Zwölftes Kapitel
Brüderschaft.

Duur bemerkte am folgenden Tage eine sonderbare Veränderung in Gobbys und Josselins Mienen. Es schien, als drücke irgend ein schönes Geheimniß ihr Herz; auch der brave Commendant, stimmte in den wunderlichen Ton jener Beiden ein.

Demungeachtet war diese Verwandlung so auffallend nicht, daß Duur mit guter Art nach den Ursachen derselben kundschaften konnte. Er wars zufrieden, daß man ihn nicht nur nicht kälter oder fremder, sondern weit liebkosender behandelte, denn sonst. Gobby trat zuweilen schweigend vor ihm hin, starrte ihn mit einem Blick voller Liebe und Bewunderung an und schloß ihn in seine Arme. — Josselin drückte ihm öfter die Hand, und küßte ihn öfter. Silberot lächelte, so oft er ihn erblickte.

Am Nachmittage fuhren einige Karossen vor — die Gesellschaft wollte einen benachbarten Freund des edeln Gobbys besuchen. Nur Josselin schloß sich aus, unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit, und ersuchte Florentinen ihm zur Gesellschaft ebenfalls zurück zu bleiben.

Wer willigte lieber in Josselins Wunsch ein, als Duur, der diesem einnehmenden Mann unmöglich etwas abschlagen konnte.

„Laß uns Bruderschaft trinken, du Lieber!“ rief Josselin am Abend dieses Tages, als sich Beide in einer schönen Jelängerjelieberlaube befanden, wohin ein Diener zwei Flaschen Weins brachte.

„Ach, es ist doch so schön, sich in dem Feenarm der Sinnlichkeit zu wiegen und zu entsagen dem Hinblick auf die schauerlichen Wüsteneien, welche die Vernunft entschleiert! Was haben wir vom Leben, wenn wir nicht pflücken die sparsam blühnden Rosen, und in dem Götterrausche der Lieb’ oder Freundschaft vergessen, welche erbärmliche, elende Wesen wir sind!“

Josselin schwang bei diesen Worten den Becher seinem Freunde entgegen. Sie tranken. Das Abendroth schimmerte durch die Fugen der Laube über ihre Wangen; ein kühles Lüftchen flüsterte unter den Blumen herüber, und im benachbarten Gesträuch schlug eine Nachtigall.

„Wenn der Mensch auf Erden elend ist, so klag’ er nicht den Himmel, sondern sich selber an!“ rief Duur: „Wohlauf! Brüderschaft, Josselin — verdammt sey die schwarze Philosophie des Salomonismus, es leben die schönen Träume der Phantasie!“

Josselin. (düster.) Wohl dem, ders rufen kann vom Herzen.

Duur. Jede Blume hat hienieden ihren Honig, jede ihren Gift — ich nenne, den weise, welcher nur vom Honig zu naschen weiß.

Josselin. Hast recht!

Duur. O Josselin, Du bist so unglücklich — Du, und Du ein Bürger des drei und zwanzigsten Jahrhunderts?

Josselin. Eben darum, Duur! hätt’ ich gelebt in der barbarischen Vorwelt, als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlüpft waren, so wär’ ich glücklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf sich zurück — ach, und je mehr er abläßt von jener, je enger er mit sich vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, daß die Gottheit seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum sey. Glaube nicht, Duur, daß die Menschheit vollkommner werde, je länger sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von Anbeginn war. Ihre Gränzen sind unabänderlich festgesezt von der strengen Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust, verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber behalten die Sache.

Duur. Du salomonisirst!

Josselin. Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit ist eine elende Flickerei, lieber Duur — und doch flickt und bessert man immer so gern daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. — Doch ich will Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstören — sey, wer Du willst, glaube, was Du willst — nur hüte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. — Trink!

Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe, hab’ ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit bemerkt.

Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.

Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glück entwunden — Gefühle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter — — —

Josselin. Ist damit gewonnen?

Duur. Die dichterischen Träume vom schönen grichischen Sinn und Geist verwandeln sich in Wirklichkeit.

Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermögen ist zärter, und durch den Fleiß der edeln Künste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit läßt uns auch doppelt fühlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen Schmerz, wo die Männer der Vorwelt nicht einmal die Möglichkeit eines Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lächelte, in glücklicher Taubheit der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges Tages.

Duur. Dafür hat aber auch die Vernunft an Stärke und Bildung gewonnen — sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schändlichen Ketten der Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der größte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.

Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft gewähren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, muß sie sich demüthig auf ihren verkrüppelten Bruder, den Glauben, stützen. — Geh hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je länger ihr Auge dort verweilt. (Indem er die Gläser füllt) Trink, die Flaschen müssen leer werden! die Sonne geht unter — einst, Bruder, wir, wie sie!

Duur. Du bist sehr verstimmt.

Josselin. Nein, Lieber, wohlgestimmt bin ich, wie ichs lange nicht war. — Man hat viel darüber gefochten, wie weit in der Kultur und Aufklärung der Nationen gegangen werden müsse. Einige behaupteten, hier dürfe, keine Gränze bestimmt werden; man könne ein Volk nie genug aufklären, nie genug kultiviren; man müsse nie still stehn, sondern unermüdet vorwärts eilen. — Andre stritten für das Gegentheil, meinten, daß Aufklärung und Kultur zulezt der Glückseligkeit des Ganzen Gift werde, daß Religionen und Staatsverfassungen an diesen Klippen nothwendig scheitern müßten und jeder Reformator daher als ein Friedensstörer anzusehn sey. — Beide Partheien hatten recht und unrecht, aber wie überall in der empyrischen Welt, wo die Vernunft a priori durchaus nichts zu sagen hat, mußte auch hier die Erfahrung die beste Schiedsrichterin seyn.

