The Project Gutenberg eBook of Ein Blick in die Zukunft

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Title: Ein Blick in die Zukunft

Author: Richard Michaelis

Release date: January 5, 2014 [eBook #44598]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau, Norbert Müller
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT ***

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Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text, der im Original in Antiqua gesetzt ist, ist hier kursiv dargestellt, mit Ausnahme der Regentenzahl bei Ludwig XVI. Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Ein Blick in die Zukunft.

Von

Richard Michaelis,

Redakteur der „Chicagoer Freien Presse“.


Eine Antwort auf:

Ein Rückblick

von Edward Bellamy.


Leipzig.

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Chicago and New York.
Rand, McNally & Company, Publishers.

Vor Nachdruck gesetzlich geschützt. Alle Rechte sind vorbehalten.


Vorwort.

Jedes Streben nach der Wahrheit und Besserung unserer Zustände verdient Anerkennung; selbst wenn wir die Richtung und die vorgeschlagenen Maßregeln nicht billigen können. Herrn Edward Bellamys Buch, „Ein Rückblick“, stellt einen Versuch dar, die Lage der Menschheit zu bessern und ist deshalb lobenswert; aber wenn wir seine Verbesserungs-Vorschläge des schillernden Mantels entkleiden, mit welchem er sie umgeben hat, so bleibt nichts übrig, als nackter Kommunismus. Und dieser hat sich überall, wo er ohne religiöse Grundlage eingeführt wurde, als ein Fehlschlag erwiesen. Heute ist er nur noch bei Wilden und Menschenfressern „Staatsform“.

Chicago war während der letzten vierzehn Jahre der Mittelpunkt der kommunistischen und anarchistischen Bewegung in den Ver. Staaten. Während ich in der „Freien Presse“ die Grundsätze, auf welchen das amerikanische Staatswesen beruht, gegen jene aus den überbevölkerten europäischen Industrie-Ländern eingeschleppten Lehren verteidigte, wurde ich sowohl mit diesen sehr vertraut, wie auch mit den Schrullen und Sonderheiten der Gesellschaftsretter, die allen Ernstes glauben, sie seien im Besitz eines unfehlbaren Mittels, mit welchem sie nicht nur alle menschlichen Einrichtungen, sondern auch die Menschen selbst vollkommen machen könnten.

Herr Bellamy vertritt allerdings gemäßigtere Ansichten, als diejenigen, welche Spies und Parsons lehrten; aber er hat dies mit den Anarchisten und Kommunisten von Chicago gemein, daß er unfähig geworden ist, die Einrichtungen, Zustände und Menschen der Jetztzeit gerecht zu beurteilen, daß er die Schwierigkeiten unterschätzt, welche der Einführung von ihm vorgeschlagener Änderungen entgegen stehen, daß er wirklich glaubt, seine Staatsluftschlösser würden im Handumdrehen greifbare Gebilde werden und daß er sein Wolkenkuckucksheim mit engelgleichen Wesen bevölkert, welche alle menschlichen Schwächen abgelegt haben und unter keinen Umständen ein Unrecht begehen würden. Die Annahme, daß die Männer und Frauen in einem kommunistischen Staatswesen Selbstsucht, Neid, Haß, Eifersucht, Streitsucht und Herrschsucht gänzlich abstreifen würden, ist ebenso vernünftig oder unvernünftig, wie die Annahme, daß ein Mensch 113 Jahre schlafen und alsdann eben so jung und kräftig aufstehen könnte, wie er sich niederlegte.

Welch sonderbare Maßregeln Gesellschaftsretter doch mitunter vorschlagen! Joh. Most möchte im Namen der Gleichheit erst alle diejenigen umbringen, die nicht in allen Dingen seiner Meinung sind. Dann würde er alle Gesetze und alle Beamten abschaffen und dann der Natur ihren Lauf lassen! —

Herr Bellamy dagegen würde, ebenfalls im Namen der Gleichheit, allen tüchtigen und fleißigen Arbeitern einen namhaften Teil dessen rauben, was sie mit ihrer Thätigkeit geschaffen, das Geraubte würde er den ungeschickten, dummen und faulen Arbeitern geben, und das wäre dann, was Herr Bellamy Gerechtigkeit und Gleichheit nennt!

Und um diese angebliche „Gleichheit“ zu erringen, würde Herr Bellamy natürlich den Wettbewerb opfern müssen, die Riesenkraft, welche uns alle und Herrn Bellamy mit uns auf die Höhe der Bildung und Gesittung erhoben hat, die das Menschengeschlecht jetzt einnimmt. Es ist wahr, daß der Wettbewerb schwere Mißbräuche im Gefolge gehabt hat und noch heute hat. Aber jede Einrichtung kann zu Mißbräuchen führen und der Umstand, daß ein Ding gemißbraucht wird, beweist durchaus nicht, daß das Ding an sich schlecht ist.

