter — einige Offiziere folgten. Wir übrigen ergaben uns.“
„Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerführer, dem Grafen von Gabonne, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich — allein ich schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet — Preussens Adler ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der Waffenstillstand war schon längst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein Herr, der Graf von Gabonne, konnte es also vom Oberfeldherrn um so leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.“
„Diese Beute war ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, von welchem ich nicht mehr, als den Namen, Imada, weiß. Daß diese Imada von bedeutender Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem Gabonne durch einen seltsamen Zufall in die Hände gerathen seyn; man erzählte sich im Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschloß, sein Liebchen in Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerüstet und unsre Fahrt ging anfangs nach der Lombardei; von da wieder, warum? ward mir nicht gesagt, zurück nach Mont-Rousseau, an den Gränzen der fränkischen Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen, entschlüpft’ ich meinen Feinden und entkam glücklich. Aber gewiß hätt’ ich meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher geführt hätte.“
Florentin, der diese Erzählung anhörte, sas unbeweglich da, wie ein Marmorbild. — „Nicht Louise also wars, sondern eine unbekannte Imada!“ rief er, und sank Holdern in die Arme.
Unaufhörlich schwebte ihm nun Imada’s und Louisens Bildniß vor der Seele. Imada und Louise waren eins; die Erscheinung trug nur einen doppelten Namen.
Diese Imada wich nicht an Reizen der Louise des achtzehnten Jahrhunderts. Ihr Hervorschweben aus dem Gebüsch war das Hervorschweben einer Göttin, den ätherischen Hallen der Oberwelt entschlüpft. Zwar ihren Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht über sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr Händedruck?
„Sie ists wohl werth, solch eine Körperform, wie die Louisens war,“ dachte der gute Graf bei sich selber: „daß die Natur sie der Welt mehr als einmal vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.“
Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner Empfindungen etwas abentheuerlich — allein er lebte nun einmal in einer Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.
Es ward beschlossen, die Louise dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem Winkel der Welt sie auch versteckt leben möchte. Es war ihm überdem noch immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhöhle — und räumte er Holdern viele Kunst ein: so glaubte er höchstens an den widernatürlichen Schlaf einger Jahre, aber nicht einger Jahrhunderte.
Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewänder abmodern, und die Schicksale der Welt ungehoffte Veränderungen erleiden — aber Louise konnte auch noch leben! — konnte noch! und neugeboren fühlte sich Duur bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wär er von einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an wüste, menschenlose Inseln warf, und er kämpfen mußte mit wüthenden Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermeßlichen Ocean auf ewig von seinen Geliebten. — Es ward ihm dann wieder so wohl, so heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. — Ungern ließ er sich aus diesen Träumereien aufstören.
Daß sich Duur von nun an mit dem Luftgondler in öftere Plaudereien vertiefte; daß Imada-Louise, Gabonne und Mont-Rousseau allein ihrer Gespräche ewiger Text war; daß er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; daß ihm Idalla’s schöne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wüstenhaftiger, unerträglicher wurde — alles dies läßt sich errathen. Ich darf davon nichts erzählen.
Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er Holders und Idalla’s zärtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum künftigen Frühling zu verschieben und den Winter über in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
Herr Matthias, der Luftgondler, fing an, sich in diesem schönen Cirkel zu gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als daß er gar zu gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit der Insulaner verführte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen als ein getreuer Sancho zu begleiten, und, wo möglich, den Badner des achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.
Es brach der Winter ein; die Silberflocken des Schnees gaukelten lustig um die kleinen Scheiben der Hüttenfenster, und die blätterlosen Gesträuche und Bäume strahlten im funkelnden Reif. Der See erstarrte im kalten Hauch des Dezembers; das Wild brüllte durch den Forst und vor der Hütte schwärmten vertraulich kleine Schaaren von Sperlingen und Meisen, Idalla’s Wohlthätigkeit in Versuchung zu führen.
Duur wurde in seinem Innern ruhiger; er durchstreifte, mit seinem Pudel, fleissig die Waldung und versorgte Idalla’s Heerd mit Wild. — Imada-Louise stand freilich noch immer in einsamen Stunden vor seinem Geiste, umgeben mit aller Pracht, zu deren Erfindung eine schwärmerische Phantasie fähig ist. Allein er betrachtete dies schöne Bild mit immer kältern Blute, und überließ es dem gütigen Zufall, ob je noch seine Lieblingswünsche erfüllt werden sollten.