Duur. Und wie hat sie entschieden?

Josselin. Der Mensch ohne Kultur ist ein erbärmliches, freudenloses Geschöpf, und immer um einen halben Grad elender, wie das vernunftlose Thier. Die Menschheit konnte sich, der ihr beiwohnenden, ewig regen Triebe willen, nicht lange in der Finsterniß erhalten — sie strebte nach einem Ausgang, nach Licht. — Allzuweitgetriebne Verfeinerung, höchste Kultur der Vernunft, besonders im speculativen Gebrauch, bewirkt aber einen furchtbaren Indifferentismus, Erschlaffung der wichtigsten Triebfedern zum moralischen Handeln, Verleihung der süssesten Lebensfreuden, allzufrühen Ueberdruß und Ekel der Welt — oder stürzte den Menschen wieder hinab zum Hang nach gröberer Sinnenlust und thierischen Dumpfheit. — Dies lehrt die Erfahrung. Betrachte die Menschen, und Du wirst entweder hypochondrische Gerippe erblicken, welche mit der Naturnothwendigkeit wegen ihres Daseyns hadern möchten, oder — Thierseelen in Menschenhaut.

Nein, Duur, es ist und bleibt gewißlich wahr, der Mensch ward nicht geboren für die Nacht der blinden Sinnlichkeit, nicht für das blendende Licht der Vernunft, durch welches wir uns in einer schrecklichen Lage zwischen Abgründen und Felsenmauern gewahren — sondern für eine wohlthätige, sanfte Dämmerung, zusammengeschmolzen aus den Schatten der Sinnlichkeit und den Lichtstrahlen der Vernunft, wo wir mehr ahnden, als sehn, mehr hoffen, als besitzen, mehr träumen, als wissen.

Duur versank in ein tiefes Schweigen; Josselin lächelte — er füllte die Gläser von neuem und trank auf das Wohl der glücklichen Nachwelt!

„Immer der glücklichen Nachwelt, und immer der Nachwelt!“ rief Duur mit einem Seufzer und erinnerte sich seines längstverwesten Oheims und seiner Favoritgrille.

Es ward still um sie her. Sie plauderten noch vieles, und verloren sich in schwermüthige Betrachtungen.

Duur schwieg. Josselin klagte über Schläfrigkeit, und Florentin hatte schon längst mit einer unnatürlichen Müdigkeit gekämpft. Es ward immer stiller, immer dunkler. Sie sanken Arm in Arm auf eine Rasenbank nieder, um sich dem Schlummer zu überlassen und dann mit einander in Gesellschaft eine schöne Sommernacht zu durchwachen.

Dreizehntes Kapitel.
Erscheinungen.

Der Exgraf erwachte erst spät — es war schon so hell rings herum; die schönste Sommernacht, war ungenossen verschlafen. Er wollte nach Josselin greifen, als er bemerkte, daß man ihn, um ihn nicht der kühlen, feuchten Nachtluft preiß zu geben, in ein Zimmer und Bett gebracht habe.

Aber welches Zimmer? welches Bette? er erinnerte sich nie, ein solches Zimmer im Gobbyschen Pallaste gesehn zu haben. — Er sprang lächelnd und bestürzt vom Bett’ auf, fand sich noch vollkommen angekleidet, nur daß sein Ueberrock auf eine Ottomanne hingeworfen lag.

Er trat in die Schuhe, hüllte sich in den Ueberrock. — Der Nebel seiner Schlaftrunkenheit verlor sich immer mehr, und seine Verwunderung wuchs mit jedem Augenblick. Es war nicht Tageslicht, was ihn so hell umleuchtete, sondern der Schimmer einger Krystallsonnen oben an der Decke des Zimmers.

Mit dieser Entdeckung eilte er zu den Fenstern, riß die Gardinen zurück und sah hinaus. Es war Nacht — der Vollmond schwebte in freundlicher Majestät durchs Gewölk — die Sterne funkelten am dunkeln Gewölbe des Himmels — und die ganze Gegend unten, vom Mond verklärt, war still und fremd.

Ein kleiner See dehnte sich zwischen einigen Hügeln aus, und spielte mit den Schatten überhangender Maien und dem Silberglanz des Mondes — und überall, zur Rechten und zur Linken, dichter, hoher Wald, dann und wann aufbrausend durch die feierliche Stille.

Florentin stand bestürzt da, wie in ein Feenland bezaubert. Er begriff die Wahrnehmungen seiner Sinne nicht — er hätte sich gern eingebildet, in einem Traum zu leben, wenn ihn nicht jede Kleinigkeit laut und unwiderstehlich von seinem Wachen überredet hätte.

„Josselin! Josselin! treibst Du Gaukelspielerei mit Deinem Freunde?“ tief der Graf verdrüßlich, und fühlte sich immer muntrer und überzeugter, daß man sich mit ihm einen Scherz vorgenommen haben müsse.

Er stand lange an, welchen Entschluß zu ergreifen izt am schicklichsten wäre, ob er Lärmen machen, oder den anbrechenden Morgen erwarten solle?

