»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht – die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich zwischen den Heads – den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der hohe treffliche Leuchtthurm steht.

Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas mit Nordost Cours in die offene See hinaus.

Achtes Capitel.
Die Ausfahrt.

Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt, daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als die leichteren Segel schon wieder nieder mußten.

Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.

Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans – derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die Coje hüten.

Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei Deutschen und einem Jungen.

Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe, wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan und ging seine Wachen wie die anderen.

Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.

Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts bringen.

Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte, seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte.

»Da seid Ihr schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half, wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde – »ich glaube wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine Brühe zurecht gebraut? – ist das Aufwaschwasser da Thee – heh?«

»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine Fingerspitzen voll Thee – meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt – wäre gerade recht.«

»Oho,« knurrte der Zimmermann – »wenn die Sache so gemeint ist, werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. – Spaß ist Spaß – aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.«

Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.

»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf – »shiver my timbers, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält – was doch hoffentlich nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann er nachher allein herüber und hinüber brassen.«

Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der Luke stand, und sagte dann leise:

»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von der er stammte), genannt wurde – »Timor hat gehört wie Capitän zu Steward sagte – alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben – wollte Schufte schon zwiebeln, hat er gemeint.«

»So? – das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein zu straff angespanntes Tau reißt leicht und – wir sind noch nicht in Calcutta.«

»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte der Doctor – »wird auch mit gezwiebelt, hi, hi, hi, für seinen guten Willen.«

»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord gesetzt.«

»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der Vorrathskammer kommen – doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen könnte.«

»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser als vorher – »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal durchgeprügelt hat – will's wieder gut machen.«

»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. – »Diesmal möcht's besser fördern – der Wille ist wenigstens da.«

»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter, und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die Back nieder – »Brassen, Boys – Donnerwetter, macht nicht so lange da unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.«

»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch und sprang vorneweg die Leiter hinauf.

Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.

Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag, und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die kochende schäumende Fluth. – Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde.

Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die, noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden.

Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist.

Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen, von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte.

Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging, mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich dort aber nur ein einzigesmal blicken. – Sie hatten immer ungemein viel andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.

Neuntes Capitel.
Hans.

Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden, und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber, daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus, als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde.

Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. – Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen wurden, vollkommen aufgescheuert.

Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur, er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord habe, zu Tode – oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.«

Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich – er trank. Nach dem Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte – ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit etwas Zitronensaft versetzt – er verschmähte Zucker. Dabei blieb es aber nicht. – Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein wenig »Sport« oder Vergnügen, wie er meinte, um, und stieg auf Deck oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm lieber aus dem Wege.

Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf. Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen, zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen wollte.

Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist, und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können.

Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560 Fuß, Tiefe sind.

Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige, ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt.

Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden.

Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen. Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer Laterne zu folgen.

Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.

Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu Koje.

»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. – Der Mann am Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden, damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon anfinge. – Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder vollschlüge.«

»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht geschehen.«

»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der Grund gewesen sein.«

»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte – er meinte er hätte dem Capitän sein Ehrenwort gegeben an Bord zu bleiben, und das könne er nicht brechen.«

»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt – »das hätt ich Hans gar nicht zugetraut. – Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz, und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch französisch. – Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.«

»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »dutch.« – Hallo, da unten gehts los – hörst du's Jean?«

»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. – »Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern konnte.«

»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut – hallo, da kommt der Alte zu Luft – Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat – wahrhaftig ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit schon arg mitgenommene Marssegel her.

Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde, von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch stark und sicher genug wäre sie zu halten.

Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden.

Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer »verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen, und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe« u. s. w. Schiffsmannschaft.

»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans – denn die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit sie vollkommen gut auskamen – »der Alte ist heut' in einer besonders rosenfarbenen Laune. – Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen kriegen.«

Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen.

»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als auf die Bemerkung des Anderen antwortend. – »Komm hier, Schwarzer,« rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand, und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte – »komm hier, Bursche – es thut dir niemand 'was – hier – sauf dein Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen – Steward! haltet ihm die Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können – »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende zerreißen.«

Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des Pferdes bemerkt – eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach hinten zog, frei kam und sichtbar wurde.

»Halt, Steward – gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch – »Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. – Woh Poney – woh mein Thier – come up here, you damned son of a bitchcome up herew-o-h – daß dich die Pest!«

Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden Laute scheu und furchtsam gemacht – drängte nur immer mehr zurück, schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus einander reißen wollten.

Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht. Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte.

Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu denken.

»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien. Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten schlug.

Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück. Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn gehetzt hätte.«

»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen konnte.

François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden; that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das Halfterseil wieder anknoten konnte.

