Zehntes Kapitel.
Die Fußtapfen der schwarzen Brüder.

Wie konnte Florentin müde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen unter den Bürgern dieses Jahrhunderts? — Schon einmal, nun von einem günstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und drückte gefällig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes begegnete. — Ihm wars, als wandelt’ er auf einer neuen Erde, als wölbte sich über ihn ein neuer Himmel.

Unter allem was er sah und hörte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr, als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einfluß religiöser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschloß er auch hier, einen unermüdeten Forscher abzugeben. —

„Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln?“ — fragte er eines Tages seinen Freund und Gefährten.

„Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;“ antwortete dieser: „Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem Deinigen. Er wird verehrt!“

„Es gab eine Zeit, da der Stand der Prediger in denjenigen Provinzen, welche sich der Aufklärung rühmten, immer tiefer und tiefer in der öffentlichen Achtung sank. Wer für einen Wizling gelten wollte, mußte gewisse Waidsprüche und Anekdoten über Pfaffen auftischen können.“ —

„Wie?“ rief Josselin erstaunt: „in Euerm Zeitalter, da die römischen Fürsten sich noch Christi Statthalter nannten und als geistliche Regenten angesehn seyn wollten, in Euerm Zeitalter, da — — —“

„Halt! Du sprachst von Römerfürsten — meinst Du — —“

„Die sonst Päbste hiessen.“

„Ist es möglich?“

„Was ich Dir sage. Die Römer haben ihre Oberherrn aus eben dem Grunde secularisirt, aus welchem das Volk Gottes weiland die Theokratie in eine Monarchie verwandelte. Das Licht der Wahrheit brannte längst auch in den Klosterzellen Italiens, wenn gleich versteckt; eine starke politische Erschüttrung brachte dies Licht zur öffentlichen Erscheinung. Vor ohngefähr neunzig Jahren war das falsche Verhältniß des Reichthunis bis aufs äusserste getrieben; der Bürger war ärmer, als weiland ein Leibeigner, Adel und Geistlichkeit besaßen alles. Hier durfte nun kein neuer Cola di Rienzo wider die Colonna’s auferstehn — es erstand das ganze Volk und die Revolution war begonnen und vollendet. Eine Folge der Begebenheit, welche den witzigen Köpfen vielen Spas machte, war die Secularisirung der Pabstheit.“

„Das ist mehr, als ich erwartete.“

„Ich hoffte, Du würdest sagen: weniger.“

„Und die christliche Religion?“

„Dauert ewig fort. Freilich giebt es noch immer Partheien und Sekten ohne Zahl, denn dies liegt einmal in der Natur des Menschen und seiner Religion, aber man kennt keine Ketzer mehr.“

„Herrlich!“

„Die herrschende oder die zahlreichste Kirchparthei ist anizt die, welche sich ohne Zusatz die christliche nennt. Wir haben übrigens noch Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und andre kleine Sekten, welche aber sämmtlich im Aussterben begriffen sind.“

„Führe mich in eine christliche Kirche.“

Sie gingen. — Es war Sonntag, und öffentliche Versammlung zum Gottesdienste.

Voll stiller Neugier trat Duur in den Tempel der Christen, welche weder Lutheraner noch Calvinisten, weder Catholiken noch Socinianer, weder Orthodoxe noch Dissenters seyn wollten, welche, wie Josselin sagte, sich von allen übrigen Sekten schelten und verdammen liessen, ohne wieder zu schelten und zu verdammen.

Ihr Tempel war einfach, ungeziert, rein, ohne Spielwerk für Aug’ und Phantasie, ohne dämmernde Tiefen und gothische Winkel — ein Symbol ihres Glaubens.

Ein kurzer, rührender Gesang ging der Predigt voran; die Predigt selbst beschäftigte sich mit der Entwickelung einer Christenpflicht, und deutete besonderes auf die verschiednen Abwege, welche sich die Menschen bei Erfüllung dieser Pflicht so gern zu erlauben pflegen. —

Man sah, man hörte, daß der Prediger vor einem Auditorium des drei und zwanzigsten Jahrhunderte stand. Eine scharfsinnige Absonderung und Verbindung der Vorstellungen und Theile der Rede; ein schönes Gewand von Seiten der Einbildungskraft über das Ganze; studirtes Mienenspiel, schwesterliche Harmonie unter Tönen und Geberden — alles verrieth die hohe Stufe der Polizirung, von welcher den Bürgern der Vorwelt kaum eine Möglichkeit im Traume anschwebte.

„Hier wirst Du nicht viel Neues erblickt haben; unser Gottesdienst ist ohne Aufwand, ohne Ceremoniel, einfach und belehrend!“ sagte Josselin.

„Eben dies ist das Neue.“

„Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schöne Feier des Abendmahls sind allein noch üblich.“

„Desto ehrenvoller für Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Unterstützung der sinnlichen Menschheit, ein Leitband für die noch schwache Vernunft, nothwendig in der Kindheit, überflüssig und wohl belästigend im reifern Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gängelbandes nicht mehr bedürftig, aber für die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es durchaus nothwendig. — Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhörern mehr auf, als daß ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom öffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre sämmtliche Abwesenheit ein Zufall?“

„Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal eine Preisfrage über die Ursachen am Verfall des öffentlichen Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten auch darin überein, daß ein zu früher, gezwungner Besuch der Kirche in den Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schädliche Gleichgültigkeit gegen den öffentlichen Gottesdienst erzeuge. — Seit dieser Zeit wurden die Kinder allmählig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.“

„Das gefällt mit nicht ganz. Ich fürchte, daß auch diese Sitte die Liebe und Achtung für den Gottesdienst schwäche.“

„Gewiß nicht. Die Erfahrung überzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von der öffentlichen Gottesverehrung, und flössen dadurch ihren Zöglingen eine gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen, endlich in das Allerheiligste eintreten zu dürfen, theils durch einen gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte näher zu seyn, vergrößert wird. — Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genuß des Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thränen seiner Eltern, eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge, welche einstimmig singt und betet, einmüthig höret und lernet, wird ihm dieser Tag einer der rührendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die Versammlung eingeweiht werden. Er prägt seinen Kindern nachmals eben dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.“

„Ich selbst“ fuhr Josselin fort: „bin jenes heiligen Tages noch immer nicht ohne Rührung eingedenk; unauslöschlich währen jene Eindrücke in mir fort, welche damals das Ungewöhnliche erzeugte. — Und wie läßt es sich auch wohl denken, daß Kinder, welche gequält von heimlicher Langeweile, vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden Gefährten, Achtung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst erhalten sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen über diesen leztern Punkt zu machen.“

Duur wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die Erfahrung Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.

