Die Lampe war schon im Erlöschen begriffen, als ein unsicherer, schwerer Schritt auf der Treppe vernehmbar ward.
»Er kommt!« stieß Frau Leimann erschrocken aus, »Du mußt dich eilen, daß er dich nicht hört!«
Eine letzte Umarmung, und Borgert huschte durch das Speisezimmer dem anderen Ende des Korridors zu, um über die Hintertreppe nach seiner im Erdgeschoß gelegenen Wohnung zu gelangen. An der Tür aber zog er behend die Schuhe aus und tappte leise die dunkle Treppe hinab.
Frau Leimann aber blies die Lampe aus, stellte Borgerts Kaffeetasse unter das Sopha und legte sich wie schlafend in die weichen Kissen zurück.
Inzwischen hatte Leimann geräuschvoll die Korridortür geöffnet und trat jetzt in das Zimmer, wo die Gattin seiner harrte.
Einen Augenblick blieb er am Eingang stehen. Roch es hier nicht nach Zigarettenrauch? Dann tastete er mit den Händen nach dem Tisch, ergriff die Streichholzschachtel und zündete eine Kerze an. Da erblickte er seine Gattin auf dem Sofa.
Der Anblick rührte ihn. Hatte die treue Seele auf ihn gewartet, um ihm noch eine Tasse Kaffee anzubieten? Gewiß war sie vor Müdigkeit entschlummert und hörte ihn nicht, als er nach Hause kam. So trat er denn behutsam an das Sofaende und küßte seine Frau auf die Stirn.
Mit einem leichten Schrei fuhr sie empor.
»Ach du bist es, Georg, wo bleibst du so lange?«
»Sei mir nicht böse, mein Engel, daß ich dich warten ließ, aber ich ahnte ja nicht, daß du meinetwegen aufbleiben würdest. Warum hast du dich nicht gelegt?«
Aus den Worten klang ein liebevoller Ton, sie schienen wie eine Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung; Frau Leimann aber wischte sich den Schlaf aus den Augen und erhob sich müde.
»Ich mußte doch auf dich warten, Georg, du warst wieder in einem schrecklichen Zustand. Als ich dich so sitzen sah, wurde mir so elend, daß ich es nicht mehr aushalten konnte, und ging nach Hause!«
»Allein, so spät, in der Nacht? Warum hast du dich nicht von einer Ordonnanz begleiten lassen?«
»Borgert hat mich bis an die Tür gebracht, er bot mir seine Begleitung an!«
»Dafür muß ich mich morgen bei ihm bedanken, er ist überhaupt immer sehr aufmerksam gegen dich! Wo ist er denn geblieben, ich habe ihn nicht mehr gesehen den ganzen Abend!«
»Er klagte über Kopfweh, hatte auch ziemlich genug, er wird wohl zu Bett gegangen sein.«
»Warum hast du ihm nicht noch eine Tasse Kaffee angeboten?«
»Aber Georg, was sollen denn die Dienstboten denken, wenn sie mich um diese Zeit noch mit einem Herrn kommen hören, das geht doch nicht! Diese Marie spitzt und horcht überhaupt immer herum, daß man sich zusammennehmen muß, daß sie nicht einmal ein Wort auffängt. Ich möchte nicht wissen, was die über uns schon alles geklatscht hat!«
»Dann schicke sie doch fort, wenn du ihr nicht traust!«
»Das hätte ich längst getan, aber ehe sie ihren rückständigen Lohn nicht hat, kann ich ihr nicht kündigen.«
»Dann bezahle sie morgen!«
»Wovon? Hast du das Geld dazu?«
»Ich? Du weißt, daß ich von meinen paar Mark Gehalt für den Haushalt nichts hergeben kann. Hat deine Mutter denn diesen Monat noch nichts geschickt?«
»Nein, sie hat diesmal selbst nichts übrig!«
»Natürlich, das alte Lied!«
»Soll das vielleicht wieder ein Vorwurf sein? Du hast es ja gewußt, daß ich nicht reich bin, also tue mir den Gefallen, mich endlich mit deinen Anspielungen und Klagen zu verschonen, ich finde das allmählich langweilig und geschmacklos!«
»Ja, das willst du nicht hören! Du hättest früher einsehen müssen, daß eine solche Wirtschaft ohne Geld ein Unding ist! Jetzt haben wir jeden Tag die Schweinerei, heute kommt der Metzger, morgen der Bäcker, übermorgen die Waschfrau, alle wollen sie Geld. Ich kann es mir nicht aus den Rippen schneiden.«
»Warst du es nicht selbst, der mich nicht los ließ? Hast du nicht alle diese Bedenken ausgeschlagen und immer wieder auf eine Heirat bestanden?«
»Gewiß, aber du und deine Mutter mußtet so vernünftig sein, den Unsinn einzusehen, wenn ich es nicht tat. Deine Mutter wußte, was ein Haushalt kostet, ich aber nicht. Jetzt ist es zu spät.«
»Das sehe ich selbst ein, das brauchst du mir nicht unter die Nase zu reiben. Aber meine Schuld ist es nicht, denn wäre alles so geworden, wie es meine Mutter wollte, brauchtest du dich heute nicht über eine arme Frau zu ärgern. Du warst nicht der einzige, den ich hätte heiraten können.«
»Das hättest du damals gleich sagen können,« entgegnete ihr Gatte höhnisch, »es tut mir aufrichtig leid, wenn ich störend in deine Zukunft eingegriffen habe.«
»Du bist gemeiner, Georg, als ich dachte.«
»Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hören, wenn man euch nicht ewig Schmeicheleien sagt und schöne Töne vorflötet, seid ihr gleich auf den Fuß getreten!«
»Nun, ich bin von dir nicht gerade verwöhnt mit derartigen Liebkosungen!«
»Weil ich nicht weiß, wofür ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafür, daß ich heute nicht weiß, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt daß ich auf der Kriegsakademie bin und ein anständiges Leben vor mir habe?«
»Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen! Verlaß mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!«
»Zu Befehl, meine Gnädigste! Angenehme Ruhe!«
Dabei schlug Leimann hinter sich die Tür ins Schloß, daß die Fenster zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.
Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und machte in einem Tränenstrom den Gefühlen des Hasses und der Wut gegen den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres empörte sich gegen die Gefühlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den Knien schwor, nicht ohne sie leben zu können, und nun trat er die dargebrachte Liebe mit Füßen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens knüpfen und ihm in schweren Stunden eine Stütze, ein Halt sein sollen, um Unglück und Ungemach leichter ertragen zu können.
Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen befreite, etwas empfunden wie eine schwere Sünde, ein Verbrechen an der Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Sühne und entschuldbare Folge für die brutale, herzlose Gefühlsroheit ihres Gatten.
Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfänglich für die verbotene Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten Zuckungen liegt von dem Todesstoß, den ihm der eigene Gatte gab.
Der Morgen des jungen Tages vertrieb die letzten Festgäste aus dem Kasino. Ausnahmslos hatte der Sekt seine Wirkung getan, und man verließ den Festplatz in einer Stimmung, die darnach angetan war, die Grenzen des guten Tones immer mehr zu überschreiten.
Die nahe Turmuhr schlug fünf, als die letzten, Rittmeister Stark nebst Gattin und der Oberst, den seit drei Stunden wartenden Krümperwagen bestiegen, dessen Pferde, durch den anhaltenden Regen ganz steif geworden, sich kaum entschließen konnten, ihre Last in den Morgennebel zu ziehen. Erst als der Kutscher einen Puff erhalten und mit der Peitsche diesen an die armen Tiere weitergegeben hatte, kam das Gefährt ins Rollen und brachte die übermütigen Nachtschwärmer ihrer Wohnung zu.
Leutnant von Meckelburg und Oberleutnant Specht konnten zwar kaum noch auf den Beinen stehen, aber sie gingen getrost in die Kaserne, um von 5-6 Uhr Instruktion abzuhalten, nachdem sie sich schnell umgezogen. Specht vergaß sogar, seinen künstlichen Schnurrbart zu entfernen und erschien mit dieser an ihm ungewohnten Zierde der Männlichkeit vor seinen lächelnden Rekruten.
Die meisten andern Herren zogen es vor, erst ihren Rausch ein wenig auszuschlafen und ließen Dienst Dienst sein, vor 11 Uhr kam heute doch kein Rittmeister in die Kaserne.
Sie sollten mit ihrer Vermutung auch Recht haben. Rittmeister König allerdings war pünktlich um 7 Uhr zur Stelle und wohnte Bleibtreus Reitunterricht bei, um dann eine Zählung der Kammerbestände vorzunehmen. Sein Grundsatz war und blieb: Vergnüge dich, so viel du willst, aber Dienst ist Dienst.
Hagemann erschien erst gegen elf Uhr auf der Bildfläche, um seinen Kater von seinem Leibroß ein wenig spazieren tragen zu lassen. Stark dagegen zog es vor, ganz zu Hause zu bleiben. Dafür kontrollierte seine wackere Gattin, mit dem Notizbuch in der Hand, ob alle Reitlehrer bei ihren Abteilungen seien und notierte Kolberg als den ersten, der den Dienst »schwänzte«.
Um ½1 Uhr empfing sie den Besuch des Rittmeisters Hagemann, der sich entschuldigen wollte, weil er am gestrigen Abend infolge seiner sehr angeregten Stimmung der »Meernixe« einige unzarte Schmeicheleien gesagt hatte. Er hatte nämlich geäußert, sie müsse infolge ihres Fettgehaltes vorzüglich schwimmen können, wenn das Meer nicht vor der Fülle ihres Nixenleibes aus den Ufern träte.
Leimann ging ebenfalls eilig im Helm durch die Hauptstraße, um auch seinerseits für sein gestriges Benehmen um Entschuldigung zu bitten.
Erst der Abend fand die Mehrzahl der Herren bei einem solennen Dämmerschoppen im Kasino versammelt, wo man das Fest des vergangenen Tages besprach und in mehr oder minder würzigen Reden die einzelnen Teilnehmer einer Kritik unterzog.
Borgert verstand es dabei, in ganz besonders scherzhafter Weise das Neuste über den nicht mit anwesenden Kolberg und Frau Kahle zu berichten. Seinem Späherauge war nichts entgangen, er vermochte sogar zu sehen, was hinter einer Rollschutzwand geschah.
Indessen saß der Geschmähte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf seinen Knieen aber Frau Kahle.
Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten können und war unter dem Vorwand, Besorgungen machen zu müssen, ihrem Gatten entwischt und im Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte Häuschen stand.
Dieser Versuch, ein ungestörtes Schäferstündchen zu genießen, glückte so gut, daß es sich lohnte, ihn so oft wie nur möglich zu wiederholen. Es war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem kleinen Nest paßte ein jeder auf und freute sich wie ein König, wenn er etwas zu erzählen hatte, was ein anderer noch nicht wußte. Selbst den Bäumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen, daß ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fuß ein anderer sich mit seiner Braut vergnügte, und der Treulosen eine ausgibige Portion Prügel verabreichte.
Außerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe braucht man Wärme.
So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkäufe zu machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straßen meist so leer, daß sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen, abgelegenen Häuschen zuging.
Die Glücklichen rechneten nicht einmal damit, daß man vor dem Burschen auf der Hut sein müsse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, daß diese regelmäßigen Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die Aufträge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und überflüssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte. Allmählich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann regelmäßig unter das Fenster, um durch die dünnen Scheiben jedes Wort mitanzuhören, oder vom nächsten Baum aus einen Blick in das Innere des Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit aber erreichte den Höhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel herauszog und dieselbe Kahles Burschen übergab mit der scherzenden Bitte, sie der Gnädigen zurückzuerstatten.
Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er erzählte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wußte von seiner Gnädigen und Borgert ja auch so manches zu erzählen, doch seine Darstellungen waren lückenhaft, weil sich das Dienstmädchen weigerte, ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte sich dieselben auf als Trumpf für spätere Zeiten, wo man durch sie nicht nur den rückständigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen konnte.
