Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.

Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.

Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?

O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet? Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen. Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im Lackhaus, im Wandschrank.»

Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:

«Mein Schwert!»

Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine wiedergefundene Geliebte.

Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust, schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute, treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen, mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:

«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»

Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem einen Wort:

«Geliebter!»

Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der Tod des kriegerischen Feuers.

Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen. Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.

Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist, wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines gemeinen Mannes aus dem Volke.

Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann einen Heldentod stirbt, – dann erlangt seine Seele wieder die alte Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden von den niedersten des Volkes.

Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder zum alten Adel erheben.

Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns antust.

Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:

Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden. Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» –

Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.

Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr auf.

Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme zu dem Mädchen:

«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst: die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»

Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber sie blieb unter der Türe stehen und sagte:

«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki ausgelöscht.»

Da fragte Kiri lachend:

«Ist es ein lauter Regen?»

Das Mädchen beteuerte:

«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»

«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri feierlich und hielt den Atem an.

Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu Zeit fragte der Mann das Mädchen:

«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»

Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.

Kiri fragte:

«Fürchtest du dich vor dem Tode?»

«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen. Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»

Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai, als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:

«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder sehen und wieder lieben werden.»

«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast, Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und dir dein Schwert wieder schenken.»

«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» –

Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert, stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme …

Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt; als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden. Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.

Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne stand still wie angemauert im Regen.


Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen, das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»

«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.

«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»

«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.

«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»

«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.

«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln wissen, wohin ich mein Netz werfe!»

«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.

Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft und sagte zu dem Netz:

«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß ich ein Samurai war.»

Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den See.

«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich weiß, wer ich bin.»

«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»

Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.

«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.

Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine Ohnmacht.

«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.

Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell.

«Sieh jetzt um, über deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist, wird deine Samuraiarbeit sein.»

Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstückelten Leichen von abendländischen Offizieren, Arme, Beine, Köpfe, Kanonenrohre, Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrümmert. Es war, als schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld hinter sich her.

Es schauderte Kiri. Entsetzt ließ er die Ruder ins Wasser fallen. Das niedrige Gemüt des Fischersohnes überwältigte ihn. Er griff nach einem Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stülpte ihn über seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zähnen, daß der Bottich dröhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, bis ein paar Fäuste von außen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines Vaters anrief:

«Kiri, bei allen Göttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz gelassen? Wo sind deine Ruder?»

Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es schien, als hätten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und alle waren ernst. Alle Boote drängten nach den Ufern; Boote, die sonst wochenlang draußen zu liegen pflegten, – alle kamen in Scharen herbeigeströmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit einem Kind auf dem Rücken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis. Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden Scheiterhaufen von großen Signalfeuern, die man angezündet hatte, um die Fischer von draußen ans Land zu rufen.

Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rückte, Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europäischen Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschläge an den Soldaten.

«Kiri, du mußt in den Krieg», sagte der Vater. «Heute hat Japan den Krieg mit Rußland angefangen, drüben über dem chinesischen Meer in der Mandschurei.»

«Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg», sagte Kiri. «Ich habe schreckliche Träume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.»

«Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mußt in den Krieg! Heutzutage sind alle Männer, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist glücklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drüben am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner mutig und unsterblich macht.»

Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schüttelte ihre Hände in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief:

«Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir prophezeit, daß du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst, aber daß du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land kommst.»

«Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond», sagte der Vater zu Kiris Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Händen ans Land, erwartend, daß sein Sohn ihm folgen würde.

Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst und Kälte in seiner dünnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stieß sein Boot zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater zu:

«Ich will mein Netz noch suchen, das draußen bei meinen Rudern schwimmt.»

In allen Kähnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehört hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf über Kiris feigen Rückzug.

«Er tritt den Krebsgang an», lachten einige Fischerburschen, die am Ufer standen und Uniformen anprobierten.

«Er wird wiederkommen», sagte der Vater dumpf.

«Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg», jammerte die Mutter. «Wir sind keine Samurais, die sich für andere töten lassen. Wir sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur draußen auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn ernähren.»

Kiri kam nicht am Abend und nicht am nächsten Tag und auch in den nächsten Wochen nicht mehr nach Hause.

Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt, und man sagte, er müsse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen, Wildenteneiern und Fischen leben.

Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemäht war und die weiße Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri müsse ertrunken sein. Doch sein Vater behauptete unerschütterlich:

«Kiri ist in den Krieg gezogen.»

Nur die Mutter wünschte, daß er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser zugefroren war. Denn draußen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch nichts aß, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der Eisfläche irgendwo liegen und schlafen, und im Frühling, wenn der Krieg aus war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte möglich sein, dachte die alte Frau, da die Prophezeiung Kiri für unsterblich erklärt hatte, so lange er auf dem See bleiben würde.

Aber der Frühling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren alle Männer im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange Kiri nicht vom See heimkehrte, war er für seine Mutter unsterblich.

Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in den kleinsten Dörfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen.

«Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei», sagte Kiris Vater zu den Fischern; «Kiri kann noch immer heimkehren.»

Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte.

Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne gesagt: «Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedächtnis vor dem Gott des Biwasees in einer Zimmerecke anzünden.»

«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei den Helden oder im See bei den Krebsen ist.»

Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.

Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen. Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören, der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete, schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden.

«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den Nachtregen von Karasaki.»

Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann, der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer waren verschwunden.

«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.»

«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.»

«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der Sternenrichtung von Tokio und er sagte:

‚Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!‘

Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.»

«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die ‚Wolke vor dem Mond‘. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.

Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte. Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge. Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht, wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.»

«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, ‚Wolke vor dem Mond‘, aber du wirst ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer.

Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.

Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden? Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt.

Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren, und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten.

«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem man euch heute hierher holen wollte?»

Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.

Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.

In den Wolfsgräben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer über die Bajonette und ließ seine Kameraden über seinen Rücken laufen. Und er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der Bajonette, so hart machte der Mut seinen Körper, so hart, daß die Bajonette nicht einmal seine Augäpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines Regiments über ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt auf.

Zum letzten Male, als man von Kiri hörte, verdingte er sich verkleidet als russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und führt es in einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn seitdem wiedergesehen.

Waffen, die er getragen, Uniformstücke, die seine Kameraden von ihm aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum, dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals Kuropatkin.

Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straßen von Tokio weitergesprochen, daß die Eltern des großen Kriegshelden Kiri, die Mutter, die ihn im Schoß getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das Paradefeld kämen. Dort stand ein mächtiger stacheliger Triumphbogen, aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit über das morgensonnige Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen, aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und über der Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die den Himmel bunt belebten, ähnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die am ersten April über den Dächern flattern.

Der Älteste der angesehenen Männer aus Karasaki sagte: «Alle diese Fahnen hat euer Kiri erbeutet! Für jede seiner Heldentaten hängt eine Fahne dort über dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.» –

Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der Stadt Karasaki eine neue Hütte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn geben wollte, sträubten sich die beiden Alten und sagten: «Das Holz des Kahnes und die Bambuswände der Hütte und die Papierscheiben, die mit uns alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen hörten, – alle diese Dinge sind wohltönend geworden vom Alter und den Erinnerungen und wohltönend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.»

Den Regen von Karasaki hören bedeutet am Biwasee heute noch, daß dich dann nie ein Mißlaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit.

Die Abendglocke vom Miideratempel hören

Der älteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu, nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grünem Hügel über einem Kryptomerienwalde liegt.

Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht höher als ein Grashalm war, leuchtete der harfenförmige Biwasee dicht bei dem Baumschößling ebenso wie heute noch unverändert bei der alten, zerklüfteten Baumruine.

Dieser älteste Baum Japans stützt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der Hunderte von Armen vom Himmel über die Erde ausbreitet, auf Hunderte von Stangen, die gleich Hunderten von Krücken und Stelzen sein morsches Dasein tragen.

Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch nicht gebaut, und niemand hörte noch den wunderbaren Klang der Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorüber zur Harfe des Biwasees schickt.

Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herüber gebracht, als winziges Würzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spät seine chinesische Geschichte.

Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes.

So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird, sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite. Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen, Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und faltete sich zu einer Zeichenschrift.

Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen, die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der Rindenschrift, mitarbeiten.

Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen, nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono.

Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung des alten Baumes am Biwasee.

Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und nur von einigen «das Land des ewigen Feuers» genannt wurde, weil der Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.

Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache, bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem Ata-Monos Harfe liegen sollte.

Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.

Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger, belaubter Baum über das Meer geschossen.

Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.

Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote Fackel über das Wellengewühl des Meeres aufrecht daherkam und seine finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der sehnsüchtige Träumer nicht zurück, denn er war ja der erste Vertraute, den die Bäume sich unter den Menschen auserwählt und dem sie ihre Rindenschrift in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine Furcht vor den Bäumen, auch nicht vor diesem seltsamen übers Meer gewanderten Baumriesen.

Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte; und er schlief ein mit dem Bewußtsein, daß dieser Baum zu ihm allein nach China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am nächsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und Wünsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen könne.

Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmöglich, die Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bäume konnte er lesen, an diesem Baum aber blieb sie für ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum saß, unwissend und einsam.

«Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich!» schrie er den Baum ungeduldig an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich.

«Herrlicher, herrlicher Baum!» schrie Ata-Mono voll Entzücken, weil der Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete.

Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter.

Ata-Mono schrie: «Ich schwöre, daß ich nichts mehr essen und nichts mehr trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen läßt, oder bis du mir jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.»

Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll, weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht mehr atmen wollte.

Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.

«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen. Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat wieder festen Boden unter den Füßen.

Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.

«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck, gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?»

Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte, zu gefallen wünschte.

Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.

Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser.

Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging eines der drei Weiber grüßend fort.

Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten. Und er sagte zu den Frauen:

«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.»

Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die Sonne in den offenen Mund.

Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort, tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem Unbekannten, machten.

Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.»

Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, – so tief verfiel er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust hätten, sich um ihn zu kümmern.

Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.

Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend. Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen, verneigten sich und murmelten Beifall.

Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr, und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.

Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar mit sich.

Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann hinunterstürzten.

«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst standen.

«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.

«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er weiter.

«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und weil dich alle Männer hier hassen.»

Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen. Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?»

«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, – weil Ihr China den Rücken kehren wolltet.»

Ata-Mono staunte:

«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift der Baumrinden lesen kann?»

«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie Ihr.»

«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der die Sprache der Bäume verstand?»

«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag, an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, – daß Ihr dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten. Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern.

Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für ihre Frauen fürchteten.»

Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen. So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine Frau töteten, statt mich zu töten?»

«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer vergeblich erwartet hast.»

Ata-Mono fragte rasch:

«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?»

«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner Hand.»

Ata-Mono fragte noch rascher:

«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?»

«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es, daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.»

«Weib, weißt du den Weg dorthin?»

«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen, wenn du mich liebst.»

«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die Unsterblichkeit mit mir teilen?»

«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit werde ich natürlich mit dir teilen.» – –

Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt, heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie eine singende Glocke.

Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.

Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals entziffert hat. –

Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.

Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der Baumrinde den Satz:

«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die Unsterblichkeit.»

Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.

Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes hat.

Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor. Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn «den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.

Sonniger Himmel und Brise von Amazu

Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende, milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.

Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten, grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf, unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die Menschenstimmen über dem Wasser, – Mädchen-, Frauen-, Männer- und Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.

Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort eingeatmet hat, – eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.

Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels, der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.

Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen unten auf dem Seegrund.

Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana eingegangen ist.

«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert. Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied abends unter den Fenstern: