»Den Garten sollt Ihr haben, Vater,« flüsterte da Fürchtegott, um ihn wenigstens in etwas zu beruhigen, »er hat's mir versprochen, er will Euch selber den Platz dazu aussuchen.«
Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt – jetzt erst, und wie lange zu spät, fühlte er, daß der Doctor daheim mit jedem – oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt hatte, Recht – furchtbar Recht gehabt.
Was wußte er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes zutrauend, weil er selber dessen unfähig gewesen; war es da so schwer gewesen ihn zu betrügen? – und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner Meinung nach die Verhältnisse hier genau kennen mußte, wenn er so viele Leute hier herüberschickte – er wäre ja sonst ein ganz gewissenloser Lump gewesen – wie hatte der ihm zugeredet, hierher zu gehen und sein Glück zu machen. Und was war es das er hier gefunden? Verkauft wurden sie, wie sie nur das Land betraten, öffentlich verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen, dann – genau so, wie gekauftes Vieh – zu Fuß in die heißen Berge getrieben, und nun? – nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven auch, und deshalb – deshalb mußten sie die alte, liebe Heimath, das Grab ihrer Eltern, die Stätte ihrer Jugend verlassen?
Wie trüb – wie entsetzlich trüb verging ihnen der Sonntag, und als die Frau das Essen aufsetzte – denn schon seit längerer Zeit bekamen sie nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und mußten sich selber ihre Mahlzeiten kochen – mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon anrühren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich über ihr geschehenes Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und mußten ertragen, was über sie verhängt wurde; einen anderen Ausweg gab es für sie nicht.
Am nächsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, – Monate lang, ohne daß die geringste Veränderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Der andere Deutsche war allerdings einmal mit einem großen Transport Kaffee in Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen, der sich da kürzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb, veranlaßte er auch denselben, bei dem dortigen Präfecten eine Klage gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die Antwort lautete, daß die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier ihre Gültigkeit hätten; wäre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so sei das ihre eigene Schuld, warum hätten sie dieselben unterschrieben; sie wären von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden.
Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die »nächste Woche« vertröstet, und die nächste Woche wollte nie erscheinen. Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wäre, um sich nach den Verhältnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen, denn der Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden, sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mußte und würde ihnen helfen.
Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurück mußte, um die Leidende zu pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde wäre, damit sie sich vorbereiten könnten mit ihm zu sprechen.
Ein deutscher Consul! Endlich – endlich, jubelten die armen Leute. Sie hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollständig verlassen und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so großes Unrecht damit gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde Land, um zu sehen, daß die armen Leute nicht ungerecht behandelt würden, – das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar dafür.
An diesem Tage ließ der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem Herrenhaus – kaum etwa hundert fünfzig Schritt davon entfernt – aber freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn solche Herren haben immer sehr viel zu thun und müssen sich nach Allem ganz genau erkundigen, damit sie recht ausführliche Berichte abstatten können: morgen kam er gewiß, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht auf der Plantage, – aber am nächsten Tag kam er auch noch nicht. Fürchtegott mußte sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder abgereist wäre, ohne sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die Herren sollten nur über Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, – möglich, daß sie auch unterwegs jagen wollten.
Am dritten Tag kamen sie endlich zurück, müde von dem langen, beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natürlich keine Rede mehr von Geschäften sein konnte. Endlich brach der vierte Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Kühle des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom Herrenhaus zu ihnen führte, auf ihren Pferden angeritten kommen. Die Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum hundertfünfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein Weißer nicht gern auch nur die kleinste Strecke zu Fuß, weil man jede Anstrengung fürchtet. Arbeiter machten natürlich davon eine Ausnahme, denn Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen weißen Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fuß zurückzulegen.
Behrens hatte in der Thür gestanden und sie kommen sehen; aber er trat in das Haus zurück, denn er wollte sie nicht da draußen anreden. Der deutsche Consul mußte ja doch auch einmal das Innere dieser Wohnung in Augenschein nehmen, um dann selber beurtheilen zu können, wie man deutsche Arbeiter hier in Brasilien behandelt.
Die Reiter kamen näher; jetzt hielten sie dicht vor der Thür, und als sich da noch immer Niemand von den Deutschen zeigte, wurde ein Neger abgeschickt, um sie herauszurufen. Er mußte melden, daß der Herr die Leute zu sprechen wünsche.
Behrens schüttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht, aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloßen Kopf in die Thür, – der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus, sondern nach trockenem Holz in das nächste Dickicht gegangen, und Frau und Kinder drängten sich neugierig nach.
Draußen vor der Thür hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich später herausstellte, der Beamte des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem freundlichen: »Guten Tag, ihr Leute, wie geht's?« anredete.
Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem leichten, hellen Rock und einen großen, feinen Panamahut auf. Er trug eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere, goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmüthiges Gesicht und blaue Augen, und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren der armen Auswanderer drangen, und der Mann gerade sollte ihnen helfen.
»Ja, wie geht's, Herr,« seufzte Behrens, »was soll man da sagen. Gesund sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.«
»Nun, ich denke,« lächelte der Consul, »dann ließe es sich schon aushalten, und Ihr könntet immerhin antworten: gut! Ist das Eure Familie?«
»Ja, Herr,« erwiderte Behrens, »von dem gut ist's aber doch noch ein großes Stück weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein Ende absehen können, und neulich hat uns der Herr da gesagt, daß wir im ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig verdient hätten, und also noch immer, wie früher, in seiner Schuld wären, und das ist doch entsetzlich hart.«
Der Consul erwiderte ihm nichts hierauf, sondern wandte sich an den ihn begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte.
»Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten?« frug er dann weiter.
»Ja, Herr,« sagte Behrens, »sie sollen uns auch wohl noch hungern lassen?«
»Und überarbeiten werdet Ihr Euch nicht?«
»Überarbeitet? man überarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am nächsten wieder brauchen will – übrigens können wir's ertragen. Aber ein Ende möchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar auf Lebenszeit verkauft.«
»Aber, Leute, verkauft hat Euch Niemand,« sagte der Consul; »es war doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein Schiff gingt.«
»Das schon,« sagte Behrens bitter, »aber wir wußten damals freilich nicht, daß wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte ausgeboten und verauctionirt werden sollten.«
»Verauctionirt?«
»Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen können.«
»Hm,« sagte der Consul, »das – das hat vielleicht nur so schlimm ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch über sonst noch etwas zu beklagen?«
»Sonst noch etwas?« sagte Behrens, über diese Ruhe und Gleichgültigkeit erstaunt; »aber ich dächte, das wäre schon genug, wenn man unter den fremden Menschen für Nichts arbeiten soll, und noch nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein; in unserm Contracte steht, daß ich ein Stück Land zu einem Garten soll angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.«
»Ich werde mir den Contract zeigen lassen,« sagte der Consul.
»Und dann,« fuhr Behrens fort, »wie wohnen wir hier? Wenn sie nur einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich den Platz ansehen – bei uns daheim haben ihn die Kühe genau so, und wie die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, daß wir noch nicht Alle krank geworden.«
»Aber das Dach scheint doch dicht zu sein,« sagte der deutsche Herr, indem er einen Blick über das Gebäude warf, ohne jedoch der Einladung Folge zu leisten und näher zu treten.
»Dicht ist's,« sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor; »nur an der einen Ecke schlägt der Regen etwas herein; aber sonst gehören keine Menschen hinein, das weiß Gott – aber Gott weiß hier eigentlich überhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben – nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie die Neger werfen.«
»Ihr guten Leute,« sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel umherrückte, »Ihr scheint mir über Alles unzufrieden zu sein. Daß Ihr mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mußtet Ihr doch vorher gewußt haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu schwer.«
»Ja, wir machen's ihm schwer,« lachte der Mann bitter vor sich hin, »der hat sich zu beklagen. Sogar dafür, daß der Junge, der Pölke, ihm weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine Rechnung auf unsere Kosten ausgleichen – aber da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.«
»Ihr dürft keinen Streit hier anfangen, Leute,« wehrte aber der Consul ab, »das kann Eure Lage nur verschlimmern – ich will mit Senhor Almeira über all Eure Verhältnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig denkender Mann; er wird sein Möglichstes thun, um Euch gerecht zu werden; verlaßt Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.«
»Ja wohl, Herr Consul,« sagte Behrens bitter – »ungefähr sowie ich's mir gedacht habe – es bleibt eben Alles beim Alten.«
»Das wollen wir erst sehen,« sagte der Consul, indem er sein Pferd wandte – »ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe,« und zu den beiden Brasilianern hinüber reitend, die sich indessen mit einander unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurück, wo indessen, auf der schattigen Veranda, das Frühstück war servirt worden.
»Nun, Senhor,« lachte Almeira, als sie den Platz verließen, »haben sie Ihnen die Ohren recht voll geklagt?«
»Lieber Gott,« erwiederte der Consul, »ich bin schon daran gewöhnt. Die Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu großen Hoffnungen herüber kommen. Übrigens lassen sie sich leicht behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewiß mit ihnen fertig werden. Sie arbeiten doch fleißig?«
»Ich will mich darüber nicht beklagen,« sagte der Brasilianer gleichgültig, »wenn mir auch ein Neger gerade so viel fertig bringt, wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlässig, und was die Hauptsache ist, trinken nicht.«
»Dürfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?«
»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen, – aber jetzt lassen wir die langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, daß unser Frühstück bereit ist.«
In der luftigen Veranda des Hauses saßen die drei Herren allein bei allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten und tranken den gekühlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhütte, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Behrens, der deutsche Arbeiter, und stierte still und schweigend vor sich nieder, während Keines der Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte – hatte man ihnen doch eben auch ihre letzte Hoffnung genommen.
Wie rasch der Herr Consul übrigens seine Inspectionen beendet, sollten sie schon am nächsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach Hause brachte, daß der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen habe, um in der Kühle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurück zu legen. Aber in etwas schien er trotzdem für die Deutschen gewirkt zu haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Hütte, und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz anweisen, den er für sich benutzen und darauf bauen könne was er wolle. Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein.
Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? – ein Stück Wald neben der nächsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Hütte entfernt, und noch mit vielen hohen Bäumen bestanden. Wie mußte er da erst arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch murrte er nicht; er war selbst für das Wenige dankbar, und da ihm der Aufseher sagte, daß er sich da ausbreiten könne soweit er wolle, ging er mit seinen Kindern schon am nächsten Sonntag an die Arbeit, um das Ausroden zu beginnen.
Von da an gab es keine Sonntage mehr für die Familie, denn jeder freie Augenblick mußte benutzt werden, um ihren »Garten« in Stand zu setzen, und da sie Alle mit größtem Eifer angriffen, ja die nächste Familie ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu benutzen, rückten sie auch rasch vorwärts.
In zwei Monaten hatten sie schon die Bäume, die nothwendig gefällt werden mußten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbäume konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und noch zwei Monate, und ihr heiß ersehntes Ziel war endlich erreicht, – der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun besäet und besteckt.
Die gewöhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, – aber die Frau fing an zu kränkeln, – das feuchte und doch so heiße Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde häufig von Fiebern heimgesucht, – auch das jüngste Kind wollte sich nicht recht kräftigen und machte ihnen viele Sorge.
Schweres Unglück hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, – nur nicht von ihrem Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekümmert, und ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin überlassen hatte.
Hannchen führte indessen drüben die Wirthschaft im Hause, und zwei Monate etwa schien das gut zu gehen, – da kam sie eines Mittags zu ihren Eltern mit verweinten Augen herüber, und erklärte, daß sie das Herrenhaus nicht wieder betreten würde.
Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklärte so bestimmt, nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern zu arbeiten, daß er ordentlich scheu vor dem indessen hoch aufgeschossenen, bildschönen Mädchen zurücktrat und sie in der Hütte ließ. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen.
Senhor Almeira verließ am nächsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, daß er nur einen seiner gewöhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurück. Woche nach Woche verging, Monat nach Monat, und er ließ sich nicht wieder da draußen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rückkunft in der gewöhnlichen Art fortzuführen. Er könne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann möge er mit ihm selber sprechen, – bis dahin müßten sie sich gedulden.
Die Frau wurde indessen kränker, und Behrens verlangte einen Arzt. Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nächsten Tag ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den vorräthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, – aber es dauerte viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich wirklich ankam, fand er Jammer und Thränen in der Hütte, aber keinen Patienten mehr.
Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt.
Und wieder vergingen Monate – Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor Almeira eines Tages – so plötzlich, wie er gegangen, auf sein Gut zurückkehrte und eine neue Frau, eine junge Französin, mitbrachte. Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo hätte er Zeit gehabt sie anzuhören; sie wurden auf später vertröstet, und er ließ ihnen nur sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um – wenn sie es wäre, würde er es ihnen selber mittheilen.
Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu bewaffnen und Militär aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das frische Fleisch und Mehl zurückgehalten und die wenigen Menschen fühlten wohl, daß sie hier nichts mit Gewalt ausrichten konnten. Sie waren auch schon geistig wie körperlich so gebrochen, daß sie nicht wagten, es auf das Schlimmste ankommen zu lassen.
Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder erwiderte nur selbst ihren Gruß, wenn sie ihm begegneten, und seine junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie da, bald dort hin und dann kamen große Sendungen aus dem Hafen, ganze Maulthierzüge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen, um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln.
Behrens der jetzt wohl fühlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte auf Flucht – aber er hätte doch nicht mit seiner ganzen Familie entfliehen können, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wäre es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wäre ein verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen gewesen.
So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein Aufseher – denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich – nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden. Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid, aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie sahen in der That ihres Jammers kein Ende.
Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten, denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.
Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber, und wäre in diesem Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen.
Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, – es war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur noch gute Pflege.
Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch, und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog, seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor Almeira zu Hause sei.
»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.«
Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?«
»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten sie erfahren.
»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen, sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?«
»Ich war krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der Hütte zurückgeblieben.«
»Ist das Eure Wohnung?«
»Ja, Herr.«
»Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?«
»Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.«
»Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was Ordentliches verdient?«
»Verdient?« frug der Mann, und ein eigenes, trübes Lächeln zuckte um seine Lippen, »wenn wir nicht noch in Schulden wären, brauchten wir wenigstens nicht länger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie die anderen Sclaven auch.«
»So?« sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, »und habt Ihr fleißig gearbeitet in der Zeit?«
»Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, – wir haben als rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur, daß ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stück Papier setzte. Ich wußte wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darüber sagten, glaubte ich nicht, – oder doch wenigstens nicht, daß andere Menschen so schlecht sein könnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich und meine Familie für ewige Zeit verkauft, – verauctionirt wurden wir auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.«
»So?« sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, »und habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand, auf daß Ihr Euren Namen gesetzt?«
»Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich nicht für uns, sondern für den Käufer; aber mein Name steht richtig darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es auch in Deutschland vorhergesagt. Wir sind einmal verkauft und bleiben verkauft.«
Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens – sehr zu dessen Verwunderung – auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder, endlich frug er: »Wie viel seid Ihr Eurer?«
»Nun,« sagte der Mann, »ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich. Jetzt sind wir noch unser Fünf.«
»Ist Jemand von Euch gestorben?«
»Nur die Mutter der Kinder, Herr, – es hat nicht viel zu bedeuten,« lachte Behrens bitter vor sich hin, »und dann das Jüngste, – war ein kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, – jetzt ist ihm wohl; er hat's überstanden, und wir – werden's ja mit Gottes Hülfe auch einmal überstehen.«
Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen Schritten vor dem Mann auf und ab.
»Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen?« sagte er nach einer Weile.
»O ja, doch,« lautete die Antwort, »es war einmal ein deutscher Consul hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekümmern.«
»Er stieg gar nicht vom Pferde?«
»O ja, doch, – oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und getrunken.«
»So? Ja, lieber Freund,« sagte der Fremde, »dann will ich nur auch einmal zum Haus hinaufreiten, – aber ich komme wieder,« setzte er hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf, und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zügel ab und sprengte zum Haus hinauf.
»Das hat der Andere auch gesagt,« nickte Behrens vor sich hin, »ich komme wieder, – ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglückseligen Tag nicht meinen Namen unterschrieben hätte.«
Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon wieder hörte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei ausrief: »Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, – er ist einmal hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit können wir mitsammen plaudern: Übrigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch eine halbe Flasche Wein, – ein Glas Wein, sollte ich meinen, müßte Euch gut thun, – es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?«
»Eins muß noch da sein,« sagte Behrens, ganz bestürzt über das Anerbieten, »die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die wachsen ja glücklicher Weise an den Bäumen.«
Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit dem gefundenen Glas zurück und der Fremde betrachtete sich indessen, in der Thüre stehend, den öden inneren Raum.
In diesem Augenblick kam ein junges Negermädchen, was es nur laufen konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz außer Athem, den Fremden an.
»O, Senhor, – die Senhora läßt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der Herr muß gleich zurückkehren; die Senhora ist sehr böse, daß die anderen dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.«
»Sage Deiner Senhora, mein Töchterchen,« erwiderte der Fremde, »daß sie mich gar nicht fortgeschickt hätten, ich wäre von selber gegangen, weil ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.«
»Aber das Frühstück steht auf dem Tisch, Senhor.«
»Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrühstückt,« und dabei schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm.
Das kleine Negermädchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu. Der fremde Senhor gab dem »weißen Nigger« Wein; so etwas hatte sie noch nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter gekommen, lief sie dorthin zurück, um die merkwürdige Neuigkeit zu erzählen.
