Josselin. Wie gefiel Dir der Inhalt Deines Traums?

Florentin. Verschieden, wie er selber war; ich muß gestehn, er hatte viel Zauberartiges und Du erwiesest mir einen Gefallen, wenn Du mir die Magie der schwarzen Brüder enthülltest.

Josselin. Eine gute Unterhaltung beim Frühstück. Der Commendant Silberot, selbst ein Schwarzer, war der erste, welcher Deine Erscheinung dem Orden bekannt machte, die anfangs wenig Glauben fand. Dein Bedienter, der Gondler Matthias, verrieth dem Commendanten Holders Aufenthalt und Verhältnisse; auch dies erfuhr der Bund, und es wurde sogleich eine Gesandschaft und Einladung an Holdern abgeschickt. Dein Abentheuer im Walde mit der schönen Nichte des Grafen von Gabonne kam auf eben diese Weise zu unsrer Kenntniß. Gobby, ein vertrauter Freund desselben, meldete ihm die Erscheinung eines Mannes aus dem achtzehnten Jahrhundert, bat ihn mit Imada zu sich, und alles ging nach Wunsch. Gabonne, Imada und Holder kamen; die Versammlung der schwarzen Brüder ward berufen und ich gab Dir den Schlaftrunk, der Dich zwei Stunden ums Bewußtseyn brachte. — Man hatte es einmal beschlossen, Dich mit Wundern zu überraschen, folglich gehorcht’ ich.

Florentin. Und Holder ward nicht in die Zaubereien verwickelt?

Josselin. Nein; er hat drei Tage mit den Obern der schwarzen Brüder conferirt; gestern eilte auch Gobby und die andre Gesellschaft zu ihm. Ich hab’ ihn diese Nacht gesprochen. Es ist ein äusserst intressanter Mann. — Bruder, ich reise mit Dir nach Idallas Insel — ich will meine übrigen Tage bei Euch verträumen in einer himmlischen Zufriedenheit.

Florentin. Nun wird mirs schon licht! wohin bin ich in dieser Nacht gebracht worden?

Josselin. Eine halbe Meile von hier, auf das Landgut eines Edeln, und Obern. Du schliefst in seinem Doppelzimmer, bei dessen Verwandlung Dir Imada zugeführt ward, welche überhaupt Deine Feindin nicht zu seyn scheint.

Florentin. Doppelzimmer? — Du mußt mich immer, als ein Kind betrachten, welches unwissend und neugierig vor allen Kleinigkeiten stehn bleibt. Was nennst Du ein Doppelzimmer?

Josselin. Wahrhaftig, ich hätt’ es nie geglaubt; dermaleinst noch der Lehrer eines canellesischen Revolutionairs zu werden. — Sieh nur, die Landhäuser unsrer Vornehmen werden so gebaut, daß die eine Fassade der Flügel, welche immer im Durchschnitt nur ein Zimmer breit sind, gen Morgen, die andre gen Abend sieht. Gegen Morgen und Abend sind Fenster. Die Wände sind mit Tapeten bekleidet, welche mit leichter Mühe aufgerollt werden. Daher kann man nun aus einem Zimmer gleichsam zwei machen; das Morgenzimmer hat Fenstern nach Osten, das Abendzimmer Fenstern nach Westen. So wie man an einem Tage oft gern verschiedne Kleider trägt, so kann man sich auch in ganz verschiednen Zimmern befinden, ohne einen Fuß von der Stelle zu rühren.

Florentin. Eine mir ganz neue Art des Luxus!

Josselin. Imada führte Dich in den grossen Saal der Brüderloge, wo Dir nun nichts Unbegreifliches gewesen seyn wird. Ich trank mit Dir zugleich einen kleinen Schlaftrunk und wurde bei Sonnenuntergang mit Dir hiehergeschafft.

Florentin. Die Räthsel waren kurz und bündig gelöst.

Josselin. Elende Spielereien, für den vielleicht noch zu gebrauchen, der an ihnen einen Gefallen finden kann. Für mich sind sie ohne Reiz. Ich ziehe mit Dir in Holders und Idallas Einsamkeit; ich will mich meiner Tage freuen, so sehr ichs noch kann; die Welt, mit allen ihren Tändeleien kann mich nicht mehr ergötzen und fesseln. Laß uns eilen nach Idalla’s romantischer Insel; da wollen wir eine freie, unabhängige Colonie gründen und man soll sie weit und breit die Colonie der Glücklichen nennen.

Florentin. Aber, lieber, bester Josselin — — —

Josselin. (lächelnd.) Imada?

Florentin. Kannst Du in mein Herz sehen?

Josselin. Ruhig! ich habe Lust an Sympathien zu glauben, denn in der vergangnen Nacht sagte Imada, als sie Dich verlassen hatte, zu ihrem Oheim: Vinzenz glaubte in Elysium zu seyn, und mir wars beinah auch so!

