Zwölftes Capitel.
Die Riffbank.

Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste, wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet wurde aber nicht.

Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe, sondern auch aushorche, denn sie würden sie in dieser stockfinstern Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje, konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke aufhorchend, auf seinem Bett herum.

Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. – Mit einem Satz war er aus dem Bett und an Deck – einen Augenblick war alles still, dann kam es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und mischte sich in das Heulen des Windes.

»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit schnellen Schritten auf- und abgegangen war.

»Unsinn, Sir – was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem er stehen blieb.

»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber, daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ.

»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber gehorcht hatte, »gerad' da drüben.«

»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate – »wir sitzen mitten drinn.«

»All hands on deck« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf zu erwiedern, über Deck hin – »schnell Jungen, schnell, treibt mir die Schläfer aus den Kojen. – Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir die Reefen aus den Marssegeln. – Rasch, munter, Jungens – zwei nach vorn und zwei für die Besahn – jetzt fehlt uns das große Marssegel. Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe, was das Zeug halten will.«

Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel los!« – tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser.

»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half.

»Alles in Ordnung, Sir – liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern lassen.«

»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän – »allons, hinauf damit – wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen. – Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die Riffe hinauf.«

Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten, mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht – brachten sie nicht mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen.

Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte.

»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend – »wir sind zu schwach an Händen – soll ich Hans vielleicht aus dem untern Raum heraufholen lassen?«

»Nein« – sagte der Capitän rasch – »es geht auch ohne den – ich will nicht. – Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren besinnend hinzu – »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den Kragen. – Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.«

Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um bald einzusehen wie die Sachen hier standen.

Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge.

»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte – »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch Wassermark behält. – Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja eine Ewigkeit.«

»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen konnte – »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die – Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. – Ist das der Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben, und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. – Ist das aber nicht der Fall, so – ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen. – Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich peitschen lasse.«

»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate – »macht keine Flausen, und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit retten zu helfen. – Erst einmal von der Küste ab – das andere findet sich nachher?«

»Was? – will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend – und ehe ihn jemand daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite zu ziehen.

Mr. Black – sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten Matrosen – es war Bill – den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen – es war nicht möglich in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.

Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn gewähren und ging mürrisch nach hinten.

Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt, schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern.

Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse trieb.

Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander zu springen.

Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf nichts weniger als tröstlich klingender Ruf – Brandung einen Strich über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite.

»Da drüben sind die Riffe, Sir« – sagte der Mate, auf der Bramraae stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der, aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den ganzen Westen zu umschließen schien.

»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän, der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg schlug. – »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten – in einer Stunde wären wir in Sicherheit.«

»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort – »gerad hinter der Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich nichts erkennen. – Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.«

»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« – sagte dieser – unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen übersehend – »wir müssen

»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate – »sie ist alt und schon einmal geflickt – wir werfen sie augenblicklich über Bord.« –

»Wir müssen, Mr. Black – wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos verloren. – Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht wieder gut machen können.«

»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach unten. – Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach oben, das Segel zu lösen. – Unten zogen sie indessen schon die Raae auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich erschreckt um.

»Nieder mit Euch – nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. – Das Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder frei zu machen – die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das Segel.

»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten – aber Karl hörte die warnende Stimme nicht. – Um ihn krachte und brach es – seine Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes.

»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. – Wie instinctartig flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, – aber es war umsonst. – Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften Muskeln gewichen. – Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. – Die See schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe.

Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls krachte und zusammenbrach. – Dicht neben Bill schlug der Besahntop herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren – aber der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der wegsinkenden Leiche des Cameraden. – Als er sich wieder umschaute, war das Schiff ein Wrack – alle drei Stengen waren niedergebrochen und der Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf, wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb.

»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber, mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. – Der Befehl wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden schäumenden Klippen mit rasender Schnelle.

»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?«

»Ay, ay, Sir – brassen meine Jungen – nur ein wenig – für Euer Leben – greift zu hier. Ahoy – ahoy – noch einmal – so – Vor-Raaen jetzt.«

»Noch mehr abfallen – halt – Steady –« tönte der langgezogene Ruf.

Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von hier aus schien, durchaus ununterbrochene Mauer von Klippen streckte sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen auch nur ein einziges Leben zu retten.

»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf.

»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes Duzend der Umstehenden – Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus, aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon ausgeführt waren, wiederholte.

Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der Entscheidung erwartend.

An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit.

»Luff – ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem Augenblick von oben herunter.

»Luff it is!« die Antwort des Steuernden.

»Steady!« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des Sturmes und das Brausen der Brandung – »Steady um Euer Leben.«

Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit Blitzesschnelle hindurch.

»Hard a port –« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter erschütterte. – Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und wie mit einem Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser.

Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes selber zu erwarten – aber er kam nicht. – Die ungeheuren Wogen des stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das Schiff nicht. – Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben.

Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem Jubelruf die Rettung verkündete.

