Josselin. (lächelnd.) Das find ich nicht unbegreiflich. Kann man doch Bären tanzen und Hunde exerziren lehren.
Duur. An der Fähigkeit des Bauern, ein Mensch zu werden, zweifle ich nicht. Ich wundre mich nur über den Willen, — daß man ihn zum Menschen zu machen gewollt habe.
Josselin. Gewollt? ich verstehe Dich nicht.
Duur. Das glaub’ ich gern. Zu meiner Zeit hieß es noch: wozu hat der Bauer die Bildung des Herzens und des Verstandes nöthig? — das ist Ueberfluß. Es ist genug, wenn er sein Feld bestellen und zur gehörigen Zeit seine Abgaben entrichten kann. — Ob so ein wirklich unglückliches Wesen nicht eben so gut Ansprüche auf die höhern Freuden der Menschheit, auf die Freuden des Herzens und des Geistes, auf gewisse Bequemlichkeiten u. s. w. habe, als der Stadtbewohner, darauf ward gar nicht einmal Rücksicht genommen. Kurz, er war ein Bauer, ein gebornes Lastvieh in der Welt.
Josselin. Das ist schändlich gedacht.
Duur. Glaube mir, daß ich ausgelacht geworden wäre, wenn ich im achtzehnten Jahrhundert nur prophezeit und vorgeschlagen hätte, was izt Wirklichkeit ist.
Josselin. Das sieht dem achtzehnten Jahrhundert ähnlich.
Duur. Freilich entdeck’ ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bücher und dergleichen mehr gewonnen sind.
Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten und ihrer Finanzveränderungen, um Dir das Räthsel zu lösen. So viel aber weiß ich, unsre Fürsten füttern an ihren Höfen keine Ceremonienmeister, Hofmarschälle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure Gehalt solcher unnützen Staatsfiguranten, und befördern damit die Cultur ihrer Unterthanen.
Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du — — — ach, verzeih, ich lebe ja im dreiundzwanzigsten Jahrhundert! — So ist wirklich also die Polizirung der obern und niedern Glieder des Staatskörpers in gleichen Verhältnissen gewachsen.
Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode älter, sollte sie nicht auch klüger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt; sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten Politikern mit dem menschlichen Körper verglichen, aber sie umfaßten den großen Sinn des schönen Vergleichs nicht. — Wenn der Kopf alles Blut aus dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhältniß gewöhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Füße schwanken und versagen beim besten Willen den Dienst — ein Schlagfluß zerstört dann am Ende wohl die ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt; Bauer und Bürger tragen und erhalten den Körper; das cirkulirende Geld ist das Blut. Das Haupt muß freilich verhältnißmäßig immer das meiste Blut, der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstört dieser aber die Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum allein an sich, schmachtet der erwerbende und ernährende Stand in Armuth: so verlieren die Füße ihre Kraft, und der Körper stürzt unter dem falschen Verhältniß ohnmächtig nieder. — Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus der Politiker mit blutiger Schrift das richtige Verhältniß der verzehrenden und ernährenden Volksklasse bestimmt.
Duur. Es ist traurig, daß die Menschen keine andre Lehren lieben können, als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.
Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den Berloken derselben zu glänzen und zu spielen, als sich nach ihrem Weiser zu richten. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.
Florentin seufzte tief auf.
Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin Florentin für seine Wißbegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.
„Zuerst ins Tollhaus!“ rief Josselin: „damit Du Dich von Deinem Entzücken über die Menschheit etwas erholest.“
Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermüdungen der Reise etwas erholt hatten, wanderten sie wirklich, Josselins Vorschlag gemäß, den Behausungen des Elendes zu.
Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhöhe lag, umgeben von hohen, unübersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes die Jammerburg genannt wurde — ein charakteristischer Name für das Aeussre und Innre dieser Stätte.
Der Weg führte über eine schmale Zugbrücke zum Eingang durch die Ringmauer. Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde Genius der Menschheit, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem die Tugend und Vernunft wachen, wieder anzünden zu wollen scheint. — Darunter stand die goldne Inschrift: Eingang zum Siechenhause des menschlichen Verstandes.
„Du darfst aber nicht glauben,“ sagte Josselin: „daß hier nur der Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glücklichen Menschheit, ihre Sünden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer Arbeit büßen müssen. — Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.“
Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr menschenfreundlicher Mann, führte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch alle Zimmer der Unglücklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.
Am auffallendsten waren unserm Duur zwei Erscheinungen, nämlich, das der größte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der Philosophen spielte, und daß die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten verfallen waren, entweder Schuster oder Mediciner gewesen.
Unter den philosophischen Narren zeichnete sich vorzüglich ein gewisses Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und träumte, und auch mit den größten Martern zu keiner nützlichen Arbeit bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an Kenntnissen, aber ohne Gefühl für Ehr und Schande, für Tugend und Laster — und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus Grundsätzen.
Wenn er sich ja noch einer Beschäftigung unterzog, so war es die, zu schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung seines eignen Ichs zu nützen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schön gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, daß sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr. Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.
Er bildete sich ein, daß er ein höheres Etwas, ein Lieblingswesen des unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem Zwecke führe das höchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn zu der großen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er behauptete, schon früher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern, welchen wir Erde nennen; allein von dieser Präexistenz seines Ichs sey nur eine dumpfe Ahndung in dem Gedächtniß heimgeblieben.
Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey — nicht für das höchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust für sich, sondern — für ihn erschaffen. Alle Gegenstände, ausser ihm, wären nur Erscheinungen, und für ihn da, um seinen Verstand daran zu üben. Diese vergänglichen Erscheinungen — welche bei seinen Uebergang in eine höhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nöthig sind — wären ein Spiel der Nothwendigkeit, nach dem Plan des höchsten Wesens, zu seiner Bildung; es habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rühmen — Tugend und Laster, Ehr’ und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit des Denkvermögens in ihm, gewönne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen nicht wirklich geschehn, sondern gehörten mit zu dem Schein, zu den Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern Mittelwesen eingepflanzt wären, um sie ihm vorzuhalten. — Der Zweck seines Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein sich, als mit Realitäten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe das für ihn aufgeführte Schauspiel zu betrachten, und darüber weiter nachzugrübeln. — Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein Wink, welchen ihm das höchste Wesen geben wolle über den Hintritt in eine andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwärtigen Schauspiels, sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er müßte aber geduldig warten, bis ihn das große Weltwesen abrufen würde, mittelbar oder unmittelbar. — Die Schmerzen und Einschränkungen, die er in seiner gegenwärtigen Lage zu erdulden habe, müßten mit in den großen, für ihn izt noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst begriffe er nicht, wie er dazu käme, noch wozu sie ihm nüzten. Die Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurückzubringen, seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er dadurch Gelegenheit gewönne, noch mehr über die Täuschung und den Schein der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu üben.
Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft werden würde, wenn jeder einen ähnlichen Egoismus in sich nährte, so antwortete er: die mir scheinbar ähnlichen Gestalten hängen so wenig von ihrer, als meiner Willkühr ab; sie müssen sich so bewegen, so handeln, so zu wollen scheinen, als es dem Plan des höchsten Bildners entsprechend ist. Sie können folglich nichts, können auch nicht einmal wollen.
Duur fragte ihn: „womit er sich denn bewiese, daß alles ausser ihm nur Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des höchsten Urhebers sey? — und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?“
„Womit ichs verdient habe?“ antwortete der Philosoph: „da müßtest Du nicht mich, sondern das höchste Wesen fragen, wenn Du könntest. Ich bin ohne Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu schaffen und zu bilden. — Womit ich beweise daß außer mir nur alles Spiel und Schein sey? — Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir gegebnes, leitendes Gefühl, zweitens weil ich wirklich von der Außenwelt auch durchaus nichts anders weiß, als daß sie eine Reihe vorübergehnder Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil keiner bewiesen.“
„Warum aber sollte das Urwesen sich nur einen Liebling geschaffen haben, warum nicht mehrere glücklich machen wollen?“
„Warum sollte das Urwesen mehrere Lieblinge sich erkoren, und nicht an einem sich begnügt haben?“
„Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem großen Ideal, welches der menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen muß?“
„Freilich muß! — Du kannst nicht anders, als so denken, wie Du denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt? Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkührlichen Plan geschaut?“ —
Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um über diese Unterredung weiter zu speculiren.
Duur konnte sich einer Verwundrung über die sonderbare Mischung von Scharfsinn und Narrheit nicht erwehren.
„O,“ rief Josselin lächelnd: „wundre Dich nicht. Es giebt der philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, daß nicht diese Jammerburg, und wäre sie dreimal größer, sie beherbergen könnte, wenn sie versammelt würden. Aber man läßt sie frei unter den Menschen umherwandern, wohl gar von den Cathedern predigen, weil sie zum Glück ihre Theorien nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.“
„Sie haben recht,“ sagte der Aufseher, indem er ein andres Gemach eröffnete: „auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von Hippo den Kopf verrückt haben. Er glaubt und, lehrt, daß Gott, ohne Rücksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbürger zur ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm ers sich nicht übel, seinen einzigen Sohn tödtlich zu verwunden, weil dieser das Gegentheil behauptet hatte.“
Duur seufzte: „treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?“
„Weißt Du nicht, daß von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?“ entgegnete Josselin.
„O!“ fuhr dieser fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der Seele schweben hatten: „wo bleibt hier des Menschen schönste Hoffnung, sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestät der menschlichen Natur? — Worin gründet sich diese Majestät, oder der Traum von ihr? — gewißlich leider in unsre Unwissenheit über uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie das liebliche Lustschloß hinbauten, ohne den Boden zu prüfen! — Elend und gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber. Wer dachte an uns in der fröhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenkützels lezter Zweck war? — daß wir erschienen, war die Folge einer Tändelei, wozu ein Gläschen Weins, Einsamkeit und Ohngefähr das Signal gaben.“
„Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen und mühseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: wozu waren wir da? — Wir kamen, ohne unsern Willen, und müssen davon, ohne daß wirs wünschen. Wir haben im Leben kein Auge für den Tod; er wandelt uns immer zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneigläsern; im frohsten Tanze springt unsichtbar der Würger mit.“
„Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, daß von den Gegenden jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzählten, schrieben und, schwärmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus Büchern kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns zurück und rief: Land! Land!“ —
„Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drüben das Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht zu dem Gemälde ihre schönsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns!“ —
„Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen Zeitpunkte, die Blüten und Früchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn, wie der gereifte Mann allmählig wieder zum welken Greise abstirbt, und mit dem Körper zugleich der Geist? — Wenn wir den Mann, welcher die höchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen maß, die Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder kindisch mit seinen Windeln spielen? — was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem, der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das Bild der Vergänglichkeit durchforscht!“
„Welch ein Bewandniß muß es mit unserm unsterblichen, zur ewigen Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des Hirnschädels seine Systeme zerrütten, sein Gedächtniß verwüsten, seine Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrümmern kann? Tödte einen Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz anweiset, und Du tödtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen zugleich! — Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation im Grabe von der Fäulniß verwüstet liegt, wird dann noch dem mörderischen Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung ähnlich sieht? — Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns Kraft hieß? Wenn der Baum, welcher einst lachende Früchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die Kraft zum Blütetreiben und Fruchtbringen?“
„Ach, Duur, lieber Duur, was ist der Mensch?“
Die Wandrer kamen in die Stadt zurück. Es war schon spät. Traurig und verstimmt legten sie sich zu Bett. — „Hier ist Wohlseyn!“ rief Duur.
„Ja wohl,“ entgegnete Josselin: „Nichts haben, nichts empfinden, nichts wissen, ist auch ein Reichthum, auch ein Glück!“
„Unser ewiger Reichthum im Grabe!“ sezte Florentin hinzu.
Unter dem lärmenden Schall der Trompeten und Pauken erwachten sie am andern Morgen. Die Sonne war schon hoch herauf. Man brachte das Frühstück; Florentin und Josselin warfen sich ins Fenster um sich am bunten Getümmel der Menschen in den Straßen unten zu weiden.
„Es scheint heut ein wichtiger Tag dieser Stadt zu seyn!“ sagte Duur, indem er mit Verwundrung und Vergnügen die vielen fröhlichen Gesichter zählte.
„Das Fest der Menschheit!“ erwiederte mit lachender Miene der Aufwärter.