So vergingen mehrere Monate.
Das Geheimnis von dem Verhältnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war allmählich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprächsgegenstand in mancher Kneipe des kleinen Städtchens geworden. Selbst Kolberg's Kameraden wußten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache, für welche man nicht greifbare Beweise in Händen hatte, aufzurühren, denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und, was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und das mußte böse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige Zeuge des Verhältnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen bleiben würde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht — und das schien wahrscheinlich — würde er seine Erzählungen aus Furcht vor Strafe für sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch würde er aussagen, nichts gesehen zu haben.
Andererseits fürchtete man mit Recht, die Enthüllung der Sache könnte gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?
So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der Stadt, einen derartigen Umfang an, daß Rittmeister König sich entschloß, dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.
Der Oberst aber fragte: »Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann weiß ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln Geschichte nicht verbrennen.«
König verspürte auch wenig Lust, der Urheber einer großen Skandalgeschichte zu werden und nachher womöglich noch eine Forderung zu erhalten, er schwieg also ebenfalls.
So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein Ansehen in schlimmster Weise zu schädigen. Wo man in anderen Kreisen der Bevölkerung bei gleichen Verhältnissen den Schuldigen zur Rechenschaft gezogen haben würde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefühl Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der für sein Ansehen, die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im Vaterland die erste Stelle für sich beanspruchte.
Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr, der stets bereit war, mit aller Strenge rücksichtslos einzugreifen, wenn er etwas Ungehöriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte, wenn er dabei für seine Person nichts zu fürchten hatte, er duldete die Schande. Denn hier mußte er damit rechnen, daß ihm unter Umständen Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen Stoß, wenn die vorgesetzten Behörden Kenntnis von den Geschehnissen in seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem Geschmack.
Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major befördert und in eine Garnison Süddeutschlands versetzt wurde. Da war das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache durch eine günstige Wendung des Geschicks zum Abschluß gebracht.
Kahle war glücklich über die unerwartet schnelle Beförderung. Hatte er doch nun das schöne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und redlichen Strebens gewidmet!
Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die gefährliche Majorsecke überwunden war, schien ihm eine weitere aussichtsvolle militärische Laufbahn mit Rücksicht auf seine Fähigkeiten außer Zweifel. Dazu die schöne neue Garnison, was wollte er mehr?
Schon am Tage nach der Beförderung versammelte ein Liebesmahl das gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren, hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.
Als der zweite Gang vorüber war, erhob sich der Oberst und hielt dem scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der allgemeinen Beliebtheit und den hohen militärischen Tugenden Kahles Ausdruck gab, dann überreichte er ihm den üblichen silbernen Becher mit dem Namenszug des Regiments.
Kahle dankte mit gerührten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die Freude über die Beförderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit verlassen zu müssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewünscht aus diesem weltvergessenen Städtchen, in dem es so viel Ärger gab, aber jetzt, da es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem Vaterlande in Ehren gedient.
Die Herren waren alle vollzählig am Bahnhof versammelt, als der Major am nächsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn geküßt hatte, nahm er Abschied von seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es kostete ihm Mühe, eine Träne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.
Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten, auf daß mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemütlichen Heims erblühten, und dieser Vorsatz ließ ihn besonders herzlich von der Gattin Abschied nehmen. Auch sie würde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit vergaß, die schönsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt an den Grenzen des Reichs verbringen zu müssen. Konnte sie sich erst wieder in der neuen schönen Garnison das Leben angenehm gestalten und neue Eindrücke in sich aufnehmen, dann würden die kleinen Reibereien und Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so lebenslustige Frau mißmutig und launisch werden mußte.
Bis die Räumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin hatte sie gebeten, während jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.
Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu genießen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft über ihr Tun und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm weilen, denn für eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht für immer, hieß es gründlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch einmal bis zur Hefe leeren!
Eines Tages saß Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der Bursche einen Brief für Frau Kahle hereinbrachte, den der Briefträger soeben abgegeben. Sie öffnete denselben, überflog die wenigen Zeilen und steckte ihn leicht errötend in die Rocktasche.
»Frau Pfarrer Klein schreibt mir soeben, ich möchte sie doch heute noch einmal zum Kaffee besuchen, damit sie mich noch einmal sehen könne. Reizend liebenswürdig, nicht wahr? Ich will doch gleich hingehen, damit es nicht zu spät wird.«
Dabei erhob sie sich, trank im Stehen ihre Tasse aus und tänzelte mit einem »Auf Wiedersehen heute Abend« zur Tür hinaus. Wenige Minuten später sah Weil sie auch eilenden Schrittes nach der Stadt zu wandern.
»Sonderbar!«, sagte er dann zu seiner Gattin, »mit der hat sie doch früher nie verkehrt, die kennt man ja kaum. Das wird doch nicht irgend eine Finte sein?«
»Laß sie doch gehen, wohin sie will, Max,« entgegnete Frau Weil gleichgültig, »was kümmert's uns? In ein paar Tagen geht sie ja doch fort, und schließlich ist sie ja allein für ihre Handlungen verantwortlich!«
Weil aber schüttelte den Kopf und ging nach seinem Arbeitszimmer.
Die Uhr zeigte schon acht, und Frau Kahle war noch immer nicht zurück. Man begann unruhig zu werden und sich um den Gast zu sorgen. War ihr etwas zugestoßen?
Das Dienstmädchen deckte im Nebenzimmer gerade den Tisch, als das Ehepaar seinen Vermutungen über die verschiedenen Möglichkeiten Ausdruck gab, welche das Ausbleiben ihres Gastes verursacht haben könnten.