Florentin. (indem er Josselin feurig umarmt.) Josselin! Josselin! dann hin nach Idallas Insel, um ein Götterleben und die Colonie der Glücklichen zu beginnen, deren Patriarchen wir seyn wollen!

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel.
Nur Einleitung.

Mit Schüchternheit und Sehnsucht erwartete Duur die Ankunft der Gesellschaft. Er zitterte, die schöne Imada wieder zu sehn; noch mehr aber vor seinen verwegnen Wünschen.

Die Stunde schlug; hoch wirbelten die Staubwolken daher vom Wege, welcher sich aus dem Walde hervorzog; die nahen Bachbrücken dröhnten unterm Huf der Rosse; man hielt still und die fröhliche Gesellschaft umringte in wengen Augenblicken unsern Abentheurer.

Auch Holder und Imada waren da; Imada, deren Blick sich durch das bunte Gewühl der Versammelten zu ihm herüberstahl. Holder, welcher seinen Freund hier mit zärtlichem Enthusiasmus umarmte.

Duur näherte sich Gabonnens schöner Nichte; wie ein Gefühl von Schaam und Verlangen preßte es ihm das Herz, röthete es seine Wangen. Josselin hing an Rosaliens Arm.

„So wollen wir die Colonie der Glücklichen gründen!“ rief Josselin lächelnd seinem Freunde zu, indem sie in das Haus traten.

Seit Florentin sich in der neuen Welt umhertummelte, hatte er für Herz und Geist nicht so anhaltende Schwelgerei gefunden. Es blühte alles um ihn her, wie ein Paradies; alles wollte sich zu seiner Seligkeit vereinen. Gobby’s ernste Weisheit, verbunden mit der liebenswürdigsten Laune, Silberots deutsche Biederkeit, Holders stille Selbstzufriedenheit, Josselins grell abwechselnde Melancholie und Frohsinn, Rosaliens tändelnder Muthwille, Imada’s Schüchternheit und Liebe bildeten den schönsten Kontrast von Karakteren, in deren Gesellschaft man gern auf Erden den Himmel vergessen hätte.

Duur überzeugte sich bald, daß Imada’s Wünsche mit den seinigen in geheimer Eintracht lebten, daß er unter allen Männern dieser Gesellschaft der einzige sey, auf welchen Imada’s Augen mit entschiednem Wohlgefallen ruhten; er hatte ihr seine Empfindungen auf mannigfache Weise kund gethan, ohne einmal das Wörtchen Liebe ihr zu nennen; erröthend hatte sie ihm bei den auffallenderen Geständnissen die Hand gedrückt — und doch wars ihm immer, als fehle zu seiner vollendeten Seligkeit etwas; als mischte sich ein fremdes Wesen zwischen ihm und Imada mitten in ihren vertraulichsten Unterhaltungen.

Seine Ahndung betrog ihn nicht. Er fühlte immer mehr, daß seine Besorgnisse gegründet seyn mußten. Begierig spürte er allen Gelegenheiten nach, um sich Imada ganz zu entdecken und ihr ein offenherziges Geständniß über ihr Herz zu entlocken.

Zehnmal des Tages fand er die Gelegenheit, aber niemals wagte er sie zu benutzen. Schüchtern wich er von seinem Vorsatz zurück, wenn er seiner Erfüllung am nächsten stand.

So verstrich ein Tag nach dem andern. Es wurden allmählig von allen Seiten Anstalten zur Abreise getroffen. Florentin bemerkte dies und verlor seine Heiterkeit.

Müde, sich mit den ewigen Zweifeln und Besorgnissen zu quälen, entschloß er sich endlich, am lezten Abend vor der Abreise den entscheidenden Gang zu wagen; er machte sich selber wegen seiner kindischen Zaghaftigkeit die heftigsten Vorwürfe, und niemand hatte auch wichtigere Ursachen dazu, als er, der in den Fehden und Irrgängen der Liebe kein Neuling war.

Zweites Kapitel.
Verzweiflung.

ES war ein prächtiger Abend; frisch duftete das Grün der Gebüsche und Halmen rings umher; die Lerchen wirbelten ihr leztes Lied der halbversunknen Sonne nach, und die Wipfel der Bäume strahlten in feuriger Verklärung des Abendroths.

Imada sas im Garten am Teiche.

Ein wildes Pflaumengebüsch, durchwachsen vom freundlichen Epheu, hatte sich um und über dem schönen Weibe zu einer natürlichen Laube gebildet; zu Füßen plätscherten die kleinen Wellen am Blumenufer, und spielten die Fische sorglos ihr Spiel. — Buchfinken und Meisen sangen von allen Zweigen herab; Schmetterlinge verfolgten sich in weiten tändelnden Ringen umher, und im tiefsten Dunkel eines alten Nußbaums girrte ein Turteltaubenpaar.

