4.
Geschichtliche und encyklopädische Verlagsthätigkeit.

Neben der Herausgabe der »Deutschen Blätter« und der vor dieser geschilderten Wirksamkeit auf fast allen Gebieten der Literatur widmete sich Brockhaus während der in Altenburg verlebten Jahre in besonders reger Weise dem Verlage von geschichtlichen und encyklopädischen Werken kleinern und größern Umfangs. Diese Thätigkeit umfaßt drei Gruppen, wovon die erste politische Zeitbroschüren, die zweite größere geschichtliche Werke, die dritte vorzugsweise das »Conversations-Lexikon« betrifft.


Die erste Gruppe, die der politischen Zeitbroschüren, schließt sich mehr oder minder an die »Deutschen Blätter« an.


Als Brockhaus von dem kurzen Ausfluge, den er unmittelbar nach der Schlacht bei Leipzig unternommen hatte, aus Berlin nach Leipzig zurückkehrte, fand er daselbst ein Manuscript vor, das ihm August Wilhelm von Schlegel geschickt hatte, und gleichzeitig schon einen Mahnbrief desselben aus Göttingen vom 3. November. Der letztere lautet:

Ew. Wohlgeboren habe ich am 28. October von Mühlhausen das Manuscript meiner »Bemerkungen über den Artikel der Leipziger Zeitung vom 5. October« in französischer Sprache zugeschickt, und zwar par estafette. Ich rechne mit Zuversicht darauf, daß das Packet richtig in Ihre Hände gelangt ist, und daß Sie es sogleich werden gedruckt haben. Ich erwarte die Ankunft der 100 Exemplare mit Ungeduld, und sollten selbige bei Ankunft dieser Zeilen noch nicht abgesandt sein, so bitte ich selbige alsbald ebenfalls par estafette an mich zu befördern. Es ist aber dabei zu bemerken, daß ich jetzt drei bis vier Tage hier bleiben, und erst alsdann wiederum in das Hauptquartier des Kronprinzen von Schweden abgehen werde. Das hiesige Postamt müßte also angewiesen werden, sich erst zu erkundigen, ob ich noch hier bin, und erst wenn es das Gegentheil erfahren, das Packet weiter in das Hauptquartier zu senden. Die Auslage der Estafette habe ich Ihnen verursachen müssen; darüber werden wir uns schon vergleichen.

Jetzt bin ich mit Anordnung der »Aufgefangenen Briefe« beschäftigt, worüber Sie nächstens das Nähere hören werden. Ich bitte auch um eine Anzahl Exemplare von dem neuen Abdruck der Schrift »Sur le système continental« und der Betrachtungen »Ueber die Politik der dänischen Regierung«, sobald diese fertig sind.

Ich wiederhole es, daß Sie mich unendlich verbinden werden, wenn Sie die »Bemerkungen über den Artikel der Leipziger Zeitung« auf das schleunigste in meine Hände gelangen lassen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ew. Wohlgeboren ergebenster

A. W. v. Schlegel.

Inzwischen schrieb ihm auch Karl Peter Lepsius (der Alterthumsforscher, Vater des Aegyptologen) aus Naumburg:

Eilen Sie doch, Freund, daß das Manuscript von Schlegel gedruckt wird, um es durch die Colonne der dresdener Besatzung, die in den nächsten Tagen hier durchgehen wird, nach Frankreich zu bringen. Sie erhalten sonst nichts wieder von Schlegel. Warum haben Sie es nicht in Naumburg drucken lassen, da bin ich Censor!

Allerdings hatte Brockhaus auch bei dieser Schrift trotz ihres officiösen Charakters Censurnöthe, wie aus folgendem Schreiben hervorgeht, das er unterm 8. November an Freiherrn von Miltitz, Chef der Ersten Section des Generalgouvernements in Leipzig, richtete, denselben, gegen den er sich kurz vorher, am 28. October, schon über die Censur bei den »Deutschen Blättern« ohne Erfolg beschwert hatte:

Der Unterzeichnete hat die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren ein Manuscript mitzutheilen, welches er per Stafette von Herrn A. W. von Schlegel, Geh. Cabinetssecretär Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Schweden, aus dem Hauptquartier des Letztern mit dem Auftrage erhalten hat, solches nebst einer deutschen Uebersetzung hier sogleich drucken zu lassen, und von beiden alsdann 100 Exemplare ins Hauptquartier Sr. königl. Hoheit wieder per Stafette an ihn zu senden. Ew. Hochwohlgeboren finden in den beiden Originalanlagen, den Briefen des Herrn von Schlegel, die Belege hierüber.

Der Unterzeichnete hat nicht gesäumt, dem politischen Censor Herrn Hofrath Brückner die gedachte Schrift zur Censur vorzulegen, welche dieser indessen ablehnt, und ihn dieserhalb an Ew. Hochwohlgeboren verweist.

Der Unterzeichnete erbittet sich daher das Imprimatur von Ew. Hochwohlgeboren oder, im Falle, daß es geweigert werden möchte, eine schriftliche Resolution, um sich mit dieser gegen Herrn von Schlegel (von dem in den Verhältnissen, worin er zu Sr. königl. Hoheit dem Kronprinzen von Schweden steht, anzunehmen, daß er diese Schrift nur mit der speciellsten Autorisation desselben zum Druck befördert) legitimiren zu können.

Da durch die zufällige Abwesenheit des Unterzeichneten diese Angelegenheit schon um mehrere Tage verspätet worden, so bittet er Ew. Hochwohlgeboren dringendst und ergebenst, ihm noch heute darüber eine Resolution mitzutheilen.

Die Schrift erhielt trotzdem nicht das Imprimatur der sächsischen Behörden, und Brockhaus ließ sie deshalb in Altenburg drucken, ohne sie dort erst nochmals dem Censor vorzulegen. Sie führt den Titel: »Remarques sur un article de la Gazette de Leipsic du 5 Octobre 1813«, und erschien gleichzeitig auch in einer deutschen Uebersetzung unter dem erweiterten Titel: »Ueber Napoleon Buonaparte und den Kronprinzen von Schweden, eine Parallele in Beziehung auf einen Artikel der Leipziger Zeitung vom 5. October 1813, von August Wilhelm Schlegel.« Verlagsort und Verleger sind auf beiden Ausgaben nicht angegeben. Eine 1814 erschienene »zweite vermehrte Auflage« der deutschen Ausgabe enthält einen mit B. (Brockhaus) unterzeichneten »Vorbericht des Herausgebers«, in welchem der betreffende Artikel der »Leipziger Zeitung« mitgetheilt und der Herzog von Bassano (Maret), Staatssecretär Napoleon's als dessen Verfasser bezeichnet wird.

Die beiden andern von Brockhaus noch vor dieser verlegten Schriften Schlegel's, die in des Letztern Briefe erwähnt sind, waren gleichfalls in französischen und deutschen Ausgaben ohne Angabe von Verlagsort und Verleger erschienen, unter den Titeln: »Considérations sur la politique du gouvernement danois. Par A. W. S.«, deutsch: »Betrachtungen über die Politik der dänischen Regierung. Von August Wilhelm Schlegel«, und: »Sur le système continental et sur ses rapports avec la Suède«, deutsch: »Ueber das Continentalsystem und den Einfluß desselben auf Schweden von A. W. S.«

August Wilhelm von Schlegel (geb. 1767, gest. 1845) begleitete bekanntlich, nachdem er seit 1809 als schwedischer Legationssecretär in Stockholm gelebt hatte, 1813 den Kronprinzen von Schweden nach Deutschland und war als dessen Geh. Cabinetssecretär besonders mit Abfassung von Proclamationen, Armeeberichten und politischen Broschüren, wie den eben erwähnten, beschäftigt.

Eine andere noch Ende 1813 bei Brockhaus erschienene Broschüre unter dem Titel: »Aufgefangene Briefe durch die leichten Truppen der verbündeten Heere. Französisch und Teutsch«, wurde nach Schlegel's oben mitgetheiltem Schreiben ebenfalls von diesem zusammengestellt und herausgegeben. Laut dem Vorwort sind es Auszüge aus mehrern tausend in einem französischen Felleisen vorgefundenen Briefen, das am 12. September 1813 auf der Straße von Leipzig nach Wurzen in die Hände von Parteigängern gefallen war.


Außer diesen Schlegel'schen Broschüren verlegte Brockhaus aber, besonders im Laufe des ersten Halbjahrs nach der Schlacht bei Leipzig, noch eine ganze Reihe von Zeitbroschüren politischen oder kriegsgeschichtlichen Inhalts. Bei einer Ankündigung derselben in den »Deutschen Blättern« hob er hervor, daß ihr Erscheinen erst »seit der an den Tagen vom 16.-19. October wiedereroberten Preßfreiheit« möglich geworden sei.

Am 26. März 1814 schrieb er in gleichem Sinne an seinen Freund Villers in Göttingen:

Man muß die vielleicht kurze Zeit unserer Preßfreiheit brav benutzen. Späterhin könnte man uns wieder ein Schloß ans Maul hängen.

