Nachmittags um 5 Uhr fand auf dem Alun-alun, vor dem Hause des Regenten, ein Rompok statt. Der grosse viereckige Platz war mit mehreren Reihen von Lanzenträgern umgeben, es mochten ihrer wohl über 2000 sein. In der Mitte des Vierecks standen zwei kleine, mit Stroh überschüttete Käfige und ein dritter, höherer, in Form eines Daches. Die beiden ersten Käfige enthalten je einen Tiger. Ein dichter Kranz von Zuschauern umgiebt die Lanzenträger. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Käfig in Brand gesteckt, der Tiger will aber durchaus nicht erscheinen. Es ist dieselbe arme Bestie, die schon heut morgen vom Büffel so übel zugerichtet wurde; schon fürchtet man, dass er verbrannt oder erstickt sei, als er endlich mit dem Hintertheil zuerst zum Vorschein kommt. Kaum aber hat er sich umgesehen, so läuft er in den brennenden Käfig zurück, und es dauert abermals geraume Zeit, bis er zum zweitenmal heraustritt. Ohne sich vom Platz zu rühren, mustert er genau das Terrain und späht ängstlich nach einem Schlupfwinkel. Da er keinen Schritt thut, setzt sich das mit Bewaffneten angefüllte dachförmige Gestell in Bewegung, aus dessen Oeffnungen ihre langen Lanzen hervorragen. Sie zwingen endlich das Thier, sich zu bewegen. Da der Tiger fast immer gegen die Richtung des Windes läuft, so war die Windseite am stärksten bemannt worden. Diesmal aber wich er mit richtigem Takt von seiner Gewohnheit ab, stürzte sich plötzlich auf eine schwach bemannte Stelle in der Nähe unseres Pavillons, und machte einen verzweifelten Versuch, durchzubrechen. Kaum aber hatte er die Stelle erreicht, als er von zwanzig Lanzen durchbohrt zu Boden sank. Man steckte den zweiten Käfig in Brand. Das muthige Thier springt mit einem Satz heraus, stutzt, mustert seine Feinde, setzt sich in Lauf und versucht an der Windseite einen Durchbruch, dort zurückgedrängt, wiederholt er einige Schritte weiter denselben Versuch, wird aber sogleich durchbohrt, indem alle Nahestehenden, unfähig, ihre Leidenschaft zu zügeln, ihm ihre Lanzen in den Leib stossen. Der Regent bot mir die Tiger an, da aber die Felle zerfetzt waren, und ich deren bereits fünf besass, so begnügte ich mich damit, die Eingeweidewürmer meiner Sammlung einzuverleiben und liess mir einige Tigerkoteletten braten, die gegen Erwarten gut, fast wie Rindfleisch schmeckten, was die übrigen Gäste nicht glauben wollten, die vor dem Fleisch einen gewissen Ekel empfanden. Der Resident bestätigte aber mein Urtheil. Er hatte früher in Banjuwangi, wo Rindfleisch nur selten vorkam, den Rücken eines jungen Tigers in Form von Rinderbraten bereiten und einige in der Provinz ansässige Pflanzer zum Diner einladen lassen. Das Fleisch schmeckte ihnen vorzüglich, und sie entdeckten den Verrath erst, als sie den Rest des Thieres in der Speisekammer hängen sahen.
Nachdem ich meine naturwissenschaftlichen und ethnographischen Sammlungen, die auf der Reise so angewachsen waren, dass sie fast den ganzen Platz im Wagen und einen auf dem Verdeck eingerichteten Raum einnahmen, wohl verpackt dem Assistent-Residenten übergeben, der sie pünktlich, wie er versprochen hatte, mit dem ersten Schiffe an unsere Museen absandte, verliess ich Tjelatjap und begab mich nach Banjumas, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, wo ich einige Tage im Hause des Residenten zubrachte. Neben der sehr geräumigen „Residenz” lag ein zweites Haus mit breiter Veranda, eine ganze Reihe Fremdenzimmer enthaltend, in welchen die fünf oder sechs gleichzeitig anwesenden Gäste so unabhängig und behaglich, wie in einem guten Hotel wohnten.
In Adjibarang, einem SW. vom Slamat gelegenen Dorfe, traf ich eine Abtheilung Topographen (Mestizen) unter Leitung eines holländischen Hauptmanns, und war erstaunt über ihre Leistungen. Die in aequidistanten Horizontalen aufgenommenen Messtischblätter eines reich bewässerten, verwickelten Hügelterrains konnten sowohl in Bezug auf Genauigkeit als auf schöne klare, reliefartige Darstellung den besten europäischen an die Seite gestellt werden. Der Maasstab war 1: 10,000. Seit 1848 besteht in Gombong eine Schule für Europäer und Mischlinge, zur Heranbildung von Unteroffizieren; die besseren Schüler werden zu Topographen ausgebildet. Ganz in der Nähe von Adjibarang ist Batubala, eine wenige Fuss breite, über hundert Fuss lange, tiefe Spalte, nahe dem Rande einer gegen 200' hohen, senkrechten Lavawand, in welche früher die Sultane von Jokjokarta ihnen unbequeme Personen ohne alle Form von Prozess mit auf den Rücken gebundenen Händen werfen und elend verschmachten liessen. Von Adjibarang bis Purwolingo, um den SO.-Fuss des Slamat herum, breitet sich zu beiden Seiten reiches Kulturland aus, ungemein ergiebig durch fruchtbaren Boden, reichliche Bewässerung und den Fleiss einer dichten Bevölkerung. Während aber in den meisten Ländern die fruchtbarsten Auen sehr einförmig sind, und nur mittelbar durch die Betrachtungen über ihren Nutzen erfreuen, gehören die Sawas in diesen malerischen Berglandschaften zu den schönsten Bildern, die man sehen kann. Jeder Hügel ist fast bis zum Gipfel von Terrassen umgeben, die seinen Umrissen folgen und diesen Denkmälern menschlichen Fleisses die Gestalt gegliederter Baudenkmäler geben, während tausend kleine Kaskaden die starre Form beleben.
In Purwolingo erwartete mich der Assistent-Resident. Wir legten die erste Strecke im Wagen zurück, ritten dann bis Bobotsári und am folgenden Tage nach Priatin. Nicht weit von der Strasse bricht die Quelle des Kali-arus mit solcher Wasserfülle aus horizontalen Lavabänken hervor, dass ein schnell fliessender, 5' breiter Bach daraus entsteht. Aus einigen Löchern sprudelte das Wasser 1/2 Fuss hoch.
Etwas weiter, in der Nähe des Dorfes Seraju, liegt der malerischste Wasserfall, den ich je gesehen (Tjipotut): vom Rande der dicht bewachsenen Hinterwand fällt ein reichlicher Bach in ein erstes, fast kreisrundes, flaches Becken, in dessen mittlerem Theil das Wasser einen Teich bildet, worin mehrere Frauen badeten, während andere auf dem ringförmigen Rande im Schatten schlanker Bambusen mit ihnen scherzten. Aus einer Rinne stürzte das Wasser in ein zweites Becken und von da in einen tiefen, runden Kessel, dessen finstere mit Farnen bekleideten Tuffwände einen schönen Gegensatz zu den oberen sonnigen Becken bildeten. Als ich vom Wasserfall zurückkehrte, sah ich meinen Begleiter beschäftigt, Anstalten gegen den Regen zu treffen, der uns bevorstand, d. h. er wickelte seine Uhr und Brieftasche geschickt in ein Bananenblatt, so dass das Wasser davon, wie von einem Dache ablaufen musste. Kaum waren die Vorbereitungen vollendet, als ein heftiger Regen eintrat, der ununterbrochen bis Priatin anhielt, das wir nach einigen Stunden erreichten. Herr B. war wieder ein Beispiel für die Richtigkeit der Behauptung, die ich in Indien so oft von Aerzten und alten Praktikern hörte, dass nämlich ein sonst gesunder Körper sich am besten akklimatisirt, wenn er kein Wetter und keine Strapazen scheut. Obgleich mein Gefährte schon 28 Jahre in ostindischen Diensten stand, und namentlich als Kontrolör grosse Beschwerden erduldet hatte, war er noch so rüstig, dass er in seiner dünnen Kattunjacke den in 3–4000' Höhe doch ziemlich kalten Regen anscheinend ohne alle Belästigung ertrug. Der Abend in Priatin war sehr schön. Die Kulis lagerten sich um ein gewaltiges Wachtfeuer und erfreuten sich am Gamelang und Tanz der Ronggengs, der bis spät in die Nacht dauerte.