„Ein herrliches Volksfest!“ intonirte Josselin: „Heut wollen wir wieder selig seyn, und die düstre Jammerburg vergessen.“
„Wie so?“
„Es ist ein Tag der allgemeinen Freude, ein Festtag der Liebe, der Barmherzigkeit und jeder gesellschaftlichen Tugend! Hurtig, wir wollen uns ankleiden, und unsre Börsen füllen, um den Armen wohl zu thun.“
„Du bist ja einem Entzückten gleich.“
„Und Du einem Erstaunten. Es ist wahr, ich dachte nicht daran, daß Du ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts seyst; aber wer kann sich auch immer daran erinnern? — Ich muß Dir nun wohl erst eine umständliche Vorbereitung geben, wenn Du den heutigen Tag recht schmecken sollst. Aber wahrhaftig, ich bin grade izt zu den Vorbereitungen wenig aufgelegt.“
„Nur kurz und bündig den Inhalt und die Ursach des Festes!“
„Das ists eben, wovor ich mich fürchte; da muß ich Dir ja eine besondre Rede über unsre Feste halten.“
„Nur Skizze!“
„Wahrhaftig, mehr sollst Du auch heut nicht von mir fodern dürfen. — Also Ursach und Inhalt des Fests? — Ursachen kann ich Dir von dieser Feierlichkeit nicht mehr und nicht weniger angeben, als von jeder andern. Man will dadurch Herz und Geist des Volks erfreun, den Umlauf des Geldes rascher befördern, Gemeingeist und Brudersinn erwecken und was man nun von solchen Gelegenheiten mehr anzugeben pflegt. — Vor Zeiten wurden mehr Kirchen- als Nationalfeste gefeiert; seit anderthalbhundert Jahren sind mehr National- als Kirchenfeste. Vor Zeiten war fast jeder Sonntag ein christlicher Festtag, izt ist der Sonntag nur Ruhetag und großer Volksfeste haben wir in jedem Jahresviertel nur ein einziges.“
„Und die christlichen Kirchenfeste?“
„Sind beinah sammt und sonders secularisirt. Die Welt hat an ihnen nichts verloren; gewiß aber mit ihrem Verlust gewonnen.“
„Das möcht’ ich nicht behaupten. Die Religion der Christen hat unstreitig durch die Aufhebung oder Secularisirung der Feste von ihrer Autorität und Wirksamkeit vieles eingebüßt.“ —
„Laß doch die Religion einbüßen, wenn die Menschheit nur Vortheile erringt.“
„Ist eins ohne das andre möglich?“
„Gewiß; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! — Wozu wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den edelsten Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, daß der hierarchische Sinn der ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: daß man sie einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten Christenthums einen Enthusiasmus für die Religion selbst zu befördern.“
„Ich bin mit dem Zweck zufrieden.“
„Wurd’ er erreicht? — Selten war darunter ein Fest der Freude — es waren mehrentheils Buß- und Bettage, welche den durch tausend Widerwärtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten und zu erquicken für die folgenden Schicksale. Das alte Sündenregister ward unaufhörlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der höllische Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermüthige, düstre Schwärmerei war gewöhnlich die ganze Frucht des Festes für den, welcher es mit ganzer Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte.“ —
„Aber wie viele begingen es so?“
„Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der Reichere, oder sich aufgeklärt Dünkende, erinnerte sich nicht an den Sinn des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit größerer Lustbarkeiten. Man verpraßte den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch- und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine besondre Weise; neue Kleider mußten an diesem Tage figuriren, und ein Wein- oder Brannteweinsrausch Leib und Gemüth erquicken. — Was gewann dabei die Religion, was die Menschheit?“
„Ich kann Dir nicht widersprechen.“
„So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen Gemeingeist zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen Städten; ich will nicht von Staaten sprechen. Man ließ die bequemste Gelegenheit ungenüzt entschlüpfen, das schöne Band der Eintracht um die Herzen der Bürger zu schlingen und für Tugend und Vaterland zu begeistern. Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als Brüder und Schwestern, näher zu führen; nie wurde ein Versuch gemacht, den schneidenden Unterschied der Stände zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes, trotz seiner Verderblichkeit für das gemeine Wesen, zu vernichten. Es fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was allein Nationen, so wie einzelne Familien, liebenswürdig macht, — Geselligkeit, Humanität! Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebührte ihnen rechtens; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, träge Thiere, unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hündischem Geiz nur das eigne Intresse bewachend.“
Unter diesem Gespräch hatten sie sich beide angekleidet.
„Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen belehren!“ sagte Josselin und führte seinen Freund hinaus auf die Straße, wo alles von Fußgängern, Reutern und Wagen wimmelte.
Florentin konnte sich des Lächelns nicht erwehren beim nähern Anblick dieses bunten Getümmels — es war ihm die größte Maskerade, welche er je erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.
Greise und Kinder, Männer und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles erhielt dadurch einen glänzenden Anstrich von Wohlhabenheit und Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel Auffallendes.
Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade ähnlich. Hier führte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmückte Dame; dort führte ein junges, blühndes Mädchen einen alten, blinden Mann. Drüben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem jüdischen Lehrer; ein kraftvoller, schöner Jüngling stüzte dort einen schwachen, halbgenesenen Kranken.
„Wo bin ich?“ rief Florentin lachend.
„Unter Menschen!“ entgegnete Josselin.
„Wohin solls gehn?“
„Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Gärten. Allenthalben wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses schönen Tages unterwerfen: wir müssen uns trennen. Bekannte und Freunde dürfen heut nicht beisammen bleiben, Familien dürfen nicht an einanderhalten, sondern müssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den Unbekannten nähern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude verbreiten, wo sie können; die Armen freigebig bewirthen; Krüppel, Lahme und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen.“ —
„Träumst Du, oder träum’ ich?“
„Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergnügen; wer ein reines Herz und einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht anders denn glücklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, läppischen Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, daß die Menschen, wie Brüder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben Familie unter einander zu wohnen im Stande wären. Siehe hier ist der allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thränen vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum natürliche Einfalt, Wegwerfung des künstlichen und natürlichen Unterschiedes — denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur ist wieder Natur. — Geh hin, und werde froh, indem Du andre fröhlich machst. Heut Abend, oder morgen früh finden wir uns wieder zusammen.“
Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich Josselin, und ergriff die Hand eines vorübergehnden Bürgers, welcher sich so freundlich mit ihm unterhielt, als hätt’ er einen alten Bekannten wiedergefunden.
Florentin stand lange da, wie ein Träumer. „Mein Gott! mein Gott! welche Menschen leben izt, welch’ ein Jahrhundert ist dieses!“ sprach er bei sich, und zerdrückte mit den Augenwimpern eine Thräne, die sich unwillkührlich hervordrängte: „O, mein Oheim, könntest du mit mir feiern das Fest der Menschlichkeit und Menschheit!“
Indem er so vor sich hinstarrte, und sein Herz voll war von Rührung und Seligkeit, fühlte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Achsel.
„So traurig?“ fragte ein wohlgekleideter, ältlicher Mann, mit biedrer Herzlichkeit.
„Nichts weniger, als das!“ antwortete Duur: „ich sah mich nach einem Gefährten um.“
„Kommen Sie mit mir.“
„Mit Vergnügen. Ich bin ein Fremdling in dieser Stadt; führen Sie mich, wohin Sie wollen.“
Der Fremde lehnte sich freundlich an ihn, und so wanderten sie durch die Stadt ins Freie hinaus, von Promenade zu Promenade, von Garten zu Garten, wo sie allenthalben Geselligkeit und Freude fanden.
