»Gegenstand – Thorheit!« brummte aber der Justiz-Rath. »Thu' mir den einzigen Gefallen, liebes Kind, und sprich nicht von Gegenständen, wo es sich um eine einfache vollkommen gleichgültige Persönlichkeit handelt. Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der Mensch kommt wahrscheinlich morgen früh wieder zu mir, und dann erlaubst Du mir wohl, daß ich ihn Dir vorstellen darf –«

»Und bist Du wirklich überzeugt, daß es ein Mensch war?«

»Aber Auguste –«

»Hast Du ihn berührt?«

»Ich? – hm ich kann mich nicht besinnen – es war auch keine Gelegenheit dazu da, denn einem fremden Menschen giebt man doch nicht gleich die Hand – aber er ist doch wie andere Sterbliche hereingekommen.«

»Hat er sich selber die Thür aufgemacht?«

Der Justizrath sann einen Augenblick nach – »Nein« sagte er dann, »das konnte er nicht, sie war ja verschlossen – aber er muß sie selber wieder aufgemacht haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du mir doch zugeben.«

Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath zu, legte ihren rechten Arm um seinen Nacken und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte sie leise und bittend:

»Sei nur nicht böse, Theodor, sieh ich kann ja Nichts dafür; und ich – mir möchte das Herz selber darüber brechen, aber – ich fühle es deutlich in mir, es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir nicht ankämpfen können, mag sich der Verstand auch dawider sträuben wie er will. – Wenn mir der graue Mann zum dritten Mal erscheint – so sterb ich.«

»Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen« rief jetzt der Mann in Todesangst, indem er sie fest an sich preßte – »gieb nicht solchen furchtbaren Gedanken Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, daß Menschen nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind, wenn sie sich erst einmal in ihrem Geiste festgesetzt hatte. Erst war Trübsinn, dann Schwermuth die Folge und im Körper nahm Schwäche zu, je mehr jene Idee im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.«

»Aber Du sprichst immer von einer Idee, Theodor,« sagte die Frau – »habe ich denn die Gestalt nicht zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich, wie ich Dich selber hier vor mir sehe?«

»Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu,« sagte der Mann in verzweifelter Resignation, und jetzt nur bemüht diese Phantasie durch Vernunftgründe zu bannen – »denn das unglückselige Menschenkind, das gerade in der Zeit zu mir kommen mußte – und ich wollte, Gott verzeih mir die Sünde, er hätte sonst was gethan – saß wirklich da. Aber das erste Mal, liebes gutes Herz mußt Du mir doch zugeben, daß es nur das Spiegelbild einer Deiner Träume gewesen sein kann.«

Die Frau antwortete nicht, schüttelte aber nur leise und kaum merklich mit dem Kopf.

»Sieh, liebes Kind,« fuhr Bertling, der die Bewegung an seiner Schulter fühlte, fort: »Du wirst mir doch zugeben, daß ein Geist – wenn wir wirklich annehmen wollen, es gäbe derartige Wesen, denen verstattet sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil anzustiften – körperlos sein muß, also nur ein Hauch, verdichtete Luft höchstens. Was aber keinen Körper hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit unseren Augen, die ja doch auch nur körperlich sind.«

»Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel,« sagte die Frau, sich von seiner Schulter emporrichtend. »Wir wissen doch, daß die Sterne am Himmel stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am Tag nicht, mag der Himmel so rein sein wie er will – aber man hat Vorrichtungen für das Auge, wodurch man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, daß sie einzelne Dinge sehen können, die Anderen unsichtbar bleiben.«

»Aber die Sterne sind auch Körper, liebes Herz, und noch dazu ganz respectable.«

»Du weichst mir aus,« rief die Frau, »und ich leugne, daß unser Auge nur allein für Körper geschaffen ist. Der Schatten ist kein Körper und wir sehen ihn doch.«

»Aber nur, wenn er auf einem Körper liegt, doch nie allein und selbständig in der Luft.«

»Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft gesehen,« sagte die Frau, die fest entschlossen schien, den einmal gefaßten Gedanken auch festzuhalten, »sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der Wand –«

»Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz, mit Deinem Gespenst,« sagte Bertling, während ein tiefer Seufzer seine Brust hob – »wer Dir nur in aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt haben kann.«

»Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung mit diesem Namen, Theodor?«

»Meine liebe Auguste,« flehte der Mann dringend, »mißverstehe mich nicht. Ich will Dir ja bei Gott nicht wehe thun, aber wie in aller Welt soll ich Dich nur überzeugen, daß – daß Du Dich wirklich und wahrhaftig geirrt und ein körperliches Wesen mit einem geistigen in eine ganz unglückselige Verbindung bringst? – Aber das hätte Alles nichts zu sagen, Herz, denn von diesem Irrthum hoff' ich Dich mit der Zeit zu überzeugen; nur Das beunruhigt mich, und noch dazu in der peinlichsten Weise, daß sich bei Dir eine – ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll – eine solche unglückselige Idee festgesetzt hat, die Du für eine Ahnung nahen Todes hältst. Wenn Du mich nur ein ganz klein wenig liebst, so bekämpfe diesen Gedanken mit allen Kräften, und von dem Uebrigen fürchte ich Nichts für Dich. Willst Du mir das versprechen?«

»Aber lieber Theodor,« fragte die Frau – »kann man denn eine Ueberzeugung noch bekämpfen?«

Der Mann seufzte recht aus voller Brust. Endlich sagte er:

»Dagegen läßt sich nicht streiten, und wir können nur hoffen, daß der liebe Gott noch Alles zum Besten wendet. Ich selber werde mir aber jetzt die größte Mühe geben, um Dir den Patron, der mich heute Abend mit seinem Besuch beehrte, als ein sehr körperliches Wesen vorzustellen, und wenn ich erst einmal eine Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt habe, dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden. Bis dahin bitte ich Dich nur um eins und das mußt Du mir versprechen: Dich nicht absichtlich trüben Gedanken hinzugeben, sondern sie, so viel das nur irgend in Deinen Kräften steht, zu bewältigen – das Uebrige findet sich dann. Thust Du mir den Gefallen?«

»Von Herzen gern,« sagte die Frau seufzend, »ach Du weißt ja nicht, Theodor, wie furchtbar schmerzlich mir selber das Gefühl ist und ich will ja gern Alles thun um es zu ersticken.«

»Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein Kind,« erwiderte mit erleichtertem Herzen Bertling, indem er sie an sich zog und küßte – »und nun gilt es vor allen Dingen, meinen flüchtig gewordenen Besuch aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote steht, hoffe ich, daß das nicht so schwer sein soll.«

»Ich fürchte, Du wirst ihn nicht finden,« sagte Auguste.

»Das laß meine Sorge sein,« lächelte ihr Mann – »und nun wollen wir Thee trinken.«

Viertes Capitel.
Die Kartenschlägerin.

Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr Morgens auf, und liebte es seinen Caffee im Bett zu trinken. Er gehörte auch zu den ruhigen Naturen, die sich durch kein Ereigniß, durch keine Sorge den Nachtschlaf rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrücken oder quälen könnte, über Tag abmachen. Heute war er aber doch schon um sieben Uhr auf den Füßen und vollständig angezogen, und ging jetzt selber aus, um vor allen Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung seines gestrigen Besuches zu geben, wie ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen Ausfindigmachung zu setzen. Natürlich durfte der Mann, wenn wirklich gefunden, durch Nichts belästigt werden; nur seinen Namen und seine Wohnung wollte er wissen, und ihn dann selber aufsuchen.

Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere Thätigkeit, denn zehn Thaler waren nicht immer so leicht zu verdienen. Nach allen Seiten breiteten sich ihre Diener aus und hatten auch in der That schon den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige zwanzig Leute aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung allenfalls entsprachen, den Justizrath aber in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nämlich dadurch einige zwanzig Adressen von ihm völlig unbekannten Leuten, die in den verschiedensten Theilen der Stadt sämmtlich die 3te oder 4te Etage zu bewohnen schienen und wohl oder übel mußte er seine Wanderung danach beginnen, denn zu sich citiren konnte er sie natürlich nicht.

Wie man sich denken kann, fand er auch die Hälfte von ihnen nicht einmal beim ersten Besuch zu Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder und wieder getäuscht, denn der Rechte war nicht unter ihnen. Vier Tage lang aber setzte er mit unverdrossener Mühe seine Versuche fort, immer aufs Neue getäuscht, aber immer auf's Neue hoffend, daß ihm der nächste Name den Gesuchten vorführen würde.

Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, daß der Mann, der an jenem Abend jedenfalls etwas von ihm gewollt, vielleicht sogar von selber wiederkehren würde – aber er sah sich darin ebenso getäuscht, wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. Der räthselhafte Mensch schien wie in den Boden hinein verschwunden.

Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. Sie wußte recht gut, wen er die ganzen Tage über, mit Vernachlässigung aller seiner nothwendigsten Geschäfte, gesucht habe; nie aber, wenn er körperlich ermattet und geistig abgespannt zum Mittags- oder Abendbrot heim kam, frug sie ihn nach dem Resultat seiner heutigen Suche – sie schien das schon vorher zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend mit dem Kopf, als ob sie hätte sagen wollen: Es ist ja natürlich – wie kannst Du ein Wesen in der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde körperlich existirt – und dem Justizrath war es dann jedesmal, als ob er wie ein Maschinenwerk frisch aufgezogen wäre, und die Zeit gar nicht erwarten könne, in der er wieder anfinge zu laufen.

Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr fortgegangen, weil einige nothwendige Arbeiten erledigt werden mußten, um sieben Uhr hatte er außerdem eine Sitzung und seiner Frau gesagt, daß er heute nicht vor neun Uhr nach Hause kommen könne – wäre er aber im Stande sich früher loszumachen, so thäte er es sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch hinüber und bat die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein wenig die Freundin besuchen könne. Sie sei heute so merkwürdig niedergeschlagen, und da er durch nothwendige Geschäfte abgehalten wäre, würde es ihm eine große Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft leisten wollte.

Die stets heitere und freundliche Hofräthin versprach das von Herzen gern, ja meinte, sie hätte es sich heute sogar schon selber vorgenommen gehabt, Augusten aufzusuchen, da sie – einen Scherz vorhabe bei dem sie ihre Mitwirkung wünsche.

»Sie sind ein Engel,« sagte der Justizrath mit einer, an ihm ganz ungewohnten Galanterie, denn durch die freundliche Zusage schien sich ihm eine Last vom Herzen zu wälzen, und vollständig versichert, daß seine Frau jetzt für den Nachmittag und Abend Zerstreuung und also keine Zeit habe, ihren trüben Gedanken nachzuhängen, ging er mit Ernst und gutem Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine unbestimmte Persönlichkeit, von der er weder Namen, Stand noch Wohnung wußte, in der ziemlich weitläufigen Stadt aufzusuchen.

Die Hofräthin Janisch hielt indessen Wort; kaum eine halbe Stunde später war sie drüben bei der Freundin und hatte ihr so viel zu erzählen und plauderte dabei so liebenswürdig, daß Auguste das sonst so schwer auf ihr lastende Gefühl endlich ganz vergessen zu haben schien. Bertling würde seine herzinnige Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser Zeit hätte sehen können.

Indessen war die Dämmerung hereingebrochen. Eben aber wie Licht gebracht werden sollte, sagte Pauline:

»Hör einmal, liebes Herz, ich – ich habe etwas vor, bei dem Du mir helfen sollst – willst Du? – es ist nur ein Scherz.«

»Von Herzen gern, was ist es?«

»In Eurem Hause wohnt eine Frau – nun wie heißt sie doch gleich – eine Frau Heßling oder –«

»Heßberger? Das ist die Schuhmachers Frau, gleich über uns. Meinst Du die?«

»Ganz recht. Ihr Mann arbeitet für uns und die Frau – aber Du darfst mich nicht auslachen, Schatz – die Frau soll ganz vortrefflich Karten schlagen können.«

Auguste lächelte. »Ich habe auch schon davon gehört,« nickte sie leise vor sich hin, »und der Mann hat dabei die komische Eigenschaft, daß er das für eine Kunst des Teufels hält, es der Frau aber doch nicht verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber das Unheil abzuwenden, das dadurch auf ihn fallen könnte, singt er jedes Mal, so lange die Frau mit solch unheiliger Beschäftigung hantirt, im Nebenzimmer und mit lauter Stimme geistliche Lieder, die in der Nähe schauerlich klingen müssen, denn schon aus der oberen Etage herunter haben sie uns oft zur Verzweiflung getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.«

»Das stimmt Alles,« lächelte Pauline, »und jetzt wollte ich Dir nur mittheilen, Schatz, daß ich gesonnen bin, Dich diesen musikalischen Ohrenschmaus ganz in der Nähe genießen zu lassen.«

»Mich,« frug Auguste erstaunt – »was hast Du denn vor?«

»Nichts weniger« lachte Pauline, »als mir von Frau Heßberger heute Abend die Karten legen zu lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals zu lesen, während ihr Gatte durch ein paar passende oder unpassende Gesangbuchverse die bösen Geister fern hält.«

»Aber Pauline –«

»Und Du sollst mich begleiten,« rief diese muthwillig – »ich will mich nicht umsonst schon die ganze Woche darauf gefreut haben.«

Auguste schüttelte nachdenkend mit dem Kopf – es war ihr nicht ganz recht; die Aufforderung kam ihr aber auch so unerwartet und plötzlich, daß sie nicht gleich einen richtigen Grund wußte, sie abzulehnen.

»Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen der Zukunft sein Spiel treiben« sagte sie endlich leise.

»Aber Herzensschatz,« lachte Pauline, »Du glaubst doch nicht etwa, daß Frau Heßberger, die den ganzen Tag über Schuhe einfaßt, oder ihrem Gatten den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends eine wirkliche Sybille würde und mehr von den Geheimnissen der Zukunft errathen könnte, als wir anderen armen Sterblichen auch?«

»Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?«

»Verstehst Du denn keinen Spaß?« lachte Pauline – »ich freue mich wie ein Kind darauf, ihre geheimnißvollen Zubereitungen zu sehen und die Orakelsprüche, während ihr Gatte den Teufel fern hält, – aus ihrem Munde zu hören. So was erlebt man doch nicht alle Tage, und bequemer wie wir es von hier aus haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.«

»Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir hinauf zu der Frau gehen?«

»Und wer braucht es zu erfahren? – Deine Rieke schickst Du ein paar Wege in die Stadt, wobei sie immer so viel für sich selber zu besorgen hat, daß sie doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in der Hälfte der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.«

»Und wenn die Frau selber darüber plaudert?«

»Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen, daß sie sich dadurch ihre ganze Kundschaft vertreiben würden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen betrifft, sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu Gefallen, Auguste; ich habe mich schon so lange darauf gefreut und kann doch nicht gut allein hinauf gehen.«

»Wenn es mein Mann erfahren sollte, würde er böse darüber werden – ich kenne Bertling.«

»Lachen wird er,« rief Pauline »wenn wir ihm nachher die ganze Geschichte erzählen – es giebt ja doch einen Hauptspaß und Du darfst ihn mir nicht verderben. Außerdem brauchst Du Dir ja auch gar Nichts prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst, daß es Deinem Mann – den ich übrigens für vernünftiger halte – fatal sein könnte. Du gehst nur als Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl – oder wenn der nicht da sein sollte, auf einen Schusterschemel und hörst zu.«

Auguste lächelte still vor sich hin, als sie sich das Bild im Geist herauf beschwor, die muntere Freundin ließ auch mit Bitten nicht nach, und wußte alle ihre Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu beseitigen, daß sie sich endlich nicht länger weigern konnte und mochte, und Pauline sprang jetzt, fröhlich in die Hände schlagend ordentlich wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.