Imada sas in sich selbst geschmiegt, tief in Betrachtungen verloren da, die weissen Arme nachlässig auf den blumigten Rasen hingeworfen, die Augen unverwandt auf die schimmernden Furchen des Wassers.

Florentin sah sie — kaum hundert Schritt stand er entfernt von ihr. Es war ihm vor den Augen, wie ein prächtiges Sommerstück von West. Sein Odem verengte sich; er hätte die schöne Imada, umgeben von allen Schönheiten der ländlichen Natur, hinzeichnen mögen auf ein Blatt zum ewigen Andenken dieser kostbaren Minute.

Er ging einige Schritte vor. Die Sonne verlor sich hinter dem Hügel; Imada schlug die Augen auf.

„Duur!“ rief sie mit einer sanften Stimme, die Löwen und Tyger gebändigt hätte.

Duur stand dicht vor ihr.

„Wo schwärmen Sie umher, Schmetterling?“ fragte Imada und reichte ihm lächelnd die Hand.

„Ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume und fand sie nicht.“

„Hat ein Schmetterling auch eine Lieblingsblume? — mir ists, als nascht der Luftprinz gern von allen.“

„Von allen, wenn er naschen will; von einer, wenn er geniessen, schwelgen will.“

„Schmetterlinge können nur naschen.“

„Dann bin ich kein Schmetterling — ich sehne mich nach einem bleibenden Genuß.“

„Man sagt, dies sey nicht Männerart. — Sie werden doch nun nicht behaupten: dann bin ich kein Mann?“

„Wenn die Männer Schmetterlingsnatur haben, so liegt die Schuld an den Weibern und ihrer Blumennatur, die sich jedem öffnet, und keinen verstößt.“

„Wir sind das schwächere Geschlecht — die armen Blumen müssen ja wohl geduldig jeden Räuber leiden.“

Das ist eben das Unglück der Männer!“

„Sie werden boshaft.“

„Gewiß nicht. Gestehen Sie nur ein, daß wir so wenig Aehnlichkeit mit den Schmetterlingen, als die Damen mit den Blumen haben.“

„Das lezte gern, das erste nie.“

„Wohlan, ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume — und nun hab ich sie gefunden — nun bleib ich — hier! (indem er ihre Hand an seine Lippen drückt.) hier!“

„Ob wohl auch die Blume gewinnt, wenn der Schmetterling wirklich bei ihr bleibt und an ihren Zweigen sein Wohnhaus zusammenspinnt? Was wird aus dem schönen, kosenden Liebhaber? — eine häßliche, giftige Raupe — ich wollte sagen, — ein Ehemann.“

„Wer hat nun Ursach, über Bosheit zu klagen?“

„Ach wie manche Blume hat schon mit Entsetzen die Verwandlung ihres Liebhabers erlebt!“

„Imada! — Bosheit um Bosheit, so wünsch’ ich Ihnen nie einen treuen Freund, einen treuen Liebhaber!“

„Der Wunsch kann leicht erfüllt werden; weil treue Freunde und treue Liebhaber ohnedem zu den Seltenheiten unterm Monde gehören?“

„Salomonisiren Sie auch schon?“

„Nichts weniger, als dies. Und doch möchte manche Blume ihren Favoritschmetterling gern aufnehmen und beherbergen, wenn sie gleich voraussähe, daß er dereinst ihr Mörder werden würde, denn es soll ja süs seyn, zu sterben von geliebter Hand — aber wie, wenn sich nun ein häßlicher Nachtvogel bei ihr einnistet, und sie wider ihren Willen seine Beute wird?“ —

„Wenn mir ein Nachtvogel meine Blume stehlen wollte, bei Gott, so verwandelt’ ich mich aus dem Schmetterling in eine Wespe.“

„Das war eine lächerliche Hyperbel! — Kann der Schmetterling seine Natur vertauschen? Sie würden traurig umherflattern und sich ein andres Blümchen suchen.“

„Das könnt’ ich nicht; bei Gott das könnt’ ich nicht! — Zum Beispiel — liebe, theure Imada — zum Beispiel — Sie, Sie wären meine Lieblingsblume — — —?“

„So würden Sie ein fremdes Eigenthum verletzen.“

„Fremdes Eigenthum?“ stammelte Florentin und wurde todtenblas.

„Was fehlt Ihnen, Duur? Sie verwandeln die Farbe?“ fragte Imada, und schloß mit zärtlicher Bekümmerniß seine kalte Hand in die ihre: „Reden Sie doch! was fehlt Ihnen?“

„O, fragen Sie mich nicht! — Es fehlt mir alles! Imada — liebe, einzige Imada — fremdes Eigenthum, Sie?“

„Bekümmert Sie das so sehr?“

„O mein Gott, wie sollts nicht! — Imada, war das Ernst? — Imada! Gehören Sie schon einem andern an?“

„Ja.“

„Entsetzlich! — dies Ja schlägt meine Hoffnungen auf immer zernichtet zu Boden, und stößt mich aus dem Paradiese, wo ich schon so sicher zu wohnen glaubte.“

Das Mädchen sah ihn lange und schweigend an; sah den Sturm seiner Seele sich wiedermalen in dem düstern Spiel seiner Mienen und Blicke, sah wie er so gern sich verstellen, wie seine Lippe so gern Entschuldigungen seines sonderbaren Betragens hervorbringen wollte, aber nicht einen Laut ertönen ließ. —

„Das ist entsetzlich!“ rief er endlich mit beklemmter Brust, und seine Augen funkelten feucht.

