Duur. Sie haben recht. Aber Sie sagten, er sey zu früh geboren worden. Ich möchte behaupten: grade zur rechten Zeit.

Commendant. Nun ja. Christus und Luther kamen auch zur rechten Zeit, wenn sie gleich unter blinden Barbaren leben mußten. Das Licht brennt dann immer zur rechten Zeit, wenns dunkel umher ist. Ich gebs zu.

Duur. Halten Sie denn das Zeitalter jenes preussischen Königs für so dunkel?

Commendant. Für hell wenigstens nicht. Sie haben heut an unserm Thore sich selbst den Beweis geliefert, als Sie von Ihrer — nehmen Sie’s mir nicht übel, wenn ich lache, denn der Spas war einzig in seiner Art! — als Sie von Ihrer adlichen Geburt sprachen, ha, ha, ha!

Duur. Ich räum es ein, daß — — — allein — —

Commendant. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebster bester Schatz, die gesunde Vernunft giebts ja an die Hand, daß wir alle, groß und klein, arm und reich, wie wir da sind — allzumal als elende Krüppelchen in die Welt treten! — Freilich auf die grausamen, finstern, barbarischen Zeiten der Vorwelt müssen wir nicht sehn, denn damals wußte die liebe Menschheit noch blutwenig von der Vernunft; ja, die Menschen sind damals so toll gewesen und haben die Vernunft verschrien, wie wir heutiges Tages die Verrücktheit. — Nun freilich, da gings denn unter den Sterblichen nicht viel besser, als unter den wilden Thieren; wer die schärfsten Zähne und derbsten Fäuste besas, der hatte das Recht immer zur Seite.

Duur. Sie sprechen von den Ritterzeiten.

Commendant. Nun ja. Damals gabs Freie und Sklaven; pfui, Blut und Galle möchte man speien, wenn man daran denkt, daß der Mensch vorzeiten ein Thier war! — Die Freien bildeten sich ein, sie wären bessere Menschen, wie die armen Unterjochten, und nannten sich Edle. Die Könige und Fürsten machten diese Leute zu ihren Freunden, Räthen und Unterbefehlshabern. Das konnte man den Fürsten gar nicht verargen, denn der gemeine Mann, der sogenannte Unedle, war abgeschnitten von aller guten Erziehung und Bildung. — Als aber endlich die Aufklärung allmählig zum Durchbruch kam, fingen auch die Unedeln an sich in Künsten und Wissenschaften hervorzuthun, und im Durchschnitt genommen waren am Ende die Bürgerlichen reicher, klüger, gelehrter als die Edeln, noch mehr, sie waren auch biederer, als diese. Trotz dem allen behauptete sich dass alte barbarische Herkommen noch lange. Die Edelleute erhielten sich, trotz ihres auffallenden Minderwerths, oben an, und hatten den spashaften Einfall, den sie auch männiglich verfochten: daß sie mit mehrern Rechten geboren würden, als die Unedeln. — Nun fragte man freilich: Wie könnt ihr denn, ohne Verdienst, blos durch Geburt, mehr Rechte haben, als andre ehrliche Menschen, eure Brüder? Aber darauf hörte man nicht. — Kurz, man behielt die barbarische, vernunftwidrige Grille der Vorwelt bei.

Duur. Im achtzehnten Jahrhundert?

Commendant. Im achtzehnten und neunzehnten.

Duur. Verzeihn Sie, Herr Commendant, daß ich das achtzehnte im Schutz nehme. Schon damals beschnitt man die alten Vorrechte des Erbadels sehr, und der Bürgerliche genoß, wenn er Verdienste besaß, mit dem Adlichen gleiche Achtung, nur mit dem Unterschiede, wie Sie selbst schon bemerkt haben, daß der Adliche die höchsten Würden und Aemter des Staats allein besezte.

Commendant. Sie sind diesmal ein nachgiebiger Advokat von der Lieblingsperiode Ihres Vaters. Eben dies, daß man zu der Zeit schon einsah, die Natur oder Gottheit habe einen Menschen mit so vielen Anrechten ausgestattet, als den andern; daß man einsah, des Vaters Genie erbe nicht auf die Kinder, macht jene Zeit noch lächerlicher. Dem besten Kopf und dem besten Herzen, nicht dem besten Stammbaum gehören die ersten Posten des Reichs. — Unter uns gesagt, liebster Mann, ich war in meinem Leben immer ein elender Wortfechter, aber bei diesem Streit würd’ ich siegen, wenn ich Ihre Einwürfe auch gar nicht widerlegte.

Duur. Sie meinen, die Sache spräche für sich.

Commendant. Meinen Sie anders? — Apropos, lebte nicht der alte Balladendichter Bürger so ungefähr in jenen Zeiten? Wie mirs deuchtet, so ums neunzehnte oder zwanzigste Seculum.

Duur. Ich bitt’ um Verzeihung, im achtzehnten schon.

Commendant. Er schrieb eine Ballade: des Pfarrers Tochter von Taubenhain. Ein sogenannter Edelmann verführt und verläßt um seines Standes willen ein Mädchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher aufs Rad geflochten wird. — Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch Räder hätten, würde der Kerl und nicht das Mädchen aufs Rad geflochten seyn. — Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche Szenen und Verhältnisse?

Duur. (stockend) Sehr viel.

Commendant. Gabs wirklich edle Leute, die einem armen Mädchen alles — alles nahmen, um Ruhe, Ehr’ und Liebe der Menschen brachten, und dann satanisch genug waren, sich hinter ihren Stammbaum zu verstecken?

Duur. O viel! viel!

Commendant. Viel? — nun mein Gott, so dank ich Dir, daß ich nicht geboren ward unter den Barbaren, die edel genannt wurden, und schändlich sich wälzten in Lastern, deren Geburt Adel, deren Leben Unadel war. Hätt’ ich damals gelebt — beim Himmel, ich hätte Mordthaten begehn müssen! —

Duur. Und izt?

Commendant. O, ich möchte den Bösewicht sehn, der ein Mädchen entehren, und dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er — edler wäre, als die Unglückliche! — Doch lassen Sie sich erzählen, wie’s späterhin ward.

Duur. Ich bin sehr begierig.

Commendant. Der Bürger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet — weit später in Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten Jahrhundert, denn die Könige und Fürsten adelten in solcher Menge, und so ohne Unterschied, daß es zulezt eine Ehre war — unadlich zu seyn. Ich erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, daß die Könige sogar ihren Köchen und Leibschustern, wegen einer guten Suppe, oder eines schönen Stiefelschnitts, die erblichen, unnatürlichen Vorrechte verliehen haben.

Duur. Ich erstaune.

Commendant. Aber so mußt’ es kommen, wenn die Deutschen ihre Thorheit endlich einsehn sollten. Man konnte sich zulezt vor allen Edelleuten nicht mehr retten. Man hatte nicht mehr Aemter genug für sie. Die Aermern bequemten sich zu äusserst bürgerlichen Handthierungen; verdienstvolle Bürger betraten, ohne Adel, die erhabensten Ehrenstufen im Militair- und Civilwesen, und da man endlich bemerkte, wie sich das Land dabei sehr wohl befand, so — — —

Duur. Und das ging ohne Gährungen und Revolten ab?