„Die Religion,“ sezte Duur hinzu: „ist wirklich für das menschliche Gemüth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkränze nur jemals für die Sinnlichkeit seyn und werden können. Der heisse Trieb zum Leben, das unvergängliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche quälende Verhältniß, in welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie gerächten Thränen der Unschuld, die ungestraften, glänzenden Triumpfe der Bosheit, — alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit, Ewigkeit, Vergeltung, — zur Umarmung einer Religion.“

„Und doch, was hat nicht oft den schönen Namen tragen müssen? der Pfaffen schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hieß oft Jahrhunderte hinab Religion. — Wie viele tausend glückliche Erdensöhne bluteten ihr Leben aus für ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht für die Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?“

Josselin hörte ihm lächelnd zu: „Wie, Mann des philosophischen Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?“

„Nein und Ja!“ antwortete Florentin: „Wenn selbst in protestantischen Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew’ge Kerker, Scheiterhaufen und dergleichen eingeführt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterniß zurückgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind — — —“

„Wie kannst Du dieses fürchten?“ fiel Josselin ihm ins Wort: „Der Gang der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausführung von Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans, den eine höhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe widerstämmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas lauter.“

„Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschränkt, was nach der Disposition und Stärke oder Schwäche seines Geistes ihm das beste scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt gelernt, daß über Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und daß der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht über das unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.“

„Allein ich sollte glauben, die Christen würden doch gewisse Lehren unter sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.“

„Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich, unbeschreiblich ist, das höchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft; in ihm leben, weben und sind wir.“

„Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu führen, sandt’ er Lehrer, welche unter glücklichen Verhältnissen von ihm und unsern Pflichten predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. — Nur was er lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf ihn, als ihren Führer, sie glauben seinen Worten nur. Was andre von ihm zu andern, unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhältnisse liehen. — Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.“

„Auch hier ein großer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren Menschenwürde!“

„Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll — werden kann. Im Ganzen fühlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher und getröstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, daß kein blutiger Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern unter uns mehr gilt. — Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwärmer, Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus. Es kränkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus verführt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet, fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurück.“

Josselin schwieg. Duur pries die Menschen dieser Tage glücklich, und jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.

Eilftes Kapitel.
Sie wandern weiter.

Der erste September näherte sich immer mehr; unsre Pilger fingen an, öftrer an Mont-Rousseau zu denken, Josselin mit Vergnügen, Duur mit heimlichen Grauen.

Zwar hatte Duur von der neuen Welt nur immer noch sehr wenig gesehn und erfahren; aber was er gesehn und gehört, machte ihn nur noch lüsterner auf das Uebrige.

„Begnüge Dich mit diesem,“ rief dann Josselin oft: „ehe Du mehr siehest und Du zu Reue Ursachen erhältst, in diesem Zeitalter zu leben. — Komm nach Mont-Rousseau, da wohnt für uns der Himmel.“

„Für mich nicht!“ seufzte Duur.

„Kannst Du der Zukunft ins Herz sehn? Damit Du inzwischen doch noch einen Deiner Wünsche stillest, so wollen wir die Gegenden aufsuchen, in welchen weiland die Sorbenburg stand, und wo Du so glücklich Deine Kinderjahre vertändelt hast.“

„Das Grab meinen Oheims! — Das Grab meines Rikchens!“ rief Duur und die Abreise war beschlossen.

Sie zogen von dannen, durch Dorf und Stadt, und allenthalben erblickte der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts den schönsten Kontrast zwischen dieser Zeit und der Vergangenheit.

„Hier laß uns ausruhn!“ rief eines Tages Josselin, und warf sich am Fuße eines grünen Hügels nieder, auf dessen Rücken alt und baufällig Galgen und Rad standen.

„Hier? — die Aussicht ist nicht intressant.“

„Sehr!“

„Galgen und Rad über uns.“

„Eben deswegen. Weißt Du was das Merkwürdigste von jenem Gerüste ist? — betrachte es genau.“

Duur sah hinauf, aber er erblickte überall nichts, was seinen Blick fesseln konnte.

„Was denkst Du Dir dabei?“ fragte Josselin.

„Wahrhaftig wenig!“

„Es ist, was Du siehest, eine Reliquie der Vorwelt, der lezte Galgen in Deutschland und das lezte Rad!“

„Da ists der Mühe werth noch einmal hinaufzusehn. — Aber wie? Sind die Todesstrafen durchgängig aufgehoben?“

„Die Todesstrafen nicht, aber diese Arten der Todesstrafen.“

„Damit ist wenig gewonnen.“

„Immer genug für die Menschlichkeit; Muß es nicht ein abscheulicher, empörender Anblick gewesen seyn, wenn man verwesende Knochen und faules Menschenfleisch auf solchen Gerüsten, umringt von hungrigen Raben und Krähen, erblickte? — Es ist wirklich ein redender Beweis von Rohheit und Barbarei, wo solch ein grausames Schauspiel noch Beifall finden konnte.“

„Gefallen hatte gewiß niemand daran.“

„Desto schlimmer. Der Tod war für den Verbrecher genug, und hart genug. Ob sein Leichnam nachher von den Vögeln des Himmels beschmaußt, zum Ekel und Entsetzen aller Vorübergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns Ehrensäulen und Schandpfähle gleich theuer. — Dies weiß jeder, auch jeder Bösewicht wußte es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, daß, so wie ehmals in Italien, wo die Statthalter Christi unaufhörlich fulminirten, die meisten Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewöhnlichsten waren.“

„Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.“

„Und ich möchte sagen: die meiste. Ein Volk muß noch sehr verwildert seyn, wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und Galgen respektiren. Je seltner überhaupt die Todesstrafe in einem Lande wird, jemehr kann man darauf rechnen, daß der Geist der Nation veredelter und die Gesetzgebung vernünftiger geworden seh. Wenn endlich die Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst hinzulenken statt es nur von Lastern abzuhalten, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten und herrlichsten Lorbeer gepflückt.“

„Ich verstehe Dich nicht ganz.“

„Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthümlich gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklären und Dir bei dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das philosophische Jahrhundert hinter uns zurückgelassen haben.“

„Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Großes darauf ein, daß die Foltern abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit, fand es übrigens gar nicht anstössig, an den öffentlichen Landstrassen stinkende Menschenkörper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht anstössig, wenn Kindermörderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern entweder in betäubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sündigten, kurz und bündig vom Leben zum Tode gebracht wurden.“

„Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glücke der menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen müßte. Die härteste Strafe ist eine ewige Beraubung der Freiheit; sie ist härter, als der Tod selbst; eben darum schrecklicher, als er. Der Feind des öffentlichen Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art wieder zu vergüten.“