Auch hatt’ er sich allmählig für die Zukunft schon sein Plänchen entworfen, einfach und nützlich. Er wollte mit dem Frühlinge auswandern in die Welt, um die Verwandlungen der Welt zu studieren, seiner Neugier zu gnügen und zu erfahren, ob der Favorittraum seines guten Oheims von der glücklichen Nachwelt realisirt wäre. — Nebenbei wollt’ er dann umhersuchen unter den Töchtern des Landes — Imada-Louise! um eine Theilnehmerin seiner Leiden und Freuden mit sich in Idalla’s Insel zu führen, seinem Abgott, seinem Karlchen, eine Mutter zu geben, und der lieben Idalla eine schwesterliche Gesellschaft.
Denn fest hatte ers beschlossen, sich nimmer wieder verwickeln zu lassen in die quälenden Verhältnisse der großen Welt, sondern die Seligkeiten des häuslichen Lebens und der Einsamkeit jenem leeren Geräusch vorzuziehn, welches nur den Unwissenden entzücken, und die Thoren beschäftigen kann.
Holder war von seiner Seite ebenfalls nicht müssig, sich den traurigen Winter zu verschönern. Er nannte Idalla Weib, Idalla war glücklich durch ihn und ahndete Mutterfreuden.
Jeder, vom ersten bis zum lezten in dieser kleinen Republik, sann, wünschte, empfand nicht für sich, sondern nur für die andern. Jeder Tag war ein kleines Fest. Man liebte und wurde geliebt. Man war erfinderisch in neuen überraschenden Freuden für die übrigen, und sah den schönsten Theil der Lust auf sich selbst wieder zurück strömen.
Und versammelte sich Abends die liebenswürdige Familie um das lodernde Feuer des Camins; schien die Unterhaltung stocken zu wollen, und die Fröhlichkeit zu schweigen: so rief Holder zur Aufmerksamkeit, und erzählte die seltsam verwickelten Begebenheiten seines frühern Lebens, die ihn zu dem herrlichen Manne machten, der er war.
Dann schmiegte sich schauderndfroh Idalla an den Arm ihres Gattens; dann drückte Duur sein schlummerndes Kind fester an seine Brust und Matthias der Luftgondler starrte mit Verwundrung und Entsetzen den Mann an, welcher als Jüngling Thaten vollendete, woneben seine Bataille in den Wolken wie Kinderspielerei aussah.
Es thut mir viel zu leid, hier den Faden der Geschichte abzureissen und die Begebenheiten des wilden, großen Holders in einer Episode dürr zu skizziren — sie verdienen wohl, eigen behandelt zu werden.
Vielleicht erzähl ich sie meinen Lesern zu einer andern Zeit — vielleicht bald!
So verlor sich der Winter unter Lust und Arbeit. Die Flocken des leuchtenden Schnees zerschmolzen am milden Hauch des Aprils, und die erwachenden Gesträuch’ und Bäume trieben Knospen an Knospen und Blüten an Blüten. Der Grund der Wiesen und Anhöhn und Thäler vertauschte das falbe, veraltete Kleid mit einem duftigen Grün, und die Lerchen schwangen sich mit süßem Wirbelton dem mildern Himmel entgegen.
„Das war ein Jahr!“ rief Holder an einem schönen Maitage: „Ein schönes, einförmiges Jahr, ohne Sturm und Drang, und doch so üppig reich an stiller Lust! — Gewährt der Himmel mir eines Wunsches Erfüllung: so sey der Rest meines Lebens dieser kleinen Vergangenheit gleich.“
„Ich will werden, wie Du“ — lächelte Duur: „darum will ich hinaus und mir eine Idalla suchen.“
„Und ich will auch nicht müssig bleiben während Deiner Entfernung,“ entgegnete Holder: „eine Hütte will ich Dir und Deiner Idalla inzwischen bauen, und wenn Du heimkömmst sollst Du alles vollendet finden, um ein patriarchalisches Leben zu führen.“
Die Anstalten und Zurüstungen zum Ausfluge in die neue Welt wurden gemacht; Florentin belud sich mit einem Theil der Juwelen und Steine des achtzehnten Jahrhunderts; Matthias der Luftgondler ließ sich von der geschäftigen Idalla den Renzel füllen mit Speis’ und Trank; jeder nahm seinen Wanderstab zur Hand und der treue Pudel sprang hoch und freundlich an dem Grafen auf.