Am folgenden Morgen, nachdem ich mich von meinem freundlichen Begleiter, der nach Purwolingo zurückkehrte, verabschiedet hatte, bestieg ich den Slamat, auf dessen östlichem Abhang Priatin in 4000' Höhe liegt. Einen Paal weiter stehen die letzten von einigen Kaffeebauern zeitweis bewohnten Hütten. Das Steigen wäre viel beschwerlicher gewesen, hätten wir nicht bald Rhinozerospfade getroffen, die in bequemen Windungen bis an den Schuttkegel führen, aus dem die Spitze des Berges besteht. Diese Thiere müssen hier sehr häufig sein, wir trafen vielfach ihre Spuren. Im ganzen Westen von Java kommen sie vor; der Slamat bildet aber die östlichste Grenze ihres Verbreitungsbezirks. Das Nashorn ist so scheu, dass man es fast nie zu Gesicht bekommt; doch werden einzelne Fälle angeführt, wo es, wahrscheinlich in der Brunstzeit, Menschen angegriffen hat. Die plumpen Thiere ersteigen die höchsten Berge, wo sie ihr Lieblingsgras in Menge finden, und sind unübertrefflich im Anlegen von Strassen: indem sie immer derselben Spur folgen, schleifen sie mit ihrem tief herabhängenden, faltigen Lederpanzer und dem daran haftenden Sande allmälig tiefe Rinnen mit völlig glatten Wänden selbst in das härteste Gestein. Nicht minder wunderbar erscheint der ausgezeichnete topographische Takt, mit welchem alle Terrainschwierigkeiten umgangen, steile Stellen durch Zickzacklinien überwunden werden; das Wunder erklärt sich aus der Unbeholfenheit des Thieres, dem schwierige Stellen unzugänglich sind. — Das Fell des Rhinozeros dient zu verschiedenen Zwecken; als Schild lässt es keine Musketenkugel durch; die Chinesen gebrauchen es in der Medizin. Das Horn gilt in Java als ein sicheres Mittel gegen Schlangengift, nicht nur bei den Eingebornen, auch viele gebildete Europäer sind von seiner Wirksamkeit so fest überzeugt, dass sie auf Reisen gewöhnlich eine dünne Scheibe davon bei sich tragen, in der Meinung, dass durch Auflegen der porösen Masse auf die Wunde das Gift unfehlbar ausgezogen wird. Eine Dame, die auf diese Weise einen von einer Schlange Gebissenen „geheilt”, hatte sogar die Hornscheibe vorher in Essig gelegt, um sie noch wirksamer zu machen!
Nachdem wir die Waldgrenze überschritten und die Region betreten hatten, in welcher nur einzelne Bäume aus einige Fuss hohem Grase hervorragten, genossen wir einen prächtigen Anblick. Hinter den Vorbergen des Slamat sah man das nördliche Flachland und hinter diesem die Java-See sich ausbreiten, im Westen überragte der Tjerimai die kleineren Berge, im Osten thürmte sich ein hoher Vulkan hinter dem andern auf, dahinter die 9–10,000' hohen Sindoro, Sumbing, Merapi, Merbabu; im Süden lag die reiche Provinz Banjumas und der indische Ozean. Die beiden Meere sind von hier fast gleichweit entfernt. Mehrere tausend Fuss unter uns schwebte in einer horizontalen Ebene die Wolkenschicht, unzählige Cumuli bildend, und warf auf den Erdboden scharf begrenzte Schatten, die durch die Zwischenräume deutlich zu erkennen waren. Der schöne Anblick dauerte nicht lange, die Cumuli verschwammen zu einer dichten, jede Aussicht verhüllenden Nebeldecke, noch ehe wir den oberen Rand der Grasregion erreicht hatten, die scharf, wie abgeschnitten, an den Schutthaufen grenzt, auf dem man die letzten paar tausend Fuss zum Kraterrande emporsteigt. Als ich mit 2–3 Begleitern oben ankam, stellte sich ein feiner, kalter Regen ein, der uns in unserer sehr dünnen Kleidung vor Kälte zittern machte. Allmälig kamen einige Leute mit Gepäck, es wurde ein Wachtfeuer angezündet; gegen Abend glich der Berggipfel einem grossen Lagerplatz. Herr B. hatte in liebenswürdigster Zuvorkommenheit 20 Kulis zu meiner Begleitung bestimmt, und dieselben mit allerlei Geräthen der Bequemlichkeit ausgerüstet, um diese Exkursion zu einer wahren Vergnügungsreise für mich zu machen. Als ich aber gegen Abend die Menschen an den verschiedenen Feuern zählte, waren ihrer über 80, von denen die grosse Mehrzahl doch nur zu ihrem Vergnügen sich betheiligt haben konnte, da nicht anzunehmen ist, dass jeder Kuli noch drei Unter-Kulis habe.
Aus drei Matten und ein paar Bambusen war schnell eine kleine Zelle für mich erbaut, deren eine Seite die Felswand bildete. Allmälig füllte sie sich mit allerlei Luxusgegenständen: ein Träger brachte eine Lampenglocke, andre ein Waschbecken, Teller, Theetassen. Ein trockener Rock und etwas zu essen wäre mir lieber gewesen; die Aussichten für die Nacht waren etwas ungemüthlich, als zu meiner Freude noch spät Abends der Koch erschien, der schon auf einem Halt unterwegs das Essen zubereitet hatte. Mit ihm zugleich kam eine mit Baumwolle gestopfte Matratze, worin ich eine unerwartet angenehme Nacht zubrachte, indem ich ihr oberes Ende aufschnitt und bis an den Hals hineinkroch.
Bei ihrem Aufgang warf die Sonne den langen Schatten des Slamatkegels auf die über der Ebene schwebende Wolkenschicht, aber bald wurde es völlig trübe und die Aussicht beschränkte sich auf die nächsten Punkte. Am nördlichen Abhang erblickt man einige kleine Seitenkrater, wie man deren so viele am Aetna wahrnimmt. Gegen Mittag verliessen wir den Gipfel. Am unteren Rande des Schuttkegels begegneten wir noch mehreren Kulis mit Gegenständen, die uns gestern Abend sehr angenehm gewesen wären. Sie hatten die Nacht im weichen Grase gelagert und kehrten nun mit uns um. Als wir kaum die Rhinozerospfade betreten hatten, begann es so heftig zu regnen, dass diese schmalen, Laufgräben ähnlichen Wege sich in Bäche verwandelten. Um 4 Uhr Nachmittags waren wir wieder in Priatin.