„Der Tod ist für manchen Bösewicht ein wünschenswerthes Gut; besonders wenn er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur Schädelstätt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche Strafe des Sünders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem gemeinen Wesen wenig Heil.“

„Man begnügte sich in Deinem Zeitalter überhaupt nur die negativen Zwecke der Staatsverbindungen zu erfüllen; man dachte nicht daran, ein glückliches, sondern nur ein ruhiges, gesichertes Volk, nicht aufgeklärte Bürger, sondern nur keine Wilden; nicht Edle und Tugendhafte, sondern nur keine Bösewichte zu haben.“

„Die Gesetzbücher Deiner Zeit prangen daher gewöhnlich mit Galgen und Rad, Schwerd und Scheiterhaufen; sie drohen überall, verheissen aber nirgends.“

„In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die öffentlichen Strafen für den Uebertreter, sondern auch die öffentlichen Belohnungen für den Erfüller. Unsre Bürger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend gelockt, als vom Verbrechen zurückgeschreckt. Und es kömmt darauf an, in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schönvergeltende Palme weht?“

Duur starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses Jahrhunderts an.

„Ich schwöre Dirs!“ rief er: „ich schwöre Dirs, Josselin, so weit strebte die Kühnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwöre Dirs, daß solch ein großer Gedanke durch die Seele der wenigsten gegangen ist — daß man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Möglichkeit verzweifelte, ob ein Staat jemals zu solch einer idealischen Höhe der Cultur gehoben werden könne. — Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, für welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener Haufe wilder Thiere, welcher nur gezähmt werden sollte, aber nicht beglückt.“

„Du bist schon wieder hoch entzückt, und doch seh ich überall keine durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzücken, nicht unter wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthräne, wenn die Menschen endlich sich selber ähnlicher werden, oder geworden sind?“

„Diese Vorwürfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit, was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete in ihrer Knechtschaft, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und gedenke ihrer izt, wo sie wahrhaftig frei ist, selbst in den souverainesten Monarchien! — Ich müßte ohne Gefühl seyn, wenn ich hier kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des guten Bürgers, des ausgezeichneten Biedermanns dachte man selten — zum Gefängniß und zum Schaffot schickte man öfters; die Obern fragten nicht nach der Tugend und Aufklärung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen Abgaben nur. Die Hirten schüzten ihre Heerden und führten sie nur darum auf gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu können. Die genaue Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwärmereien, und izt? — — —“

„Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne Zuckerplätzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in der Erziehung. Aber Männer sind wir noch nicht, die die Tugend lieben, nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um ihres eignen Werths, den sie für die Vernunft besizt.“

„O, Josselin, es ist noch eine große Frage: ob wir Menschen in dieser Welt jemals mehr werden können, denn gute Kinder; ob wir jemals in dieser Schule männlichen Geist empfahen können?“

Zwölftes Kapitel.
Die Heimath.

Wo nun?“ fragte Josselin nach einigen Tagen, als sie die Gegenden erreicht hatten, wohin Florentin seufzte, da wo er die Tage seiner Kindheit einst so glücklich verlebte.

„Ich kenne diese Gegend nicht mehr;“ antwortete Florentin: „Aber nun hinauf auf diesen Hügel, den ein kleiner Fichtenwald bedeckt. Einst stand dieser Wald nicht, sondern auf dem Gipfel ragte einsam ein einziger Baum nur empor. — Das ist nun so alles anders worden, und ich kenne meine Heimath nicht wieder.“

Sie klimmten den Hügel hinan. Wehmuthsvoll stand der Sohn der Vorwelt da, im Strahl der Abendsonne, und sah hinab auf die veränderte Bühne seiner Kinderzeiten. Er stand da, sprachlos und unbeweglich; große Thränen perlten ihm über die Wangen.

„Hier ists!“ rief er: „hier ists! — ich erkenne diesen Hügel, diese Landschaft wieder an matten Aehnlichkeiten mit der Vergangenheit; auch der Greis behält ja noch manchen Zug von dem Kindheitsalter, wenn er gleich schärfer und fester worden. Dies ist der Hügel, ich kenne ihn, wo ich mit Rikchen oft gesessen, und mich der schönen Aussicht freute; hier lasen wir so gern unsern Geßner, unsern Ossian und wiegte uns ein in schöne Träume unser Wieland. — Hier unten ist der kleine Bach, auf welchem ich so manche Flotte von Papier und Eichenrinde seegeln ließ und scheitern sah. — Ach alles, alles ist nun anders worden! Wo ist das Dorf geblieben, wo das väterliche Schloß von Ulmen umringt? — Dort drüben ist die Stätte, und — sie ist leer!“ —

Sie stiegen schweigend den Hügel von der andern Seit’ hinab; sie wandelten am krummen Bach entlang; sie sahn umher und suchten noch die Spuren der Vergangenheit, und fanden endlich hinter wuchernden Gesträuchen einige Ruinen vom ehemaligen Duurschen Schlosse, izt fast der Erde gleich.

Florentin konnte izt sich nicht ermannen; er weinte wie ein Kind, und stürzte nieder und küßte das kalte Gestein, die lezten Reste der väterlichen Burg.

„Mein Oheim! — o mein Rikchen!“ schluchzte er: „so ists vorüber, alles nun vorüber! — Eure Asche ist verweht, verweset euer Name im Gedächtniß der Lebendigen, verwittert eure Wohnung. Ach, und ihr waret doch so gut, — so gut! wir waren alle einst so glücklich!“

Josselin wurde durch seines Freundes bittre Wehmuth zum Mitgefühl gestimmt: — „die Welt ist ein Theater nur; ein jeder Akt hat andre Decorationen, andre Spieler, und das Vergangene läßt keine Spur; — Wir spielen noch und gehen ab, und wissen nicht, warum wir spielen mußten? — Was haben wir zulezt von unserm Seyn gerettet? Unsterblichkeit des Namens? — Das ist noch weniger, als der Schatten unsers Ichs. Fürwahr der Nachruhm ists nicht werth, daß man ihm für Jahrtausende auch eine einzige Lebenslust nur opferte.“

„Hier steh ich nun zum leztenmal!“ rief Duur: „ach wär’ es auch die lezte Thräne, die ich dir nachweinte, heilige Vergangenheit! — Auch ich werde bald meine Rolle auf diesem Theater zu Ende gespielt haben; bald wird mein Vorhang fallen — o Gott! o Gott! was bin ich dann gewesen? wofür hab’ ich die tausend Thränen dann geweint? wofür so viele Leiden, so manchen namenlosen Schmerz getragen?“ —

Die Sonne sank unter. In ihrem röthlichen Wiederschein glänzten noch die Wipfel der Gebüsche, aus welchem die Finsterniß der Nacht hervorschlich.