Commendant. Ohne Geräusch. Freilich, die Edelleute schrien wohl dagegen und prophezeihten, daß mit ihrem Untergang alle Monarchien einstürzen würden, aber dies war eben so lächerlich, als da die Mönche in den uralten katholischen Zeiten, bei Schmälerung ihrer Rechte, schrien: die Welt würde untergehn und der Antichrist sich von seinen Ketten losrütteln und die Erde verwüsten.

Duur. Sonderdar!

Commendant. Nein, sagen Sie lieber, sehr natürlich. Dännemark machte endlich den Anfang zur Reformation des Adels. Der Erbadel ward durchgängig aufgehoben, und statt dessen der Verdienstadel eingeführt. — Das deutsche Reich, um allen Verwirrungen abzuhelfen, bequemte sich endlich auch zu dieser Reforme.

Duur. Also giebts noch einen Adel?

Commendant. Freilich. Machen Sie sich um das Vaterland durch eine große That, durch Lebensrettung des Monarchen, durch Erhebung und sichtbare Vermehrung der Wissenschaft und Kunst, durch wohlthätige, große Erfindungen, die der Menschheit willkommen sind, um den Staat, um die Menschheit verdient: so werden Sie in die Reihe der Edeln des Volks versezt; ganz Deutschland wird Sie schätzen, und im Ein- und Auslande erhalten Sie Freundschaft und Ehrenbezeugungen, als wären Sie der Sohn eines Fürsten.

Duur. (mit Rührung) Ich erstaune.

Commendant. Der Adel ist daher selten, und jeder strebt nach ihm — aber Kinder erben ihn nicht vom Vater, so wenig, als sein Verdienst, wodurch er ihn gewann. Sollte auch nun ja einmal bei Ertheilung des Adels menschlich verfahren werden, so hat dies doch für die Nachwelt keinen Schaden. Es giebt izt unadliche Feldherrn und adliche Künstler. Zudem würde man den, der seinen Adel erschlichen hätte, leicht und auffallend bemerken, da erwiesen werden müßte, daß er allgemein bekannte, öffentliche Verdienste errungen habe; auf geheime Verdienste bei den Königen wird nicht reflektirt.

Duur. Wer erhebt denn aber in den Adelstand?

Commendant. Ich sehe, Sie sind in allen ziemlich unwissend — verzeihn Sie mir diese Bemerkung, denn Sie sind mir das auffallendste Räthsel, was ich kenne. — Das Land und der allgemeine Ruf schlägt den Candidaten vor; das Collegium der Edeln wählt und der Landesherr bestätigt. —

Duur. Man hat auch Grafen und — — —

Commendant. O ja, allein diese sind in Würden nicht mehr, als andre Edle. Der Landesherr hat das Recht, einen verdienstvollen Adlichen — blos auf seine Lebenszeit — mit Gütern, kleinen Grafschaften zu belehnen. Daher denn der Name. Nach dem Tode des Adlichen fällt das Gut einem andern zu.

Duur. Glückseliges Zeitalter!

Commendant. Glückselig möcht’ ichs nun wohl nicht nennen. Aber freilich, wenn Sie an Ihr achtzehntes Jahrhundert denken: so muß ich Ihnen Recht geben. Allein wie können Sie auch zwischen diesen Zeitaltern eine Paralelle ziehn?

Duur. Ich fühls beinah, die Paralelle würde sehr gedehnt ausfallen. — So kann ich mir nun auch das Betragen derer erklären, die mich am Thore empfingen.

Commendant. Ha, ha, ha! —

Duur. Ich glaubte nicht, daß die Ehrenbezeugungen mir gelten könnten; ich bildete mir ein, man verwechsle mich.

Commendant. Ha, ha, ha, ha!

Duur. Ich wills mir nie wieder beikommen lassen, mich Graf zu nennen.

Sechstes Kapitel.
Rosalia medisirt.

Die schöne Tochter des Commendanten konnt’s unmöglich länger dulden, daß der Fremde auf dem Divan wie geschmiedet sas. Sie mischte sich ins Gespräch, wiegelte auch die andern Damen auf, und der ehrliche Commendant mußte in dieser allgemeinen Revolution seinen aufmerksamen Schüler fahren lassen.

Die Unterhaltung ward mit diesem Augenblick gemeinschaftlicher und lebhafter; Florentin mischte sich unter die lieben Schwätzerinnen, und ohne daß er es wußte, drängte er sich Rosalien näher.

„Um Verzeihung, mein Herr!“ fing das Fräulein an, mit einem ironischen Lächeln, worin doch noch so viel Seelengüte wohnte:

„Sie sind wohl gar Professor der Alterthumskunde auf einer Akademie?“

„Beinah errathen, mein Fräulein.“

„Wirklich? Sie sehn doch aber so jung? Ich dachte mir unter solchen Alterthumsprofessoren wenigstens Graubärte von sechzig Jahren.“

„Sie wissen mein Alter nicht.“

„Aber sagen Sie offenherzig, gehören Sie denn wirklich zu den sonderbaren Leuten, die in der Vorwelt alles besser finden, als in der Iztwelt?“

„Wer könnte bei Ihnen die Vorwelt schöner finden?“

„Das kam nicht von Herzen.“ —

„Gewiß. Darin war die Vorwelt besser, daß sie nicht halb so mißtrauisch war.“

„O ja, sie war gläubig — leichtgläubig, abergläubig, übergläubig, wie Sie wollen, dafür ist sie bekannt.“

„Sie sind eine bittre Spötterin, und grade die Damen sollten die Vorwelt am meisten lieben, weil sie von ihr am meisten vergöttert wurden.“

„Sie haben recht; allein ich weiß nicht, ob unser Geschlecht Ursach hat, auf solche Vergötterung stolz zu seyn. Ein Weib, das mit Schönheit und List das schwache Gehirn unter einem fürstlichen Schädel in Gährung brachte, konnte im Ueberfluß schwelgen, und würdige, verdienstvolle Männer mußten unterdessen in Armuth darben und umkommen.“

„Man schäzte auch damals schon das Verdienst.“

„O ja, aber immer zu spät, wie die Narren gewöhnlich pflegen. Nach ihrem Tode erbaute man den braven Männern Ehrensäulen und Statüen, denen man, so lange sie lebten, kaum ein abgelegtes Kleid und ein Stück Brod zuwarf.“