In diesen Ueberlegungen machte er einige Gänge durchs Zimmer. Mit verbissnen Lippen, gerunzelter Stirn, verschränkten Armen blieb er endlich in der Nähe eines Spiegels stehn — er sah sich selbst, und erschrak, ohne zu wissen warum? — Er machte eine Wendung, um sich vom Spiegel abzudrehn, als er in eben dem Augenblick unter demselben das Bildniß eines Frauenzimmers erblickte. Sein Auge haftete unveränderlich an dem Gemälde; er fand gewisse Aehnlichleiten — bekannte Züge — überraschende Spuren von — — —

Er trat näher — immer näher — es war Louisens Bild! — er streckte die Hände nach dem kostbaren Bilde und blieb unwillkührlich eine Weile in dieser Stellung. Sein Herz schlug lauter; seine Arme zitterten; sein Blick verdunkelte sich.

„Schönes Gespenst!“ — sprach er leise bei sich: „schönes Gespenst, verfolgst Du mich allenthalben durch die Irrgänge meines verworrnen Schicksals? — Sind es fünf Jahrhunderte, die sich zwischen dieser und der Götternacht im Dosanischen Garten lagern, wie kommst Du dann hieher? — Louise! Imada! — es wird mir immer unerträglicher dieses Blendwerk. Länger darfs nicht anhalten. O Josselin! Josselin! — aber ich hab’ ihm ja nie von einer Imada erzählt; nur der alte Silberot weiß darum — er ist ausser mir und Matthias hier der Einzige!“ —

Er nahm das Gemälde von der Wand und betrachtete es genauer mit scharfem Blick; alle Freuden der seligen Vergangenheit wachten mit diesem Blicke von neuem in seinem Busen auf. Louise an Adolfs Hofe — wie das erste bange Gefühl der Liebe in ihm aufkeimte — wie er einstmals zu ihren Füßen sas im Schloßgarten, und die reizende Fürstin auf der alten, hölzernen Bank; unter seinen Füßen das stille Thal, zur Rechten die Eremitage mit dem schimmernden Kreuze im Mondschein — über ihm der Himmel, und mehr, als Himmel, in Louisens schönen, liebereichen Augen; — wie er sie sah, sie hörte im Walde von Riedelsheim, einer Erscheinung ähnlich aus der Oberwelt; — wie er sie wiederfand im romantischen Paradiese von Dosa, und dann — dann wieder im Haine in der Nachbarschaft von Idalla’s Insel! — das alles gaukelte izt vor seinem Geiste in verschöntem Farbenspiele — er fing an seinen Verstand zu bezweifeln, zu fürchten, er rase in einem lieblichen Wahnsinn.

Unter dem Spiegel stand auf einem Tischchen eine silberne Klingel. Er hob sie auf — klingelte. Zur Rechten eröffnete sich eine Thür; ein Mensch erschien, dem mans an der demüthigen Stellung ansah, daß er zur Bedienung geschaffen sey.

Florentin gaffte ihn einige Augenblicke mit Verlegenheit an. Er erinnerte sich nicht, auch dieses Menschen Angesicht je gesehn zu haben.

„Befehlen Sie etwas?“ fragte der Diener.

„Wo ist Herr Josselin?“

„Herr Josselin? — Wen meinen Sie?“

„Kennest Du ihn nicht?“

„Der Name ist mir unbekannt. Erklären Sie sich nur deutlicher.“

„Wie soll ich mich deutlicher machen? — Wer hat mich in dies Zimmer bringen lassen?“

„Unser Herr. Sie lagen im Garten und schliefen; wir fürchteten, Sie würden sich erkälten.“

„Nun ja, und wo ist Josselin geblieben?“

„Ich habe schon gesagt, ich kenne keinen Josselin.“

Duur sah den Menschen mit einem Blick voll unaussprechlicher Verwirrung an.

„Nun was ist denn das? wo bin ich? wer ist Dein Herr?“

„Der Graf von Gabonne.“

Der Graf von Gabonne?“ schrie Duur, und fing izt wirklich an, entweder sich, oder seinen Gegner für unsinnig zu halten.

„Bist Du auch gesund, Bursche?“ sagte Florentin, indem er dem bestürzten Diener näher trat und dessen Puls berührte.

„Wie Sie;“ antwortete jener.

„Nun wo bin ich denn? Ich bitte Dich, antworte mit ehrlich — ich bin erkenntlich. Wo bin ich?“

„Das sollten Sie nicht wissen? Sind Sie nicht schon seit eingen Tagen bei uns? Sehn Sie sich doch um!“

„Wo bin ich? frag ich!“ tief Florentin etwas aufgebracht.