So veranstaltete er im März 1814 einen neuen Abdruck der vielgenannten Schrift, wegen deren Verbreitung der nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm auf Napoleon's Befehl am 26. August 1806 zu Braunau erschossen worden war, unter dem Titel: »Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung. (Neuer wörtlicher Abdruck der Schrift, wegen welcher Palm 1806 auf Befehl des Kaisers Napoleon zum Tode verurtheilt wurde.) Mit einer Vorrede des jetzigen Herausgebers.« Als »Seitenstück« dazu veröffentlichte er gleichzeitig: »Sündenregister der Franzosen in Teutschland. Ein Seitenstück zu der Schrift: Teutschland in seiner tiefen Erniedrigung«, mit dem Motto von Johannes Müller: »Gesetzmäßige Regenten sind heilig: daß Unterdrücker nichts zu fürchten haben, ist weder nöthig noch gut«, und mit der Bezeichnung: »Germanien, im Jahre der Wiedergeburt«, ohne sonstige Angabe von Verlagsort, Verleger und Jahreszahl.

Auch zwei poetisch-patriotische Producte verlegte er: »Die Erlösung Deutschlands im Jahre 1813. Ein National-Singspiel« (auf dem Titel steht: »Braunschweig, 1814. Gedruckt bei Friedrich Vieweg«, doch war die Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, Verlag von Brockhaus), und: »Deutschland im Schlaf (geschrieben 1809) und Deutschlands Morgentraum und Erwachen. Zwei politische Possenspiele«, ebenfalls anonym, verfaßt von Karl Georg Treitschke in Leipzig (geb. 1783, gest. 1855 als Geh. Justizrath in Dresden).


Eine Anzahl anderer Broschüren ist direct gegen die Person Napoleon's gerichtet.

In erster Linie ist hier die schon früher erwähnte, von Villers und Saalfeld verfaßte Schrift zu nennen, die anonym unter dem Titel: »Hundert und etliche Fanfaronaden des Corsikanischen Abentheurers Napoleon Buona-Parte Ex-Kaisers der Franzosen. Cum notis variorum«, im Juni 1814 erschien.

Eine zweite ähnliche Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, heißt: »Federstreiche oder Lebenslauf des Ex-Kaisers der Franzosen in drei Büchern: Epigrammen«; das Schlußepigramm lautet:

Du ließest Blut, ich Tinte fließen,
Schwarz hast Du Dich, nicht ich gemacht,
Spar' nun mein Blut und Deine Macht,
Und laß mich nicht erschießen.

Eine dritte gegen Napoleon gerichtete Schrift erschien ebenfalls anonym gleichzeitig französisch und deutsch unter den Titeln: »Lettre d'un Anglois sur Napoléon Buonaparte et le surnom le grand, qu'on lui a donné, avec la traduction allemande«, und: »Briefe eines Engländers über Napoleon Bonaparte, und den Beinamen der Große, welcher ihm beigelegt worden ist.«

Endlich gehört hierher noch eine geistvolle Satire: »Die Oriflamme oder der Pariser Enthusiasmus unter Napoleon dem Großen, Kaiser der Franzosen, eine Sammlung merkwürdiger, vor der Aufführung dieser Oper in Paris gewechselter Briefe; als ein Beytrag zu der französischen Kunst, das Volk gegen sein eignes Herz und seinen Verstand zu bearbeiten.« Sie trug auf dem Titel einen fingirten französischen Verlagsort: »Nancy 1814« und erschien anonym; ihr Verfasser war Philipp Joseph von Rehfues (geb. 1779, gest. 1843), später durch seinen Roman »Scipio Cicala« (1832) allgemeiner bekannt geworden.


Weitere Zeitbroschüren, die in diesen Jahren von Brockhaus verlegt wurden, beschäftigen sich vorzugsweise mit der Deutschland zu gebenden politischen Verfassung.

Anonym erschienen zunächst zwei Schriften unter folgenden Titeln: »Erinnerung an die Vorzüge und Gebrechen der ehemaligen Verfassung des deutschen Reichs« (1813), und: »Der deutsche Bund wider das deutsche Reich« (1815). Ueber den Verfasser der erstern bemerkt Brockhaus in einer Ankündigung, es sei »einer unserer vorzüglichsten Publicisten«. Die zweite Schrift, mit einem allegorischen Titelkupfer, das zwei Felder mit den Unterschriften »Deutscher Bund« und »Deutsches Reich« zeigt, befürwortet die Wiedererrichtung des alten Kaiserthums und eifert gegen den eben damals gestifteten Deutschen Bund als einen bloßen Staatenbund. In ihr kommt unter anderm folgende durch die Zukunft gerechtfertigte Stelle vor:

Was ihr hoffen könnt, ist Krieg, weil von nun an der Streit über die Oberherrschaft in Deutschland beginnen kann und wird und muß .... Unsere Enkel werden das, was hier unbeachtet bleibt, empfinden.

Eine Aufforderung an Preußen, sich an die Spitze Deutschlands zu stellen, enthält die umfänglichere Schrift: »Preußen über Alles, wenn es will. Von einem Preußen« (Germanien 1817), verfaßt von Samuel Gottfried Reiche (geb. 1765, gest. 1849 als Rector des breslauer Gymnasiums), aber anonym erschienen.

Auch patriotische Ansprachen, besonders an die Jugend gerichtet, finden sich unter diesen Schriften, so: »Vier Reden über Vaterland, Freiheit, deutsche Bildung und das Kreuz. An die deutsche Jugend gesprochen von Karl Baumgarten-Crusius. Eine Weihnachtsgabe« (1814). Die vierte Rede war zuerst in den »Deutschen Blättern« abgedruckt worden und hatte großen Beifall gefunden. Der Verfasser ist der bekannte Philolog (geb. 1786, gest. 1845 als Rector der Landesschule zu Meißen).

Aehnlichen Charakter hat die anonyme Schrift: »Auch ein Wort über unsere Zeit. 1) Von der unterscheidenden Eigenthümlichkeit derselben. 2) Was sie von den in ihr Lebenden fordere. 3) Was sie ihnen gewähre« (1815).

Eine kleine Schrift: »Ueber Landsturm und Landwehr. In Beziehung auf die Länder zwischen der Elbe und dem Rhein« (1813), empfiehlt diese preußische Einrichtung auch dem übrigen Deutschland.

Folgende drei Broschüren enthalten wiederum ärztliche Rathschläge in Bezug auf den Krieg: »Die Kriegspest oder das ansteckende Hospital-Fieber. Eine Volksschrift zur Warnung und Belehrung von einem sächsischen Arzte«; »Ueber die jetzt herrschenden Lazarethfieber, ihre Ursachen, Kennzeichen und Verwahrungsmittel. Von einem praktischen Arzte« (beide 1813 erschienen); endlich eine von Dr. Heinrich Messerschmidt, Stadtphysikus zu Naumburg an der Saale (geb. 1776, gest. 1842), verfaßte treffliche Schrift: »Hand- und Lehrbüchlein für Deutschlands Krieger und diejenigen im Volke, welche zu diesem hohen Stande berufen sind. Daraus zu lernen, recht brave, tüchtige Soldaten zu werden und sich als solche in der Zeit der Noth selbst rathen und helfen zu können« (1815).

Zwei Broschüren richten sich gegen die berüchtigte Schrift des bekannten Staatsrechtslehrers Professor Theodor Anton Heinrich Schmalz: »Berichtigung einer Stelle in der Bredow-Venturinischen Chronik von 1805« (Berlin 1815), in welcher dieser zuerst das Mistrauen der deutschen Regierungen gegen den Geist der Zeit, namentlich gegen politische Vereine wachrief und so die Reactionszeit inaugurirte. Die beiden anonymen Broschüren heißen: »Gegen den Geheimen Rath Schmalz zu Berlin wegen seiner jüngst herausgegebenen Worte über politische Vereine«, und: »Die neuen Obscuranten im Jahre 1815. Dem Herrn Geheimen Rath Schmalz in Berlin und dessen Genossen gewidmet«. Es sind, wie auch auf den Titeln bemerkt, Separatausgaben zweier Aufsätze aus den »Deutschen Blättern«. Dieses Blatt hatte sich das Verdienst erworben, gegen die Denunciationen von Schmalz zuerst energisch aufzutreten.

Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus noch zwei Zeitbroschüren verschiedenen Inhalts von zwei namhaften, auf denselben aber nicht genannten Schriftstellern: »Ueber den jetzt herrschenden Geist der Unzufriedenheit und Unruhe unter den Völkern Europas. Ein Versuch zur Beschwichtigung dieses Geistes«, von Hofrath Karl Ludwig Methusalem Müller in Leipzig (geb. 1771, gest. 1837, in den Jahren 1817-1831 Redacteur der »Zeitung für die elegante Welt«), und: »Mahnung der Zeit an die protestantische Kirche bei der Wiederkehr ihres Jubelfestes. Nebst einer Nachschrift an die katholische Kirche und deren Oberhaupt. Für Kleriker und Laien von einem Laien«, von dem bekannten Philosophen Professor Wilhelm Traugott Krug in Leipzig (geb. 1770, gest. 1842), mit dem Brockhaus später in nähere Verbindung trat.