Niemand kann leugnen, daß der Wettbewerb während der Jahrhunderte christlicher Civilisation die geistigen und körperlichen Kräfte der Menschheit hoch entwickelt hat, daß der Wettbewerb während dieser Jahrhunderte alle Menschen zur Einsetzung ihrer höchsten Leistungsfähigkeit angespornt und unser Geschlecht auf eine Höhe gehoben hat, auf welcher dem gewöhnlichen Arbeiter mehr Bequemlichkeiten und Genüsse zugänglich sind, als den Königen, von welchen Homer singt.

Jedes Geschlecht hat an großen Aufgaben zu arbeiten und uns liegt es ob, die Beziehungen des Kapitals zur Arbeit zu regeln, welche besonders schwierig geworden sind, seitdem durch die Entdeckung der Dampfkraft auf den Gebieten vieler Erwerbszweige große Umwälzungen stattgefunden haben.

Wir haben Mittel und Wege zu finden, nicht um die Arbeit zu vermeiden, von welcher Herr Bellamy stets als von einem Übel spricht, sondern um den Hirnkrebs unserer Zeit zu heilen: die beständige Unsicherheit und die Furcht vor Armut. Das können wir aber durch Zusammenarbeiten und durch Versicherungs-Gesellschaften, die auf Gegenseitigkeit begründet sind, ohne daß es für uns nötig wird, in den Kommunismus zurück zu fallen, diese niedrigste Form der menschlichen Gesellschaft.

Die Unvollkommenheit, welche der Menschheit anhaftet, muß naturgemäß auch alle ihre Einrichtungen kennzeichnen und nichts ist daher leichter, als in einem „Rückblick“ die Unzulänglichkeit aller Menschen und Dinge nachzuweisen, und alsdann von Engeln bewohnte Luftschlösser zu bauen.

Ich werde jetzt einen „Blick in die Zukunft“ thun. Ich werde zeigen, wie Herrn Bellamys hübsche Geschichte enden muß, wenn sie fortgesetzt wird. Ich beabsichtige nachzuweisen, daß Herr Bellamy den Versuch macht, einen Zustand unbedingter Gleichheit zu errichten; dann aber, an der Möglichkeit verzweifelnd, eine Ungleichheit befürwortet, welche in vieler Hinsicht drückender sein würde, als die jetzigen Verhältnisse. Ich werde darlegen, daß unter der Regierungsform, welche Herr Bellamy vorschlägt, Günstlingswirtschaft und Korruption im öffentlichen und Erwerbs-Leben üppig wuchern müßten. Ich werde beweisen, daß in Herrn Bellamys Vereinigten Staaten von menschlicher Freiheit wenig zu finden sein und daß das selbstbewußte, unabhängige amerikanische Volk eine solche Knechtschaft nimmermehr ertragen würde. Und ich werde über jeden vernünftigen Zweifel hinaus nachweisen, daß das Volk in dem von Herrn Bellamy angepriesenen Staatswesen viel ärmer sein würde, als heute.

Ich bestreite durchaus nicht, daß unsere Gesellschaft dringend umgestaltender Verbesserung bedarf; aber ich bin nicht bereit, Herrn Bellamy, Herrn Most oder irgend jemandem blindlings zu folgen, lediglich weil er behauptet, die Menschheit sofort von allen Übeln befreien zu können. Ich beabsichtige nicht, mich kopfüber in die Dunkelheit zu stürzen.

Wenn Herr Bellamy und seine Anhänger sich so sicher fühlen, das tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit begründen zu können, so mögen sie es versuchen, wie es die Kommunisten der „Amana Society“ versucht haben, welche im Staate Iowa eine Gemeinde errichteten mit Gütergemeinschaft auf religiöser Grundlage. Die Regierung der Vereinigten Staaten besitzt noch viele Tausende von Ackern guten Landes, wo Herr Bellamy und seine Freunde sich niederlassen und der Welt zeigen können, wie man die Menschheit im Handumdrehen vollkommen macht! Aber sie sollten vom Volke der Vereinigten Staaten nicht verlangen, daß dieses seine jetzige Regierungsform und seine Gesellschaftsordnung aufgeben solle, ehe Herr Bellamy und dessen Freunde bewiesen haben, daß ihre Heilmittel für die Schäden der Gesellschaft in der That unfehlbar sind.