„Jezt hin zur neuen Heimath, Florentin!“ sagte Josselin nach einem langen Stillschweigen: „hin auf Idalla’s schöner Insel, wo in sel’gem Frieden wir unser Leben schliessen wollen. Sey doch der Zweck unsers Hierseyns auf Erden, welcher er wolle; mag jenseits des Grabes die abgestorbne Blume unsers Ichs von neuem aufblühn, oder mit Saat und Wurzel auf ewig verwesen, so wollen wir uns nicht muthlos machen lassen; Leben wollen wir, als würde jenseits nichts mehr seyn; und sterben, als hätten wir das Beste noch von drüben zu erwarten.“

Sie brachen auf, und verliessen traurig die Ruinen des Duurschen Schlosses.

„Gute Nacht; mein Oheim! gute Nacht, Rikchen! gute Nacht, du liebe, theure Heimath meiner Jugend!“ rief weinend Florentin.

Ein Westwind säuselte durch die dunkeln Gesträuche; ein leiser Schauer umwallte die Wandrer; im Flüstern des Windes wars, als lispelten die Geister der Entschlummerten ihm ein stilles Lebewohl nach.

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel.
Mont-Rousseau.

So sey es denn! Ich bin des Wanderns müde. Die Reise war der Mühe werth; die kleine Mühe ist mir herrlich belohnt. — Ich bins zufrieden, Josselin, laß uns eilen nach Mont-Rousseau. Der erste September liegt nahe vor der Thür; Du sehnest Dich nach Deiner Rosalia, und ich mich endlich nach Ruhe!“ —

Herzlich stimmte Josselin in den Willen seines Reisegefährten; sie kehrten um, und zogen graden Wegs nach Mont-Rousseau.

„Die wengen bittern Stunden dort werd’ ich ja auch noch überleben, und dann weg von der Welt, aus welcher ich nichts mitnahm, als ein blutendes Herz, auf ewig in den Schoos der Einsamkeit!“

Josselin lachte bei diesen Seufzern seines Freundes. Duur sah ihn verlegen an; das Lachen war ihm räthselhaft, so räthselhaft wie einst beim Abschiede von Gobby.

Er konnte länger nicht seine Verwundrung verheelen. Er bat den Lacher um Aufschluß; aber statt dessen erhielt er eine Menge Worte mit unbedeutendem Sinn.

In der nächsten Stadt ward zur mehrern Bequemlichkeit ein Reisewagen angeschafft, und nun gings ohne Rast dem Ziel entgegen.

Glücklich trafen sie am lezten Tage des Augusts an dem erwünschten Orte ein, Schon war es gegen Abend, als ihnen die Kuppeln und Söller eines prächtigen Schlosses, hinter hohen Eichbäumen halb versteckt, entgegenfunkelten.

Sie stiegen ab vom Wagen, als sie eben aus einem kleinen Birkenwalde hervortraten. Der Wagen blieb zurück; sie wanderten zu Fuß voran, um ihre Freunde unverhofft zu überfallen, allein sie hatten sich verrechnet. —

Kaum waren sie einige Schritte vorwärts geeilt, als ein Pistolenschuß in ihrer Nähe fiel. Auf diesen Schuß folgten mehrere. Dies Signal machte bald die hohe Kastanienallee, die sie zu durchwandern hatten, lebendig von allerlei Spaziergängern.

„Wir sind verrathen!“ sagte Josselin: „der Lärmen gilt uns!“

Duur schwieg. Eine sonderbare Empfindung bemächtigte sich seiner — es waren Schmerz und Vergnügen, welche mit jedem Schlage des Pulses in ihm abwechselten. — Er sollte wiedersehn, zum leztenmale wiedersehn die Holde, welche er über alles liebte, und deren Miene, Blicke, Sprache, Kuß und Händedruck ihm Gegenliebe verheissen hatte; er sollte sie wiedersehn, an welcher sein ganzes Seyn, die ganze Seligkeit seiner Erdentage hing — um sie auf immer wieder zu verlieren.

Er ging, und jeder Schritt ward ihm ein Schritt zum unaussprechlichen Unglück. Er blieb stehn, schwankte wieder vor, blieb abermals stehn, inzwischen Josselin ihm schon weit vorausgeeilt war, und sich in einer jauchzenden Versammlung, in unaufhörlichen Umarmungen, von Brust zu Brust, von Mund zu Mund stürzte.

„Ach, es ist peinlich, dazustehn, wie ein Verwiesener aus dem Lande der Freude, und arm an aller Lust unter Glücklichen zu wohnen!“ seufzte er: „es ist peinlich, unter den Frohen mitzulächeln, inzwischen das Herz blutet und die Augen ihre Thränen mühsam verbergen müssen.“

Er schlenderte langsam weiter. Schon hörte er näher und lauter das Geräusch der Kommenden, ihr Frohlocken, ihr lustiges Geschwätz, ihr Entgegenjauchzen. — Er rieb sich hurtig von den Wimpern eine Thräne, und eilte ihnen mit verstellter Lust zu.

Zweites Kapitel.
Das Willkommen.

Willkommen!“ rief der ehrwürdige Graf von Gabonne indem er unserm Betrübten entgegenwankte, und ihn mit Jünglingskraft an seine Brust drückte. „Fast verzweifelten wir an Ihrer Heimkunft; aber — so ists recht! — nun ist die Reihe an uns, Ihre Liebe zu vergelten. Was Wetter — mir ists, als hätten Sie eine Thräne in den Augen. — Was will der ungebetne Gast in diesen Wohnungen der Freude? Weg mit ihm, wenn Freude nicht seine Mutter heißt!“

„Gewiß heißt Freude seine Mutter — ich bin ja wieder unter den Meinigen; ich sehe ja meine Lieblinge in der Welt alle wieder beisammen, und Sie an der Spitze derselben!“

„Seyn Sie uns gegrüßt, Wandersmann!“ jauchzte der wackre Commendant Silberot, und schüttelte Florentinem herzlich die Hand: „haben Sie sich endlich müde geschwärmt? — Nach der Arbeit ist die Ruhe süß! — Ich will nun auch ruhn, von meiner Arbeit. Mein Haar ist weiß worden; meine Kräfte erlahmen. — Wie gefällt Ihnen hier die Gegend?“

„Sie ist romantisch!“ antwortete Florentin.