Wir kommen nun zu den von Brockhaus in diesen Jahren verlegten kleinern und größern Schriften, welche speciell die Zeitgeschichte betreffen, und finden da zunächst eine Anzahl Broschüren kriegsgeschichtlichen Inhalts, welche meist noch die kriegerischen Ereignisse vor der Schlacht bei Leipzig behandeln, während die spätern in größern Werken geschildert sind.

An der Spitze der kriegsgeschichtlichen Broschüren steht: »Die preußisch-russische Campagne im Jahre 1813; von der Eröffnung bis zum Waffenstillstande vom 5. Juni 1813; mit dem Plan der Schlacht von Groß-Görschen, der Schlacht von Bautzen und dem Gefecht von Haynau. Von C. v. W.« Auf dem Titel heißt es: »Breslau, in Commission bei Christ. Gottlob Kayser«, ohne Jahreszahl; die Schrift war aber Verlag von Brockhaus und erschien im Sommer 1813. Verfaßt wurde sie auf speciellen Befehl des Königs von Preußen von dem damaligen Oberst, spätern General-Feldmarschall Freiherrn von Müffling (geb. 1775, gest. 1851), dessen kriegsgeschichtliche Werke stets nur die Chiffre C. v. W. tragen.

Ein Seitenstück dazu bildet: »Der Feldzug von 1813 bis zum Waffenstillstand« (ohne Angabe von Verleger und Verlagsort, mit der Jahreszahl 1813). Als Verfasser nennt Brockhaus in den »Deutschen Blättern« den General von Gneisenau, Chef des preußischen Generalstabes, weil ihm das Manuscript wahrscheinlich von diesem zugesandt worden war; die Schrift ist aber auf Gneisenau's Wunsch von dessen Stabschef General Karl von Clausewitz (geb. 1780, gest. 1831) geschrieben und auch in dessen »Hinterlassenen Werken über Krieg und Kriegführung« wieder abgedruckt.

Gleichzeitig (im October 1813) ließ der bekannte General und Militärschriftsteller Baron Henri Jomini (geb. 1779, gest. 1861) bei Brockhaus eine kleine Broschüre französisch und deutsch unter folgenden Titeln erscheinen: »Extrait d'une brochure intitulée: Mémoires sur la campagne de 1813, par le général Jomini«, und: »Auszug aus den Memoiren über den Feldzug von 1813 vom General Jomini.« Er rechtfertigt sich darin wegen seines 1813 nach der Schlacht bei Bautzen erfolgten Uebertritts aus französischen in russische Dienste.

Noch vor der Schlacht bei Leipzig geschrieben, aber erst nach derselben veröffentlicht wurde eine Broschüre von Ludwig Lüders (Verfasser der früher erwähnten Schrift: »Das Continental-System«): »Welthistorische Ansicht vom Zustande Europa's am Vorabend der Schlacht bei Leipzig im Jahre 1813. Mit einem Plane der Schlacht bei Lützen« (1814). Sie schildert die am 1. und 2. Mai 1813 geschlagene Schlacht bei Lützen, gewöhnlich richtiger die Schlacht bei Großgörschen genannt, in der Napoleon über die vereinigte russisch-preußische Armee siegte, wodurch Sachsen bis zur Elbe wieder in seine Hände fiel. Die Schrift hat, als von einem in der Nähe (in Altenburg) befindlichen gewissenhaften Beobachter herrührend, geschichtlichen Werth.

Wir schalten hier als Episode eine an diese Schlacht anknüpfende und für Brockhaus' Charakterisirung nicht unwichtige Mittheilung ein, die vor Jahren von dem inzwischen (1863) verstorbenen Geschichtschreiber und Publicisten Johann Wilhelm Zinkeisen niedergeschrieben wurde, dessen Vater Geh. Kammerrath in Altenburg war und zu Brockhaus' nähern Freunden gehörte:

Ich war damals ein Knabe von 11-12 Jahren, und erinnere mich sehr wohl, wie der wohlbeleibte aber äußerst lebendige und bewegliche, so freundliche Herr Brockhaus, den wir Kinder alle so gern hatten, wenn irgendeine wichtige Nachricht eingetroffen war (denn er war immer am ersten und besten unterrichtet), oft schon in frühester Morgenstunde außer Athem zum Vater kam, um ihm dieselbe zu hinterbringen. Da wurde dann mit großem Feuer, aber auch mitunter nicht ohne manchen schweren Seufzer, darüber hin- und hergestritten, wie die Dinge nun weiter laufen würden, was man zu thun habe, was am Ende aus der Welt werden solle, wie lange es der Napoleon noch treiben werde u.  s.  w. Brockhaus sprach immer wie ein Begeisterter, und schien manchmal außer sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und herzuschwanken. Mein Vater, überhaupt eine ernste Natur und in schon vorgerücktem Alter, suchte dagegen zu beschwichtigen und rieth zu ruhiger Ausdauer. Mir sind dergleichen Eindrücke aus dieser schweren Zeit, die auf jugendliche Gemüther auch tiefer einwirkte, so unvergeßlich geblieben, als ob ich sie erst gestern empfangen hätte. Es ist mir immer noch, als ob ich Brockhaus eben erst zur Thür hinausgehen sähe, wenn er uns beim Weggehen etwa so zurief: »Guten Morgen, Jungens, haltet euch wacker, sonst wird's schlimm, wenn Napoleon kömmt!« Da lachten wir dann in unserer Einfalt recht herzlich über den guten Herrn, obgleich es gewiß weder ihm noch dem Vater zum Lachen war.

Am tiefsten ist mir der Tag der Schlacht bei Lützen aus dieser Zeit in Seele und Gedächtniß eingegraben geblieben. Alles war an dem schönen Maitage vom frühesten Morgen in der größten Bewegung und Spannung. Die widersprechendsten Gerüchte durchkreuzten sich. Brockhaus war am Vormittage mehrere male beim Vater und blieb dann bei uns zu Tische. Der Oberst von dem damals in Altenburg liegenden Corps des Generals Miloradowitsch, welcher bei meinen Aeltern mit seinen Adjutanten Quartier hatte, machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Man sprach schon davon, daß es gut sein würde, wenigstens die Familie wo anderwärts hin in Sicherheit zu bringen. Während des Essens brachte eine Ordonnanz die Nachricht, man höre vor der Stadt ganz deutlich den Kanonendonner, welcher aus der Gegend zwischen Leipzig und Lützen zu kommen scheine; es sei als ob er immer näher rücke; die Preußen seien geschlagen u. s. w. Brockhaus wurde nun sehr unruhig, sprang plötzlich vom Tische auf und rief: »Wir müssen raus; kommt, Kinder, mit hinter den Pohlhof, da wird man's am besten hören!« Mit diesen Worten nahm er mich ohne weiteres bei der Hand, und forderte die ganze Gesellschaft auf, ihm zu folgen, was sie auch that. Auf den weiten Pohlhofsfeldern nach Leipzig zu hatte damals das obengenannte Corps in unabsehbaren Reihen von Strohhütten sein Lager aufgeschlagen. Hinter demselben suchte Brockhaus einen etwas höher liegenden Punkt aus, warf sich dort zur Erde, und sagte bei jedem Kanonenschuß, den er mittels der Fortpflanzung des Schalles durch den Erdboden vernahm: »Sehr deutlich! sehr deutlich!« Mir klingen die Worte noch in den Ohren. Ich wollte Ihnen den trefflichen Mann dabei malen. Wir Kinder hatten natürlich nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiele desselben zu folgen, und vernahmen nun mit Jubel auch ganz deutlich den Kanonendonner, während mein Vater mit sehr bedenklicher Miene daneben stand und, die Taschenuhr in der Hand, die dumpfen Kanonenschläge nach der Minute zählte. Je vernehmlicher sie aber wurden, desto ernster schien ihm die Lage zu werden. Nach einer Stunde etwa eilte man in die Stadt zurück. Brockhaus brachte am Nachmittage wieder verschiedene unbestimmte und beängstigende Nachrichten. Er war auch noch am Abend wieder bei uns, wo Alles, wie es damals Brauch war, um den großen runden Tisch saß und Charpie zupfte. Da ertönt plötzlich Alarm durch die Straßen, und zu gleicher Zeit sieht man vor der Stadt eine ungeheuere Feuersäule aufsteigen. Miloradowitsch hatte Befehl erhalten, noch in der Nacht nach Lützen hin aufzubrechen, und vorher sein ganzes Lager in Brand gesteckt. Brockhaus eilte fort, um nähere Nachrichten einzuziehen. Das Uebrige ist bekannt.