Chicago, April 1890.

Richard Michaelis.


Ein Blick in die Zukunft.

Erstes Kapitel.

Um mich selbst denjenigen Lesern vorzustellen, welche das von Herrn Edward Bellamy herausgegebene Buch „Looking Backward“ („Ein Rückblick“) [1] nicht kennen, teile ich hier in Kürze die bemerkenswerten Ereignisse meines Lebens mit, welche in jenem Werke erzählt worden sind.

Ich wurde am 26. Dezember 1857 in Boston geboren und Julian West getauft. Ich besuchte eine Schule und eine höhere Bildungsanstalt meiner Vaterstadt; da ich aber im Besitze eines bedeutenden Vermögens war, so widmete ich mich keinem Berufe oder Geschäfte. Ich war mit Fräulein Edith Bartlett verlobt, einer jungen Dame von großer Schönheit. Wir hegten die Absicht zu heiraten, sobald mein neues Haus in bewohnbarem Zustande sein würde. Leider wurde aber der Bau vielfach durch Arbeitseinstellungen der Zimmerleute und Maurer unterbrochen und ich bewohnte immer noch das altväterliche Gebäude, in welchem drei Geschlechter meiner Familie gelebt hatten.

Da ich oft durch Schlaflosigkeit litt, hatte ich unter dem Fundamente meines alten Hauses ein Gewölbe herrichten lassen, in das der Lärm der Großstadt, meinen Schlummer störend, nicht dringen konnte. Das Gewölbe war ganz feuerfest und erhielt frische Luft durch eine eiserne Röhre, welche zum Dache des Hauses hinaufreichte.

Um in Schlaf zu verfallen, war ich oft genötigt, mich der Hilfe eines Mesmeristen zu bedienen. So auch am 30. Mai 1887. Nachdem ich zwei Nächte schlaflos verbracht hatte, sandte ich meinen schwarzen Diener Sawyer zu einem Dr. Pillsbury, welcher sich bei ähnlichen Gelegenheiten stets hilfreich erwiesen hatte. Der Arzt war gerade im Begriff die Stadt zu verlassen, um in New Orleans einen Wirkungskreis zu suchen, und es war daher die letzte Behandlung, die er mir angedeihen lassen konnte. Ich beauftragte Sawyer, mich am nächsten Morgen um 9 Uhr zu wecken und fiel dann unter den Manipulationen des Mesmeristen in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte, fand ich, daß ich 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage geschlafen hatte.

Ich entdeckte, daß das alte Haus durch Feuer zerstört worden war und daß Sawyer in den Flammen seinen Tod gefunden hatte. Dr. Pillsbury hatte Boston verlassen, die Existenz des unterirdischen Gewölbes war meinen Freunden unbekannt gewesen, das Haus war nicht wieder aufgebaut worden und so hatte ich mehr als hundert Jahre in tiefem Schlafe verbracht, bis ein Dr. Leete, der Bewohner eines Hauses, welches auf einem Teile meines früheren Grundstückes errichtet worden war, im Jahre 2000 mit dem Bau eines Laboratoriums begonnen und bei dieser Gelegenheit mein Gewölbe sowie mich selbst entdeckt hatte.

Ich erfuhr, daß Edith Bartlett mich vierzehn Jahre lang betrauert und dann geheiratet habe, daß Dr. Leetes Gattin Ediths Enkelin und daß seine Tochter Edith demnach die Urenkelin der jungen Dame sei, welche ich vor 113 Jahren heiraten wollte.

Meine ungebrochene Manneskraft widerstand dem gewaltigen Eindrucke, welchen diese Entdeckungen auf mich machten. Ich fühlte mich in dem Hause des Dr. Leete bald heimisch, um so mehr, als die junge Edith in meinem Herzen alsbald den Platz einnahm, welcher einst Edith Bartlett gehört hatte. Und es währte nicht lange, bis Edith Leete, ein romantisch und mitleidsvoll veranlagtes, liebenswürdiges Mädchen, mit Anmut ihre Zustimmung gegeben hatte, die Nachfolgerin ihrer Urgroßmutter, das heißt, meine Braut zu werden.

Aber noch bemerkenswerter als der Wechsel in meinem eigenen Schicksal, waren die Veränderungen, welche auf socialem Gebiete stattgefunden hatten.

Dr. Leete erklärte mir die neue Ordnung der Dinge.

