Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich im Bazar mehrfach, kupferne Krüge zu erstehen; es war aber infolge unverschämter Forderung nicht möglich. Weiter führte mich ein gewandter Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhändler. Hier bekam ich sehr schöne, mit der Hand geknüpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir handelten lange; der Verkäufer, ein junger Mann aus Chotan, war eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stück nicht heruntergehen, obwohl ich ganz genau wußte, daß er zu hoch war. Schließlich kam der Älteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten Ärmel, um nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu bestimmen. Sie einigten sich auf 15½ Taels für zwei Stück. Der Alte erklärte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, daß er noch ein Kind sei, im übrigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war abgeschlossen. Bei einem andern Verkäufer in demselben Hofe kaufte ich zu demselben Preise noch zwei andere sehr hübsche Teppiche, dann ritten wir zurück. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stück Silber auszahlen, jedoch belehrte mich mein Führer, daß dies eine Torheit wäre, da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstück Silber, das man bei ihm wechselt, ungefähr 1/3 Tael in Kupfermünzen zugibt. Ich ließ daher erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die Teppichhändler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefähr einen Tael.
Später kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und Strümpfe, da ich es in meinen schweren Schnürstiefeln mit den wollenen Strümpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewährten sich die Strümpfe nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlässig als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte sich ein und quälte mich um sein Bild. Natürlich konnte ich es ihm nicht geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie photographierte, müßten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich Teppiche gekauft hatte, und nun wurde ich den ganzen Tag über von Leuten bestürmt, die mir den verschiedenartigsten Schund aufhängen wollten. Der europäische Geldbeutel gilt eben als unergründlich. Mein neuer Diener Nasr bat um ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe; anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm infolge schlechter Erfahrungen ungern, ließ mich aber schließlich erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach brachte er mir einen Teil des Geldes zurück, den er sich wahrscheinlich von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.
Um fünf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die ungefähr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schließlich gelangten wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reißende, sich südwärts wälzende Flut mittels Fähre überschritten wird. Die Fähre lag am rechten Ufer etwa 10 Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere mußten dann über den einen Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit gebrochenen Knochen bei dem lebensgefährlichen Manöver. Aber es ging besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein, nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit ihm anzufangen. Ich ließ nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er kletterte gutwillig hinein. Als wir glücklich alle darin waren, erklärten die Fährleute, wir müßten noch einige Stunden warten, bis der Sturm sich gelegt hätte. Natürlich allgemeine Entrüstung. Auf meine Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt hätten, erwiderten sie, wir hätten sie ja gar nicht gefragt, sondern wären gleich in die Fähre gestiegen. Ich ließ mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber ich hätte es mir sparen können. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu gehörigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar nicht sehr breiten Flusses bringen zu können. Der gewaltige Sturm drückte derartig gegen, daß wir nicht vorwärts kamen, dabei trieb uns die sehr starke Strömung fortwährend flußabwärts. Schließlich saßen wir auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mühe kamen wir wieder los und landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Flußwindung, ungefähr zwei Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich ließ daher ausladen und beschloß, zurückzureiten.
Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann führten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf, bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die eine Hälfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewöhnt habe. Ich nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier hieß Tschochtan.
Über Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der Fähre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute gänzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins Wasser zu steigen, als mir zum Glück noch ein alter Trick einfiel, mit dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nämlich, sie einfach mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich ließ einen Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein Dicker ganz willig hineinspazierte. Die Überfahrt an das andere, einen Meter hohe Ufer mit steiler Böschung ging glatt von statten; die Pferde sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu. Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen Brücken waren weggerissen, so daß wir uns oft gezwungen sahen, große Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwärts konnte. Er bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenführer, und es gab draußen eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu hören bekam. Merkwürdig und recht bezeichnend für die nicht allzu hohe Sittlichkeit des Volkes ist es, daß die verheirateten Frauen mit dieser Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten sie draußen auf dem Kang Karten, was schließlich auch mit einem Streit endigte.
Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter, welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst dazu, nachdem die Kavalleristen eine längere Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatten. Ich persönlich habe übrigens niemals daran gedacht, etwas zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mußte ich eben kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr heiß war, beschloß ich, über Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nächsten Dorfe entstand ein Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem Ortsältesten. Da ich die Türkisch sprechenden Leute nicht verstand, ließ sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den Verdacht nicht unterdrücken, daß die Gesellschaft hinter meinem Rücken meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das überflüssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue Strecken urbar zu machen und andrerseits Überschwemmungen vorzubeugen. Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefähr 3000 Arbeitern, überall lohten die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hörte man den klangvollen Schrei des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an ein deutsches Manöver-Biwak heranzureiten.
Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die Pferde waren sehr müde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden. Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur nächsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es gäbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht saufen. Der Ort hieß Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr mit ihrer Karre beständig hinter der meinigen her. Sie hatte natürlich gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttäuscht gewesen sein, denn ich ließ einfach das Haupttor sperren, so daß sie draußen bleiben mußte. Über Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es war morgens so ungemütlich, daß ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir abmarschierten, war es noch immer drückend schwül. Der Weg führte wie gestern durch Wüste mit vereinzelten Kamischbüscheln. Gegen 4 Uhr kam es aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein neuer Staubsturm, der bedeutend stärker war als der erste; er brachte Abkühlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.
Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir über Nacht bleiben wollten, ließ mir sagen, daß ich mich zu ihm bemühen solle, um ihm meinen Paß zu zeigen. Dies war insofern eine Unverschämtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich ließ ihm zurücksagen, er möge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt. Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen, betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai marschierten wir früh ab; es ging durch Wüste, die allmählich in Steppe mit Baumwuchs überging. Am Rande der Wüste steht ein altes verlassenes Soldatenlager aus den Zeiten der Fürsten von Kaschgar. Wir rasteten und futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhügeln stehenden Kamischsträuchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhügel nur so erklären, daß Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben Strauches diesen Hügel gebildet haben, auf dem dann der Strauch fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir südlich den jetzt kaum Wasser führenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddünen der Wüste hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knüppeldamm mit vielen Wasserdurchlässen, die sich auch alle in gutem Zustande befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mußte, um Unterkommen zu finden.
Leider gab es über Nacht eine große Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend allein neun Hengste im Hofe gezählt, von denen, nach der üblen Sitte der Karrenführer, über Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe stiften müssen, da die Hengste natürlich alle zu meiner Stute, der einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle über, ich trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und ließ die Hengste anbinden.
Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12½ Uhr in Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr.
Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzählte, daß es hier sehr viele Wildschweine gäbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das liebenswürdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den Hof gebracht wurde, bemerkte ich, daß die Chinesen grinsten, und auf meine Frage, was sie zu lachen hätten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich saß ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer durch angebautes Land zurück. Unterwegs erzählten die Leute viel von ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwühlt, und sie jagen es, wann und wo sie nur können. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu 20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Büchse hat; die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhält es den Schuß, der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es ähnlich, verteilten uns auf eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch gerodetem Land und Saaten abwechselte. Überall sah man die Fährten des Wildschweines, es mußte hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe ging es über viele Gräben und Dämme und durch ein Stück Sumpf. Mein Pony ging sehr gut und benahm sich vorläufig ganz anständig. Nasr hatte den linken Flügel und rief plötzlich: "Herr, Herr, ein sehr großes!" und schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen Moment die weißen Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schuß, und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland nicht schöner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in Rennpace durch das Dickicht, daß es eine reine Freude war. Ich bemerkte nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein Brauner kannte das Geschäft ganz genau und pullte wie besessen. Ich glaube, daß die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich nahm die Zügel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das Gebüsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hörte ich nichts mehr von dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir mußten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir einen weiten Rückweg hatten.
Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin prüfen. Natürlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer unnützen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet, die Schantus stürmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten, während ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden Händen meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Länge, was sie natürlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblüfft, und ich konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europäer." Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit einer Ruhe durchs Dickicht und über schwere Hindernisse, die ganz vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte ihnen übrigens die Dankbarkeit für gute Behandlung an. Dieser Herr schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch für ihre Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus.
Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt Felsgruppen zu ziemlich beträchtlicher Höhe. Ich pirschte die ganze Gegend ab, ohne auch nur eine Fährte eines Wildschweines zu sehen; es wurde drückend schwül, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist vor ungefähr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem für Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und genoß von oben eine herrliche Fernsicht.
Unten im Dorfe erzählten die Leute, daß vor ein paar Tagen ein Tiger hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider mußte ich mich von der Unmöglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit überzeugen. Abgesehen davon, daß mich kein Mensch begleiten wollte und ohne Führung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wäre, bietet die Jagd selbst auch noch sehr große Schwierigkeiten. Das Schilf ist drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so daß die Treiber nicht durchkommen können. Die Leute behaupteten, der Tiger säße auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjäger hätten ihn gestern Abend vom See aus brüllen hören. Im übrigen wird der Tiger hier eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel schöner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will, was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schließlich schießt ihn der beste Schütze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der Ladung aus Bleistücken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt im Bazar ungefähr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stückchen Fleisch wird verwertet, da es die Apotheken für Medizin sehr hoch bezahlen. So zahlen sie z. B. für einen Röhrknochen drei Taels.
Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und entdeckte hierbei in einem Abflußkanal drei Einbäume, jeder vielleicht 4 Meter lang, ausgehöhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war ein ziemlich gefährliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergnügt im Wasser herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen.
Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen von Gebäuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz vor uns im hohen Schilfe das Brüllen eines Panthers hörten. Die Pferde standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt vorwärts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen, und erst als sie sahen, daß ich mir den Karabiner geben ließ, um dem Panther zu Leibe zu gehen, faßten sie wieder Mut. Leider war auch hier wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmöglich, und fernerhin hörten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Früh gegen 3 Uhr waren wir im Ort.
Beim Auspacken der Karre vermißte ich meine Antilopenköpfe, die stets in einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen Ärger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den Nachtmärschen einer hinten abgeschnitten; natürlich wollte keiner von der Gesellschaft etwas wissen.
Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hühner und Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein Amt angetreten und sein Vorgänger soll ein fremdenfeindlicher, unhöflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann ließ ich mir die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der Kerl nicht zufrieden und verließ den Hof erst, als ich ihm vorschlug, mit mir zum Yamen zu kommen. Dort hätte man ihm sofort zwei Drittel des Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne mit europäischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch übrig hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich natürlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der Yamenhof, alle Eingänge, Säulen usw. waren mit roten Tüchern drapiert, die nur notdürftig die Schäden der zerfallenden Lehmgebäude verdeckten.
Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann, um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht im übrigen hier recht gute Geschäfte. Seine Handelsartikel sind: gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben, Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Käufer bezahlen können. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er behauptete, daß seine Waren alle aus Indien stammten, während ich mich nach eingepreßten oder auch aufgemalten Firmen überzeugte, daß sie ohne Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr höflich; wenn ich auf der Straße ging oder den Gasthof verließ, standen sie überall aus ihrer gewöhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der Ort ist nicht sehr groß; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen wohnen und in der der Yamen liegt, schließt sich nach Osten zu eine lange Bazarstraße mit vielen Läden an. Ich sah außerdem zwei Moscheen und ein Heiligengrab.
Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekündigten Gegenbesuch des Ambans, der mir erst sehr spät sagen ließ, er käme am nächsten Morgen. Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so kurz angebunden, daß sie sich nicht legen konnten. Der zur Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, daß der eine der Kavalleristen sie kurz angebunden hätte, weil sie sein Pferd geschlagen hätten. Ich beförderte den Opium rauchenden Krieger recht unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhändig meine Pferde wieder lang binden mußte. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmöglich, wie ich es eigentlich wollte, am nächsten Tage weiter zu reiten; ich beschloß also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr hübsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen, mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten, als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich saß wieder ab und ließ die Pferde wegführen, um ihn zu empfangen. Der große Eintrittsraum der mir zur Verfügung stehenden Zimmer war mit meinen schönen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr hübsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg immer höher, und es wurde drückend heiß; endlich, um neun Uhr, nach zweistündigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine halbe Stunde auf, so daß es nunmehr eine Tierquälerei gewesen wäre, noch zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (türkischer Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem großen Weg nach Kaschgar gehen, während ich selbst über Terem, Lailik und Ordan Padscha südlich der großen Heerstraße zu reiten beabsichtigte. Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepäck schneller vorwärts kommen konnten, war anzunehmen, daß wir ungefähr zu derselben Zeit wie die Karre in Kaschgar eintreffen würden. Die für heute schon bezahlten Pferde bestellte ich für morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz spät abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein konnte, meine Wünsche ganz genau an. Um 4½ Uhr morgens ritten wir, fünf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier anderen hatten Hengste, so daß das Gegrunze und Gequietsche kein Ende nahm. Es fällt anfangs auf, daß in hiesiger Gegend nur Hengste geritten werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund darin, daß der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger auf der Weide nicht schützt. Greift ein Raubtier die Herde an, so schließen sich sämtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die Füllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste bleiben draußen und sollen den Tiger oder Wolf rücksichtslos mit Gebiß und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der üblichen tollen Fahrt zur Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmählich etwas nach Süden wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit Tamarisken bestandene Steppe.
Bei einem einzelnen Gehöft machten wir Halt und saßen ab. Es gehört einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwürdige Vater, der über 100 Jahre alt ist und auf fünf Generationen herabblickt, wie seine ganze Familie waren alle gleichmäßig angenehm. Der Greis hat das Glück, nicht einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und bekam sofort Tee, Milch und gerösteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schönen Schlesien: vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten Hausfrau, sorgte für alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort für jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd, unter Führung des mit einer uralten Luntenbüchse und Gabel versehenen Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer hübschen Enkelin einen Strauß Rosen geschenkt. Südwärts ging es im Pulk galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide, weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bäche, bis wir an dem mit ganz dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgürtel ankamen. Togda Mehrab nahm nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der Pferde im Wasser und kamen nur verhältnismäßig langsam vorwärts, da das sehr dicht stehende Schilf natürlich ein schnelles Vorwärtskommen hinderte. Unzählige Schweinsfährten durchkreuzten das Schilf, ab und zu kam die Fährte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die Fährte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, ähnlich wie die Kanzeln, die man bei uns zum Schießen hat; hier waren sie selbstredend natürliche. An einer dieser Kuppen saßen wir ab, koppelten den Pferden die Vorderbeine und machten es uns bequem, während Togda Mehrab auf Kundschaft auszog. Bald kam er zurückgelaufen und meldete zwei Schweine, ein großes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwärts ging es zu Fuß durch den Sumpf bis zu einer großen, im Frühjahr heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grünes Schilf wucherte. Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rückenlinien über den Schilfspitzen und zögerte deshalb zu schießen. Die Schweine ästen die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und näherten sich bedenklich der gegenüberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise: "Schieß, Herr, sie laufen sonst fort." Ich schoß auf das Schwein, welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das große oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schuß saß Hochblatt. Der große mächtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber bald zurück mit der Meldung, die Schweine hätten sich verzogen. Er brachte mir als Geschenk einen Schweinsschädel mit, den er irgendwo vergraben haben mußte. Wir saßen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere Meter weit schwimmen mußten, so daß ich bis an die Schultern naß wurde; mich mit der einen Hand an der Mähne festhaltend und mit der andern das Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schließlich langten wir an einer in Krümmungen durch den Sumpf laufenden Sandhügelkette an. Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wußte von jedem der hier horstenden großen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich hätte mich in diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter; die Junisonne trocknete uns bald gänzlich. Wir sahen noch mehrfach Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schießen. Einmal saßen wir noch ab, ich hatte Glück und schoß einen groben Keiler, der im Sumpf ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmählich heimwärts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte zugleich auch gelernt, daß Sümpfe, so unzugänglich sie aussehen mögen, für den Geübten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit überall hingingen, die geradezu großartig war.