Bei der Rückkehr nach Banjumas hatte ich das Vergnügen, unsern Landsmann, den Oberst v. S., kennen zu lernen, der als Chef des Geniewesens auf einer Inspektionsreise begriffen war und mir bis zu dem Augenblick, wo ich Java verliess, unzählige Gefälligkeiten erzeigte. Mein Bedienter war von den Strapazen der letzten Reise krank geworden; der Resident von Banjumas nöthigte mir, als ich nach einigen Tagen abreiste, einen der zuverlässigsten und intelligentesten seiner eigenen Diener auf, der mich während meines ganzen ferneren Aufenthalts in Java begleitete und überhäufte mich überdies mit Aufmerksamkeiten, deren ich zum Theil erst nach meiner Abreise inne wurde.
Ich kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit nochmals der grossen Gastfreundschaft in Java und der Art ihrer Ausübung zu gedenken, denn sie bildet einen der hervorragendsten Züge im dortigen Reiseleben, der in der Erinnerung um so deutlicher hervortritt, je mehr sich die andern Eindrücke verwischen. — Bei den Völkern lateinischer Abstammung wird Einem im ersten Auflodern der Gefälligkeit so viel mehr versprochen, als gehalten werden kann, dass Alles nothwendig auf eine höfliche Formel hinauslaufen muss, die aber gerade, weil sie nichts kostet, so allgemein ist, dass der oberflächliche Verkehr mit ihnen dadurch eine angenehme Färbung erhält. Die Engländer, die das, was sie versprechen, auch wirklich zu halten meinen, zaudern vorsichtig mit ihrem Entgegenkommen und stossen expansive Ausländer durch ihre kalte Gemessenheit ab. In Java wird die Formel der Spanier: „Sie sind in Ihrem Hause, dies Haus ist das Ihrige”, zur Wahrheit, ohne je ausgesprochen zu werden; wie überhaupt die unzähligen, dem Fremden erwiesenen Dienste, aus Furcht, dass er sie ablehnen könnte, nie vorher angeboten werden. Dass der Bediente nach den kleinen Gewohnheiten, den Lieblingsgerichten, den Speisestunden seines Herrn ausgefragt, und dass danach die Hausordnung abgeändert wird, ist durchaus nichts seltenes; aber nicht nur auf die Dauer des Besuchs beschränkt sich die liebenswürdige Fürsorge; mehreremale, wenn ich auf einem Berggipfel oder in einem abgelegenen Pasanggrahan das tägliche Huhn mit Reis essen wollte, fand ich den Tisch mit allerlei Leckerbissen besetzt, welche die Frau des Hauses, in dem ich zuletzt eingekehrt war, dem Diener heimlich zugesteckt hatte.
Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. Tempel. — Vogelscheuchen. — Tempel Perot. — Affengemeinde. — Bad. — Fliegende Hunde. — Borobudor. Pavon. Mundut. — Sultan von Jokjokarta und seine Familie. — Salzgewinnung. — Karang-tritis. — Getäuschter Gastfreund. Landpächter. — Indigofabriken. — Begräbnissplatz Imogiri. — Tempel bei Kalasan und Prambanan. — Surakarta. — Der Kaiser und sein Hofstaat. — Betelkauen. — Pangerans. — Tanz. — Der alte Blücher. — Batek. — Berg Lawu. Raden Rio. — Neujahrsfest in Surakarta.
Von Banjumas führt eine schöne Strasse im Serajuthal auf der linken (südl.) Seite des Flusses nach Bandjar-negara. Der Ort hat eine sehr hübsche Lage. Den Hintergrund bildet eine Berglandschaft mit schönen vulkanischen Profilen, überragt vom Sindoro und Sumbing, den beiden Brüdern, wie sie die Schiffer nennen, die sie von der Rhede von Samarang erblicken; im Vorgrund ziehen sich die Terrassen der Reisfelder an den Seiten der steilsten Hügel hinan. Eine Wasserleitung, die Bandjar-negara mit gutem Trinkwasser versorgt, überschreitet in doppelter Bogenreihe den Fluss und sieht fast wie ein Römerwerk aus. Der Fahrweg folgt dem Laufe des Flusses bis Wonosobo; ich setzte aber die Reise zu Pferde über Karang-kobar und Batur nach dem berühmten Plateau von Dïeng fort. Gleich bei Bandjar-negara führt eine malerische Bambusbrücke über den Fluss.[92] In einem kleinen Warong daneben sah ich Yams (Dioscorea sp.) von intensiv violetter Farbe feil bieten.
Hier beginnt die Strasse, die in Bezug auf grossartige Landschaften wohl jede andre in Java übertrifft: zwischen Hügeln, die ganz mit Sawas bedeckt sind, erheben sich kühne Felsen; einer derselben, der Gunong-labet, besteht aus dem Rest einer einzigen riesigen, konzentrisch schaligen Trachytkugel. In weiterer Ferne thürmen sich durch tiefe Schluchten zerrissene Gebirge immer höher auf bis zum Slamat, dessen 10,630' hoher Gipfel alles überragt. Hinter Karang-kobar wird die Landschaft noch ernster, die fast kahlen Berge zeigen ihre Modellirung um so deutlicher. Für Reisfelder ist es hier oben zu kalt; Mais, Tabak, Weizen und Gemüse treten an ihre Stelle. Auch Bambusen sieht man wenig in dieser Höhe, deshalb führen hölzerne Brücken über die Bäche. Von den Häusern sind die besseren aus Holz, die ärmeren aus Glaga, dem mehrfach erwähnten Rohr, die Wände bestehen aus den Halmen, die Dächer aus den Blättern.
Bei Batur (5000') betritt man im NW. die Hochebene von Dïeng, Javas phlegräische Felder. Der Weg führt zuerst durch braune Tuffschluchten, ganz wie bei Rom, und das Plateau ist kahl wie die Campagna. Links von der Hauptstrasse liegt Kawa-dringu, eine Vertiefung in einem Bergabhang, der aus abwechselnden Lagen von Rapilli und Trachytblöcken besteht, ein graubrauner Schlammsee, etwa 20' lang und 50' breit bedeckt den Boden; die Dampfentwickelung ist so heftig, dass der Schlamm stellenweise 4 Fuss in die Höhe geworfen wird. In geringer Entfernung, NzO., liegt Telaga-dringu, ein Wasserbecken im Boden eines alten Kraters mit etwa 120' hohen, sanft ansteigenden Wänden. Das Wasser ist nicht tief, selbst aus der Mitte ragen Binsen hervor. Der westliche Abhang ist mit Gras, der östliche mit Gesträuch und Bäumen bewachsen, die sich in Gruppen bis auf eine etwas erhabenere Felsbank in den See hineinziehen, auf welchem viele Tauchenten den Fischen nachstellten.
Sumor-djalatunda, Junghuhn nicht bekannt, daher auf seiner Karte von Dïeng nicht angegeben, liegt ca. 11/2 Paal in gerader Linie östlich von Batur, SSW. von Kaputschuan. Dicht dabei schneidet die Strasse Batur-Dïeng am Kali-puti (weissen Bach), der aus der Kawa-dringu kommt und hier am äusseren Abhang des Sumor vorbeifliesst; hier hat er schon alles Sediment unterwegs abgesetzt, ist völlig klar, kalt und geruchlos. Sumor (Brunnen) wird dieser Kratersee genannt, der ringsum von fast senkrechten, üppig bewaldeten Wänden eingefasst ist. Der See, der den Boden einnimmt, ist oval, seine grösste Länge in der Richtung von N. nach S. beträgt gegen 100', sein Wasser ist dunkelgrün. Das ganze Becken erinnert sehr an Telaga-warna am Megamendong, nur betritt man dies letztere im Niveau des Wassers durch eine Spalte in der Kraterwand, während hier das Seebecken unzugänglich ist. Die Wände sind 130–150' hoch und ringsum geschlossen, wie der Kessel eines Brunnens. Die äusseren Abhänge dieses Kraters bestehen an der einzigen Stelle, wo ich sie entblösst fand, aus sehr feinen weissen Tuffen, in welchen einige Schichten trachytischer Rapilli vorkommen.