„Die Ehrensäulen waren nicht — —“

„O ich weiß, was Sie sagen wollen, aber damit entwischen Sie nicht, Herr Professor. — Waren die Monumente und Statüen für die Todten? O Himmel, wer konnte sich denn einbilden, daß sich die Schlummernden im Grabe über diese kahlen Ehrenbezeugungen freun würden? Sie ruhn und wissen nicht, ob über ihren Aschenhügel ein Schandpfahl, oder ein Triumpfbogen errichtet steht. Sie werden damit nicht mehr gereizt, nicht bestraft, nicht belohnt. — Oder sorgte man mit solchen Ehrenbezeugungen für die Lebendigen? Ach, mein lieber Herr Professor, so sorgte man schlecht; die Lebendigen verlangten gewiß nicht Steine nach dem Tode, sondern Brod im Leben; sie rangen nicht nach jenem, sondern nach diesem, und mit diesem hätte man sie belohnen müssen. — Was hilfts, wenn ich meinen Kanarienvogel, trotz seinem süßen Gesang, verhungern und verdursten lasse, und ihm, wenn er tod ist, von einem Gelegenheitsdichter lobpreisen lasse? Wäre das nicht närrisch? Nun, mein Herr, was waren nun die dankbaren Menschen in Ihrem beliebten Alterthum?“

„Ich würde besiegt seyn, wenn ich wider Sie hätte zu Felde ziehn wollen, mein Fräulein. Ich bin Ihr treuer Bundesgenosse. Aber baut man nicht auch in unsern Zeiten den Todten noch Ehrensäulen und Obelisken?“

„Gewiß, aber sie werden gebaut, nicht den Todten, sondern den Lebendigen zur Nacheiferung; und heutiges Tages Verdienst ums Vaterland zu haben, ist wahrlich der Mühe werther, als vor fünf, sechshundert Jahren.“

„Ständ es in meiner Macht, so sollte auch Ihnen ein Denkmal gesezt werden, um recht viel so schöne Vertheidigerinnen dieses Zeitalters zu erwecken.“

„Ich bin Ihnen sehr verbunden; der Ruhm gehört Ihnen, weil Sie allenthalben zur Vertheidigung Anlaß geben.“

So stritten Beide noch ein Weilchen hin, unter Scherz und Lachen. Die Gesellschaft theilte sich in Partheien und söhnte sich erst mit Anbruch der Mitternacht aus.

„Wir sehn uns doch wieder?“ rief Rosalia beim Abschiede, und der alte, biederbe Silberot drückte dem entzückten Duur freundlich die Hand.

Siebentes Kapitel.
Die Spazierfahrt.

O mein Oheim! mein guter, lieber Oheim, wenn Du izt lebtest — wenn Du nun so herrlich verwandelt sähest Deine Träume von der glücklichen Nachwelt in Wirklichkeit!“ rief der ehmalige Graf, als er nach Mitternacht in sein Quartier ankam, wo ihn der treue Pudel nach so langer Trennung mit freundlichem Gebell empfing.

Matthias schlief süß und fest.

„Holder, was werd’ ich Dir alles zu erzählen haben, was werd’ ich noch alles erleben! Ich war in meinem Jahrhundert keiner der unvollkommensten, und gleiche in der neuen Welt einem unwissenden Schüler, der allenthalben lernen muß. Ach, könnt’ ich sie aus ihren Gräbern rufen, die begeisterten Apologeten und Lobredner meines Zeitalters, könnten sie hören das Urtheil der Nachwelt über unser hochgepriesenes, aufgeklärtes Jahrhundert!“

Mit solchen Apostrophen entschlief er, und erwachte er wieder.

Einige Juwelen von bedeutendem Werth wurden sogleich am andern Tage in die Welt gesandt und in klingende Münze verwandelt. Duur kleidete sich dem damaligen Geschmack gemäs vom Kopf bis zu den Füßen neu; wer ihn izt sah, hätte nicht vermuthet, daß dieser Elegant ein Sohn der frühern Vorwelt war.

Rosalia sah ihn einige Tage später, und bemerkte mit einem gutmüthigen Lächeln, daß der Professor der Alterthumskunde schlechterdings für sein antikes Fach nicht geschaffen sey.

„Wissen Sie was Neues, Freundchen?“ rief ihm eins Morgens der Commendant entgegen, welcher ihn hatte zu sich bitten lassen: „wir haben so viel von Edelleuten gesprochen, aber noch haben Sie keinen gesehn. Hier in der Stadt ist kein einziger — aber drei Meilen von hier auf dem Lande wohnt ein Edler; er ist mein guter Freund, wir wollen ihn besuchen. Der Wind ist trefflich, in einer halben Stunde können wir da sehn.“

Florentin war willig.

„Es ist ein simpler, schlichter Biedermann; Sie müssen ihm keine Complimente machen. Vielleicht kennen Sie ihn schon, es ist der brave Gobby.“

„Ich kenn’ ihn nicht.“

„Als Gelehrter müßten Sie ihn doch kennen.“

„Ich versichre, er ist mir durchaus unbekannt.“

„Hm! nun seine Geschichte ist kürzlich folgende, denn die müssen Sie wissen, um ihn schätzen zu können. Er ist der einzige Sohn und Erbe des reichsten und filzigsten Bankiers; sein Vater starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen, von welchem er gemächlich, wie ein Fürst leben konnte. Statt das Gold in den Kisten und Kasten gefangen zu halten, wie sein Vater, verschwendete ers auf die wohlthätigste Weise. In fünf deutschen Städten legte er fünf gleich große Kapitalien nieder, von welchen der Arbeit unfähige Greise, Krüppel, arme Wittwen, Waisen, Findelkinder und andre Unglückliche, so lange sie der Unterstützung bedürftig sind, erhalten werden sollten. Für sich selbst behielt er nur so viel, daß er ein mässiges Auskommen hatte und eine Reise vollenden konnte, die schon längst projectirt ward. — Nämlich, er ging nach Amsterdam, kaufte ein batavisches Schiff, warb auf eigne Unkosten Freiwillige und segelte nach den Sandwichsländern. Von hier aus steuerte er dem Südpol zu, so weit er konnte, versorgte sich mit Proviant und andern Bedürfnissen, und segelte mit zwanzig Luftgondeln und fünf geschickten Matrosen über den unbekannten Südpol, von welchem er uns die erste gute Karte geliefert hat. — Seine Reisebeschreibung läßt sich nicht ohne Schaudern lesen; drei von seinen Gefährten erfroren am Pol, weil sie im Genuß des Feuergeistes zu nachlässig waren.“

„Des Feuergeistes? was verstehn Sie darunter?“

„Was ich darunter verstehe? haben Sie noch keinen Feuergeist gesehn in den Apotheken?“ Der Commendant klingelte, ein Bedienter erschien und brachte nach einger Zeit auf dessen Befehl ein Fläschchen, welches, ins Dunkele gehalten, phosphorisch schimmerte.

„Sehn Sie,“ fuhr er fort: „dies chemische Produkt ist ausser dem gröbern Feuer das einzige, welches die Wirkungen der Kälte besiegt. Es erhält das Blut im warmen Kreislauf beim höchsten Grad der Kälte, und ein Tropfen davon in einen Becher voll Wassers, bewahrt dieses mitten im Winter auf dem höchsten Gebürge vor dem Frost.“

Florentin starrte bald das Fläschchen, bald den Commendanten mit einer Miene an, wie sie im achtzehnten Jahrhundert die Einwohner Australiens hatten, als sie zum erstenmal der Explosion einer Flinte beiwohnten.

