TELINGA. (BAYADERE.)TELINGA.JAVANE.
BUGIS. (CELEBES.) MANN.BALINESIN.BUGIS. (CELEBES.) FRAU.

Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13] alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen. Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt.

Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen; alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis. Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4 des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch.

Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S. 346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt, eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare, offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept: 2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden.

Das chinesische Element tritt namentlich in einigen Theilen der Stadt so sehr in den Vordergrund, dass man sich in China wähnen könnte. Alle Handwerke, besonders solche, die Geschick und Ausdauer verlangen, werden fast nur von Chinesen betrieben. Sie mögen wohl das fleissigste Volk auf Erden sein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sieht man sie arbeiten. Mit Ausnahme des Neujahrsfestes giebt es für sie keinen Feiertag. Neben dem grossen Fleiss bilden auch Sparsamkeit und Genügsamkeit sehr hervorragende Züge in ihrem Charakter. Ihr Handwerkszeug, ihre Kleidung und ihre Nahrung sind von der einfachsten Art, auch sind sie in fast allen ihren Genüssen sehr mässig; ihre Tabakspfeife hat kaum die Grösse eines Fingerhuts, von einer Cigarre rauchen sie gewöhnlich nur einige Züge hinter einander und heben den Rest auf. Sie trinken fast nur dünnen Thee, der sehr billig ist, immer ohne Milch und Zucker aus ganz kleinen Tässchen. Die reichsten Chinesen gehen kaum besser gekleidet, als die armen; eine kurze, weite Hose, eine baumwollene Jacke, und bei den Wohlhabenden Schuhe ohne Strümpfe, bilden nebst Zopf und Fächer den ganzen Anzug.

Ein grosser Theil des Handels und der Schifffahrt ist in ihren Händen, nur an dem direkten Handel nach Europa und Amerika bleiben sie bis jetzt unbetheiligt.[16] Alles aber, was an Produkten des Archipels nach Europa kommt, geht erst durch Vermittelung der Chinesen an die europäischen Exportöre über, ebenso wie die meisten europäischen Waaren erst durch ihre Hände zu den Eingebornen gelangen. Noch ehe ein einheimisches Schiff Anker geworfen hat, ist schon ein Chinese an Bord, der mit dem Patron Bekanntschaft macht, ihn während der ganzen Dauer seines Aufenthalts nicht aus den Augen verliert, ihm Geld vorschiesst, seine Schwächen erlauscht und ausbeutet und schliesslich Eigenthümer der Ladung wird. Ich versuchte einige Male Muscheln oder Kuriositäten an Bord neu angekommener Prauen zu kaufen, es gelang aber nie, da Alles immer schon von Chinesen belegt war. Wollte ich aber von diesen einen Gegenstand erwerben, so boten sie ihn entweder umsonst als Probe und fragten, wie viel Pikul sie mir davon liefern sollten, oder verlangten einen enormen Preis dafür, in der Meinung, dass der Gegenstand für mich einen ganz besonderen Werth haben müsste.

Die Handwerke werden alle, wie schon erwähnt, in offenen Läden oder auf der Gasse selbst betrieben, so dass man im Schlendern durch die Strassen bequem zusehen kann. Am auffallendsten ist dabei der geringe Raum, der dem Chinesen genügt, und die einfachen Werkzeuge, deren er sich bedient. Unglaubliche Sparsamkeit an Zeit, Raum und Stoff, wie sie sich nur unter einer so überdichten Bevölkerung, wie China sie besitzt, ausbilden konnte, tritt Einem auf immer neue Weise vor Augen. In einem schmalen Laden werden häufig zwei verschiedene Handwerke betrieben, auf der einen Seite arbeitet ein Schneider mit einem Dutzend Gesellen, auf der andern ein Schuster, jeder Einzelne nimmt kaum mehr Raum ein, als der Stuhl, auf dem er hockt. Einzelne Handwerke weichen in ihren Manipulationen von den unsrigen ab: die Zinngiesser giessen ihre Zinn- und Blei-Legirungen auf dickes Bambuspapier, worauf es sich gleichmässig flach ausbreitet, und benutzen die so erhaltenen dünnen Kuchen statt der gewalzten Tafeln, die man bei uns anwendet. Noch viel dünnere Tafeln erhalten sie nach Lockhart, indem der hockende Arbeiter mit geschickter Handbewegung je einen Löffel voll geschmolzenen Metalls zwischen zwei auf dem Boden liegende mit dergleichen Papier bezogene Steine schleudert, wobei er den obersten Stein auf einen Augenblick mit den Fersen lüftet und gleich wieder fallen lässt. Ein kleiner tragbarer Thonofen bringt zugleich die Legirung in Fluss und erhitzt die Löthkolben. Die Drehbank besteht aus einem rohen Gestell, in welchem horizontal eine um ihre Axe drehbare Walze liegt. Um diese ist eine Schnur geschlungen, deren Enden an zwei unten angebrachten Tretbrettern befestigt sind, durch welche die Walze, wie bei uns das Rad eines Scheerenschleifers, in Bewegung gesetzt wird. Ein Schwungrad ist nicht vorhanden. An dem, dem Arbeiter zugekehrten Ende der Walze, das mit Harz überzogen ist, wird der zu drehende Gegenstand, nachdem er vorher erwärmt worden, festgeklebt.

Manche Handwerke, die von Hausirern auf offener Strasse getrieben werden, sind den Chinesen eigenthümlich. So werden zerbrochene Gläser auf folgende Weise geflickt: Nachdem die Scherben aneinandergefügt sind, bohrt man zu beiden Seiten des Sprunges paarweis feine Löcher, dann wird ein feiner weicher Draht von der konvexen Seite durch ein Löcherpaar gesteckt, an der anderen Seite fest angezogen und so abgeschnitten, dass nur zwei kurze Enden hervorragen. Diese werden mit einem Hämmerchen platt geschlagen, so dass dadurch zwei Nieten entstehen. Manche alte Lampenglocken sind wohl mit 20 solcher kleinen Anker zusammengeflickt. Man kann daraus auf den hohen Werth des Glases im Innern Chinas schliessen. In Singapore verschwindet dieser Industriezweig immer mehr, da hier das Glas fast so billig als in Europa ist.

