König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte, weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein, nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes, sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit ein scharmanter König geworden war.
Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.
Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.
Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche Gefühl zu verletzen, um einen dolus eventualis auf dem besonders heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und flüstert (wenn er das Wort ”geradezu“ im Wappen führt): ’Sie, Ihr Hosentürl ist offen,‘ oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen orientierenden Blicke: ’Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.‘ Ja, es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: ’Sie, verlier'n S' sei' nix!‘
Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben, erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.
— ”Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,“ bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, ”aber sie müßte äußerst schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: sämtlich nicht ins Gesicht sehen, sondern — ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen selber handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte Würde des Königtums zu retten! Hic Rhodus! Hic salta! Walten Sie Ihres Amtes!“
Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in sein Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.
Sollte er vielleicht doch?… Sollte er nicht doch vielleicht mit dem Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: ’Majestät haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die …‘
Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das geht ja doch nicht! Niemals noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee, zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, scheinbar die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung tatsächlich unterlassen hatte.
Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person Hand anlegend, den Mangel brevi manu reparieren können, — eine Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen wäre.
Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. —
Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos, das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm.
Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft, — nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen Punkt …
”Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!“ meinte Meier.
”Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,“ flüsterte der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären … ”Sie müssen durch die Blume gewissermaßen … von hinten herum sozusagen … abstrakt …“ Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu weit weg von seinem Ressort.
”Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in der Art, daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!… Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.“
Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt und zu allem entschlossen ist.
Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün gewesenen Hut ab und — machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er seinen Hut wieder auf und stand stramm.
Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe und Übung scheut:
”Na, Meier, was gibt's?“
(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: ”Ich möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.“
Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: ”Fragen Sie nur zu, Meier.“
Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: ”Wie wär's denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln zumachten?“
Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten mit Hämmern inne und lachten mit.
Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich gewählt.
König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten aufbewahrt): ”Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht in der Regierung verwenden kann. — Ja, meine Herren,“ und damit wandte er sich zu den übrigen: ”das Volk, das Volk!… Es ist eine schöne Sache um das Volk!…“
Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine besondere Huld zuwendete.
Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung sicher beizubringen wissen.
Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden. Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es Phlegma — wenn es nicht einfach Faulheit war — und tat so, wie wenn es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig, sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen. Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.
Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.
Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in Erstaunen versetzen.
Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß, der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem gewissen Sinn tadellos — aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge — es sind Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen. Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so ist das nicht unerfreulich.
Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm Tirili zu erwerben.
Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist, weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim wichtiger, als der Weg — denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also ultima ratio: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden Feuerrädern auftat — da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch; die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren zerschlitzt.
Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach Hause.
Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt. Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick. So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.
Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend Tücken gerächt hätte, und siehe da — was ist das für eine Weltordnung! — ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.
Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz aus Hartgummi und ölt sich selbst.
Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus — ich kann mir nicht helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.
Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.
Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin. Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich mit Tirili passiert ist.
Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden, wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich richteten.
Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt meines Dramas glatt und con amore abspielte. Dieses Schauspiel interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen auszusetzen — da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.
Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt, wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur Tirili allein helfen.
Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da war ich auch schon — ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir, Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren. Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich. Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger, Bauer oder Edelmann.
In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen Strähnen aufzuhängen — da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter — ich darf in diesem Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein: Hölle und Teufel — ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes, hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs. Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte meiner Königin die Hand.
Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen konnte — da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern! Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A. Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten verabschiedeten: ”Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!“ Kaum waren diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen waren.
Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute nochmals geboren würde — auch er würde einen Cleveländer vorziehen. Meine Tirili kriegt er aber nicht.
Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach, der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert Jahre alt sein, — so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt und der Menschen war seine Rede, — Graf Beisersheim hatte sich in einer Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger Sentimentalität einen Christbaum angeputzt.
Sich und einigen Freunden, die er nun zur ”Bescherung“ einlud.
Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich, nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder Schlachtfelde.
Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht vollkommen gewachsen.
Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch hätte bekommen können.
Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu rauchte.
”Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes entsprechende Weihnachtsfeier,“ bemerkte er, indem er seine kleinen, grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. ”Nur schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine Reputation zerreißen.“
In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: ”Und du? Warum schläfst dann du nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen, Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie du, Menschenskind, ist nicht einmal er.“
”Pih, pih,“ machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing, ”pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht, aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein Bauer.“
Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.
Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen, mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente er sich aufs heftigste und schrie: ”Mein Herr ist ein Dichter mit Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte, während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches einbringen, mit Respekt reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!“
Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach: ”Machen Sie keinen Unsinn, Mann — fünfzehn Prozent, oder ich schließe mit Ihrem Konkurrenten ab!“
Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt machte: ”Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf …“
”I, du verflixte Mamsell!“ rief der dazwischen, der sich gar nicht zu wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich gebärdete, ”willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag reserviert.“
Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte, der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh, sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.
Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei, und er bemerkte daher: ”Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob, wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht, so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel, würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.“
Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter häufigem schluchzenden Aufstoßen): ”Und wenn meine Augen mir auch ganz davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick, daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines vollkommenen Wesens erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich begraben lassen.
Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen, und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit Recht bemerken durfte: ”Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in seiner Umgebung so nötig gehabt.“
Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.
Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare erklang — so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.
Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte, sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen Phonographenstimme billigster Nummer: ”Friede auf Erden! Friede auf Erden! Friede auf Erden!“
Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: ”Das kommt davon, wenn ein Engel durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr gewöhnt.“
”Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,“ ertönte hier in schnellem Einfall eine volle Männerstimme. ”Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?“
”Na, das will ich meinen,“ erwiderte eine angenehme Frauenstimme: ”eine Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken gepufft.“
”Aha,“ sagte der Graf. ”Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst im Unendlichen trafen — worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends nicht warten kann.)
”Ach, du lieber Gott,“ antwortete darauf der schöne Adam, ”das brauchten wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen. Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab' so meine Gedanken darüber.“
”Gedanken hat er!“ rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel. ”Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht …“
”O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt das wieder an,“ rief Adam voller Schrecken. ”Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.“
Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach.
Dafür bemerkte der Graf zu Adam: ”Sie müssen ein guter Kunde für die Goldschmiede sein, Herr von Adam!?“
”Ach Gott, ja,“ erwiderte der, ”die Hauptsache aber sind doch Goldschmiedeworte. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen — wo es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen. Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich haben — aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr gut, daß die Frauen so — äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.“
Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: ”Was muß ich denn Ihnen schenken, damit ich um Ihre Dissertation herumkomme?“
”Man sieht,“ erwiderte Adam, ”daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe Beziehung hat. — Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?“
”Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,“ antwortete der Graf etwas schläfrig.
Adam aber erwiderte: ”Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon, nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!) aussehen, — das möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken: Ich habe niemals Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!“
”Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,“ warf Eva schnippisch ein.
”Was?!“ rief Adam aus, ”ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du dich auswachsen würdest? Und ”keine Leute?“ Ist der liebe Gott etwa nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden, wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen nachsagen.“
Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte seelenruhig: ”Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.“
”Richtig“, antwortete der, ”und das tut mir leid, denn ich wollte von guten Dingen reden; und das wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, — nicht wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.“
Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie, die sonst selten zwischen ihnen bestand.