»Minna,« wandte sich Frau Weil an das Dienstmädchen, »es ist am besten, Sie gehen einmal hin zu Frau Pfarrer Klein und fragen an, ob Frau Major Kahle noch da ist, ich habe keine Ruhe, bis ich weiß, wo sie ist.«
»Bei der Frau Pfarrer wird sie aber nicht sein, gnädige Frau,« entgegnete das Mädchen, »ich habe die gnädige Frau gegen halb Fünf oben in der Allee gesehen, als ich Milch holen ging, die Frau Pfarrer wohnt ja hinter der Kirche.«
»Dann hat es keinen Zweck, hinzuschicken,« sagte achselzuckend der Oberleutnant, »ich werde wohl recht behalten, es war nur ein Vorwand, um nicht zu sagen, wohin sie in Wirklichkeit gegangen ist. Ich denke mir mein Teil!«
»Was denkst du dir, Max,« fragte neugierig seine Gattin, »wo soll sie denn sein?«
»Beim Kolberg ist sie, ich wette meinen Kopf!«
»Aber wie kannst du das sagen, Max, sie wird doch nicht...«
»Gewiß wird sie! Und sie ist es!«
Beide schwiegen, als das Mädchen wieder eintrat; es stellte den Teekessel auf den Tisch, zog dann aus der Tasche ein zusammengefaltetes Papier, und reichte es Weil mit hämischem Lächeln.
»Haben die Herrschaften das vielleicht verloren?«
Während Minna sich wieder zurückzog, starrte der Oberleutnant erst mit weit aufgerissenen Augen auf das Papier, dann lachte er höhnisch auf und hielt es seiner Gattin hin.
»Bitte, willst du dich überzeugen, hier hast du es schwarz auf weiß.«
Frau Weil nahm zögernd das Blatt aus seinen Händen und las:
»Erwarte dich heute halb Fünf, da morgen dienstlich beschäftigt.«
Über- und Unterschrift fehlten, aber es waren Kolbergs unverkennbare Schriftzüge.
»Jetzt haben wir die Geschichte! Dazu haben wir sie eingeladen, daß sie uns etwas vorlügt und an der Nase herumführt, und dann ihre tollen Geschichten weitertreibt! Habe ich nicht gleich gesagt, wir wollen es bleiben lassen? Aber du hast darauf bestanden, sie einzuladen. Hättest du auf mich gehört, bliebe es mir jetzt erspart, dieses Frauenzimmer vor die Tür zu setzen.«
»Um Gotteswillen, Max, das kannst du doch nicht, stecke den Brief ins Feuer!«
»Fällt mir gar nicht ein,« brauste Weil auf, »ich werfe sie zum Hause hinaus! Oder meinst du, ich hätte hier ein Absteigequartier für verdorbene Weiber? Sie kann sehen, wo sie unterkommt, ich danke gehorsamst für die Ehre, sie weiter als Gast zu behandeln. Und der Brief kommt nicht ins Feuer, sondern dahin, wohin er gehört, zum Ehrenrat!«
Weil ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen vergrabend. Sein finsterer Blick verriet Empörung und Entschlossenheit.
»Wenn ich Dir raten soll,« begann die Gattin zaghaft, »dann stecke den Brief in den Ofen und schweige die Geschichte tot. In zwei Tagen geht sie ja doch fort und dann ist so wie so alles zu Ende. Nur laß die Finger aus der Geschichte, denn du bekommst nur die tollsten Unannehmlichkeiten! Und dann denke doch an den armen Major!«
»Ich tue, was ich gesagt habe, dabei bleibt es, derartige Sachen verstehst du nicht zu beurteilen! Ich lasse mir nicht gefallen, daß diese Person ihre Wirtschaft mit dem Lumpen, diesem Kolberg, aus meinem Hause heraus fortsetzt. Soviel Anstandsgefühl muß sie sich noch gerettet haben, diese Geschichten jetzt bleiben zu lassen, solange sie bei anständigen Leuten zu Gaste ist. Eine Gemeinheit ist das, eine Schweinerei sondergleichen!«
Frau Weil gab es auf, noch weiter auf ihren Gatten einzureden, denn sie kannte seinen Zorn und seine Unerbittlichkeit, wenn er sich etwas vorgenommen hatte. Sie zog die Stirn in Falten und blickte sinnend in das rote Licht des Kamins, dessen flackerndes Feuer zitternde Schatten auf den Teppich warf.
»Es ist angerichtet!« meldete das Dienstmädchen.
»Sagen Sie, Minna, wo haben Sie den Brief gefunden?« redete der Oberleutnant sie an.
»Er lag auf dem Korridor unter dem Kleiderständer, er muß wohl jemand aus der Tasche gefallen sein.«
»Es ist gut, Sie können gehen!«
Schweigend setzte sich das Ehepaar zu Tisch. Weil machte ein böses Gesicht, und seine Gattin schaute mit hochgezogenen Augenbrauen nicht von ihrem Teller auf. Sie blickte erst mit ängstlicher Miene nach ihrem Manne hinüber, als die Korridortür geöffnet und Frau Kahle's Stimme hörbar wurde.
»Sie kommt, Max! Mache um Gotteswillen keine Szene! Denke an die Dienstboten, die können alles hören!«
Weil aber antwortete nichts, blickte auch nicht nach der Tür, als diese sich jetzt auftat und Frau Major hereintrat.
Ihr Gesicht glühte, und die Augen schimmerten in feuchtem Glanz. Das blonde Haar war verwirrt und eine Nadel stahl sich aus dem großen Knoten am Hinterkopfe. Zwei Knöpfe der luftigen Sommerblouse standen offen, und aus der Öffnung schaute ein kleiner Zipfel zierlicher weißer Spitzen hervor.
»Guten Abend, meine Herrschaften!« rief die Eintretende mit heiterer Stimme dem Ehepaare entgegen, »verzeihen Sie meine Verspätung, aber Frau Klein forderte mich auf, mit ihr zur Stadt hinüber zu fahren und dadurch wurde es etwas spät. Es war reizend, wir waren im Kaffee und haben Besorgungen gemacht!«
Weil erhob sich steif und trat seinem Gast gegenüber.