„Ist es möglich!“ rief er.

„Kurz!“ fuhr der alte Silberot mit einem sanften Lächeln in seiner Erzählung fort: „Gobby kam glücklich mit seinen beiden Reisegefährten zurück zu dem Schiffe. Ein Jahr nachher theilte er den Europäern seine Entdeckungen mit. Ganz Europa zollte dem kühnen Mann den wärmsten Dank, und daß man ihn unter die verdienstvollen Edeln des Landes sezte, war Schuldigkeit.“

Rosalia, heut schöner, als je, trat in diesem Augenblick mit einer ihrer Freundinnen ins Zimmer. Florentin hätte gern noch Stundenlang dem gastfreundlichen Lehrer zugehört. Aber er mußte auch nur so in seiner Unterhaltung gestört werden, um freundlich zu bleiben.

„Es ist alles bereit!“ rief Rosalia ihrem Vater entgegen. Der Commendant nahm die fremde Dame und führte sie in den Hof hinunter; Rosalia bot lächelnd dem träumenden Duur ihren Arm.

In einem geräumigen, mit Quadersteinen gepflasterten Hof standen zwei Gondeln, mit Segeln von rosenfarbner Seide, und Fischbeinrudern von Taffent, die viele Aehnlichkeit mit Flosfedern des Wallfisches hatten.

Rosalia sprang in einen dieser Kähne, und winkte dem versteinerten Duur, der nun wohl merkte, wohin es mit ihm sollte. — Er betrachtete das leichte, magische Gebäu mit einer sonderbaren Aengstlichkeit, und würde alles darum gegeben haben, wenn man ihn mit dieser Promenade verschont hätte.

„Kommen Sie, kommen Sie, lieber Duur!“ rief Rosalia, und streckte die Hand ihm entgegen. Ein leichter Schauer überlief ihn; zitternd faßte er des Fräuleins Hand und — hätte ein herzliches ex profundis beten mögen — und sezte sich. Der Gondelier stieg ein. Der Kahn schwoll auf allen Seiten an. Florentin sah sich verlegen nach allen Seiten um und preßte sich dichter an Rosalien.

In diesem Augenblick sanken vor seinen erstaunten Augen die hohen, massiven Mauern und Gebäude rechte und links neben ihm nieder, wie auf der Bühne beim Klingeln des Soufleurs die gemalten Straßen; schon dampften, in gleicher Richtung mit ihm, die Schornsteine; bald verloren sie sich unter ihm, und die hohen Kuppeln der Kirchthürme näherten sich ihm vertraulich. Der Kahn gaukelte izt noch um die funkelnde Spitze des Thurmgipfels, wie ein Schmetterling um die Blume, und die aufgescheuchten Dohlen flatterten mit ängstlichem Geschrei an den Wimpeln der Gondel vorüber. Aber bald verloren sich auch die Thürme unter ihm hinab und wurden wie kleine Stäbe, und die Dohlen darum wie Fliegen.

„Mein Gott!“ rief Duur: „wohin mit uns?“

„In den Himmel!“ antwortete Rosalia mit einem schalkhaften Blick.

„Sie haben Recht, denn ich habe ja schon einen Engel an meiner Seite,“ erwiederte er und drückte Rosaliens Hand fester an sich.

Ein falber Nebel umfing sie. Die Nebengondel, worin sich der Commendant mit der Fremden befand, verschwand vor ihren Blicken. Sie schwebten allein über der stillen, furchtbaren Tiefe im unendlichen Raum.

Plötzlich scholl aus den Nebeln herüber eine Stimme: „Rosalia, versieh Deine Pflicht! Duur passirt die Linie zum erstenmal!“ — Es war die Stimme des Commendanten.

„Hören Sie wohl, was mein Vater sagt? Sie befahren diese Gegenden zum erstenmal; und wissen Sie wohl, was da Sitte ist?“

„Ich weiß wahrhaftig nichts.“

„Wenn ein Reisender zur See zum erstenmal die Linie passirt, wird er von den Schiffern nach Schifferbrauch getauft — das heißt, nur ein paarmal ins kühle Meer untergetaucht.“ —

„Das war schon vor alten Zeiten ein grausamer — — —“

„Kommen Sie mir schon wieder mit Ihren alten Zeiten? Ich will davon gar nichts mehr wissen. — Mit einem Worte, Sie müssen sich alles gefallen lassen, was ich hier mit Ihnen vorzunehmen das Recht habe.“

„Nur — Liebe — nur nicht tauchen!“

„O Scherz, es ist noch dreimal ärger!“

„Noch dreimal ärger? Sie wollen mich doch nicht hinauswerfen? — es ist verdammt tief unten, und ich kann für meinen Hals nicht bürgen.“

„Alles Protestiren hilft Ihnen nichts. Sie müssens sich nun einmal schlechterdings gefallen lassen — — —“

„Was denn?“

„Von mir — —“

„Haben Sie Erbarmen!“

Drei — Küsse anzunehmen.“

„Milder Genius dieses Jahrhunderts, ich erkenne Dich!“ rief Duur, und hing an Rosaliens Lippen.

„Duur!“ rief sie endlich halbböse: „wissen Sie nicht mehr, wie viel drei ist? Oder bedeutete drei in Ihrem achtzehnten Jahrhundert mehr, wie bei uns? — Sie haben nun wohl zehnmal geküßt.“

„Ich bin im Himmel!“ rief er: „und im Himmel soll ja Seligkeit seyn ohne Aufhören!“

„So werden sich dereinst die zehntausend Jungfraun vor Ihnen in Acht zu nehmen haben.“

„Nur eine, und die wären Sie!“

Sie wollte antworten, aber — die Sylben erstarben in einem langen Kusse.

Die Gondel schwebte langsam über eine unabsehbare wellenförmigte Ebne falben Dufts, und des Aethers reines Ultramarin wölbte sich oberwärts herab.

Duur wähnte sich in die Zauberwelt der Träume verirrt zu haben.

Majestätisch tauchte sich der Kahn wieder hinunter in die zerfliehenden Wollen — ha! und mit niegesehner Pracht zeigte sich in tiefer Ferne unten ein Weltkörper, welchen Duur nicht für die Erde anerkennen wollte.

„Wir sind nach dem Mond hin verschlagen!“ jauchzte er an Rosaliens Seite, die den naiven Mann und sein anhaltendes Erstaunen mit stiller Freude beobachtete.

Reglos, wie eine buntilluminirte Landcharte mit ihren Meeren und Provinzen, lags unter ihm ausgespannt. Wald und Wiese, Gebürg und Bach schwammen einförmig in einander verschmolzen in der Tiefe.