„Sie befinden sich nicht wohl. Der Hausarzt ist noch wach in seinem Zimmer.“

„Mensch, ich flehe Dich an, um Gotteswillen, quäle mich nicht — antworte, wie ich frage, oder ich werde im ganzen Hause Lärmen machen.“

„Ei nun — Sie sind im Schlosse des Grafen von Gabonne, einen Spaziergang weit von Mont-Rousseau.“

„Wie bin ich hieher gekommen?“

Der Diener lächelte ihn schweigend mit einem verdachtvollen Blick an, ging endlich auf ihn zu, und sagte mit vertraulichem Tone:

„Gedulden Sie sich nur ein Augenblickchen, mein Herr, nur ein Augenblickchen. Ich bin sogleich wieder hier.“

„Wo willst Du hin?“

„Ich will den Herrn Charly herbeiholen.“

„Wer ist der Herr Charly?“

„Der Hausarzt. Er wacht noch. Ich habs Licht an seinem Fenster gesehn.“

„Mensch, ich bitte Dich, willst Du mich mit Gewalt um meine Geduld bringen, mich überreden, ich habe meinen Verstand eingebüßt! — Steh und rede, wie bin ich hieher gekommen?“

„In dies Zimmer?“

„Freilich.“

„Sie schliefen unten in der Jelängerjelieberlaube am Teiche — die Abendluft ist ungesund. Der Herr Graf befahl, Sie auf Ihr Zimmer zu tragen.“

Duur hörte dies und brach in ein lautes Gelächter aus. Montrousseau war von Gobbys Gute sechzig und etliche Meilen entfernt — dies wußte er: „Josselin, willst Du Scherz mit mir treiben: so mußt Du wenigstens das Gesetz des Wahrscheinlichen beobachten!“ dachte er bei sich, und sah das Portrait an, welches er noch immer in der Hand trug.

„Kennst Du dies Gemälde? weißt Du, wer dies seyn soll?“ fragte er.

„Sie ist zum Sprechen getroffen — das Fräulein Imada, des Grafen Nichte.“

„Wie hoch ists an der Zeit?“

„Ein Uhr mag es seyn.“

„Das ist mit unbegreiflich! — ich unten in der Jelängerjelieberlaube geschlafen, und wäre nicht bei Gobby, sondern in Mont-Rousseau gewesen — ich mögte die Laube sehn — — Höre, hast Du selber mich aus der Laube tragen helfen?“

„Freilich.“

„Was befand sich außer Mir drinnen?“

„Nichts. Auf dem Tische standen zwei Weinflaschen und zwei Becher.“

„Du lügst. — Es ist mir draussen alles fremd. — Hast Du das Herz, mich hinunter zu führen in den Garten und zur Laube?“

„Warum nicht?“

„Da wär’ ich neugierig!“ sagte Duur und drehte sich um, seinen Hut zu holen, der auf dem Stuhle lag.

In eben dem Augenblick wards stockfinster um ihn herum. Die Krystallsonnen an der Zimmerdecke waren verschwunden; Geräusch ließ sich rechts und links um ihn hören. Er rief dem Diener, aber ohne Antwort zu erhalten.

Vierzehntes Kapitel.
Traumwunder.

In allem Ernst hätte unser Abentheurer izt böse werden mögen, wenn er nur irgend gewußt, sich damit aus seinen Verwirrungen zu retten. Offenbar trieb, wie er glaubte, Josselin sein Spiel mit ihm; er gedachte izt des sonderbaten, räthselhaften Betragens, welches Gobby und der biedre Silberot am vorigen Tage gegen ihn so unwillkührlich annahmen, und er zweifelte keineswegs daran, daß nicht auch sie ihren gewissen Antheil an diesen Spiegelfechtereien hätten, von welchen sich nur kein Zweck einsehn ließ.

Das Geräusch um ihn her verlor sich. Er tappte durch die Dunkelheit, um ans Fenster zu treten, und sich wenigstens durch den Mond einige Erleuchtung zu verschaffen. Aber sein Erstaunen vermehrte sich, als er die Fenster von dieser Seite verschwunden, und auf der ganz entgegenliegenden Seite des Zimmers erschienen sah. Es ging alles mit ihm im Ringe herum; alles war ihm verdreht.

Plötzlich gossen die Krystallsonnen ihr blendendes Licht wieder herab — er erkannte wieder alles um sich her — aber das war nicht mehr dasselbe Zimmer, worin er sich vor eingen Minuten befand, und doch hatte er kaum ein Paar Schritt von seiner Stelle gethan.

Dies Kabinet war beinah um die Hälfte größer, als das vorige; das vorige war dunkelroth, dieses blaßgelb; Spiegel und Fenster ließen sich in einer ganz andern Gegend sehn — der Diener war verschwunden.

Unmöglich konnte er sich bei dieser Zauberei des Lächelns erwehren. Er drehte sich rings herum und erblickte hinter sich — hinter sich — o, izt hätt’ er zu Boden sinken mögen; es flirrten alle sieben Farben des Regenbogens um seine Augen; sein Odem stockte; seine Knien zitterten; seine ganze Besinnung verlor sich; er sah nichts, als hinter sich — Imada, wie sie leibte und lebte.

„Mein Gott!“ — mehr konnte er nicht stammeln.

Wie eine Ueberirrdische schwebte das Phantom seines Herzens, der Abgott seiner Träume, ihm entgegen, in der emporgehobnen Hand eine Schaale dampfenden Weines tragend.

„Was ist aus mir geworden?“ lallte er in halber Ohnmacht.

„Trinken Sie!“ lispelte der weibliche Engel mit einem unbeschreiblich süßen Ton.

„Wo bin ich?“

„Wohl aufgehoben!“

„O gewiß! — ist hier nicht Elysium? Ich möchte izt an die Wunder berauschter Dichter, an die Fabelwelt Griechenlands glauben lernen.“

„Glauben Sie!“

„Ich wandre in Plutons schönsten Hallen, und Imada ist die Unsterbliche, welche mir den Lethebecher bringt.“

Imada lächelte des Schwärmers. Er nahm zitternd die Schaale aus ihrer schönen Hand, sein Auge verlor sich trunken in ihren Blick.