»Gnädige Frau!« sagte er ernst und ruhig, »es ist unnötig und vergebliche Mühe Ihrerseits, uns über den Zweck Ihrer Abwesenheit heute Abend täuschen zu wollen. Der Brief, der am Nachmittag für Sie ankam und durch einen Zufall in unsere Hände gelangt ist, beweist in unzweideutiger Form, daß Sie das Ihnen gewährte Gastrecht in schändlicher Weise gemißbraucht haben. Darf ich Sie bitten, so bald als möglich, spätestens aber bis morgen früh, mein Haus zu verlassen. Heute Abend wollen Sie uns gütigst allein lassen.«
Er machte eine steife Verbeugung und ließ sich wieder am Tisch nieder.
Frau Kahle stand einen Augenblick wie versteinert im Halbdunkel des Zimmers, dann griff sie hastig nach ihrer Tasche. Die Hand suchte einen Augenblick, dann wandte sich die Frau Major schweigend dem Ausgange zu und ging nach ihrem Zimmer, dessen Tür sie heftig hinter sich zuwarf.
Nach dem Abendessen schritt der Oberleutnant zu seinem Schreibtisch, zündete die grünverschleierte Lampe an und setzte sich in den Sessel. Dann entnahm er einer Schublade einen großen Bogen weißes Papier, tauchte die Feder ein und legte beides vor sich hin.
Eine halbe Stunde saß er zurückgelehnt und blickte sinnend auf den weißen Bogen, dann ergriff er den Federhalter und begann zu schreiben.
Seine Gattin saß indes mit sorgenvoller Miene an dem großen Sophatisch, mit einer Stickerei beschäftigt, nur manchmal warf sie einen Blick zu dem Gatten hinüber, dessen Feder kratzend über das Papier eilte.
Endlich war das Schriftstück fertig. Weil lehnte sich in den Stuhl zurück und schaute wieder sinnend vor sich hin, dann las er es noch einmal langsam durch, faltete es zusammen und schob es mit dem gefundenen Brief in ein gelbes Kouvert, dessen Rückseite er ein Siegel aufdrückte.
Dann verschloß er das Schreiben in einer Schublade, blies die Lampe aus und nahm neben seiner Gattin auf dem Sopha Platz, um sich in die Zeitung zu vertiefen.
Frau Kahle reiste am nächsten Morgen mit dem Frühzug ab, wohin, wußte selbst der Bursche nicht, welcher den Koffer zur Bahn gebracht, denn sie hatte weder schriftlich noch mündlich ein Wort des Dankes oder der Entschuldigung hinterlassen.
Am Mittag desselben Tages wurde der ahnungslose Leutnant Kolberg zum Kommandeur bestellt und ihm von diesem eröffnet, daß gegen ihn das ehrengerichtliche Verfahren eröffnet und er bis auf Weiteres des Dienstes enthoben sei.
Das gab eine Aufregung im Offizierkorps! Im Stillen begrüßte es ein jeder mit Schadenfreude, daß die an sich so peinliche Angelegenheit nun doch noch weitere Kreise zog, denn kein einziger war dem verschlossenen Kolberg, der sich von allen Veranstaltungen im Kasino zurückzog, und der koketten Frau besonders gewogen. Es scheute sich daher niemand, am wenigsten Borgert, in der schroffsten Weise über Weil's Vorgehen zu urteilen und dabei an den Geschehnissen zwischen Kolberg und Frau Kahle die härteste Kritik zu üben. Man sprach von dem Kameraden in Ausdrücken, wie sie kaum in den Büchern des guten Tones zu finden waren, und nahm sich vor, »den gemeinen Ehebrecher und Duckmäuser« gründlich zu »schneiden«.
Der Oberst von Kronau hatte den größten Schrecken bekommen, als Rittmeister Stark, der Präses des Ehrenrates, am Morgen mit dem Schriftstücke Weil's erschienen war. Er überlegte hin und her, was zu tun sei, um der höchst peinlichen Affäre eine möglichst günstige Wendung zu geben. Aber sie war nun einmal beim Ehrenrat anhängig gemacht und mußte, der Vorschrift entsprechend, untersucht und durchgeführt werden. Er mußte sich daher darauf beschränken, über den Anstifter der unheilvollen Geschichte, den Oberleutnant Weil, zu fluchen und ihm eine möglichst schlechte Konduite vorzumerken.
Im Geiste sah er sich schon auf seinem Gute das Abladen eines Heuwagens überwachen.
Besonders hart traf der Schlag den armen Major Kahle. Er hatte nun erreicht, wonach er Jahre lang gestrebt und gerungen, und nun machte ihm diese gewissenlose Frau all sein Glück, all seine Erfolge zu schanden.
Wo sich seine Gattin aufhielt, ahnte er nicht, denn sie hatte es vorgezogen, sich nicht in seine Nähe zu begeben, da sie eines nicht sonderlich freundlichen Empfanges sicher war. Sie hatte daher den Sohn zu ihren Eltern geschickt, sich selbst aber in Berlin häuslich niedergelassen, wo sie die Zeit mit Briefen voller Vorwürfe an Kolberg und mit Herumflanieren tot schlug.
Kahle war fest entschlossen, seiner treulosen Gattin die Tür zu weisen, wenn sie es wagen sollte, einen Schritt in sein Haus zu tun; er leitete daher sofort die Scheidungsklage ein.
Was ihm aber weit mehr das Herz beschwerte, war der Gedanke an das nun unvermeidliche Duell. Weil seine Gattin ihn in gewissenloser, niedriger Weise hintergangen hatte, mußte er sich jetzt der Kugel des Verführers preisgeben, statt daß man den Elenden aus dem Offizierstande ausstieß und ihn in irgend einem Gefängnis über seine gemeine Handlungsweise nachdenken ließ.
Die Ehre seiner Frau sollte er durch einen Zweikampf retten!
Welch ein Unsinn! dachte er bei sich. Hat ein Weib überhaupt noch einen Funken Ehre, wenn es seinen Gatten betrügt und sich ganz dem ersten besten hingibt, der nach seinen Reizen Verlangen trägt? Eine ehrlose Kokotte war sie, nichts weiter, und für diese sollte er sein Leben in die Schanze schlagen! Was für eine lächerliche Komödie!
