sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein.
Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne, sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt – ein merkwürdiges Geräusch dröhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette. Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere Fahrzeug herum, und die Reise war beendet.
Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestürzt an, weil sie glaubten, es könne irgend ein Unglück geschehen sein. Aber jeder der Matrosen wußte was er zu thun hatte, und während die Jüngeren an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige mit dem Anker beschäftigt, indeß Andere des Capitäns Jölle in See herabließen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mußte vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange ausblieb.
Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum schoß der Anker in die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstieß, das ihm entgegenruderte.
Über den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, daß man die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier, bis zum Gürtel nackte Neger, die schwarzen Wollköpfe mit kleinen Strohhüten bedeckt, und zogen natürlich die Aufmerksamkeit der Deutschen vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie zu sehen bekamen.
Jetzt legten sie an, – die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei, kletterten die Brasilianer daran in die Höhe.
Das waren wirklich ächte, – wie braun und sonnverbrannt sie aussahen, und was für breiträndige Strohhüte und luftige, dünne, seidene, helle Röcke und weite Hosen sie trugen – und der Eine von ihnen – die Frauen kicherten untereinander – ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte doch ein großes Loch hinten im Strumpf.
Der Capitän verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner Cajüte mitführte, – der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder Supercargo, wie er auch genannt wird, – und dieser unterhielt sich eine Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptsächlich über ihre »lebendige Fracht«, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren Plätzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen über die Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so furchtbare Gesichter, daß sie die Frauen und Kinder fürchten machten. Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheußlichen Häßlichkeit.
Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mußte doch wohl die ihm vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein Glas Wein mit dem Capitän und Supercargo, da der Cajütendiener rasch Flaschen und Gläser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saßen, als ob sie nie ein Wasser getrübt, oder ein Gesicht geschnitten hätten, und fort schoß das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der Capitän in seiner Jölle folgen konnte, wurde es von zwei anderen abgelöst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten.
Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und unter diesen befand sich auch ein Deutscher, – er redete wenigstens den Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum »Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck, wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. – Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, – und doch that es den armen Deutschen weh.
Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner dieser Leute, – nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes, unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden solle.
Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.«
Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten, was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren werden sollten.
Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten könnten, – jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, – hätten noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, – aber es ging eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.
Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen, schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land geschafft wurden.
Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ, seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug rein sein.
Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten; die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen: Brasilien ist nicht weit von hier! – aber schwieg ordentlich erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war ihnen nicht wie Singen zu Muthe.
Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten. Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie, schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte, und sich vielleicht über sie lustig machte, – wer konnte es wissen. Und als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht – und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier in dem fremden Lande war.
Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen wolle, und schüttelten nur die Köpfe.
Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glühenden Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlösung wurde.
»Nun, Ihr Leute,« rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die Neugierigen zu ihnen drängte, »weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?«
»Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin,« sagte Behrens, »es hat uns noch kein Mensch ein Wort gesagt.«
»Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie besorgt,« rief der Mann ärgerlich, »und Ihr seid auch so unbeholfen dabei, wie nur möglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.«
Die Deutschen griffen ihr Gepäck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so rasch vor ihnen her, daß sie ihm in der heißen Sonne kaum zu folgen vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten zu können, wo er seine ihm lästige Begleitung los wurde.
Mit dem Supercargo an der Spitze, der außerdem der portugiesischen Sprache mächtig war, hatte sich die Menge dem Zug geöffnet, und die deutschen Auswanderer passirten zunächst eine Art offenen Marktplatzes, unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schätze tropischen Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was für verlangende Blicke warfen die armen seemüden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch und trockenen Erbsen genährt, nach den goldglänzenden Orangen und Ananas und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinüber; aber ihr Führer ließ ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flüchtigen Blick darauf zu werfen. Fort ging es – hindurch, mitten in die Stadt hinein, und eine heiße, vollständig schattenlose Straße entlang, die sich wie endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken Kleidern ermattet niedersanken.
Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen könnten, und mürrisch und verdrießlich fügte er sich endlich der Nothwendigkeit, wenigstens langsamer zu gehen, – von einem Aufenthalt wollte er aber nichts wissen.
Doch auch dieser Weg nahm mit der Straße ein Ende. Gleich draußen, wo wieder freundliche Gärten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger Fruchtbäume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Führer zu zwei allein stehenden, halb verfallenen Häusern, vor denen sie schon von Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden.
»Und was nun? – Hier sollten sie die Nacht zubringen,« sagte ihnen ihr Führer, »da weiter keine Räumlichkeit für sie hergerichtet sei; morgen oder übermorgen würden sie dann spätestens zu dem Ort ihrer Bestimmung abgeführt werden.«
»Wo das sei? – Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?« alle Fragen stürmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln. »Darüber hätte der hiesige Agent zu bestimmen,« wie er sagte, »und er selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie müßten Geduld haben und kämen noch zeitig genug an ihre Arbeit.«
Damit ging er fort und ließ sie allein, um sich dort einzurichten, so gut es eben gehen wollte.
Hatten sie übrigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Früchte einzukaufen, so folgten ihnen die Verkäufer derselben rasch genug hierher, denn die Leute wußten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von Negern und Negerfrauen ordentlich umschwärmt, die ihnen die herrlichen Früchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit blieb nur die, daß sie kein hiesiges Geld besaßen, um dafür zu zahlen.