Die interessanteste Strassen-Industrie ist das Flicken eiserner Pfannen; diese Pfannen sind von sehr sprödem, dünnem Gusseisen und springen leicht. Der chinesische Pfannenschmied schlägt erst zu beiden Seiten des Sprunges einen dünnen Streifen Eisens ab, um die Oeffnung zu erweitern und frischen Bruch zu erhalten, dann zündet er einen kleinen tragbaren Kohlenofen aus feuerfestem Thon, 10 Zoll hoch, 6 Zoll Durchmesser, an, stellt einen Schmelztiegel hinein, der einige Stückchen Eisen enthält, und bläst an. Das Gebläse ist das Miniaturmodell eines Cylindergebläses; jedoch noch einfacher in seiner Einrichtung, indem der Windbehälter nicht zwei, sondern nur ein Ventil hat. Auch steht es nicht aufrecht, sondern wird bei dem Gebrauche auf den Boden gelegt. In einem fusslangem Bambusrohr von etwa 11/2 Zoll innerem Durchmesser bewegt sich als Kolben eine am Rande mit Baumwollenwatte umgebene, an einem Stäbchen befestigte Scheibe. In jeder Endfläche des Bambuscylinders ist eine sich nach innen öffnende Klappe zum Eintritt der Luft angebracht. Während durch die Bewegung des Kolbens die eine Klappe Luft einlässt, schliesst sich die andere und umgekehrt. Die zusammengepresste Luft strömt abwechselnd durch eins von zwei in der Wand des Bambus nahe den Endflächen befindlichen Löchern in den Windkasten, einen hölzernen Trog von vierseitigem Querschnitt, der mit seiner offenen Seite an dem Bambusrohre luftdicht befestigt ist. Aus diesem Behälter entweicht die Luft durch ein in der Mitte der dem Cylinder gegenüberliegenden Seite befindliches Loch. An diesem nun ist ein trichterförmiges Blechrohr befestigt, dessen Spitze in eine unter der Feuerung befindliche Oeffnung gesteckt wird. Damit aber der Luftstrom ununterbrochen sei, was zum Schmelzen des Eisens durchaus erforderlich ist, hängt in der Mitte des Windkastens an der Bambuswand der Austrittsöffnung gerade gegenüber eine zungenförmige, in den Trichter hineinragende Klappe, welche, durch den komprimirten Luftstrom abwechselnd nach rechts oder links gestossen, diesem den Ausgang öffnet und zugleich die Verbindung mit dem Raume schliesst, in welchem die Luft verdünnt ist. Ist das Eisen in Fluss, so schöpft der Arbeiter ein wenig davon auf einen mit Thon beschmierten, mit Kohlenpulver bestäubten Lappen und drückt damit das Metall von unten in die Spalte, indem er gleichzeitig mit der Basis eines walzenförmigen Stückes Holzkohle auf die oben herausquellende Masse drückt, welche sich fest anlegt, einen Theil der Spalte ausfüllt und oben und unten eine dünne Ausbreitung bildet. Bei grösseren Sprüngen wird dann dasselbe Verfahren so lange wiederholt und werden so viele eiserne Flicken aneinander gereiht, bis der ganze Riss ausgefüllt ist.

Die chinesischen Einwanderer kommen fast ausschliesslich aus den beiden südlichen Küsten-Provinzen Quang-tong und Fuh-kien und bestehen grösstentheils aus dem elendesten Proletariat, auch sollen sich die dortigen Behörden der Auswanderer-Schiffe bedienen, um ihre Krüppel und Taugenichtse loszuwerden. Die Schiffe setzen sich während des NO.-Monsun in Bewegung und treffen in Singapore frühestens um Neujahr ein. Bei der Ankunft schuldet der Einwanderer fast immer die Ueberfahrt und vermiethet sich auf ein Jahr ohne Lohn gegen Beköstigung und eine kleine Geldunterstützung an einen schon ansässigen Chinesen. Dieser bezahlt dafür die Ueberfahrt, deren Betrag mit dem Bedürfniss nach Arbeitskräften steigt oder fällt. Ein solcher Einwanderer heisst Sinkay, der freie Arbeiter dagegen Kuli. Nicht alle, die hier ankommen, bleiben in Singapore, mehrere tausend landen hier jährlich auf ihrer Durchreise nach anderen Ländern des Archipels. Die meisten kommen mit der Absicht, nachdem sie ein kleines Kapital erübrigt, in ihre Heimath zurückzukehren. Es scheint aber, dass dies nur der Minderzahl gelingt. Sehr Viele ergeben sich dem Opiumgenuss und Spiel und gehen daran zu Grunde. Einige bleiben auch im Archipel und verheirathen sich mit eingebornen Frauen. Es giebt Familien hier, die schon seit Generationen in europäischen Kolonien leben, grosses Ansehen und bedeutende Reichthümer besitzen und im Verkehr mit den Europäern viele gute Eigenschaften von diesen angenommen haben. Die Zahl der jährlich hier ankommenden Chinesen beträgt jetzt schon weit über 10,000. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Auswanderung aus dem übervölkerten China sehr zunehmen wird, da immer mehr die künstlichen Schranken fallen, welche ihr einerseits von den chinesischen Behörden, andererseits von den europäischen Kolonial-Regierungen entgegengestellt sind. Auch war von China aus das Auswandern der Frauen streng verboten, wodurch die Mehrzahl der Männer bewogen wurde, wieder in ihre Heimath zurückzukehren. In neuester Zeit gehen aber viele Frauen sowohl nach Kalifornien als nach dem Archipel, und wenn sie auch nicht zu den respektabelsten gehören, so ist es doch immerhin ein Anfang. Die inneren Unruhen in ihrem Vaterlande veranlassen seit Kurzem auch viele im Archipel als Handwerker oder Kaufleute etablirte Chinesen, ihre Familien nachkommen zu lassen. Noch zahlreicher sind die Einwanderungen unabhängiger Frauen, die hier ein grosses Feld für ihre Thätigkeit finden. Viele von ihnen werden auf Kosten der geheimen Gesellschaften hergebracht, die den Einfluss derselben auf die Männer für ihre Zwecke ausbeuten (im November 1863 kamen 72 in einem Schiffe an).

In den holländischen und spanischen Kolonien legt man den Chinesen allerlei Hindernisse in den Weg, indem man ihre Anwesenheit nur an einzelnen Lokalitäten gestattet, ihre Thätigkeit auf gewisse Gewerbe beschränkt, sie hohen Steuern und einer lästigen Polizeiaufsicht unterwirft: alles in der ausgesprochenen Absicht, die Eingebornen gegen die Habsucht, Schlauheit, Gewissenlosigkeit der Chinesen zu schützen. Trotz aller gesetzlichen Beschränkungen hat aber die Einwanderung der Chinesen stetig zugenommen; in den Philippinen soll sie eine beträchtliche Einnahmequelle derjenigen Beamten sein, von deren Ermessen die Erlaubniss zum Verbleib im Lande abhängig ist. Jetzt scheinen beide Regierungen zu einer freisinnigeren Politik übergehen zu wollen und es ist daher zu erwarten, dass sich bald ein stets wachsender Strom von Arbeitskräften aus China über die Inseln ergiessen und die grossen Hülfsquellen erschliessen wird, die jetzt in den spanischen Kolonien fast ganz schlummern und in den holländischen nur sehr unvollkommen ausgebeutet werden. Für das chinesische Proletariat wird der Archipel daher wohl bald eine noch grössere Bedeutung erhalten, als Amerika für das europäische. Die Länder der einheimischen Fürsten kommen immer mehr und mehr unter den Einfluss der europäischen Regierungen, wodurch die Sicherheit für Person und Eigenthum zunimmt, deren Mangel bisher auch ein grosses Hinderniss für die Ausbreitung der Chinesen war. Bis jetzt werden noch viele im Gebiet malayischer Fürsten liegende Zinngruben von Malacca aus betrieben.