„Geben Sie mir Vergessenheit? — Vergessenheit für all die tausend Jammerstunden meines elenden Lebens; Vergessenheit für meine tausend Seufzer und Thränen?“

„Wünschen Sie Vergessenheit? Es ist Ihr Ernst nicht.“

„Gewiß! gewiß! — wen freut das Ueberlebte noch, wenn man Imada sieht?“

„Trinken Sie! die Schaale giebt Vergessenheit — zur Strafe soll nun alles Gut und Böse von Ihres Gedächtnisses Tafel gewischt werden — auch die Erinnrung an Louisen!“

„An Louisen?“ lallte Duur mit starrer Verwunderung, von Imada’s Lippen diesen Namen zu hören. „Welche Louise?“

Imada. (lächelnd.) Die Sie zum leztenmal in Dosa sahn.

Florentin. (sie anstarrend.) Sagen Sie — ich bitte Sie, — glauben Sie, daß ein Gott sey — um Gotteswillen bitt’ ich, beschwör’ ich Sie: wie kommen Sie darauf? — wie wissen Sie — — —? Wo bin ich?

Imada. In Mont-Rousseau.

Florentin. Soll ich von Sinnen kommen?

Imada. Gefällt es Ihnen nicht bei uns?

Florentin. Imada — nein, izt ist der Scherz zu weit getrieben — ach, und daß auch Sie, auch Sie Vergnügen daran finden, mich zu quälen.

Imada. Behüte Gott — Vergnügen, Sie zu quälen? — O, wenn Sie mich kennten!

Florentin. Ach, daß — ich sie kenne! wohler wäre mir, ich hätte solche reizende Gestalt — ein solch Gesicht nie wieder gesehn.

Imada. Das klingt nicht schmeichelhaft — — —

Florentin. Vielleicht dann mehr, wenn Sie mit dieses Wunsches Gründen vertrauter wären. (heiter.) Und sey es, wie es sey. Gefällt es meinen Freunden, sich an meinen Bestürzungen zu weiden, und mich mit Seltsamkeiten zu überraschen, wie die Einbildungskraft sie kaum in unsern Träumen zusammenschleppt: so mögen sie es immer thun. Ich bin zufrieden, daß auch Imada — Imada zu den seltnen Dingen gehört, die ich in diesem Traum mit offnen Augen sehe.

Imada. Wer weiß, ob alles hier wohl mehr, als Traum ist!

Florentin. Das wäre schrecklich, wäre boshaft! das verzieh ich meiner Phantasie in diesem Leben nicht. — Von ohngefähr, beinahe ists ein Jahr, verirrt’ ich mich in einem Walde — mir träumte, oder träumte nicht — mir wars — ach Gott, Imada, Sie erschienen mir, und ich, in Ohnmacht, Seligkeit und Bangigkeit versunken — Imada, liebe, schöne Imada — träumte Ihnen nie von einem lächerlichen Abentheur, als auf der Reise nach Mont-Rousseau ein Gondler Ihnen entwischt war?

Imada. (mit schalkhaftem Lächeln) Beinahe ist mirs so.

Florentin. Ists Ihnen so? — Wars Ihnen auch wie mir? — Doch welche Frage! Sagen Sie, soll alles dies Traum seyn, und nicht mehr?

Imada. Es kömmt darauf an, wie Sie zufrieden sind mit diesem Traum.

Florentin. O dann, dann träum’ ich ewig; Dann erwach ich in dieser Welt nicht wieder; dann lege man mit meinem Traum mich in das Grab, ich werde den Himmel nicht vermissen.

Imada. Schwärmer!

Florentin. Dann geb ich mein ganzes Leben, und noch zehn Leben, wie das meinige, dazu für solchen Traum. Gute Nacht, Vergangenheit — (er sezt die Schaale an den Mund) Imada, ich trinke Vergessenheit! — Sie können, wollen mich doch schadlos halten für das, was ich vergessen will?

Imada. Wenn ich denn auch das Wollen hätte, kann ich auch

Florentin. Wenns daran nur allein liegt — — (er trinkt.)

Imada. Auch für Louisen schadlos?

Florentin, (mit Schwärmerei) Sie sind Louise; nein, mehr, als Louise!

Imada. Und — für Holdern?

Florentin. (läßt bestürzt die Hand mit der Schaale sinken) Gott im Himmel! was ist das? — Wie kommen Sie zur Kenntniß aller derer, die meinem Herzen am nächsten wohnen? — Sie sind mit mir, mit meinen schönsten Geheimnissen vertraut, wie ich es bin. O Imada, izt wird die schöne Täuschung mir zur Last — es ist mir zu viel Unbegreifliches darin — Imada, fühlen Sie, wie ich — Imada, wenn Sie mich nur ein wenig lieben: so zerreissen Sie den Schleier, welcher mir vor den Dingen dieser sonderbaren Nacht hängt. —

Imada. (lächelnd) Sie sind des Traums so früh schon satt und müde? wollen Sie so bald, so gern erwachen?

Florentin. Nur Sie nicht mit dem Traum verlieren. (Indem er ihre Hand ergreift und sie an seine Lippen drückt) So schön — so schön bin ich noch nie gefoltert worden!

Imada. Noch nie? Ich dächte doch, vor alten. Zeiten schon einmal.

Florentin. Noch nie!

Imada. (lächelnd) Besinnen Sie sich nur, Vinzenz!