Mit jedem Augenblick aber dehnten sich die kleinen Gestalten immer weiter und größer aus einander, wie unterm Vergrößerungsglase; aus grünen Flecken entfalteten sich Wälder, das schimmernde Pünktchen rollte sich aus und ward ein Landsee; der schwarze Stumpf verlängerte sich zum Dorfthurm und aus den Maulwurfshügeln erstanden Häuser. —

Schon begrüßten die Vögel in der Luft die fremde Erscheinung in ihren Revieren; schon rührte den Geruchssinn ein aromatischer Duft, welcher die Nähe junger Blüten verrieth; schon rauschten seitwärts an den Gondelrudern die Wipfel der Fichten und Eichen — ein prächtiges, regelmäßiges Landschloß stieg in der Mitte eines Gartens auf — sie waren zur Stelle. —

Achtes Kapitel.
Gobby.

Wie gefällts Ihnen im Himmel?“ rief unserm Luftfahrer der alte Commendant mit herzlichem Lachen entgegen.

„Besser noch, als mirs die Bibel versprochen hat;“ antwortete Florentin, indem er auf Rosalien hinblickte.

„O Väterchen!“ sezte diese hinzu: „unser Alterthumsprofessor sündigt oben, wie unten. Schicken Sie ihn nur erst ins Fegefeuer.“

Bei diesen Worten öffneten sich die Pforten — ein blasser, hagrer Mann, mehr klein, als groß, einfach gekleidet, trat heraus. Hinter ihm zeigte sich im festlichen Kleide, von Goldstickereien blitzend, der wahrscheinliche Herr des Gebiets, mit einem ernsten, feierlichen Wesen.

Florentin freute sich wirklich, den Umflieger und Bewandler des Südpols, den Freund und Schutzgeist der leidenden Armuth kennen zu lernen, als er bemerkte, daß der kleine, hagre Mann die Umarmung des Commendanten verließ, um Rosalien zu küssen.

„Dieser also?“ lächelte Florentin, dem die Phantasie ihr gewöhnliches Späschen gespielt hatte, die nur große Geister in großen Gestalten und schöne Seelen in schönen Körpern sucht.

Gobby — er wars — näherte sich endlich auch ihm, mit einem Blick voll gastfreundlicher Liebe und Vertraulichkeit; — der Commendant war im Begriff, seinen Gast zu präsentiren, als Gobby, wie mit Entsetzen, einen Schritt zurückprallte.

„Herr Duur, ein neuer Bekannter und Freund!“ rief der Commendant.

„Und unser ehrenfester Professor der Antiquitäten“ — sezte Rosalia hinzu, und, indem sie Florentinen argwöhnisch anlächelte: „unser — Freund?“

„Sie sind mir bekannt, Herr Duur — — wir haben uns irgendwo gesehn, gesprochen — ich weiß nicht wo? und nicht wie?“ sagte Gobby: „seyn Sie mir willkommen!“

Man trat in einen Saal, der vom Geschmack und Reichthum des Besitzers zeugte.

Die Wände waren Spiegel, und jede Wand, wie ein einziger Guß, ohne Reifen und Fugen; oben hingen sich an goldnen Stäben und Ringen Blumenguirlanden, so täuschend, so frisch, als wären sie erst vor einem Augenblick den Beeten geraubt. Ausser den nothwendigsten Meublen erblickte man vier Nischen in den vier Wänden; in jeder einen Marmoraltar, worauf sich paarweise Gobby’s Penaten befanden — Bronzebüsten. Ein Sokrates- und Christuskopf standen vertraulich beisammen, ein Aristoteles und Kant, ein Friedrich der Große und ein Unbekannter, ein Rousseau und ein Unbekannter.

Es war schon mehrere Gesellschaft gegenwärtig; man mischte sich freundlich durch einander und sprach von diesem und jenen — Gobby aber entfernte sich mit dem Commendanten.

Am meisten unterhielt eine Note des verstorbnen Kaisers an seine Unterthanen, welche wenige Monate vor seinem Tode ans Licht getreten war. Man debattirte lange darüber, und schien sich nicht vereinigen zu können, ob der Kaiser billig gedacht habe, oder nicht. Florentin mischte sich in die kleine Fehde, und, um richtig zu urtheilen, las man ihm die Note vor:

„An meine Unterthanen.“

„Da die vorliegenden nördlichen Provinzen durch den langen Krieg fast gänzlich verwüstet sind, und ich, ohne Noth, Euch durch keine Auflagen drücken wollte, um den Flor jener Provinzen wieder herzustellen: so entschlos ich mich, die kostbaren Feierlichkeiten, Opern, Feuerwerke und dergleichen an meinem Hofe einzustellen, auch die Gehalte der Prinzen und Prinzessinnen um die Hälfte zu verringern, bis die verwüsteten Dörfer und Städte wieder erbauet und die verarmten Familien gerettet seyn werden. Es war dies von meiner Seite ein freiwilliger Beitrag zur Linderung der allgemeinen Noth — Aber daß man mich wegen meiner erfüllten Pflicht so unaufhörlich mit öffentlichen Lobreden und Lobgedichten heimsucht, find’ ich von meinen Unterthanen nicht schön, weil damit nichts gesagt zu seyn scheint, als: es ist sehr ungewöhnlich, daß Fürsten auch Menschenpflichten erfüllen! — Wie viel Elogen und Hymnen hätt’ ich auf diejenigen von meinen Unterthanen zu verfertigen, die so viel nach Verhältniß ihrer Kräfte thaten, als ich?“ —

„Nun sagen Sie Ihre Meinung!“ rief man, nach Durchlesung der Note, dem bestürzten Florentin zu.

„Ist es nicht hart, wenn der Vater seiner Kinder Dank nicht hören will?“ riefen einige.

„Ist es nicht billig und vernünftig vom Kaiser?“ schrie die Gegenfaction.

Florentin las das Blatt noch einmal und wollte seinen Augen nicht trauen. „Meine Herrn und Damen,“ sagte, er endlich: „ich muß gestehn, solche Denkart eines Fürsten, solche Aeusserung des feinsten moralischen Gefühls ist nur allein dem drei und zwanzigsten Jahrhundert eigen.“

„Dies Urtheil konnt’ ich voraussehn!“ sagte Rosalia lachend: „der Herr wird uns so gleich mit einen Beispiel vom Gegentheil aus der Vorwelt aufwarten.“

„Mit mehr, als einem!“ erwiederte Duur: „ich erstaune izt weder über die Billigkeit noch Härte des kaiserlichen Wunsches, sondern darüber, daß Sie noch getheilte Meinungen hegen können.“

„Bravo!“ rief eine Parthei.