Imada zitterte neben ihm. Unwillkührlich drückte sie seine Hand fester an sich, unwillkührlich stürzte eine Thräne aus ihren schönen Augen über die Wange herab.

„Was soll ichs Ihnen verheelen,“ sagte Florentin nach einer langen Pause mit verhaltner Wehmuth: „was soll ichs Ihnen verheelen, Imada, daß ich — Sie unaussprechlich liebgewonnen habe? warum soll ichs Ihnen nicht gestehn, daß ich mir eine goldne Zukunft durch Ihre Gegenliebe vorschmeichelte? — Ach, ja, Imada, Sie — Sie waren mein lezter Wunsch in dieser Welt, weiter hatt’ ich keinen, dann hätt’ ich ruhig Grab und Tod erwartet. — Morgen reisen Sie ab — morgen will ich auch zurück von der Welt, und mich flüchten in Holders Einsiedelei — — — O, Imada, was haben Sie aus mir gemacht!“

„Lieber Duur — beruhigen Sie sich. Ich hätte geglaubt, Sie wären mehr Mann. Ich habe gehört, Sie sollen schon der Leiden so viel getragen haben, — wie, und Sie sind noch so schwach, so hinfällig?“

„Eben darum. Ich bin ein junger Baum, den alle Stürme, alle Ungewitter zu ihrem schadenfrohen Spiel erwählt haben. Meine Blüte ist verwüstet; ich bin zerrissen, zerschmettert; wie soll ich noch stehn können, unter einem neuen Sturm.“

„Was gäb’ ich darum, Sie zu beruhigen!“

„Sie können nichts geben; Sie haben nichts, mir zu geben — Sie sind fremdes Eigenthum!“

„Würd’ es zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen gestände, daß ich Ihnen herzlich — herzlich gut sey? — Ihnen hold ward beim ersten Anblick, als ich Sie im Walde traf?“

„Das ist ein matter Abendschein auf zerknickte Saaten, die ein schwarzes Hagelwetter zu Boden schlug. Dies Abendlicht richtet die hingeworfnen Saaten nicht wieder auf, sondern macht höchstens durch seine Erleuchtung das Bild der Verwüstung noch lebhafter. — Nein, Imada, lassen Sie mich! — Es ist so gut! ich bin es schon gewohnt, daß immer meine theuersten Wünsche vernichtet wurden auf eine schreckliche Weise.“

„Aber, so — in dieser Stimmung lass’ ich Sie nicht von mir! Sie müssen wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an — lächeln Sie einmal! — Nein, so mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hübsch. — Weg mit den Falten hier!“ —

„O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!“

„Warum lernten wir uns nicht früher kennen?“

„O warum mußten wir uns jemals kennen lernen?“

Ein neues Stillschweigen trat ein. Imada schien mit Wehmuth und heimlichem Vergnügen den Kummer des Unglücklichen in seinem Gesicht zu studiren.

Mit heimlichen Vergnügen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zählt nicht mit Vergnügen auf dem gewonnenem Schlachtfelde die Leichen seiner Feinde, sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen Städte unter den wirksamen Feuerkugeln, — und doch mag ihm das Herz bluten. — Welches Mädchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die verheerenden Siege, welches seine Schönheit erwirbt, selbst dann, wann es die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, gesiegt zu haben; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz fodert nicht mehr noch.

Ich sehe — meine Leserinnen — Sie werden böse; ich lese den Wunsch in Ihrer Seele, daß Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen möchten, die ich izt schalt. — Aber wahrhaftig, ich hätte diesen gelegentlichen Ausfall nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wäre. — Ein Greis, der beinah siebzig Jahre zählt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet — der fürchtet sich nicht mehr vor schönen Augen, den locken nicht mehr blühnde Wangen, den führt kein stürmischer Busen irre. — Welche Rache wollen Sie nun an mir nehmen?

Es ist nicht artig, sagen die Kunstrichter, wenn ein Erzähler mitten im Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine bessre Richtung giebt.

Also still!