Die Neger betrachteten kopfschüttelnd die ihnen gebotenen Münzen, und nur für Silber ließen sich Einzelne, die wußten, daß sie es an Bord des Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige andere Früchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen über dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, während sie das Beste, die unreifen Cocosnüsse, mit denen sie ihren Durst hätten löschen können, zurückwiesen, weil sie mit den großen, harten, grünen Kugeln nichts anzufangen wußten.
Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstück daran gewandt hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mußte, da ihm doch die Leute daheim gesagt, daß man sie hier überall im Walde nur auflesen könne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ältesten Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz herzurichten. Er fürchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen.
Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lässig, oder auch zu erschöpft, ließen ihr Eigenthum draußen stehen, und erklärten, die Nacht im Freien schlafen zu wollen, denn in den Häusern sei es doch zu dumpf und schwül.
Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und indessen hatte Niemand nach ihnen hier draußen gesehen oder ihnen zu essen und zu trinken gebracht.
Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie mußten rein vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger.
Eine wahre Unzahl von Mücken gab es ebenfalls, – sie kannten den spanischen Namen »Mosquitos« noch nicht dafür, – die sie mit der Dämmerung umschwärmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen.
Mitternacht mochte vorüber sein, als sich der Himmel plötzlich umzog, und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein Kanonenschlag ähnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die Höhe, – da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte Blätterdach nieder; es regnete nicht, es schüttete im wahren Sinn des Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schläfer stürmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Männer fluchten, die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlärm entstand.
Auch die in den Häusern Befindlichen waren nicht immer besser daran, denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande, nach rechts oder links zu weichen.
Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit Gepäck noch Kindern behelligt war, fiel plötzlich, mitten in den allgemeinen Lärm, wieder in sein altes Lied »Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!« ein, was den Übrigen auch noch die letzte Möglichkeit raubte, an Schlaf zu denken.
So verging ihnen die erste Nacht und der nächste Morgen mit Tagesanbruch aufhörte und die heiße Sonne ihnen verstattete, die über Nacht etwa naßgewordenen Betten und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen.
Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, daß ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag gegeben, ehe er an Bord zurück ging, aber er sei mißverstanden worden. Es würde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen bekommen.
Die Leute beklagten sich allerdings über den schlechten Zustand der Dächer, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei Herren aus dem inneren Land erwartet würden, die Arbeiter »bestellt« hätten. Was die Dächer beträfe, so ließen sich die ja leicht wieder in Stand setzen; es gäbe breite Blätter dort genug, und die Leute hätten ja auch nichts weiter zu thun.
Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in der That regelmäßig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewöhnt waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl wußten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar, Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. Übrigens wurden ihnen einige Fruchtbäume in der Nachbarschaft – die jedenfalls zu den leerstehenden Gebäuden gehörten, angewiesen, wo sie sich unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleißig benutzten. – Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag und Nacht verstrich, ohne daß eine Änderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Dabei regnete es fast täglich und oft die ganze Nacht hindurch, und wenn sie sich auch die größte Mühe gaben, die Dächer dicht zu bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollständig.
Ein paar Frauen erkrankten noch außerdem, und ein brasilianischer Arzt kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber trotzdem Medicin, denn er wußte vielleicht schon, welchen Krankheiten frisch eingetroffene Europäer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm die Sache außerordentlich leicht.
Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht, seine ganze Fracht gelöscht und neue Ladung dafür an Bord genommen hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr selten besuchte, mit der Meldung, daß die erwarteten Herren eingetroffen wären und sie wahrscheinlich schon morgen, spätestens übermorgen, ihre Reise in das innere Land antreten könnten. Sie sollten sich auf morgen früh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier herauskommen würden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu sprechen.
Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten wäre, die sie noch immer nicht wieder bekommen hätten, obgleich ihnen das an Bord versprochen wäre.
»Und was wollt Ihr damit?« frug der Supercargo lakonisch, »das sind nur Contracte, durch die Ihr Euch Eurem zukünftigen Herrn gegenüber verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld abbezahlt habt, weiter nichts, – sie können Euch gar Nichts nützen.«
Behrens schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles nicht, und gar nichts stimmte außerdem mit Allem, was ihnen Herr Kollboeker – der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm eine Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so faßte er sich ein Herz und sagte:
»Ach bitte, lieber Herr; möchten Sie mir wohl über eine Sache Auskunft geben?«
»Und die wäre?« frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach Behrens zurückdrehte.
»Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?«
»Nach Blumenau?« sagte der Supercargo erstaunt – »nach welchem Blumenau?«
»Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist – kann man da von hier aus zu Land bequem hinkommen?«
»Ihr seid wohl nicht recht bei Trost,« lachte der Supercargo »– durch den Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von hier. Da müßt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist, und das kostet viel Geld.«
»Aber du mein Gott!« rief der arme Mann erschreckt aus, »dann sind ja das lauter Lügen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.«
Der Supercargo hörte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gespräch einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurück. Behrens aber – das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst, die ihn dabei erfaßte, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden Baumstamm, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen Hände und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung, daß sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu ertragen hätten.
Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wäre. Hatte man ihnen denn nicht in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig Arbeiter, und man würde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt lagen sie hier schon elf Tage müßig und verzehrten jedenfalls ihr eigenes Geld, da man ihnen das gewiß anrechnen würde, und kein Mensch hatte sich um sie bekümmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lügen gewesen?
Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor – lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder ein Werktag sei – und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den Besuch zu empfangen.
Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte blicken lassen, – die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu, die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten, um die Nahenden zu erwarten.
Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging.
Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen« boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine sonst ziemlich strengen Züge rief.
Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr einmal dahin. Wo sind Euere Leute?«
»Die Frau ist nicht ganz wohl, – sie liegt drinnen auf dem Bett.«
»Ist sie krank?«
»Nein, krank gerade nicht, aber –«
»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht – und die einzelnen jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher für nichts.«
»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so aus als ob wir verkauft werden sollten.«
Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurück, die indessen auch etwas näher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern. Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden Sprache, so daß die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte.
Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf dem Plan vor den Häusern, – Familien immer beisammen und nur die Frauen und Mädchen hielten sich noch schüchtern hinter den Männern und wollten nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefühl, hier so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie eigenhändig vor.
»Alle in eine Reihe, Leute, – das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir müssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit zu Ende.«
»Und nun, Senhores,« wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, »bitte ich Sie, Acht zu haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf zusammengehörende Familien zu machen. – Einzelne aus Familien heraus können nicht abgegeben werden, Sie würden auch selber nur Unruhe und Last von ihnen haben, – es müßte denn sein, daß sie sich freiwillig dazu verständen. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie getrennt, so bleibt sie mürrisch und verdrossen und bekommt eine deutsche Krankheit, – das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, daß ich erst die Namen abrufe.«
»Ihr Leute,« wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache an die Auswanderer, »ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er seinen Namen nennen hört, antwortet mir mit lauter Stimme: hier! Habt Ihr mich verstanden? – Gut,« fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewöhnlichen Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Hütte wirklich fieberkrank lagen und nicht herauskommen konnten.
Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: »Die Leute sehen sonst gut aus, aber verwünscht viel Kinder haben sie mitgebracht. Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.«
»Mein lieber Herr,« erwiderte der Angeredete lächelnd, »Sie wissen recht gut, daß das kein Schaden für Sie ist, denn erstlich können sie dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflücken und Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die größeren Unkosten, die Sie für Beköstigung haben, – und die nicht einmal so bedeutend sind – auch die Eltern so viel länger in Ihrem Dienst.«
Der lange Herr nickte leise und wie überlegend mit dem Kopf und schritt langsam weiter.
Der Supercargo indessen betrieb die Sache ziemlich geschäftsmäßig, und schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versäumen. Es war auch schon ziemlich spät und damit heiß geworden, und je eher die Herren in ihre kühlen Häuser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben anstehenden Namen aus, – es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Söhne, ein paar kräftige, feste Burschen, wenn auch jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries, denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen näher, und es konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, daß sie hier ordentlich verauctionirt wurden.
»Hol mich Dieser und Jener,« rief da einer der Burschen wieder, ein etwas wüst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwährend Streit gehabt, »wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.«
Die Übrigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so unheimlicher Gedanke, daß sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden sollten, und daß das in der That der Fall war, darüber konnte keine Täuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? – sich widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal mächtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich hätten verständigen können, gerade zu ihren Gegnern gehörten.
»Oh, du lieber Gott,« seufzte Behrens' Frau, die sich erschöpft auf den Arm ihres Mannes stützte, »wenn wir das in Deutschland gewußt hätten, – lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.«
»Laß gut sein, Mutter,« flüsterte ihr der Mann zu, »wir können nur für das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und dürfen nachher gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker, hier hätte.«
Der Verkauf oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugeströmt waren, und selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wünschten, die sie hier unter so günstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine Verwendung für die Kinder hatte. – Die wurden sämmtlich den Facienderos des Inneren überlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummäkelte, aber zuletzt doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte seinen Vortheil und ließ eben nicht nach.
Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr groß, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht, richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch wohlgethan hätten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der Handel abgeschlossen war, winkte er einen großen, blatternarbigen Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete, und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die Deutschen kehrend: »Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor Almeira, wie er heißt, auf dessen Plantage Ihr jetzt – wahrscheinlich morgen früh – befördert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract nach, zu gehorchen habt.«
»Dem gelben Kerl?« rief die Frau erschreckt.
»Mancal,« sagte der Supercargo, »ist ein braver, ordentlicher Mensch, mit dem sich schon auskommen läßt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hübsch, was er Euch sagt. Je fleißiger Ihr dabei seid, desto früher seid Ihr im Stande den Platz wieder zu verlassen, – wenn er Euch später nicht so gefallen sollte, daß Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr Euren eigenen Contract.«
»Spricht er denn deutsch?« frug die Frau.
»Das nicht,« lachte der Supercargo, »aber das bischen Portugiesisch lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.«
Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief: »Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepäck? Zeigt das doch einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden müssen.«
»Kommen wir denn weit ins Land hinein?«
»Nein, nicht weit, – nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon gefallen.«
Sie zeigten jetzt ihr Gepäck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei großen, riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er kannte die Wege und Beförderungsmittel des Landes und wußte recht gut, daß es unmöglich sein würde, solche Collis auf Maulthieren über die schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen.
Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick umherwarf und überall ähnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache dadurch, daß er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herüber zu senden, um das Gepäck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so würden sie Alles rasch in Ordnung bekommen.
Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte überhaupt eine entsetzliche Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt helfen; die Sache war abgemacht, – überdies brannte die Sonne und die Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen.
Nur den für die Stadt »gemietheten« Leuten – von denen man aber natürlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschäftigung er verwandt werden wolle – wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie noch heute Abend einziehen sollten. Den übrigen gab man Zeit bis morgen früh.
Das war ein recht trauriger, schmerzlicher Tag für die armen Leute, die hier, im wahren Sinn des Worts »verrathen und verkauft«, in dem fremden Lande saßen und Niemanden in der weiten Welt hatten, bei dem sie sich Rath und Hülfe erbitten konnten.