„Welch ein edler Ton herrscht in der Sprache. Schon daß er von allen Curialwust abläßt, und seine Person mit dem simpeln Ich bezeichnet, schildert den Kaiser“ — — —

Ein verworrnes Gelächter unterbrach ihn. „Wie soll er denn von sich anders reden?“

„Es wird Ihnen bekannt seyn, daß sonst große und kleine Fürsten nie anders ihre Vielheit bezeichneten, als durch ein großes Wir.“

„O!“ rief einer aus der Gesellschaft lachend: „das war in dem finstern Zeitalter guter Ton, als die Fürsten noch böse wurden, wenn man sie nicht die allergnädigsten, großmächtigsten, unüberwindlichsten nannte. Seitdem aber diese unüberwindlichsten Herrn mehr als einmal überwunden wurden, und die allergnädigsten sich mehr als einmal sehr ungnädig fanden: waren sie selbst so billig, ihre Titel in mildere zu verwandeln, um die Suppliken der Unterthanen für keine Satyre zu halten.“

„Erlauben Sie,“ fiel dem Redner ein andrer ins Wort: „ich weiß nicht, ob die itzigen Titel: — unser guter, menschenfreundlicher König, oder Kaiser, oder Fürst und Herr — nicht weit schmeichelnder sind, als die vorzeiten gebräuchlichen, welche man noch in alten Chroniken und Urkundensammlungen findet: denn unsre bestimmen den fürstlichen Charakter sehr deutlich, zwar nicht immer als das, was er ist, sondern als das, was er eigentlich seyn sollte; allein die alten waren oft ganz unverständlich, wobei sich weder der Unterthan, welcher sie schrieb, noch der Fürst, welcher sie las, etwas denken konnte — zum Beispiel, wenn es hieß: allerdurchlauchtigster — — —“

„Dagegen bemerk ich“ erwiederte der Gegner: „daß es die Alten verstanden, aber wir freilich nicht, da unsre Sprache sich unterdessen sehr verändert hat.“

„Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen widersprechen muß,“ entgegnete Duur: „auch die Alten wußten von solchen Ausdrücken keinen Sinn — schon im achtzehnten Jahrhundert nicht.“

„Und dieser Herr“ rief Rosalia, indem sie muthwillig auf Florentinen deutete: „hat Autorität; er ist in der Vorwelt zu Hause, wie bei uns.“

„Ich geb es zu,“ antwortete der Widerlegte: „allein dann wär es ja wunderlich gewesen von unsern Ur-Großvätern, wenn sie sich Redensarten bedient hätten, welche weder die verstanden, so sie gaben, noch die, welche sie nahmen?“

„Was erwiedern Sie darauf, lieber Professor?“ fragte Rosalia?

Duur wischte sich leise über die Stirn.

Neuntes Kapitel.
Der Kupferstich.

Eine Rarität, meine Herrn!“ rief der edle Gobby, welcher mit einem Quartanten unterm Arm in Gesellschaft des alten Silberot hereintrat.

Neugierig wandte sich jedes Auge auf den achtungswürdigen Mann hin, von welchem man, selbst wenn er scherzte, nichts ganz Gewöhnliches zu hoffen hatte. Die Versammlung schloß einen Kreis um ihn.

„Wers erräth sit mihi magnus Apollo!“ sagte er mit einem bedeutenden Lächeln.

„Den Nachsatz erbitten wir Ungelehrte deutsch!“ rief eine Dame.

Der oder die soll heut König oder Königin unsers Cirkels seyn und von jedem Anwesenden einen Kuß empfangen!“

„Da ists der Mühe werth, zu rathen.“

„Der lezte Theil Ihrer Reise zum Südpol!“ rief ein Gelehrter.

„Eine neue Ausgabe!“ ein andrer.

„Das Buch vom Stein der Weisen!“ ein dritter. Und so riethen sie alle und Gobby schüttelte zu allem den Kopf.

Rosalia lächelte ihren Reisegefährten an: „Merkwürdige Rathen, Thaten und Faten aus dem achtzehnten oder neunzehnten Seculum für Lehrer der Alterthumskunde!“

„Getroffen!“ rief Gobby und schlug das Buch von einander: „Eine äußerst seltsame Erscheinung muß ich Ihnen bekannt machen, die freilich nur für diese Versammlung ein anziehendes Intresse hat; Dies Buch enthält eine Kupferstichsammlung; unter derselben befindet sich auch ein gewisser Florentin von Duur — — —“

Florentin wurde feuerroth; das Blut pickte laut in allen Pulsen und Fingerspitzen.

„Und dieser Herr“ fuhr Gobby fort, indem er auf Florentinen zeigte: „trägt denselben Namen. Er heißt Florentin Duur. Vor ohngefähr vier bis fünfhundert Jahren warf sich jener Florentin von Duur in Kanella auf, und bewirkte eine sehr schlau eingefädelte Revolution wider den damaligen Beherrscher Kanella’s. Das Volk nahm eine republikanische Verfassung von seiner Hand an, aber diese Regierungsform war von kurzer Dauer; das Reich ward in sich selbst uneins; ehrsüchtige und gelddürstige Egoisten schwangen sich wechselnd empor, zerrütteten das Land, welches endlich wieder zertheilt unter den Zepter der benachbarten Monarchen kam. Florentin von Duur ward von den Geschichtschreibern in die Gesellschaft der Masaniello’s, Kosciuskos, Fayette’s und Mirabeau’s gesezt.“

„Ich selbst habe neulich noch in einem Traktate seiner gedacht,“ sagte hierauf ein Gelehrter: „worin ich unter andern die Meinungen derjenigen Scribenten mit neuen Gründen unterstüzte, welche sehr wahrscheinlich behaupten, daß er nur den Namen hergeliehen habe zu der Revolution, deren Plan und Vollendung eigentlich dem versteckt gebliebenen, und mit ihm verbundnen Badner angehörte. Der berühmte Ocellius in seiner Dissertation de Badnero vindicato bezieht sich allein auf die Statüe des Badner, und leitet von ihr seine Gründe her.“

Duur spizte die Ohren mächtig; ein Wort von ihm wäre hinreichend gewesen, die gelehrten historischen Hypothesen der äußerst schlauen Geschichtsklitterer dieses Zeitalters zu zerstören1), wenn er nur irgend hätte Hoffnung hegen können, mit seinem fünfhundertjährigen Schlummer Glauben zu finden.

„In der Geschichte darf nicht philosophirt, sondern nur Datum an Datum gekettet werden, wenn sie uns mehr als Roman seyn soll;“ sagte er, um den Mann doch einigermaßen zu widerlegen, und sein kleiner Ehrgeiz erwachte unter jener Beleidigung.

„So wird uns die Geschichte nicht mehr, als Zahlen, Namen und dürre Begebenheiten, ohne Zusammenhang, wie Glieder einer zerrissenen Kette, liefern;“ erwiederte der Gelehrte.

„Es ist die Frage: ob die Geschichte mehr zu leisten berechtigt sey?“ antwortete Duur.

Der edle Gobby unterbrach den beginnenden Streit. „Zur Sache. Der Kanellesische Revolutionair hat nicht nur mit unserm Freunde hier gleichen Namen, sondern — sehen Sie her, meine Herrn und Damen! — sondern auch dasselbe Gesicht gemein!“

Ein tiefes Erstaunen ergriff die ganze Versammlung; man gaffte den Kupferstich bald, und bald dessen lebendiges Ebenbild an; das Spiel des Zufalls war hier mehr, als seltsam.

Duur stellte sich nicht weniger betroffen; er konnte ein anhaltendes Erröthen nicht verbergen, und wagte es nicht, das Stillschweigen zuerst zu unterbrechen.