„O, da sollten Sie sie nur erst näher kennen lernen. Ein irrdisches Paradies blüht hier. Da sind Wälder, Felsen, Thäler, Seen, Wiesen, Bäche in einer prächtigen Mischung durcheinander geworfen, daß es eine Lust ist, anzuschaun; und nun, wissen Sie was neues? Hier werd’ ich mir eine Hütte baun, und mich ansiedeln, und wohnen darin mein Lebelang. Commendant bin ich nicht mehr!“

„Ich wünsche Glück!“ lächelte Duur.

„Ihm nicht allein!“ unterbrach ihn der sanfte Gobby. „Mein Wohnhaus lehnt sich dicht an meines Silberots Hütte. Ich wohne mit ihm hier, bis er mit meiner Asche eine Urne füllt. Willkommen indessen, Herr Revolutionair, haben Sie nicht auch Kanella besucht, um die Eitelkeit des menschlichen Dichtens und Trachtens zu bejammern?“

„Nein, nimmermehr wär ich dahin gegangen! Es ist ja nichts mehr daran gelegen, ob die Staaten einen Freiheitshut, oder eine Fürstenkrone im Wapen führen; die Bürger dieser Welt sind von den Tändeleien längst zurückgekommen, und ich mit ihnen!“ sagte Florentin, und schloß den liebenswürdigen Greis in seinen Arm.

Indem er ihn küßte, hatten sich die Damen allmählig rings umher versammelt. Eine derselben hielt ihm die Augen zu. Errathen sollt’ er ihren Namen, er rieth her und hin und errieth ihren Namen nicht. — Sie ließ los.

„Ach, Gott, Idalla! Idalla!“ rief Florentin mit lebhafter Freude, und drückte das liebe Weib an sein Herz, als wär es seine Schwester.

„Endlich hat man Dich wieder, Du lieber Irrgeist, endlich!“ stammelte Idalla, voll herzlicher Rührung, und ein helles, schönes Thränenpaar funkelte in ihren Augen.

„Sieh mich nur an, Du Irrgeist, und sage mir, wie hast Du so lange fern leben können von Deinem Karlchen, von Holder und mir. Ach, tausendmal haben wir Dein gedacht an jedem Tage, und tausendmal heim Dich gewünscht zu unsrer Insel! Und Du bist nicht gekommen.“

„Nun bleib ich ewig bei Dir; nun will ich Dich nicht wieder verlassen, bis der Tod einen von uns abruft.“ Antwortete Duur und sank ihr von neuem in die Arme.

Karlchen umklammerte izt seinen Leib, und rief „Vater! Vater!“ ihm zu.

„O das ist der Seligkeit zu viel auf einmal!“ jauchzte Duur, und hob den lieblichen Knaben zu sich empor und hielt ihn Minutenlang und konnte sich an ihm nicht satt sehn, satt küssen, satt freuen.

„Aber mich wirst Du doch nicht ganz übersehn und vergessen wollen?“ tönte eine andre Stimme seitwärts. Holder, der alte treue Reisegefährte durch Leben und Tod, Holder eilte ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. —

„Nein!“ rief Duur: „wie sollt’ ich Dich übersehen, Dich meinen Genius in zweien Welten, meinen ältesten und zärtlichsten Freund! — O Holder, Holder, wieviel hab’ ich Dir zu erzählen; die Wunder dieses Zeitalters sind es werth, daß man ihrentwillen fünf Jahrhunderte verschläft; sie müssen selbst gesehn und erfahren werden, denn in der besten Beschreibung verlieren sie an Glanz, und bleiben dennoch unglaublich.“

„Desto besser, daß Du mein Referent seyn wirst, denn Dir glaub’ ich mehr, als zehn beeidigten Zeugen.“

„Auch, Bruder, auch Rikchens, Deines Rikchens Grab, — auch meines theuern Oheims Burg und Grab, den Schauplatz meiner Jugendspiele habe ich aufgesucht; und in seiner wilden Verwandlung kaum wieder entdeckt. Das alte Duursche Schloß ist izt ein kleiner Hügel verwitterten Gesteins vom Fundament; die Gräber, ihre Spuren, sind verweht.“

„Dies wäre grade noch für mich das Sehenswürdigste gewesen.“

Indem sie sprachen, und die drei biedern Greise, Gabonne, Gobby, Silberot sich in das trauliche Geschwätz mischten, erschien Idalla seitwärts, an ihrem schwesterlichen Arm gelehnt, verschämt und selig — Imada.

Duur erblaßte, als er seine Augen aufschlug und sie erkannte; ein brennendes Roth flog dann wieder über die Leichenfarbe seines Angesichts; er konnte kaum sich nur ermannen, kaum einge Höflichkeiten stammeln, kaum einen Kuß mit starren Lippen auf ihre Hand pressen.

Da stand sie nun vor ihm, die ihn allein zum Gott auf dieser Welt hätte machen können, und welche nicht die Seine werden konnte, und wollte; stand vor ihm, angethan mit allen Liebreiz, welche Jugend und Harmlosigkeit, Kunst und Natur verschwenden können; stand vor ihm, bebend und schweigend und erröthend, und sah ihn an mit einem Blick, der so unaussprechlich mild und verführerisch war und doch nicht das verheissen durfte, was Florentinen allein nur glücklich machen konnte.

Eingedenk der lezten, sonderbaren Unterredung in der Nacht, beim Schimmer des Todtenfeuers, wagte ers auch nicht, nur mit einem einzigen Blick, die quälenden Empfindungen verrathen zu geben, welche in seinem Innern tobten.

„Und so kalt?“ fragte Gabonne, der lächelnd ihnen beiden zur Seite stand: „Pflückt Rosen, so lange Ihr dürfet! — hurtig, ich weiß, daß Ihr im Leben das Küssen nicht verschworen habt, gebt Euch Küsse, eh’ der Bräutigam kommt und dem Spiel ein Ende macht.“

Er schloß beide in seine Arme. Erröthend näherten sie sich einander unter dem sanften Zwange; ihre Lippen hingen unauflöslich in einem entseelenden Kusse zusammen.

„Es verdrießt mich doch, daß die Dinge solch’ einen Gang nahmen!“ brummte der silberlockigte Gabonne halb freundlich, halb böse: „würdet Ihr beiden Leutchen nicht das beneidenswürdigste Ehepaar auf Erden geworden seyn, wenn — — — Doch, vergangene Dinge sind nicht zu ändern. Aber lieb wär mirs doch gewesen, wenn Ihr Beide so eins geworden wäret!“

Florentin warf einen schwermüthigen Blick auf den plaudernden Alten. Imada lächelte. Duur seufzte.