Vierhundert Schritt östlich ist das Todtenthal. Im Boden eines Kraters mit sanft geneigten Wänden, die mit Gras und Bäumen bewachsen oder mit Kohl und Tabak bepflanzt sind, liegt halb vergraben in der Rapillischicht, die den Boden bildet, ein grosser, flacher Stein, der schönste Trachytporphyr, den ich bis jetzt auf Java getroffen; dies ist die Stelle, wo früher die Mofette (siehe S. 147, Anmerkung) am heftigsten war. Ein paar Kulis erwarteten uns hier mit einem Hund und einem Huhn, um zu versuchen, ob die Ausströmung des Gases hinreichen würde, die Thiere zu betäuben; diese empfanden aber gar keine Wirkung. Der Auftritt erinnerte lebhaft an die neapolitanischen, zum Prellen der Fremden ersonnenen Kunststückchen in der Hundegrotte; hier war es indessen eine uneigennützige Aufmerksamkeit des Häuptlings. Die Ausströmungen scheinen fast ganz aufgehört zu haben, nur periodisch bemerkt man noch Spuren, wie sich aus einigen am Boden liegenden gebleichten Skeletten, sämmtlich kleinen Thieren angehörend, schliessen liess. Der schönste Sonnenschein beleuchtete die Kohlfelder dieses nach den Schilderungen des älteren Darwin so grausigen Ortes.
Telaga-leri. Von üppigem Wald umschlossen, mit schön bewachsenen Inseln geschmückt, breitet sich ein grosser Schlammsee aus, mit graugrün schimmerndem, heftig wallendem Wasser, aus welchem hohe Dampfwolken aufwirbeln. Durch die ringsum thätigen, das Gestein zersetzenden Solfataren sind unzählige Buchten, Inseln und Landzungen entstanden. Der Mittelpunkt der vulkanischen Thätigkeit liegt gegenwärtig am Ostufer, aus dessen Sprudeln und Pfützen mehrere siedend heisse Bäche abfliessen, so dass wir die Eier und Kartoffeln zu unserer Mahlzeit durch Eintauchen darin kochen konnten. Mitten in dieser Verwüstung steht ein Schuppen, zwischen dessen Dielen eine dichte Vegetation von Faseralaun effloreszirt, der auch um denselben einen Teppich bildet. Dicht am Ostrande, unmittelbar neben den kochenden Wassern fliesst ein klarer, kalter, reiner Bach vorbei. Gegen Abend erreichten wir das eigentliche Plateau von Dïeng, ein ovales, ringsum von Bergen eingeschlossenes Thal. Indem wir über seine Fläche nach dem am jenseitigen Abhang (im Osten) gelegenen Pasanggrahan ritten, zeigten sich in geringer Entfernung von uns, zur Rechten, 4 kleine 20–25' hohe Tempel in einer Reihe, und ein fünfter, kleinerer, etwas seitwärts.[93]
Auf der Südseite des Plateaus erhebt sich am Abhang eines kleinen Hügels der mit schöner Skulptur reich verzierte Tempel Werkodoro und hinter ihm eine trotz ihrer Entstehung durch Solfataren liebliche Landschaft: kleine türkisblau und smaragdgrün glänzende Seen in blendend weissem Tuffboden von einer zackigen Bergwand umschlossen. Die Sohle des Thales von Dïeng ist an vielen Stellen versumpft, man kann aber grosse Strecken weit auf Lavafliesen gehen, überall liegen Trümmer behauener Steine umher. Auf den Abhängen stehen noch mehrere kleine mit Gesträuch bewachsene Tempel, die meisten sind aber umgestürzt und bilden nur noch Schutthaufen. Die gewaltigen Naturerscheinungen, die hier in seltener Fülle als Vulkane, Solfataren, kochende Seen auftreten, scheinen dem religiösen Aberglauben grossen Vorschub geleistet, die Bildung einer mächtigen Priesterkaste begünstigt und die Gründung zahlreicher Tempel veranlasst zu haben. Junghuhn entdeckte hier eine merkwürdige Inschrift, von der bis jetzt nicht ausgemacht ist, welchem Volk und welcher Zeit sie zugeschrieben werden muss. — Ein mit dem Brahma- und Buddhakultus und seinen Monumenten vertrauter Forscher würde gewiss hier sowohl als weiter östlich in Java ein reiches Feld für seine Thätigkeit finden.
Die ganze Nacht hindurch wüthete ein heftiger Sturm aus Ost, der einen Theil des Pasanggrahans abdeckte; er hielt den ganzen Tag über an und legte sich erst gegen Abend. Der Wind war kalt und unbequem in dieser Höhe (über 6000') und noch unangenehmer auf den Bergen, die sich aus dem Plateau erheben und wie dieses baumlos sind. Die aus der heissen Ebene mit heraufgekommenen Leute froren den ganzen Tag trotz der reichlichen Bewegung; die hier oben Ansässigen aber ertrugen die Kälte sehr gut, und völlig nackte kleine Jungen kauerten müssig vor den Häusern in anscheinender Behaglichkeit. Wir verliessen das Kesselthal von Dïeng im Süden und ritten an dem schönen Tempel Werkodoro und dem tiefblauen See Telaga-warna vorbei, der etwas nach Schwefelwasserstoff roch. Bevor wir den Vulkan Pakuodjo erreichten, sahen wir rechts von der Strasse einen hohen Felspfeiler, Gunong-batu, von wo aus man eine schöne Uebersicht des Pakuodjo hat, der aus einem geschlossenen Krater und einer grossen Schlucht besteht. Der Sturm war jetzt so heftig, dass wir den Gipfel nicht besteigen konnten. Der Boden des Kraters ist ganz flach, mit einer hohen Erdschicht ausgefüllt, auf dem das herrliche rothe Rhododendron Javanicum in ziemlicher Menge unter andern Sträuchern wächst. Eine niedrige Zwischenwand führt in die daneben liegende Schlucht. Diese streicht von S. nach N. mit steilem Fall; in der Mittellinie derselben zieht sich ein grosser gewölbter Schuttberg herab und stürzt sich im N. über den flachen Rand. Er sieht von ferne täuschend wie ein erstarrter Lavastrom aus, ist aber nur das Ergebniss der höher oben an den Bergwänden thätigen Solfataren, die das Gestein zersetzen und in grossen Blöcken oder als Schuttmassen hinabstürzen; so entsteht ein langer, schmaler Rücken von Bergtrümmern, der durch die Wirkung des herabrieselnden Wassers auf der stark geneigten Sohle allmälig weiter geschoben wird. Der Boden des daneben liegenden Kraters ist viel höher und wird durch das an seinen Wänden zersetzte Gestein immer mehr aufgehöht, da sein Rand völlig geschlossen ist. (Mittags im Schatten 12,8°R.)