„Das ist wunderbares Zusammentreffen der Umstände!“ rief endlich einer.

„Etwas Unerhörtes, Niegesehnes!“ ein andrer.

„Und scheint wahrhaftig mehr, denn absichtslose Tändelei der Natur zu seyn!“ ein dritter.

Jeder gab endlich seine Meinung darüber, und Gobby machte das Ganze zulezt zum Scherz. „Sie könnten,“ sagte er zum bestürzten Florentin: „Sie könnten nach Kanella gehn, und dort mit Glück den Pseudo-Duur spielen. Wenn die Kanelleser noch den Enthusiasmus der Vorältern für die Revolution haben: so wird es Ihnen leicht seyn, aus dem unbekannten Privatmann ein bedeutender Diktator zu werden, um Kanella zu erobern.“

„Würden Sie das?“ fragte Rosalia.

„Wenn Sie Kanella wären — gewiß.“ antwortete Duur.

Zehntes Kapitel.
Der Salomonismus.

Gobby’s Einsiedelei war so anmuthig, sein Ton so herzlich und einladend, die Gesellschaft, welche er um sich versammelt hatte, so intressant, der Wind zum Zurückschiffen den Luftgondeln so wenig günstig, daß der Commendant mit seinen Gefährten sich sehr bald entschloß, mehrere Tage bei dem wackern Gobby zu verweilen.

Florentinen war diese Verzögerung nichts weniger, als ungelegen. — Er blieb gern, denn fast alles, was ein Herz, wie das seinige, zu fesseln im Stande war, fesselt es in Gobbys lieblichen Bezirk. — Der Abentheurer des achtzehnten Jahrhunderts schwamm in einer niegefühlten Seligkeit — er sah die Nachwelt, sah die weissagenden Träume von ihr erfüllt, und sich unter den glückseligen Bewohnern einer gebildeten Welt.

Noch hatt’ er nirgends einem melancholischen Gesicht begegnet, worauf Gram und Verzweiflung, Hunger und Bettlersorgen ihren Empfehlungsbrief geschrieben; noch hatt’ er keiner weinenden Unschuld Thränen gesehn, noch keines Unterthanen Flüche gehört unter den Druck eiserner Gesetze — aber noch hatt’ er auch nur wenige Menschen erblickt, und wenige beobachtet.

Hier in Gobby’s fröhlichem Cirkel, wo man Unzufriedenheit und Kummer zulezt gesucht hatte, erblickte Duur den ersten Mann des glücklichen Zeitalters, der unglücklich, und wie es sich anließ, durch sein Zeitalter unglücklich zu seyn schien. — Josselin war sein Name, und die Erscheinung viel zu fremdartig, als daß sie nicht von unserm philosophischen Kundschafter aufs genauste hätte beobachtet werden sollen.

Josselin war ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, der, wenn er sich gleich keiner apollonischen Schönheit rühmen konnte, doch durch gewisse, intressante Züge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner Unterhaltung allen Kennerinnen das Geständniß ablockte, er sey ein liebenswürdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt über daß weibliche Herz war für Florentinen dieser, daß Rosalia von ihm bezaubert wurde, ehe sie es selbst wußte, so daß ihr ganzes Wesen an jedem Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden von denen waren, welche sie bisher für Florentinen hatte.

Josselin wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Männern, und nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da, wie ein Verbannter aus dem Lande des Glücks.

Florentin konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkührlichen Erinnrung an Holder, den Jüngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er drängte sich näher an den Schwermüthigen; Josselin selbst kam ihm immer entgegen — beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.

„Aber wer ist Josselin?“ fragte Duur den edeln Gobby in einer vertraulichen Stunde.

„Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen ausserordentlichen Anhang und Beifall, näherte sich aber endlich dem Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.“

„Und er scheint sehr unglücklich.“

„Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glücklich fühlte?“

„Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus — — — verzeihn Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe — was soll ich mir darunter denken?“

„Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?“

„Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule von Kant gestiftet, und die größten Denker jener Zeit gingen aus ihr hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen Kant gehabt?“

„Ich bekenn’ es Ihnen frei, daß ich selbst nur Dilettant in der Philosophie und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht über Kants Geist zu urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt. Aber dies weiß ich Ihnen zu sagen, daß Kant einer der merkwürdigsten Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der großen Reformation nichts mehr, als das erste Signal gab, aber durch seine Schüler auf das kultivirte Europa und Amerika einen seltnen Einfluß gewann. Selbst die Wissenschaften, welche außer dem Gebiet der eigentlichen Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die edeln Künste wurden erhabnern Zielen entgegengeführt.“

„Deutschland hatte schon glänzende Fortschritte auf der Bahn gemacht, welche Kants Genie vorzeichnete, als man außer seinem Namen im Auslande noch wenig von ihm wußte, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundsätze der kritischen Schule in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Früher zwar als in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dänen aufgenommen, aber wenig gepflegt worden.“

„Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft?“ fragte Duur.

„Ein Paar Jahrhunderte;“ antwortete Gobby: „sie verdrängte allmählig alle übrige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie nach Kantischen Grundsätzen bearbeitet. — Deutschland blieb inzwischen immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich allmählig von ihrem gefährlichsten Feinde, dem Salomonismus, größtentheils zerstört ward.“

„Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch die Kantische Philosophie das Nonplusultra aller menschlichen Weisheit erreicht zu haben. Wär es möglich, daß auch Kant seinen Ueberwinder gefunden?“

„Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natürlichen Gang. Die Verbreitung der kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, daß die Sekte der Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mächtiger, als jemals auf Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums eine neue Parthei, welche allen übrigen den Krieg ankündigte, und wirklich nicht ohne Glück kämpfte; spottweise nannte man diese Schule die Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum, beibehielt. Herr Josselin könnte Sie mit den Grundsätzen der Salomonisten vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gespräch sind, geb’ ich Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst Josselins Charakter näher zu kennen.“

„Dies wäre mir sehr lieb, denn ich läugne es nicht, daß mir der liebenswürdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schließen, wenn er mich anders nicht zurückstoßen wird.“

„Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie — er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie uns mit einander in die Laube drüben am Kanal treten. Die Sonne ist heut brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.“

Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen. Die Hitze war drückend; kein Lüftchen kühlte den Wandrer und das Laub hing welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.