Unterdessen, daß wir hier mit einander schwazten, hatten Florentin und Imada ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben, weiß ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhören wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten Erdboden sitzen, sondern sie stehn — und das sonderbarste ist, sie stehn so, wie ich ebenfalls in meinen jüngern Jahren oft gestanden habe, und mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern stehen möchte. — Nämlich? — Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge gesenkt, Mund an Mund gepreßt — das heißt mit einem Worte: küssend. —

Wie sie zu dieser wirklich unvermutheten Stellung in allmähligen Uebergängen des Gesprächs gekommen seyn mögen, weiß ich selber nicht. An alle dem sind unsre episodischen, unzeitigen Plappereien Schuld gewesen. Künftig wollen wir uns besser in Acht nehmen.

Also: küssend — —

„Und nun ists gewiß?“ sagte Imada, indem sie den Traurigfrohen sanft zurückdrängte.

„Gewiß! ich komme zu Ihnen nach Mont-Rousseau, und zwar zu Ihrem Vermählungsfeste, und wenn mich der Schmerz beim Anblick des Glücklichen tödten sollte. — Ich komme!“

„Das soll mir die reinste, entscheidendste Probe Ihrer Freundschaft seyn. — Mein Vermählungstag ist der erste September!“

„Gott, so bald?“

„Schon wieder der alte Ton? — Mit einem Worte, Sie kommen. Dann wird doch der unglückselige Tag eine Freude für mich haben, und die ist — Sie zu sehn. O, Duur, lieber Duur — ich hätte Sie nicht so sehr liebgewinnen müssen, wenn meine einstige Ehe nur halbleidlich für mich seyn sollte — — — Duur, Sie lieben mich, ich Sie —, Freundschaft ist oft zur Liebe ausgeartet, lassen Sie bei uns izt die Liebe zur Freundschaft werden.“

„Freundschaft ist der schönsten Lebenslust erster Sprösling; der Sprösling treibt unter glücklichen Verhältnissen weiter auf, wird Blume, heißt Liebe. — Unsre Liebe in Freundschaft verwandeln, heißt der Blume ihre Krone abschlagen, und sie dem Sprösling ähnlich machen — ach sie wird nie Sprösling werden, sondern bleibt der traurige Stumpf — einer zerstörten Blume.“

„Und auch dann noch dem, der sie kennet, lieb und theuer!“

„Wie ein Schattenriß von verstorbnen Freunden!“

„Still davon — wir sehn uns wieder!“

„Wir sehn uns wieder!“ rief Duur mit Wehmuth und sank an Imada’s Herz.

Es war dunkler und kühler geworden. Man vermißte die Beiden schon längst in der Gesellschaft. — Es ließ sich ein Räuspern in der Nähe hören.

„Man sucht uns auf!“ lispelte Imada; und indem sie dies sagte, trat ihr Oheim, der Graf von Gabonne — ein alter, freundlicher Krieger mit narbenvoller Stirn und schneeweissem Haupte — aus dem Gebüsch am Teich hervor.

Imada flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; sie warf sich an seinen Hals; ihre ganze Bewegung schien dem bestürzten Duur Ausbruch eines verhaltnen Entzückens, ihre Stimme ein seliges Jauchzen zu seyn.

Er rieb sich die Stirn — diese Verwandlung hatt’ er nicht erwartet; eine solche Freude verrieth mehr, als Liebe für den Oheim, oder Vergnügen an seinem Hieherkommen.

„Weiber! wer ergründet Euer Herz, wer studirt Eure Laune aus, wer die Falten Eures Charakters? Niemand in der Welt, auch der erfahrenste Menschenkenner nicht — und Ihr selbst? — am allerwenigsten!“ — rief Duur mit eingem Unwillen.

Drittes Kapitel.
Sie wandern alle in ihre Heimath.

Leb wohl! und folg mir bald!“ rief Holder, indem er seinen Bruder noch einmal in die Arme schloß und an sein redliches Herz drückte.

„Leb wohl! tausend Küsse Deiner Idalla, und meinem Karl, die in der Einsamkeit Dir entgegen seufzen. Leb wohl! Ich folge Dir bald!“ entgegnete Florentin, dems weh und bang ums Herz ward, ungeachtet die Scheidung nicht auf ewig gelten sollte.

Holder umarmte izt den ehrwürdigen Grafen von Gabonne — und Beide, statt einige Rührung bei ihrer Trennung zu empfinden, und zu äussern, da sie sich doch einander so theuer geworden waren, Beide, sag ich, brachen statt in Thränen, — in ein lautes schallendes Gelächter, aus.

Florentin machte ein paar große Augen. — Aber die Herrn liessen sich nicht stöhren, sondern lachten so herzlich und so anhaltend fort, daß die ganze Versammlung bald darauf mit einstimmte und Florentin, der auf keine Weise errathen konnte, warum sich das Zwergfell dieser scheidenden Freunde so unwillkührlich erschütterte, geneigt ward, selbst mit zu lachen.