Ein Auftrag für Rieke, um diese zu entfernen, war bald gefunden und kaum sahen sie das Mädchen über die Straße gehen, als die beiden Frauen ihre Tücher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.

Nach der Frau Heßberger aber brauchten sie nicht lange zu fragen, denn gleich rechts von der Treppe war die enge, dunkle Küche, in der die Dame eben beschäftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine gewöhnliche Küchenlampe verbreitete ein mattes trübes Licht in dem niederen, eben nicht besonders sauber gehaltenen Raum, in den aber des Schusters Frau ganz vortrefflich hineinpaßte und sich auch wohl darin zu fühlen schien.

Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hörte, nahm sie aber mit der Rechten, während die Linke noch immer in der Suppe rührte, die Lampe auf und hielt sie über den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen zu können, wer der fremde Besuch sei. – Unerwartet kam er ihr ja überhaupt nicht, denn es geschah gar nicht etwa so selten, daß sie von den verschiedensten Damen der Stadt und zwar von Damen jeden Ranges in der Gesellschaft, gerade um diese Zeit des Abends, oder auch noch später, aufgesucht und mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde – und sie verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem Fleiß, mit Ahle und Draht.

Auguste schämte sich fast ein wenig des Besuchs und hielt sich noch immer scheu zurück, ihre keckere Freundin aber, die überhaupt die Leitung des Ganzen übernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlägerin sie jeder Ansprache überhob, indem sie mit einer Höflichkeitsbewegung, die als ein Mittelding zwischen Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:

»Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofräthin; habe Sie schon eine halbe Stunde erwartet, und dachte beinah es wäre etwas dazwischen gekommen. Bitte treten Sie näher Frau Justizräthin – freut mich ja recht sehr, Sie auch einmal oben bei mir zu sehen.«

Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in dem halbdüsteren Vorsaal und zum Theil von der Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr halblachend den Kopf zu und sagte dann:

»Schön, meine liebe Frau Heßberger, daß Sie uns erwartet haben; dann ist wohl auch bei Ihnen Alles hergerichtet?«

»Alles, beste Frau Hofräthin, Alles,« erwiderte aber Frau Heßberger, ohne sich außer Fassung bringen zu lassen. »Das versteht sich doch aber auch von selbst, wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Stühle sind schon zum Tisch gerückt; habe weiter nichts drin zu thun, wie nur die Lichter anzuzünden.«

Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau ließ ihr aber keine Zeit zu weiteren Fragen und nur mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich vorangehe« – öffnete sie die Thür zur Werkstätte, in welcher ihr Gatte und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten Glaskugeln arbeiteten.

Der alte Heßberger, eine kleine untersetzte Gestalt mit einer schwarzen, Gott weiß wie alten, fettglänzenden Mütze und eine Brille auf, kauerte auf seinem Schemel und schaute, als sich die Thür öffnete, von seiner Arbeit gar nicht auf. Mürrisch sah er vor sich nieder, und machte auch nicht den geringsten Versuch selbst zu irgend einer Art von Gruß. Der Besuch galt nicht ihm, so viel wußte er recht gut, weshalb also brauchte er sich darum zu kümmern.

Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen und scheuen Blick nach den Damen hinüber, denn der gegenüber sitzende Meister beobachtete ihn über die Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen Gesangbuch dicht neben ihm liegender Knieriem mochte wohl eine versuchte Neugier von seiner Seite schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft haben.

Es ist möglich, daß das mürrische Temperament des Alten die einzige Ursache dieser Gleichgültigkeit war, viel wahrscheinlicher aber, daß er es eher aus Rücksichten für den Besuch selber unterließ, von diesem die geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, denn er wußte recht gut, daß die Damen, die solcher Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau kamen, nicht erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein wollten – warum ihnen also nicht darin willfahren, da sie doch immer gut bezahlten.

Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen der verschiedensten Leisten und Lederstücke und dem Ofen hindurch nach der dort befindlichen Thür, öffnete diese und entzündete zwei auf dem mit einer alten verwaschenen Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter; Auguste und Pauline waren ihr indeß gefolgt, und ehe sie die Thür hinter ihnen schloß, rief sie nur noch dem Lehrjungen zu, die Suppe für den Meister herein zu holen und drehte dann den Schlüssel im Schloß um.

Pauline, während ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte, sah sich indessen in dem kleinen Gemach um, das allerdings nicht glänzend genannt werden konnte, aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Küche und Werkstätte abstach.

Es war ein nicht sehr großes Gemach, das allem Anschein nach zum Wohn- und Schlafzimmer der Eheleute diente. Zwei Betten standen – Fuß- und Kopfende an der einen Wand, durch nichts als ein paar alte Decken von buntem Kattun verhüllt. An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen sogar zwei Blumentöpfe mit den ersten Kindern des Frühlings, Primeln und Hyacinthen, und an beiden Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke fehlte, waren ein paar schauerliche Oelgemälde angebracht, die jedenfalls »Herrn und Madame Heßberger« im Sonntagsstaat – vielleicht als junge Eheleute darstellen sollten. Waren sie indessen mit der Zeit so nachgedunkelt, oder verhüllte die jetzige Düsterheit des Gemachs ihre vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in diesem Augenblick ließ sich auf dem einen Bilde Nichts als die Contour eines Kopfes und ein riesiges Jabot erkennen, während auf dem anderen nur die weit ausflügelnde Haube der Frau und eine Hand sichtbar blieb, in der sie ein weißes Taschentuch emporhielt.

Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten in unkennbaren Formen.

Daß die Frau übrigens auf einen Besuch vorbereitet gewesen, wenn sie das überhaupt nicht jeden Abend war, zeigte in der That die ganze Vorrichtung des Tisches neben dem für die beiden Gäste zwei gepolsterte Stühle mit altmodischen hohen Lehnen standen und auf diese nöthigte auch die Frau Heßberger ihren Besuch und sagte freundlich:

»Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen mir gar Nichts vorher zu sagen, ich weiß schon ohnedies weshalb Sie hergekommen sind – bitte nehmen Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen ob ich Ihnen helfen kann.«

»Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, Frau Heßberger?« frug Pauline, die in dem Augenblick doch etwas von ihrer vorherigen Ausgelassenheit verloren zu haben schien.

»Warum sollt ich nicht, Frau Hofräthin, warum sollt ich nicht und wie könnte ich mich unterfangen Zukünftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht das Vergangene und wirklich Geschehene wüßte –«

»Aber ich begreife nur nicht –«

»Lieber Gott« sagte des Schusters Frau, mit einem frommen Blick nach oben, »wir begreifen Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofräthin, und leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. – Wenn man aber ein Bischen tiefer sehen lernt, Frau Hofräthin, dann bekommt man eine andere Meinung von der Sache – Gottes Wege sind wunderbar.«

Es war ordentlich als ob das das Stichwort für ihren Gatten im Nebenzimmer gewesen wäre, denn in demselben Moment begann er mit seinem schauerlich näselnden Ton, das gewöhnliche Präservativmittel gegen den bösen Feind und dessen Einwirkungen, irgend ein endloses Lied aus dem Gesangbuch. Der würdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch etwas gestört; der Schuhmacher hatte nämlich noch keine Zeit bekommen, um seine Suppe zu essen, und daß er Beides mit einander zu verbinden suchte, that dem Einen Eintrag und ließ ihn das Andere nicht recht genießen – aber es mußte eben gehen.