„Lebt wohl!“ tief Florentin, und preßte Holdern und Idallen in einer langen Umarmung an seine Brust und seine Augen funkelten von einer Thräne, als er den weinenden Karl zu sich empor hob.
Holder geleitete die Wandrer bis zum jenseitigen Ufer des Sees, und schied dann von ihnen mitWehmuth. Idalla und Karlchen standen am Inselufer und riefen tausendmal Lebewohl und warfen tausend Küßchen hinüber, bis die Theuren unter dem Laube der Gebüsche ihnen aus den Augen verschwanden.
Der Graf kannte dies Revier meilenweit umher durch seine Jagden. Er wanderte gen Nordost, wo er am ehsten Weg und Steg und Menschen zu finden hoffte.
Gegen Abend trafen sie wirklich in der Wildniß eine Spur von befahrnem Wege, und ohne Zögern ward die glückliche Entdeckung benuzt. Die Waldung schien sich allmählig zu verdünnen; die Gegend wurde unebner, felsichter. Auf dem Gipfel eins Berges hielten sie zulezt an, um auszuruhn, denn die Nacht war schon eingebrochen.
Matthias schnürte den Renzel auf und that sich gütlich; nur Florentin konnte noch nicht rasten. Er kletterte von einem Fels zum andern in die Höhe, um wo möglich noch eine frohe Entdeckung zu machen.
Allein die wilden Berg und Klippen
Stehn, wie ein Lanzenheer vor ihm gedrängt;
Kein Moos, kein Laub; nur daß an Felsenrippen
Noch hie und da ein ödes Strauchwerk hängt.
Geborstne Schlünde, schrofe Mauern,
Kühnhangende Stücke drohnde Last,
Untiefen den dem Tag gehaßt,
Des Stralen matt zurücke schauern. —
Dies war seine ganze Aussicht. Traurig schlich er zurück zum Reisegefährten, der neben dem treuen Pudel und offnen Renzel in süßer Ruhe schlief. Der Graf betrachtete Beide mit wohlgefälligem Lächeln, und warf sich in ihre Mitte nieder.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen am folgenden Tage, als die kleine Caravane schon ihre Straße weiter zog im Gebürge; allein mit ziemlich übeln Humor, weil sie den Weg verloren hatte, der zu Menschen zu führen versprach.
Eine Stunde mochten sie schon zurückgelegt haben, als sie den Gipfel eines benachbarten Berges erstiegen hatten. Müd’ und odemlos langten sie oben an — aber ihre Mühseligkeit wurd’ ihnen überraschend vergolten, als sie den Blick von der andern Seite des Gebürgs hinunterwarfen.
Ein junges Eden lag hier ausgegossen,
Vom Arm der Felsen eingeschlossen,
Die mit dem tiefsten Schwarz das helle Grün
Der Landschaft hoben. Her und hin
Sahn sie ein fliessend Silber unter Bäumen
Sich schlängeln; dort von schrofen Höhn
Kaskaden brausend niederschäumen,
Die unten sich in weiten Wirbeln drehn.
Um jeden Baum, um Strauch und Hügel,
Um jeden kleinen Blütenwald,
Weit über stiller Seen Spiegel,
Der dann und wann im Lüftchen wallt;
Tief über Blumenschwangern Gründen,
Sanft über hangende Gebüsch’,
Die ihr Gebild in reinen Wellen finden,
Schwamm, allverklärend, lächelnd frisch
Aurorens Schleier ausgebreitet,
Von Glanz und Rosenlicht bereitet.
Doch reizender als alles war den Pilgern der Prospekt eines fernen Dörfchens, welches im Hintergrunde aus dem Duft des Morgens hervorstieg.