Der Fremde, ohne sich weiter um das Negermädchen zu bekümmern, trat mit dem Deutschen in das Haus, und sich dort einen Stuhl zu dem roh gearbeiteten Tisch rückend, sagte er ruhig und freundlich: »Und nun, Kamerad, wie heißt Ihr gleich?«
»Behrens, Herr –«
»Also nun, Behrens, erzählt mir einmal Eure ganze Lebensgeschichte, wenigstens von der Zeit an, wo Ihr den Entschluß gefaßt habt, nach Brasilien auszuwandern. Macht es so kurz und einfach wie möglich, denn ich weiß auch schon ein wenig Bescheid, und brauche die Einzelheiten nicht alle zu wissen, und scheut Euch nicht im Mindesten, mir die volle Wahrheit zu sagen. Ich meine es gut mit Euch, und es ist möglich, daß ich Euch nützen kann.«
Behrens schüttelte dazu freilich den Kopf, der Fremde aber, indem er seine Brieftasche und einen Bleistift herausnahm, drängte noch einmal: »Erzählt mir nur, ich werde Euch nicht unterbrechen, aber ich muß eben Alles wissen, und wir haben vielleicht nicht so sehr lange Zeit.«
Behrens sah noch eine kleine Weile still vor sich nieder. Lang vergangene, schon fast vergessene Bilder tauchten vor ihm auf, – sollte er noch einmal in die alten Wunden greifen? Und weshalb nicht? Wühlte er doch das ganze Jahr darin herum, und der Fremde sah ihn ja so gut und freundlich an. So faßte er sich denn ein Herz und erzählte ihm von Anfang bis zu Ende die Geschichte seiner Auswanderung, und wie es ihm hier gegangen. Er setzte dabei nichts hinzu, ja, er ging sogar in einem ganz richtigen Gefühl über eine Masse von Nebensachen leicht hinweg, und war deshalb im Stande, dem Besucher in kurzen aber scharfen Umrissen ein Bild all ihrer Schicksale zu geben. Der Fremde unterbrach ihn auch mit keinem Wort, – nur manchmal, wenn er irgend eine Ergänzung brauchte, warf er eine kurze Frage ein, die ihm dann Behrens eben so kurz und bündig beantwortete.
So hatte er denn in kaum einer halben Stunde die Schicksale der armen Auswanderer genau und vollkommen kennen gelernt, aber er hörte ihm nur zu, und versprach ihm nicht etwa, daß er ihm helfen und die Familie aus ihrer traurigen Lage befreien wolle. Er war nur ein Reisender, wie er sagte, der zufällig in diese Gegend gekommen, um das Land kennen zu lernen und sich mit den Zuständen desselben bekannt zu machen. Was aber in seinen Kräften stand, versprach er zu thun, um den Leuten Recht zu verschaffen, sie sollten nur nicht glauben, daß das so schnell gehen könne. Brasilien sei ein zu großes Land, und man müsse immer eine weite Strecke von einem Ort zum anderen reisen, wenn man irgend etwas erreichen wolle.
In dieser Zeit kamen auch die übrigen Leute von der Arbeit zurück, und Behrens sah, wie Senhor Almeira ebenfalls an ihrer Hütte vorüber seinem Hause zusprengte, plötzlich aber sein Thier herumwarf, als er das fremde Pferd am Hause bemerkte.
»Das ist der Herr,« sagte der Arbeiter scheu zu seinem Gast, indem er hinaus deutete, »der wird Sie jetzt mit sich hinauf nehmen.«
»Ach,« lächelte der Fremde, »da werde ich mich ihm vorstellen müssen; – also habt guten Muth, Freund; es ist allerdings eine schwere Zeit, die Ihr hier durchgemacht, aber vielleicht wird doch noch einmal Alles besser. Ist das Eure Tochter?«
»Ja, Herr, meine Älteste.«
»Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl für jetzt; der Herr da draußen wird ungeduldig, und wir dürfen ihn nicht böse machen –« und damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Hütte schon mehrmals mit »Hallo! He da drinnen!« angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anständig gekleideten Herrn aus der Hütte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit denen zu schaffen, daß er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und seine Stirn zog sich zuerst in düstere Falten. Der Fremde schien das aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken.
»Habe ich das Vergnügen, Senhor Almeira zu sehen?« sagte er, indem er hinaustrat und ihn höflich, aber auch nur leicht grüßte.
»Das ist allerdings meine Name,« sagte der Brasilianer, »aber hier nicht meine Wohnung, – mein Haus liegt dort.«
»Ja, ich weiß,« lächelte der Fremde, »könnte mir auch nicht denken, verehrter Herr, daß Sie selber in solch einem Stall wohnen würden.«
Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und höflich, daß Almeira nicht gleich wußte, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mußte er aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein Besuch nur eben zufällig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so fließend, daß er über seine Landsmannschaft ganz irre wurde. Übrigens verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von selber, daß jeder anständig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel. Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen Plantagen, freuen sich ja nur überdies, die Monotonie ihres täglichen Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hören sie dann doch auch immer wieder etwas von der Welt da draußen.
»Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten?« sagte der Brasilianer deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus hinauf, »wir haben nicht weit.«
»Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem größten Vergnügen,« und der Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen Negerburschen losgemacht hatte, während er ihm die Steigbügel hielt, und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem großen Hause zu.
Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß wir, gar nicht etwa so selten im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoßen, ja, die wir hassen, ohne uns den geringsten Grund dafür angeben zu können. Woher das Gefühl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch nichts zu Leide gethan, ja sind höflich, vielleicht gar freundlich mit uns gewesen, und trotzdem schnürt es uns in ihrer Gegenwart das Herz zusammen, und wir fühlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie uns wieder verlassen.
Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig, und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und Freundschaft auf einen Blick, auf einen Händedruck geschlossen. Es gehört das jedenfalls zu den unbegriffenen Räthseln unseres Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je ergründen wird.
Senhor Almeira hatte jedenfalls ein solches Gefühl, als er mit seinem Gast dem Hause zuritt, und freundlicher wurde er dadurch wahrlich auch nicht gegen ihn gestimmt, als er dort erfuhr, daß der Herr schon vorher am Hause gewesen, und trotz der Einladung der Senhora wieder zu der Hütte der deutschen Arbeiter zurückgeritten sei. Was kümmerten ihn die, daß er ihre Gesellschaft sogar suchte? Aber das mußte sich bald herausstellen, und vor allen Dingen durften die Formen der Höflichkeit, die so Manches übertünchen, nicht außer Acht gelassen werden.
Der Gast lehnte indessen das noch immer seiner harrende Frühstück sehr artig ab, da er erklärte, sich Provisionen von der letzten Facienda mitgenommen und unterwegs sehr romantisch unter einer Palme gefrühstückt zu haben. Nur ein Glas Wein konnte er nicht ausschlagen und eine Cigarre, und unendlich liebenswürdig zeigte sich die junge Dame vom Haus gegen ihn, als sie fand, daß er eben so gut Französisch als Portugiesisch sprach. Außerdem kam er, wie er erzählte, direct aus der Hauptstadt des Landes, aus Rio de Janeiro, – ihrem Rio, wie sie sagte, nach dem sie sich ewig und unendlich sehnte, und das Kleinste und Geringste von dorther hatte ja das spannendste Interesse für sie, die sie hier »weggesetzt in eine Wüste« saß, und, wie sie meinte, vor Langeweile eines langsamen Todes stürbe.