An die Schlacht bei Lützen sowie an die leipziger Schlacht knüpft auch eine kleine Schrift des Geschichtschreibers Karl Curths (geb. 1764, gest. 1816) an und stellt beide Schlachten mit zwei an denselben Orten geschlagenen zusammen. Sie führt den Titel: »Die Schlacht bei Breitenfeld unweit Leipzig am 7. September 1631 und die Schlacht bei Lützen am 7. November 1632. Zwei Scenen des Dreißigjährigen Kriegs und Gegenstücke zu den Schlachten bei Lützen am 2. Mai 1813 und bei Leipzig am 16., 18. und 19. October 1813« (1814). Von demselben Verfasser verlegte Brockhaus gleichzeitig eine geschichtliche Monographie: »Die Bartholomäusnacht 1572.« Curths hat sich besonders durch seine Fortsetzung von Schiller's »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande« bekannt gemacht.

Ueber die Schlacht bei Leipzig erschienen in Brockhaus' Verlage neben den in den »Deutschen Blättern« enthaltenen ausführlichen Schilderungen keine besondern Werke.


Außer diesen kriegsgeschichtlichen verlegte er noch einige andere zeitgeschichtliche Broschüren, zunächst (1814) eine solche von dem Marquis de la Maisonfort (geb. 1763, gest. 1827), einem Anhänger der Bourbonen, der 1814 mit Ludwig XVIII. nach Paris zurückkehrte, unter dem Titel: »Tableau politique de l'Europe, depuis la bataille de Leipzic, gagnée le 18 octobre 1813. Écrit à Londres le 4 décembre 1813«; dieselbe erschien auch in deutscher Uebersetzung: »Politisches Gemälde von Europa nach der Schlacht bei Leipzig den 18. October 1813. London den 4. December 1813. Mit Anmerkungen und einer Frage: Was hofft Europa seit dem 3. April 1814.«

Daneben veröffentlichte er die Broschüre: »Der Minister Graf von Montgelas unter der Regierung König Maximilian's von Baiern« (1814), worin dieser bairische Minister gegen eine vom Grafen Reisach geschriebene Schrift vertheidigt wird. Brockhaus war mit dem Minister Montgelas auf einer im Sommer 1814 nach Stuttgart und München unternommenen Reise bekannt geworden, und dies war wol die Veranlassung zu dem Verlage dieser Broschüre.

Eine andere kleine Schrift: »Die Moskauer Kanonen-Säule oder der Sieges-Obelisk. Nebst einer Abbildung« (1814), ist von Karl August Böttiger in Dresden verfaßt; sie ist die einzige selbständige Schrift, die Brockhaus von diesem Schriftsteller verlegte (freilich ist auch sie nur ein Separatabdruck aus den »Deutschen Blättern«), während dieser mit ihm fortwährend in dem lebhaftesten Briefwechsel stand und an fast allen seinen Journalen und encyklopädischen Werken mitarbeitete.


Von hervorragendem Interesse endlich sind zwei Broschüren, die im Jahre 1816 in Brockhaus' Verlage erschienen und den berüchtigten Polizeiminister Napoleon's, Fouché, Herzog von Otranto, zum Verfasser hatten.

Joseph Fouché, 1763 zu Nantes geboren, erst Lehrer, dann Advocat, war während der Französischen Revolution bekanntlich ein eifriger Anhänger Danton's gewesen und hatte sich an den Greueln in Lyon lebhaft betheiligt. Er erhielt 1799 die Direction der Polizei in Paris und wurde von Napoleon nach dem österreichischen Kriege zum Herzog von Otranto ernannt. Nach 1810 in Ungnade gefallen, wurde er 1813 Generalgouverneur von Illyrien, 1815 während der Hundert Tage nochmals Polizeiminister, stellte sich nach Napoleon's Niederlage bei Waterloo an die Spitze der provisorischen Regierung und wurde dann von Ludwig XVIII. als Gesandter nach Dresden geschickt. Während dieses dresdener Aufenthalts schrieb er die beiden von Brockhaus verlegten Schriften. Bald darauf mußte er, durch das Verbannungsdecret vom 12. Januar 1816 gegen die sogenannten Königsmörder mit getroffen, seine Stellung und überhaupt den Staatsdienst verlassen und zog sich erst nach Prag, dann nach Linz und endlich nach Triest zurück, wo er 1820 starb.

In jenen beiden Schriften versuchte er vergeblich, sich zu rechtfertigen und vor dem Verluste seiner Stellung zu schützen.

Die erste ist in die Form eines Briefs an den Herzog von Wellington, der zu seinen Gönnern gehörte, gekleidet und führt den Titel: »Correspondance du duc d'Otrante avec le duc de *** Première lettre. Dresde, le premier Janvier, 1816.« Sie enthält außer dem 48 Seiten umfassenden Briefe an den Herzog von Wellington (dessen Name aber nicht genannt ist) ein von Brockhaus unterzeichnetes 4 Seiten langes Vorwort, überschrieben »L'éditeur au public« und Altenburg, 15. August 1816 datirt. Brockhaus warnt darin vor einem soeben angeblich in London gedruckten unberechtigten und verstümmelten Abdrucke des Briefes, kündigt einen zweiten und dritten Brief an, die indeß nie erschienen, und veröffentlicht zugleich den Privatbrief Fouché's an Wellington, welcher die Veranlassung zu der Schrift erklärt.

Die zweite Schrift wurde gleichzeitig französisch und deutsch herausgegeben unter den Titeln: »Notice sur le duc d'Otrante« und: »Aus dem Leben Joseph Fouché's, Herzogs von Otranto. Nach authentischen Quellen und mit wichtigen Actenstücken für die neueste Zeitgeschichte. Anhang: Brief Fouché's an Wellington, Dresden, 1. Januar 1816.«

Brockhaus hatte beide Schriften durch Vermittelung seines Freundes Böttiger erhalten und verkehrte darüber brieflich und mündlich mit Fouché's Secretär, Demarteau in Dresden. Er bewog einen londoner Verleger (Colburn) und einen amsterdamer (Sülpke), ihre Firmen neben der seinigen auf den Titel setzen zu lassen, und hegte überhaupt große Erwartungen von dem buchhändlerischen Erfolge dieser Schriften. Wenn er auch für ihren Inhalt und Verfasser in keiner Weise eintrat, hob er doch deren unzweifelhafte Wichtigkeit für die Zeitgeschichte hervor. Indeß entsprach der Absatz keineswegs seinen Hoffnungen und der aufgewendeten Mühe, besonders wol, weil jener unberechtigte Abdruck des Briefes vorher erschienen war und das verdiente Schicksal Fouché's keine große Theilnahme erregte. An diesen Umständen und an Fouché's Sturze scheiterten auch die von Brockhaus mit Demarteau angeknüpften Unterhandlungen über den Verlag von Fouché's Memoiren, für die er bei einem Umfange von ungefähr 120 Druckbogen 12000 Francs geboten hatte. Sie wurden erst nach Fouché's Tode in Paris unter dem Titel: »Mémoires de Fouché« (2 Bände, 1824), veröffentlicht und rühren auch wahrscheinlich von ihm her, obwol sie von seinen Erben als unecht angegriffen wurden.


Neben diesen die verschiedensten Gebiete berührenden Zeitbroschüren verlegte Brockhaus auch während der altenburger Periode eine Reihe der eigentlichen Geschichte gewidmeter Werke, zum Theil größern Umfangs und der Mehrzahl nach ebenfalls die nächste Vergangenheit behandelnd.


Die beiden wichtigsten Werke dieser Gattung rühren von einem Schriftsteller her, der uns schon als fleißiger Mitarbeiter an den »Deutschen Blättern« und als Mitverfasser einer gegen Napoleon gerichteten Broschüre, der mit seinem Freunde Villers zusammen herausgegebenen »Fanfaronaden«, begegnet ist: Friedrich Jakob Christoph Saalfeld (geb. 1785, gest. 1834), Professor der Geschichte an der Universität Göttingen und freisinniges Mitglied der hannoverschen Ständeversammlung.

Das erste Werk ist eine »Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit, seit dem Anfange der Französischen Revolution«; es begann 1815, die Vollendung erfolgte aber erst 1823 (in 4 Bänden zu je 2 Abtheilungen, also zusammen 8 Theile umfassend); den Endpunkt bildet der Aachener Congreß von 1818.

Das zweite ist eine »Geschichte Napoleon Buonaparte's«, deren erste Auflage (1815 in einem Bande) bis zur Ankunft auf Elba reicht, während die zweite umgearbeitete Auflage (1816 und 1817 in zwei Theilen) die Geschichte Napoleon's bis zu seiner Abführung nach Sanct-Helena fortsetzt.

Beide Werke erregten Aufsehen und fanden lebhaften Beifall, da sie von deutsch-patriotischem Standpunkte und mit voller Benutzung der wiedergewonnenen Preßfreiheit geschrieben waren; doch hatte eben deswegen besonders die Geschichte Napoleon's auch harte Angriffe zu bestehen.