Florentin. (läßt erschrocken ihre Hand fahren) Was war das? Imada, noch einmal — wie nannten Sie mich da?

Imada. Ist Ihnen in diesem Traum Ihr eigner Name fremd geworden? — Vinzenz!

Florentin. (nachlallend) Vinzenz! — Jezt sind die Räthsel mir gelöst. So streckt sich euer Arm durch alle Jahrhunderte hinab, ihr sonderbaren Weltregierer! Imada — mein Traum ist hin — nun alles hin! — Ach Gott, so werd’ ich göttlich noch belohnt — Imada, eine goldne Hoffnung geht mir auf; die Macht, die uns zusammenführte, kann noch mehr. Ich glaub an ihre Wunder. — Verzeihn Sie, ich rede etwas verwirrt —

Imada. Und doch versteh ich Sie.

Florentin. Verstehen Sie auch das, was ich nicht sage, was mein Herz nur im Geheimen sich von Ihnen plaudert?

Imada. (verwirrt) Von mir?

Florentin. Kann izt mein Herz von etwas anderm plaudern? —

Imada. Die Antwort — auf ein andermal.

Florentin hatte eine Wiederholung seiner Frage auf den Lippen — er ergriff Imada’s Hand — und die Sonnen verschwanden von oben — die alte Finsterniß war zurückgekehrt.

„Folgen Sie mir nur nach!“ flüsterte Imada, indem sie ihm an der Hand mit sich führte.

Er ging. Der Weg führte durch eitel Nacht, Trepp auf, Trepp ab, bis zu einem schmalen Gang.

„Gehn Sie nur getrost voran,“ lispelte Imada, und wollte sich von seiner Hand losmachen, weil zwei Personen neben einander nicht gehen konnten. — Sie blieben stehn. — Ein leiser Kuß streifte über Florentins Wange. „Still!“ flüsterte Imada, und sie gingen weiter.

Florentins Herz befand sich in einem Gedränge wunderbarer Empfindungen. Er war glücklich — so glücklich, daß er hätte laut aufjubeln mögen, und doch — unterdrückte er alles. Seine Hand zitterte ihm in Imada’s Hand.

Der Weg erweiterte sich — einige Zimmersonnen strahlten urplözlich herab — Florentin stand still, und fand an seiner Hand — einen schwarzen Bruder.

Funfzehntes Kapitel.
Die schwarzen Brüder.

In einem großen ovalen Saal, dessen schimmernde Gewölbdecke sich auf hohen Marmorsäulen lehnte, mit goldnen Kapiteelen und Reifen mit goldnen Eichblattkränzen geschmückt, stand der Verzauberte. In der Ferne erhob sich ein fünf Stufen hoher Thron, beschirmt von einem goldgestickten Baldachin, umringt von einer Versammlung ernster Männer, sämmtlich schwarz gekleidet und dennoch kostbar.

Und auf dem Throne sas — Duur glaubte versinken zu müssen im Erstaunen — sas Holder, in königlicher Pracht, still und schweigend, wie ein Bild — Holder, welchen er nirgends anders, als auf Idalla’s schöner Insel wähnte.

„Julius! Regent Julius!“ rief Duur. Alle Gesichter wandten sich um zu dem Bestürzten. Zwei aus der Versammlung traten ihm entgegen, hingen ihm einen langen schwarzen, mit Silber und Perlen köstlich geschmückten Mantel um, und führten ihn in feierlicher Stille zum Thron hinauf, wo er sich neben Julius zu setzen genöthigt ward.

Er ergriff die Hand seines Freundes; ein leiser Gegendruck verkündigte ihm: du hast dich nicht geirrt! — Still und horchend, mit einem bangen Wohlgefallen, sah Florentin vor sich hinab auf die feierliche Versammlung, die den Thron umringte, und aus deren Mitte nach einer Weile ein Greis hervortrath. Dieser verneigte sich dreimal vor den Männern des achtzehnten Jahrhunderts, und sprach mit der Würde, welche seinem Alter eigen war, mit dem Feuer eines Jünglings, folgende Worte:

„Seid uns willkommen, Ihr wunderbaren Söhne der Vorwelt, deren endlichen Erscheinung auch wir mit Zweifeln entgegensahn. Es ist keine Täuschung; wir haben Euch in unsrer Mitte; die ehrwürdigen Orakel unsrer Vorwelt logen nicht, und Ihr habt das sonderbarste Unternehmen, welches jemals der menschliche Geist ausbrüten konnte, mit bewundernswürdiger Kühnheit begonnen und mit noch bewundernswürdigerm Glück vollendet. Die Möglichkeit ist in der Natur nun erwiesen, die geizige Zeit um ihre Jahrhunderte zu betrügen und Vorwelt und Nachwelt auf eine seltsame Weise in Verbindung zu bringen.“

„Seid uns willkommen, Söhne, des achtzehnten Jahrhunderts, Ihr einzigen und ersten Menschen Eurer Art, nehmt von uns im Namen der Brüder dieses Zeitalters, im Namen der Menschheit den Dank für Eure große That an. So weit die Kräfte der Sterblichen reichen, sollen Eure Wünsche erfüllt werden, um Euch die überstandne Gefahr zu versüßen; Ihr sollt nur fodern, wir wollen erfüllen; Ihr seid, Fremdlinge, Gäste dieses Jahrhunderts.“

„Wir entlassen Euch hiemit feierlich Eurer Pflicht und Arbeiten für den Orden — für Euch sey izt die Zeit der Ruhe.“