Auch darüber freute sich Senhor Almeira nicht, und zog nur heftiger an seiner Cigarre.
»Und was bringt Sie in diese Wüste, mein verehrter Senhor,« sagte er nach einer Weile, »wenn meine arme Frau denn wirklich recht hätte, unsere sonst so sehr freundlich gelegene Facienda so zu nennen. Wollen Sie noch weiter in das Innere?«
»Ich glaube kaum, mein verehrter Herr,« erwiderte der Deutsche, »habe auch, wie Sie sehen, als einziges Gepäck nur meine sehr kleine Satteltasche mit etwas Wäsche bei mir. Die einzige Absicht auch, Senhor, in der ich hierherkam, war, um mich nach den Verhältnissen einiger deutscher Landsleute zu erkundigen, von denen ich in Porto Seguro, ebenfalls von einem Landsmann, gehört, daß es ihnen sehr schlecht ginge.«
»Doch nicht bei mir, wie ich hoffen will,« sagte Senhor Almeira mit einem so finster drohenden Blick, daß seine Frau ordentlich darüber erschrak.
Der Deutsche aber fuhr eben so höflich fort: »Allerdings, Senhor. Unsere Regierungen daheim fangen doch nachgerade an, auf die hier in Brasilien mit deutschen Auswanderern abgeschlossenen Verträge aufmerksam zu werden, was ich ihnen nicht einmal zum Verdienst anrechne, denn sie hätten es schon lange thun sollen, und es bleibt da immer interessant, sich einmal an Ort und Stelle nach den Verhältnissen derselben zu erkundigen.«
»Und haben Sie eine Vollmacht, das zu thun?«
»Nein, Senhor,« sagte der Deutsche freundlich, »nicht die geringste, denn die könnte auch nur, wie Sie selber recht gut wissen, von Ihrer eigenen Regierung ausgehen, da keine andere hier im Lande Geltung haben würde.«
Almeira lachte laut auf. »Und was brachte Sie auf die wunderliche Idee,« rief er, »zu glauben, daß wir hier verpflichtet sind jedem herge–kommenen Fremden die Verhältnisse unserer Arbeiter vorzulegen?«
»Verpflichtet gar nicht, verehrter Herr,« lächelte der Deutsche, »nur Ihrem eigenen Ermessen soll es überlassen bleiben, ob Sie mir den Contract und den gegenwärtigen Stand der Schulden der Familie vorlegen wollen.«
»Ich danke Ihnen.«
»Bitte, gar nichts zu danken, – die armen Leute sind nicht im Stande, sich einen klaren Einblick in die über ihre Schuld und ebensowohl über ihr Guthaben geführten Bücher zu verschaffen, und haben mich deshalb gebeten, es für sie zu thun.«
»Sie?«
»Allerdings, – denn dazu sind Sie allerdings durch die Gesetze des Landes verpflichtet, dem Arbeiter jeder Zeit –wenigstens doch jedes Jahr einmal – einen Abschluß Ihrer Bücher, so weit es die Arbeiter selber betrifft, vorzulegen.«
»Und wer sagt Ihnen, daß ich überhaupt Bücher darüber geführt habe?«
»Sie scherzen,« lächelte der Deutsche wieder, »es wäre die größte Beleidigung, die ich gegen Sie aussprechen könnte, wenn sie auch nur die Vermuthung enthielte, daß Sie es nicht gethan. Sie wissen doch gewiß, daß Zuchthausstrafe auf einem solchen Vergehen stünde.«
Almeira erbleichte, denn es lag so etwas Bestimmtes, Entschiedenes in dem Wesen des Fremden, daß es ihm, wie er sich auch dagegen sträuben mochte, imponirte.
»Sie haben Recht,« sagte er nach einer kleinen Pause, während welcher ihn der Deutsche freundlich und wie erwartend ansah, »allerdings ist Buch über jeden für die Leute verausgabten Reïs, wie über Alles, was sie mir geleistet haben, geführt, aber ich glaube kaum, daß ich Ihrem Wunsch willfahren kann, Ihnen, einem vollkommen fremden Menschen, Einblick dahinein zu gestatten, da es Ihnen zugleich einen Einblick in mein ganzes Geschäft gewähren würde.«
»Wie Sie darüber denken, verehrter Herr,« erwiderte der Fremde mit demselben Lächeln, »es fällt mir auch nicht ein Sie darin zu drängen. Sie haben mir nur einfach, ehe ich die Facienda wieder verlasse, zu sagen, ob Sie mir den Stand der Ihnen überlassenen deutschen Arbeiter vorlegen wollen, oder ob Sie es mir verweigern, – weiter nichts.«
Almeira war aufgestanden und ging mit untergeschlagenen Armen hastig und finster vor sich hinbrütend ein paar Mal auf der Veranda auf und ab.
»Und wenn ich es Ihnen verweigere?« sagte er plötzlich, indem er vor seinem Gast stehen blieb und ihn fest ansah.
»Dann setze ich mich einfach auf mein Pferd,« lächelte dieser, »und reite nach Porto Seguro zurück. Sie haben vollständig Ihren freien Willen.«
Die Worte klangen so harmlos, wie nur möglich, aber selbst die Senhora fühlte, daß ein tieferer und drohenderer Sinn darin lag, und unruhig und scheu flog ihr Blick von einem der Männer zum anderen.
»Weshalb auch nicht,« sagte Almeira plötzlich leichthin und lachend, »die Zumuthung kam mir allerdings im ersten Augenblick sonderbar vor, wenn es die Deutschen aber selber wünschen, sehe ich nicht den geringsten Grund dafür, es Ihnen zu verweigern (der Fremde verbeugte sich leicht) und wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich daran gehen, um die unangenehme Sache zu beseitigen.«
»Wie Sie es wünschen, Senhor,« lautete die Antwort, »ich muß Sie dann noch bitten, Einen der Arbeiter dazu zu rufen, weil ich selber doch mit den hiesigen Verhältnissen nicht bekannt bin.«
»Die Leute sind jetzt wieder an der Arbeit,« sagte der Brasilianer kurz.