»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.«

Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen.

Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war als das Fahrzeug selber. – Der glatte Streifen Wasser der den Weg wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar und deutlich erkennen ließen.

Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die Stelle, auf der sie gerade saßen.

Dreizehntes Capitel.
Das Wrack.

Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu überlegen.

Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch- oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.

Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte, abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz fest und sicher zu bekommen.

Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und machte sie schaudern – aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich. – Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender Schnelle.

Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun. Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner Seite:

»Jean – was ist mit dem Schiff vorgegangen?«

»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch nach ihm hinüber – »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker, wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich selber denken konnte – Jesus Maria, wie blutig du aussiehst – wie ist dir?«

»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte der Verwundete.

»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean, der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord« – setzte er ernster und fast traurig hinzu.

»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit geschlossenen Augen auf das Heu zurück.

»Unsinn,« lachte aber Jean wieder – »deine Leiden sind jetzt zu Ende. – Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, mich kriegt er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß. Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen – der untere Raum ist ganz voll. – Wie still und ruhig es jetzt da unten ist,« setzte er schaudernd hinzu – »der Mensch ist doch ein entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.«

»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter – »wo zum Teufel steckt Ihr?«

»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine Furcht, wir wollen die Sache schon machen.«

Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten, um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen.

Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. – Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr. Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er, bleibe der Schuft in Eisen. – Er habe sich widersetzt und dem den Tod gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei, und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden. Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.

»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und – ich weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.«

»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch – »übrigens wer sagt Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will? Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger zu behelligen.«

»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der Mate rasch.

»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger behagen. – Was verlangt er mehr?«

»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate kopfschüttelnd.

»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück. – »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können, sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich nichts zu thun haben. – Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen, und eben nicht als die besten Freunde geschieden.«

»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach seiner Wunde sehen können« – sagte Mr. Black, und wollte sich abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen.

»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht eher bis ich Ihnen das sage – wenn's Ihnen gefällig ist. – Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. – Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren – aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.«

Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit besser fand als er wirklich erwartet hatte.

Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten, den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck hinunter in See zu heben.

Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um 12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen. Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.

Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen – stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden zurückgelassen. – Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll geworden – und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber so ins Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben.

An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich deshalb einen Wink und gingen nach oben.

Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans nicht allein an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen, mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte – sie wollten bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht, und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit frohem Muthe betrachten.

Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern, sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben.

Vierzehntes Capitel.
Die Mannschaft trennt sich.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate – denn der Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte auf Deck mit diesem um die Wette – und eine Stunde später war das letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt gerüstet.

Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem halb Englisch, halb Malayisch:

»Tuwan Jean – gestern hab' ich gehört – Ihr mit Tuwan Hans gehen wollt – ich auch. – Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und will recht folgsam sein.«

»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.«

»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und schüttelte mit dem Kopf – »habe schon müssen meine Sachen in sein Boot legen.«

»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. – »Es thut mir aber leid – ich möchte dich gern mit haben.«

»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude.

»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose – »sieh' zu daß du's einrichtest.«

»Timor,« rief gerade der Capitän – »was hast du da vorn zu suchen, Schlingel? – marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann bleibst du selber unten dabei – was gibt's noch, he?«

»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern und sah seinen Herrn von der Seite an.

»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend. »Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? – Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du deine Freude daran haben sollst. – Marsch, die Sachen ins Boot, und dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. – Sind die Flaschen alle unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? – he?«

»Saya Tuwan« – murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. – Es wäre nicht die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen.

Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. – Der Capitän stand an der Fallreepstreppe – fertig niederzusteigen – alle seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor hatte eben das letzte Kistchen – den Peil-Compaß, den sie vielleicht zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn nicht umkommen lassen.

Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte. Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern.

»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt – »wollen Sie uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem Schiff gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. – Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag rechnen.«

»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend – »Ihr zu gut haben? Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. – Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas hätte Euch umsonst verrathen?«

»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,« sagte Bill lachend. – »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren, als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. – So – das ist das Lange und Kurze davon.«

Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten Wasser schwamm ein Strohhut.

»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt – »er ist ins Wasser gestürzt!«

»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er dabei seine Kiste aufzuschließen.«

»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und erschreckt aus – »wo ist Timor?«

»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« – betheuerte der Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän ins Boot hinunter folgen wollte. – »Timor!« rief der Capitän noch einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche sei hier hineingestürzt – »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte.

Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten.

»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit vor Angst fast erstickter Stimme. – »Jean – um Gotteswillen, Jean.« –

»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. – Sie hatten in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. – Das kohlschwarze, sonst so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. – Er war allein.

»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht weggewaschen sein. – Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen haben.«

Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen.

»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin:

»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer in einem Schiff drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan, damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.«

In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye, Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord Zurückgebliebenen winkten mit der Hand.

»Stoßt ab – Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den freundlichen Gruß unterbrechend – »und macht Euch da vorne Platz, daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.«

Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. – Er war noch sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen.

Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte, waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes Doppelgewehr.

»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß:

»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. – Hättet Ihr mich peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. – Wir sehen uns wieder,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote, das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte, sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm, wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. – Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit trotzigem Hohn:

»Dank Euch, Capitän – werd's Euch zu gut schreiben – auf Wiedersehen!«

Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer Schußweite – eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht.

Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt, dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft.

»O Unsinn, Mann,« lachte Jean – »reiner Eigennutz von uns. Wir wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf sagte bedächtig:

»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den Versuch wagen, wenn wir uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. – Die Schwarzen an diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.«

»Pah, wagen,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. – »Wir sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. – Wetter noch einmal, wer mein Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.«

Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen – er stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb:

»Tuwan Jean – Tuwan Jean – ist Capitän fort?« – und im nächsten Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich an Deck – über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen Blick warf. – In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck herum.

Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte. Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein:

»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an – trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen. Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt – der kleine Heide, der!«

Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche Art.

»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete, glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren. Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf seinen Vorschlag abwarten zu wollen.

Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten. Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten, die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu erreichen.

Fünfzehntes Capitel.
Die Bootfahrt.

Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden womöglich nichts als die Provisionen zu lassen, die nicht unter seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken, feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war, entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. – Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen konnte, zerstoßen zu haben.

Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen, an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen.

Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht, da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht. Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit.

»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß.

»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein, durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war.

Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend, und der andere sein Bein ausruhend.

Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. – Einzelne Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden. François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem Fahrwasser liegen sollte.

Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas, und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem tiefen Wasser des inneren Beckens.

Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch liefen.

»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn barrier reefs werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt – tiefer – tiefer – noch tiefer – Steady – Luff wieder – und nun Cours –« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen. »Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.«

»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,« rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder zurück brachte, »sind wir hinaus?«

»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans, viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. – »Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.«

»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell und erstaunt.

»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren Lootsen hier hindurch haben als mich. – Wäre der Capitän ein vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu verlieren gebraucht – doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.«

»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit schweigend zugehört hatte – »ich wollte dich schon lange – aber Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte da immer ins Blaue hinein.«

»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und mit Gold eingelegte Kapsel hing – »gebrauch den so lange, er thut's wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir Land in Sicht bekommen.«

»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden oder Süden – Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und – hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.«

»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm, laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.«

Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff, sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend:

»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und hergegangen ist. – Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? – Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr ist.«

»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten gehabt – ich möchte nur wissen warum.«

»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt Ihr aber Geduld haben.«

»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub' ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß und wie er's verantworten kann – und nun erst einmal einen Schluck auf gute Cameradschaft und glückliche Reise!«

Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen.

Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der, nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe – ein Mittelding zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten, lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle hingeführt wurden. – Waldungen, Ströme – selbst Städte schwanden mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch gesehenen Bilder verdecke.

»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder – dort der Wald – dort das tiefe Thal.«

Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer Backe in die andere und lachte.

»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! – kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. – Bless you, ein Wald und Thäler – der Mann phantasirt. – Nimm noch einen Schluck von dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.«

Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das aber sah, meinte gutmüthig: –

»Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber hier haben wir in Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir mögen wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen, und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« – Und damit hob er die Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück – »halt,« sagte er dabei – »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere kriegen.«

Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf das er halten konnte.

»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« – sagte Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. – »Am Ende ist das das feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.«

»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks Insel sein – eine kleine aufragende Spitze; – wie?«

»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann auch weiter nichts sehen als den Punkt – doch halt, da rechts hinein liegt noch mehr Land glaub' ich – luff ein wenig mehr auf, Hans, wir halten besser Strich.«

»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun, und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.«

»Gut,« sagte Hans – »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg nach Sydney zu wagen?«

»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir am schnellsten zum Lande kämen.«

»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern wollt. – Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist gewiß. – Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste zurücklassen.«

»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?« frug Bill verblüfft – »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän angefangen.«

»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell – »das Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher wählen, und deßhalb können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen. Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich in den Indischen Archipel ein – vielleicht gar nach Timor, wo wir ja hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.«

»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell – »es wäre doch wunderbar wenn vier starke junge Kerle – und Timor dürfen wir immer für einen halben rechnen – sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen, welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.«

»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen blickend.

François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. –

»Cest la même chose pour moi, camerade,« rief er fröhlich, »wohin es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar nicht.«

»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte.

»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen – brassen; so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der Küste nahen.«

»S'ist doch ein merkwürdiges gibberitch das Französische« brummte Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als merci Monsiehr und sil woo plaze – was beinah wie breit Irish klingt. – S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer Sprache begreift, jedesmal God dam ist. – Ich möchte nur wissen woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. – Wenn ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die schwimmen will. – Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.«

»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich viel höfliche Redensarten haben. – Was die eine Nation nun von der andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.«