Von hier besuchten wir die am Fuss des Berges Pangonan gelegene Solfatara Tjondro di muka, wo im Jahre 1834 ein Kontrolör in den heissen Schlamm einsank und, obgleich schnell herausgezogen, an den Brandwunden starb. Die Stelle ist durch einen Stock bezeichnet, der von Zeit zu Zeit erneuert wird; die Eingebornen nennen auch wohl die ganze Solfatara „tuwan Kontrolör punja tjelaka” (das Unglück des Herrn Kontrolör). Sie nimmt den Grund eines alten Kraters ein, dessen Wände fast zerstört sind und dessen Boden mit grünem Rasen bedeckt ist, mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo die Fumarolen thätig sind. Am Abhange des Berges Pangonan, dicht bei Tjondro di muka, ist eine ähnliche Solfatara, aus welcher ein grosser Schlammstrom herabgeflossen ist, der jetzt im verhärteten Zustande auf den ersten Anblick wie ein Lavastrom aussieht. Auch zeigt er an den Stellen, wo der Abhang steiler ist, die eigenthümliche strickförmige Textur schnellgeflossener Laven. Verfolgt man den Strom nach oben, so findet man auf einem flachen Absatz des Bergabhanges neben mehreren noch kochenden Schlammseen ein entleertes Becken mit zerborstener Wand als Ursprung des erwähnten Schlammstromes. Der Berg Pangonan enthält zwei Krater; in den südöstlichen kann man hineinreiten, sein Boden ist sehr versumpft, weshalb ein gleichnamiges Dorf, das früher darin stand, verlassen wurde. Auf den flachen Terrassen, die den Kessel fast in seinem ganzen Umfange umgeben, wurde Mais, Tabak und Kohl gebaut, der Boden war mit Binsen und grobem Gras, die Pfützen mit Brunnenkresse bedeckt. Von zehn kleinen Tempelchen, welche Junghuhn's Karte auf dem äusseren Abhang angiebt, fand ich nur noch drei aufrecht, und den Schutthaufen eines vierten. Sie sind im Grundriss quadratisch, jede Seite von 2,25 Meter Breite und 5,34 M. Höhe, die Eingänge 0,85 M. breit, 1,83 M. hoch. Ringsum ist der Boden mit behauenen Steinen und zertrümmerten Skulpturen bedeckt. Der Boden des Nebenkraters wird fast ganz von einem See ausgefüllt, Telaga-werdoto der Junghuhn'schen Karte, die Eingebornen nannten ihn aber Merredada. Vom Zwischenrücken übersah man die Topographie des Berges mit einem Blick. Der Abhang des Pangonan fasst die W.-Seite des Plateaus von Dïeng ein und grenzt im N. an die Strasse Batur-Dïeng; jenseit derselben und des Baches Dolog, im N., erhebt sich ein anderer erloschener Vulkan, der Pager-kendeng. Am SW.-Abhange dieses Berges liegt das früher beschriebene Telaga-leri; ein bequemer Reitweg führt über die Kratermauer auf den Boden des Pager-kendeng-Kraters, in welchem sich einige Menschen in elenden Hütten aus Farnstämmen und Glaga angesiedelt hatten. Sie leben vom Anbau und der Bereitung des Ricinusöls und Tabaks. Die Tabakbereitung ist sehr einfach. Die grünen Blätter werden zusammengerollt, viele Rollen über einander zwischen zwei senkrecht neben einander befestigte Bretter gelegt, fest gedrückt und nach und nach vorgeschoben, wobei der die Bretter überragende Theil mit einem scharfen Messer abgeschnitten wird, wie beim Häckselschneiden. Die Streifen sind nicht dicker als ein Zwirnfaden. Man trocknet sie zuerst an der Sonne, später über Feuer. Eine weitere Behandlung erfährt der Tabak nicht; er wird hauptsächlich zum Kauen verwendet, für sich allein oder mit Betel vermischt, auch macht man Cigaretten daraus, indem man ihn in junge Seitenblätter der Nipapalme wickelt. Am Nordostabhang liegt die Solfatara Panduh oder Sepanduh, die wir erst bei völliger Dunkelheit erreichten. Die schwierigsten Stellen der Strasse nach Dïeng wurden beim Schein der Fackeln zurückgelegt, die schnell improvisirt waren, indem die Kulis im Vortrab ohne Weiteres grosse Bündel Glaga aus den Umzäunungen rissen und anzündeten.
Leider konnte ich in Dïeng nicht länger verbleiben, da meine Ankunft in Wonosobo bereits angemeldet war. Wir ritten in SSO.-Richtung zuerst durch tief eingeschnittene Tuffwände nach Badak-banteng, kamen Abends nach Telaga-mendjer, einem den Eifeler Maaren ganz ähnlichen Wasserbecken in weissem Tuff, und am folgenden Tage nach Wonosobo. Auf einem Maisfelde sah ich ein eigenthümliches System von Vogelscheuchen: senkrecht gegen die Richtung eines schnellen Baches waren lange Reihen schlanker Bambushalme in den Boden gesteckt, von deren übergebogenen Spitzen lange in der Sonne stark glänzende Pisangblattstreifen herabhingen. Die Spitzen der Bambusen jeder Reihe waren durch eine straffe Schnur verbunden, die aber, wo sie den Bach überschritt, sich bis in das Wasser hinabsenkte und ein dünnes Brett trug, das von dem Wasser hin- und hergeschleudert wurde, und die ganze Reihe Vogelscheuchen in Bewegung setzte.
Von Wonosobo aus bestieg ich den wegen seiner schönen regelmässigen Kegelform ausgezeichneten Gunong-sindoro. Am Nordost-Abhang hinabsteigend, erreichte ich spät Abends Adiredjo, wo ich bei dem Bedana nach langem Zögern nicht sehr freundliche Aufnahme fand, da mein Besuch nicht amtlich angemeldet war.