»Der Eine, der Behrens, den ich vorhin gesprochen, ist zu Haus, weil er sich noch nicht wohl befindet.«
»Das weiß Gott,« seufzte Almeira, »die Familie kostet mich schon viel Geld, und ich wollte, ich hätte sie im Leben nicht gesehen.«
»Wären Sie vielleicht so freundlich, einen Neger hinüber zu senden, es würde die Sache vereinfachen.«
Die Senhora warf einen fragenden Blick auf den Brasilianer. Dieser schien nicht recht mit der Zumuthung einverstanden, aber er sah auch wohl, daß es sich nicht mehr umgehen ließ, – er nickte, und ein kleines Mädchen wurde augenblicklich abgesandt, um den verlangten Arbeiter herbei zu holen.
»Monsieur,« sagte aber die junge Französin, »Sie haben mich sehr getäuscht.«
»Ich würde unendlich bedauern –«
»Ich erwartete und hoffte mit Ihnen eine langersehnte und angenehme Unterhaltung führen zu können, und statt dessen brechen Sie uns sogar noch mit entsetzlichen Geschichten ins Haus, die Sie vielleicht eine volle Stunde in Anspruch nehmen, während ich darauf brenne, mehr und Ausführlicheres über Rio de Janeiro zu hören.«
»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte der Fremde artig, »daß wir sehr rasch über unser langweiliges Geschäft hinwegkommen werden. Ich verspreche Ihnen sogar, es so viel als möglich zu beeilen, – so weit das nämlich in meinen Kräften steht. Nicht wahr, Senhor, Sie fühlen auch kein besonderes Bedürfniß, sich lange damit zu befassen?«
»Ich müßte es lügen,« sagte der Brasilianer trocken, »aber da kommt unser Mann. Bitte, liebes Kind, laß uns einen Augenblick allein, damit wir die Sache beenden. – Du interessirst Dich doch nicht dafür, und ich möchte Dich der – Gesellschaft entheben.«
»Wenn Sie es mir erlauben, Senhor« sagte die junge Frau, »so bleibe ich hier und höre ein wenig zu. Man muß sich mit allen Verhältnissen ein wenig bekannt machen und drüben – langweile ich mich nur noch mehr.«
Der Brasilianer zuckte mit den Achseln; er wußte recht gut daß er nur zu widersprechen brauchte, um die junge Frau noch mehr in ihrer Absicht zu bestärken. So hoffte er, daß sie es bald von selber satt bekommen würde.
So nickte er denn einem der Negerknaben zu, ihm zu folgen und kehrte bald wieder mit diesem, der ein paar große Bücher auf dem Arm trug und auf den nächsten Tisch legte, zurück.
Auch Behrens war indessen herangekommen und blieb mit dem Hut in der Hand unten an der Verandatreppe in der Sonne stehen.
Almeira mußte ihn auch jedenfalls bemerkt haben, sagte aber nichts, und der Fremde schien absichtlich darauf gewartet zu haben. Jetzt, sich plötzlich gegen den Deutschen wendend, rief er diesem zu, herauf und in den Schatten zu kommen. Sie wollten seine Rechnung durchsehen und er sollte dabei sein, damit man ihn im Nothfalle über Einzelnes fragen könne.
Behrens folgte schüchtern der Einladung und grüßte höflich nach allen Seiten. Die Senhora dankte ihm auch mit einem freundlichen Nicken. Senhor Almeira aber würdigte ihn keines Blicks, und nur erst als ihm der Fremde einen Stuhl hinschob, – denn er sah, daß der Mann vor Schwäche kaum noch stehen konnte, – blitzte er ihn zornig mit den Augen an, – ließ sich aber auch das gefallen; es ging ja jetzt Alles in Einem hin.
»Dürfte ich Sie vor allen Dingen um den Contract bitten, Senhor?«
Almeira zögerte einen Moment, nahm ihn aber gleich darauf aus einem Couvert heraus und schob ihn auf den Tisch.
Der Fremde las ihn kopfschüttelnd durch und sagte dann lächelnd zu Almeira: »Man sollte es kaum für möglich halten, daß irgend ein Mensch, der nur noch einen Funken von Verstand in seinem Hirn herum trägt, einen solchen Contract unterschreiben könnte. Ich brauche den Mann auch gar nicht zu fragen, ob ihm Alles gehalten wurde was darin steht, denn es ist ihm nichts versprochen. Nur eine Frage: hat Behrens denn seine Arbeit ordentlich und stet gethan, Senhor?«
»– Ich glaube, ja –« erwiderte der Brasilianer nach einigem Zögern, »unbehülflich sind die Leute zwar und entsetzlich langsam, aber doch so ziemlich willig. Nur mit ihren vielen Krankheiten haben sie mir zu schaffen gemacht und entsetzliches Geld für den Doctor gekostet, der jedes Mal fünfundzwanzig Milreïs für einen Ritt hier heraus bekommt.«
»Hm,« sagte der Fremde, »und zahlt das der Arbeitgeber oder der Arbeiter selber?«
»Wenn er nach dem Doctor verlangt, gewiß der Arbeiter,« lautete die Antwort, »wie käme ich dazu, für Jemanden den Arzt zu zahlen, der bei mir nur auf Theilung des Gewinns dient.«
»Ach ja, so. Entschuldigen Sie. Halt, hier ist dem Mann aber wirklich etwas versprochen für Gartenplatz. Habt Ihr den angewiesen bekommen, Freund?«
»Ja, Herr,« sagte Behrens, »aber erst nach langer Zeit, und dann hat ihn uns der Herr, als wir ihn urbar gemacht, wieder weggenommen und uns ein anderes wildes Stück Land dafür gegeben.«
Der Fremde zuckte die Achseln und sagte – vielleicht absichtlich – in portugiesischer Sprache: »Ja dagegen läßt sich nichts machen, Freund. Euer Herr ist da, diesem Contract nach, ganz in seinem Recht. Erstlich ist gar nicht darin gesagt, wann Ihr das Land bekommen solltet, und dann steht nur darin, daß Euch »»ein Stück Land«« angewiesen würde, nirgends aber, daß Ihr es auch zur steten Benutzung behalten sollt.«
»Versteht sich von selber,« bestätigte Almeira, »aber das ist eben das Unglück mit solchen Leuten, daß sie nie an den Nutzen ihres Herrn, sondern nur immer an den eigenen denken.«
»Aber wenn der Mann das Land doch für sich selber bekommen,« sagte die Senhora erstaunt, »und für sich selber urbar gemacht hat, so sollte ich denken –«
»Das verstehst Du nicht mein liebes Kind,« unterbrach sie aber der Brasilianer, »der ganze Vertrag ist ja auf Gegenseitigkeit gegründet, und während der Garten zur Kaffeeplantage geschlagen wird, bekommt er ja doch auch seinen Nutzen davon. José, bring noch eine Flasche Wein aus dem Keller herauf.«
Behrens verstand nur unvollständig, was dort gesprochen wurde, aber so nahe es ihn auch selber anging, er war in den langen Jahren abgestumpft gegen Alles geworden, sah auch jetzt, daß der Deutsche hier nicht viel besser, als der frühere sei, wenn er sich auch mit ihm unterhalten hatte.