„Ich wundre mich,“ sagte Duur: „daß alles in so guter Ordnung bei so gemischter Gesellschaft bleibt.“
„Vielleicht eben daher, weil die Gesellschaft zu gemischt ist; es finden keine Partheien, keine Faktionen statt. Der gemeine Mann mässigt sich und verfeinert sich selbst im Umgang mit den Vornehmern und Gebildetern; man erlaubt sich nicht so leicht auch nur die kleinsten Ausschweifungen, und vielleicht eben darum, weil man, alles Zwanges los, keine grössere Freiheit wünschen kann. — Zur Vorsicht für die Ruhestöhrer sind freilich allenthalben Wachen beordert, inzwischen hat man seit sechs Jahren keine Beschäftigung für diese gefunden.“ —
„Wird aber nicht mancher durch solche Gelegenheit zu einem übermässigen Aufwand verführt?“
„Ein Narr wäre, wer sich verführen liesse. Der Reiche giebt, der Arme empfängt. Jeder thut, so viel er kann, so weit seine Kräfte reichen. Der stockende Kreislauf des Geldes erhält hier einen neuen Anstoß; selbst der filzigste Kaufmann wird durch das allgemeine Beispiel der Humanität zur Freigebigkeit gereizt; Geldkasten, welche, sonst immer verschlossen, ihr goldnes Eingeweide sparten, öffnen sich an diesem Tage zur Wohlthätigkeit.“
In einem grossen, volkreichen Garten trennte sich im Getümmel der Fremde von unserm Pilger, welcher bald wieder neue Bekanntschaften anspann, und in der fröhlichen Gesellschaft von Männern und Frauenzimmern aus allen Ständen, Altern und Religionen sein Mittagsbrod verzehrte. Er genoß dabei das Vergnügen, einen armen Knaben, welcher in seiner Nähe war, auf eigne Kosten, zu speisen und zu tränken.
Von Wein und Freude berauscht, durchschwärmten sich die zahllosen Tausende izt wilder, welche hier allein das heilige Band der Menschheit und Menschlichkeit umschlang. —
Der braune Abend sank herab. Musik brach aus allen Gebüschen hervor; Tänze, um Mittag, beim hellen Sonnenlicht begonnen, wurden im Schimmer des Mondes, der Lampen und Fackeln fortgesezt.
Florentin, allenthalben und nirgends, ward von einer reizenden Bacchantin aus einem Cedernbüschchen entführt, worin er sich selbst überlassen, den schönen Göttergang des Menschengeschlechts übersinnend, umher lustwandelte.
Zu nahe an ihre zaubrischen Wirbel gelockt, überließ er sich der verführerischen Charybdis — tanzend verweilte er hier bis gegen Mitternacht. Dann entschlüpft er heimlich wieder um auszuruhn; aber seine Führerin verließ ihn nicht; schmachtend hing sie an seinem Arm, schmachtend sank sie neben ihm nieder auf das Rasenbänkchen einer matt erleuchteten Laube.
Nahe vor der Laube erhob sich unter einer Anzahl mehrerer Statüen eine, als einzig und vorzüglich über alle empor; beschirmt von dem gewaltigen Arm einer alten Eiche, überflossen vom Licht des Mondes. — Duur hatte sie schon, vor dem Eintritt in die Laube näher betrachtet, und die Gestalt Friedrichs des Einzigen erkannt.
Wovon sollt’ er mit der ermüdeten Führerin plaudern im heimlichen Dunkel der Laube?
„Sie heissen?“ fragte das schwarzäugigte Mädchen, indem es die düstern Haarlocken von Stirn und Nacken sich zurückwarf, und bei der Gelegenheit einen weissen, sanft gerundeten Arm an den Strahl der Lampe sichtbarer werden ließ.
„Duur!“ Antwortete der Befragte, und drückte der Fragerin die Hand: — „und Sie?“
„Imada.“
„Imada? — Imada?“ fuhr Florentin auf, als wenn vom klaren wolkenlosen Himmel ein schwerer Blitz herabstürzte.
„Sie erschrecken mich!“ sagte Imada: „warum springen Sie so auf?“
„Warum? — ich — ich liebe den Namen — ich liebe alles, was ihn führt — der Name hat etwas Magisches für mein Ohr und mein Herz.“
„Dann sind Sie sehr unglücklich. Wie viele Mädchen tragen den gefährlichen Namen, wie viele Mädchen müssen Sie nicht lieben!“
„Ich hörte ihn nirgends und nirgends so oft, als in dieser Gegend, worin ich ein Fremdling bin.“
„Ein Fremdling? — So muß ich denn wohl natürlich fragen: wie Sie sich diesen Tag über bei uns gefallen haben?“ —
„Wie im Himmel.“
„Sind Sie denn schon mit dem Himmel so vertraut?“
„Seit ich bei Ihnen bin, kann ich ja sagen.“
„So haben Sie ein gnügsames Herz, wenn Sie vom Himmel nicht mehr erwarten, als von meiner Gesellschaft.“
„Sie können die Grade meiner Seligkeit versteigern, können mich weit über meine Erwartungen hinausführen.“
„Ich versteh Sie nicht. Wohin führen?“
„Wohin Gefühl und Einsamkeit in einer nächtlichen Laube führen können.“ Antwortete Duur und sah dabei dem liebenswürdigen Mädchen tief ins Auge.
Ihre Hände verstrickten sich von beiden Seiten fester in einander, ihre Blicke verloren sich in einander. — Das Mädchen lächelte ihn unbefangen an, und schüttelte den Kopf zu seinen Worten.
Duur fand sich in einer kleinen Verlegenheit; er kannte seine Gegnerin zu wenig, und zu wenig den Charakter der itzigen Zeitgenossinnen.
Er nahm sichs vor, diese Gelegenheit zur Bereicherung seiner Erfahrung zu benutzen, obwohl schüchtern; denn er wußte nicht, wer zulezt in der gefährlichen Prüfung mehr verlieren könnte, er, oder das Mädchen.
Das Umhertreiben seiner Gedanken machte ihn ein Weilchen stumm. Gott weiß, womit sich inzwischen des Mädchens Geist beschäftigte; es maß und musterte den sonderbaren Fremdling, und schien doch dabei immer mehr, mit sich, als mit ihm zu schaffen zu haben.
Beide wurden der unartigen Pause inne; beide hatten den Faden des Gesprächs verloren; beide suchten ihn ängstlich auf und keiner wußte ihn zu finden.