In den englischen Niederlassungen der Meerenge ist die Einwanderung der Chinesen immer begünstigt worden. Sie geniessen dort Ansehen und Freiheit und Sicherheit gegen Erpressungen, wie wohl in keinem anderen Lande der Welt. Dass aus dieser unbeschränkten Freiheit der Kolonie ernste Gefahren erwachsen könnten, ist kaum zu befürchten, da in einem solchen Falle sich Alles gegen die Chinesen verbinden würde. Bedeutende Störungen haben sie freilich schon oft veranlasst; sie bilden einen Staat im Staate; fast Alle gehören geheimen Gesellschaften an, gegen deren Thätigkeit die Regierung nichts vermag. In Bezug auf diese Gesellschaften sagt der Guvernör in seinem amtlichen Berichte 1858–59: „Ein anderes grosses Hinderniss bei Entdeckung schwerer Verbrechen sind die chinesischen Hoeys, oder geheimen Gesellschaften.... Es ist kein Zweifel, dass diese Gesellschaften sich dazu hergeben, den Gang der Gerechtigkeit zu hemmen. Man nimmt allgemein an, dass sie den Ehrgeiz haben, alle Kriminalfälle unter ihren Landsleuten vor ihr eigenes Tribunal zu ziehen. In Civilsachen wird ihre Schlichtung von Streitigkeiten eher günstig als anders aufgenommen, und nach ihrer Auffassung sind ihre Ansprüche, Kriminalfälle zu entscheiden, ebenso wohl begründet. Dass dergleichen Tribunale bestehen, unterliegt keinem Zweifel, und es ist zu befürchten; dass, um dieselben aufrecht zu erhalten und zu verhindern, dass man sich an unsere Gerichtshöfe wende, sowie auch, um die Wirksamkeit der letzteren zu lähmen, die Chinesen kein Bedenken tragen, zu den gewaltsamsten Maassregeln zu greifen. Mord und Menschenraub sollen häufig vorkommen, um lästige Zeugen zu beseitigen, vielleicht aber ist einige Uebertreibung in der angeblichen Häufigkeit dieser Verbrechen.” Schliesslich zweifelt der Guvernör an der Möglichkeit, diese Gesellschaften auf dem Wege des Gesetzes auszurotten und glaubt, dass alle Verordnungen dagegen nur den Zweck haben würden, die Gesellschaften noch vorsichtiger zu machen und ihren Widerstand zu verstärken.

Ich führe aus den Artikeln der einen geheimen Gesellschaft zur Probe zwei Paragraphen an (das Original-Dokument wurde von der Polizei in Beschlag genommen und befindet sich gegenwärtig in der Berliner Bibliothek): „§ 4. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung müssen alle Brüder bei jeder Gelegenheit, wo die Brüderschaft sich gegen die Regierung erhebt, und die Soldaten ihr Widerstand entgegensetzen, nach ihren äussersten Kräften Hülfe leisten; sie müssen sich bemühen, alle Gefangenen, die gemacht wurden, zu befreien, und dürfen nichts thun, was ihrer Flucht hinderlich sein könnte. Mögen Alle, die anders handeln, binnen eines Monats sterben, vom Blitz getroffen, und ihre Gliedmaassen zerstreut werden.

§ 5. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung darf Keiner gegen Bestechung Emissäre der Regierung führen, um andere Brüder gefangen zu nehmen. Sollten Habsüchtige oder lasterhaft Gesinnte also handeln, so mögen sie umkommen innerhalb eines Monats unter 10,000 Schwertern. Werden sie aber entdeckt, so sollen sie sicherlich von den Brüdern erschlagen werden.”

Ausser diesen Hoeys, die von China übergesiedelt und zum Theil sehr alt sind, werden auch fortwährend geheime Gesellschaften zu besonderen Zwecken, namentlich zur Erhöhung der Löhne, gebildet. Ist einmal ein Europäer von einer solchen Gesellschaft in die Acht erklärt, so kann er keinen chinesischen Bedienten bekommen, kein Handwerker arbeitet mehr für ihn. Zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen alte Fehden, die schon häufig zu blutigen Strassenkämpfen Veranlassung gaben, namentlich im Jahre 1854; aber auch in der allerneuesten Zeit scheinen dergleichen wieder in grösserem Massstabe stattgefunden zu haben, wie aus einem interessanten Artikel der Overland Straits Times vom 21. November 1863 hervorgeht: „Die unaufhörlichen Unruhen und Fehden der Chinesen, die oft in Strassenkämpfe ausarten, haben ihren Ursprung in dem gegenseitigen Hass der verschiedenen geheimen Gesellschaften, mehr noch in dem Hass der verschiedenen Faktionen oder Clans, in welche die Chinesen gespalten sind. Es scheint, dass die Chinesen weniger Individualität besitzen, als irgend ein anderes Volk; sich, wie schwache Thiere, erst in Heerden wohl fühlen, und von jeher das Bedürfniss fühlten, sich auf diese Weise zu schaaren. In China aber bewegt sich jede Heerde auf ihrem eigenen Gebiet, während hier Mitglieder der verschiedensten Verbindungen nur ein gemeinschaftliches Gebiet haben und daher häufig in Kollision kommen. In den holländischen Kolonien ist in jedem District, wo über 100 Chinesen wohnen, einer der Angesehensten von Amtswegen als Hauptmann angestellt, der mit anderen unter ihm Stehenden, auch amtlich ernannten Gehülfen die chinesische Bevölkerung in Ordnung zu halten hat und bis zu einem gewissen Grade für sie verantwortlich ist.”

In neuester Zeit hat man sich in Singapore damit geholfen, die vornehmsten Chinesen nach englischer Sitte zu Spezial-Konstablern zu machen, eine Massregel, die den besten Erfolg gehabt hat. Man beabsichtigt, künftig bei Unruhen die angesehensten Chinesen, welche gewöhnlich die höchsten Aemter in den Gesellschaften bekleiden, nicht eher als Konstabler zu entlassen, bis die Unruhen völlig gedämpft sind.

Bisher blieben diese Kämpfe lediglich auf die Chinesen selbst beschränkt, natürlich nicht ohne grosse Störungen der öffentlichen Ruhe. Erwägt man übrigens, dass die hiesige chinesische Bevölkerung nur aus den untersten Klassen und zum Theil aus dem Auswurf der südlichen Küstenprovinzen Chinas hervorgegangen ist, dass ihnen die Frauen, und also die Mittel zur Begründung einer Familie, gänzlich fehlen, dass auch nicht die Spur einer Polizeikontrolle besteht, so kann man sich nur wundern, dass so selten ernstliche Unruhen vorkommen. Der Grund liegt gewiss in der Leichtigkeit des Erwerbes und in dem „Selfgovernment”, das sich unter so freien Institutionen, an deren Erhaltung Alle ein gleiches Interesse haben, nothwendig entwickeln muss.