Ganz in der Nähe liegen zwei kleine zierliche Tempel, Perot und Prengapus. Den Tempel Perot hat ein Feigenbaum zu seinem Postament erwählt und mit einem Netz von Luftwurzeln umstrickt; er erhebt sich darauf als eine dicke cylindrische Säule, die erst in 100' Höhe eine mächtige Blätterkrone trägt. Da er bisher nie abgebildet worden, so nahm ich eine sehr genaue Zeichnung davon auf. Am Nachmittag besuchte ich die Quelle des Progo, der die Provinz Kadu, „den Garten von Java”, bewässert und am Fuss von Borobudor vorbei, in den indischen Ozean fliesst. Die schöne Quelle, die klar und sehr wasserreich aus einer mit Farnen dicht bewachsenen Lavahöhle hervorbricht, geniesst bei den Javanen hohe Verehrung. Kaum waren wir angekommen, als von den umliegenden Bäumen eine Anzahl Affen (Semnopithecus maurus) herabstieg und zutraulich dreist uns umringte. Wir fütterten sie mit Mais. Diese Kolonie halbzahmer Affen existirt nach der später noch mehrfach bestätigten Aussage des mich begleitenden Häuptlings schon seit alter Zeit und überschreitet nie die Zahl 15; heute waren ihrer zwar eigentlich 16, da eine garstige alte Aeffin ein Junges trug, das unter dem Bauch der Mutter hing und den Kopf ängstlich hervorstreckte. Ist das Junge aber herangewachsen, so wird es gezwungen, die Kolonie zu verlassen, wenn es nicht ein anderes schwächeres Individuum zum Austritt zwingen kann; es werden nie mehr als 15 geduldet, so wenigstens erzählte man mir allgemein. Die Nacht brachte ich bei einem vornehmen Javanen, dem Regenten von Temangung, zu, und begleitete ihn am andern Tage zu einem ächt javanischen Bade. Wir ritten 11/2 Paal weit nach einem krystallhellen Quell inmitten eines Haines. Den Boden des geräumigen Beckens, in welchem Gold- und Silberfischchen umherschwammen, bedeckte glänzend weisser Sand. Die Aeste eines daneben stehenden Baumes hingen ganz voll Kalongs, während Schaaren derselben, durch einige Schüsse aus dem Tagesschlaf geweckt, in der Luft schwirrten. Diese Kalongs, auch fliegende Hunde oder Füchse genannt, Pteropus edulis, sind grosse obstfressende,[94] über den ganzen Archipel verbreitete Fledermäuse. Bei Tage hängen sie oft zu vielen Hunderten in einem grossen Baum mit der Kralle des Daumens reihenförmig an den Aesten, den Kopf nach unten, in ihre Flügel, die 4–5 Fuss Spannweite erreichen, wie in einen Mantel fest eingehüllt, so dass sie aus der Ferne wie riesige Birnen erscheinen. Werden sie nicht gestört, so setzen sie sich erst Abends in Bewegung und richten wegen ihrer grossen Menge beträchtlichen Schaden an, wenn sie statt über die Früchte des Waldes über die Obstgärten des Dorfes herfallen. Dr. Oxley erzählt (Journ. Ind. Arch. 1849), dass, als er in der Strasse von Malacca vor Anker lag, ein Schwarm dieser Thiere mehrere Stunden brauchte, um über ihn fortzuziehen, und Logan sah sie zu Millionen in den Mangrove-Sümpfen am Nordrand der Insel Singapore hängen. Es ist kaum möglich durch Netze das Obst gegen ihre Verheerungen zu schützen, denn bekanntlich ist bei den Fledermäusen der Gehör-, Geruch- und namentlich der Fühlsinn auf eine für uns so wunderbare Weise entwickelt, dass sie im Stande sind gewissermaassen in die Ferne zu fühlen, und bei völliger Dunkelheit im schnellsten Fluge jedem Hinderniss mit der grössten Sicherheit auszuweichen. Spallanzani und mehrere Andre nach ihm, überzeugten sich davon, indem sie geblendete Fledermäuse in hellen Räumen, in welchen nach allen Richtungen Drähte und Fäden gezogen waren, hin- und herfliegen liessen. Man nimmt an, dass, abgesehen von den besonderen Apparaten, mit welchen die Nasen und Ohren vieler Gattungen zur Verschärfung des Geruch- und Gehörsinns versehen sind, die dünne, nackte, nervenreiche Flughaut dazu dient, den Thieren die feinsten Unterschiede in der Temperatur, der Dichtigkeit, dem Druck, der Bewegung, den Schwingungen der Luft wahrnehmbar zu machen, und ihnen dadurch die Nähe fester Körper zu verrathen. — In Java wird der P. edulis, wie mir versichert wurde, selbst von den Eingebornen nicht gegessen, in den Philippinen scheinen ihn die Europäer zu verschmähen, obgleich sein Fleisch sehr wohlschmeckend ist, ähnlich dem Rebhuhn.
In wenigen Stunden erreicht man Magelang, Hauptstadt der Provinz Kadu. Der Garten des Residenten hat eine sehr schöne Lage und enthält eine Anzahl in der Umgebung gefundener Skulpturen, darunter einen mit kunstvollen Basreliefs bedeckten Stein in Form eines Sarkophags.
Von Magelang aus besuchte ich das 10–12 Paal gen Süden am Progofluss gelegene Borobudor, von allen Monumenten Javas das grösste, schönste, am besten erhaltene, weit berühmt nicht nur durch die Beschreibungen von Raffles, Crawfurd und anderen, sondern auch durch die darauf gegründeten Arbeiten von W. v. Humboldt und Burnouf. Aus der Ferne macht es keinen bedeutenden Eindruck; es erscheint als eine flache, breite Pyramide mit etwas verschwommenen Umrissen und fesselt das Auge nicht durch gefällige Gliederung der Masse. Sobald man aber näher herankommt und die grosse Fülle schöner Skulpturen gewahrt, für welche das Gebäude gewissermassen nur den Träger bildet, begreift man wohl den Enthusiasmus, mit dem fast Alle, die Borobudor gesehen, davon sprechen. Folgendes ist im Wesentlichen der Plan des Gebäudes: auf einem Hügel, dessen Seiten terrassirt sind, und der somit ein Postament für dasselbe bildet, erheben sich stufenförmig über einander 6 Terrassen, die mit Ausnahme der obersten und untersten an ihrem äusseren Rande von einer Mauer umgeben sind, so dass 4 ringsum laufende oben offene Gallerien von 2 Meter Breite entstehen, deren innere Wände doppelt so hoch als die äusseren sind. Der Grundriss der Terrassen ist, wenn man die in der Mitte jeder Front nach Aussen rechtwinklig vorspringenden Ausladungen nicht berücksichtigt, quadratisch. Auf der oberen Plattform erheben sich 3 kreisrunde Terrassen über einander von je 1,68 Meter Höhe, welche 34 + 24 + 14 zusammen 72 durchbrochene glockenförmige kleine Tempel tragen, in denen je ein Buddha sitzt. Auf der obersten Stufe erhebt sich eine Kuppel von 20' Höhe, 50' Durchmesser. Ausser derselben enthält der ganze Bau keinen hohlen Raum, und dieser jetzt zum Theil eingefallene, früher geschlossene Raum war leer. In der Mitte jeder Front ist ein Thor, durch welches eine Treppe bis zur Kuppel führt. Das ganze Gebäude besteht aus künstlich in einander gefügten Trachytquadern. Die grösste Breite des Monuments liegt wegen der bereits erwähnten Vorsprünge in den Mittellinien und beträgt nach Wilsen's Messungen 114 Meter, die Gesammthöhe mit Einschluss des Kegels, der früher auf der Kuppel stand, 30 Meter. Crawfurd giebt etwas grössere Dimensionen an, aber Wilsen's Maasse dürften wohl die richtigen sein.[95] Nach ihm enthält die äussere unterste Wand 480 Reliefs. Die schönsten Skulpturen befinden sich an der inneren Wand der ersten Gallerie; sie ist horizontal in zwei Theile getheilt und ganz bedeckt mit Reliefs von 2,70 Meter Breite, 0,90 M. Höhe. Aber alle senkrechten Wände sind mit Reliefs, Arabesken und Girlanden bekleidet. Wilsen giebt die Zahl der grossen Basreliefs auf 2000, die Gesammtzahl der Figuren überhaupt in den 5 Gallerien auf 20,000 an. Sämmtliche Mauern der Gallerien tragen reich verzierte Nischen, in denen überlebensgrosse Buddhas thronen. Die Zahl der Buddha-Figuren in den Nischen beträgt nach W. 500. Weit mehr als über den Reichthum der Skulpturen erstaunt man über die mannigfaltigen, sinnigen Kompositionen und die bis in die kleinsten Einzelnheiten sorgfältige Ausführung. Die beiliegende Zeichnung giebt eines der Bilder der ersten Gallerie wieder, das ich aufs Gerathewohl, und weil es etwas im Schatten lag, zu einer Skizze wählte. Diese Reliefs bewahren einen Schatz von Erinnerungen aus dem Leben der damaligen Zeit auf; eine Inschrift oder Jahreszahl enthält das Monument aber nicht. Crawfurd sagt, dass man aus einem räthselhaften Vers die Jahreszahl 1344 als die Zeit der Vollendung des Baues herausgedeutet habe, die ihm nicht unwahrscheinlich vorkommt. Andere, darunter Raffles und van Hoevell, halten das Monument für viel älter. Nach der allgemeinsten Ansicht wurde der Bau von buddhistischen Künstlern aus Vorderindien unter Mithülfe der Eingebornen errichtet. Die Javanen selbst haben wohl nie eine so hohe Kunststufe erreicht. Wie die Buddhisten nach Java gekommen, ist nicht genügend festgestellt; Friederich glaubt, Bekehrungseifer sei die Veranlassung gewesen; vielleicht kamen sie auch als Flüchtlinge nach den Glaubenskämpfen mit den Brahmanen, die mit der Vertreibung der Buddhisten aus Indien endigten (gegen 1000 n. Chr.). Das Monument ist noch sehr wohl erhalten und kann allem Anschein nach, wenn nicht Krieg oder Erdbeben es zerstören, noch viele Jahrhunderte bestehen. Im Kriege gegen Dipo-negoro (1825–30) hat es etwas gelitten, da es, wie das Grabmal der Caecilia Metella bei Rom, als fester Punkt benutzt wurde, wozu es sich wegen seiner Lage sowohl als wegen seiner Gliederung und Grösse sehr eignete. Sein gefährlichster Feind ist vielleicht ein kleines Lichen, das sich langsam, aber unaufhaltsam weiter verbreitet und schon manches schöne Bild unkenntlich gemacht hat.