»Und welche Auslagen hatten Sie für diese Familie? Sie entschuldigen, ist es die einzige oder haben Sie deren mehr?«
»Ich war damals thöricht genug, zwei anzunehmen.«
»In der That? Aber wir wollen uns vor der Hand nur mit dieser einzigen beschäftigen, – also welche Auslagen hatten Sie, außer denen, die hier auf dem Contract noch nicht einmal ausgefüllt stehen?«
»Diabo!« sagte der Brasilianer, »mehr, als die Leute in der nächsten Zeit im Stande sein werden, abzuverdienen, denn fortwährend quälen sie mich um Baumwollenzeug, Schuhe, Hüte und tausend andere Dinge, von denen ich kaum genug herbeischaffen kann. Dies sind hier die ersten Auslagen: Schiffstransport, auch die Reise in Deutschland selber bis an Bord, und der Aufenthalt dort im Gasthof vier Tage.«
»Entschuldigen Sie, waren die Auswanderer selber Schuld an dieser Verzögerung von vier Tagen?«
»Wie soll ich das hier wissen? Diese Summe mußte ich dem Agenten als Auslagen zurückerstatten.«
»Ah so, das wäre also Sache des Agenten gewesen – und dann weiter?«
»In Milreïs gerechnet macht das die runde Summe von 520 Milreïs. Dazu kommt nun noch der Aufenthalt in Porto Seguro, wo ich sie mußte beköstigen lassen, und der Transport hier heraus auf Maulthieren.«
»Wir sind zu Fuß gegangen,« sagte Behrens, der ruhig dabei stand und zuhörte.
»In der That, den ganzen Weg?«
»Aber Euer Gepäck habt Ihr wohl etwa auf den Schultern getragen, wie?« sagte Almeira, ohne den Deutschen dabei anzusehen.
»Wir hatten an den Kindern genug zu schleppen in der Hitze,« seufzte Behrens.
»Aber Eure Frau ist geritten.«
»Gott hab sie selig,« sagte Behrens scheu, »ja, wie sie es endlich nicht mehr ermachen konnte und zusammenbrach. Es war zu viel für sie und die Kinder, und sie hat den Marsch nie überwunden.«
»Die armen Leute,« sagte mitleidig die junge Frau.
Der Fremde erwiderte aber gar nichts darauf, sondern ging nur weiter und sagte: »Und damit hörten Ihre Unkosten wohl auf?«
»Glauben Sie, daß sie in den fünf oder sechs Jahren nichts gegessen und keine Kleider gebraucht haben?« lachte Almeira.
»Aber das Essen, sollte ich denken –«
»So wie ich ihnen einen Antheil am Gewinn gebe, muß ich sie doch auch mit den Kosten belasten, nicht wahr?«
»Allerdings, – das klingt nicht mehr als billig.«
»Sie sehen selber, daß sie niedrig genug angeschlagen sind, – natürlich nur das, was mich die Production selber kostet.«
»Versteht sich – und das Übrige?«
»Für Kleidung und Schuhwerk.«
»Alle Wetter, Ihr Leute,« rief der Fremde, »Ihr habt viel verbraucht, ich dachte gar nicht, daß Ihr hier einen solchen Staat im Lande macht.«
»Staat?« sagte Behrens wehmüthig und sah auf seine Lumpen nieder, »ja, wir gehen wirklich zum Staat herum.«
»Aber was ist denn das für ein Posten?« fuhr der Fremde, ohne weiter darauf einzugehen, fort, »da stehen ja noch einmal 130 Milreïs extra. Wofür haben sie das gebraucht?«
»Das ist für Einen der sauberen Gesellschaft,« sagte Almeira finster, »für einen jungen Burschen, der mir gleich im ersten Jahre davon lief, und für den die Übrigen natürlich mit haften müssen.«
»War das einer von Euren Söhnen, Behrens?«
»Wer?« frug der Deutsche, der das nicht Alles verstanden hatte.
»Nun, der Weggelaufene.«
»Von meinen Söhnen? Nein, wahrlich nicht, lieber Herr; ein nichtsnutziger Gesell war es, den wir aber erst auf dem Schiff kennen gelernt haben, und den sie uns mit in das Haus legten, so sehr wir auch baten, allein zu bleiben.«
»So viel ich im Contract sehe, Senhor Almeira,« sagte der Fremde, »so sind die Leute nur für ihre eigene Familie solidarisch verpflichtet, der junge Bursch war aber ein Fremder und geht sie nichts an.«
»Ich habe ihn als zu ihrer Familie gehörig mit überkommen,« rief der Brasilianer.
»Auf der Auction erstanden, wie? Ist aber doch wohl ein Irrthum. Die Summe werden Sie streichen müssen.«
»Ehe ich das thue, werde ich die Sache jedenfalls noch näher untersuchen.«
»Gewiß – und das Andere? Wie viel hat die Familie nun wohl in den sechs Jahren verdient?«
»Mein lieber Herr,« sagte der Brasilianer achselzuckend, »wir leiden da Beide gemeinschaftlich, denn wenn Sie länger in Brasilien sind, werden Sie wissen, daß der Kaffee noch nie einen so geringen Preis gehabt hat, als in dieser Zeit. Und Bohnen waren gar nicht abzusetzen, sie sind uns im Lagerhaus selber gefault.«
»In der That? Dürfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie hier für Kaffee bekommen haben? Ich verstehe selber auch nicht viel davon, interessire mich aber sehr dafür.«
»Hier haben Sie die Preise ausgeworfen,« sagte der Brasilianer gleichgültig, indem er das eine Buch aufschlug.