Einige Chinesen haben sich grosse Reichthümer erworben und gehören zu den geachtetsten Bürgern der Stadt; manche haben bedeutende Summen zu öffentlichen Zwecken geschenkt. Einer der hervorragendsten unter ihnen ist Tan-kim-tsching. Sein Haus in der Stadt ist ein so schönes Beispiel chinesischer Bauart, dass eine kurze Beschreibung von Interesse sein dürfte. Durch eine kunstvolle Thür in durchbrochener Arbeit tritt man in die Vorhalle. An der rechten, wie an der linken Wand derselben steht eine ununterbrochene Reihe geschnitzter Stühle und Tische, je zwei Stühle und ein kleiner Tisch aus demselben Holz. Die Tische sind höher und schmäler als die Stühle, haben aber dieselbe Tiefe, so dass die ganze Reihe wie aus einem Guss erscheint. Durch diese Anordnung hat jeder Gast zur Rechten oder Linken die Hälfte eines Tischchens zur Verfügung, um den Arm aufzulegen oder seine Theetasse abzusetzen. Die Einrichtung ist so hübsch und zweckmässig, dass sie Nachahmung verdient. Da hier zu Lande ein harter, kühler Sitz angenehmer ist als ein warmes Polster, so sind die Böden der Stühle gewöhnlich aus Holz oder spanischem Rohr gefertigt. In diesem Hause aber bestehen sie aus eigenthümlichen Steinplatten, einer Art Kalkstein, vom Ansehen des Florentiner Ruinenmarmors,[17] dem aber die Kunst nachgeholfen, indem sie durch gewisse Beizen an passenden Stellen Infiltrationen erzeugt hat. Bei einigen Platten ist die von der Natur gelieferte Zeichnung sehr geschickt benutzt und durch Hinzufügung einiger Striche und Drucke ein ganz nettes Bildchen zu Stande gebracht worden, während man bei andern Platten im Nachhelfen zu weit gegangen, so dass sich sogleich die Hand des Menschen verräth. Diese Platten sollen aus Yünan und Szechuen kommen, die Kunst, sie zu fertigen, ist aber jetzt verloren gegangen; so erfuhr ich wenigstens später in Kanton auf vielfache Nachfrage. Vielleicht steht ihre Wiedergeburt in Europa durch Anwendung der Kuhlmannschen Entdeckungen bevor. Die Hinterwand der Vorhalle besteht aus reich geschnitzter, durchbrochener Holzarbeit mit Perlmutter eingelegt; sie wird durch zwei bis zur Decke reichende Pforten in drei Theile getheilt. Dahinter befindet sich ein Zimmer in demselben Stil, aber reicher dekorirt und möblirt: statt der Hinterwand ist nur eine Reihe zierlicher Säulen, durch welche man in den mit Fliesen belegten Hof tritt. Zu beiden Seiten desselben bildet ein vorspringendes Dach einen gegen den Regen geschützten Gang. Am gegenüberliegenden Ende des Hofes befindet sich die Wohnung der Frauen, Fremden nicht zugänglich. In den vier Ecken des Hofes sind Regengossen aus gebranntem Thon angebracht, grosse Bambusen in Form und Farbe täuschend darstellend. An ihrem unteren Ende lehnen sich schön modellirte Nelumbium-Blätter und Blüthen aus demselben Material gegen die Wände, und wurzeln scheinbar in den grossen Kübeln, die das Regenwasser aufnehmen. Aus gebranntem Thon bilden die Chinesen auch sehr schöne Reliefs, die sie mit den reichsten Farben verzieren. Die Figuren sind zwar für unsern Geschmack zu barok, aber ihre Nachbildungen von Pflanzen, Vögeln u. s. w. sind meisterhaft, naturgetreu und mit vollendeter Technik ausgeführt. Sie werden zur Verzierung der Wände, Thüren, Dächer und Giebel verwendet; auch der Hof, dessen Wände einfach grau gestrichen und mit einer rothen Borte eingefasst waren, enthielt eine Anzahl solcher Reliefs; ein ganzer Fries davon lief unter dem Dach entlang.

Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen, künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide, mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor. Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch.

Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte, unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese, der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren Eltern erweisen.

Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes.


Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern, Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz, zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll, sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!” vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum Aufstehen zu bewegen.

Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz, schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein, wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase.

ROCHOR SINGAPORE

Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien), Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer, der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens) mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch, voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der Hausthür liegend.

Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute, Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten. Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene.

Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong, ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter, dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der, vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt, täglich frische Wäsche an.

In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges, schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt, wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an, sonst geht gewöhnlich Alles barfuss.

Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt. Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte bezieht.

Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279) vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption unkenntlich wurden.

Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort, Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt, was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist, so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften nicht ohne Interesse sein.

Suda: schon oder, abis: fertig, vollendet, drückt das Präteritum, nanti: warten, oder mau: wollen, das Futurum aus, di bezeichnet das Passivum, z.B. makan: essen, di makan: gefressen werden; tuwan suda makan: der Herr hat gegessen, tuwan nanti makan: der Herr wird essen; suda: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas befiehlt; suda! schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; makan nassi: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; api makan ruma: das Feuer verzehrt das Haus; angin makan layer: der Wind bläht die Segel; piso makan kayu: das Messer schneidet Holz; saratu makan lima: 100 frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich orang-puti makan angin: weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden mussten).

Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige hübsche Verbindungen vor: mata: Auge, ayer: Wasser, mata-ayer: Brunnen, ayer-mata: Thräne, mata-hari: Sonne (das Auge des Tages), hidop: leben, mata-hari-hidop: Osten, Sonnenaufgang; mati: todt, mata-hari-mati: Westen, Sonnenuntergang, auch mata-hari-djato: das Auge des Tages gefallen, versunken; djalan: gehen, Weg, Reise; mata-djalan: Vortrab, Späher; mata-kaki: der Fussknöchel; mata-mata (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist; besi: Eisen, brani: tapfer, unternehmend, besi-brani: der Magnet; anak: Kind, anak-kontji: Schlosseskind, Schlüssel; anak-ayer: Bach, anak-dayong (Ruder-Kind): der Ruderer; anak-prau: Schiffer; anak-duit (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des Geldes, Rente; anak-songej (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere. So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen, Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl anak-kambing-wolanda: Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; bunga: Blüthe, duit: Geld, tana: Erde, und daraus bunga-duit: Zinsen, bunga-tana: Landrente; obad: Medizin, bedil: Flinte, obad-bedil: Schiesspulver; isi: Inhalt, isi-negri: die Bevölkerung einer Stadt, isi-prut (Bauch): die Eingeweide; bedil trada (nicht) isi: die Flinte ist nicht geladen.