In geringer Entfernung von Borobudor liegt ein kleiner Tempel, Pavon oder Dapor genannt, auf dessen Seite ein riesiger Feigenbaum emporgeschossen ist, ohne dem Monument sehr zu schaden. Nach Wilsen beträgt seine Höhe ungefähr 15 M., die Breite 10 M. Auf dem Rückweg nach Magelang in etwa 2 Paal Entfernung von Borobudor gelangt man an den Tempel Mundut, der früher vom vulkanischen Sand des Merapi verschüttet, erst 1834 durch den damaligen Residenten der Provinz wieder ausgegraben wurde. An seiner Aussenseite ist er mit schönen Figuren, Friesen und Arabesken bedeckt, welche letztere mich an die besten Sachen erinnerten, die ich in Italien gesehen. Herr Wilsen soll auch von diesem Tempel, dem allgemein dasselbe Alter und derselbe Kultus wie Borobudor zugeschrieben wird, die genauesten Zeichnungen angefertigt haben. Das Innere, dessen Decke aus einander überragenden Quadern gebildet wird, so dass eine hohle Pyramide entsteht, enthielt drei kolossale Figuren; den Boden bedeckte eine tiefe, fast betäubenden Moschusgeruch verbreitende Schicht von Fledermausmist.
Um einer Verabredung zu genügen, musste ich leider noch an demselben Abend nach Magelang zurückeilen, wo ich den Oberst v. S. traf, mit dem ich am folgenden Tage nach Jokjokarta reiste, der Hauptstadt des Sultans, eines der unabhängigen Fürsten auf Java. Seine Unabhängigkeit ist freilich nur eine beschränkte, da er von der holländischen Regierung, die einen Residenten an seinem Hofe hält, einen Gehalt empfängt. Das Waterkastell von Jokjokarta gilt für eine grosse Sehenswürdigkeit. Es ist der fast zerfallene Badeplatz eines früheren Sultans, in holländisch-chinesischem Zopfstil mit javanischen Schnörkeln. Abends hatte ich Gelegenheit, mit dem Residenten und Obersten dem Sultan einen Besuch zu machen. Wir fuhren in den von einer hohen Mauer umgebenen „Kraton”, der den Palast und die zum Theil sehr ärmlichen Häuser des Hofstaates enthält, und mit seinen Höfen und Gärten die Grösse einer kleinen Stadt hat, und gelangten durch zwei grosse von Waringibäumen beschattete Vorhöfe in den inneren Hof. Am Thor präsentirte die Wache, zerlumpte Kerle mit schwarzen cylindrischen Mützen. Der Sultan erwartete uns, auf einem europäischen Sopha sitzend, in einer offenen Halle. An den Wänden standen Stühle, ein Teppich lag auf dem Boden. Die Möbel waren von der Art, wie man sie in Gasthäusern zweiter Klasse in Europa findet. Der Fürst trug ein kattunenes Kopftuch, aus dessen Falten, seitlich vom Scheitel, ein kleiner Blumenstrauss hervorragte. Eine mit einem hohen holländischen Orden geschmückte Jacke, Sarong und europäische Pantoffeln vollendeten den Anzug. Gesichtsausdruck und Haltung des Sultans waren würdig und verbindlich; der Resident nahm zur Linken, der Oberst zur Rechten Platz. Die Unterhaltung wurde kaum hörbar leise geführt, so will es der Hofton. Auf eine Andeutung des Residenten, dass ich gern etwas von den Gebräuchen des Hofes sehen möchte, war der Fürst so artig, uns zu seiner Familie zu führen. Wir gingen über den Hof nach einem grossen Pendopo, dessen sehr hohes Dach von vielen niedrigen Holzsäulen getragen wird, zwischen denen Lampen und Vogelkäfige von der Decke herabhingen. Auf einer Estrade lagen grosse seidene, mit frischen Blumen bestreute Kissen, auf denen wir Platz nahmen. Bald erschien die Gemahlin (ratu = Königin) und drei Prinzessinnen, die den sonderbaren Titel tuwan = Herr führen. Jene setzte sich auf ein Kissen neben den Sultan, die Herren Prinzessinnen nahmen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, dem Sultan gegenüber, Platz. Eine Reihe alter Weiber mit nacktem Oberkörper und einem über die Brust gebundenen Tuche hockten in ehrerbietiger Entfernung. Nach einer kurzen Unterhaltung führten wir die Fürstinnen, die nur mit einem Sarong und einer dünnen Kattunjacke bekleidet und mit einigen Diamanten geschmückt waren, in die Empfangshalle zurück, indem wir ihnen den Arm gaben. Der Resident hatte die Ehre, die alte Fürstin zu führen, mir, ohne offiziellen Rang, fiel die jüngste Prinzessin zu, ein hübsches fünfzehnjähriges Mädchen mit grossen Augen, lebhaft und kokett und, was ich ihr besonders hoch anrechnete, mit ganz weissen Zähnen, da sie, die einzige in der ganzen Familie, nicht Betel kaute. In diesen vornehmen Familien ist wahrscheinlich viel arabisches Blut; sie haben nicht die kleinen Nasen mit breiten Flügeln der gemeinen Malayen. Nach kurzer Unterhaltung verliessen wir den Kraton in derselben Weise, wie wir gekommen waren. — Abends in einer Gesellschaft beim Residenten erschienen mehrere Pangerans (javanische Prinzen), die Obersten-Rang hatten und holländische Uniform trugen. Ihr langes Haar war in ein Bündel gesammelt und mit einem Kopftuch bedeckt. Einer derselben hatte einen kleinen, garstigen Zwerg als Pagen bei sich, dem er seine Militärmütze übergab; dieser setzte sie verkehrt auf den Kopf und spazierte damit unter den Gästen umher.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit einem Tumongong durch die heisse Ebene bis Imogiri, von wo wir nach der Südküste ritten, an der sich eine niedrige Dünenreihe hinzieht. Die heisse vom schwarzen vulkanischen Sand des Merapi bedeckte Fläche wird von mehreren parallelen Bächen durchströmt, die sich in den Kali-opak ergiessen, welcher dicht am Fuss des die Ebene in Osten begrenzenden Kalkgebirges fliesst, und mit ihm zusammen bei Karang-tritis das Meer erreicht. Wir sahen eine Falle, um Wildschweine, deren es hier viele giebt, zu fangen: zwei mehrere hundert Fuss lange, mit Reisig verkleidete Bambusgitter bildeten einen sehr stumpfen Winkel und führten durch eine Oeffnung in einen langen Gang, von dessen Decke einige starke Thüren wie Klappventile schräg von vorn nach hinten hingen. Am flachen Strande waren viele Menschen beschäftigt, aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. So weit man nach Westen sehen konnte, war die Küste mit ihnen wie bestreut, im Osten setzten die in hohen, sonderbaren Formen ins Meer ragenden Felsen von Karang-tritis den Arbeiten eine Grenze. Das Verfahren war sehr umständlich: anstatt das Seewasser in einem System von Gräben, sogenannten Salzgärten, verdunsten zu lassen, wurde es mit Eimern, die je aus einem Blatt der Fächerpalme, Corypha gebanga, bestanden,[96] geschöpft und auf den aus schwarzem Sande bestehenden heissen Strand geschüttet, wo es verdampft. Ist die obere Erdschicht hinreichend mit Salz gesättigt, so wird sie oberflächlich aufgenommen, auf ein in Tischhöhe aufgestelltes Bambussieb gebracht und durch Aufgüsse von Seewasser unter fortwährendem Kneten ausgelaugt. Man lässt die abgelaufene Sole in einem Trog in der Sonne verdampfen und konzentrirt sie im nächsten Dorf durch Sieden in irdenen Töpfen. Das Salz ist sehr zerfliesslich, da es nicht einmal vom Chlormagnesium gereinigt wird. Zu jedem Gestell gehörten zwei bis drei Leute: einer trägt Wasser, der andere knetet, der dritte ruht aus, um den Wasserträger abzulösen. Bei Sonnenschein machen 2 Mann in 5 Tagen 80 Katti Salz nach Angabe des Tumongong. Die Salzgewinnung ist in den Fürstenländern eine Privatindustrie, im übrigen Java Regierungsmonopol.