An Josselins Arm erschien, blühend wie eine Frühlingsrose Rosalia. —

Mit schwesterlicher Unbefangenheit umarmte sie ihren Professor der Alterthumskunde, und half ihn, wie im Triumpf, sie auf der einen, Imada auf der andern Seite, einführen in die Burg des Grafen von Gabonne.

„Wo ist Ihr Bräutigam?“ flüsterte Duur unterwegs Imada’n ins Ohr.

„Noch ist er nicht hier,“ antwortete sie: „er kennt Sie sehr gut und liebet Sie herzlich. Aber hüten Sie sich doch etwas vor ihm, denn er soll sehr eifersüchtig seyn. Bis dahin wollen wir beide unter uns allen Zwang vergessen.“

Drittes Kapitel.
Die Flucht.

Sie traten ins Schloß des Grafen von Gabonne. Leben und Freude theilte sich allen Versammelten mit; nur Florentin war allein der einzige, welcher bei allem Vergnügen düster und mißmüthig blieb. Vergebens waren alle Aufmunterungen; er konnte nicht froher werden.

An seinen sehr erklärlichen Trübsinn schloß sich eine neue Art des Mißvergnügens, welche aus der unangenehmen Bemerkung entstand, daß man sich im Grunde auch nicht zu viel Mühe zu geben schien, seine Aufheiterung zu bewerkstelligen, sondern sich sogar unter einander, lachend und flüsternd, wie heimlich, verband, ohne ihn in diesen Kreis einzuschliessen.

„Der Leidende ist der einzige Ueberflüssige in der Gesellschaft der Fröhlichen!“ dachte er bei sich und der Plan war entworfen, der Entschluß gefaßt, mit einbrechender Nacht wieder davon zu reisen, bis die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber wären, und dann zurückzukommen, um den Heimweg nach Idalla’s Insel anzutreten.

Er ging hinaus; der Fuhrmann ward in aller Stille bestellt; er kam zurück und stellte sich froher.

Der Abend schlich allmählig vorüber. Um den künftigen Morgen desto besser zu geniessen, beschloß man ein frühes Zubettegehn.

„Gute Nacht!“ sprach beim Abschiede der freundliche Graf von Gabonne zu seiner Nichte: „morgen hast Du einen andern Freund, einen andern Beschützer an Deinem Gemahl. — Heut hab’ ich die Rolle zum leztenmal gespielt, und ich bins sehr zufrieden. Wahrhaftig, nichts ist gefährlicher, als ein Mädchen zu hüten; ich hätte bei meiner Ritterschaft leicht einmal das Leben eingebüßt.“

„Das Leben?“ fragte Holder.

„Es war kein Scherz.“ antwortete der Graf: „aber eben der fatalen Begebenheit hat Imada ihre erste Bekanntschaft mit unserm Florentin zu danken. — Im lezten Kriege hatte Imada das Unglück, von den Feinden in ihrem verwaisten, väterlichen Schlosse überfallen und gefangen zu werden. Es geschah dies nicht ohne Absicht. Der feindliche General war ein alter Liebhaber meiner Nichte. Weil der Himmel aber keine Sünde unbestraft läßt, so fügte ers, daß der General bei einer Rekognoscirung grade in meine Hände fiel. Ich ward zwar dabei verwundet, allein er mußte sich nun mit seiner Geliebten ranzioniren; aber ehe er den Vertrag unterschrieb, ward Imada als Deserteur, in männlicher Kleidung, zu uns ins Lager gebracht. Niemand war froher, als ich; sobald ichs durfte, rüstete ich einige Luftgondeln aus, um meine Beute in eine entfernte Gegend zur Sicherheit zu bringen. Unterwegs erhielten wir die Nachricht vom Friedensschluß, vom Zurückzug der Armeen, und wir begaben uns also hieher nach Mont-Rousseau, wo wir denn vor weitern Anfechtungen geschüzt waren. Auf der Reise nach Mont-Rousseau fand Imada unsern Florentin, wie einen Arkadier im Holze.“

Man scherzte noch vielerlei über das gefährliche Abentheuer; besonders gab Imadas Heroismus, in Mannskleidern aus dem feindlichen Lager zu entwischen, zum Lachen manchen Stoff. Nur Florentin nahm keinen Theil daran, indem er selbst schon mit dem Plan seiner Flucht zu sehr beschäftigt war.

Die Freunde schieden aus einander; jeder erhielt sein Zimmer; Florentin schrieb einige Zeilen, worin er seinen Schritt rechtfertigte, und als er alles im tiefen Schlafe wähnte, machte er sich auf, und entkam glücklich aus dem Schlosse.

Es war eine schöne Mondscheinnacht. Er hatte den Fuhrmann befohlen seiner am Ende der Allee zu erwarten. Wie erschrak aber unser Flüchtling, als er Pferd’ und Wagen nicht weit vom Schlosse stehend fand! Wie leicht konnt’ er hier entdeckt werden!

Um keine Zeit zu verlieren, eilte er sogleich zum Wagen und warf sich hinein.

„Um Gotteswillen, wer ist hier?“ rief er bestürzt, als er eine weibliche Figur neben sich erblickte, die er in Angst und Eil nicht gesehn hatte.

„Eine Reisegefährtin!“ lispelte ihm eine süße Stimme zur Antwort.

Duur war ausser sich. Imada selbst sas neben ihn. Seine Flucht war verrathen durch die Unvorsichtigkeit des Fuhrmanns.

In größerer Verwirrung und Bestürzung hatte Florentin sich nie befunden. Er konnte kaum ein Wort zu seiner Entschuldigung hervorstammeln. Er fürchtete die bittersten Vorwürfe, aber — Imada lächelte.