Fünftes Kapitel.

Fischen mit Toba. — Tiger. — Termiten. — Pfeffer. — Gambir. — Sago.

BEI NEW HARBOUR. SINGAPORE.

Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani, einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen, immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu versuchen. — Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten Fische mit der Hand zu greifen.

Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie, die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen, aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen, umhauen.

Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung anzuregen.

Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist astlos bis an das 60–80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen. Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange, dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen. Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis 1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr (Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel.

Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte, den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu sehen waren.

Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die Insel Wight, jährlich 350–400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten, werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20] ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird, scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre, nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht vor.”

Es ist interessant, die wirklich vorhandene Gefahr mit der gänzlichen Verachtung derselben zu vergleichen, wie sie hier ganz allgemein verbreitet ist. Was für eine wilde Flucht würde in Europa unter den Spaziergängern stattfinden, wenn plötzlich in einem zoologischen Garten die Tiger aus ihren Käfigen ausbrächen, wie Wenige würden sich wohl in den Garten wagen, bevor die Thiere wieder eingefangen! Hier fahren aber die Damen mit ihren Kindern ohne allen Schutz und ohne alle Furcht in kleinen, offenen Ponywagen noch vor Tagesanbruch und nach der Dämmerung spazieren, während zu beiden Seiten der dichte Wald, in dem notorisch Tiger vorhanden sind, hart an die Strasse tritt. So fest ist die Ueberzeugung von der Feigheit und Menschenfurcht dieser Thiere eingewurzelt! Frisch angekommene Fremde sind die einzigen, die, wenn sie von ihrer ersten Excursion heimkehren, mitunter „nicht ganz sicher sind, aber kaum zweifeln, dass sie im Dickicht ein Paar grosse Augen sahen, wahrscheinlich von einem Tiger,” sie werden aber regelmässig dafür ausgelacht, weil Jedermann überzeugt ist, dass es nur ein Phantasiebild war.

Mehr als die Tiger fürchtet man die Termiten, rajap oder ani-ani, auch semut puti, weisse Ameisen genannt, obgleich sie den Menschen unmittelbar höchstens dann etwas belästigen, wenn die zur Paarungszeit geflügelten Männchen und Weibchen in dichten Schaaren, Wasserhosen vergleichbar, aus der Erde emporsteigen, in die Zimmer fliegen, nach kurzem Herumflattern ihre Flügel verlieren und sammt diesen zu Boden fallen. Sie kommen in solcher Menge und erscheinen gegen einen dunklen Hintergrund so weiss, dass ihre Schwärme an die grossflockigen Schneewetter warmer Wintertage erinnern. Nach dem Verlust ihrer Flügel laufen sie zwar nicht unbehende, jedoch nicht schnell genug, um sich ihren zahlreichen Feinden zu entziehen, denn Menschen (Eingeborene) und Thiere betrachten sie als grossen Leckerbissen. Wahrscheinlich geht nach diesem kurzen Ausflug der ganze Schwarm mit Ausnahme einiger befruchteten Weibchen zu Grunde, die als Stammmütter einer neuen Kolonie erzogen werden. Die Männchen kommen wohl alle um, da sie sich nicht selbst erhalten können und für ihre Erhaltung durch die andern kein Grund vorhanden ist; denn ein einmal befruchtetes Weibchen legt viele Millionen Eier[22] (Berlepsch schätzt die Anzahl Eier, die eine Bienenkönigin legen kann, auf 11/2 Millionen und Dr. Gerstaecker schliesst aus der Vergleichung der Ovarien, dass ein Termitenweibchen wenigstens 2 bis 3 mal so viel Eier legen könne). Sehr viel zahlreicher, als die erwähnten, sind die geschlechtslosen Termiten, die Arbeiter, die nie Flügel erhalten, sondern ihr ganzes Leben in einer Art von Larvenzustand verbleiben. Sie wissen sich so geschickt vor dem Menschen zu verbergen, dass sie ihm fast nie zu Gesicht kommen, wenn sie auch in seiner unmittelbaren Nähe beschäftigt sind, ihm Haus und Habe zu zerstören. In unterirdischen Gängen nähern sie sich den Häusern, führen dann aus an einandergereihten Erdkügelchen einen bedeckten Gang in die Höhe, der schnell verhärtet, da ihr Speichel wie Mörtel wirkt. Von diesem aus schreiten sie ungesehen in ununterbrochenen Zügen zum Angriff. Die fast fingerdicken Gänge sind leicht zu erkennen und zu beseitigen, werden aber gewöhnlich sehr geschickt an den dunkelsten Stellen des Hauses, in verborgenen Winkeln angelegt. Die Termiten vernichten alles Holzwerk, Teak und Kampferholz ausgenommen; eine Kiste von weichem Holz, von der Art, in welcher Flaschenweine Dutzendweis nach den Kolonien gesandt werden, kann in einer Nacht gänzlich zerstört werden, wenn sie im Freien unmittelbar auf dem feuchten Boden steht. Metall greifen sie nicht an; in früheren Zeiten, wo man in entfernten Kolonien nicht immer über gewissenhafte Beamte verfügen konnte, sollen sie zwar oft das in den Regierungskassen vorhandene Geld ohne Rückstand verzehrt haben. In den Häusern zerstören sie alle Möbel und Vorräthe, doch gehen sie nicht in Baumwolle und fürchten sich vor Reishülsen, deren scharfe Spitzen ihren weichen, nackten Körper wohl empfindlich verletzen würden. In allen Speichern werden deshalb fusshoch Reishülsen auf den Boden ausgeschüttet, bevor man Kaufmannsgüter darauf lagert, die Pfosten aller Betten, Schränke und schweren Möbel stehen in gusseisernen, mit Wasser oder Oel gefüllten flachen Schalen, zugleich zum Schutz gegen Ameisen, die zwar nicht das Holz, aber die Vorräthe fressen.