Er erkundigte sich endlich, mit sehr verzeihlicher Neugier, nach dem Grund dieser unerwarteten Erscheinung, aber statt aller Antwort — lachte man. — Lachend stieg Holder in die für ihn bereitete Luftgondel; lachend empfahl er sich nochmals und in einigen Minuten war er in der Luft ihren Blicken entführt.

Weinend stand Imada an eine Mauer gelehnt — eben sie, die vor wenigen Augenblicken selbst an dem Gelächter ihren grossen Antheil nahm. Schluchzend wankte sie Florentinen entgegen, schweigend küßte sie ihn, verhüllte sich das Gesicht, und nahm in einer andern Montgolfiere ihren Platz.

Florentin verbiß seinen Schmerz.

„Am ersten September sind Sie doch bei uns?“ fragte sie mit einem wehmüthigen Lächeln.

„Gewiß!“ antwortete bebend Duur.

„Das müssen Sie,“ rief der alte Graf von Gabonne, indem er Florentins Hand schüttelte: „das müssen Sie mir feierlich noch einmal vor dieser ganzen lieben Gesellschaft angeloben. Es soll Ihr Schade nicht seyn; ich will alles dran wenden, Sie vollkommen vergnügt zu machen!“

„Ich werde erscheinen — gewiß erscheinen!“ antwortete Duur mit stockender Stimme.

„Verlassen Sie sich auf mich!“ rief Josselin dazwischen: „ich bürge für ihn; er trifft mit mir zugleich bei Ihnen ein!“

Der Bund ward mit Küssen und Händedrücken wechselseitig bestätigt — der alte Graf sezte sich zu seiner reizenden Nichte — die Gondel flog auf und ruderte langsam und majestätisch durch die Luft hin, wie ein Schwan in den Wellen.

So riß sich einer nach dem andern von Gobby los. Der Commendant und Rosalia mit ihrer Freundin, Josselin und Duur waren in einigen Stunden wieder in der alten Heimath.

„Wie behagte Ihnen die kleine Spazierfahrt?“ fragte der biedre Commendant den träumenden Duur.

„Sie war reicher an Intresse, als das ganze Leben manches Menschen!“ erwiederte der Träumer, nicht um seine Meinung, sondern um eine Antwort zu geben.

Viertes Kapitel.
Sie reisen zur Hochzeit.

Duur war niedergeschlagen und so mißvergnügt, nach seiner Heimkunft, daß er keine kleine Lust hatte, sich in den Salomonismus einweihen zu lassen.

Er verließ ungern sein Zimmer; floh alle Gesellschaften, so sehr es thunlich war; nachtwandelte in seinem Zimmer, träumte, schwärmte, seufzte, klagte und zankte mit dem Schicksal, wie es seit dem achtzehnten Jahrhundert noch immer die Sitte der unglücklichen Liebhaber war.

Josselin hingegen schien seinen Trübsinn zu verlieren und seinen Vorsatz ausführen zu wollen, in Zukunft sich ganz dem schönen Spiel der Sinnlichkeit zu überlassen. — Rosalia war ein reizendes Mädchen; das wußte Josselin, er wußte auch noch mehr, daß er — von ihr geliebt wurde.

Es dauerte nicht lange: so kam es zwischen ihm und ihr zu umständlichen Erklärungen; der alte brave Silberot hatte gegen diese Erklärungen keine Sylbe einzuwenden, und — eh mans sich versah, hieß Josselin des braven Commendanten Schwiegersohn.

Florentin wünschte seinem Freunde Glück — mit schwerem, traurigen Herzen wünschte er Glück, freuen konnt’ er sich nicht.

„Damit die Lust vollkommen werde,“ sagte der brave Commendant: „so soll die Vermählung ebenfalls am ersten September, und zwar auf dem Gute des Grafen von Gabonne vollzogen werden. Rosalia und Imada sind Freundinnen; — das giebt ein Doppelfest, eine Doppelhochzeit.“

Josselin und Rosalia nickten freundlich und schweigend mit dem Kopf.

„Damit aber,“ sezte Josselin hinzu, indem er Florentinens Hand faßte: „unser lieber Freund dort heitrer sey, als ers bei uns izt ist; so werd’ ich mit ihm zu Fuß nach Mont-Rousseau reisen, kreuz und quer durch Deutschland. — Das vertreibt die hypochondrischen Grillen. Vielleicht finden wir unterwegs ein niedliches Mädchen, das sich nicht schämen darf, neben Rosalia und Imada vor dem Altar zu stehn, das nehmen wir mit uns, wenn Florentin will — und die Triple-Allianz ist da. Zum ersten September treffen wir gewiß in Mont-Rousseau ein.“

Rosalia wollte freilich bei diesem Vorschlage etwas böse seyn — aber dann fiel ihr Blick auf den schwermüthigen Duur, und sie wars zufrieden.

Florentin hatte Josselinen selbst gebeten, mit ihm eine solche Wanderung zu unternehmen, weil er doch, vor seinem Rückzuge nach Holders Einsiedelei, die Genossen des dreiundzwanzigsten Jahrhundertes noch ein wenig näher kennen zu lernen wünschte.