„Freilich habt Ihr nun das vollkommenste Recht zu der Frage: was hat die Menschheit im Allgemeinen seit einem halben Jahrtausend gewonnen? Ist sie glücklicher geworden, als sie es sonst war? Finden wir der Thränen weniger unterm Monde, der Freuden mehr?“

„Ach, daß ich mit gutem Gewissen ein herzliches Ja! erwiedern könnte — aber — — — das Loos der Menschheit ist und bleibt durch alle Weltalter, in allen Graden der Cultur, unter allen Zonen immer dasselbe, und verwandelt sich nicht; Lust und Jammer bleiben die ewigen Gefährten der Menschheit, und auch über sechstausend Jahren werden keine Rosen wachsen ohne Dornen.“

„Wahr ists, Künste und Wissenschaften sind seit fünfhundert Jahren zu einer Höhe emporgestiegen, welche unsern Vorfahren gewiß ungedenkbar seyn mußte; eine ungeheure Zahl von Entdeckungen und Erfindungen in allen Gebieten der Erkenntniß hat die Summe unsers Wissens so vermehrt, daß izt das Erlernen einer einzigen Wissenschaft hinreichend ist, einen Menschen durch sein ganzes Leben zu beschäftigen, da vor einem halben Jahrtausend ein Gelehrter noch im Besitz vieler Wissenschaften seyn, und sie alle gründlich studirt haben konnte; wahr ists, Cultur, Aufklärung, Wissenschaftsliebe ist nicht mehr, wie sonst, das Eigenthum einiger Nationen; Deutschland, Frankreich, England, Schweiz, Batavien sind nicht mehr die alleinglänzenden Gestirne, welche Europa und die übrigen Welttheile erleuchten, sondern Amerika und Ostindien, selbst Australien haben ihre Staaten, ihre Gelehrte, welche mit uns um den Vorrang wetteifern, über den verwehten Pyramiden Aegyptens sind izt Schulen der Philosophie errichtet, aus welchen große Männer hervorgingen, deren Einfluß das barbarische Afrika und Asien ehrt; und jene Fürstenthümer und Republiken, welche man sonst unter dem Namen der Russischen Monarchie begriff, wo sonst Bären und Wölfe durch die Wälder heulten, und Unwissenheit und Aberglaube nisteten unter den Zellen und Hirnschädeln der Pfaffen, sehen izt mit Stolz auf die traurige Vergangenheit zurück. Allein was ist damit für die Glückseligkeit und Zufriedenheit der Sterblichen gewonnen? Nichts. Denn wenn wir auch Engel würden dem Geiste nach, so bleiben wir doch immer elende, gebrechliche, leidende Wesen durch den Einfluß der Sinnlichkeit. Sinnlichkeit ist die unverwüstliche Kette, welche uns ewiglich mit Unvollkommenheit und Elend verbindet!“

„Vor Zeiten glaubte man, und es war ein verzeihungswürdiger Glaube, daß die Art der Regierungsformen keinen geringen Einfluß auf das Glück, auf die Zufriedenheit der Nationen habe. Es gab eine Zeit, wo man begierig wünschte alle Monarchien in Republiken zu verwandeln, und selbst unser Orden, benebelt von dem Rausche seines Jahrhunderts, neigte sich zu jenem Wunsche.“

„Allein die Erfahrung hat uns endlich gelehrt, daß nicht die Art, sondern die Beschaffenheit der Regierungsformen die Aufmerksamkeit der Völker verdiene; wir hörten Republiken seufzen unterm Despotismus ihrer Gesetzgeber, wir sahen monarchische Staaten Freudenthränen weinen ihren Königen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß nicht Liebe und Achtung für die Menschheit, sondern Egoismus und Stolz, die Stifter und Zerstörer gewisser Regierungsformen beseelten; das Wohl der Sterblichen war nur Deckmantel ihrer mörderischen Pläne, der Epheu ihres vergifteten Weins. — Ehrgeiz und Habsucht der Großen waren die Eltern der Monarchien, Geldgeiz und Bettelstolz des Pöbels die Urquelle des Republikanismus.“

„Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß so lange die Erde um die Sonne tanzt, und tanzen wird, selbst die besten und weisesten Menschen die Thorheit als ihr Schooskindchen pflegen und hegen. Die Fürsten raffiniren noch immer izt, wie sonst, auf Vergrößerung ihrer Macht, auf Ausdehnung ihrer Reichsgränzen. Die blutigsten Kriege werden noch immer dieser unedeln Maxime willen geführt, aber doch heißt es: es geschehe alles zum Besten des Volks; man sezt die Vaterlandsliebe der Unterthanen für die Grillen ihrer Beherrscher in Contribution, ungeachtet das Volk keine Minute an Freude mehr dadurch gewinnt, wenn sein Regent eine Provinz mehr in seinem Titel trägt. — Welteroberungsträume waren von jeher eine Erbsünde der monarchischen und republikanischen Regenten; man unterjochte sich Land auf Land, bis der Körper des Staats zu einem Ungeheuer anschwoll und in eine Menge kleinerer Reiche auseinanderfiel. Dann begannen diese kleinern Staaten das alte Spiel von neuem, arbeiteten sich wieder zu einer gewissen Grösse hinan, und stürzten wieder auseinander. Was ist izt noch von der alten persischen, römischen, fränkischen, oder russischen Allgemeinherrschaft übrig? — kaum ein matter Schatten in den Büchern der Weltgeschichte — der Name! — Dafür wurden tausend gute Menschen, die sich ihres Daseyns auf Erden weit länger erfreuen konnten, hingeschlachtet? Dafür wurden tausend Familien in Elend gejagt? Dafür wurden die ruhigen Wohnungen glücklicher, stiller Bürger und Bauern mit Feuerkugeln, Bomben und Pechkränzen in Aschenhügel verwandelt — dafür die zahllosen Thränen und Blutstropfen vergossen?“