In dem Landhause eines Freundes hatten die Termiten einige mit Oelfarbe gestrichene hölzerne Pfeiler, die das Gebäude trugen, fast aufgezehrt, jedoch ohne die äussere Farbenschicht zu verletzen, so dass von dem angerichteten Schaden nichts bemerkt wurde, bis jemand, der mit seinem Stock gegen einen Pfeiler stossen wollte, diesen durchstiess. Durch die grosse Gefahr veranlasst, wandte man sich an einen Malayen, dessen Gewerbe das Aufsuchen und Vertreiben der Termiten war. Nach längerem, sorgfältigem Suchen bezeichnete er eine Stelle im feuchten Rasen, etwa 30 Schritt vom Hause entfernt als diejenige, unter welcher man das Nest finden würde. Für uns war nur eine kleine, kaum merkliche Erhöhung, auf welcher bei genauer Untersuchung einige kleine Larven erkannt wurden, wahrnehmbar; denn ungleich den meisten Arten, deren Baue oft mehrere Fuss hoch über die Erde ragen, baut die fragliche Art, die Hagen als T. gilvus beschrieben hat, unterirdisch, anscheinend ohne irgend welche Anzeichen an der Erdoberfläche, die auf das Vorhandensein des Nestes schliessen lassen. Der Boden, ein sandiger Lehm, wurde in einigen Zollen unter der Oberfläche fester und zeigte Spuren von Struktur; in etwa 1 Fuss Tiefe stiessen wir auf sehr unregelmässige, wabenartige, festere Erdmassen, bestehend aus vielfach gewundenen, einen Zoll hohen, eine Linie dicken Wänden von oolithartigem Gefüge. Die einige Linien weiten Zwischenräume, labyrinthische Gänge, sassen dicht voll kleiner, geschlechtsloser Termiten (Arbeiter). Die nach oben ziemlich lockeren Zwischenwände wurden nach unten zu fester. Unterhalb der eben beschriebenen Erdmassen mit aufrechten Wänden, die aber in ihrem unregelmässigen Aussehen mehr an Maeandrinen (Korallen) als an Waben erinnerten, lagen dünne, festere, flach gewölbte Erdkrusten von ähnlicher oolithischer Struktur, lose neben und über einander, oft an den Rändern einander überragend, anscheinend konzentrisch um einen Kern geordnet, durch mehrere Linien hohe fast horizontal verlaufende Zwischenräume getrennt, die ebenfalls voll Termiten steckten. Sie waren radial von engen, runden Quergängen durchbohrt, deren Mündungen von den sogenannten Soldaten mit dem von Reisenden oft geschilderten Heldenmuthe vertheidigt werden. Die Soldaten, die bei allen Termiten vorkommen, sind geschlechtslos, arbeiten nicht; ihnen liegt der Schutz des Staates gegen äussere Feinde und nach den Berichten mancher Reisenden auch die Polizei ob, indem sie die Arbeiter zur Arbeit antreiben. Sie tragen am Kopfe ausserordentlich starke, scharfe, zangenartige Kiefern, schnellen, sobald ihnen die Hand unvorsichtig nahe gebracht wird, voll Wuth aus ihrer Höhle und können, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, mit einem Biss die gefaltete Cutis am Gelenk des gebogenen Zeigefingers durchschneiden, so dass die Wunde blutet. Der Kern des ganzen Baues bestand aus der Wohnkammer der Königin und hatte die Form eines Stückes Toilettenseife ohne Ecken, jedoch mit dem Unterschiede, dass sie bei etwa gleicher Dicke fast doppelt so lang und breit war. Sie bestand aus einer sehr festen Lehmmasse ohne wahrnehmbares Gefüge, von einem kleinen, trichterförmigen Loche durchbohrt, dem einzigen Zugang. Als ich die Kammer aufschnitt, zeigte sich im Innern ein hohler Raum, der, weil die Wände gleich dick waren, der äusseren Form genau entsprach. Er enthielt die Königin, ein garstiges, fingerdickes, fast zwei Zoll langes, walzenförmiges Thier, das den inneren Raum zum grossen Theil ausfüllte und von einer Anzahl kleiner Termiten umgeben war, wahrscheinlich ihrer Dienerschaft, denn sie ist unbeholfen bis zur Hülflosigkeit, eine wurstartig aufgeschwollene Masse, voll Eierstöcke. Der Name einer Königin ist ihr in Folge eines nicht stichhaltigen Vergleiches mit der Bienenkönigin gegeben worden, denn sie ist eher eine Gefangene, als eine Gebieterin. Ihre Zelle kann sie nie verlassen, sie ist völlig wehrlos, so dass sie sich keine Nebenbuhlerin abwehren kann; oft trifft man daher in ein und demselben Bau mehrere Königinnen in verschiedenen Entwickelungsstufen an. Unter dem Bau der Königin war die Erde sehr lose; verschiedene Gänge führten von dort aus nach mehreren kleinen Nestern, die keine Königin, wenigstens keinen Königsbau besassen, sondern nur aus den oben erwähnten wabenartigen Massen bestanden; es waren wohl neu angelegte, bisher nur vom Mutterstaat aus bevölkerte Kolonien. In der Absicht, sie härter zu machen, wurden einige Stücke des Baues der Sonne ausgesetzt. Die Gänge waren dicht mit Termiten, Arbeitern und Soldaten, angefüllt. Bald stellten sich einige kleine, schwarze Ameisen ein, rekognoszirten, kehrten um, und nach nicht ganz 10 Minuten erschienen lange Züge derselben Art, die im Verlauf einiger Stunden sämmtliche Termiten, obgleich sie doppelt so gross waren als die Ameisen, aus ihren Schlupfwinkeln holten und davon schleppten. Es war erstaunlich, zu sehen, wie diese kleinen Thierchen die ungleich grösseren packten und sie davon trugen. Selbst die Soldaten wurden auf diese Weise fortgeschleppt, wobei allerdings einige der Kleinen das Leben liessen, denn wenn sie einem Soldaten unvorsichtig nahten, schnitt er sie mit seiner scharfen Zange mitten durch; während sie noch zuckte, kam ein andres Thierchen desselben Stammes und rettete den Leichnam.

Smeathman, dem man die erste ausführliche Schilderung der Termiten verdankt, giebt an, dass eine alte Königin die Grösse von 20,000 bis 30,000 Arbeiterinnen erreichen könne! was aber eine Uebertreibung zu sein scheint. Bei Wägungen an Spiritusexemplaren, die ich mit Dr. Gerstaecker vornahm, ergab sich für eine Termitenkönigin von T. bellicosus (der Spezies, auf die sich Smeathman's Mittheilungen beziehen), dem grössten Exemplare der Berliner Sammlung, 16,135 Gramm, für ein junges, befruchtetes, aber nicht weiter entwickeltes Weibchen 0,490, also 1/33 des obigen Gewichts (ein Arbeiter von dieser Species war nicht vorhanden). Die Termitenkönigin T. gilvus (Hagen) von Singapore wog 5,200 Gramm, ein junges, befruchtetes Weibchen (das aber exenterirt war) 0,068 Gr., ein Arbeiter 0,005 Gr., also etwas weniger als das Tausendfache der verhältnissmässig grossen Königin.

Die Termiten sind in mehreren Gattungen und vielen Arten über alle wärmeren Erdtheile verbreitet, aber nicht überall gleich zahlreich oder schädlich. In Rochefort sind sie seit 1797 amtlich bekannt und richten dort fortdauernd grosse Zerstörungen an. Wahrscheinlich durch Hölzer von San Domingo eingeschleppt, verbreiteten sie sich allmälig über viele Städte und Ortschaften der Charente inférieure, so dass sie dort zu einer sehr ernsten Plage geworden sind und den Wohlstand des ganzen Departements bedrohen, indem sie Gebäude, Dächer, Korn und Mehlvorräthe, Bibliotheken, Pflanzungen u. s. w. zerstören; alle vorgeschlagenen Schutzmittel erwiesen sich bisher erfolglos.