Ein drittes größeres Werk über die Zeitgeschichte ist: »Rußlands und Deutschlands Befreiungskriege von der Franzosen-Herrschaft über Napoleon Buonaparte in den Jahren 1812-1815« (4 Theile mit zahlreichen Kupfern und Karten, 1816-1819), verfaßt von Dr. Karl Heinrich Georg Venturini (geb. 1768, gest. 1849), der lange Jahre (1807-1844) als Pastor zu Hordorf im Braunschweigischen wirkte und sich hauptsächlich durch seine »Natürliche Geschichte des großen Propheten von Nazareth« (4 Theile, Bethlehem, d. i. Jena, 1806) bekannt gemacht hat, durch das hier vorgeführte Werk und die Fortsetzung der von Bredow begonnenen »Chronik des neunzehnten Jahrhunderts« (34 Bände, Altona und Leipzig 1808-1837) sich aber auch als Geschichtschreiber einen geachteten Namen erwarb. Nicht zu verwechseln mit ihm ist sein als Militärschriftsteller und Strateget bekannter jüngerer Bruder Johann Georg Julius Venturini, braunschweigischer Offizier (geb. 1772, gest. 1802).

Der erste Theil dieser Schilderung der Befreiungskriege behandelt den Krieg in Rußland 1812, der zweite den in Deutschland 1813, der dritte den Krieg in Frankreich und Italien 1814, der vierte den »Krieg im Niederlande, Frankreich und Italien«.


Speciell den Krieg in Rußland betrifft das Werk: »A narrative of the campaign in Russia in 1812« von dem als Hofmaler des Kaisers Alexander in Petersburg lebenden Engländer Robert Ker Porter (geb. 1774, gest. 1842), welches in einer Uebersetzung unter dem Titel: »Der russische Feldzug im Jahre 1812« von Dr. Paul Ludolf Kritz (geb. 1788, gest. 1869 als Oberappellationsrath in Dresden) 1815 bei Brockhaus erschien.


Zu dem geschichtlichen Verlage gehört endlich noch eine kriegsgeschichtliche Zeitschrift, die Brockhaus in Verbindung mit dem sächsischen Oberlandfeldmesser und frühern Offizier Wilhelm Ernst August von Schlieben, von dem er gleichzeitig das früher erwähnte Werk: »Die Elemente der reinen Mathematik« verlegte, im Jahre 1817 begann.

Bei seiner Vorliebe für journalistisch-encyklopädische Unternehmungen suchte er in dieser Zeitschrift einen Mittelpunkt für die betreffende Literatur zu schaffen. Er veröffentlichte den wohldurchdachten, von genauer Kenntniß der Verhältnisse zeugenden Plan in einer »im April 1816« datirten, von ihm unterzeichneten Ankündigung in den »Deutschen Blättern«, die mit der Bemerkung: »Auch als Vorrede zum ersten Bande zu betrachten«, vor diesem wieder abgedruckt ist. Sie lautet:

Die Kriegskunst hat einen so wesentlichen Antheil an der gegenwärtigen Entwickelung des Staatenschicksals von Europa gehabt, daß es für den Geschichtsfreund überhaupt, wie für den Kriegskundigen insbesondere, ein wissenschaftliches Bedürfniß geworden ist, einzelne, für größere Werke oft gar nicht geeignete und dennoch für die Theorie sowol als für die Praxis, oder für die allgemeine Geschichte wichtige Beobachtungen und Erfahrungen, überhaupt Alles, was die Geschichte der Kriegskunst in dem 19. Jahrhunderte betrifft und neu ist, von Augenzeugen zu sammeln, und die Ansichten sachkundiger Männer von denkwürdigen Kriegsereignissen in einem diesem Zwecke ausschließend gewidmeten Archive zu vereinigen.

Die schätzbarsten Beiträge zu von Bülow's, von Scharnhorst's und Anderer Schriften liegen in den Tagebüchern verdienter Offiziere verborgen, welche in einer Zeitschrift, wie von Rouvroy's »Militärische Minerva« oder von Rühl's »Pallas« oder die »Oesterreichische militärische Zeitschrift« und ähnliche Archive der Kriegsgeschichte waren, einen Ehrenplatz einnehmen würden. Sollen diese handschriftlichen Bemerkungen und Nachrichten für die Wissenschaft verloren gehen und vergessen werden, oder soll man warten, bis sie spät, nach dem Tode der Augenzeugen, in zerstreuten Denkwürdigkeiten erscheinen, wo sie der öffentlichen Prüfung und Vergleichung mit andern Thatsachen weniger unterliegen?

Jetzt, da die Waffen ruhen und die mit Lorbern umwundenen Feldtagebücher geordnet werden, jetzt ist die Erinnerung an Alles, was geschehen, ebenso lebendig und frisch, als das Bedürfniß des Forschens und Wissens lebhaft. Sollten daher unsere tapfern Zeitgenossen nicht unter sich austauschen und gegenseitig kriegskundig prüfen wollen, was sie beobachtet, gethan und erfahren, was sie Schätzbares für Kunst und Wissenschaft selbst eingesammelt haben? Die Kriege seit 1792 bieten für die Geschichte der Kriegskunst so reiche Ausbeute dar, daß es einer kriegsgeschichtlichen Zeitschrift in einer zwanglosen Folge von Bänden, wie die unsrige sein soll, nicht an neuem Stoffe von wissenschaftlichem Werthe fehlen wird, wenn die einsichtsvollen Kriegsmänner aus allen Heeren, welche seit 1792 in den meisten Ländern Europas fast nach denselben Grundsätzen kriegskünstlerischer Bildung gefochten haben, sich für unsern Zweck mit uns vereinigen wollen.

Wir laden sie, als die vollgültigsten Zeugen der ewig denkwürdigen Geschichte unserer Zeit, hierzu mit dem Vertrauen ein, das uns unsere Ueberzeugung von dem geistigen Zusammenhange und dem Gemeingeiste, der jetzt alle Gebildete zu wissenschaftlicher Thätigkeit hinführt, nicht ohne Ursache einflößt. Denn schon erfreuen wir uns der Zusage mehrerer würdigen Männer, und wir können dem Publikum versprechen, daß es in unsern kriegsgeschichtlichen Monographien nur Erzählungen und Charakteristiken von bedeutenden oder minder bekannten denkwürdigen Kriegsbegebenheiten, vorzüglich aus der neuesten Zeit, von Augenzeugen und Theilnehmern kriegskundig abgefaßt, oder aus weniger zugänglichen Quellen mit Kritik ausgewählt, und durch Karten und Plane, wo es die Wissenschaft erfordert, erläutert, ohne Beimischung von Politik noch fremdartigen Dingen finden wird.

Jeder Band von 24-30 Bogen soll sechs und mehr Erzählungen oder Darstellungen dieser Art enthalten. Der erste wird zur Ostermesse des nächsten Jahres erscheinen, und die Fortsetzung unsers Unternehmens kann, wie wir nach den getroffenen Maßregeln hoffen dürfen, nur an Neuheit und Interesse gewinnen.

Alle Beiträge, zu denen dringend eingeladen wird und die auf Verlangen angemessen honorirt werden, sind an unterzeichneten Verleger zu senden.

Die Zeitschrift führte den Titel: »Kriegsgeschichtliche und kriegswissenschaftliche Monographien aus der neuern Zeit seit dem Jahre 1792«, und trat zur Ostermesse 1817 mit dem ersten Bande ins Leben, worauf 1818 und 1819 ein zweiter und dritter Band folgten. Mit dem dritten Bande hörte sie auf und war so kaum über die ersten Anfänge hinausgekommen, wol theils durch die Schuld des Herausgebers von Schlieben (der übrigens auf dem Werke nicht genannt ist), theils wegen Mangels an geeigneten Beiträgen. Brockhaus schrieb darüber an den Herausgeber:

Die Bücher haben wie die Menschen ihren Glücks- und Unglücksstern, und alles Verdienst reicht da nicht aus. Aber es wäre im Kampf der Bücher mit der Welt nicht weise, auf einer Idee zu beharren, wenn das Publikum, für das man einmal schreibt und setzt und druckt, ein Anathema ausspricht.

Ein werthvoller monographischer Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813 und 1814 sind die »Briefe über Hamburgs und seiner Umgebungen Schicksale während der Jahre 1813 und 1814. Geschrieben von einem Augenzeugen im Sommer und Herbst 1814«, wovon 1815 zwei Hefte erschienen, denen 1816 noch ein drittes folgte. Der auf dem Titel nicht genannte »Augenzeuge« war der Prediger Friedrich Gottlieb Crome (gest. 1850).

Ferner verlegte Brockhaus auch (1817) eine Biographie Wellington's unter dem Titel: »Arthur, Herzog von Wellington. Sein Leben als Feldherr und Staatsmann. Nach englischen Quellen, vorzüglich nach Elliot und Clarke, bearbeitet und bis zum September 1816 fortgesetzt«; die Uebersetzung war von Adolf Wagner angefertigt und dann von Professor Hasse revidirt worden.