„Wem mag die hohe Statue vorstellen sollen unter der Eiche?“ sagte er, indem er mit der Hand auf Friedrichs Bild hinauszeigte, und nicht bemerkte, daß in eben dem Augenblick ein junger Mann und ein Mädchen, an die Bildsäule gelehnt, sich schweigend umarmten.
„Wahrscheinlich einen weissen Raben;“ antwortete Imada, und schlug die Augen nieder.
„Einen weissen Raben?“ entgegnete Duur.
„Nun ja, einen guten König aus der barbarischen Vorwelt. Das Gute muß damals, und besonders unter den Königen, äusserst selten gewesen seyn, daß man es in steinernen Denkmahlen verewigte.“
„Ist die Gruppe darunter auch ein Bild der Barbarei?“ lächelte Duur.
„Vielleicht!“ antwortete verschämt das Mädchen.
„So wünscht’ ich unaufhörlich unter Barbaren zu leben.“
„Dann würd’ ich Ihren barbarischen Geschmack bemitleiden.“
„Gehn Sie hin, Sie werden noch viele Weiber, viele Mädchen Ihres Sinnes finden, die die öffentliche Tugend zum Toilettenstück machen, und sie Abends, oder in der Einsamkeit wo der Putz lästig ist, mit dem übrigen Schmuck ablegen.“
„Ich liebe die Damen nicht, welche die Schminkdose und die Tugend neben einander liegen haben.“
„Sie scheinen sich izt auch zu schminken.“
„Gewiß nicht — nie gern — bei Ihnen am aller wenigsten.“
„Ich möchte den Versuch nicht machen, Ihnen die Schminke abzublasen!“
„Ich würde bei der Prüfung nicht verlieren.“
„Held!“ antwortete das Mädchen mit ironischem Lächeln und klopfte ihm schalkhaft auf die Wangen.
Sie schwiegen.
Aus den fernen Gebüschen herüber tönte lieblich die Musik durch die Nacht; das Getümmel der Menschen ward leiser; nur hin und wieder schlich verloren durch die einsamen Gänge ein liebendes Pärchen. Wie Sterne aus schwarzen Wolken funkelten die Lampen in der Ferne aus Bäumen und hohen Gesträuchen.
„Die Tänze haben mich ermüdet!“ seufzte Imada, und lehnte sich an den Fröhlichen, der mit Sehnsucht und Schüchternheit seinen Arm um das Mädchen warf. Imada’s Stirn berührte seine Wange. Er schwieg, und ward immer unruhiger. Heiß glühten alle Adern in ihm auf, sein Odem flog schneller, denn ach, die er im Arme hielt, war wirklich schön, und wurde schöner vor seinen Augen in jeder Minute, und — Imada war ihr Name.
Draussen wards immer stiller und stiller — hier und da erstarb die Musik — aber in ihm wards immer lauter, immer stürmischer.
„Sie wagen viel, schöne Imada!“ stotterte er.
„Wagen? was wag ich?“
„Tanz, Wein und Gesang und leichtes Blut, Einsamkeit, halbe Ermüdung und Nacht, welche gefährliche Feinde unsrer Tugend!“
„Wir haben von Wein, Tanz, Gesang und Einsamkeit nichts zu fürchten — sie sind keine Feinde der Tugend — nur die Männer sinds!“ lispelte sie und lächelte mit schelmischem Blick zu ihm hinauf.
„Das war bitter! dafür verdient dieser lose Mund die härteste Strafe!“ entgegnete Duur und küßte des Mädchens Lippen. — Sie küßte zurück — wie brennendes Feuer durchliefs ihm Adern und Nerven.
Man schwieg; wie konnte in so süßen Beschäftigungen der Mund zum Plaudern gemißbraucht werden? Duur ward ungestümer — matten Widerstand leistete die Müde. Man zankte flüsternd und versöhnte sich küssend.
„Eva’s Töchter bleiben sich gleich durch alle Jahrhunderte!“ dachte Duur, und sank berauscht mit seinen Lippen auf ihren schönen Busen.
Plötzlich brach die — Unbesiegte in ein helles Gelächter aus: „Sie sind geschminkt; geschminkt! ich hab’ Ihnen abgeblasen Ihre Tugend!“ rief sie lachend, stand auf, entschlüpfte aus seinem Arm, aus der Hütte und verschwand im Gebüsch.
Tiefbeschämt und erröthend verweilte Duur einen Augenblick auf der Stelle — bald sammelte er sich wieder, flog der Fliehenden nach und rief ihren Namen.
„Imada!“
Er sah sie nicht; statt ihrer erblickte er ein andres Frauenzimmer, welches, aufmerksam durch sein Rufen sich zu ihm hindrehte. Im hellen Mondenschein erkannt’ er das Gesicht der Fremden — sie war ihm sehr bekannt — sie war — Imada, Gabonnens Nichte!
„Ach!“ rief Florentin, und blieb wie festgewurzelt stehn.
„Ach!“ rief Imada, indem sie bei Florentins Anblick einen Schritt rücklings bebte.
Solch’ ein Wiederfinden, dem einen sowohl als dem andern unvermuthet und überraschend, mußte sie Beide auf einige Augenblicke entgeistern.
Er näherte sich der schönen Erscheinung, begrüßte sie schüchtern und erinnerte sich seines schändlichen Sündenfalls in der Laube. Er freute sich, die „Theure, Liebe,“ so bald, so unerwartet wiedergefunden zu haben — und doch war ihm die plötzliche Erscheinung so demüthigend in diesem Augenblick, daß er vieles darum gegeben hätte, seinem Herzen die unangenehme Empfindung zu sparen.
„Ich suche meinen Oheim,“ sagte Imada, indem sie sich an seinen Arm lehnte: „er befindet sich drüben, in jenem Lusthause. Wollen Sie mich begleiten?“
Duur gehorchte gern.
„Mein Oheim will sich einen ruhigen Winter in Mont-Rousseau bereiten; deswegen hat er einige Reisen zu machen, auf welchen ich ihm Gesellschaft leiste. Wir fahren in einer Stunde wieder ab. — Wo haben Sie Ihren Freund Josselin?“
„Er hat mich schon heut früh verlassen; Gott weiß, wo er umherschwärmen mag.“
„Und Sie riefen meinen Namen? — galt er mir, oder einem andern Frauenzimmer?“
„Liebe Imada!“
„Sie waren so eilig — so, ich weiß nicht wie? — hatten Sie mich erkannt, wußten Sie — — —“
„Nein — ich wußte nichts — ich vermuthete Ihre Nähe nicht — — — ich war im Begriff, eine Sünde wieder gut zu machen.“
„Eine Sünde?“
Florentin wurde feuerroth; — aber die Dunkelheit verhinderte Imaden, es zu bemerken.