Eines Tages besuchte ich eine Pfeffer- und Gambir- Pflanzung, die ganz in der Nähe von Bukit-tima lag. Ich stieg bei einem französischen Missionär ab, der mich überallhin begleitete und mir das Chinesische der Pflanzer verdolmetschte. Es war ein Mann, wie ich deren später noch öfter unter den katholischen Missionären getroffen habe, der Allem entsagt hatte, um sich seinem selbstgewählten Berufe zu opfern. Ein kleines Vermögen, das ihm durch Erbschaft zugefallen, hatte er dazu verwendet, eine Kirche zu bauen, für sich selbst behielt er nichts zurück und lebte, obgleich kränklich und alt, in grosser Dürftigkeit von dem elenden Gehalt, das für alle diese würdigen Männer ohne Unterschied monatlich 10 Dollars beträgt. Ich besah die Pflanzung und die Fabrik in allen Einzelnheiten, doch waren die Angaben der Chinesen so ungenau, zum Theil durch die Schuld des Dolmetschers, der die einfachsten technischen Fragen nicht richtig zu verstehen schien, so widersprechend, dass ich zur Ergänzung des selbst Gesehenen vorziehe, das Uebrige einigen gediegenen Aufsätzen zu entlehnen.

Der Pfeffer wird hier immer zusammen mit dem Gambir gebaut. Die ausgekochten Blätter der letzteren Pflanze dienen zur Düngung der ersteren. Auf je 10 Acres Gambir rechnet man gewöhnlich einen Acre Pfeffer. Der Pfeffer wächst sehr leicht und scheint nur sehr geringe Pflege zu erfordern. Mit besonderer Sorgfalt wird er jedenfalls nicht behandelt. Nicht einmal schattengebende Bäume, die man in anderen Ländern für das Gedeihen der Pfefferrebe nothwendig erachtet, werden ihm gewährt. Die Hauptsorge ist die Vertilgung des Unkrauts und die Entfernung der seitlichen Ausläufer. Er wächst, der grellsten Sonne ausgesetzt, an Pfählen aus gespaltenen Waldbäumen, die er, wie Epheu kletternd, mit seinen dunkelgrünen herzförmigen Blättern dicht bekleidet. Aus dem Laube hängen in grosser Fülle die langen schmalen Trauben hervor, mit grünen Beeren, die bei völliger Reife scharlachroth werden. Der Anblick der Pflanzen ist sehr schön. Die Vermehrung der Reben geschieht durch Stecklinge, nach 4 bis 5 Jahren giebt sie schon einen geringen Ertrag, der bis zum 7ten oder 8ten Jahr zunimmt. Wenige Jahre, nachdem er sein Maximum erreicht, vermindert sich der Ertrag fast ebenso allmälig, als er zunahm, so dass in einer wohlgeordneten Pflanzung alle Jahre eine Anzahl junger Pflanzen gezogen werden müssen, die der Reihe nach an die Stelle der abgestorbenen treten. Die Rebe trägt gleichzeitig Blüthen und Früchte. Vier Monate nach Entfaltung der ersteren sind die Beeren zum Pflücken reif, sie sind dann grün mit einem Stich ins Rothe und werden in flachen Körben aus Bambussplinten über Rauchfeuer getrocknet, wobei sie schwarz werden und einschrumpfen. Das Aroma wird grösstentheils durch Lokalität und Boden bedingt, wie beim Wein. Uebrigens aber geben die schwersten, vollsten, am wenigsten runzligen Körner das beste Gewürz. Lässt man die Beeren völlig reif werden, so löst sich die äussere scharlachrothe Hülle durch Mazeration in Wasser ab; der zurückbleibende Kern bildet den weissen Pfeffer des Handels, der theurer als der schwarze ist, weil bei dieser Zubereitungsart immer eine grosse Menge durch Abfallen der völlig reifen Beeren verloren geht. Von allen Gewürzen ist Pfeffer das verbreitetste und wohl das einzige, dessen Verbrauch auch jetzt noch immer zunimmt, während alle übrigen immer mehr aus der Mode kommen. Zur Zeit der Entdeckung des Seewegs nach Indien und lange nachher, bevor Zucker, Kaffee, Thee, Indigo und die Produkte der indischen Wälder in Europa bekannt waren, bildete Pfeffer den Hauptartikel des indischen Handels und war Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den seefahrenden Völkern, sowie der drückendsten Monopole, die mit der herzlosesten Zwangsarbeit für die Eingebornen gepaart gingen. Nach Crawfurd war der Preis des Pfeffers zu Plinius Zeiten 1 Thlr. 5 Sgr. das Pfund und blieb so bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Durch das Monopol der Portugiesen stieg er auf 1 Thlr. 10 Sgr.; als die Holländer die Portugiesen verdrängt hatten, etwa 100 Jahre später, trieben sie den Preis auf das Doppelte. Durch Konkurrenz der Engländer und Franzosen fiel der Preis wieder und schwankte Jahrhunderte lang zwischen 16 und 10 Sgr. Erst in diesem Jahrhundert fielen die Monopole, wodurch der Pfeffer auf seinen Preis von 21/2 bis 3 Sgr. kam. Jetzt liefert die Westküste von Sumatra den meisten Pfeffer. Crawfurd schätzt den Gesammtertrag des indischen Archipels, mit Inbegriff der geringen Menge, welche Malabar, das Vaterland des Pfeffers, jetzt noch produzirt, auf 40 Millionen Pfund. Ausser Hinter-Indien erzeugen auch noch Guyana, Liberia, die Antillen dies Gewürz. Die Gesammtproduktion dürfte gegenwärtig 50 Millionen Pfund wohl nicht übersteigen.