»In der That,« rief der Deutsche erstaunt aus, »das ist sehr wenig, da hat ja die Arroba in Rio acht und neun Milreïs mehr getragen.«
»Rechnen Sie nur unseren Transport, – außerdem ist mir in den Jahren eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.«
»Welchen Verlust die Arbeiter natürlich mit zu tragen haben.«
»Natürlich, – ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.«
»Der etwas unbestimmt mit Hälfte des Gewinnes ausgedrückt ist.«
»Allerdings sehr unbestimmt,« sagte Almeira achselzuckend, »denn man weiß nicht einmal von was die Hälfte.«
»Also würde nach dieser Übersicht die Familie wohl kaum die Aussicht haben, in diesem Jahre frei zu kommen.«
»In diesem Jahre?« rief Senhor Almeira erstaunt aus, »sie schulden mir jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in ihrem eigenen Vaterland nicht hatten, sonst würden sie es wohl schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.«
»Es ist freilich immer hart für die armen Leute,« sagte der Deutsche, »wenn man bedenkt, daß sie eigentlich sechs Jahre hier für nichts gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefühl mit sich herumschleppen müssen, bis über die Ohren in Schulden zu stecken. – Hattet Ihr Schulden in Deutschland, Behrens?«
»Nie einen Pfennig, Herr,« sagte Behrens, der mit zitternden Lippen seinem hier gefällten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe dagegen eingewendet hatte. – Was half es ihm auch, – dort stand Alles schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem Contract, – was war da zu machen? Sie waren verkauft und blieben verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht einmal den Tod durfte er sich dabei wünschen, denn was sollte dann aus seinen Kindern werden.
»Ich dachte es mir,« nickte der Fremde. »Recht traurig das, – aber wissen Sie wohl, Senhor Almeira, daß Sie da ein gutes Werk thun könnten?«
»Ich, Senhor? Inwiefern?«
»Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mißfällen, welche Sie betroffen.«
»Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten lassen.«
»Sehr freundlich von Ihnen,« nickte der Fremde, »aber meiner Meinung nach würde es doch Zeit, daß sie jetzt einmal für sich selber anfingen, wenn sie nicht elend hier verkümmern sollen. Auch das heiße Klima dieser Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als einem lebenden Wesen.«
»Und was kann ich dazu thun?«
»Der Contract,« fuhr der Deutsche fort, »ist von schurkischen Agenten zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glück entgegenzugehen, und rannten dadurch in ihr Unglück. Die Mutter der Kinder, das jüngste Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebüßt: lassen Sie es damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.«
»Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr,« lachte Almeira, »aber so reich bin ich nicht, daß ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche tragen könnte und möchte. Ich gebe zu, daß beide Theile unter dem Contract leiden, aber – ich glaube Ihr könnt jetzt gehen, Freund, – unsere Geschäfte sind so weit beendet, nicht wahr?«
Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grüßte ehrfurchtsvoll und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora plötzlich aufstand und rief: »Halt, Freund, – Ihr seid sehr angegriffen, – trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun.« Sie schenkte auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er wußte außerdem recht gut, daß sich die Senhora nichts verbieten ließ.
Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder hin und dankte herzlich, hätte auch gern der jungen Frau die Hand gereicht, aber das wagte er nicht. Er fühlte, daß er jetzt hier überflüssig war, stieg mühsam die Treppe der Veranda hinab, und schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu.
Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er freundlich: »Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr; Sie wollten etwas sagen, was der – Alte da nicht zu hören brauche.«
»Es betrifft die Verhältnisse unseres Landes,« erwiderte Almeira gleichgültig.
»Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?«
»Wir können uns nicht verhehlen,« fuhr der Pflanzer fort, »daß in den nächsten Jahren diesem ganzen Reiche Veränderungen bevorstehen. Der in Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, – wie sich nun auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der einen Hälfte gerade die Rechte abstreiten möchte, die sie für die andere verlangt. Möglich, daß uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange Jahre hinaus erspart bleibt, möglich aber auch, daß er doch rascher eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden, wenn uns hier im Süden die Sclavenarbeit fehlt? Es müßte zu einer Wildniß werden.«
»Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaßen nützlichen oder vielmehr völlig nothwendigen Ersatz?«
»Allerdings.«
»Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf betrügerische Weise hierher gelockt wurden, weiße Sclaven machen?« frug die Französin, die selber mit äußerster Spannung der Auseinandersetzung gefolgt war.
»Es scheint allerdings so,« lächelte der Deutsche.
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte aber Senhor Almeira, »denn Euch Frauen läuft gewöhnlich das Gefühl mit dem Verstand davon. Thue mir auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.«
»Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wünschen, Senhor,« rief die junge Frau, die sich in einer merkwürdigen Aufregung zu befinden schien. »Als ich Ihr Haus betreten –«
»Entschuldigen Sie mich,« sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz aufstehend, »ich möchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der ich nicht einmal unparteiisch bleiben könnte. Ich habe Alles erfahren, was ich zu erfahren wünschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie sechs Jahre für ihre Überfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?«
»Mein Herr,« rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, »in thörichter Gutmüthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung eingegangen, den Arbeitern Auskunft über den Stand ihrer Angelegenheiten zu geben; ich muß mir aber jede weitere Einmischung in meine Verhältnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn ich es an der Zeit halte, den Leuten die Erfüllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich es thun, wünsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu getrieben zu werden, und sehe außerdem – vor der Hand wenigstens – noch nicht die geringste Veranlassung dazu.«
»Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen,« sagte der Fremde, »und nur Ihnen noch, gnädige Frau, muß ich herzlich für den Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute nehmen.«
»Bleiben Sie noch, Senhor,« sagte die junge Frau leidenschaftlich, »die Bande, die mich an dieses Haus knüpfen –«
»Senhora!« rief Almeira fast erschreckt aus.
Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklärung ab. Er hatte seinen Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem Thier die Sporen einsetzend, die Straße hinab. Am Hause des Deutschen war es einmal, als ob er einzügeln wollte, aber er mußte sich eines Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf einer Biegung der Straße, in dem dichten Laub der Bäume verschwunden.