„Ich wollte Ihnen einen ohngefähren Begriff von dem Lehrgebäude der Salomonisten geben,“ — hub der sanfte Gobby an: „nehmen Sie also mit meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, daß man glauben sollte, es könne unmöglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall, sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr übertreten, weil sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.“

„Die Salomonisten behaupten, wiewohl es nützlich seyn könne, im gemeinen Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr zu hegen: so müßten diese doch gänzlich aus dem Gebiet der Philosophie verwiesen werden, und man dürfe und könne, als vernünftiges Wesen, durchaus nichts anders glauben, als was für uns den Stämpel der apodiktischen Gewißheit trüge — oder Wahrheit.“ —

„Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst unsicher, weil das, was der Mensch für Wahrheit halten muß, nur eine nothwendige Folge seiner ihm eigenthümlichen feinern Nervenorganisation, oder Produkt seiner Gemüthseinrichtung ist. Dazu kömmt noch, daß die Kenntniß dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner Glückseligkeit beiträgt.“

„Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er weiß nichts von dem da draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne zugeführt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts, weil sie nur Zeugungen der Sinne, berührt durch äussere Gegenstände, seyn können. Eine andre Construktion der Sinnorgane würde eine andre Welt vors Gemüth führen.“

„Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lächerliche Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das Immaterielle gar nicht.“

„Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhörlichen Widerstreit, besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die Moral zu einem festen System erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer Welteinrichtung vorträumen.“

„Die Philosophie stößt alles, was Religion heißt, von sich aus, betrachtet aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gängelband für die Menschheit, damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.“

„Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird, ist nichts als eine liebliche Schwärmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die aufgeklärtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimären, die nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.“

„Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie Salomo bei den Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch warum wir sind, noch seitwann wir waren, noch wie lange wir seyn werden; ob wir als Zwecke, oder als Mittel hier umherirren in der räthselhaften Dämmerung. — Der Mensch bildet sich aber ein, mehr zu seyn, als er wirklich ist; er läßt die Welt für sich geschaffen, und einen Gott für sich gekreuzigt seyn. Der Mensch bildet sich ein, mehr zu wissen, als er weiß, und zu den bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den kindischen Träumereien von ihrer Hoheit glücklich fühlt so lasse man ihr den seligmachenden Eigendünkel.“

„Das ist ein gefährliches System!“ tief Duur: „Religion und Moral, bürgerliche Glückseligkeit, Ruhe der Seelen — alles wird von diesem Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?“

„Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Köpfe ist. Zudem ist er noch nicht widerlegt; ja man hat die Beispiele erlebt, daß zwei der berühmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das Gefühl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei übergegangen sind.“

„Die Sekte lehrt an sich wenig neues; einzelne Sätze sind längst schon behauptet worden — nur daß hier alles in einer so fürchterlichen Verbindung zusammengedrängt ist. Es ist eine Philosophie, die zur Verzweiflung führt.“

„Das ist sie, sagen die Salomonisten, so lange man noch nicht von der Ammenmilch der bisherigen Phantasiephilosophie entwöhnt ist.“

„Aber man fühlt sich glücklicher bei dieser Ammenmilch.“

„Dies gestehn die Philosophen selber ein, und erklären auch dies für einen der vielen unauflöslichen Widersprüche in unsrer Natur, daß wir den drängenden Trieb in uns fühlen, so weit, als möglich, vorwärts zu eilen, und dann doch dreimal elender, als vorher, werden.“

Eilftes Kapitel.
Josselin.

Ein muthwilliger Schwarm junger Damen umringte mit lautem Gelächter die heimliche Laube und führte den sanften Gobby und Duur gefangen, wie im Triumphe zum Schlosse zurück, wo die übrigen versammelten Männer dasselbe Schicksal erfahren hatten.

Auch Josselin war unter den Gefangnen. Er schien nur für die frohsten Scherze in der Welt zu seyn; er war die Seele der Gesellschaft; alle Weiber horchten auf ihn und die Männer bewunderten lächelnd seine Gewandtheit, sich als Gefangner mitten unter den Weibern aus der Sklaverei zur Souverainetät über dieselben zu heben.

Der Abend nahte sich mit lieblicher Kühlung; man floh die Zimmer, um sich im Freien unterm blauen Himmel zu belustigen; Gesellschaftliche Spiele von allerlei Art wurden angegeben und ausgeführt — keine Kinderspiele des achtzehnten Jahrhunderts!

Duur hatte anfangs im Sinn, auch ein Spielchen aus seinem Zeitalter vorzuschlagen — etwa ein unterhaltendes Pfandspiel, wo zulezt Küsse, gegeben und geraubt, die Würze der Unterhaltung seyn mußten. Aber beschämt zog er sich zurück, als er wahrnahm, wie auch in gesellschaftlichen Vergnügungen der gebildete Geist dieses Jahrhunderts webte.

Man entlehnte Süjets aus der Geschichte der Vorwelt, und gab sie aus dem Stegreif in dramatischen Darstellungen wieder, oder drückte in Pantomimen und charakteristischen Tänzen eine liebliche Reihe von Empfindungen aus. Ermüdet von der schönen Arbeit ruhten dann die Spieler, und das Chor der Zuschauer bezahlte das genossne Vergnügen mit Absingung einiger Hymnen auf die großen Männer des Alterthums. Barmherzigkeit und Liebe, Großmuth, heldenmüthige Selbstaufopferung, und andre bewundernswürdige Tugenden waren der Gesänge Inhalt. Dann wurden extemporirte Melodramen aufgetischt — Rosalia entwickelte die Empfindungen der Charlotte Corday unter dem reifenden Entschluß, Marats Ermordung zu wagen für das Vaterland. Rosalia’s Deklamation war Gesang; in den Pausen phantasirte Josselin auf einer Art von Harfe durch Moll und Dur in reizenden Tönen den Empfindungen Rosaliens nach.

Gesang und Freude stimmten alle Seelen zu einem zärtlichen Verein. Josselin ergriff einen vollen Becher Weins, mit lebendigen Rosen umkränzt, eilte Florentinen entgegen und rief: „Freundschaft! Freundschaft!“ Er trank den Becher zur Hälfte leer. Begierig nahm Duur ihn von Josselins Hand und trank und rief mit einem unnennbaren Entzücken: „Freundschaft! Freundschaft!

Beide sanken einander in die Arme. Duur fühlte eine Thräne in seinem Auge zittern und Josselin küsste ihn. „O laß uns einen Gott glauben! es ist so schön!“ schrie Josselin in einer begeistrungsvollen Ekstase.

„Laß uns einen Gott glauben!“ rief der liebenswürdige Gobby, indem er sich, einen Becher Weins in der emporgehobnen Hand, den beiden Freunden näherte und sie beide küßte.

„O!“ entgegnete Josselin schluchzend: „könnt’ ich mich ewig so vertiefen in den schönen Rausch der Sinnlichkeit — könnt’ ich einen Schleier ziehn vor den unseligen Offenbarungen der vorwitzigen Vernunft — könnt’ ich werden wieder ein Kind und arglos spielen im Schoos meiner Mutter Natur!“

Die Gesellschaft sah, schweigend um diese Gruppe versammelt, dem Spiele dieses Auftrittes zu, und, wie von einem Geist ergriffen, von einem Gefühl gerührt, ertönte plötzlich von allen Lippen der Gesang eines uralten deutschen Volksliedes: „Freude schöner Götterfunken!“

Eine liebliche Schwärmerei verbreitete sich über die Versammelten. — „Den heiligen Manen des alten Dichters dieses Glas!“ rief Gobby: „ihm, der nach Jahrhunderten noch erfreut und tröstet!“

„Schiller!“ rief Duur. Alles rief ihm den Namen nach — eine große Thräne stürzte aus Florentins Augen.