„Eine Sünde?“ fragte sie nochmals.
Florentin ward immer verlegener. Er wußte nicht, ob er bekennen oder schweigen sollte. Er übersann die ganze Begebenheit mit seiner Tänzerin; es lag izt viele Wahrscheinlichkeit darin, daß Gabonnens Nichte selbst bei dem verdrüßlichen Handel eine Rolle mitgespielt, wohl gar die Imada in der Laube instruirt habe, um ihn — auf die Probe zu stellen.
Auf die Probe? sehr unwahrscheinlich, da Gabonnens schöne Nichte schon die versprochne Braut eines andern war. — Aber wie wäre die unbekannte Tänzerin darauf gekommen, sich in der Nähe eines kritischen Augenblicks Imada zu nennen? — und dann, bei aller möglichen Nachgiebigkeit, zulezt so rasch zu entfliehn, und ihn auf diese Weise der eigentlichen Imada in die Hände zu liefern? — Beantworten ließ sich die Frage wohl; Imada war ein Vorname, welcher mehrern Frauenzimmern angehörte; — und daß Imada die Geliebte grade da stand, wohin die Unbekannte entfloh, konnte ja ein Spiel des Zusalls seyn.
Um sich auf jeden Fall zu sichern, beschloß Duur ein reuiges Geständniß seiner Sünde abzulegen, und Imada’s Richterspruch abzuwarten. Er beichtete also die ganze Begebenheit, und kleidete sie so behutsam, als möglich, in seine Worte, daß die ganze Begebenheit zulezt den Schein gewann, als sey er der Prüfende, die Unbekannte aber die Geprüfte gewesen.
„Man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen,“ sagte Imada: „wer bürgt mir dafür, daß Sie mich nicht auch in Gobby’s Garten auf die Probe stellten?“ —
Die Sache, welche anfangs von schweren Folgen zu seyn schien, wurde nun vergessen; Florentin fühlte sich wieder beglückt in der Nähe der Louise des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Was hätt’ er darum gegeben, so Arm in Arm mit ihr durch das ganze Leben wandern zu können?
Er bat sie, nebst ihrem Oheim nur noch einige Tage in dieser Gegend zu verweilen. Imada gestand es gern, daß sie mit Vergnügen seinen Wunsch, der zugleich der ihrige wäre, erfüllen möchte, wenn die Geschäfte des alten Grafen von Gabonne nicht jeden stündlichen Verzug unerlaubt machten.
Indem sie sich so dem Lusthause näherten, bemerkten sie, ohngefähr tausend Schritt von sich, ein großes helles Feuer, von unzähligen Menschen umringt.
„Gewiß die lezte Feierlichkeit über einen Verstorbnen!“ sagte schaudernd Imada und blieb stehn: „lassen Sie uns einen Augenblick von dieser Todtenfeier einen Zuschauer abgeben.“
„Gern, sehr gern — es ist ein Trauerfest für mein eignes Herz — so werd’ ich nie wieder stehn dürfen in dieser Welt neben Imada. Ein eifersüchtiges Auge Wird sie bewachen, und mich und meine Schritte hüten, meine Blicke belauern, meine Worte auf Wagschaalen legen.“
Imada lächelte ihn schalkhaft an; ihr leiser Händedruck, der feurige Spruch ihres Auges ließ ihm alles Schöne dieses Lebens für sich sehn und hoffen, — „Nun“ — flüsterte sie: „den ersten September nicht zu vergessen!“ —
„Vergessen? — so leicht vergißt man den Sterbetag seiner Freuden nicht.“
„Nennen Sie ihn nicht so. Ich hab es beschlossen; Sie sollen ihn vergnügt feiern, und wenn sich die ganze Welt sich dawider auflehnte. Aber Sie kommen doch gewiß mit Josselin!“
„Gewiß!“
„Dann will ich Sie dreimal mehr, als heut lieben, und — — — doch ich verspreche gern weniger, um doppelt mehr zu leisten.“
„Imada!“ tief Duur und schlang seinen Arm mit Entzücken um das holde Weib: „wie dürft’ ich in meinen frechsten Träumereien wohl bis da hinausschwindeln!“ —
Es erfolgte eine Pause.
Der Mond sank in ein düstres Meer von Wolken — hin und wieder schimmerte das zitternde Licht einer verglimmenden Lampe; in der Ferne das Todtenfeuer — sonst tiefe Dunkelheit um die beiden, deren Lippen schwiegen, deren Seelen feierlich zu einander sprachen.
Vertraulicher durch Nacht, verheelte Lieb’ und das goldne Ohngefähr, welches, sonderbar genug, sie hier zusammenführte, schlossen sie sich dichter an einander, und überliessen sie sich fessellos dem sanften Drange ihrer Empfindungen.
„Du naschest von verbotner Frucht!“ lispelte Imada.
„Und sie ist so süß!“ erwiederte Duur. Er stammelte ihr dass heiligste und theuerste Wort jeder Sprache, das Wort: Liebe vor, ungeachtet er sein Unglück voraussah, wenn ein andrer dereinst Imaden vor dem Altar an sich fesseln würde. Aber eben der Gedanke an diesen möglichen Augenblick erfüllte ihn mit Muth; er wollte einen Raub begehn; er fühlte es tröstlich für sein eignes Herz Imada’s Herz zu überwinden; — „vielleicht,“ dacht’ er: „wenn ich sie abwendig mache von dem glücklichen Gegner, und das Ohngefähr einst ihren Oheim sanfter gegen mich stimmt — vielleicht giebt sie mir dann meine verwegensten Wünsche erfüllt zurück.“
Imada, viel zu schlau, nicht den glücklichen Moment zu benutzen in der Gesellschaft eines Mannes, der in ihrem schönen Herzen schon eine Stelle erobert hatte, ehe er seine Siege selber wußte, Imada stammelte „Liebe,“ und verbarg ihr Angesicht schaamhaft an seine Brust.