Der Capitän des Schiffes? Wie durften sie sich an den wenden, den gingen sie weiter nichts an, als daß er sie hier herüber beförderte. Und hatte er je auf der ganzen langen Reise auch nur ein einziges freundliches Wort mit ihnen gesprochen? Nie. Er betrachtete sie als Fracht, und noch dazu als eine lästige Fracht, und würde nie daran gedacht haben, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen oder ihnen gar gegen seinen Cajütenpassagier, den Supercargo, mit dem er immer sehr befreundet gewesen, beizustehen.
Und der Deutsche etwa, der schon bei ihnen an Bord gewesen? Das war ein vornehmer Herr und hatte ihnen deutlich genug gezeigt, daß er nichts mit ihnen zu thun haben wollte. Ein paar von ihnen redeten ihn allerdings an, – er war der Einzige, der für sie sprechen konnte, – aber er antwortete ihnen nicht einmal, zeigte nur auf den Supercargo, daß sie sich nur an den wenden sollten, und drehte ihnen dann den Rücken. Und der war ein Landsmann, – aber leider finden wir das gar häufig bei den Deutschen im Ausland, daß sie sich ihrer Nation und ihres Volkes schämen. Wir können uns allerdings damit trösten, daß alle Solche, die es thun, auch jedesmal Lumpen sind, und von den Fremden, unter denen sie leben, eben so verachtet werden, wie sie selber ihr Vaterland verachten; trotzdem bleibt es immer traurig, daß dem wirklich so ist.
So konnten denn die armen Leute nichts anderes thun, als sich in das Unvermeidliche eben fügen und über sich ergehen zu lassen was da komme. Sie besaßen nicht mehr die Macht es zu ändern.
Auch der Abend war noch bös, denn als die Matrosen eintrafen, die ihr Gepäck ordnen sollten, gingen diese entsetzlich rauh mit ihren Sachen um, und die Brasilianer, die umherstanden, wollten sich noch dazu todtlachen über all den Plunder, den sie mitgebracht, und der jetzt wild umhergestreut vor der Hütte lag.
Es ist allerdings wahr, die Deutschen schleppen Dinge mit in die Fremde, an die ein Anderer nicht einmal denken würde; aber arme Leute, die genau wissen, wie sauer es ihnen geworden, sich auch nur das Geringste in ihrem Hausrath anzuschaffen, und die dann nachrechnen, wie viel Arbeitstage an jedem Gegenstand hingen, trennen sich auch entsetzlich schwer von ihrem Eigenthum, und haben viel zu wenig Erfahrung in der Welt, um zu wissen, daß sie nutzloses Gepäck oft wieder doppelt und dreifach bezahlen müssen, um es nur an Ort und Stelle zu bekommen.
Auch Behrens' Frau hatte eingepackt, was sie nur noch irgend jemals zu benutzen glaubte, Töpfe und Tiegel, ja, sogar irdenes Geschirr dazwischen, das schon in Scherben in der Lade herum lag, Quirle und hölzerne Löffel, eine alte, zerbrochene Kaffeemühle, die hier Niemand repariren konnte, schweres, eisernes Werkzeug dazwischen, und Hausgeräth bis auf den Wischlappen hinunter. Dazwischen räumten die Matrosen jetzt mit ihren rohen Fäusten und roheren Scherzen auf. Was zerbrach, zerbrach eben und brauchte nicht mit verpackt zu werden, und die Arrieros oder Maulthiertreiber schnürten dann noch das Ganze mit rohhäutenen Riemen derart zusammen, daß Alles, was nur einigermaßen ruinirt werden konnte, auch seinem Schicksal sicher nicht entging.
Die Kisten selber wurden als vollkommen werthlos bei Seite geworfen; sie mochten höchstens noch als Brennholz dienen.
Ein Trost war für Behrens wohl noch der, daß eine andere, ziemlich ordentliche Familie denselben Herrn bekommen hatte und also ihr Schicksal theilen würde, aber der junge, wilde Bursch, der sich vermessen, daß, wer ihn kaufe, auch betrogen sein solle, begleitete sie ebenfalls, und dessen Gesellschaft war Keinem von Allen angenehm, ließ sich aber auch nicht ändern und mußte eben ertragen werden, wie das Übrige.
Die Packen waren geschnürt, – selbst, die Betten, obgleich die Frau sie gern herausbehalten hätte, weil sie jetzt nicht einmal wußten, wo und wie sie die Nacht schlafen sollten. Nur für das Jüngste war ein kleines Unterbett gerettet worden, und die Leute trösteten sich damit, daß es ja doch wohl nur für eine oder höchstens zwei Nächte sein würde.
An dem Abend nahmen noch die von ihnen Abschied, die in der Stadt blieben und vor Sonnenuntergang mit ihrem Gepäck abgeholt wurden. Sie hatten es verhältnißmäßig am besten, und doch schien ihnen das Herz ziemlich schwer, als sie ihren alten Reisegefährten Lebewohl sagen sollten. Aber lange konnten sie sich auch dabei nicht aufhalten, denn Jeder bekam gerade genug mit sich selber zu thun.
Übrigens wurde an dem Abend noch das eine Haus fast ganz geleert, denn einen Theil der deutschen Arbeiter beorderte man sogar noch mit einbrechender Dämmerung auf das eingelaufene kleine Dampfschiff, das die Küste befuhr. Wohin das sie brachte und zu wem sie kamen, wußten sie gar nicht; sie frugen darnach, erhielten aber keine Antwort, und man schien sie eben in der That als nichts weiter wie Leibeigene zu betrachten, bei denen von einer eigenen Meinung, einem eigenen Willen keine Rede sein konnte.