Geschäftliche Unternehmungen einzelner hatten aufgehört. Der Staat besorgt am Ende des 20. Jahrhunderts alles, was früher einzelne Leute oder Gesellschaften und Körperschaften unternommen und geleitet hatten. Alle gesunden Leute, Frauen wie Männer, im Alter von 21 bis 45 Jahren gehören dem Heere der Arbeiter an. Leute über 45 Jahre werden nur ausnahmsweise, in Fällen dringender Notwendigkeit, wieder in Dienst gestellt.

Geld ist abgeschafft worden; aber jeder Bewohner der Vereinigten Staaten erhält einen gleichen Anteil an den Ergebnissen der Arbeit der „industriellen Armee“ in Gestalt eines Guthabens-Scheines, eines Stückes Pappe, auf welchem Dollars und Cents verzeichnet sind. In jedem Stadtteile und in jedem größeren Landbezirke befindet sich ein Lagerhaus, in welchem das Volk alles findet, dessen es bedarf. Der Wert der Waren, welche jemand kauft, wird aus seinem Guthabens-Schein herausgestochen und sein Guthaben in den Regierungsbüchern wird mit dem Betrage der gekauften Waren belastet.

Die Mahlzeiten werden von großen Kochhäusern geliefert. Die Wäsche wird in großen Anstalten gereinigt und ausgebessert. Es steht jedermann frei, seine Mahlzeiten daheim oder im Speisehause einzunehmen. Die Auswahl der Gerichte ist groß und man kann im Kochhause auch eigene Speisezimmer haben. Der Preis der Mahlzeiten richtet sich nach den bestellten Speisen, so wie nach dem Orte, wo diese genossen werden.

Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus. Die Einrichtung gehört dem Bewohner. Die Miete richtet sich nach Größe und Einrichtung des Hauses und wird ebenfalls mit einem Kneifzängchen aus dem Guthabens-Schein herausgestochen.

Alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind verpflichtet die Schule zu besuchen, bis sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann werden sie Mitglieder des Arbeiterheeres. Während der ersten drei Jahre ihres Dienstes werden sie Rekruten oder Lehrlinge genannt. Sie müssen die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten unter dem unbedingten Befehle ihrer Offiziere oder Aufseher. Über ihr Verhalten wird Buch geführt und die Befähigung wie das Betragen jedes Rekruten angemerkt.

Nach den ersten drei Jahren seines Dienstes kann jeder Rekrut einen Beruf wählen. So viel wie möglich werden die Rekruten in solche Beschäftigungszweige eingereiht, denen sie den Vorzug geben. Zuerst dürfen diejenigen Rekruten wählen, welche die besten Zeugnisse haben. Manche müssen allerdings eine zweite, oder auch eine dritte Wahl treffen, wenn nach einzelnen Berufszweigen ein zu großer Andrang stattfindet. Und noch andere müssen mit solchen Stellungen vorlieb nehmen, welche ihnen von ihren Vorgesetzten angewiesen werden.

Alle Mitglieder des Arbeiterheeres werden nach ihrer Befähigung und nach ihrem Betragen in drei Abteilungen geteilt und Lehrlinge mit besten Zeugnissen können nach dreijähriger Dienstzeit als Rekruten sofort in die erste Abteilung derjenigen Gilde oder Zunft treten, welcher sie sich anschließen wollen.

Der General einer Zunft oder Gilde ernennt alle Offiziere derselben. Die Leutnants müssen den Mitgliedern der ersten Abteilung entnommen werden. Die Hauptleute erwählt der General aus den Reihen der Lieutenants, die Obersten aus den Hauptleuten. Der General selbst wird von den früheren Mitgliedern seiner Zunft erwählt, das heißt, von denjenigen, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr überschritten haben. Die früheren Mitglieder aller Zünfte wählen auch die Vorsteher der zehn großen Abteilungen oder Gruppen verwandter Zünfte, in welche das Arbeiterheer eingeteilt ist. Diese Chefs oder Vorsteher werden aus den Generälen der Zünfte gewählt. Die früheren Zunftgenossen erwählen auch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, welcher früher Vorstand einer der zehn großen Abteilungen gewesen sein muß. Der Präsident, die Vorsteher der zehn großen Abteilungen des Arbeiterheeres und die Generäle aller Zünfte wohnen in Washington.

Die Angehörigen der Arbeiterarmee haben nicht das Recht bei der Wahl der Offiziere, von welchen sie befehligt werden, mit zu stimmen. Während ihrer vierundzwanzigjährigen Dienstzeit haben sie keine Vertretung; aber wenn sie gegen einen Vorgesetzten Beschwerde führen wollen, so können sie ihre Klage vor einem Richter anhängig machen, dessen Entscheidung endgültig ist.