„Können Sie denn wirklich ein Mädchen lieben, welches dem einstigen Gemahl schon treulos wird, ehe einmal der Frühling der Ehe begonnen ist?“
„War der Frühling nicht von jeher dem Winter treulos? Sollen Sie allein die Ausnahme machen? Sie sollen einen Mann lieben, der wie Sie mir selbst sagten, an Gold und Jahren reich ist, aber von dessen Herz Sie nicht die mindeste Kundschaft besässen, wie kann man da Ihrem Herzen verargen, wenn es sich nach den goldnen Abwegen der Freiheit sehnt?“
„Duur! Duur! Sie sind ein Bösewicht, ein fürchterlicher Bösewicht, der seine Beredtsamkeit nie mit besserm Glück, als bei den Weibern verwendet. Duur ist das Recht? — Was würden Sie sagen, wenn Sie sich ein Mädchen gewählt hätten, um mit ihm das Erdenleben himmlisch hinzubringen; wenn Sie wirklich von diesem Mädchen nicht gehaßt, sondern geschäzt, wenn auch noch nicht geliebt, würden, und ein andrer käme und schwazte mit süßem Munde ihm Herz und Liebe ab — Duur, und Sie müßten eine Treulose zum Altar führen!“
„Imada!“
„Was würden Sie sagen, wenn die Gattin in Ihrem Arm entschlummerte, um von einem Geliebtern zu träumen? wenn sie sich, beim heissesten Kusse, bei der glühendsten Umarmung einen andern dächte? wenn sie in der Einsamkeit nach einem Fremdling seufzte und ihre Thränen nicht Ihnen flössen? — Und Sie spürten die traurige Verrätherei, sahen sich um die Paradiese betrogen, welche Ihnen die Liebe des Mädchens aufzuschliessen versprach.“ —
„Imada — ich fühl’ es — ich bekenne es.“ —
„Duur, Duur, es ist grausam, es ist gottlos, einen Feuerbrand in die friedliche Wohnung glücklicher Menschen zu werfen, und doch ihn nicht löschen können und wollen. Aber es ist noch unendlich grausamer, ein Herz um seinen Frieden zu betrügen, das stille Glück einer Ehe zu vergiften, ohne dafür etwas wieder geben zu können. Niedergebrannte Städte können endlich wieder erbaut werden, aber Hymens Rosenbande, einmal zerrissen, können nie wieder so innig, als vorher, zusammen geflochten werden.“
Duur war durch diese Rede bis in sein Innerstes erschüttert — er drückte wehmüthig Imada’s Hand.
„Ist wirklich Ihr einstiger Gatte zweimal und dreimal Ihnen an Jahren überlegen?“
„Er ists.“
„Sind Sie gezwungen, sich mit ihm zu vermählen?“
„Ich bins. Noch mehr, ich hab’ ihm meine Hand angetragen, selbst angetragen, und will sie ihn nicht wieder rauben.“
„Dann leben Sie wohl, Imada! — dann verzeihn Sie, daß ich die Ruhe Ihres Herzens anzugreifen wagte. — Ach, ich bin zu entschuldigen, sehr zu entschuldigen; Sie sollten meine Schicksale, und den wunderbaren Gang derselben kennen, und Sie würden mir Ihr Mitleid nicht verweigern.“
„Nur Mitleid?“ rief lachend Imada: „ich verweigre Ihnen ja meine Liebe nicht.“
„Leben Sie wohl!“ rief Duur, als sie ganz in der Nähe des Lusthauses sich befanden: „Leben Sie wohl, Imada!“
Imada wollte ihn festhalten; er aber drückte einen Kuß auf ihre Wangen und entfloh.
Jezt war ihm durch das traumhafte Abentheuer alle Lust, alle Freude dieses Tages wieder vergällt. Mismüthig schlich er vor sich hin, um Menschen zu finden, in deren Gesellschaft er zur Stadt kommen konnte.
Er erreichte den flammenden Scheiterhaufen, um welchen Tausende versammelt standen, und in ernster feierlicher Stille, bei den dumpfen Tönen einer schönen Klagemusik, dem Spiel der Flammen zusahn.
Die Scene, so grell sie auch neben den heitern Bildern des vergangnen Tages abstach, war izt seinem Herzen willkommen. Seine Seele schwelgte in den traurigen Accorden der Musik. Er fand Beruhigung und Zerstreuung, ohne sie zu suchen.
Je länger er über Imada’s Betragen nachsann, je verwickelter erschien ihm der Charakter dieses Mädchens. Imada lächelte, wo sie weinen sollte, und ihre Klagen, ihre Vorwürfe, welche sie ihm hören ließ, waren immer in einem Ton gesprochen, als triebe sie Scherz. — Unwillkührlich verband sich mit diesen Gedanken die Erinnerung an den Abschied auf Gobbys Landhause, wo ebenfalls das räthselhafte Lachen, die Stelle der Thränen ersetzen mußte.
Beinah hätt’ er an die Verwandlung der menschlichen Natur und ihre Freuden- und Schmerzäusserungen glauben mögen, um sich das Widersprechende in den sonderbaren Erfahrungen aufzulösen.
Eben so viel Widersprechendes fand er auch in diesem Augenblick bei dem gegenwärtigen Auftritt am Scheiterhaufen. Er sah in seiner Nachbarschaft betrübte Gesichter, und wer bringt diese wohl zu einem Scheiterhaufen. Er hörte Trauermusik, welche man sonst nur geliebten Verstorbnen, aber keinen bestraften Missethätern brachte.
„Er ist doch nicht lebendig verbrannt?“ sagte er zu seinem Nachbar, um ein Gespräch anzuzetteln.
„Lebendig?“ gegenfragte dieser, und schüttelte den Kopf und zuckte mitleidig die Achsel: „wer wird denn Menschen lebendig verbrennen?“
Florentin wollte weiter reden, aber der Befragte wandte sich unwillig von ihm, und wollte nichts mehr hören. — Duur verließ die Stelle, und suchte einen gefälligern Mann auf.
„Was hat der Verbrannte verbrochen?“ fragte er einen andern, der ihm freundlicher aussah.
„Verbrochen?“ antwortete dieser und machte große Augen: „Bei Gott, es war ein würdiger Mann, der Liebling unsrer Stadt, der Wohlthäter aller Unglücklichen.“
„Ich bin hier ein Fremdling.“
„Das verrieth Ihre seltsame Frage.“
„Nun sagen Sie mir nur, warum läßt ihn denn die Obrigkeit nach seinem Tode noch — —“
„Nicht die Obrigkeit — seine Erben erweisen sich den Liebesdienst.“
„Das ist sonderbar.“
„Ich find’ es nicht.“
„Bei mir zu Lande pflegt man Missethäter nur auf den Scheiterhaufen zu legen und sie in Asche zu verwandeln, um — — —“
„Wo sind Sie denn zu Hause?“
Florentin gerieth in Verlegenheit und blieb die Antwort schuldig, indem er sich davonschlich.
Ein glückliches Ohngefähr leitete ihn zu seinem Freunde Josselin, welcher mitten unter den Zuschauern stand. Dieser gab ihm nun mit willigem Herzen über alles eine befriedigende Aufklärung.