Die Nacht regnete es wieder entsetzlich und besonders arg zeigten sich die Mücken. Die armen Auswanderer verbrachten sie trüb genug auf den zusammengeschnürten Ballen ihrer Habseligkeiten und den Brettern ihrer zerschlagenen Kisten – man mußte sich eben einrichten, und sie ging ja auch vorüber. Am nächsten Morgen trafen endlich die Maulthiere ein, – nicht etwa früh, denn die Leute nehmen sich zu solchen Sachen immer Zeit und es ging schon auf Mittag, ehe sie nur geladen waren und fort konnten; Behrens erstaunte übrigens, als er nicht die geringsten Beförderungsmittel für sich und seine Familie sah. Kein kleiner Wagen, kein Pferd oder Maulthier. Sollten sie den ganzen Weg zu Fuß gehen? Es konnte eben nicht weit sein und dann ging sich's vielleicht auch besser auf den schlechten Wegen, als sie gefahren wären.
Die Maulthiertreiber ritten aber sämmtlich, – auch der Mulatte mit den Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wäre aber zu schwach gewesen, das jüngste Kind zu tragen, und Behrens schnürte es sich selber in ein Tuch auf den Rücken; da spürte er die leichte Last gar nicht.
Das war ein entsetzlich heißer Marsch in dem flachen Land, das sich an der Küste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die unmittelbare Nähe der Stadt und die offenen Felder verließen, kamen sie allerdings streckenweise unter schattige Waldbäume, aber es dauerte immer nicht lange, so mußten sie wieder eine offene Plantage passiren, und dort brannte die Sonne gar so arg.
Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie hätten; aber der schüttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier übernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht für sie aufzutreiben, und sie mußten in der Maniokmühle einquartiert werden, aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch geschlachtet hatten. Am nächsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die Morgenkühle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle.
Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen ließ, sondern eine niedere, bewaldete Hügelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die zuletzt so eng und steil wurde, daß sich Einer hinter dem Anderen halten mußte. Und wie schwer es sich da ging, – aber es sollte noch schwerer werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war zuletzt so erschöpft, daß sie kaum noch vorwärts konnte. Einer der Maulthiertreiber fühlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine Strecke reiten lassen, – aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war das noch außerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das nächste Haus erreichten, was in einem der Thäler lag, mußten sie nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht einverstanden war, schickte das Gepäck voraus, ohne sich darum zu bekümmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen würden.
Am nächsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Kräfte verließen. Sie kam nicht mehr zu Fuß weiter und mußte jetzt auf ein Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nächsten Platz für sie miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg aus, – Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Füße und wimmerten unterwegs. Anfangs hatten sie sich über den herrlichen Wald, die prachtvollen Bäume und die vielen bunten merkwürdigen Vögel und Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und schleppten sich nur mühsam über den nassen, klebrigen Boden hin.
Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern überholt, einem Weißen mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte. Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig schien, sie noch auf der Straße zu finden. Er sprach heftig mit dem Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und sprengte vorüber.
An dem Tag wanderten sie bis spät in die Nacht hinein, die Kinder konnten ihre Füße kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich hin, und Hannchen, die älteste Tochter, obgleich selber müde genug, huckte dennoch ihr jüngstes Brüderchen, den fünfjährigen Christian, auf und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschöpft, wieder die Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mißhandelten Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen.
Und wieder weiter ging es am nächsten Morgen, aber heute war der Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, – die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und höher werdenden Bergkämme erreicht hatten, breitete sich ein weites, herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebäude, auf die jetzt ihr Führer deutete und ihnen etwas zurief.
Das endlich – endlich war der so heiß ersehnte – und fast auch gefürchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, – das war der erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, – dort sollten sich alle die Hoffnungen erfüllen, die sie weit weg über das Meer, aus ihrem Vaterland hierher geführt, – dort sollte jede Sorge schwinden und ein neues, frisches Leben für sie beginnen? Und war der Anfang so gewesen, daß sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte sich bis jetzt auch nur eine dieser Hoffnungen, – nur irgend etwas bestätigt, das ihnen im alten Vaterland von eigennützigen oder unwissenden Menschen versprochen worden?
Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle Bilder vor sich heraufbeschworen hätte, und doch schnürte ihm ein unheimliches Gefühl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung – als er auch daran dachte, daß von jetzt ab dieser gelbe, häßliche und rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er hütete sich wohl, der armen, noch überdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, – er glaubte, daß sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fühle, als er selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete Landschaftsbild hinab.
Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegönnt, denn der Mulatte drängte, den Platz endlich zu erreichen, da er wußte daß ihn sein Herr schon ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Kräfte zusammen, – es war ja jetzt bald überstanden, und wanderten, so rüstig es gehen wollte, den schrägen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene führte. Aber sie hatten die Plantage schon weit früher erreicht, als sie glaubten, und fanden sich plötzlich in einem Wald, der nur aus angepflanzten Bäumen zu bestehen schien, da überall Reihen hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet.
Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinüber auf die Bäume und sagte: »Café!«
»Kaffee?« rief Behrens verwundert.
»Sim! – cafezal.«
»Das sind ja Kirschbäume, Vater,« sagte Hannchen, und die Deutschen betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grünen Früchten bedeckten Bäume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nöthige Aufklärung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden.
Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, – denn es waren in der That Kaffeebäume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten. Voraus konnten sie schon die Gebäude erkennen, – ein niederes, breites, aber luftig gebautes Haus mit einer großen Veranda, die ringsherum lief und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten desselben, aber durch das Gebüsch vollständig bedeckt, niedere, aus Holz aufgeführte kleine Häuser, in denen, wie sie später fanden, die auf die Plantage gehörenden Neger ihre Wohnung hatten.
Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu ihrer Familie gehörte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand ließ sich nichts weiter in der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an Ort und Stelle waren.
Für heute fühlten sich Alle so ermüdet, und kaum im Stande ihr Gepäck selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie hier etwa für immer bleiben? Wie wüst und öde der Ort aussah, mit weiter keinem Fußboden, als der bloßen, hartgestampften Erde, aus der sogar an einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme emporsproßten, mit durchsichtigen Reisigwänden und keinem einzigen Möbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen angebracht, mit Riethstücken darüber gelegt, und auf dem einen von diesen lag eine alte, mit blauem Zeug überzogene, ziemlich harte Matratze, aber so von Schmutz starrend, daß sie Behrens nur gleich hinaus vor die Thür zog, weil Niemand darauf liegen mochte.
Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation, – und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn Schritt Länge und Breite, den die früheren Bewohner dieser Hütte zu einem Düngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn dahinter begannen schon die Orangenbäume, und darin hatte Herr Meier in Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum, daß sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schürze voll davon ins Haus schüttete.
Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verständigen? Behrens hätte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Stühle wenigstens bekommen könnten, und er suchte der alten Negerfrau das begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drückte sich pantomimisch deutlich genug aus, schüttelte aber mit dem Kopf und begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, daß es Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu erhalten. Die Kinder fürchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nähe kam. Aber sie lachte gutmüthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre eigene Wohnung hinüber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen.
Essen bekamen sie heute gebracht, die nämliche Kost, die sie unterwegs erhalten: Bohnen und Maniokmehl, aber ein Stück frisches Fleisch dazu, – Alles in einer großen hölzernen Schüssel, in welcher blecherne Löffel staken. Sie mußten sich dann darum her auf die Erde niederkauern, um daraus zu essen.
Behrens und seine Frau glaubten nun allerdings, daß ihnen dies trostlose Local nur für den Augenblick zur Wohnung angewiesen sei, da man nicht Zeit gehabt, eine bessere Behausung so rasch für sie in Stand zu setzen, und in dieser Vermuthung wurden sie dadurch bestärkt, daß man sie auch am nächsten Tag noch zu keiner Arbeit aufforderte, sondern ihnen vollständig Zeit ließ, sich von dem beschwerlichen und ermüdenden Marsch zu erholen. Gewiß bereitete man indessen ein neues kleines Haus für sie vor, an dem sich dann auch ein Garten befand, denn das hatte ja Herr Kollboeker daheim dem Auswanderer noch ganz besonders in seinen Contract gesetzt.
Am dritten Tag morgens, aber auch erst nach dem Frühstück, kam der Mulatte und sagte ihnen etwas in seiner Sprache, auf das der junge Bursch, der Pölke hieß, und der sich indeß wieder vollständig erholt hatte, lachend erwiederte: »Ich danke Dir, Du erbsenbedroschenes Gelbfell Du; wir befinden uns vollkommen wohl.«
Der Gelbe grinste, daß ein paar Reihen blendend weißer Zähne zum Vorschein kamen, mochte sich aber doch auf keine weitere mündliche Erörterung einlassen, sondern winkte ihnen nur mit der Hand, ihm zu folgen.
Behrens zeigte jetzt fragend auf sich; der Mulatte wiederholte aber die frühere Bewegung für Alle mit einander, – nur die Frau nicht, die den Säugling auf dem Schoß hatte; sie und das kleinste Kind, der Christian, sollten da bleiben.
Natürlich folgten sie Alle der Aufforderung und glaubten auch, sie würden nun zu dem Herrn geführt werden, um dort das Weitere mit ihm zu besprechen. Das aber war nicht der Fall; der Mulatte brachte sie gleich in das Feld hinaus, zwischen das Zuckerrohr, wo schon eine Anzahl von Negern beschäftigt war, den Boden aufzuhacken. Werkzeug lag dort ebenfalls, und die neuen »Arbeiter« wurden angewiesen, sich den übrigen »Sclaven« anzuschließen.
Weigern durften sie sich nicht, – waren sie doch auch nur deshalb nach Brasilien gekommen, um jede ihnen übertragene Arbeit auszuführen, und mit gutem Muth und heute auch wieder frisch gestärkt, begannen sie ihre neue Beschäftigung. Lieber Gott, Arbeit waren sie ja von Jugend an gewöhnt – und harte Arbeit dazu – in Deutschland hatte man ihnen ebenfalls nichts geschenkt, und hier sollten sie ja nur schaffen, um freie und selbstständige Menschen zu werden. Je früher sie also damit begannen, desto rascher lief auch ihre Dienstzeit ab, und wenn sie erst einmal für sich selber beginnen konnten, mußte auch das Schwerste überstanden sein.
So verging Tag nach Tag, ohne daß sich in ihrer sonstigen Lage etwas geändert hätte. Regelmäßig wurden sie zur Arbeit gerufen, und regelmäßig mit Dunkelwerden wieder nach Hause geschickt, aber eine andere Wohnung bekamen sie nicht, und auch weder Tisch noch Stuhl hinein. Behrens versuchte noch einmal, mit ihrem Mulatten-Aufseher anzuknüpfen. War er aber früher nicht besonders gesprächig gewesen, so wich er jetzt besonders jeder Unterhaltung oder Frage entschieden dadurch aus, daß er einfach mit der einen Hand schüttelte, als ob er sagen wollte: »Laßt mich zufrieden, ich verstehe ja doch nichts von Eurer Sprache.«
Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen – und dabei blieb es.