Die Richter werden vom Präsidenten aus den Reihen der Zunftgenossen gewählt, welche aus dem Arbeiterheere geschieden und mehr als 45 Jahre alt sind. Die Dienstzeit der Richter dauert fünf Jahre.

Gerichtshöfe, Rechtsanwälte, Gefängnisse, Sheriffs, Steuereinschätzer und -einnehmer, und viele andere Beamte sind abgeschafft worden. Verbrecher werden in Heilanstalten als Verstandeskranke behandelt.

Die Bundesregierung regelt alle Thätigkeit. Wenn sie bemerkt, daß nach irgend einem Berufszweige ein starker Andrang von Freiwilligen stattfindet, während andere Zünfte über Mangel an Freiwilligen klagen, so verlängert die Regierung die Arbeitszeit der bevorzugten Gilde und verringert die Zahl der Arbeitsstunden in denjenigen Berufszweigen, welche mehr Freiwillige brauchen.

Die Frauen haben ihre eigenen Offiziere, Generale und Richter, und bilden ein Hilfsheer der Arbeit. Sie erhalten dieselben Guthabensscheine wie die Männer, und da das Kochen, Waschen, sowie das Ausbessern von Haushaltungsgegenständen außerhalb besorgt wird, so haben die Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts mehr Zeit für Arbeit, welche Werte erzeugt, als die Frauen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Rekruten, welche drei Jahre gedient haben, können in technische, medizinische und andere gelehrte Schulen eintreten; wenn sie aber außer Stande sind, mit ihren Klassen geistig Schritt zu halten, müssen sie wieder austreten. Ärzte, welche von Kranken nicht genügend in Anspruch genommen werden, mithin das Vertrauen ihrer Mitbürger nicht genießen, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen andere Beschäftigung zugewiesen wird.

Wenn Leute die Herausgabe einer Zeitung wünschen, so können sie zusammentreten und gemeinschaftlich genug von ihren Guthabensscheinen an den Staat abgeben, um diesen für den Verlust der Arbeit der Redakteure, Setzer und Drucker zu entschädigen.

Wenn jemand ein Buch herausgeben will, kann er es in seinen Mußestunden schreiben und es drucken lassen, indem er einen Teil seines Guthabensscheines als Bezahlung für Satz, Druck und Papier an den Staat aufgiebt. Für die verkauften Bücher erhält er dann ein entsprechendes Guthaben.

Geistliche werden in ähnlicher Weise wie die Redakteure von solchen Leuten besoldet, welche deren Predigten zu hören wünschen.

Krüppel oder andere Leute, welche außer Stande sind, die den Mitgliedern des Arbeiterheeres obliegenden Pflichten ganz zu erfüllen, erhalten nichtsdestoweniger ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen. Die Thatsache, daß sie Menschen sind, berechtigt sie zu einem vollen Teil an den guten Dingen, welche die Erde bietet; gleichviel ob sie selbst wenig oder gar nichts produzieren können.

Die Staatsregierungen innerhalb des Gebietes der Union sind als nutzlos abgeschafft worden.

Alle anderen civilisierten Völker haben die Arbeit und den Verbrauch ihrer Bürger ähnlich geregelt, wie die Vereinigten Staaten und sie treiben freien Handel miteinander. Am Ende eines jeden Jahres wird das Guthaben der verschiedenen Länder mit solchen Gegenständen ausgeglichen, welche überall verwendbar sind.

Die neue Ordnung der Dinge setzt die Völker in den Stand, ohne alle Sorgen zu leben und die Folge davon ist, daß die meisten Männer und Frauen von gesunder Körperbeschaffenheit 85 bis 90 Jahre alt werden. —

So lautete die Schilderung, welche mir Dr. Leete von der neuen Gesellschaftsordnung in einer Anzahl von Unterredungen machte. Der Doktor spricht sehr begeistert von dem Staate, in welchem er lebt, und steht nicht an, ihn das tausendjährige Reich zu nennen.

Die Besorgnis und Unsicherheit, welche ich in Bezug auf meine eigene Thätigkeit in dem Arbeiterheere empfand, wurden von Dr. Leete beseitigt. Er teilte mir mit, daß mir die Stellung des Professors der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts am Shawmut Kollege in Boston offen stehe. Ich habe dieses Anerbieten angenommen und werde am nächsten Montag mein neues Amt antreten.


Zweites Kapitel.

Als ich zum erstenmale den großen Saal im Shawmut Kollege betrat, in welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der Saalthür einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt, als daß ich ihn hätte für einen Studenten halten können und da ich ihn nicht gesehen hatte, als Dr. Leete mich den Professoren der Anstalt vorstellte, so war ich einigermaßen neugierig zu erfahren, in welcher Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte.

Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu teil geworden war, die Thatsache, daß die Studenten jeden Platz des großen Saales füllten, wirkten außerordentlich anregend auf mich und nachdem Dr. White, der Präsident der Universität, mich mit einigen schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste Vorlesung vom besten Geiste beseelt.

Meine Rede stand naturgemäß unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete mir in unseren Unterredungen über die vergleichsweisen Vorzüge und Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gesagt hatte.

Ich setzte auseinander, daß meine Hörer von mir keine Übersicht der eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten dürften; auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich würde nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als kennzeichnend gelten können für den Geist der beiden Zeitalter.

Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der Mensch gezwungen worden, zu „übervorteilen, verdrängen, unter dem Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine Gläubiger hintergehen,“ [2] um diejenigen unterhalten zu können, welche er zu ernähren hatte. Ich zeigte, daß es unter den Leuten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts „viele gegeben habe, welche, wenn es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben, als durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt.“ [3] Ich setzte auseinander, daß dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb beständig an Geist und Körper der Menschheit gezehrt habe und daß dieses zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die beständige Furcht vor gänzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit hätte den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es hätte sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wäre mit ihm zu Bett gegangen und hätte ihm zugeraunt: „Arbeite noch so tüchtig, stehe früh auf und mühe dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu — du wirst nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen Reichtum — du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich nicht um Brot verkaufen muß.“ [4]

Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven bis zur völligen Erschöpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu können. Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glückseligkeit und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts genieße in vorzüglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und wähle nach Durchmachung einer dreijährigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst während ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren für vereinbar gehalten hätte mit dem Betriebe der Fabriken, der Landwirtschaft und anderer Berufszweige.

Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals erhört wurde, könnten wir in der That sagen: „Der lange, traurige Winter der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.“ [5]

Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu schreiten, während diese den Saal verließen.

Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen, offenbar meinen Weggang erwartend.

„Sie gehören zur Universität,“ fragte ich, um meine Befangenheit zu verbergen.

„Allerdings,“ antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu weiteren Fragen herausforderte.

„Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen zu lernen,“ fuhr ich fort. „Mein Name ist West.“

„Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt gerade diesen Saal zu empfehlen.“

Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.

Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt, klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht verbergen konnte.

„Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?“ fragte ich.

„In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen, als Sie,“ antwortete Forest.

„Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,“ fragte ich, gleichzeitig überrascht und neugierig.

„Das ist in der That meine Ansicht,“ sagte Forest.

„Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so schätzenswert erscheinen,“ rief ich aus.

„Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei geschöpft habe und daß Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung geltend machen können,“ antwortete Forest. „Dagegen sind Sie wohl nicht so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein Mann: Dr. Leete. Ich darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.“

„Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem Vortrage entwickelte.“

„Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,“ entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.

„Sie sprechen von Regierungszeitungen,“ fragte ich erstaunt. „Hat die Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?“

„Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.“

„Aber Dr. Leete sagte mir doch: „Wir haben keine Parteien oder Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft, so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben. [6] Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der letzteren?“ Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.

Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: „Entschuldigen Sie, bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden ließ.“

Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten.

„Ich bitte um Verzeihung, Herr West,“ fuhr Herr Forest fort, als ich seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. „Aber Sie würden mich entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier erklären,“ fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, „daß ich keine geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.“

„Dr. Leete ist ein Politiker?“ fragte ich mit neuem Erstaunen.

„Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.“

Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten solle und fügte daher hinzu: „Als ich beim Vergleich der Civilisation der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen übliche Urteil: „Einsperrung in ein Irrenhaus“ wurde gefällt. Denn nach Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte. Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen, indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.“

„Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine Auseinandersetzungen recht kühl auf,“ bemerkte ich, um der Unterredung eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.

Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend in die meinigen. Dann sagte er freundlich:

„Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger? Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten, bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen, stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen keine Entschuldigung vor, wenn sie sich „für Brot verkaufte.“ Allerdings war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein. In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und Menschen genau so schildere, wie sie sind.“

Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles, was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.

Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet habe.

Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, erwähnte ich natürlich nicht.

Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich meine, daß die rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, — in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld schwere Proben auf. — Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt, daß er Ihr Vorgänger war?“

„Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen „Ketzerei“ entlassen wurde und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung verdanke.“

„Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete entworfen hat,“ sagte mein Gastfreund lächelnd.

Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.