Es wurden also die besten Anstalten zu der Pilgerschaft getroffen, und —

Warum soll ich meinen Lesern vorerzählen von den Thränen der schönen Rosalia, die sie beim Abschiede ihrem lieben Josselin und Duur nachweinte? — Warum soll ich die Küsse berechnen, die wechselseitig gegeben und genommen wurden? —

Man reiste ab.

Fünftes Kapitel.
Zuerst ins Tollhaus!

Die Reise hatte für den Bürger des achtzehnten Jahrhunderts kein gemeines Intresse, denn, wo Josselin nichts, als alltägliche Dinge, erblickte, fand Duur bewundernswürdige Neuigkeiten. Jener mußte es sich daher oft gefallen lassen, bei den unbedeutendsten Quisquilien, wie vor ausgemachten Seltenheiten stehn zu bleiben.

Florentin lebte ganz auf; er vergaß beinah seines eignen Leidens über den Reichthum an Glückseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der ärmste Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte; er wünschte tausendmal, daß sein ehrwürdiger Oheim izt ihn unsichtbar begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten möchte; er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.

Von allen Seiten her lachte von den schönbepflanzten Weinbergen, von den unermeßlichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flüssen ihm Freude entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie — und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor fünf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der preussischen Monarchie sich regte.

Die Dörfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Städten. Auf den Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Ländliche Einfalt und städtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin sie kamen, fanden sie, selbst in den Hütten der Armuth, einen großen Schatz — Reinlichkeit.

„Wie sich das alles so schön verändert hat!“ tief Duur in einer frohen Ekstase seinem Gefährten zu: „um wie viel glücklicher ist doch, bei allen ihren Mängeln, dennoch diese Nachwelt! — Zu meiner Zeit hätt’ ichs nicht einmal wagen mögen, in die Hütten armer Landleute zu treten. Ich glaube, die Gefängnisse sind izt Palläste gegen die meisten Dorfhütten des achtzehnten Jahrhunderts.“ —

„Nun wahrhaftig,“ entgegnete Josselin: „schilderst Du doch das Vaterland Deiner Zeit wie ein Kamschatka.“

„Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thäte? — Denke Dir einen Haufen unordentlich durch einander geworfner Hütten, als hätte sie ein Sturm zusammengeführt und ein Wirbelwind geordnet — diesen Haufen nannte man sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajütte, mit Schmuz austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzüge die Luft verpesten konnten — dazu Kinder und Eltern im Schmuz erzogen, mit Schmuz bekleidet — und Du hast das anschauliche Bild von den meisten Bauerwohnungen jener Zeit.“

„Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Palläste.“

„Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das nützlichste Vieh der Gutsherrschaft. Er mußte für die Ueppigkeiten seines Herrn im blutigen Schweiß seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts — gar nichts davon, als einen kümmerlichen Unterhalt — Kartoffeln, und Lumpen.“

„Warum duldete es der Bauer?“

„Weil er mußte. Es kam freilich hin und wieder zu Aufständen und Tumulten; die Sklaven rüttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, daß sie nie ihrer Tage froh, und ihrer Arbeit Früchte mächtig wurden — allein selten halfs. Die Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gönner und einen Schein des Rechts.“

„Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Märchen aufbinden? einen Schein des Rechts Menschen für sich, die ihre Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdürftig dafür mit Kartoffeln und Lumpen bezahlten?“

„Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte Verträge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein, ihr Land zu bauen. Dafür wollten sie eine Hütte, und soviel Acker geben, daß man sich davon nähren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in Ueberfluß und sein armer Unterthan mußte sich bei Wasser und Brodrinden quid iuris lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, daß er doch auch ein Mensch sey. Ja, der Gutsbesitzer ließ sich wohl gar noch einen Menschenfreund und Wohlthäter schelten, wenn er bei schlechten Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht — verhungerten. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem Vieh, welches er füttern mußte, wenn er seine Felder in der Zukunft damit bestellen wollte.“

„Das ist traurig!“

„Wenn nun so ein armer Schelm vier saure Tage in der Woche für seinen Herrn, und einen, oder zwei für sich gearbeitet hatte, so war der siebente Tag — Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und ließ sich von seinem oft herzlich unwissenden Pfarrer etwas über die Leiden der Gerechten in diesem Jammerthal, oder einige Geheimnisse der Dogmatik vorpredigen. — Du kannst leicht denken, wie es da um die Bildung des Geistes und des Herzens der Bedauernswürdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und schreiben.“

„Schändlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert das philosophische nennen können?“

„Scherz! es gab damals noch Philosophen, die sogar in Barbara und Ferio bewiesen, daß es höchst schädlich seyn würde, dem größten Theil derselben vernünftige Begriffe beizubringen, behaupteten: der Landmann müsse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste wären das fruchtbarste Befördrungsmittel der ländlichen Industrie, besonders da man dann und wann fände, daß freie Bauern weit armer und lüderlicher wären, als die frohnenden.“

„Ich mag nichts weiter hören von der Barbarei Deiner Philosophen — so was kömmt mir in bösen Träumen wieder vor!“ rief Josselin bewegt: „so dank ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend später in die Welt warf.“

Mit solchen Gesprächen verkürzten sich unsre Pilger den Weg. Josselin fühlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, Florentin einen Grad fröhlicher.