Auch Pölke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige Gesell der Familie nur zu lästig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten und die Leute mußten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten brauchten, sich selber Tisch und Stühle herzustellen, denn wenigstens den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich wolle, und sie führten ihn zu einer kleinen, verfallenen Hütte im Wald drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern bestand. Allerdings schüttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht getraute etwas davon abzureißen, aber die Schwarzen schienen nicht so rücksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen. Säge, Hammer und Nägel führte er selber bei sich, und er konnte doch jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bänke, und später auch sogar ein Bettgestell für seine Frau und das Kind herrichten.
Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, – Zuckerrohr wurde gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflückt, Kaffee eingesammelt, gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die Männer erhielten nun ihre Hauptbeschäftigung im Wald mit der Axt, da der Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und wenn Behrens und seine Frau, wie überhaupt die älteren Deutschen, auch noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten Tag, an welchem sie hier eingerückt, so hatten es die Kinder doch viel rascher aufgegriffen, und die Jüngsten besonders waren schon gar nicht mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es natürlich, aber fortwährend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie sich vollständig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so schlecht, wie diese.
Nur Hannchen, Behrens' älteste Tochter, hatte größere und bessere Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn überhaupt ein begabtes Kind, war sie auch häufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden, daß es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten. Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen ein Verständniß mit den »dickköpfigen« Deutschen möglich wurde. Als sich aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge Mädchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit.
Dem alten Behrens fraß indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, – sie war schwer, ja, und wurde in der heißen Sonne noch schwerer, und angenehm war dabei ebenfalls nicht, daß sie mit den Negern in einem Feld schaffen mußten und mit ihnen unter einer Aufsicht standen; aber auch das würde er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein Recht nicht dabei verkümmert wäre. Wie deshalb nur die Kinder ein klein wenig Portugiesisch verstanden, mußten sie schon fragen, wann er den Garten bekäme, und fortwährend darauf hinweisen, daß er im Contract stände, – aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte, der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten.
Weit über ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen, und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann unterstützt, genaues Buch über die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefähr glaubten sie ihre Schuld auch etwa berechnen zu können, denn was die Passage auf dem Schiff gekostet, wußten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach mußten sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten Arbeitssatz für Brasilien annahmen – und darüber hatte ihnen Herr Kollboeker Manches erzählt – schon bald abgearbeitet haben. Es konnte nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der Mühe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld zu verdienen, und dann endlich, wenn sie noch etwa ein Jahr so gearbeitet hätten, selbstständig zu beginnen.
Brasilien war wirklich ein außerordentlich fruchtbares und reiches Land, darin hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte – und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges, elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr führen müssen, und daß sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht begreifen. Mit dem zweiten Jahr mußte sich das nun aber auch bessern, denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich selber ein kleines Häuschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten, und dazu gab ihm der Herr auch gewiß die Zeit oder er bedung sich dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus.
So verging wieder ein Monat – und noch ein Monat, ohne daß sich das Geringste in ihrer Lage verändert hätte – nur die Arbeit war schwerer geworden, denn die Männer wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen.
Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Pölke, ein fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, daß er im Walde vielleicht verunglückt sei, bald aber stellte sich heraus, daß er Behrens' besten Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt kein Zweifel mehr über sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darüber schien, auch berittene Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen, ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb, fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglück zugestoßen, hatte er seinen Vertrag wenigstens gelöst.
Behrens' Frau jammerte allerdings über das Gestohlene, da sich die Wäsche gerade hier im Land so schwer ersetzen ließ; im Grund aber waren sie selbst um diesen Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen.
Aber nahm ihr Contract denn gar kein Ende? – Zur Arbeit wurden sie täglich gerufen, aber nie ein Wort davon gesagt, wann ihre Zeit eigentlich abgelaufen sei, und Hannchen bekam jetzt den Auftrag, ihren Herrn zu fragen, wie sie mit ihrem Lohn ständen. Sie erhielt jedoch nur eine ausweichende Antwort und scheute sich die Sache zu drängen. Und noch ein Monat verging, und jetzt wurde der alte Behrens – etwas sehr Seltenes bei einem Deutschen – ungeduldig.
Wieder mußte Hannchen fragen und sollte sich jetzt an die Frau wenden, die immer gut und freundlich gegen sie gewesen; aber die Frau des Pflanzers wagte nicht sich in dessen Angelegenheiten zu mischen, – er war nicht gut mit ihr, wie Hannchen daheim erzählte, er schalt oft und zankte und behandelte sie rauh, – die Frau kränkelte auch und fürchtete jede Aufregung.
Da faßte sich Behrens eines Sonntags ein Herz, und mit seinem ältesten Jungen Fürchtegott, der die Landessprache jetzt vollkommen gut verstand, ging er selber zum Herrenhaus hinüber, um die Sache ins Reine zu bringen. Der Herr wollte ihn allerdings nicht vorlassen, er habe keine Zeit, wie er ihm durch eine Negerin heraussagen ließ. Behrens aber, einmal zu dem Entschluß gekommen, war nicht so leicht wieder davon abzubringen. Er ließ noch einmal hinein sagen, er müsse den Herrn sprechen, denn er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen, und verdrießlich willfahrtete dieser endlich dem Arbeiter.