Und er sann darüber nach, ob und wie er einem Zweikampf aus dem Wege gehen könnte. Nicht aus Feigheit oder Furcht vor dem Tode, nein, feige war er nicht, aber er sah nicht ein, warum er die Früchte seines arbeitsreichen Lebens, die Zukunft seines Kindes und sein eigenes Leben auf ein wagehalsiges Spiel setzen sollte, weil ein anderer gemein und schurkisch gehandelt hatte. Es war doch denkbar, daß der Gegner ihn töten würde, wenn es zum Zweikampf kam. Dann hatte er, der Unschuldige, die härteste Strafe erlitten, die es für den Menschen geben konnte, den Tod, der Verbrecher aber ging frei aus und ließ einen anderen für seinen Frevel büßen.
Aber allmählich kam ihm zum Bewußtsein, daß es kein Mittel gäbe, einem Kampf mit tötlichen Waffen aus dem Wege zu gehen, denn, weigerte er sich, seinem Gegner eine Forderung zu übersenden, würde man ihn durch Beschluß eines Ehrengerichts verabschieden, weil er die Ehre seines Standes nicht zu wahren wisse, beteiligte er sich aber an einem Duell, so wurde er mit Festungshaft bestraft. Das letztere schien ihm das geringere von beiden Übeln, aber nun wollte er auch keine Rücksicht üben an dem Zerstörer seines Friedens, dem Manne, der sein Haus geschändet. Unter den schärfsten Bedingungen wollte er den Schurken zum Zweikampf fordern und ihn töten, oder der andere sollte ihm das Leben rauben, das ihm nun doch einmal verleidet war. — —
Die ehrengerichtlichen Verhandlungen nahmen mehrere Monate in Anspruch. Dabei kamen Dinge zu Tage, die zwar den jüngeren Herrn des Offizierkorps recht interessant und wissenswert erschienen, im übrigen aber auf Leutnant Kolberg und seine Auffassung von Ehre und Kameradschaft ein bedenkliches Licht warfen. Auch das Verhalten der Offiziere vor der Katastrophe mußte recht sonderlich erscheinen.
Anfangs hatten sich die Kameraden von Kolberg ganz zurückgezogen, man sah ihn auch nur gelegentlich in der Umgebung der Garnison, wenn er seine Pferde ritt.
Eines Tages aber war Borgert in Geldverlegenheit gewesen und hatte, da alle anderen Quellen allmählich ihre Zahlungen einstellten, als letzten Weg einen Pumpversuch bei Kolberg ausfindig gemacht. Dieser benutzte denn auch die Gelegenheit, Borgert sich zu verpflichten, denn er kannte dessen Einfluß auf die jüngeren Herrn. Er verschaffte sich daher schleunigst gegen Verpfändung seines Vollblutrappen die erbetenen tausend Mark und stellte sie Borgert zur Verfügung.
Der Dank blieb nicht aus. Schon nach wenigen Tagen hatte der Oberleutnant die gesamte Tischgesellschaft von den vorzüglichen kameradschaftlichen Eigenschaften Kolbergs und der lächerlichen Auffassung seiner Schuld seitens der Vorgesetzten derartig zu überzeugen gewußt, daß der vom Dienst Enthobene nicht nur ein gern gesehener Gast, sondern ein noch beliebterer Gastgeber wurde. Er renommierte dann beim schäumenden Sekt mit seinem bevorstehenden Duell, wo er dem »Dämelsack«, dem Kahle, ordentlich heimleuchten würde, und wurde so allmählich der Held des Tages, der mit kühnem Schneid sich eine Dame erobert hatte, während andere mit einer Straßendirne vorlieb nehmen mußten.
Er wurde jedoch etwas bescheidener, als er eines Tages Kahle's Forderung erhielt:
>15 Schritt Distanze, gezogene Pistolen mit Visier und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit einer Partei<. Das hatte er nicht erwartet, die Aussichten des Zweikampfes für ihn waren somit nicht abzusehen, vollends, da der Major als guter Schütze galt und sein Ruf als trefflicher Nimrod weit über die Grenzen der Garnison hinausging.
So wanderte er denn täglich in den Wald und übte sich im Schießen, um am Tage des Kampfes gewappnet vor den Gegner treten zu können.
Wenn er so eine Kugel nach der anderen in eine unschuldige Buche hineinknallte, kam ihm mitunter der Gedanke, daß er doch eigentlich den Major nicht treffen dürfe, da er an ihm gesündigt und ihn betrogen habe. Es war etwas wie das letzte Aufdämmern eines unter dem Druck moralischen Niederganges ersterbenden Pflichtgefühls, die Regungen eines schuldbeladenen Gewissens und das leise Empfinden der Gerechtigkeit, aber diese Regungen wurden von einem weit mächtigeren Gefühl erdrückt: dem neu erwachten, wilden Hang am Leben, der um so heftiger ihn ergriff, je mehr er sich in die Möglichkeit hineindachte, ein Leben lassen zu müssen, das ihm noch so viel des Schönen bot. Und eine innere Stimme rief in ihm: Du willst nicht sterben, leben willst du, leben! —
Und dafür war der beste Weg, den Gegner in den Sand zu strecken.
Vier Monate waren vergangen, bis das Ehrengericht das Urteil sprach. Es lautete auf Verabschiedung Kolbergs, doch wurde dem Bestätigungsgesuch an Seine Majestät ein solches um gnadenweise Wiedereinstellung des Verabschiedeten beigefügt.
Der Zweikampf wurde an sich ebenfalls genehmigt, doch nicht unter den von Kahle gestellten Bedingungen. Vielleicht fürchtete man, durch einen nach jenen Bedingungen unvermeidlichen blutigen Ausgang zu viel Staub aufzuwirbeln. Waren doch in letzter Zeit mehrere Fälle vorgekommen, bei denen der Tod eines der Duellanten die verhängnisvollsten Folgen für diejenigen hohen Vorgesetzten mit sich brachte, welche die Ausfechtung des Zweikampfes nicht aufgehalten oder die Bedingungen abgeschwächt hatten.