Betreffen die bisjetzt vorgeführten Werke theils die allgemeine Zeitgeschichte und ihre Hauptpersonen, theils Ereignisse in Preußen und Norddeutschland, so verlegte Brockhaus in der letzten Zeit seines altenburger Aufenthalts auch zwei Geschichtswerke, die sich speciell mit der Erhebung Oesterreichs gegen Frankreich im Jahre 1809 beschäftigen und noch heute als die wichtigsten Quellen für die Geschichte dieses Kampfes gelten, da sie von dem Haupturheber und eifrigsten Förderer derselben, Joseph Freiherrn von Hormayr, selbst herrühren: seine berühmten Werke über Andreas Hofer und über den Tirolerkrieg.

Hormayr war 1781 zu Innsbruck geboren, wurde 1803 Director des Staatsarchivs in Wien und trat bald in nähere Beziehungen zu dem Erzherzog Johann. Dieser war 1800 im Alter von 18 Jahren an die Spitze des österreichischen Heeres gestellt worden und hatte seit dem Verluste Tirols, das bekanntlich 1805 in dem Preßburger Frieden von Oesterreich an Baiern abgetreten werden mußte, Alles darangesetzt, dieses Land für Oesterreich zurückzugewinnen. Hormayr wurde von dem Erzherzog mit den Vorbereitungen zu einem Aufstande Tirols beauftragt und wußte auch die Insurgirung des Landes trefflich zu bewerkstelligen. Während der Erzherzog das Heer von Innerösterreich befehligte, übernahm Hormayr die Verwaltung des Landes. Als aber Tirol von den Oesterreichern wieder geräumt werden mußte (erst 1814 kam es bleibend in Oesterreichs Besitz), kehrte Hormayr nach Wien zurück und wurde 1816 zum Historiographen des Reichs ernannt. Hier schrieb er jene beiden Werke. Später, nachdem sein fürstlicher Gönner in Ungnade gefallen war, trat er in den bairischen Staatsdienst über, wurde 1828 im Ministerium des Aeußern in München angestellt, war dann bairischer Ministerresident, erst in Hannover, zuletzt bei den Hansestädten, und wurde endlich Director des Reichsarchivs in München, wo er am 5. November 1848 starb, nachdem er noch die Wahl seines fürstlichen Gönners zum Deutschen Reichsverweser erlebt hatte.

Das erste Werk (Ende 1816 mit der Jahreszahl 1817 erschienen) führt den Titel: »Geschichte Andreas Hofer's, Sandwirths aus Passeyr, Oberanführers der Tyroler im Kriege von 1809. Durchgehends aus Original-Quellen, aus den militärischen Operations-Planen, sowie aus den Papieren Hofer's, des Freyh. von Hormayr, Speckbacher's, Wörndle's, Eisenstecken's, der Gebrüder Thalguter, des Kapuziners Joachim Haspinger und vieler Anderer«; die zweite Auflage (1845 erschienen) führt neben und vor jenem frühern noch den Titel: »Das Land Tyrol und der Tyrolerkrieg von 1809.«

Das zweite Werk (1817 erschienen) heißt: »Das Heer von Inneröstreich unter den Befehlen des Erzherzogs Johann im Kriege von 1809 in Italien, Tyrol und Ungarn. Von einem Stabsoffizier des k. k. Generalquartiermeister-Stabes eben dieser Armee; durchgehends aus den officiellen Quellen, aus den erlassenen Befehlen, Operationsjournalen u. s. w.«; eine zweite »durchaus umgearbeitete und sehr vermehrte« Auflage erschien 1848, kurz vor des Verfassers Tode.

Auf keinem der beiden Werke war Hormayr als Verfasser genannt, auf dem zweiten vielmehr »ein Stabsoffizier des k. k. Generalquartiermeister-Stabes« der betreffenden Armee als solcher bezeichnet, beiden aber ein officieller Charakter beigelegt.

Letzterer Umstand berührte in den Hofkreisen Wiens sehr unangenehm; man war daselbst überhaupt mit diesen Veröffentlichungen ebenso wenig einverstanden als mit dem Verhalten des Erzherzogs Johann in dem tiroler Kriege. Ueber den Verfasser wurden die strengsten Untersuchungen angestellt und zuerst die Biographie Hofer's, dann auch die Geschichte des Feldzugs in Wien verboten.

Aus der Correspondenz zwischen Hormayr und Brockhaus geht übrigens als zweifellos hervor, daß der eigentliche Verfasser oder wenigstens Veranlasser beider Werke gar nicht Hormayr war, sondern Niemand anders als der Erzherzog Johann selbst.

Die Correspondenz wurde mit äußerster Vorsicht geführt, die Briefe wurden von Hormayr meist ohne Unterschrift gelassen, oft in dritter Person geschrieben, an fremde Adressen gerichtet, Duplicate abgesandt u. s. w. Hormayr, der mit Brockhaus auch sonst in literarischen Beziehungen stand und von ihm besonders um Schritte gegen einen Nachdruck des »Conversations-Lexikon« ersucht worden war, vertraute unbedingt auf dessen Discretion, mahnte indeß in ihrem beiderseitigen Interesse zur äußersten Vorsicht.

Am 26. April 1817 schrieb er aus Wien an Brockhaus:

.... Das Verbot gegen »Hofer« ist in ein paar Monaten ohnedies zurückgenommen. Man schämt sich dessen bereits.

Tolleres und Unsinnigeres könnte aber nichts geschehen, nichts könnte meine äußerst glücklichen Negociationen für das »Conversations-Lexikon« und gegen dessen Nachdruck in Oesterreich zerstörender und unheilbarer durchkreuzen, als wenn der übrigens genialische Oken in seiner göttlichen und unübertrefflichen Grobheit in der ohnehin äußerst verhaßten »Isis« etwas Anzügliches über das Verbot »Hofer's« sagte und es dadurch erst recht bestärkte und verewigte, zugleich aber auch Ihnen und Ihren Artikeln insgesammt eine förmliche und systematische Verfolgung des Fürsten Metternich zuzöge, welche unausbleiblich zu erwarten steht.

Brockhaus beruhigte ihn darüber und schrieb unter anderm auch: er werde dem Erzherzog Johann bei der Sendung des neuen Werks die von diesem bestellten weitern Exemplare des »Hofer« schicken.

Hormayr antwortete unterm 5. Juni 1817:

Der Erzherzog wünscht, daß die 10 Exemplare von »Hofer« nebst den andern 20 nicht vergessen werden, wünscht übrigens, daß das Erscheinen der Kriegsgeschichte noch um mehrere Wochen verzögert werde, wenn es mit Ihrer übrigen Berechnung in Einklang zu bringen ist. Er vermuthet, es seien auf indirecten schlauen Wegen aus Anlaß des Meßkatalogs schon Anfragen bei Ihnen um dieses Manuscript (»Das Heer von Inneröstreich«) geschehen, wünscht aber um so mehr strenge Verschwiegenheit, wie Sie dazu gekommen, als er selbst und sein Generalquartiermeister Graf Nugent, jetzt Generalissimus des Königs Ferdinand von Neapel, die eigentlichen Verfasser davon sind.

Unser erhabener Freund läßt Sie avisiren, auf das Manuscript und dessen schleunige Vertilgung bedacht zu sein, da nach einem allerneuesten Beispiele A. M. einzelne Bogen zweier Manuscripte in Ihrer Nähe stehlen ließ und hierher einsendete.

Mit A. M., von dem hier so Ehrenwerthes berichtet wird, war der österreichische Diplomat und Schriftsteller Adam Müller gemeint, in den Jahren 1815-1827 österreichischer Generalconsul in Leipzig. Geboren 1779 zu Berlin, war er von Gentz, der viel auf ihn hielt, nach Wien gezogen worden und dort 1805 zum Katholicismus übergetreten; er wurde später Hofrath im Ministerium des Auswärtigen in Wien und starb daselbst 1829.

Auch Adam Müller gehörte zu Brockhaus' Autoren, bis dieser von Hormayr und Andern vor ihm gewarnt wurde und selbst Beweise erhielt, daß diese Warnungen fast schon zu spät kamen. Er hatte von ihm 1816 eine staatswirthschaftliche Schrift verlegt: »Versuche einer neuen Theorie des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien«, und 1817 das erste Heft eines auf 8-10 Hefte berechneten Sammelwerks unter dem Titel: »Die Fortschritte der nationalökonomischen Wissenschaft in England während des laufenden Jahrhunderts. Eine Sammlung deutscher Uebersetzungen der seit dem Jahre 1801 bis jetzt erschienenen bedeutendsten parlamentarischen Reports, Flug- und Streitschriften, Recensionen u. s. w., welche zur Förderung und Berichtigung der staatswirthschaftlichen Theorie beigetragen haben.« Adam Müller nannte sich zwar nicht auf dem Titel, aber in der Einleitung als Herausgeber, mit der Bemerkung, daß er durch seine amtliche Thätigkeit an der Fortsetzung gehindert sei, die ein anderer Gelehrter übernehmen werde; diese Fortsetzung erschien indeß nicht. Beide Schriften sollten ursprünglich von Schaumburg in Wien verlegt werden, waren Brockhaus aber noch vor ihrer Druckvollendung von dem Verfasser angetragen worden. Müller arbeitete auch zuerst an den von Brockhaus herausgegebenen »Zeitgenossen« mit und lieferte die dieses Werk eröffnende Biographie Franz' I., Kaisers von Oesterreich, die auch in einer Separatausgabe (1816) erschien.