Sie kehrten unterwegs gewöhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche im Durchschnitt Männer von Kenntniß und Erfahrung waren, die so viel Gehalt besaßen, daß sie ohne Nahrungssorgen gemächlich leben und sich ihrem wichtigen Amte ganz widmen konnten.

Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, daß sie ihre Catechismusschüler zu Papageichristen bildeten, sich magre Predigten und fette Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in träger Muße ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenärzte ihrer Gemeinde, und ausserdem die leiblichen Aerzte derselben. Jeder Landprediger mußte Medicin studirt, und so gründlich studirt haben, daß er im Collegio medico der Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. — Statt der Septuaginta, Concordanz und hebräischen Bibel fand man in ihren Zimmern ein Arzneischränkchen, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande gehalten ward.

Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm jechlicher nahte. Mit welchem Gefühl mußte so ein Mann auf der Kanzel stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!

„Ja, meine Herrn,“ sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefühl seines Werths zu unsern Abentheurern: „ich gesteh es gern, daß der Stand, in welchem ich lebe, ein beneidenswürdiges Glück mit sich führt für jedes gute Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rühmen, so täglich mit eignen Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit flieht, der Schöpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.“

„Ein schönes Loos!“ rief Florentin: „vorzeiten wars nicht so. Da mußte der Landgeistliche hebräisch und grichisch verstehn; man hätte ihn ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen wollte.“

„Das war vorzeiten! Gott seys gedankt, wir leben in einem vernünftigern Jahrhundert, wo die Lehrer des Volks den ersten Lehrern des Christenthums ähnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten seiner Apostel Leib- und Seelenärzte? — So lange man in den Kirchen noch hölzerne Kelche besaß, hatte man noch goldene Priester; seitdem die Christen sich goldner Kelche freuten, hatten sie hölzerne Priester. — Sehn Sie, es wäre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder über das barbarische Alterthum emporschwingen wollten.“

Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Dörfern vertrauter zu machen, besuchte Florentin auch die glücklichen Landleute in ihren Wohnungen. — Ueberall ward er mit Höflichkeit und patriarchalischer Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen Blick: wer bist du? was willst du? — Selbst der Aermste sezte ihm ein reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.

„Gott! welch ein herrliches Volk ist das!“ rief Duur mehr, als einmal: „und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefühllos stehn, — auch nicht einmal eine Spur von Freude äussern?“

„Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzückten spielen soll?“ entgegnete Josselin: „ists denn so was Wunderbares, daß der Bauer kein Vieh, sondern ein Mensch ist?“

Einigemal hatten unsre Pilger das Vergnügen, einem Bauernexamen beizuwohnen, einer Sitte, welche Josselinen selbst neu war, weil sie erst auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingeführt war.

Jeder Bauer nämlich, welcher sich in einem Dorfe häuslich niederlassen, oder sich verheurathen wollte, mußte sich vorher einer gewissen Prüfung unterwerfen, die der Prediger und der Oberbauer des Dorfes führten. Er mußte beweisen, daß er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.

Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den Schulunterricht, theils durch das Lesen nützlicher Bücher, welche für den Landmann geschrieben waren.

In den Schulen lehrten nun freilich keine Invaliden, keine verlaufne Schneidergesellen, wie im philosophischen, achtzehnten Jahrhundert, sondern zu diesem Unterricht gebildete Männer. Ihre Schüler lernten nicht nur lesen, schreiben, rechnen, Religions- und Sittenlehren, sondern auch allerlei nützliche Haus- und Wirthschaftsregeln, und andre im gemeinen Leben heilsame Dinge.

Dazu kam noch, daß jeder Hausvater für seine Familie einige vom Landesherrn vorgeschriebne Bücher halten mußte, die deutlich und faßlich über allerlei Gegenstände der Natur und des häuslichen Lebens, vom Benehmen bei Feuer- und Wassergefahr, bei Gewittern, bei Kranken und Sterbenden, u. s. w. handelten. Ohne diese Bücher konnte kein Bauer so wenig ein Hausvater, als vordem ohne Bibel, Catechismus und Gesangbuch ein Christ werden.

„Schmäle, so viel Du willst,“ sagte Duur: „meine Freude ist eben so gränzenlos, als meine Verwunderung! Ich begreif es in Ewigkeit nicht, wie man den Landmann zu einer solchen Stufe der Polizirung hinanbringen konnte.“