„So haben wir nicht gewettet!“ sagte sie in einem scherzenden Tone. „Nicht so, die Geschichte von meiner Desertion hat sie verführt?“

„Imada!“

„Nein, so entrinnen Sie nicht. Hier stehn Weiber auf der Wacht, und mich hüteten nur Männer damals, die ihr Geschäft handwerksmäßig betrieben. Weiber, wissen Sie ja wohl, sind in solchen Fällen wegen ihrer Schlauheit berühmt.“

„Sie sind grausam mit Ihrem Spotte.“

„Wollen Sie sich ergeben?“

„Ihnen? o wie gern!“

„Auf Gnad’ und Ungnade?“

„Ich muß.“

„Und zugleich gestehn, warum Sie uns so ohne Abschied entrinnen wollten?“

„Um glücklicher zu sein, wenn ich mich und meinem Kummer selbst überlassen war. Ich wollte die Gesellschaft der Fröhlichen nicht stören.“

„Welcher Kummer quält Sie?“

„O Imada, können Sie noch fragen?“

„Allerdings. Hab’ ich Ihnen von Ihrem Aufenthalte bei uns nicht alles Lieb’ und Gute verheissen?“

„Aber nur das nicht verheissen, was mich in der Welt allein glücklich machen, und mit meinem unglücklichen Leben allein aussöhnen könnte.“

„Lieben Sie mich wirklich?“

„Imada — zweifeln Sie wirklich?“

„So kommen Sie, ohne daß uns eine Seele bemerkt, sogleich wieder ins Schloß zurück.“

„Lassen Sie mich fliehn. Ich fürchte den morgenden Tag. Ich kann diesen schrecklichen Tag unmöglich in Ihrer Gesellschaft überleben. Lassen Sie mich fliehn.“

„Sie wollen also davon, und wissen doch, wie unaussprechlich theuer Sie mir sind? — Nun, so muß ich Gebrauch von meiner Gewalt machen. — He, herbei! der Deserteur ist gefangen!“

Kaum hatte sie diese Worte gerufen, als lachend die ganze Schaar, welche Florentin längst im tiefsten Schlummer glaubte, aus dem Schloßthore hervoreilte, Josselin, Gabonne, Holder, Gobby, Silberot und die Damen.

Florentin, umringt von der scherzenden Menge, welche ihn mit freundlichen Vorwürfen bestürmte, mußte sich gern oder ungern zum Kriegsgefangnen ergeben.

„Es schlafen nicht alle, welche die Augen verschliessen!“ rief lachend der alte Gabonne: „Glauben Sie nicht, daß ich in meinem eignen Hause ein sorgloser Commendant sey. Ihre Flucht war mit verrathen, als Sie den ersten Schritt zur selbigen gethan hatten — morgen soll Kriegsrecht über Sie gehalten werden. Jezt sind Sie unser Gefangner.“

Florentin, immer verlegner, mißmühiger, doch zu discret, um den gutmüthigen Scherz zu verderben durch seinen Ernst, stotterte nur Entschuldigungen.

„Seyn Sie ruhig, lieber Deserteur!“ sagte der Graf: „Ich muß Ihnen offenherzig bekennen, daß Sie mir durch ihre Desertion noch liebenswürdiger geworden sind, und dies wird Ihre Strafe morgen sehr lindern. — Verlassen Sie sich darauf. Inzwischen, damit Sie mir nicht den Versuch zur Flucht in dieser Nacht wiederholen, so sollen Sie eine Wache von eitel Frauenzimmern empfangen. — Rechts und links neben Ihrem Zimmer liegen die Schlafzimmer von unsern Damen. Wollen Sie also entfliehn, so müssen Sie erst vor den Betten Ihrer Wächterinnen vorüber. Und wehe Ihnen dann!“

Man brachte ihn wie im Triumpf zurück ins Schloß. Holder sah seinem niedergeschlagnen Freund lächelnd ins Gesicht, sprach zwar kein Wort, aber blinkte ihm mit den Augen Muth zu.

Die Greise übergaben den versammelten Damen, zu welchen sich auch mehrere Fremde gesellt hatten, den Gefangnen feierlich in Verwahrung. — Diese führten ihn nun, als Siegerinnen, die Treppen hinauf, in sein schönes Gefängniß, vor welchem sie selber die Wacht halten sollten.

Jede empfahl sich ihm mit einem Kuß der Versöhnung — Imada war die lezte.

„Ich habe sie nicht verdient, diese Liebe diese peinigende Freundlichkeit!“ rief er: „ich kann sie auch nicht erwiedern. — O Imada, wie wäre der Schluß im Roman meines Lebens so schön gewesen, wenn Ihre Liebe mich schadlos gehalten hätte für die unzähligen Leiden, die ich trug.“

„Lieb ich Dich nicht, Flüchtling?“ flüsterte sie, und es schauerte ihm warm durch sein ganzes Wesen bei dem vertraulichen Du.

„Aber morgen?“

„Morgen?“

„Verlier ich dies Herz, diese Hand und das vertrauliche Du. Doch ich wills erwarten. Sehn will ich den Mann wenigstens, welchen Imada zum irrdischen Gott macht.“

„Hättest ihn beinah nicht gesehn. Er ist zwar schon gekommen — — —“

„Schon hier?“

„Freilich. Allein, da er ankam, ließ er sogleich wieder umwenden, als er von Deiner Anwesenheit hörte. Er ist wirklich eifersüchtig; ich hätt’ es, seinem Alter nach, nicht von ihm geglaubt. Mühsam gelang es mir, ihn fest zu halten.“

„Ach hättest Du — — —“

„Ihn laufen lassen. Nicht so? Nein, Wort muß man halten. Sieh, ich will mich theilen. Meine Person gehört ihm ein für allemal an; Dir aber meine Liebe, mein Herz?“

„Wolltest Du das? Könntest Du das? Nein, Imada, ich wills, ich kanns nicht. Gieb Dich ihm ganz hin. Erinnre Dich, was Du sprachest, als wir unverhofft uns im Garten bei der Todtenfeier fanden vor einigen Wochen.“

„O Florentin, wir Weiber schwatzen manches, von dem unser Herz keine Sylbe soufflirt hat. Worte sind nicht immer der Wiederschall unsrer Empfindungen und Wünsche. — Dabei bleibts. Morgen siehst Du meinen künftigen Gemahl, und er soll seinen beglückten Nebenbuhler sehn. Ich hoffe, Ihr werdet Beide in freundlicher Eintracht mit einander leben. Damit er aber nicht Ursach hat, vor der Zeit eifersüchtig zu werden ohne Noth, so sag ich izt: Florentin, gute Nacht! Denn wenn er erführe, daß seine Braut um Mitternacht mit Dir allein in einem Zimmer kosete: so möchte ihm dies doch nicht die besten Gedanken erregen.“

Bei diesen Worten schmiegte sie sich freundlich an ihn. Florentin nahm Abschied in einem langen süßen Kuße — Imada entwischte, und mit unruhigem Herzen schlummerte, träumte und wachte alles dem kommenden Morgen entgegen.

Viertes Kapitel.
Der Bräutigam erscheint.