Hormayr hatte schon unterm 20. August 1816 an Brockhaus geschrieben:

Adam Müller ist ein Agent der österreichischen geheimen Polizei. Wir Beide sind überdies persönliche Feinde. Ich finde es in mehr als einer Hinsicht nothwendig, diese lange versparte Warnung hier auszusprechen.

Nachdem er diese Warnung in der oben mitgetheilten verstärkten Weise wiederholt hatte, fügt er am 10. October 1817 hinzu:

Sie glauben gar nicht, wie A. M. sich geschäftig macht, eine Wichtigkeit erhaschen will, beinahe in jeder Buchhandlung seine Spione hat und das Banner des Obscurantismus und des Preßzwanges recht hoch aufwirft und recht laut predigt. Zuerst Jude, dann evangelisch, jetzt intolerant katholisch, mit einer seinem Gastfreund und Wohlthäter in Großpolen entführten Frau Vertheidiger der Unauflösbarkeit der Ehen, früher ein Vordermann der libérales und constitutionnels, jetzt der Feldpater des Despotismus — muß er allerdings viel Hochachtung und viel Zutrauen auf seinen Charakter einflößen!

Am 22. October 1817 schrieb Hormayr weiter:

Was ist zu hoffen, wenn es einem boshaften Heuchler wie A. M. gelingt, durch Wort und That so klar und schön bezeichnete deutsche Männer, wie Sie und Perthes, als libérales, als ultra-constitutionnels, als Girondisten auszuschreien und eine Verfolgung gegen Sie zu provociren, nicht wegen des Inhalts dieser oder jener Werke, sondern weil sie bei Ihnen erscheinen?

Inzwischen waren die Nachforschungen nach dem Verfasser der beiden Hormayr'schen Werke fortgesetzt worden.

Böttiger fragte direct bei Brockhaus nach dem Namen des Verfassers der Kriegsgeschichte, von dem österreichischen Gesandten in Dresden wahrscheinlich gerade wegen seines nahen geschäftlichen und freundschaftlichen Verhältnisses zu Brockhaus mit diesem delicaten Auftrage betraut. Er schrieb an ihn unterm 24. October 1817 aus Dresden:

Wer ist der »Stabsoffizier vom Generalstabe«, der den »Krieg in Inneröstreich vom Jahre 1809« in Ihrem Verlage nebst allen dazu gehörigen Actenstücken herausgab? Können, dürfen Sie ihn nennen? Ich gehe ehrlich zu Werke, wie sich's gegen den Freund ziemt .... Das Buch hat auf den Kaiser selbst und seinen Alles vermögenden Generaladjutanten einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, weil es aus officiellen Quellen geschöpft, sehr authentisch, aber auch in Erinnerung früherer Fehlgriffe und Fehlschlagungen sehr schmerzlich ist. Fürst Metternich hat dem k. österreichischen Gesandten (in Dresden) Graf Bombelles die dringendsten Aufträge zur Erforschung des Verfassers ertheilt.

Obwol Böttiger im Weitern selbst eine Klage gegen Brockhaus als wahrscheinlich hinstellt, wenn der Verfasser nicht genannt würde, antwortete dieser unterm 29. October 1817 doch ablehnend und bat Böttiger, auch dem Grafen Bombelles zu sagen, daß er über den wirklichen Verfasser und Einsender des Manuscripts selbst nichts Sicheres wisse. Er handelte dabei nach speciellen Instructionen des Erzherzogs Johann, der ihn außerdem durch Hormayr wiederholt um strengste Discretion bitten ließ.

Böttiger beruhigte sich dabei noch nicht, da er auch direct von Wien aus, wo er wie allerwärts Verbindungen hatte, um Nachforschungen angegangen wurde. In einem Briefe vom 9. November 1817 an Brockhaus sagt er:

Unser (sächsischer) Legationsrath Griesinger in Wien schreibt mir, daß sich bereits sämmtliche Offiziere des Generalstabes feierlichst von der Autorschaft und der Einsendung des »Kriegs von Inneröstreich« losgesagt hätten und daß man allgemein glaube, daß eine Civilperson Urheber sei. (Man hält es auf Hormayr.) Der Kaiser will Alles daransetzen, um den Urheber dieses Skandals zu erfahren.

In Wien wußte man gewiß schon längst, daß Hormayr der Verfasser oder Einsender der Werke und der Erzherzog Johann dabei betheiligt sei, wollte aber von dem Verleger das Eingeständniß davon erlangen.

Hormayr schreibt an Brockhaus unterm 16. November 1817:

In Wien sind wol über zehn Generale, denen der Erzherzog das Manuscript selbst zu lesen gab, die also gar wohl wissen, daß er selbst der Verfasser und nur Ein und Anderes aus andern Quellen ergänzt ist. Meinen Stil, meine Darstellung darin zu erkennen, wäre wahrhaftig ein wahres Kunststück.

In Betreff der Autorschaft der Kriegsgeschichte sagt Hormayr in einem Briefe aus Brünn vom 28. August 1816 noch directer, daß sie »aus dem Tagebuche und Operations-Journale des Erzherzogs Johann, damaligen Commandirenden in Italien, genommen ist«.

Unangenehm war es Hormayr, daß gerade in derselben Zeit (1817), wo man in Wien besonders wegen der Bemerkung auf dem Titel des Werks: »Von einem Stabsoffizier u. s. w.« verletzt war, der preußische Oberst Massenbach auf Requisition Preußens in Würtemberg verhaftet, nach Küstrin gebracht und kriegsrechtlich zu einer vierzehnjährigen Festungsstrafe verurtheilt wurde; es geschah dies, wie seinerzeit mitgetheilt, nicht wegen seiner in den Jahren 1808 und 1809 bei Brockhaus erschienenen Werke, sondern wegen beabsichtigten Landesverraths durch Bekanntmachung amtlicher Schriften, womit er in einem Briefe an den König von Preußen gedroht hatte, falls ihm gewisse Forderungen nicht gewährt würden. Die Analogie mit der hier stattgehabten Veröffentlichung amtlicher Actenstücke lag nahe.

Hormayr schrieb in dieser Zeit an Brockhaus in einem von fremder Hand abgefaßten Briefe ohne Datum und Unterschrift:

Ich soll Ihnen schleunigst im Namen des Prinzen melden, daß Fürst Metternich, durch A. M. aufgestachelt, das bewußte Buch als Vorwand gebrauchen wolle, den vermeintlichen Verfasser, der aber immer nur Depositär jenes Manuscripts war, zum zweiten male zu stürzen und, eingedenk Ihrer edeln Anhänglichkeit an die deutsche Sache, auch Ihnen dabei einen Stoß zu geben. Vorderhand soll, wie man hört, der Titel des Buchs als von einem Generalstabs-Offizier herrührend angegriffen werden, in Analogie mit der eben jetzt ventilirten Massenbach'schen Sache.

Die ganze Angelegenheit hatte übrigens weder für den Erzherzog Johann und Hormayr, noch für Brockhaus weitere Folgen, und das Aufsehen, welches sie erregt hatte, sowie das in Oesterreich erfolgte Verbot beider Werke vermehrte nur den Absatz derselben selbst in Oesterreich, wo damals ein solches Verbot die Verbreitung der davon betroffenen Werke wol erschwerte, aber eher förderte als hinderte. Der Erzherzog Johann ließ Brockhaus auch eine Entschädigung für den bei der Angelegenheit gehabten Verlust anbieten, die dieser aber ablehnte.