„Frisch auf!“ rief der Graf, in einer Art von Begeisterung, wie damals, als er mit Badner einst beim Sonnenuntergang auf dem Felsen an der Gränze des deutschen Vaterlandes lag.
Der Pudel ging voran und zeigte den Weg. Gegen Abend war das Dorf erreicht. — Nun hatte Duur überwunden. Er erkundigte sich nach dem Namen der Gegend und der Herrschaft, kaufte dem Gutsbesitzer einen bequemen Reisewagen nebst zwei prächtigen Wallachen ab und Matthias, der Luftkutscher, machte von nun an den Fuhrmann auf Erden.
„Wer sind Sie?“ fragte ein wohlgekleideter Mann, der mit vieler Bescheidenheit zum Wagen trat, als sie eben vor einer ansehnlichen Stadt ankamen.
Matthias hielt die Pferde an.
„Ich bin der Graf von Duur.“
Florentin hatte kaum seinen Namen genannt, als sich der Examinator ehrfurchtsvoll verbeugte, und eine Schildwacht den Schlagbaum niederzog, auf welches Signal die ganze Thorwache heraus unter Gewehr trat.
Der Graf, welcher sich nicht einbildete, daß diese Achtungsbezeugungen seinetwillen geschahn, würdigte sie kaum eines Blicks, sondern sah nur auf den Examinator, welcher in ehrfurchtsvoller Stellung fragte:
„Aus Deutschland?“
„Allerdings.“
„In Diensten welches Fürsten?“
„Keines einzigen.“
„Oder gewesen?“
Der Thorschreiber schüttelte den Kopf lächelnd und ging zum wachthabenden Offizier.
„Ich muß gestehn, Matthias,“ sagte der Graf: „daß die Thorschreiber dieses Jahrhunderts in der Cultur richtige fünfhundert Jahre voraus haben vor den Thorschreibern meiner Zeit. Vom Thorschreiber auf die Obern dieser Stadt, und von dieser Stadt auf das ganze Reich zu schliessen, muß unterdessen eine gewaltige Revolution der Sitten vorgegangen seyn.“
„Ei!“ rief Matthias: „und ich muß gestehn, daß ich mir nicht geträumt habe, einen Grafen von Duur zu fahren!“
Der Offizier kam an den Wagen. „Mein Herr, Sie geben sich für einen Grafen aus, ohne weder in Diensten zu seyn, noch gewesen zu seyn. Erlauben Sie, wie hängt das zusammen? Womit legitimiren Sie sich?“
Florentin ward bestürzt.
„Sie verzeihn,“ fuhr der Offizier fort: „der Krieg im Lande hat das strengste Examen nothwendig gemacht. Also?“ —
„Ich kann doch unmöglich meine Diplomen bei mir führen, oder meinen Stammbaum.“
„Stammbaum? Was wollen Sie damit sagen?“
„Um Ihnen meine Herkunft zu beweisen.“
„Herkunft? reden Sie deutlicher. Was intressirt uns Ihr Stammbaum und Ihre Herkunft?“
Duur fand sich in einer häßlichen Verlegenheit; er sah leicht ein, daß hier ein Mißverständniß herrsche, nur wußte er nicht, auf welcher Seite. Der Thorschreiber blinzelte den Offizier seitwärts an, mit einem bedeutenden Blick, der so viel sagen sollte, als: bei dem Herrn ists nicht richtig im Kopf, oder im Herzen.
„Sie wollen wissen, woher ich Graf sey?“
„Richtig, und durch wen?“
„Durch wen? ei durch meine Geburt. Mein Vater und Großvater waren im Grafenstand.“
„Sie sind doch aus Deutschland?“
„Ganz gewiß.“
„Mein Herr, Grafen werden hier zu Lande nicht geboren.“ —
„Nicht geboren?“ stotterte Duur verwirrt.
Der Offizier lachte laut auf, winkte einem Soldaten, und befahl diesem, den Wagen zu folgen. „Mögen Sie seyn, wer Sie wollen, so muß ich Sie dem Commendanten melden. Wo treten Sie ab?“
„Im ersten besten Gasthof.“
„Zur goldnen Hoffnung!“ tief der Offizier und Matthias fuhr bin zur goldnen Hoffnung, wo der Soldat den Grafen bewachte.
