Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen, aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.
Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten. Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser beieinander.
Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.
Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.
Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen, kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem Händeklatschen die Mädchenfüße.
Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der Windstille nach der Brise von Amazu achten.
Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.
Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle Schulkinder im See verschwunden.
Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich ertränkten.
Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute. Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.
Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte, warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe, aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück hatte.»
Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es niemand.
Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten Lehrer Amagata auffallend ähnlich.
Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.
Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine Pfeife an die Hausecke pochte.
Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus, wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.
Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von Omiya erlöst wurde.
Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des Miideratempels bewunderte.
Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in der Sonne, – ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom Miideratempel zurückkam, – den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.
Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen, lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.
An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand. Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.
Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der Zuschauer in eine Seitenstraße.
Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über ganz Japan, über Rußland und über Europa, – die Schreckensnachricht, daß der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei. Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.
Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See gelockt.
Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben, bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen Mannes.
Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte, flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.
Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.
Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»
Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte, wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:
«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist, dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre, reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind nicht, so werde ich es töten. – Gehorche jetzt und rotte Amagata vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte. Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.
In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen der Liebe zu dir erwürgt habe.
Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest.
Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für dich getötet habe.»
So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.
Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.
Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß.
Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie, und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem Grundwasser vom Biwasee.
Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen. Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.
War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem nassen Segeltuch?
Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte.
Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den vielen Füßen, die rund um sie waren:
«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!»
Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum zweitenmal im Herd ausgegangen.
«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.»
Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch in der Hand hielt, unter den Kopf.
«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen, Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.»
Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer.
Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.
Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht, als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.»
Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche, mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.
«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für Menschengesichter hielt.
Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.
«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.
«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß dich niemand erkennt.»
«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist Amagata hier?»
«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, – eine Stimme, die war, als spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück.
«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.»
«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.»
«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya rasch.
«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya, lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich weiteratmen.»
«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.
Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln. Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen Sohnes.
Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der größten Strafe der Götter.
In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten, die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte dort einige Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen.
Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und die Blütenköpfe großer Päonien zerzupften.
Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.
Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil nahmen, ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und mit großem Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie den Tempel wieder besichtigten:
«Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt, dir einen Saal zu malen nach deinem Einfall.»
Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen Saal.
«Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!» sagte der Kaiser zur zweitältesten Prinzessin.
Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der Mondschein käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.
Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit brauner Sepia gemalt.
Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt, was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte.
O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund um den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie alle zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hügellinie und der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am Biwasee könnten die Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen treffen. Nur einmal, an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das wunderbare Schriftzeichen zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gänseschar, aus der Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie bildete.
«Und das nennst du ganz einfach?» sagte der Kaiser.
«Es war ganz einfach, als ich es sah», antwortete die Prinzessin.
«Es wird nicht zu malen sein», sagte die Kaiserin.
«Dann wünsche ich keinen gemalten Saal», sagte die Prinzessin.
«Und wie hieß das Schriftzeichen?» fragte der Maler Oizo, als der Kaiser und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten.
«Das hat die Prinzessin vergessen», wurde ihm zur Antwort.
Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren. Aber da es Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen, mußten sie warten bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie und die Baumlinie. Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da die Hügel voll hoher Gräser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend.
Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krümmen, und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter, die mit ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbäume und Fische.
Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und die Kaiserin schwiegen.
Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurück. Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der formte aus dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er mit grüner und blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das grüne und blaue Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen.
Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die Holzkohlen aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte.
Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er zeichnete nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich wußte ganz Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch «Graswürzelein», wie die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt traurig war, weil er den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte.
Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen dem Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot, zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte der Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der Prinzessin nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten.
Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte:
«Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges der Wildgänse zeigen.»
Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.
«Sieh her, Meister!» sagte sie. «Was heißt das auf japanisch, was ich hier schrieb?»
«Das heißt», sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem Schriftzeichen, «ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst.»
«Sieh, Oizo», sagte Graswürzelein, «dies denkt die Prinzessin, denn sie ist wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt haben und will den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden ihren Willen lesen lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hügels und darüber die vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und weißen Wildgänsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gänse verschwinden in der Dämmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.»
Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend:
«Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst?»
«Das ist ganz einfach», lachte Graswürzelein. «Mein Vater machte einmal eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien durch die blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen die weißen Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über Baum und Hügel hinflogen.
Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da sie zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt, daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt. Aber ich denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der Wildgänse», lachte Graswürzelein.
Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:
«Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?»