Beim Hause angelangt, wurde uns ein köstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brühe und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den Fettschwanz schätzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause. Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehänge, woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehänge zur Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurück; im schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straßen heute am Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz gut ausgefallen war. Dschang klagte über furchtbare Kopfschmerzen. Wie sich später herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit einem "Freunde" ein "Gläschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch über den Katzenjammer und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen und Türken vielbegehrten Frottierhandtücher für seine Hausfrau. Ich habe allmählich, bis auf zwei ganz große, meine sämtlichen Frottierhandtücher verschenkt.
Das Gepäck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepäck entlassen. Bald darauf ritten wir, fünf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden Pferde wurden an der Hand geführt, eins trug die Hinterpacktaschen, das andere die mit den notwendigsten Ausrüstungsstücken gepackte chinesische Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in Anbetracht der sich allmählich einstellenden Müdigkeit endlos vorkamen. Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fünf Kilometer und empfahl sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurückzukehren und dann in seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch möchte ich erst im Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren Fell auch während der heißen Jahreszeit lange nicht so schön sei wie in der kalten.
Wir überschritten unendlich viele Brücken, ließen einen nicht unbeträchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend ähnlich, sehr gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe. Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, großer Garten, in dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein Überfluß an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wünschte. Jedermann wußte mit der Büchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jäger; jeder war ein guter Schütze, hatte Jagdpassion und Jagdverständnis.
Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fuß, mit Togda Mehrabs Bruder auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schuß. Um 5½ Uhr marschierten wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9½ Uhr in Achsach Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich über Nacht Ungeziefer, so daß ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glück und kamen, auf dem Bauche zwischen den Sanddünen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht 30 Schritt heran, ohne daß die Tiere uns bemerkt hätten. Ich schoß den Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestürzt, daß sie alle durcheinander liefen und nicht wußten, woher und wohin. Die zweite Kugel brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschuß bei; er lief noch 50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten weiter, und nochmals hatte ich das Glück, an einen Sprung heranzukommen und auf ungefähr 110 Schritte ein Tier umzulegen.
Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden, so daß wir zum Dorf zurückgingen und die Jagdbeute hereinholen ließen.
Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Büschen und Baumgruppen bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon flüchtig wurde, als wir auf ungefähr 400 Meter heran waren; es war ein guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den Leuten aufgenommen wird, muß man biwakieren, denn Gasthäuser gibt es hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir jede gewünschte Unterstützung zuteil werden zu lassen. Früh morgens am 7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg führte teils durch vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier sehr zahlreiche Wild stark eingezäunt ist. Auf einer überschwemmten Strecke ungefähr 5 Kilometer lang mußten wir durch knietiefen, zähen Schlamm, so daß Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr zahlreiche Fährten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brücken sämtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend.
Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehöften bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den Sumpf und infolge des Staubes sehr müde. Die meinigen waren besser in Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, während die vom Yamen ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Großvater, und im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen schrien. Sonst waren die Leute die Höflichkeit selbst und ich wurde in jeder Beziehung als großer Herr behandelt, was teilweise gar nicht bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tür hinaussteckte, um nach meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im übrigen zeigte sich hier wieder, daß die Neugierde eine weibliche Eigenschaft ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Türritze beobachtet, wie ich in einem Holzbottich badete; nun amüsierte sich alles großartig darüber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen.
Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; übrigens sind dieselben gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen Jahren ganz austrocknen soll. Daß er andererseits zuweilen sehr viel höher stehen muß, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien erkennen.