Folgende Geschichtswerke wurden in dieser Zeit noch von Brockhaus verlegt: Der erste Theil einer Sammlung von Essays des verdienten Geschichtschreibers Karl Ludwig von Woltmann (geb. 1770, gest. 1817), unter dem Titel: »Politische Blicke und Berichte« (1816), wozu aber keine Fortsetzung erschien; zwei Monographien von Karl Georg Treitschke, dem Verfasser einer früher erwähnten Broschüre, unter den Titeln: »Geschichte der funfzehnjährigen Freiheit von Pisa«, und: »Heinrich der Erste, König der Deutschen, und seine Gemahlin Mathilde« (1814); »Historische Denkwürdigkeiten« (1817) von dem nassauischen Historiker Johannes von Arnoldi (geb. 1751, gest. 1827); endlich zwei Monographien des schon früher genannten theologischen und historischen Schriftstellers Friedrich August Koethe: »Das Jahr 1715 oder wie's vor hundert Jahren in der Welt aussah. Ein Erinnerungs- und Trost-Büchlein für 1815«, und: »Historisches Taschenbuch auf das Jahr 1817. Enthaltend: Das Jahr 1616 oder die Lage Europas vor dem Beginn des dreißigjährigen Krieges.«


Endlich ist noch ein größeres zeitgeschichtliches, halb journalistisches, halb encyklopädisches Unternehmen zu nennen, das, wie die »Deutschen Blätter« den Anfang, so den Schluß der altenburger Periode bildet; es führt den Titel: »Zeitgenossen. Biographien und Charakteristiken.«

Dieses Unternehmen wurde von Brockhaus im Jahre 1816 begonnen und nicht nur von ihm bis zu seinem Tode herausgegeben, sondern auch nachher noch von seiner Firma viele Jahre lang (bis zum Jahre 1841) fortgeführt. Es sollte hervorragende »Zeitgenossen«, noch lebende oder schon verstorbene Männer, welche der mit dem Jahre 1789 beginnenden neuen Zeitepoche angehörten und sich in irgendeiner Richtung ausgezeichnet, in »Biographien und Charakteristiken« vorführen, sie »in einem Ehrentempel vereinigen, der ihr Andenken erhält und ihre Thaten mit Freimüthigkeit würdigt«. Das Werk fand lebhaften Beifall und große Verbreitung im deutschen Publikum und hat anerkanntermaßen bleibenden Werth für die Zeitgeschichte.

Ein näheres Eingehen auf die Art, wie es seine Aufgabe löste, auf den Inhalt und die Mitarbeiter, wird besser der Schilderung der dritten und letzten Periode von Brockhaus' Verlagsthätigkeit vorbehalten, da das Werk wesentlich in diese, nur der Anfang in die frühere Zeit fällt. Auch hängt Brockhaus' Beschäftigung mit diesem Werke eng zusammen mit seiner in Leipzig noch mehr als in Altenburg und Amsterdam hervortretenden Vorliebe für Herausgabe von Journalen, namentlich durch Begründung des »Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur« (1819) und durch Uebernahme des »Literarischen Wochenblatt« (1820), bald darauf »Literarisches Conversationsblatt«, seit Mitte 1826 »Blätter für literarische Unterhaltung« genannt, unter welchem Titel es noch jetzt nach mehr als funfzigjährigem Erscheinen fortbesteht.


Aus ähnlichen Gründen wird auch die von Brockhaus dem Hauptwerke seines Verlags, dem »Conversations-Lexikon«, in Altenburg gewidmete Thätigkeit, obwol sie immer den eigentlichen Mittelpunkt seines Schaffens bildete, bei Charakterisirung jener letzten Lebensepoche vorgeführt werden, im Zusammenhange mit der während und schon vor derselben entfalteten Wirksamkeit als Verleger und Herausgeber dieses Werks sowie mit den Kämpfen gegen den mehrfach versuchten Nachdruck desselben und seinem Auftreten für Regelung der deutschen Preßgesetzgebung.

Brockhaus begann und vollendete im wesentlichen während der altenburger Zeit die als sein eigenstes Verdienst zu betrachtende Umarbeitung des »Conversations-Lexikon«, durch welche dieses erst seinen eigentlichen Charakter und diejenige Gestalt erhielt, in der es fähig wurde, auf die Bildung seiner Zeit in eingreifender Weise Einfluß auszuüben und rasch eine in der Geschichte des Buchhandels einzig dastehende Verbreitung zu gewinnen. Die von ihm angekaufte erste Auflage (in 6 Bänden) war in jeder Weise ungenügend gewesen und auch durch Nachträge dazu (in 2 Bänden) nur nothdürftig ergänzt worden. Im Jahre 1812 begann er in Altenburg die Umarbeitung des Werks als zweite Auflage, vermochte sie aber erst 1819 in Leipzig mit dem zehnten Bande zu Ende zu führen. An der raschen Vollendung wurde er außer durch die Kriegsjahre besonders durch den angenehmen Umstand gehindert, daß der lebhafte Absatz, den das Werk fand, gleich nach Erscheinen der ersten vier Bände der zweiten Auflage (1812-1814) eine dritte Auflage derselben (1814 und 1815) nöthig machte, die dann neben der zweiten forterschien (1814-1819), und daß er noch vor der Vollendung beider schon eine vierte Auflage (1817-1819), unmittelbar darauf (1819) sogar eine fünfte Auflage (wieder wie die zweite bis vierte in 10 Bänden) veranstalten mußte. Dies nur zur Würdigung der von Brockhaus während der altenburger Zeit auf das »Conversations-Lexikon« verwendeten Sorgfalt und der damit verbundenen Mühe.


Der materielle Ertrag dieses seine kühnsten Erwartungen übersteigenden Absatzes des »Conversations-Lexikon« lieferte zugleich die feste Grundlage zu dem von ihm in Altenburg neu aufgeführten Gebäude, das nun nicht mehr den Einsturz zu fürchten hatte, wenn es vom Wind und Wetter wieder erschüttert werden sollte.

Aber freilich wurde dieses Gebäude bald zu klein für das, was allmählich darin untergebracht worden war, und für das, was der nimmer rastende Geist seines Gründers noch in ihm vereinigen wollte.

Ein Rückblick auf Brockhaus' Verlagsthätigkeit in dieser zweiten Periode während der Jahre 1811-1817 in Altenburg läßt dieselbe als eine überaus rege, geschickte und umfassende erscheinen, in noch höherm Grade als die erste der Jahre 1805-1809 in Amsterdam und kaum in geringerm als die darauffolgende in Leipzig. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß diese Zeit nur sechs bis sieben Jahre umfaßt und zu diesen die Kriegsjahre 1813-1815 gehören, sowie daß er in Altenburg gewissermaßen von vorn anfangen mußte, mit sehr geringen Mitteln, und erst nach und nach durch die Früchte seiner Arbeit wieder in günstigere Verhältnisse kam.

Schon oft hatte er empfunden, daß die kleine Stadt Altenburg für ein Verlagsgeschäft von dem Umfange und der Bedeutung, zu der das seinige sich rasch emporgeschwungen, nicht der geeignete Platz war. Alle dort bei seinem Freunde Pierer vorhandenen Pressen waren trotz fortwährender Vermehrung nicht im Stande gewesen, den Druck der immer steigenden Auflagen seines »Conversations-Lexikon« zu bewältigen; er hatte es auch in Leipzig, in Braunschweig und anderwärts drucken lassen müssen. Immer mehr sah er ein, daß er eine eigene Druckerei errichten müsse, um die aus dieser Noth entspringenden Verlegenheiten gründlich zu beseitigen. Aber auch für den buchhändlerischen Verkehr war Altenburg trotz seiner Nähe bei Leipzig nicht ausreichend. Endlich wollte ihm selbst das literarische und gesellige Leben Altenburgs, das ihn im Gegensatz zu Amsterdam zuerst so angezogen hatte, auf die Dauer nicht mehr genügen; seine fortwährend sich erweiternden literarischen Beziehungen und die neuen buchhändlerischen Unternehmungen, die er beabsichtigte, verlangten einen größern Schauplatz.

Nur eine Stadt war in Deutschland, die allen seinen Anforderungen zu genügen versprach: Leipzig, der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, die lebhafte Handelsstadt, der Sitz einer Universität und eines regen geistigen Verkehrs. Er kam bald zu der Ansicht, daß diese und keine andere Stadt der allein geeignete Platz für seine Firma sei, wie sie geworden war und wie sie werden sollte.

Er brachte den wichtigen Entschluß indeß nicht rasch zur Ausführung und zog vorsichtigerweise Ostern 1817 allein nach Leipzig; erst als sich in ihm die Ueberzeugung befestigt hatte, daß der Schritt ein richtiger sei, nahm er allmählich die Uebersiedelung auch seines Geschäfts und seiner Familie vor.


In Leipzig lebte und wirkte Brockhaus bis an seinen Tod, der freilich früher eintrat, als er geahnt haben mochte: am 20. August 1823, also schon im siebenten Jahre seit dem Verlassen Altenburgs.

So wurde Leipzig doch, wie er schon in Amsterdam gewollt hatte, der Hafen, in welchem sein Lebensschiff, nach mancher stürmischen Fahrt und nachdem ihn widrige Winde vor Jahren daraus vertrieben hatten, vor Anker ging. Zugleich wurde es aber die bleibende Stätte der von ihm gegründeten Firma, auf welcher diese sich im Laufe des auf seinen Tod folgenden halben Jahrhunderts nach dem genialen Plane ihres Begründers und doch in einer Weise entwickelte, wie er selbst es wol kaum zu hoffen gewagt hatte.


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.