Die Frau, ohne auf den plötzlichen Gesangsausbruch auch nur im Mindesten zu achten, holte indessen von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf dem einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit Schilfblüthen und ein paar grell bemalte Gypsfiguren standen, ein Spiel ziemlich oft gebrauchter Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschäftsmäßiger Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und dabei links und rechts auf die Lehnstühle wieß, um die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.

Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer der Kartenprophetin eine Menge wunderbarer und unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst in Verbindung standen – einen schwarzen Kater z. B. der schnurrend neben der Wahrsagerin saß und auf ihre Worte horchte – düstere Tapeten vielleicht und einen Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte Gipspapagei und Napoleon I., die auf dem Tisch unter dem Spiegel standen und sich – beide von einer Größe – einander starr ansahen, konnten doch wahrlich nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze Zimmer zeigte überhaupt Nichts, was nicht auch in der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu finden gewesen wäre – die Karten selber vielleicht ausgenommen.

Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau wurde aber bald ausschließlich auf die Karten gelenkt, denn die Frau Heßberger begann jetzt in feierlicher Weise sie zu mischen, und dazu tönte der, nur zeitweise von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters dazwischen – und wie laut die alte Schwarzwälder Uhr an der Wand da mit hinein tickte.

Endlich war das Spiel gehörig vorbereitet und die Frau sagte plötzlich, indem sie die Karten der rechts von ihr sitzenden Hofräthin zum Abheben hinlegte:

»Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine verehrte Frau Hofräthin, ob Sie etwas Gestohlenes wieder bekommen werden und – wo der Dieb zu suchen ist.«

»Das allerdings« lächelte die kleine Frau – »aber es wird doch wohl nöthig sein zu sagen was es ist.«

»Das sehen wir ja aus den bunten Blättern« erwiderte ruhig die Kartenschlägerin.

»In der That?«

Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der gewöhnlichen Weise ihre Karten auf den Tisch und während sie sich mit den gerade nicht überreinlichen Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete sie die Kombination der verschiedenen Blätter mit leisem und prüfendem Kopfnicken.

Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt wirklich mit Spannung auf den Zügen der Alten, die aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben schien, wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht mehr das schauerliche Lied des Schuhmachers in der nächsten Stube hörten.

Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:

»Jawohl – ich hab es mir gleich gedacht – das kann nur ein Hausdieb sein – aus dem Secretair heraus –«

»Hat sie Recht?« frug Auguste nur mit einem Blick über den Tisch hinüber die Freundin und diese nickte ihr halbverstohlen zu.

»Nur ein Hausdieb – aber er hat es schlau angefangen – da die Treff Sieben mit der Caro sechs, die den Coeur Buben in der Mitte haben – – aber der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen und es wird nie wieder zum Vorschein kommen –«

»Ja aber beste Frau Heßberger,« sagte Pauline mit einem schelmischen Blick auf die Künstlerin – »daß es Jemand fortgetragen hat, wußte ich schon vorher, und jetzt möchte ich nur erfahren wer; dann ist es doch vielleicht möglich dem gestohlenen Gegenstand auf die Spur zu kommen.«

»Nicht so leicht,« sagte die Frau kopfschüttelnd – »da liegt es, die Caro zehn sagt es deutlich – ein Corallen-Halsband mit goldenem Schloß – das ist leicht versteckt. – Aber der Dieb hat seine Spuren zurückgelassen – da gehen sie Treff zwei, Pike zwei, Treff vier, Pike vier, – deutlich hin zu der Pike-Dame – ich sehe ein Mädchen mit grünem Band auf der Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann langsam die Straße hinunter geht. –«

»In den Karten?«

»Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben zusammen – aber den kann ich nicht deutlich erkennen,« fuhr die Frau fort, ohne den Einwurf zu beantworten. »Er ist zu weit entfernt.«

»Also die Pike-Dame mit dem grünen Band auf der Haube,« nickte Pauline lächelnd, »da wäre schon eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich kenne eine junge Dame, die ein grünes Band auf der Haube trägt. – Wenn wir nur den Coeur Buben ausfindig machen könnten, dem sie das Gestohlene gegeben hat.«

»Das ist nicht so leicht,« sagte die Kartenschlägerin, die ihre Blätter indessen aufmerksam betrachtet hatte – »hier zieht sich eine lange Linie von Treff und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau Hofräthin. – Er kann nur durch die Pike-Dame mit dem grünen Band ermittelt werden.«

»Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn befolgen,« lächelte die Hofräthin – »herzlichen Dank Frau Heßberger – Sie haben mir gezeigt, daß Sie in Ihrer Kunst Meisterin sind« und dabei drückte sie der geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler in die Hand.

»Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen möchten, Frau Justizräthin?« wandte sich die Kartenkünstlerin jetzt an Auguste, die ein wohl aufmerksamer, aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die über den Tisch gelegten Karten wieder zusammengerafft und fing von Neuem an zu mischen.

»Ich danke Ihnen sehr,« sagte aber Auguste, fast ängstlich, »ich – ich habe meine Freundin nur begleitet.«

»Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, Kind, was Sie um Alles in der Welt davon herunter haben möchten,« fuhr die Frau geschwätzig fort, ohne sich irre machen zu lassen. – »Da heben Sie nur einmal ab, die alte Heßbergern weiß oft mehr, als andere Leute zu glauben scheinen.«

Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich ins Herz gegeben. – Oh, wohl lag ihr etwas auf dem Herzen – aber was wußte die Frau davon – was konnte sie davon wissen.

»Heben Sie nur ab, Frau Justizräthin,« drängte die Alte »– es ist ja nichts Unrechtes, was man damit thut. – Was wir vom Schicksal nicht erfahren sollen, erfahren wir doch nicht, so viel Mühe wir uns auch damit geben.«

»So thu ihr doch den Willen,« lächelte Pauline – »oder soll ich für Dich abheben?«

»Nein, das muß die Frau Justizräthin selber thun,« wandte aber die Frau ein; »sonst bekommen wir nachher Confusion. So ists recht – danke Ihnen Madamchen; nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir Ihnen nicht helfen können« und in der alten Weise die Karten auslegend, bedeckte Sie mit ihnen den Tisch, schüttelte dabei aber, wie über die Reihenfolge erstaunt, langsam mit dem Kopf.

Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, aber das Herz schlug ihr dabei so fieberhaft, die Brust war ihr so beengt, sie hätte jetzt Gott weiß was darum gegeben, nur von hier fort zu sein.

»Hm, hm, hm, hm« murmelte da die Alte vor sich hin, indem sie die Karten prüfend betrachtete und immer stärker dazu mit dem Kopf schüttelte, »das ist ja eine ganz wunderliche Geschichte – da geht Ihr Lebensfaden so glatt durch das halbe Spiel, und da kommt auf einmal ein fremder Mann mit einem grauen Rock dazwischen –.«

Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl heben, aber sie vermochte es nicht – willenlos brach sie zurück; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem Schrecken, daß Leichenblässe ihre Züge deckte, und sie kaum im Stande war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline behielt auch in der That nur eben noch Zeit zuzuspringen und sie zu halten, sonst wäre sie unfehlbar von ihrem Stuhl herabgestürzt. Trotzdem wurde sie nicht ohnmächtig; es schien nur als ob eine plötzliche Schwäche über sie gekommen sei und sie bat mit leiser Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fühlte sie sich etwas gestärkt, aber jetzt bestand Pauline wieder darauf, daß sie des Schuhmachers Wohnung augenblicklich verließen – machte sie sich doch längst schon insgeheim Vorwürfe darüber, die Freundin überredet zu haben, sie hier herauf zu begleiten.

»Fühlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen?« frug sie leise, indem sie ihren Arm um Augusten legte.

»Ja, ja,« rief diese rasch und heftig, indem sie sich ohne Hülfe aufrichtete – »komm fort – mir ist es als wenn ich hier sterben müßte.«

»Bitte leuchten Sie uns,« bat Pauline, indem sie dabei Augusten umfaßt hielt.

»Aber beste Frau Hofräthin.«

»Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache ich Sie dafür verantwortlich,« rief die kleine Frau heftig. – »Nehmen Sie Ihr Licht, rasch!«

Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja drohenden Ton, daß die bis dahin noch so feierliche Frau Heßberger ganz beweglich wurde. Sie griff auch rasch ein Licht auf und während ihr Mann mit dem geleerten Suppennapf neben sich, noch an den letzten Versen seines endlosen Liedes brüllte, schritten die beiden Damen durch die Werkstätte. Aber erst draußen auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische Luft schöpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen die Freundinnen in die untere Wohnung, wo sich die Justizräthin erschöpft in einen Stuhl warf.

»Aber lieber Herzensschatz,« nahm hier Pauline das Wort, nachdem sie sich vorher überzeugt hatte, daß sie allein im Zimmer waren – »wie, um Gottes Willen hat Dich das Gewäsch der alten Kaffeeschwester auch nur im Mindesten aufregen können. Du bist doch vernünftig genug an derlei Unsinn nicht wirklich zu glauben.«

»Wir hätten gar nicht hinauf gehen sollen,« sagte Auguste leise – »ich wußte vorher wie es werden würde.«

»Aber soll man sich denn nicht einmal derartige Dinge mit ansehen? Ist es denn nicht interessant zu beobachten wie die Menschen einander betrügen und wie sie betrogen sein wollen?«

»Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen Schmuck gesagt? Woher konnte Sie das wissen?«

»Woher?« lachte Pauline, »als ob derartiges Volk nicht überall herum spionirte, und mit ein klein wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande wäre, irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie der Gläubigen trägt freiwillig dazu bei und der Ruf einer Prophetin ist fix und fertig. – Denkst Du nicht, daß sie bei meinen Dienstboten schon herum gehorcht hat, ja zehn gegen eins möchte ich wetten, daß ein' oder die andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich Raths zu erholen; aber das will ich schon herausbekommen, verlaß Dich darauf.«

»Und die Frau mit der grünen Schleife?«

»Es geht allerdings eine Wäscherin bei uns aus und ein,« sagte die Hofräthin, »die eine grüne Schleife auf der Haube trägt, und der wird sie oft genug begegnet sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen Verdacht zu werfen. Jedenfalls hat sie auch nur ganz auf gut Glück hin die genannt, eben so wie bei Dir den Mann im grauen Rock.«

»Nein, nein,« rief aber Auguste rasch und heftig und warf den Blick dabei scheu umher – »da liegt ein tieferes Geheimniß zum Grunde und das gerade drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.«

»Es war so dumpf und heiß in der Stube, daß mir selber fast unwohl geworden ist,« sagte die Hofräthin.

»Der graue Mann existirt,« flüsterte da Auguste »und unerklärlich bleibt es mir, wie sie davon wissen konnte, denn gegen keinen Menschen in der Welt habe ich mich darüber ausgesprochen, als gegen meinen Mann.«

Pauline schüttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:

»Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten hat?«

»Ja,« hauchte Auguste – »aber nicht heute – nicht jetzt Pauline – ich bin schon überdies zu aufgeregt, und fürchte, daß – daß es noch mehr der Fall sein würde, wenn ich – jene wunderliche Erscheinung frisch herauf beschwören wollte. Morgen – morgen früh, wenn die Sonne scheint und alles licht und hell um uns ist – nicht jetzt – nicht jetzt.«

»Gut mein liebes Herz,« sagte Pauline, die gar nicht daran dachte sie jetzt zu drängen – »bis morgen kann ich Dir dann auch vielleicht von mir Auskunft geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau wirklich zutrifft und ob sie eben mehr weiß wie andere Leute.«

Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur schweigend mit dem Kopf und Pauline fühlte, daß sie ihr keinen größeren Gefallen thun konnte, als sie jetzt allein und ungestört zu lassen. Sie nahm auch kurzen Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin und her darüber, was der sonst so ruhigen Freundin geschehen sein müsse, um sie in eine so überreizte Stimmung zu versetzen, denn es war ja nicht möglich, daß die albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich einen Einfluß auf sie ausgeübt haben sollten. Doch das gedachte sie morgen Alles herauszubekommen – heute ließ sich doch nichts mehr an der Sache thun.

Fünftes Capitel.
Die böse Nacht.

Als der Justizrath an diesem Abend um neun Uhr nach Hause kam, war seine Frau schon zu Bett gegangen. Sie hatte, wie das Mädchen sagte, heftige Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. Als Bertling hinüber ging, schlief Auguste und er trat noch in sein Arbeitszimmer, um die heute eingelaufene Correspondenz zu lesen und zu beantworten – hatte er doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.

Es war bald halb zwölf Uhr, ehe er selber sein Lager suchte und die Frau schlief noch immer, aber unruhig. Sie schien zu träumen, hob den Arm und öffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich darauf wieder still und ruhig. Sie hatte das in der letzten Zeit öfter gethan, auch wohl gesprochen, aber immer nur unzusammenhängende Worte, ohne sich später je eines Traumes bewußt zu sein, und Bertling beunruhigte sich also nicht weiter darüber. Unwillkürlich fiel ihm aber doch wieder jener wunderliche und so geheimnißvoll verschwundene Besuch ein, den er bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. War nicht die ganze Polizei nach dem Mann im grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die entfernteste Spur zu kommen? und schien es nicht fast, als ob er die Stadt in gerade so räthselhafter Weise verlassen hätte, wie damals Bertlings eigenes Zimmer?

Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein Lager und war bald, von den vielen Arbeiten dieses Tages ermüdet, sanft eingeschlafen. – Seiner Meinung nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen haben, als er seinen Namen rufen hörte:

»Theodor! – Theodor!«

Noch schlaftrunken richtete er sich empor – »Weckst Du mich Auguste?« frug er.

»Und Du kannst schlafen,« sagte die Frau mit vorwurfsvollem aber weichem Ton – »schlafen in der letzten Stunde, die wir noch beisammen sind?«

»Aber Auguste,« sagte der Mann erschreckt und war in dem einen Moment auch vollkommen munter geworden – »was hast Du nur – was sprichst Du da? Sicherlich hast Du geträumt – ich bin ja bei Dir Herz, wache nur ordentlich auf.«

»Ach ich war so glücklich,« sagte da die Frau, mit einem Ton, der ordentlich in seine Seele schnitt – »so glücklich die kurze Zeit mit Dir – und muß nun fort.«

Bertling wußte gar nicht wie er aus dem Bett kam, so rasch fuhr er in seine Kleider und zündete dann ein Licht an.

Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme vor sich ausgestreckt, aber die Hände gefaltet, in ihrem Bett und große helle Thränen liefen ihr über die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch für einen einfachen, schweren Traum, der ja augenblicklich weichen mußte, so wie er sie nur weckte.

»Mein liebes Herz,« sagte er, seinen Arm um ihre Schultern legend – »wach auf, Du träumst ja nur –«

»Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit offenen Augen träumt?« sagte sie, sich im Bett aufrichtend und ihn groß ansehend – »Träumst Du denn jetzt?«

»Aber von was sprichst Du?«

Sie antwortete ihm nicht gleich. – Während er sich zu ihr auf die Bettkante setzte, hatte sein Fuß den Stuhl ein klein wenig verschoben und sie schien dem Geräusch zu horchen.