Wir machten früh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde gewechselt und gefüttert werden sollten, um für den Marsch durch die 55 Kilometer lange Wüste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im Garten unter dichten Aprikosenbäumen, wo es angenehm kühl war, während man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Küchenzettel wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern. Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige, allerdings schon sehr trocken gewordene Brötchen mit. Die Leute waren wieder lächerlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem grünen Turban, kam alle fünf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles nötige da sei. Der mächtig große Raum, der wohl 12:12 Meter maß und in der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war schön kühl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mägden auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man sah hier schon die hübschen, ziselierten Wasser- und Teekrüge aus Chotan; der übrige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche, Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Töpfe und Teller, die Metallspiegel und Öllampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten Christi Geburt. Die Leute essen hier verhältnismäßig viel Fleisch, sind dafür aber auch viel muskulöser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich, außer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen; jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafür hat jeder seinen kleinen, ausgehölten Flaschenkürbis mit Tabak im Gürtel hängen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das dunkelgrüne Zeug; es ist beißend scharf; daß es auf die allgemeine Gesundheit des Körpers denselben schwer schädigenden Einfluß hat wie das Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkürbisse sind außen meist hübsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen.
Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der Färbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stück bebautes Land, das bald in Wüste mit abgestorbenem Walde überging. Leichte Sanddünen, vielleicht drei Meter hoch, nordsüdlich laufend, kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin im Tschong Kum, dem großen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt grüne Bäume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie unser, vom letzten Ort mitgenommener Führer den Weg fand, der sich im Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute müssen eine Art Instinkt haben. Im rücksichtslosen Inspektortrabe ging es vorwärts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur mitzukommen. Nach 1½ Stunden war der Sturm vorüber, und nach einer weiteren Stunde schärfsten Trabes hatten wir die Wüste hinter uns und waren im steppenartigen, mit Gebüschgruppen besetzten Lande. Ab und zu kam noch eine hohe Sanddüne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir am Hause des Dorfältesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht beträchtlichen Durst löschen konnten.
Als ich früh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich draußen eine große Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser Dörfer hat nämlich für eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, für Mogal sind es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken. Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natürlich zu dem hohen Herrn nicht vordringen können, es kostete zu viel Geld. Es sah allerdings hier böse aus: alles war verdorrt und versengt, und die meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem Taotai zu erzählen, was ich gesehen hätte, bemerkte aber im übrigen, daß ich als Ausländer keinerlei Einfluß auf die ganze Angelegenheit habe.
Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt waren, bemerkte ich, daß mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir fiel ein, daß ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurück, um nachsuchen zu lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte sich tatsächlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch die öden, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelände kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weißbärtige Umpasch der mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben, denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die übrigen auch. Ich bekam in einem wunderschönen kühlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt.
Unter großer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir eines seiner eigenen Pferde zur Verfügung, er wollte später selbst nachkommen. Unsere Karawane war schließlich elf Pferde stark. Durch Steppe und Wüste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach dem berühmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab Turkestans. Bald umgab uns völlige Wüste. Links lag einmal ein Masar. Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwölf Kilometern waren wir in hohen Sanddünen, in denen die glühende Hitze noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser vorwärts kam. Nachdem wir ungefähr acht Kilometer durch die Sanddünen geritten waren, sahen wir von der Höhe aus vereinzelte Bäume und eine Häusergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie seinerzeit in Holz gefaßt und ein Haus darüber erbaut. Hier liegen mehrere kleinere Heiligengräber. Bald darauf erreichten wir Ordan Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung aus mehreren Häusern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder für die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu versorgen, hat man in einem Hause fünf große Töpfe eingemauert, die ich mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und großartiger vorgestellt hatte. Die sogenannten Töpfe sind flache kupferne Kessel; ein ganz großer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwürdige Art, die Pferde zu behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glühenden Hitze mit dem Kopf hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen Grund darin gehabt haben, daß das gesamte Wasser salzhaltig ist.