So lautete denn die neue Forderung auf 35 Schritt Distanz und einmaligen Kugelwechsel mit glatten Pistolen ohne Visier.
Kahle wurde also keine Gelegenheit gegeben, den Schänder seiner Hausehre zu strafen, weil die Herrn Vorgesetzten nicht ihre Haut dabei zu Markte tragen wollten. Denn dieser Zweikampf war nur eine Farce, ein blutiger Ausgang mußte lediglich ein unglücklicher Zufall sein.
Borgert war von Kolberg gebeten worden, ihm zu sekundieren, und der Oberleutnant willigte mit Vergnügen ein, denn einesteils spielte er gern die Rolle des ungefährdeten Zuschauers, andererseits glaubte er sich dadurch Kolberg zu verpflichten, die Rückzahlung der tausend Mark hatte somit noch ein Weilchen Zeit.
Ein Trinkgelage versammelte die Getreuen Kolbergs in dessen Wohnung, bevor er nach der Stadt in Süddeutschland abreiste, deren Umgebung der Schauplatz des Zweikampfes werden sollte. Er betrank sich dabei so, daß es dem Burschen schwer wurde, den Leutnant gegen Morgen aus den Federn zu bringen, damit er den Zug nicht versäume.
Borgert war es ebenso gegangen, er machte so, wie er auf dem Bahnhof stand, den Eindruck, als käme er gerade von einem Festgelage.
In diesem Zustande hatte er natürlich »vergessen«, sich Reisegeld einzustecken und nahm es großmütig an, als Kolberg ihm einen Hundertmarkschein in die Hand drückte. — —
Es war ein kalter Morgen, als zwei Wagen in flottem Trabe den Schießständen von Kahles Garnison zufuhren.
Die Sonne schaute gerade über den Bergrücken im Osten heraus und sandte ihre ersten flachen Strahlen auf die reifbedeckten Stoppelfelder. Friedlich lag die Natur in ihrem herbstlichen Kleide, auch im Walde herrschte tiefes Schweigen, nur manchmal unterbrochen durch das Herabfallen eines welken Blattes, wenn es seinen Weg raschelnd zwischen den Zweigen zu Boden suchte, zu seinem Totenbette.
Im ersten Wagen saßen Kolberg, Borgert und zwei Ärzte, im zweiten Kahle, sein Sekundant und die beiden Mitglieder des Ehrenrates, welche dem Zweikampf als Unparteiische beizuwohnen hatten. Unter dem Rücksitz lag der Pistolenkasten.
Von der Straße bogen die Gefährte in einen Seitenpfad ein, der so schmal war, daß das Geäst der rechts und links stehenden Bäume beständig gegen die Wagenfenster schlug.
An einem freien Platze machten sie Halt. Die Insassen stiegen aus und befahlen den Kutschern, an den Eingang des Waldes zurückzufahren und dort zu warten.
Die Herrn schritten sodann noch fünf Minuten einen kleinen Pfad entlang und versammelten sich auf dem Schießstand, der am weitesten in den Wald hinein gelegen war.
Der Pistolenkasten wurde auf einen Erdwall gelegt und von den Sekundanten die Waffen herausgenommen und geladen, dann übergab einer die Pistole dem anderen zur Prüfung.
Die Ärzte breiteten ihre Bestecke aus und legten einen großen Streifen Verbandsstoff bereit, während die Unparteiischen sprungweise die Entfernung abschritten und ihre Degen als Entfernungsmarken in den festgefrorenen Boden steckten.
Der übliche Ausgleichsversuch verlief erfolglos, und so nahmen denn die beiden Duellanten an je einem Degen Ausstellung.
Kahle sah bleich und übernächtig aus, er zitterte vor Kälte, und seine nervös zuckenden Züge verrieten heftige Erregung.
Kolberg dagegen schien beinahe zu lächeln und warf mit einer gleichgültigen Bewegung den Zigarettenstummel weg, den er bis dahin im Munde gehalten.
Einer der Herren erklärte in kurzen Worten die Kampfesordnung, daß der Schuß zwischen »Eins« und »Drei« fallen müsse und sagte dann nach kurzer Pause:
»Fertig!«
Beide Herren hielten die Pistole zu Boden gesenkt, um sie auf »Eins« gegeneinander zu erheben.
Gleichzeitig mit »Zwei« knallte Kahle's Schuß, und die Kugel schlug klatschend in die Rinde einer Buche, von der ein dürrer Zweig geräuschvoll zu Boden fiel. Durch die unruhig zitternde Hand war der Schuß fast einen Meter über Kolberg's Kopf hinweggegangen.
Dieser aber stand fest und unbeweglich und zielte bis zum letzten Augenblick, sodaß mit »Drei« auch der Hahn seiner Pistole niederschlug.
Kahle sah festen Blickes auf die kleine schwarze Mündung der Pistole seines Gegners, nach dem Schuß aber öffneten sich seine Augen weit, er taumelte und stürzte zu Boden.
Kolberg lief es kalt über den Rücken, als er den großen, starken Mann nach rückwärts fallen sah und er blieb wie gelähmt einen Augenblick stehen; dabei entfiel die Waffe seiner Hand.
Die übrigen Herren aber waren sofort neben dem Major, und die Ärzte rissen ihm den Rock auf.
Mitten auf der Brust sickerte ein starker Blutstrom aus einer kleinen Wunde.
Kahle hatte die Besinnung nur für einen Augenblick verloren. Er lag jetzt da, bleich und mit festem Blick auf die Herren in seiner Umgebung schauend. Und als Kolberg auch herantrat, dem Major die Hand entgegenstreckend, taumelte er wie von einem Schlage getroffen zurück, als ein kalter, abweisender Blick aus Kahle's gläsernen Augen ihn traf. Einen Augenblick stand er neben seinem Opfer, dann wandte er sich um und schritt in den Wald hinein, dem Ausgange zu.