»You, Sir, there,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch – Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn ich mit Euch rede? – Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? – Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber bricht – die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden, daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen – damn it to hell and damnation, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle mit einander krumm schließen und abpeitschen.«

Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte, und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen Bewegungen ein. – Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum gegangen waren, seine Vernunft siegte.

»Geduld – Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend:

»Was murmelt der Hund – willst du auch noch gegen mich knurren? Einen Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie drohend, wie zum Schlag in die Höhe.

Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht – er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein, auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen, daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte.

»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand aufzuheben, gegenüber – »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat Maulaffen feil – Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas zu saufen.«

Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken.

»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den Nacken.

»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch – »ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan, und keine Mißhandlung verdient!«

»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang – »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument sausend nach dem Kopfe des Matrosen – aber es traf nur den Pfosten, und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden.

Zehntes Capitel.
Die unterbrochene Execution.

Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. – Er hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt.

Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser – er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.«

Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen; dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen Scheu, die in dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner Bestrafung – wie er immer gereizt gewesen sein mochte – als von einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts geändert werden könne.

»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.«

»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill – »s'ist mir schon ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine dutchman vom richtigen Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« – er sah sich dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war schon an Deck.

»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend – »dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. – Ich möchte morgen früh nicht in seiner Haut stecken.«

»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.«

»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben Kumpen Thee ausgespült hatte.

»Auf's Wetter?« sagte Bob – »wie soll das auf's Wetter ankommen – wohl die Laune vom Alten.«

»Ich meine das Wetter,« behauptete Bill – »nach Recht und Gesetz weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten, dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein Bischen zu gut.«

»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet.

»Darf nicht?« lächelte Bill verächtlich – »ich möchte sehen wer ihn daran verhindern wollte. – Wenn wir's thäten, wär's weiter nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite – »Rebellion und Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, – wenn sie ihn nicht gar noch einmal einstecken – höchstens den Verweis bekommt, sich in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.«

»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich krumm und lahm schließen lassen.«

»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill – »das ist des Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann macht sich vielleicht noch Alles.«

»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich peitschen lassen,« tröstete sich Jean, – »er mag wohl den Teufel im Kopf haben wenn er die »Tropfen« im Magen spürt – aber Morgens ist er ja sonst immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.«

»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es nicht wieder.«

Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an, und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam, hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf.

Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht – auf seine eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste glauben; es würde noch Alles gut gehen?«

»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt – »gut gehn? – was der Capitän thun kann daß mir's schlecht geht, thut er gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und er hat jetzt die Macht in Händen. – Das Blatt hat sich gewendet.«

»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert – »wie meint Ihr das?«

»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche. – »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die Worte nicht so auf die Wagschaale legen.«

»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht gutes Englisch, besser wie ich's noch je von Euch gehört habe – Ihr müßt schnell lernen.«

»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene, »bleibt einem ein Bischen hängen, und andere Menschen lernen's ja, warum soll gerade mein Kopf von Holz sein.«

»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon in den nächsten fünf Minuten.«

»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt – »was fehlt ihm?«

»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate leise.

»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans, kopfschüttelnd, »hm, hm – ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal richtig zufassen – liegt er denn zu Bett?«

»Ja – aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe die Wache an Deck, – also gute Nacht Hans« – und damit nahm er seine Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans blieb im Dunkeln allein.

Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner Bedingung vor Anker gehen – mit ihrer längsten Lothleine hätten sie, dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.

Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen. In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen würden.

Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig. – Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des großen Mastes stehen. – Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam.

Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus – er war glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete – er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf, nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer fast nur halblauter Stimme all hands on deck zu rufen und aufs Quarterdeck zu bringen.

Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans, Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und freundlich zuzunicken.

Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, – aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken, die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise:

»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der Alte nicht bald Segel« –

Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. – Dieser war bis dicht an die dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an:

»Leute – wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche Matrose da – könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch spricht? – heh?« – Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen das Faß zu stützen.

»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum Capitän, hinter dem er stand. –

»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut, »übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort erlaubt.« –

»Ich meinte nur.«

»Ihr habt Nichts zu meinen, Ruhe Sir – Gott verdamme mich, ich will Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde gehn – und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß. – Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose, sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden warf.«

»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. – Ein Advokat hätt's nicht besser machen können.«

»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« – fuhr der Capitän fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen – als Warnung für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann – thut Eure Schuldigkeit.«

Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte sich aber nur halb nach diesem wieder um.