In der Klippe Karang-tritis ist eine Tropfsteinhöhle, deren hohe senkrechte, dem Meere zugekehrte Wand dicht mit grauen und gelben Flechten überzogen ist. Das von oben herabsickernde kalkhaltige Wasser durchdringt diese wie einen Schwamm und inkrustirt sie mit Kalk; die feuchte zu Stein gewordene Kruste giebt einer neuen Vegetation von Flechten eine willkommene Unterlage, und so erhält die Felswand einen eigenthümlichen reich gefärbten Ueberzug, halb Stein, halb Pflanze.
Jenseits Karang-tritis ragen viele einzelne Kalkfelsen aus dem Meere hervor, die durch die Wirkung der Brandung so phantastische Gestalten erhalten haben, dass sie auch wohl bei aufgeklärteren Leuten als den Javanen, Veranlassung zu Aberglauben geworden wären. Hier ist es, wo nach Hagemann (Tijd. v. L. T. en V. 1853) die Geisterkönigin Loro-kidul, deren Gebiet sich längs der ganzen Südküste vom Semeru bis nach Nusa-kumbangan erstreckt und deren prächtiger Palast im Grunde des Meeres ist, sich ihren Vertrauten in Träumen offenbart.
Gegen Mittag kam eine stattliche Reiterschaar, Herren vom inländischen Adel mit ihrem Gefolge, zum Besuch und führten uns nach einem Pasanggrahan, der hübsch möblirt war, weil er oft von den einheimischen Fürsten benutzt wird, die hier das wegen der sehr starken Brandung geschätzte Seebad benutzen. Wir hatten ein vorzügliches malayisches Diner, bei welchem auch Büffelfell vorkam, welches wie Biskuit gegessen wird und sehr angenehm schmeckt. Das Fell wird zu dem Zweck in sehr feine Stücke geschnitten, in heissem Wasser eingeweicht und in Fett gebacken, wobei es zu einer sehr porösen, spröden Masse aufschwillt.
Als wir gegen Abend, von der starken Sonnengluth sehr ermüdet, nach Imogiri zurückritten, kamen wir an einer Indigofabrik vorbei. Schon lange, ehe wir sie erreichten, sah ich den Besitzer, einen stattlichen jungen Mann in leichtem Pflanzerkostüm sein Haus verlassen und durch die Felder grade auf uns zueilen. Als er uns erreicht hatte, fasste er zuerst der Sicherheit wegen mein Pferd am Zügel, dann grüsste er sehr freundlich und lud uns ein, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, indem er zugleich das Pferd dahinführte mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der einen guten Fang gethan hat. Ein Freund aus Jokjokarta hatte ihm durch einen Boten gemeldet, dass wir hier vorbeikommen würden, und er hatte uns aufgelauert. An Loskommen war nicht zu denken, auch hatte ich keine Lust dazu; doch machte ich absichtlich einige Einwendungen, die indessen alle triumphirend beseitigt wurden. Mein Gastfreund, sehr gebildet und, wie ich später hörte, aus sehr guter holländischer Familie, lebte hier ganz isolirt auf der vor Kurzem von ihm gegründeten Fabrik, fern von allem Umgang mit Europäern. Er hatte gewiss eine angenehme Unterhaltung für den Abend gehofft, und alles aufgeboten um seinen Gast zu ehren, leider war ich so entsetzlich müde, dass ich über Tisch einschlief und so schnell als möglich ins Bett schlich.
In den Fürstenländern, wo die holländische Regierung keine Produkte baut, da der Grund und Boden dem Fürsten gehört, ist es Europäern gestattet Ländereien zu pachten und auszubeuten: jedoch ist ihre Zahl eine beschränkte, die Erlaubniss hängt vom Ermessen der Kolonial-Regierung ab. Nach dem Reglement für 1857 betrug sie 68 für Jokjo, 207 für Surakarta. Der Pächter tritt der Bevölkerung gegenüber in die dem Landesfürsten nach dem Adat zustehenden Rechte. 2/5 des Bodens darf er mit Produkten für den europäischen Markt bebauen, jede Familie leistet ihm 104 Tage Frohndienst, dafür zahlt er die Grundsteuer für die ganzen 5/5 des Bodens. Der Ertrag der übrigen 3/5 so wie die Verfügung über die nach Abzug von 104 Tagen verbleibenden 261 Tage gehört der Bevölkerung ohne weitere Abzüge oder Lasten.
Nach den Grundsätzen des Kultursystems sollten die Bauern in den Regierungsländern besser gestellt sein als in den Fürstenländern; in Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, da ihre Arbeitskraft (vergl. Kaffeekultur) bei der mangelhaften Leitung durch Beamte zum grossen Theil verschwendet wird.
Vor allen hat sich in Jokjokarta als besonders gewinnbringend, schnell rentirend und wenig Anlagekapital erfordernd, die Indigokultur entfaltet, während sie in den unmittelbar unter holländischer Botmässigkeit stehenden Provinzen, wo sie einen Theil des Kultursystems bildet, so schlechte Resultate giebt, dass sich die Regierung veranlasst sah die Ursachen der so verschiedenen Ergebnisse von einem fähigen Beamten untersuchen zu lassen. Aus den Auszügen des amtlichen Berichts (Tydsch N. I. 1860) ergeben sich ganz ähnliche Thatsachen wie bei der Kaffee- und Theekultur (vergl. oben), die wohl allmälig die Regierung zwingen werden aus Eigeninteresse den Ackerbau der Privatindustrie zu überlassen. Schon jetzt hat sich die Regierung genöthigt gesehen den Indigobau immer mehr einzuschränken.