»Ich glaube sie kommen schon,« flüsterte sie scheu und faßte seinen Arm mit allen Kräften.

»Wer, mein Herz? wer?« bat der Mann, der jetzt peinlich besorgt um die Arme wurde, die wie er sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden Augen phantasirte. »Wer soll denn jetzt mitten in der Nacht zu uns kommen?«

»Mitten in der Nacht? – ja es ist gerade zwölf Uhr vorbei,« flüsterte sie – »das ist die Zeit, in der die schwarzen Männer kommen und mich abholen. – Oh Gott,« seufzte sie dabei – »und jetzt hat mich Alles verlassen – selbst Theodor ist fort und ich allein kann mich ja nicht gegen sie wehren.«

»Aber beste Auguste« rief Bertling bestürzt – »was sprichst Du nur – ich bin ja bei Dir hier.«

»Fort – fort – wer bist Du?« – sagte sie und stieß ihn mit beiden Armen heftig von sich – »was willst Du hier – und wie kommst Du hier herein?«

»Aber ich bin es ja – Dein Theodor – kennst Du mich denn nicht?«

»Deine Stimme ist es – ja,« sagte die Frau, indem sie ihn ein paar Momente ruhig und fest betrachtete – »aber das Gesicht kenne ich nicht – das ist mir fremd – geh fort – geh fort!« und sie warf sich dabei zurück und barg ihr Gesicht im Kissen. Dort lag sie still und regungslos viele Minuten lang und Bertling wußte nicht, was er beginnen sollte. Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. – Der Puls ging vollkommen ruhig und eher langsamer als rascher wie gewöhnlich. – Vielleicht schlief sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner Bedingung stören, setzte das Licht fort, daß es ihr nicht auf die Augen scheinen konnte und ließ sich dann behutsam und geräuschlos auf einem Lehnstuhl nieder, um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.

So mochte er über eine Stunde gesessen haben und dachte gerade daran, das Licht auszulöschen und selber wieder zu Bett zu gehen, als er die Frau leise wimmern hörte.

Vorsichtig stand er auf – sie lag noch genau so wie vorher, nur das Gesicht hatte sie mehr nach oben gerichtet, damit sie frei athmen konnte, aber beide Augen hielt sie mit den Händen bedeckt und weinte still und leise.

»Auguste,« sagte der Mann da, indem er wieder zu ihr trat, »was hast Du nur? – Sage es mir – ich bitte Dich darum.«

Sie schien ihn nicht zu hören, aber ihr Weinen wurde heftiger und brach endlich in nicht laute, doch deutliche Klagen aus.

»Fort – fort muß ich von hier, wo ich so glücklich war!« wimmerte sie. – »Ach nur so wenig Jahre durfte ich mit Theodor zusammen sein und jetzt kommen die bösen schwarzen Männer und wollen mich fortschleppen und in die kalte häßliche Erde legen. – Oh was hab ich ihnen nur gethan? – Aber sie hassen mich hier – Alle – Keiner hat mich lieb – Keiner – und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat mich nun auch verlassen.«

»Auguste,« bat Bertling in Todesangst, »Du brichst mir das Herz mit solchen Reden. – Ich bin ja hier – bin bei Dir und werde Dich nie verlassen.« Dabei drückte er sie fest an sich und küßte ihre Stirn aber sie schien jetzt weder seine Worte zu hören, noch seine Berührung zu fühlen. Wieder lag sie viele Minuten lang still und regungslos, und nur das schwere Athmen verrieth, daß sie lebe – endlich fuhr sie leise fort:

»Oh daß Theodor von mir gegangen ist – er war so lieb, so gut mit mir – und ich habe ihn so oft gekränkt, aber es doch nie – nie böse gemeint. – Er mußte es doch wissen, wie ich ihn liebe – und doch ist er fort.«

»Aber ich bin ja bei Dir, Herz – so höre doch nur! hier lege Deine Hand auf mein Gesicht – fühlst Du denn nicht, daß ich bei Dir bin – daß ich Dich nie verlassen werde?«

»Ja – Alle haben mich verlassen,« rief die Frau eintönig – »und jetzt schleichen sich die schwarzen Männer herein und tragen mich fort – und wenn dann Theodor zurückkommt – wie er sich wundern wird, wenn ich nicht mehr da bin! und wie traurig wird er sein, – armer – armer Theodor.«

Bertling war außer sich. Er fühlte, daß alle seine Worte nichts halfen. Die Unglückliche hörte in diesem eigenthümlichen Zustand weder was er sagte, noch fühlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heißen Thränen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den ihrigen mischten.

Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem solchen fast bewußtlosen Zustand und mit geschlossenen Augen. Das Licht brannte düster und Bertling schritt leise zu der Lampe, um diese zu entzünden. Er glaubte, daß vielleicht helleres Licht die aufgeregten Sinne eher beruhigen würde. Wie er die Glocke aber wieder aufsetzte, wobei ein leicht klirrendes Geräusch nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke plötzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit weit geöffneten Augen der Thür zu.

»Was hast Du denn Auguste, – Was horchst Du so nach der Thür?« frug ihr Mann um sie zu beschwichtigen. Sie verstand jetzt was er sagte, ja schien ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, daß sie früher über seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte sie:

»Hörst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe? – sie kommen um mich abzuholen und unten im Haus steht der graue Mann, der mich auch erwartet. Oh ich wußte ja, daß sie noch kommen würden, wenn es auch schon zwölf Uhr vorbei ist.«

»Aber mein liebes süßes Herz,« bat Bertling, der sich schon dadurch etwas beruhigt fühlte, daß er doch jetzt mit ihr reden konnte. – »Zwölf Uhr vorbei – es ist schon fünf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.« – Er hoffte sie dadurch, daß er sie glauben mache, es sei Morgen, rascher zu beruhigen. Die Kranke aber schüttelte unwillig mit dem Kopf und rief:

»Täusche mich nicht – es fehlen nur noch ein paar Minuten an halb Zwei – sieh doch nach. –«

Bertling sah unwillkürlich nach seiner Uhr und Auguste hatte vollkommen recht. Sie wußte genau, welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas erwidern konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem Kopf und sagte:

»Ja – ja – so muß es sein – Du wirst jetzt oben wohnen und ich unten – und wir werden nie wieder zusammen kommen.«

»Aber, wo willst Du unten wohnen, mein Kind,« lächelte der Mann, der ihre Gedanken abzulenken suchte, – »das untere Logis hat ja der Doktor Pellert gemiethet.«

»Wer spricht denn davon,« sagte sie finster – »in der Erde, mein' ich – wenn sie mich begraben haben. Sie kommen ja gleich.«

»Aber meine Auguste!«

»Und ich war so glücklich« fuhr sie leise, mit zum Herzen dringender Stimme fort – »so unsagbar glücklich – aber nur für eine kurze – kurze Zeit. Jetzt muß es sein und ich will mich auch nicht länger sträuben – ich kann mich ja doch nicht gegen die vier schwarzen Männer wehren.«

»Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?«

»Was kannst Du gegen die viere ausrichten!« erwiderte sie kopfschüttelnd, »und sie sind stark – sehr stark. Aber ich habe nicht mehr viel Zeit – hier den Ring nimm mir vom Finger – den schwarzen Ring – den sollst Du Paulinen von mir geben.«

»Aber Auguste.«

»So nimm denn doch den Ring – sie kommen ja,« bat sie mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Bein schnitt und es blieb ihm Nichts übrig, als ihrem Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen; fürchtete er doch sie durch Widerspruch nur noch so viel mehr aufzureizen. Wie er das aber gethan, stürzten ihm selber die Thränen aus den Augen und sie umfassend jammerte er: »Meine liebe – liebe Auguste.«

»Lebe wohl Theodor,« sagte sie da und schlang ihre Arme fest und fast krampfhaft um seinen Nacken – »lebe wohl und tausend, tausend Dank für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan. –«

»Aber Du gehst ja nicht von mir – Du bleibst ja bei mir, nie – nie im Leben trennen wir uns mehr,« flüsterte der Mann in Todesangst.