„Zu Deiner Zeit,“ sagte er: „warf man nur die Leichname der gröbern Verbrecher auf den Scheiterhaufen — izt behält man diese Art der Auflösung nur den Leichnamen reicher und würdiger Personen auf. Das Verbrennen der Körper ist ein besondrer Zweig des tragischen Luxus. So verändern Schand’ und Ehre ihre willkührlichen Trachten und Beziehungen!“ —
„Ich erstaune.“
„Warum? ich gestehe, mir selbst gefällt dieser Luxus, der, wie immer, seine besondern Abstufungen hat. Das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist kostbar, und darum selten, unsre Verfahren haben, ihrem Egoismus zufolge, uns Nachkommen herzlich schlecht mir Holz bedacht. Sie haben ganze Wälder zerstört und in Aecker verwandelt, das Holz üppig vergeudet und selten an Ersatz gedacht. Deswegen ist der Gebrauch des Brennholzes, besonders zu den Werken des Luxus, nach den Landesgesetzen, sehr kostspielig. — Auf eine wohlfeilere und gewöhnlichere Weise werden daher die Leichname durch einen chemischen Proceß in Staub verwandelt; nur die Armen werden noch unter die Erde begraben, so auch Missethäter und Menschen, welche ihrer Familie nicht theuer genug gewesen sind, um ihre Asche aufzubewahren.“
„Das ist nun freilich einerlei, wie wie verwesen, ob im Grabe, oder in der Flamme.“
„Nein, Freund, den hinterlassnen Freunden ist es nicht so ganz gleichgültig. Ich muß bekennen, daß der heiligste Schatz für mich zwei Urnen sind, welche den Staub meines Vaters und meiner Mutter umfassen. Ich finde ein Glück darin, von diesen beiden Theuern noch die köstlichen Ueberbleibsel zu besitzen, und zu wissen, daß ihre faulenden Cadaver nach dem Tode nichts zur Verpestung der Luft beigetragen haben.“
„Wie? die Asche der Verstorbenen wird aufbewahrt?“
„Das wird sie; und ich wette hundert gegen eins, daß das Verbrennen der Leichname in der physischen und moralischen Welt ungleich mehr Vortheile bringt, als das Vergraben der Todten.“ —
„Ich kanns zwar dunkel beahnden — aber, Du thätest wohl daran, mir diese Vortheile einleuchtender zu machen. Denn unter uns gesagt, es schaudert mich, wenn ich daran denke, daß mein Leichnam — —“
„Schaudert? pfui! was ist schauderlicher und ekelhafter, durch die Flamme in reine Theile aufgelöst zu werden und als Staub in Urnen verwahrt zu ruhn — oder, mit Fleisch und Blut unter der Erde zu faulen, von schwelgenden Würmern durchwühlt zu werden, und nach funfzig Jahren nackte Knochen und hohle Schädel für den Muthwillen der Kinder zu liefern, die auf den Gräbern mit den Gebeinen ihrer gottseligen Ahnen zu spielen gekommen sind? — Antworte!“
„Freilich, es ist zulezt wohl einerlei, ob — — —“
„Nicht einerlei! um Gotteswillen nicht. — Nutzen, Nutzen! Dies ist die ewiggeltende Foderung aller Lebendigen; auch die Todten müssen mehr noch nützen, als mit ihrem Fette einen unbesäeten Strich Landes düngen. — Keiner, der verbrannt oder chemisch aufgelöst seyn will, hat zu fürchten, im Grabe lebendig, von einem Scheintode wieder zu erwachen — schreckliche Fälle, die man in der Vorwelt zu oft erlebt hat. Nach den Landesgesetzen darf kein Leichnam, ohne Erlaubniß und vorherige Besichtigungen vom Land- oder Stadtphysikus zur Auflösung abgeliefert werden. Ist er einmal aufgelöst worden: so darf niemand das Wiedererwachen auch nur als eine bloße Möglichkeit fürchten.“
„Es läßt sich hören.“
„Da ich einmal die Apologie meines Zeitalters übernommen habe, so höre mich geduldig weiter an. Ehmals, in den Tagen des Aberglaubens und der Bigotterie, ließ man die Todten in der Stadt, in den Kirchen und bei den Kirchen, närrischer Hoffnungen, lächerlicher Meinungen willen beerdigen. Späterhin, als mit der fortschreitenden Kultur sich auch die Nasen zu verfeinern schienen, quartirte man die Todten ausser der Stadt, wo mans der Laune des Windes überließ, die pestilenzialischen Ausdünstungen der Aeser nach Süden oder Norden zu führen. Jezt, da die Sitte der chemischen Auflösung so allgemein geworden, und wirklich wohlfeiler ist, als das ehmalige Beerdigen mit unnützem Sang und Klang, izt, sag ich, da der gemeinste Mann seinen Erben so viel Scheidemünze hinterläßt, um ihn dafür veraschen zu lassen, izt hat man von der giftigen Athmosphäre der Leichname nichts zu befürchten. Noch mehr — — —“
„Vergiß Dich nicht; Du erwähntest auch gewisser moralischen Vortheile. Ich bin sehr neugierig, sie zu kennen; denn ich fürchte grade, vom Verbrennen zum Beispiel, das Gegentheil.“
„Unmoralische Erfolge?“
„Natürlich. Denn wenn sich die bravsten Bürger als Leichname verbrennen lassen: so ist der Scheiterhaufen für die Missethäter weder Strafe noch Schande.“
„Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, daß man in unsern Tagen noch lebendige Menschen „von Gottes- und Rechtswegen“ verbrenne? Aus der Barbarei sind wir endlich heraus. — Und überdem, war der Scheiterhaufen wohl noch für den todten Verbrecher eine Strafe, oder für ihn eine Schande? — Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zufälligen, moralischen Nutzen stiften könne.“
„Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich führe dies Beispiel an, weil es mir das rührendste und ehrwürdigste ist. Kann nach dem Tode eines zärtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein köstlicheres Denkmal von ihm übrig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen Bezirk einst ein wohlthätiger menschenfreundlicher Geist wohnte?“
„Wir haben Erfahrungen, daß der Anblick der väterlichen Asche verführte Jünglinge von ihren Irrwegen zurückgebracht habe; wir haben Erfahrungen, daß manches Mädchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer Mutter und das Bild der Vergänglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen necessitirte. — Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jünglinge und Mädchen eilen?“
„Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes überzeugt, werden in den Gerichtshöfen die Todtenurnen auch beim Eide gebraucht. Der Sohn muß über der Asche seines Vaters schwören, der Bruder über der Asche seiner Schwester, die Gattin über den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u. s. f. — Der muß ein verstockter, arger Bösewicht seyn, welcher ohne Gefühl die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht!“ —