Fürchtegott war indessen vorher genau von seinem Vater instruirt worden, was er zu sagen hatte, und selber ein ziemlich anstelliger Junge, brachte er das auch richtig und ordentlich heraus. Das Gesicht des Senhor Almeira aber, das schon bei ihrem Eintritt finster genug ausgesehen hatte, wurde bei der Anrede nicht freundlicher, und als der junge Bursche geendet hatte, sagte er, während sich seine Stirn in düstere Falten legte:
»Und weiß Dein Vater auch, welche Summe ich für ihn und Euch Alle ausgelegt habe, daß er jetzt schon, wo er kaum ein Jahr oder etwas darüber in meinen Diensten ist, davon spricht, sie abgetragen zu haben? Weiß er, was für ein Risico ich gehabt habe, als ich Euch Alle aus Eurem Lande herauskommen ließ, wo Ihr das Brod kaum hattet zum Leben? Geht an Eure Arbeit und kümmert Euch um nichts weiter; wenn Eure Zeit um ist, werde ich's Euch selber wissen lassen.«
»Aber Senhor,« sagte der kleine Bursch, »wir haben ja doch Alle so viel geschafft, daß wir schon ein hübsches Stück Geld verdient haben müssen, wenn Sie nur ganz geringen Tagelohn annehmen.«
»Tagelohn?« rief aber der Brasilianer, »was habt Ihr mit Tagelohn zu thun? Euer Contract lautet auf Antheil an dem Verdienst, und die Kaffeepreise sind im letzten Jahre so erbärmlich schlecht gewesen, daß ich, da uns auch eine ganze Ladung draußen in See verunglückt ist, eher Verlust als Nutzen bei der ganzen Ernte gehabt habe. Wer ersetzt mir jetzt den? Ihr etwa? Wahrscheinlich nicht, und ich werde es schwer genug finden, nur das wieder aus Euch herauszubringen, was ich an Euch selber verloren.«
»Aber verloren haben Sie doch gewiß nichts an uns, Senhor!«
»Nichts, so? Wohl nicht die ganzen Unkosten, die mir der nichtsnutzige Bursch verursacht hat, der noch dazu jetzt weggelaufen ist. Glaubt Ihr, daß Ihr das Alles in ein paar Monaten wieder abverdienen könnt?«
»Aber, guter Gott,« rief der Knabe erschreckt aus, während der Vater dabei stand und doch nichts von der Rede verstand, »dafür, daß der fremde Mensch davon lief, können wir doch nicht leiden, und Sie werden doch gewiß nicht verlangen, daß wir die vielen, vielen Monate umsonst gearbeitet und Schuhe und Kleidung zerrissen haben sollen?«
»Was sagt er?« frug der Mann.
»Und seid Ihr denn etwa schlechter daran, als ich selber?« frug der Brasilianer höhnisch. »Wenn Ihr nichts verdient, verdiene ich denn etwas? Laßt mich mit Euren ewigen Quälereien zufrieden, denn ich bin es müde, fortwährend gestört zu werden. – Dieses Jahr wird es auch besser gehn,« setzte er dann ruhiger hinzu, »die Kaffeepreise sind gestiegen, sag das Deinem Vater, und wenn Ihr fleißig seid, so bringen wir das vielleicht in der nächsten Zeit ein, was wir in der letzten verloren haben.«
»Was sagt er?« frug Behrens noch einmal.
»Laßt nur sein, Vater,« beruhigte ihn aber Fürchtegott, »ich erzähl es Euch Alles nachher, draußen.«
»Und mit dem Garten? – Er steht im Contract.«
»Ja, Senhor,« begann der Knabe noch einmal, »der Vater hat Sie schon lange um ein Stück Land für einen Garten gebeten. Es ist mit ausgemacht und steht im Contract.«
»Ich dächte, er hätte draußen gerade genug zu hacken und zu graben,« erwiderte mürrisch der Pflanzer, »aber ich will sehen, – er kann ein Stück Land bekommen, – wenn ich einmal Zeit habe, werde ich ihm einen Platz aussuchen. Und nun geht, – Ihr wißt jetzt, was Ihr wissen wolltet, – ich habe zu thun,« und damit wandte er sich ab und verließ selber das Zimmer, so daß den beiden Leuten nichts Anderes übrig blieb als seinem Beispiel zu folgen.
Draußen erzählte Fürchtegott dem Vater, was ihm der Brasilianer da drinnen gesagt, und daß sie ihre Arbeit gar nicht nach Tagelohn rechnen dürften, sondern, ihrem eigenen Contract nach, auf Theilung angewiesen wären, im vorigen ganzen Jahre aber gar nichts verdient hätten, und der Mann schlug vor Entsetzen die Hände zusammen, denn von diesem Augenblick zuerst an sah er kein Ende ihres Contractes ab.
Er ging in die elende Hütte, die schon die lange Zeit seine Heimath bildete, setzte sich auf eine Bank, stützte das Gesicht in seine Hände und weinte bitterlich, und die arme Frau vermochte nicht einmal ihn zu trösten.
Was nun? Wie hatten sie hier gearbeitet, unverdrossen, von Morgens an bis in die späte Nacht, und dabei nichts, gar nichts gehabt, was ihnen auch nur die geringste Erholung oder eine Freude bieten konnte. Dieser abgeschiedene Punkt der Erde war ihre ganze Welt gewesen; mit ihrem sauren Schweiß hatten sie den Boden gedüngt, und nun Alles, Alles umsonst, – um nichts weiter, als daß ihnen ihr Herr sagte, sie hätten nichts, gar nichts verdient, und müßten von vorn wieder anfangen. Und wenn er ihnen nun im nächsten Jahre die nämliche Antwort gab? Wenn er sie auf ein drittes Jahr vertröstete?