Duur war etwas ärgerlich über den Empfang in der Welt des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Er ward sich fremd mitten im Vaterlande, und schien sich in seinen eignen Augen, wie ein unwissender Knabe.
„Wein her?“ rief er. Ein niedliches, gefälliges Mädchen brachte Wein. „Befehlen Sie mehr?“ fragte die Zofe mit einem lockenden Lächeln.
„Matthias soll zu mir aufs Zimmer kommen.“
Das Mädchen ging. Matthias kam.
„Aber Matthias — — —“ seufzte Duur mit einem tragischen Lächeln.
„Aber mein Herr“ seufzte der Luftgondler: „ich bitte Sie, besinnen Sie sich doch, was haben Sie dort alles am Schlagbaum gesprochen? — Beinah möcht’ ich Ihnen Ihren Spas glauben, daß Sie fünfhundert Jahre geschlafen haben.“
„Ich sehe nur nicht ein, was ich Böses gesprochen?“
„He, he, he! Sie sagten zum Beispiel, Sie wären ein Graf von Geburt — wie in aller Welt kann man denn gräflich, oder auch nur edel geboren werden? Besinnen Sie sich doch! Freilich, vor alten Zeiten, da die Menschen noch kindisch genug waren, sich einzubilden, daß die Sünden erblich wären, glaubte man auch noch, die Tugend wäre so erblich, wie ein Geldkasten. Damals wurden noch die edeln Leute geboren! he, he, he! aber izt ist man kein Kind mehr.“
„Die Geburt von adlichen Eltern adelt also nicht mehr?“
„Sie wollen mich zum Besten haben. Verstellen Sie sich doch nicht. Ein Schulknabe kann ja das berechnen.“
„So, so!“ murmelte Florentin und ahndete, daß es in dieser Welt um seinen Adel gethan sey.
Die Bouteille war noch nicht leer, als er zum Commendanten gerufen wurde.
Er ging und fand einen liebenswürdigen Greis, dessen sanfte Miene ihm alles Liebe voraus versprach.
„Setzen Sie sich, mein Freund;“ sagte der gute Commendant, indem er ihm einen Stuhl zuschob.
„Gnädiger Herr, Sie müssen verzeihn — — —“
Der alte Herr lächelte, und winkte mit der Hand und dem Schütteln des Kopfs zum Stillschweigen.
„Wofür halten Sie mich, lieber Freund, daß Sie mich wie einen Fürsten des Landes anreden? Ich bin ja nur Commendant dieser Stadt. — Allein der wachthabende Offizier hat mir schon von Ihrem sonderbaren Betragen Nachricht gegeben. Gestehn Sie offenherzig. Sie kommen entweder aus der Krim, oder aus Portugal; denn ich kann Sie weder für blödsinnig noch boshaft nehmen.“
Duurs Bestürzung wurde immer größer. Er unterstand sich kein Wort von seinem langen Schlaf zu erzählen, um nicht für vollkommen verrückt gehalten zu werden. Und doch sah er auf der andern Seite keinen einzigen Weg, um sich aus den immer neu anwachsenden Verlegenheiten zu erretten.
„Sie schweigen?“
„Gnädger Herr — —“
„Still! ich bitte Sie! erholen Sie sich. Ich bin, wie gesagt, nur Commendant.“
„Herr Commendant — —“
„Nun?“
„Wie ich endlich wohl einsehe aus allen den seltsamen Verhältnissen, worin ich durch mein Betragen verstrickt werde: so hab’ ich von meinem Vater die albernste Erziehung erhalten. Ich bin in allen meinen Kenntnissen und Handlungen noch um ein paar Jahrhundert zurück.“
„Wer ist Ihr Vater.“
„Er lebte mit mir, ausser eingen Bedienten, abgesondert von der Welt auf seinem Landschlosse an den Alpen, studierte die ältere Geschichte und erzog mich so, als wär’ ich ein Bürger des achtzehnten Jahrhunderts. So brachte er mir von allen Dingen die absurdesten, schiefsten Vorstellungen bei, bis die Ausschweifungen seines kranken Verstandes sichtbarer wurden. Er starb unter den Händen der Aerzte und ich wurde von meiner Familie auf Reisen geschickt, um mich selbst auszubilden.“
Duur gab sich alle Mühe, seine Nothlüge noch mehr auszuschmücken und wahrscheinlicher zu machen. Der alte Commendant zweifelte so lange, bis ihn der Inquisit offenbare Beweise von der speciellsten Kenntniß des achtzehnten Jahrhunderts lieferte.