Die Natur feierte einen Festtag; duftiger, erquickender strahlte das mannigfache Grün herab von Bäumen, Gebüschen und Hügeln; schöner sangen die kleinen Sänger in den düstern Hecken und unter des Frühhimmels azurnem Gewölbe; majestätischer erschien der Sonne Aufgang am flammenden Horizont, in jeder Sekunde mit verwandeltem Farbenspiele an dem schwebenden Gewölk. —

Florentin verließ das Bett; er eilte dem Fenster zu, um sich zu laben an dem erquickenden Anblick der aufwachenden Landschaft. Der emporsteigende Duft von Blumen und Kräutern, die im Morgenschimmer verklärten Gestatten einer anmutigen Gegend, alles machte einen wundersamen, wohlthätigen Eindruck auf sein Herz.

Er fühlte sein ganzes Wesen leichter, ruhiger sein Herz und abgeschieden von aller Leidenschaft. Er sah die Bilder der gestrigen Nacht, des gestrigen Tages, der ganzen stürmischen Vergangenheit, wie einen zurückgelegten Traum in nebelhafter Ferne noch schweben vor seinem Geist.

Ihm wars so wohl in dieser Verwandlung; sein lebendigster Wunsch wars izt, daß diese liebliche Wiedergeburt nicht das vergängliche Spiel einer angenehmen Morgenlaune seyn möchte. — Er war so zufrieden mit sich, er hätte — beten mögen.

Was hätt’ er darum geben mögen, wenn er diese feierliche Stille in seiner Natur mehr einem philosophischen Siege seines Geistes über die rebellische Sinnlichkeit, als der einstweiligen Disposition seines Körpers zu danken gehabt hätte!

Bald darauf wards neben ihm in den Zimmern lebendiger. Er hörte das Flüstern und verstohlne Gelächter der Damen. Es dauerte nicht lange, so öffneten sich von beiden Seiten die Thüren.

Umringt von blühenden Jungfrauen erschien Imada, in einem einfachen Morgenkleide, einen lebendigen Blumenkranz durch das freischwebende Haar geschlungen.

Sie war nicht mehr Imada, sie war eine Göttin in allen ihren Bewegungen. Mit Seligkeit und Liebe umkleidet schienen die übrigen Mädchen und Weiber nur Reize von ihrer Nähe zu erborgen — eine Sonne unter leuchtenden Gestirnen, wandelte sie.

Florentin bebte ihr näher. Der süßeste Morgengruß ward gegeben und genommen. Florentin war entzückt, aber er ahndte es, wie bald dies Entzücken Verzweiflung werden würde.

„Im Namen meines Oheims und der übrigen lieben Gesellschaft befehle ich Ihnen, als meinem Gefangnen, mir zu folgen, um für Ihre gestrige Flucht Red’ und Antwort zu geben, und Urthel und Recht zu empfahen, als es billig ist!“ sagte Imada lächelnd.

Florentin wollte der Holdseligen eine Antwort geben, aber Imada winkte; Idalla und Rosalia ketteten sich an seine Arme und führten ihn, als einen Staatsverbrecher, mit muthwilligem Ernste davon.

Sie führten ihn hinab zum Verhör; eine hohe Thür sprang vor ihnen auf; Florentin stand in einem großen Säulensaal, voll königlicher Pracht. In der Ferne ein Altar, mit brennenden Kerzen; von beiden Seiten eine zahlreiche Versammlung.

Freundlich begrüßte sich unter einander die Menge, aber bald trat die vorige, feierliche Stille wieder ein.

Der Graf von Gabonne trat lächelnd in die Mitte der Versammlung, kündigte nochmals die Vermählung Rosaliens und Imada’s an, sprach darauf von Florentins frevelhaften Beginnen, in der Nacht zu entfliehn, und kündigte ihm im Namen der Gesellschaft, im Fall er Besserung geloben wolle, Erlassung der schweren, wohlverdienten Strafe an.

„Aber,“ fuhr der liebe Greis in seinem feierlichen Sermon fort: „aber da wir, die wir hier um Dich, Flüchtling, versammelt stehn, wir Gabonne, Gobby und Silberot, Josselin und Rosalia, Holder und Idalla beschlossen haben, in dem romantischen Reviere Mont-Rousseaus fernerhin zu wohnen, gemeinsam uns einträchtig, bis der Tod das Band unsrer Gesellschaft auflösen wird, — da wir befürchten müssen, daß Du Deine Versuche zur Flucht erneuern möchtest; so diktiren wir Dir hiemit eine ewige Gefangenschaft!“

„Um selbst sichrer zu seyn, vertrauen wir Dich ganz besonders der Wachsamkeit unsrer Imada an, und binde ich Dich durch dieses Wort auf ewig an sie!“

Florentin horchte, und traute seinen Sinnen nicht. Er war am Ziele, mit welchem man ihn überraschte, da er sich am fernsten von ihm glaubte. Er hörte nichts, er fühlte nichts mehr. Sprachlos sank er in Gabonnens und Imadas Arm; träumend stand er mit Imada, an Josselins und Rosaliens Seite vor dem Altar, und empfing er den Segen des Greises Gabonne.

„So, Vinzenz!“ rief Gobby lächelnd: „lohnen Dich die schwarzen Brüder!“

Betäubt, entnervt vom gewaltsamen Gefühl seines unaussprechlichen Glücks sank er in Holders offnen Arm. Imada küßte ihn als Weib, und Josselin rief: „Segen über diesen Augenblick! so wollen wir gründen die Colonie der Glücklichen!“

Fünftes Kapitel.
Epilog an die Leser.

Der Vorhang fällt; das Schauspiel ist geschlossen! — Man legt das Buch zurück; man rümpft die Nase, spizt den Mund, und sinnt auf ein Bonmot. Der Kritiker schnizt seine Feder, um das Märchen, welches ich auf gutes Glück erzählte, nach Gebühr zu würdigen und zu verdammen. — Ich sehe allenthalben krause Stirnen, keiner will mir einen stillen Dank entgegenlächeln.

Wohlan, es sey; ich habe nichts dagegen. Vergessenheit sey meines Buches Loos. — Auch Tadeln macht Vergnügen, denn es giebt dem Gefühl unsers Besserseyns zweifaches Leben.

Wer aber in den Labyrinthen meiner Träumerein ein frohes Stündchen schlagen hörte; wem ich durch mein Geschwätz nach ernstern Geschäften den Augenblick der Ruh versüßte; wer bei den Abentheuern meiner Helden sein eignes Leid auf einge Zeit vergaß; wem hie und da ein frommer Wink, ein Wort aufs Herz, wie Funken auf den Zunder fiel, — der zürne wenigstens mir nicht, daß ich nichts bessers gab.

Ich hätte freilich manches — manches Gemälde noch aus dem drei undzwanzigsten Jahrhundert liefern können: das Feld war groß, der Beute viel; allein ein andrer mag den Faden nehmen und die Erzählung weiter spinnen, ich schweige still und höre selber zu.