Pfeffer und Gambir, die Haupt-Erzeugnisse des Landbaus in Singapore, das ausserdem nur noch Kokosnüsse, Früchte und Gemüse für den eigenen Bedarf produzirt, werden ausschliesslich durch Chinesen gewonnen. Es ist ein mühsames, bei den gegenwärtigen Preisen der Erzeugnisse nicht sehr lohnendes Geschäft voll Entbehrungen und wegen der vielen Tiger voll Gefahr. Gewöhnlich sind es neuangekommene Einwanderer, die ihre Ueberfahrt nicht zahlen können, welche von ihren reicheren Landsleuten zu dieser Kultur verwendet werden. Nach dem Kontrakt müssen sie ein Jahr für ihren Gläubiger arbeiten, während welcher Zeit sie nur kärgliche Beköstigung und noch kärglicheren Lohn erhalten. Dennoch wissen sie bald, häufig schon im ersten Jahre, etwas zu sparen und so viel Kredit zu erwerben, dass sie ein kleines Geschäft anfangen oder als selbstständige Arbeiter sich vortheilhaft verdingen können. Oft auch thun sich mehrere zusammen und bewirthschaften gemeinschaftlich eine Pflanzung. Nachdem eine passende Stelle im Walde gelichtet, wird das Unterholz verbrannt, die gefällten Bäume bleiben liegen, da sie später als Brennholz benutzt werden, ausser der Asche davon erhält der Boden keinen Dünger. Man säet den Gambir (Uncaria Gambir) in Beeten, hält die Sämlinge schattig und pflanzt aus, wenn sie 5 bis 6 Zoll hoch sind in 5 bis 6 Zoll Abstand. Hat die Pflanze eine gewisse Höhe erreicht, so wird sie abwärts gebogen, so dass sie seitlich fortwächst. Dadurch wird die Holzbildung gehemmt, die Blattbildung vermehrt, das Pflücken erleichtert[23]. Nach 13 bis 14 Monaten sammelt man die ersten Blätter, 6 Monate später giebt die Pflanze den vollen Ertrag. Aber schon nach wenigen Jahren (ca. 15) ist der Boden so erschöpft, dass die Pflanzung aufgegeben und eine neue an einer andren Stelle errichtet werden muss. Auf der verlassenen Stätte wuchert das so schwer zu vertilgende Lalanggras (Saccharum imperatum), das mühsamer auszurotten ist, als Urwald. Die Regierung fängt endlich an, durch eine bessere Waldwirthschaft diesem Uebelstande und dem Treiben der chinesischen Squatters ein Ende zu machen, indem sie dieselben zwingt, das Land zu kaufen, das sie bepflanzen wollen; ein sicheres Mittel, um es in Kulturland, statt in Graswildnisse zu verwandeln.

Das Pflücken der Blätter dauert das ganze Jahr über, jeder Strauch kommt jährlich 3 bis 4 mal an die Reihe. Die Morgens gesammelten Blätter werden am Nachmittag versotten, die Nachmittags gesammelten am folgenden Morgen; ein Absud erfordert 5 bis 6 Stunden. Die Fabrikation ist sehr einfach. Ein grosser Schuppen aus Stangen und Palmenblättern, mit einigen Bänken aus gespaltenem Bambus versehen, die als Tisch und Betten dienen, ist zugleich Wohnung und Fabrik. Der Kessel besteht aus einer eingemauerten, flachen Pfanne aus Gusseisen, von etwa 3 Fuss Durchmesser, auf welcher ein hohler Cylinder von Baumrinde steht, die in einem Stück von einem entsprechend grossen Baum abgelöst worden. Die Fugen und die ganze Aussenseite sind mit Thon verschmiert, um sie gegen das Feuer zu schützen. Man giesst etwas Wasser in die Pfanne, schüttet die Blätter ein und wirft sie, nachdem sie etwa eine Stunde gesotten, auf eine geräumige, ebenfalls aus einem Stück Baumrinde bestehende, schräge Rinne, deren unteres Ende in den Kessel hineinragt. Der Arbeiter knetet diese Blätter, damit das ihnen anhaftende Wasser in den Kessel zurücklaufe. Der zur Konsistenz von dünnem Syrup eingedampfte Absud wird in Eimer geschöpft. Ist er kühl genug, so beginnt eine eigenthümliche Hantirung. Bekanntlich enthält der Gambir ausser der in kaltem Wasser löslichen Catechugerbsäure auch in kaltem Wasser unlösliches Catechin; anstatt nun einfach umzurühren, damit die Flüssigkeit überall gleichmässig erstarre, klemmt der Arbeiter in jeden Eimer in schräger Richtung einen Stock aus weichem Holz. Er stellt zwei solcher Eimer vor sich hin und fährt mit jeder Hand an einem der Stöcke auf und ab. Die Flüssigkeit verdickt sich zunächst am Stock, und da sie dort immer abgestreift, die Masse überdies in beständiger Bewegung erhalten wird, erstarrt sie gleichmässig, was nach Behauptung der Arbeiter durch Umrühren nicht zu erreichen sein soll. Gewiss ist hier wieder ein Stückchen Aberglauben im Spiel. Die hinreichend verdickte Masse wird in flache, viereckige Kasten gefüllt, und wenn sie erhärtet ist, wie Seife in Stücke geschnitten und im Schatten getrocknet. Die gekochten Blätter werden noch einmal ausgesotten und schliesslich in dem Wasser ausgewaschen, das zum Kochen der Blätter verwendet wird.

Eine Pflanzung von 5 Arbeitern enthält im Mittel 70–80,000 Sträuche und liefert täglich 40–50 Katti (1 Katti = 11/3 ℔ Engl.) Gambir. Die Arbeiter behaupten, nur das Holz eines gewissen Baumes besitze die Eigenschaft, den Absud im Eimer erstarren zu machen und zeigten mir ihn später, es war Artocarpus incisa. Nachher sagte man mir aber, dass jedes weiche Holz sich dazu eigne, doch nehme man gewöhnlich einen Zweig des eben genannten.

Gambir, besser unter dem Namen Terra japonica in Europa bekannt, wird von den Malayen mit dem Betel gekaut, zu welchem Zweck er zuweilen noch besonders raffinirt und in kleine, zierliche Kuchen geformt wird. Er enthält 50–60% Gerbstoff und wird in steigender Menge nach Europa für die Schnellgerbereien und Färbereien exportirt. Die sehr beständige, schöne Holzfarbe der französischen Tapeten verdankt man dem Gambir. Die Produktion wächst so schnell, als die Nachfrage, denn der Preis steigt nicht. In Singapore nehmen die Pflanzungen ab, doch mögen wohl noch nahe an 1000 auf der Insel vorhanden sein. Da es aber jetzt den Chinesen nicht mehr gestattet wird, ohne alle Abgaben den Boden in Besitz zu nehmen und den Wald zu zerstören, so ziehen sie sich mehr nach Johor. Die Hauptproduktion ist aber auf den Inseln Bintang, Batam und Linga, die unter holländischer Botmässigkeit stehen.

In Europa scheint einige Verwirrung in Bezug auf die Namen Gambir, Terra japonica, Cutch, Catechu, Cachou zu herrschen. Abgesehen von den unter dem Namen Cachou in Apotheken käuflichen Bonbons, die nur aus Lakritzen und Salmiak bestehen, und mit Catechu (Cachou der Franzosen) nichts als den Namen gemein haben, versteht man unter Gambir oder Terra japonica gewöhnlich das Präparat von der Nauclea Gambir. Das eigentliche Catechu (Cutch) dagegen wird von einer Mimose, Acacia Catechu (Willd.), und zwar aus dem Herzen des Stammes und den Schoten, durch Auskochen und Eindicken des Absuds gewonnen. Man erhält es namentlich aus Birma (Pegu), Malabar und dem nördlichen Bengalen. Beide Substanzen sind übrigens sowohl chemisch, als in Bezug auf ihre technische Verwendung fast identisch. Das aus Arecanüssen bereitete Catechu scheint ganz vom Markt verschwunden zu sein.