„Ach, es ist bitter, sich an alles dies zu erinnern — zu übersehen das große Jammerfeld des menschlichen Elendes und dabei zu fühlen, daß man zu ohnmächtig sei, um zu ändern, zu bessern, zu helfen. Es ist bitter daran zu denken, daß doch am Ende niemals das gute Herz und die veredelte Vernunft, sondern List und Gewalt und die aufgewiegelte Leidenschaft im Kampfe obsiegten; daß wir in fünf Jahrhunderten, mit fünfhundertjährigem Fleis nur immer wenig zur Genesung der Sterblichen beitrugen. Wir ersparen mit aller unsrer Arbeit höchstens der allesheilenden Zeit einige Mühe; wir stillen am Körper der menschlichen Gesellschaft einige blutende Wunden früher, können aber nicht verhindern, daß immer neue geschlagen werden!“

„Was frommt also unser Dichten und Trachten, unser Ringen und Streben? — eitel wenig! und der Salomonismus hört auf für eine melancholische Schwärmerei zu gelten, wenn man sich diesen Betrachtungen weiter überläßt.“

„Für Euch, Ihr edeln Söhne des achtzehnten Jahrhunderts, Julius und Vinzenz! die Ihr Euer Zeitalter freiwillig verliesset, um ein glücklicheres aufzusuchen, muß diese Nachricht, welche ihr von uns empfanget, wenig tröstend seyn, da sie Euern schönen Traum von einer frohen Nachwelt unwiederbringlich zerstört. Allein Ihr seid Männer — wir geben Euch den herben Trank der Wahrheit, wie er ist, und wollen ihn nicht mit dem Honig der Lüge verzuckern.“

„Wir sind vollkommner und elender geworden; wir haben tausend neue Erfindungen gemacht, und tausend neue Räthsel in der Natur gefunden; wir haben neue Wissenschaften, Lehrsätze und Wahrheiten, aber auch eben so viel neue Irrthümer; wir haben unzählige neue Produkte der edeln und unedeln Künste, aber auch eben so viel neue Bedürfnisse; wir haben viele sonst unbekannte Speisen und Getränke und Bequemlichkeiten, aber auch viele sonst unbekannte Krankheiten — seht, dies ist alles, was wir Euch über die Fortschritte der Menschheit sagen können.“

„Seyd glücklich, Ihr Beide, so sehr Ihrs nach der Disposition Eures Körpers und Geistes seyn könnet. An uns soll es nicht liegen, wenn Eure Wünsche nicht erfüllt werden.“

So sprach der ehrwürdige Redner, und schwieg. Eine tiefe, schwermüthige Stille folgte seinen Worten.

Vinzenz und Julius verliessen ihren Thron und mischten sich unter die Versammelten. Gern hätte Florentin tausend Fragen an Holdern gethan, aber theils war dieser von vielen andern Fragern umringt, theils hatte er selbst für sich genug den neugierigen Schwarzen zu beantworten. — Die Becher wurden mit Wein gefüllt; alles überließ sich der Freude, und Florentinen erstarben allmählig die Gegenstände dieser Versammlung, wie die Bilder eines Traums.

Er erwachte von einem festen, tiefen Schlafe. Die Sonne stand hoch am Himmel und schien warm durch die Zweige der Jelängerjelieberlaube, wo Freund Josselin, auf die Rasenbank hingeworfen, noch ruhig fortschlummerte.

Florentin rieb sich die Augen, und sah sich wild um. —

„Was ist das?“ rief er: „hab’ ich wirklich nur geträumt, oder war dies eine Spielerei der schwarzen Brüder?“

Josselin schnarchte, und lies sich nicht stöhren. „He Josselin! Josselin!“

Josselin erwachte; er sah sich bestürzt um; „Nun, wahrhaftig!“ fing er lächelnd an: „wir können doch in der Welt noch für Schläfer gelten!“

„Und zur Noth auch für Träumer!“

„Auch das, wenn Du willst.“

„Aber ich sehe nicht ein warum die Schwarzen mit mir den Scherz trieben?“

„Nothwendig war es freilich nicht — aber man wollte Dir wahrscheinlich beweisen, daß man im drei und zwanzigsten Jahrhundert sich noch eben so gut auf Sinnenspiel und Gaukelei verstände, als vor fünf Jahrhunderten.“

„Und wahrhaftig man hat es in der Kunst sehr weit gebracht.“

Sechzehntes Kapitel.
Dialog. Aufklärungen.

In diesem Augenblick erschien ein Bedienter, welcher ungerufen ein willkommnes Frühstück brachte; bald nach ihm meldete ein andrer, daß der Edle von Gobby mit seiner Gesellschaft binnen einer Stunde eintreffen würde.

Florentin saß still vor sich da, mit seinem Geiste bei den Abentheuern dieser Nacht, — beschäftigt mit Holder — mit Imada.