«O ja», sagte Graswürzelein nachdenklich. «Der Baum lebt wohl hier irgendwo und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht schürte, und daß die Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Götter hier bei uns in Katata.»
Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke, zerschlug den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte die Scherben und warf sie ins Feuer.
«Was machst du da?» sagte Oizo verblüfft.
«Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich», sagte Graswürzelein. «Deshalb zerbrach ich den Krug.»
Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte:
«Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir später mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.»
Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen nach Kioto zu reisen.
Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das Feuer des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:
«Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du wiederkommen mußt.»
«Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme», sagte Oizo.
«Die Götter von Katata kennen keinen Zufall», murmelte Graswürzelein und blies in das Feuer. –
Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend, die Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft, welche die fliegenden Wildgänse beschreiben.
Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler, der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte, und die andern nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gänsefluges hieße.
«Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von der Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in der Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.»
Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die Brücke in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und farbige Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten.
Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem Pflanzenpapier, und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gänsefluges gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, daß es nur allein ihm, der Tochter des Töpfers und der Prinzessin bekannt sei.
Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen spitzbübischen Verrat.
Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der Zeltbude rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur hingen und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf der Flug der Wildgänse über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge prägten das Schriftzeichen aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte sagte:
Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst.
Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund entlaufen. Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu:
«Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das Bild, das du malen willst, kennt.
Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein künstlicher Hügel aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weißen Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgänse im Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe hinter dem Schirm an, so daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hügels, auf den weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gänse ein einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze auch für ein Schriftzeichen halten.
Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine Liebeserklärung sein sollte.
Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so deutlich gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte.
Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus, wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen, bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das Schriftzeichen des Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung machen wollte.
Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren. Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der Prinzessin geliebt zu sein.»
Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:
«Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein, weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.»
«Doch, doch», sagte sein Freund. «Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken, bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.
Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen, und du kannst den Booten ausweichen.»
«Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei», sagte der Maler Oizo. «Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der Saal der Prinzessin vergessen ist.»
Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.
Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.
Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: «Ich will aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst in der Seele vorgeschwebt hat.»
Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.
«O, unglücklicher Ort», sagte Oizo. «Soll ich also wirklich das Bild vom Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.»
Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.
«Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte. Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur Faulheit verdammt hat.»
Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf, die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und schwarzer Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:
«Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich nebeneinander sah.»
Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes, der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den See.
«Was machst du da?» rief der Maler ihr zu.
Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich, stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.
Oizo rief: «Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du dich ertränken willst, Mädchen?»
Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus dem Brennofen ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.
«Was machst du da?» fragte Oizo noch einmal. «Ich hätte dich beinah nicht erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß bist.»
Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:
«Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.»
Und wirklich, Oizo konnte das weiß gewaschene Mädchen kaum erkennen.
«Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur schwarz gekannt.»
«Doch, doch», nickte Graswürzelein. «Erinnerst du dich nicht, Meister, da ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb? Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und ich am Ofen im Hof.»
«Du warst rot und blau beschienen», sagte Oizo, «wie die Muschel hier, die mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.»
Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.
«Nein», sagte sie und schüttelte den Kopf. «Du darfst nicht mehr in unser Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du da warst, und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.»
«Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst», meinte Oizo. «Die Tonvasen will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?»
Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.
Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom Vorjahr wieder um ihn sänge.
«Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell. Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.»
«Ja, bei den Göttern, das ist wahr», seufzte das kleine Mädchen. «Die Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.» Und ein Lachen blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten. «Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus kommen sehen, Meister?»
«Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.»
«Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen», nickte das Mädchen eifrig; und ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die sie nicht aussprach.
Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt.
Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.
Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: «Still! Sie kommen!» Und gleich darauf wiederholte sie:
«Still! Sie kommen!»
Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.
Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:
«Still! Sie kommen!» Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden, – sie, die kein Wort sprach.
Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen, klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser nach, wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.
Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.
Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr die Hände abgeschlagen.
«Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen könnten? Hab keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du sie ansiehst.»
«Was willst du von mir?» sagte das Mädchen. «Habe ich dir nicht den Flug der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?»
«Die Liebeserklärung?» fragte Oizo.
«Die Liebesabsage», flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers.
Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:
«Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht nach dir um.»
Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ, je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort, denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von Verlangen und schweigender Zuneigung.
Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des Malers Brustgewand.
Oizo erzählte ihr rasch:
«Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen dann im Saal das Schriftzeichen lesen:
Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht nach dir um.
Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: Still! Sie kommen!»
Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.
Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama.
«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten Schauspiele über den Biwasee gilt.
Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als Hintergrund haben.
Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.
Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der Häuser von Ishiyama erwarten.
Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.
Hasenauge erzählt:
Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken gesehen hatte.
Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.
Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht seufzen konnte, drei Tage zu lieben, – dies war eine so heroische Aufgabe, daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.
Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes hin und fragte:
«Wie weit reicht meine Macht?»
«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»
«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.
«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist», sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.»
«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König. «Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein Menschenweib zu verwandeln.»
Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.
Die Weisen des Königs aber setzten sich mit des Königs Mannschaften rings um das Zelt draußen und waren sicher, daß der Mond nicht in dieser und in keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer über die Weisen und über das Zelt aus.
Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang der vierten Nacht rief der König drinnen im Zelt, man solle die Zelttüren öffnen. Und der König trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein gesittetes schönes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Füße und war frisiert und in seidene Schleppenkleider gehüllt, wie es einer Königin geziemt.
Die Weisen waren erstaunt, daß der König ohne Hilfe des Mondes das Seeweib in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn während der Mond drei Nächte lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Königs gekümmert hatte, hatten die Weisen drei Nächte lang für ihr Leben gezittert, weil sie des Königs Macht übertrieben hatten und in dem König den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besaß.
Jetzt aber waren die königlichen Weisen zufrieden, übertrieben des Königs Macht noch mehr und sagten zungenfertig:
«O König, Eure Macht ist noch größer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.»
Der König antwortete ihnen nicht, führte das Weib zu seinem Boot und befahl, daß man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Süden zur Königstadt zu ziehen und dort den Einzug der Königin zu feiern.
Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses saß die neue Königin schweigend neben dem König, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen des Königs kannte, sie, die drei Nächte und drei Tage an des Königs Brust gelegen hatte und, von des Königs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war.
Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem König zu gefallen; in der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie für den König geschmückt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Füße gebildet, um dem König folgen zu können, denn das starke Herz des Königs hatte drei Nächte über ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort «Liebe» zu ihr gesagt.
Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Königin noch nicht das schaukelnde Schiff und noch nicht des Königs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und saß noch in liebestrunkenem Zustande unbewußt neben dem König.
Da tauchte, rot wie ein großer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her wie einen feuerroten Schweif.
Die Weisen des Königs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der Bootstiefe saßen, hätten sich längst gerne bei der Königin eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf sich einer der Weisen vor dem König nieder und rief:
«Seht, Herr, der Mond trägt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war, Euch zu helfen.»
Nun hob die Königin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine Umarmung über sie. Und der König wurde fast eifersüchtig, daß jemand im Weltraum wagte, sein Weib anzurühren, das er sich selbst geschaffen hatte.
Aber ein anderer Weiser, der den ersten überbieten wollte, warf sich vor der Königin nieder und rief:
«Seht, der Mond, o Königin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten Augen angenommen, die der König in die Meerestiefe schickte.»
Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung.
Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.
Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte Königin zu beschwichtigen:
«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust, sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt Klarheit aus und nennt sich die Sonne.»
Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter des andern und schliefen ein.
Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte der König die Königin wie ein brünstiger Adler.
Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel, während der König die Königin umschlungen hielt.
Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden wollte.
Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen. Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken war, und den sie für des Königs Herz hielt:
«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir gehen, wohin du gehst.»
Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand, versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten:
«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.»
Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe.
Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen.
Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:
«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.»
Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln lassen, wenn der Mond aufginge.
In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief, schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten müßten, um nicht selbst getötet zu werden.
Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit, da sie erwartet wurde.
Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten sich ins Meer, dem toten König nach. –
So erzählte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den Eßstäbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefüttert hatte, hinaus auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als hätte er einen gelben Ährenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott draußen am Fenster und trat seinen Rundgang an.
Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der Hasenauge zum erstenmal erzählen hörte, vorkommen, daß er mit dem Mond in Streit gerät. Der Mond stellt sich quer über den Weg und fragt ihn:
«Nun, hat dir wirklich Hasenauge während meines Aufgangs zwölf Geschichten erzählt?»
Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst: Ja, zwölf.
Der Mond lacht stolz über Ishiyama und freut sich.
Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg hervor und sagst:
«Es war nur eine Geschichte, aber es klang wie zwölf.»
Da lächelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr über Ishiyama.
Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den Mond an der Türschwelle:
«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein Hasenauges Geliebter.»
Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich:
«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?»
«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen.
Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch geschichtenreicher auf als sonst. –
«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine silberne Tabakpfeife. –