»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen bediente. – »Capitän – in Sydney haben fast alle Euer Schiff verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein Wort gegeben hatte zu bleiben.«

»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab – »nicht wegen deines Ehrenworts.«

»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg – »ich blieb, weil ich mein Wort gegeben – und ich gebe es Euch hier noch einmal – nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt. – Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug – aber nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. – Nehmt die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorkommt – oder in Eisen liegen wie Ihr wollt – ich will nicht murren. – Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod – behaltet zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient habe – aber – aber – keine Schläge.«

Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. – Er wandte sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: –

»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? – Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf – Bob – Jim – bindet den Gefangenen an die Leeseite – nur mit den Händen – er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder – wenn ihm das bequemer ist, auf die Kniee niederfallen.«

»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute – »Ihr wißt, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt, denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.«

»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän höhnisch – »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch spricht – das bringt die Angst heraus. Also Mord – gut Sir, wir werden's nicht vergessen. – Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's machen muß. Allons, Bob – Jim – Pest, noch einmal Burschen, soll ich's Euch zum drittenmal sagen?«

Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr, und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu.

Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle, die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken aufsahen.

»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän, der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht hatte. – »Bramsegel fest – schnell – Falle los – Donnerwetter, Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.«

Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und flatternden Segeln. – Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing.

Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt. – Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen, so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht, die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite wollten.

Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen Bemannung. – Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel zu reefen – und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das große Marssegel mit einem Schlag, wie aus einer Kanone geschossen, von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß.

»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand – der zweite Mate war mit oben auf der Marsraae. –

»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht, und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.«

Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.

Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu führen – »bis das Wetter besser geworden wäre.«

Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die Luke hinunter.

»Es kann sich noch alles machen, Hans,« sagte er ihm hier freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht hatte – »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die ganze Geschichte.«

»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute, allerdings gegen des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte. Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die Leiter wieder hinauf.

Elftes Capitel.
Der Sturm.

Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu, bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem Wetter stehe.

Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank.

»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. – »Damn it, wir dürfen nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend wieder dieselbe Geschichte.«

»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der Steuermann – »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als ob ich im Westen Land gesehen hätte. – Die Strömung setzt uns hier sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte, wenn wir im Dunkeln drauf liefen.«

»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas – »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der Bursche, der Hans, seine Ladung haben – der Schuft der.«

»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig – »ich würde die Sache sein lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. – Es ist nicht gut jetzt böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. – Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen liegen ist auch eben kein Spaß.«

»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend – »glaubt Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat Hand an mich zu legen? Pest und Gift – und hinter dem Burschen steckt auch noch mehr. – Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend, Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher verstellt und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern, wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder Vandiemensland wäre. – Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung davon gehabt.«

»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,« sagte der Mate, nachdenkend – »was sollte er aber für eine Ursache haben, seine Sprache zu verstellen?«

»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän, ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die gekriegt hat – im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben – verdammte Bestie. – Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon irgendwo einmal früher gesehen hätte.«

»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate.

»Indien – pah« – sagte Oilytt – »die Tättowirungen hat er auch nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. – Wo sich der Schuft nur mag alles herumgetrieben haben.«

Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte, die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge durch den Kopf – die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. – Der Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war allerdings im Stande seine Drohung auszuführen.

»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin – »er soll nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's Bockshorn gejagt hat. – Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll er seine fünfzig – Narben oder keine Narben – richtig aufgezählt kriegen. – Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn er unten in Eisen krumm liegt. – Verdammte meuterische Hundeseele.« Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um sich zum Schlafen zurecht zu legen. – Das Rückenkissen unter den Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward – er hatte ganz vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle.

»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an – »schon zu Bett? – ach ja so, hat eine dicke Seite – Pest noch einmal, daß ich ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe – Timor – Timor!«

»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan.

»Timor – um zwölf Uhr weckst Du mich – verstanden?«

»Ja Sir,« – der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz, fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück, – wenn es ihm der Mate verstattete – ein Gleiches zu thun.

Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an, machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran.

Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was er thun konnte, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa, wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen – er besann sich wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« – stand er auf, sah nach der Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz zufrieden, an Deck hinauf.

Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine häßliche Nacht. – Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte.

»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging – »noch immer um nichts besser – da hinten sieht's noch häßlich aus.«

»Guten Morgen, Mr. Black – nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter aus. Sind die Leute an Deck? – he Bill,« wandte er sich zu dem Mann, der eben vom Ruder abgelöst war – »geht noch nicht zu Koje, wir wollen wenden.«

Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung, anderthalb Strich Abdrift. –

»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen die Wogen ankämpfte. – »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und – es ist eine verdammt gefährliche Küste.«

»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,« sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter.

Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls sicher.«

»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden zu verbringen.