So sagte ich denn: „Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der Regierungspartei und einen braven Mann.“

Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er antwortete: „Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete; und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die, wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.“

Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. „Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.“ Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten?

Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme unterbrochen: „Ich denke, lieber Vater,“ sagte sie, „Herr Forest ist ein eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten, seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden, daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine andere Ansicht zu hören.“

Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand auf Ediths reiches Haar und sagte: „Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die Revolution veranlaßten und vielen der „unterhaltenen“ Damen und Herren ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. — Gedanken sind Feuerfunken, die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht überwacht werden.“


Drittes Kapitel.

Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der Menschheit zuträglicher sei — diese Frage war mir noch nie in den Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung zufrieden sein müsse.

Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte, deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.

Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten, die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.

In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue Schilderung des „Arbeitsmarktes“ in Boston im Jahre 1887. Alle Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache.

Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.

„Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen Krittler“, sagte Forest, „und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu leben mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen, als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.“

„Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?“ fragte ich.

„Können Sie daran zweifeln?“ antwortete Forest. „Blicken Sie um sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit. Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand. Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein, zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit sich da wohl fühlen solle. — Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter Gleichheit dauern kann.“

„Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer Gesellschaft gebildet habe,“ wandte ich hier ein, „so haben Sie das Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden; aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.“

„So ist es,“ sagte Forest. „Wir haben zuerst den Grundsatz der Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage, welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: „Sind wir alle einander gleich?“ Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; — und dann teilen wir die sämtlichen „Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten, zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.“ [7] Hier sehen wir also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine verschiedene ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache. Die Ungleichheit der Menschen wird also ausdrücklich anerkannt; aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der Gleichheit gleichmäßig verteilt!

„Nun hat ohne Zweifel,“ fuhr Forest mit großem Nachdruck fort, „jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines „Regierungsgrundsatzes“ verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit „nichts ist!“ — Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet.“

„Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ antwortete ich. „Nun wurden aber zu unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber „Lohndiebe“ gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern konnte.“

„Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ rief Forest. „Ich behaupte nur, daß der Wettbewerb, unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem Kommunismus, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit überlegen ist. Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber- oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können, ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten, des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h. allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. — Wenn die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen; wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja zugänglich war.

„Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden. Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das „Recht“ aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die sociale Frage nannten. — Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist und verwaltet wird.“

„Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor aufgehäuft hatte,“ sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs dieser Frage wiedergebend. „Ehe diese Konzentration begann, und als Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten, jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine Ausstände konnten nicht vorkommen.“ [8]

„An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete nicht zu meinen eignen machen,“ sagte Herr Forest lächelnd. „Der Doctor hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig wurde. „Streiks“ sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt, verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete. Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte uns berichtet, die „Secessio in montem sacrum“, fand schon 494 vor Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig; obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war (in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die „Freie Presse“, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago 12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt. Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen der Geldmächte befunden hätten. — Nichts ist leichter, als ins Blaue hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.“

„Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?“ fragte ich in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen verwies. „Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes? Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese Errungenschaften kleine Opfer wert?“

„Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft diese „Errungenschaft“ im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.“

„Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so kann es ja eine Änderung vornehmen,“ entgegnete ich. „Ihren Äußerungen zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt, welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge zufrieden ist.“

Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: „Sie sind natürlich der Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113 Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig, die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung der Dinge entschieden mißfällt.“

„Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß neuer Gesetze ändern?“ fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.

„Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,“ entgegnete Forest. „Die Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit eingefallen wäre.“

„Sie wissen natürlich,“ fuhr Herr Forest fort, „daß alle Rekruten während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. „Erst nach dieser Periode, während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur Verfügung stehen, dürfen sie einen besonderen Beruf wählen!“ [9] Sie werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei Jahre der Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch wird nicht geduldet. Denn „ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun, sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.“ [10]

„Sie wissen ferner, daß „über die Leistungen jeder Person Buch geführt, und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die Nachlässigkeit ihre Strafe findet.“ [11] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten „zu gestatten, daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen durchgemacht haben, steht in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes, für den sie die meiste Neigung haben, offen.“ Nun werden aber nicht nur Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, „sondern es hängt auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.“ [12]

„Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige in Industrie und Ackerbau, der Eigentümlichkeit ihrer besonderen Bedingungen gemäß, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fähigkeit in solche ersten, zweiten und dritten Grades überein; und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gemäß seinen Leistungen als Lehrling erhält der junge Mann den Rang als Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen der Rangordnungen „finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenräumen statt.“ [13] .... „Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine Specialität auszuwählen.“ [14] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch davon unterrichtet, daß soweit wie möglich „selbst die Neigungen des schlechtesten Arbeiters berücksichtigt werden.“ .... „Aber obwohl auch die Wünsche der Arbeiter eines niederen Grades Berücksichtigung finden, so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies doch erst dann, wenn für die Arbeiter der höheren Grade gesorgt worden ist und so müssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne weiteres direkt eine Arbeit übertragen, wenn dies nötig wird. Dieses Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und wenn jemand seinen Rang verliert, so läuft er auch Gefahr, die Art Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu müssen, welche ihm weniger gefällt.“ [15] .... Die hohen staatlichen Ämter sind „nur den Männern des ersten Grades zugänglich.“ [16]

„Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich über die Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn großen Abteilungen stehen. Diese Beamten können ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und sie können diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit zurückgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft zu treten. Und ein solcher Günstling einflußreicher Leute kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befördert worden ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den höchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. — Sie können nicht leugnen, Herr West, daß unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche Günstlingswirtschaft ermöglichen.“

Ich mußte zugeben, daß solche Vorkommnisse möglich wären.

Herr Forest fuhr fort: „Andererseits können solche jungen Leute, welche nicht die Söhne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr glücklich schätzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Beförderung nicht ausschließt. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung können in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen Zünfte gestellt und ihre Zeugnisse können so geführt werden, daß alle Hoffnung auf Erlangung einer höheren Stellung ausgeschlossen ist. Und solche Günstlingswirtschaft ist nicht nur möglich, sie besteht in vollem Umfange. Die Söhne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner der Regierung bekannt sind, führen ein Dasein, schlechter als das von Sklaven und werden oft wie Fußbälle behandelt.“

„Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage führen können?“ fragte ich.

„Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Männer können vor einem Richter Klage führen,“ antwortete Herr Forest. „Aber die Richter niederen Grades sind einfach Leute, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt haben und vom Präsidenten auf fünf Jahre zu Richtern ernannt worden sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird, in allen Fällen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit führt. Alle solche Fragen werden von einem einzelnen Richter endgültig entschieden; drei Richter werden nur in besonders schweren Fällen berufen. [17] — Die vom Präsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natürlich Vertrauensmänner und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, daß sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten eines „Widersetzlichen“ entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden endgültig entschieden werden, ohne daß dem Kläger das Recht zusteht, vor einem höheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter übrig, als auf seinen alten Posten zurückzukehren, wo sein Vorgesetzter, gegen den es geklagt hat, es natürlich nicht besser behandelt als zuvor. Im Gegenteile muß der „Widersetzliche“ es in den meisten Fällen schwer entgelten, daß er gegen einen Offizier Klage geführt hat. Bei der nächsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier den unglücklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der erzürnte Offizier dem Mißvergnügten die schmutzigste, ungesundeste Arbeit zuteilen.“

Dieses von Forest entworfene Bild der Zustände im Arbeiterheere erschien mir um so entsetzlicher, wenn ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschüttert, daß ich mich zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und Schlüsse meines Vorgängers in der Professur anzukämpfen.

Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: „Nun erwägen Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben erwähnt habe, daß die Arbeiter „kein Stimmrecht ausüben oder irgendwie bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden dürfen.“ [18] „Der General eines Gewerbes vollzieht die Ernennung für die Rangstufen unter ihm, aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit gewählt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und ihre Entlassung erhalten haben.“ [19] So, mein lieber Herr West, sind also die Angehörigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gänzlich preisgegeben. Wenn sie während dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, müssen sie allen Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nach Gunst streben. Sie müssen ihre stimmberechtigten Freunde beeinflussen, damit diese nicht nur für die Regierung stimmen, sondern das auch in möglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche Gefühle. Verabsäumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese Schritte und Maßregeln, so kann es, unter Umständen, vierundzwanzig Jahre lang ein Leben führen, mit welchem verglichen das Schicksal eines Plantagensklaven oder eines Kohlengräbers vor 150 Jahren als beneidenswertes Dasein erscheinen muß. Denn ein Plantagenneger stellte für seinen Eigentümer einen wertvollen Besitz dar, der nicht leichtsinnig gefährdet werden durfte, während der Kohlengräber seine Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschäftigung suchen konnte, wenn ihm seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfähigen Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, — ein solches Mitglied der „industriellen Armee“ führt ein Leben, welches man sehr wohl „vierundzwanzig Jahre der Hölle auf Erden“ nennen darf.

„Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongreß keinen Einfluß hat. Die große Mehrzahl seiner Mitglieder ist beständig bemüht, für sich selbst, für Verwandte und für Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu erlangen, daß sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit nennt.“