»Es muß ja sein,« tröstete sie ihn leise – »weine deshalb nicht – oh Du hast es ja auch gut – Du kannst draußen im Sonnenlicht, auf der schönen Erde bleiben – aber mich – mich legen sie in das dunkle kalte Grab und ich bin noch so jung – so jung und schon sterben – oh es ist recht, recht hart.«

»Auguste – ich halte das nicht länger aus,« flehte der Mann, dem die Aufregung fast den Athem nahm – »so komm doch nur zu Dir – es ist ja Alles nur ein böser Traum.«

Unten auf der Straße rasselte in diesem Augenblick ein Wagen über das Pflaster; der Schall klang deutlich herauf.

»Da sind sie,« flüsterte die Kranke erbebend – »oh Gott wie schnell sie kommen – wie furchtbar schnell. – Jetzt muß ich fort – oh Gott, oh Gott schon jetzt. Nein ich will nicht – sie sollen mich nicht weg von Dir nehmen – ich will bei Dir bleiben« – und krampfhaft klammerte sie sich um seinen Hals. –

»Du gehst auch nicht fort Herz – nie im Leben lasse ich Dich,« – rief Bertling, – »wir bleiben ja beisammen – oh so komm doch zu Dir. – Hier – hier,« sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes Glas Wasser auf, – »trink einmal Auguste – das wird Dir gut thun – trink einen langen Zug – viel – mehr noch, mehr.«

Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht und ihr das Glas an die Lippen gehalten. Wie sie das Wasser daran fühlte nahm sie einen kleinen Schluck und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank sie mehr, bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah sie ihn mit einem wilden verstörten Blick an.

»Meine Auguste« bat Bertling, ihr Haupt an sich pressend, »ist Dir jetzt besser? – kannst Du Dich besinnen?«

Sie drängte ihn langsam von sich – sah ihn an – blickte im Zimmer umher und sagte leise:

»Was ist denn mit mir vorgegangen?«

»Du hast geträumt Herz – schwer und furchtbar geträumt« rief ihr Gatte, »oh Gott sei ewig Dank, daß es vorüber ist.«

»Geträumt? – von was?« frug die Frau, die jetzt augenscheinlich ihre volle Besinnung wieder erlangt hatte. Bertling hütete sich aber wohl irgend eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwähnen und ausweichend sagte er:

»Oh nichts, Herz – lauter tolles verworrenes Zeug; wild durch einander hast Du gesprochen von Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und was weiß ich. –«

»Sonderbar,« flüsterte die Frau nachdenkend vor sich hin »ich kann mich doch auf gar Nichts mehr besinnen. Aber mir ist mein Kopf so schwer – so furchtbar schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint hätte. Wie viel Uhr ist es?«

»Es wird bald zwei Uhr sein.«

»So spät schon und Du bist noch angezogen? – Du hast wohl wieder so lange gearbeitet?«

»Ja – ich hatte so viele Briefe zu schreiben – aber lege Dich jetzt hin und schlafe. Ich will auch zu Bett gehen.«

»Oh wie mir mein Kopf brennt – ich kann gar nicht mehr denken,« sagte die Frau und preßte ihre Stirne mit beiden Händen, – »am Ende werd ich noch krank.«

»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie aber der Mann, »morgen wird schon Alles wieder besser – wieder ganz gut sein. – Gute Nacht, mein Kind. –«

»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau – legte sich auf die Seite und war auch in wenigen Minuten fest und sanft eingeschlafen.

Sechstes Capitel.
Die Begegnung.

Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig gesund und mit keiner Ahnung des Geschehenen, nur mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene mitzutheilen. Er hatte ihm schon früher einmal von der fixen Idee Augustens gesagt, der Doctor nahm das aber damals – vielleicht auch nur um den Mann nicht zu beunruhigen – außerordentlich leicht und versicherte ihn, daß solche Fälle gar nicht etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft – vielleicht auch eine blutreinigende Kur das Beste dagegen. Keinesfalls sollte er sich Sorgen deshalb machen. – Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder seine Rolle gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher und meinte, Gefahr sei nur in so fern vorhanden, daß die Phantasie der Kranken ihr noch einmal – und also zu dem gefürchteten dritten Mal – die Gestalt des Mannes im grauen Rock vorspiegeln könne, ehe man im Stande sei sie zu überzeugen, daß die erste Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die zweite aber ein wirklich menschliches Individuum gewesen sei – wie das aber zu thun, ohne daß man des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht abzusehen, und daß der Graue nicht zu bekommen war, das wußte der Justizrath besser als irgend Jemand in der Stadt. Welche Mühe hatte er sich deshalb nicht schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? – es war wirklich zum Verzweifeln.

Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags bei der Justizräthin vorzusprechen, um sich selber einmal von ihrem Gesundheitszustand zu überzeugen. Vielleicht ließ sich dann auch das Gespräch – natürlich mit der gehörigen Vorsicht – auf das eigentliche Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß ja doch die Vernunftgründe eines Dritten und völlig Unparteiischen irgend einen wohlthätigen Einfluß auf sie ausüben konnten.

Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte das Trügerische einer solchen Hoffnung, aber was anderes ließ sich thun und auch dieser Versuch mußte gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste davon erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu Haus fortzubleiben, denn er wußte nicht, wie sich Auguste heute morgen nach der furchtbaren Aufregung der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den Doctor seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben und schritt dann sehr niedergeschlagen und den Kopf voll trüber, wirrer Gedanken die Straße hinab, in der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete dabei auch gar nicht auf die ihm Begegnenden und erst als Jemand an ihm vorüber ging, der ihn grüßte, faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch in seinem Gang aufzuhalten. Im Weiterschreiten fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß des vollkommen fremden Mannes auf – wo hatte er nur das Gesicht – wie ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz – das war der Graue und mit dem Gedanken schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach – daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte und sie beinah über den Haufen geworfen hätte, fühlte er kaum, hielt sich wenigstens nicht einmal lange genug, auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke, daß ihm der Fremde wieder wie damals, selbst unter den Händen weg entschwinden könnte. Wenn er jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre – wenn er die nächste Quergasse erreicht hätte – nein – Gott sei ewig Dank – dort ging er noch und mit wenigen hastigen Schritten war er an seiner Seite.

Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten sah, schaute auch zu ihm empor und der Justizrath hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm zugewandten Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend erkannte, dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh, nur zu scharf und deutlich eingeprägt. Er war aber auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht wieder los zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn er nicht gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei zu Hülfe gerufen, sogar auf die Gefahr hin eine Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft gegen sich anhängig gemacht zu sehen.

Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt zu ihm auf, denn er ebenfalls hatte den Justizrath gleich beim ersten Begegnen wieder erkannt und begriff jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich von ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit darüber nachzudenken und fast unwillkürlich die Hand auf seine Schulter legend (denn wenn er es sich auch nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast unbewußtes Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen zu überzeugen, er habe es wirklich mit einem körperlichen Wesen zu thun), sagte er freundlich:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber – hatte ich nicht das Vergnügen, Sie vor einiger Zeit einmal Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen? – Ich bin der Justizrath Bertling – wenn Sie sich auf meine Person nicht mehr besinnen sollten?«

Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath fast wie scheu an; endlich stotterte er:

»Ich weiß in der That nicht –«

»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,« fuhr aber der Justizrath in der neu erwachenden Angst fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich doch am Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals gerade nach Haus und von einem leichten Unwohlsein ergriffen, wurde sie in der Thür ohnmächtig. Sie besinnen sich gewiß.«

»Herr – Herr Justizrath,« stammelte der Mann »ich – ich – kann nicht recht begreifen –«

Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der Mann könne Bedenken tragen, sein damaliges rasches, und allerdings etwas rätselhaftes Verschwinden einzugestehen, denn wie konnte er wissen, in welchem Zusammenhang das mit der jetzigen Frage stand – suchte ihn nur vor allen Dingen darüber zu beruhigen. – »Lieber Herr,« sagte er, »Sie müssen mir vorher die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte und ich sehe ein, daß es vorher nöthig ist, Ihnen die Beweggründe meines, Ihnen vielleicht sonderbar erscheinenden Betragens mitzutheilen. Aber wir können das nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie deßhalb bitten mit mir einen kurzen Moment in jenes Caffeehaus zu treten; wir sind dort ungestört und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes Werk thun.«

Der Fremde war augenscheinlich in der größten Verlegenheit, wie denn auch sein ganzes Wesen etwas Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der Einladung konnte er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu erwidern, willigte er ein und schritt neben dem Justiz-Rath dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn auch dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch das unbestimmte Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich Aufgefundene durch einen der Trottoirsteine, wie durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung vorzuwerfen haben.

Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei Tassen Caffee und Cigarren bringen und als Beides vor ihnen stand und der Kellner sich mit seiner Bezahlung zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste, was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte dem Fremden, ohne vorher eine weitere Frage an ihn zu richten, das seltsame Zusammentreffen eines Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung, wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden natürlich alle die überspannten Ideen der Kranken bestätigen mußte.

Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien während dieses Berichtes ordentlich aufzuthauen. Zuerst hatte er die angezündete Cigarre nur schüchtern und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen, daß er kaum daran ziehen konnte und seinen Caffee halb kalt werden lassen – jetzt begann er mit augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus seiner Tasse und als der Justizrath ihm endlich gestand, daß er die ganze Stadt schon habe durch Polizei absuchen lassen, um seiner nur habhaft zu werden und seine arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu befreien, lächelte er sogar still vor sich hin und leerte dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen. Bei der nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, ob er es nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend besucht habe und zu welchem Zweck, wurde er allerdings wieder ein wenig verlegen und sogar roth, aber er leugnete nicht mehr und sagte:

»Wenn Ihnen das eine Beruhigung gewährt, Herr Justizrath, so kann ich Ihnen gestehen, daß ich wirklich an jenem Abend in Ihrer Stube war und nur bedauere –«

»Kellner! Eine Flasche Wein – von Ihrem Besten – bringen Sie Champagner!« rief aber Bertling, der sich in diesem Augenblicke wirklich Mühe geben mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.

»Aber Herr Justizrath –«.

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie ein Glas Wein mit mir,« rief aber dieser in größter Aufregung »und, wenn Sie ein Bad von Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen jetzt. Nun aber sagen Sie mir auch, weshalb Sie so rasch verschwanden, mich nicht wieder aufsuchten und wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt haben, denn kein einziger meiner Spürhunde konnte auch nur auf Ihre Fährte kommen.«

»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem schweren Seufzer – »die Sache ist außerordentlich einfach und leicht erklärt, denn – wenn ich mich auch in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht die geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie mich ohne mein Verschulden getroffen hat.«

»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während der Kellner Wein und Gläser auf den Tisch stellte – »vielleicht kann ich helfen.«

»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine Mann, »und hatte durch Protection eine Anstellung als Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte ich mich aber nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden und ich dort an einem der ersten Gymnasien mit einem ganz vortrefflichen Gehalt einrücken könne. Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich auf den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd, erfaßte mich hier in Alburg ein heftiges Fieber, das eine Weiterreise unmöglich machte. Glücklicher Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen aber meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen und kaum wieder hergestellt, erfaßte mich die Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig am Ort meiner Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar die Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein würde. Ich schrieb nach Königsberg, erhielt aber von dort nicht so rasche Antwort und in meiner Herzensangst beschloß ich mich an Sie, Herr Justizrath, zu wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das ich Ihnen von meiner Vaterstadt aus leicht zurückerstatten konnte.«

»Aber woher kannten Sie mich?«

»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen Bruder in Königsberg, bei dem ich ein Jahr Hauslehrer war und auf dessen Zeugniß ich mich mit gutem Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit Ihrer Frau Gemahlin stattfand, von dem ich keine Ahnung haben konnte, daß ich selber die unschuldige Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut, daß das ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen wieder vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen Dame beschäftigt sah, verließ ich das Zimmer und ging nach Haus.«

»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«

»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen Brief von Königsberg erhielt, worin mir angezeigt wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort Zeit bis zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im Stande mir mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen und brauchte Niemanden weiter zu belästigen. Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war Copist, hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein zu beendigen. Ich übernahm einen Theil und da mir noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so hoffe ich bis dahin mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu haben.«

»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath, der bis jetzt der einfachen Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war, ohne den Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Nur eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und seinen Gast ebenfalls stillschweigend durch Zuschieben des Glases genöthigt.

»Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu zahlen habe, etwa 20 Thaler, aber 9 davon habe ich mir schon verdient – oh ich bin sehr fleißig gewesen die Zeit über und in den langen Tagen gar nicht aus meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische Luft gekommen. Nur heute mußte ich ausgehen und war eben im Begriff mir frisches Papier zu holen, denn ich kann nicht gut einen Tag versäumen.«

»Mein lieber Herr,« sagte da der Justizrath, »dagegen werde ich Einspruch erheben. Ihren heutigen Tag müssen Sie mir widmen, aber Sie sollen dadurch nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau zu überzeugen, daß sie sich durch einen Wahn, durch ein zufälliges Begegnen hat täuschen lassen und wenn Sie mir dazu behilflich sein wollen, so verfügen Sie über meine Casse. Mit Vergnügen steht Ihnen dann Alles zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht noch für sonstige Ausrüstung gebrauchen.«

»Herr Justizrath,« stammelte der Mann.

»Und glauben Sie um Gottes Willen nicht,« setzte Bertling rasch hinzu, »daß Sie mir dadurch zu irgend einem Dank verpflichtet würden; nein im Gegentheil, werde ich mich nachher noch immer als Ihren Schuldner betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit kommen, so bitte ich Sie, sich vertrauensvoll an mich zu wenden.«

»Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?«

»Nein,« versetzte der Justizrath – »in Ihnen repräsentirte sich nur die frühere eingebildete Erscheinung und durch Sie hoffe ich deshalb meine Frau nicht allein zu überzeugen, daß ihre zweite Gespenstervision ein Irrthum war, sondern sie wird, während sie hierin die Täuschung erkennt, auch einsehen, daß das erste Traumbild nur in ihrer Phantasie gewurzelt haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur Verfügung stellen?«

»Von Herzen gern,« sagte der kleine Mann, der durch den ungewohnten Champagner seine ganze Schüchternheit verloren zu haben schien. »Befehlen Sie über mich und was in meinen Kräften steht, will ich mit Freuden thun, – habe ich doch dadurch auch einen Theil dessen gut zu machen, was ich, freilich vollkommen ahnungslos, selber über Sie herauf beschworen.«

»Gut,« genehmigte Bertling, sich vergnügt die Hände reibend. – »So kommen Sie denn jetzt mit zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben. Den Mittag sind Sie ohnedies mein Gast, wenn wir vielleicht auch noch nicht bei mir zu Hause diniren können. Vorher muß ich aber meine Frau jedenfalls auf Ihre Begegnung vorbereitet haben.«