„Nun muß ichs endlich glauben, was Sie mir da sagten; aber ich gestehe auch, daß dies der wunderlichste Fall sey, der mir in meinem Leben vorgekommen ist. Seyn Sie ruhig, Sie sind frei. Aller hüten Sie sich in Zukunft, von Ihrer Grafenwürde zu reden.“
Der Ex-Graf gratulirte sich im Stillen, diesmal so entschlüpft zu seyn. Er unterhielt sich mit dem humanen Commendanten noch einige Zeit, und dieser, der den gewizten Bürger des achtzehnten Jahrhunderts Geschmack abzugewinnen schien, nöthigte ihn, zum Abendessen zu bleiben. Duur schlugs nicht ab.
Der Commendant führte seinen Gast in ein größeres Zimmer, worin sich mehrere Damen, größtentheils Verwandtinnen des alten Herrn, befanden. Florentin Duur wurde ihnen vorgestellt, und von allen mit zuvorkommender Liebe aufgenommen. Es dauerte nicht lange: so hatte er sich in diesem Cirkel orientirt. Jeder und jede gewann den Abentheurer lieb; an Unterhaltung konnt’ es nicht mangeln.
An der Seite stand ein prächtiges Euphon, dessen Aussenseite in allem einem Claviere glich. Duur vermuthete auch nichts anders darin und darunter. Er mußte sich setzen und spielen, weil er das Können schon gestanden hatte.
Aber welche Töne entzückten hier sein Ohr — er war ausser sich. Nie hatte er die Möglichkeit eines solchen sanftdurchdringenden Klanges gekannt; er phantasirte leicht und wirbelte durch Moll und Dur, und sein Geist lebte in einer andern Region.
„O welch ein Jahrhundert!“ seufzte er leise bei sich, und ahndete eine Reihe von Seligkeiten, welche ihm bevorstanden bei der nähern Erkenntniß des großen Fortschrittes der Menschheit.
Die Damen umringten ihn lächelnd und beobachteten nur den schwärmerischen Blick des liebenswürdigen Gastes.
Zuweilen berührte sein Auge sie, und der Anblick dieses schönen Halbzirkels erhöhte die Grade seiner angenehmen, unerklärlichen Empfindungen. Hier sah er keine Buffanten, Trompeusen, Cü de Paris, und künstliche Pendüles — sondern Einfalt und Natur, wiewohl die anwesenden Schönen gallamässig kostbar gekleidet waren.
Ein einfarbiges, leichtes Uebergewand floß hinab bis zu den Füßen, unterm Busen zusammengeschlossen von einem gestickten Gürtel. — Keine Schnürbrust, keine Poschen gaben dem Körper ein steifes, gedrechseltes, eckigtes Aeußere — sondern die ganze schöne, weiche Bildung den Weibes stand unverrathen da. Ein Schleier verhüllte mit tausend Falten des Busens Heiligthum, von keinen fischbeinernen Stützen und Drathbügeln aufgebläht. Das Haupt trug keinen sinnlosen Tok, kein gothisches Gebäude von Haarwulsten und Locken oder Flor und Spitzen, Drathskelets und Straussenfedern; sondern das Haar lief ungepudert in natürlichen Locken um Nacken und Hals. Die jüngern Damen schmückten ihr Haupt mit einer schimmernden Tiara, die ältern verhüllten es mit einem weissen Schleier.
Er war die Tracht der griechischen Grazien.