Die Verwundung des Majors stellte sich als nicht lebensgefährlich heraus, doch hatte die Kugel die Lunge leicht verletzt, und es mußte lange dauern, bis der Kranke wieder genesen war.
Ein Wagen wurde herbeigeholt und der Major sorgfältig hineingehoben, die beiden Ärzte stiegen ebenfalls ein, der Sekundant nahm neben dem Kutscher Platz, und darauf ging es im Schritt nach der Stadt zurück, wo man den Verletzten sofort in's Lazaret zu bringen gedachte.
Kolberg's niedergedrückte Stimmung hielt nicht lange vor. Als er sich mit Borgert am Anfang der Stadt von den beiden Insassen des Wagens verabschiedet hatte, schlug ihm sein Begleiter auf die Schulter und sagte ermunternd:
»Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Menschenskind! Seien Sie froh, daß Sie mit heiler Haut davon gekommen sind! Daß Sie den armen Teufel gerade in die Brust getroffen haben, ist ja Pech, aber dafür können Sie nichts, denn er ist es ja, der Sie gefordert hat, nicht Sie ihn. Wir wollen jetzt frühstücken gehen, mir knurrt der Magen, ich bin nicht gewohnt, so früh am Morgen im Walde herumzustolpern.«
»Es tut mir leid, daß ich den Major so unglücklich getroffen habe, aber das wollte ich nicht,« erwiderte Kolberg mit ernster Stimme, »der Teufel soll die Weiber holen, die sind an allem schuld! Was mußte ich mich auch mit dieser Kahle einlassen!«
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf, mein Lieber! Der Major ist selbst an allem schuld, denn er mußte seiner schönen Gattin besser auf die Finger sehen, dann wäre sie keine Dirne geworden. Heute hat sie den, morgen den, also haben Sie kein Verbrechen begangen, wenn Sie sich auch einmal mit ihr amüsiert haben. Man muß die Weiber behandeln, wie sie es verdienen.«
Dem redegewandten Borgert gelang es allmählich, Kolbergs finstere Miene aufzuhellen, denn was er da sagte, leuchtete ihm ein, die herzlose Gemeinheit, die aus den Worten seines Begleiters sprach, fühlte er nicht heraus, da er selbst nicht besser war.
So gingen denn die Beiden zu ihrem Hotel, zogen Zivil an und begaben sich in ein Frühstückslokal, in welchem die Kellner mit verschlafenen Augen gerade die Stühle von den Tischen nahmen und die frühen Gäste voll Verwunderung betrachteten.
Mit einem Kognak fing es an, und mit Sekt endete es am späten Abend in einem Lokal mit Damenbedienung. Wer da die Leutnants in Zivil mit den frechen Kellnerinnen schäkern sah, konnte nicht im Unklaren darüber sein, daß sie die Ereignisse des Morgens überwunden und mit dem seelischen Gleichgewicht die gute Laune des gewissenlosen Menschen zurückerlangt hatten. —
Mit Jubel empfing man die beiden Helden des Kampfes in der Garnison, wo sie am Mittag des folgenden Tages eintrafen.
Eine Anzahl Herren standen auf dem Bahnhof zum Empfang bereit und begleiteten Kolberg nach seiner Wohnung, um den guten Erfolg mit einem Trunk zu feiern.
Die übrigen Herrn des Offizierkorps aber, besonders die älteren, fanden es gefühllos, daß Kolberg nach diesem traurigen Ereignis es nicht lieber vorzog, allein zu sein und über seine Handlungsweise nachzudenken; diese Feier vollends fanden sie roh und gemein.
Zwei Tage später traf auch die Urteilsbestätigung aus Berlin ein. Da das Wiedereinstellungsgesuch genehmigt war, wurde Kolberg nach einer anderen Garnison versetzt, denn hier konnte seines Bleibens nicht länger sein. Bevor er aber die Reise nach der schönen Stadt am Rhein antrat, führte ihn sein Weg zunächst auf Festung, woselbst er eine mehrmonatige Strafe »wegen Beteiligung an einem Zweikampf mit tötlichen Waffen« zu verbüßen hatte.
Der Major erholte sich nur langsam. Den beiden Stabsärzten, welche die neben der Wirbelsäule haftende Kugel entfernen wollten, war die Operation nicht ganz geglückt, die Kugel war zwar entfernt, aber es trat eine Entzündung der geöffneten Stelle ein, welche mit heftigen Schmerzen und hohen Fiebererscheinungen verbunden war.
Erst Ende Winters konnte der Major aus dem Lazaret entlassen werden, um dann als geistig und körperlich gebrochener Mann auch aus dem königlichen Dienste auszuscheiden, dessen Anstrengungen er nicht mehr gewachsen war.
Auch ihn hatte man zu einer dreimonatigen Festungshaft verurteilt, doch erfolgte schon nach zwei Tagen Begnadigung, denn den Bestimmungen des Gesetzes war Genüge getan.
So sah denn Kahle seine Lebensarbeit vernichtet. Er stand in den besten Jahren als kranker Mann vor der Frage, sich nach einem anderen Felde der Tätigkeit umzusehen, denn leben mußte er, und die schmale Pension reichte nicht aus, um ihm und seinem Sohne ein sorgenfreies Dasein zu ermöglichen.
Das gesamte Vermögen war durch die Scheidung wieder seiner Gattin zugefallen, denn sie hatte es mit in die Ehe gebracht.
Und warum geschah das alles? Weil er die »Ehre« seiner Gattin retten sollte! Ihr hatte er sich opfern müssen. —
Wie sehr Frau Kahle dieses Opfer wert gewesen, wurde dem Major erst vollends klar, als er hörte, seine ehemalige Gattin habe bei einem jungen Baron in Berlin die »Führung des Haushaltes« übernommen.
Kolberg aber saß längst am schönen Rhein und freute sich seines Lebens. —