Duur sas noch immer am Euphon, und sein Ohr konnte sich nicht sättigen im Genuß dieser süßen Tone. Er spielte einige Symphonien von Reichard und Rolle und Graun, und erndtete dafür den verbindlichsten Dank ein. Was ihn am meisten freute, war, daß die Namen jener Tonkünstler den Genossinnen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbekannt waren. Die reizende Tochter des Commendanten nannte ihm sogar die Namen eines Händel und Bach mit einer gewissen Begeisterung, wie man sie nur für Lieblinge fühlt. Noch mehr, sie spielte ihm selbst Theile von den Arbeiten dieser Meister mit vieler Geschicklichkeit vor.
„Ist Ihnen auch Dittersdorf, Martin, Salieri bekannt?“ fragte Duur nach einem Weilchen.
Die Spielerin schüttelte den Kopf. Die Namen waren ihr fremd.
„Aber was halten Sie von unsern neuem Komponisten, denn alle, die wir bisher kritisirten, gehören zu den uralten Vätern in der Musik. Es ist wahr, man muß erstaunen, wie weit es jene Patriarchen der Tonkunst schon im achtzehnten Jahrhundert brachten — allein, man kann doch auch nicht läugnen, daß ihre Manieren gewaltig altfränkisch und ängstlich sind, wiewohl unsre jungen Künstler ihre Werke noch immer studieren müssen.“
„Das wollen wir auf ein andermal verschieben!“ rief lächelnd der Commendant, welcher sich an der Verwunderung seines Gastes weidete: „Jezt zu Tische, ehe die Suppe erkaltet. Ueberhaupt, Rosalia, muß ich Dich im voraus daran erinnern, daß Du unserm Gaste keine Fragen über die Produkte unsers Zeitalters vorlegst, denn er ist nur im achtzehnten Jahrhundert, und wahrhaftig sonst nirgends zu Hause.“
Duur ward feuerroth. Rosalia lächelte ihn an, und ihr Lächeln machte alles wieder gut. Sie sezte sich am Tische neben ihn, und noch hatte Florentin in diesem Jahrhundert keinen fröhlichern Abend für seinen Geist gehabt, als diesen.
Es war schon Dämmerung. Der Commendant sah sich allenthalben um, klingelte endlich und — eine krystallene Sonne sank aus der Mitte der Zimmerdecke, um den ganzen Saal mit Tageshelle zu überströmen.
Unser Pilger fühlte sich bei allen diesen zauberhaften Erscheinungen recht wohl. Er hätte bei jeder Kleinigkeit fragen mögen, wie ein Kind: „wie ist das? wie heißt dies? wodurch entspringt jenes?“ — Aber eine Empfindung der Schaam und Furcht, dieser Gesellschaft, und besonders der gefälligen Rosalia lächerlich zu werden, fesselte seine Zunge und ließ ihm die beste Belehrung vom gewognen Zufall erwarten.
Nach aufgehobner Tafel zog der brave Commendant (dessen Namen ich nicht länger verschweigen will) Silberot den Mann des achtzehnten Jahrhunderts zu sich auf einen elastischen Divan.
Die Damen, deren Geist durch Wein und geselligen Scherz zur Freude gestimmt war, spielten, plauderten und tändelten unter einander; eine von ihnen behauptete immer den Sitz am Euphon; nur Rosalia entwischte öfter ihren Freundinnen und dem Euphon, um dem sonderbaren Fremdling etwas näher zu kommen.
Der alte Commendant verwickelte sich aber bald mit seinem Gaste in ein neues Gespräch, wozu besonders Florentins Abentheuer am Schlagbaum den meisten Anlas gab.
„Zwar bin ich kein Gelehrter,“ sagte er: „aber ich habe doch sonst gern, besonders in meinen jüngern Jahren, von alten Geschichten gelesen, und besonders von einem preussischen König Friedrich, den seine Zeitgenossen den Einzigen nannten. Wahrhaftig, der Mann war zu früh in die Welt gekommen. Man muß erstaunen, nicht sowohl über das, was er gethan hat, sondern was er, wenn er in einem polizirtern Zeitalter gelebt hätte, gewiß gethan haben würde, und was sein ganzes Wesen auch ahnden ließ. Fürwahr! dieser Einzige hat den Beinahmen des Großen in den Annalen der Weltgeschichte theuer gemacht, da man ihn vorher an jedem Menschenschlächter und bigotten Narren zu verschwenden gewohnt war.“