Meine beiden Ponies

Abends waren wir in Ching Ching, wo die Leute im Orte eine Art Ring geschlossen zu haben schienen, denn die Preise waren wirklich geradezu unverschämt. Mir hatten sie meinen Kang überheizt, so daß ich infolge der Hitze sehr schlecht schlief und mich auch obendrein noch erkältete. Auch am 16. Januar hielt der Staubsturm noch an. Wir gingen fast den ganzen Weg zu Fuß, halb im Laufschritt, um uns einigermaßen warm zu halten; so kamen wir ziemlich schnell vorwärts. Hinter Tu-hsi-ling ging es über einen hohen Paß, und mit einem Schlage waren wir aus den Felsbergen heraus und mitten im Löss mit seinen scharf eingeschnittenen, tiefen Schluchten, in die der Wind nicht mehr hineinkommen konnte.

Wir landeten heute in Schau yang, in dem ich zum ersten Male die unangenehme Entdeckung machte, daß mein großes Pferd leicht am Widerrist gedrückt war. Abends ließ der Yamen noch anfragen, warum ich nicht dort Logis genommen hätte. Jetzt war es zu spät dazu, etwas früher wäre ich ganz gern hingegangen. Bei der Stute hatte sich ein Schwein einlogiert, was das Pferd sehr aufregte, das Tier war aber nicht wegzubringen. Der 17. Januar brachte uns am Morgen 15 Grad Kälte; die armen Pferde in ihren offenen Ställen froren sehr und waren beim Abmarsch ganz steif. Es ging weiter durch Lößschluchten auf staubigen, wenig belebten Wegen; nur ab und zu kam uns ein Karren oder ein einzelner Reisender entgegen. Jeder führt seine Hausfahne, ein dreieckiges, berandetes und mit seinem Namen bezeichnetes Stück Zeug, mit sich, je nach Geldlage in reicher oder einfacherer Ausführung; bei den Reitern, die es hinten am Gepäck herausstecken haben, sieht das ganz spaßig aus.

Taiyuanfu. Mauer am Futai Yamen

Nach einer recht schlecht verbrachten Nacht, mir mußte irgend etwas im Magen gelegen haben, ging es weiter. Zweimal wurde ich in kleinen Ortschaften angehalten und nach meinem Paß gefragt; schließlich gelangten wir ganz in die Ebene, und gegen vier Uhr nachmittags ritten wir in das ersehnte Taiyuanfu ein und wurden von dem liebenswürdigen Direktor der Schansi-Universität und seiner ebenso liebenswürdigen Gemahlin willkommen geheißen und aufgenommen. Es war alles da, was der Mensch zu seiner Bequemlichkeit gebrauchte, und bei der Herzlichkeit, mit der es gegeben wurde, fühlte man sich gleich wie zu Hause. Wie ich schon im ersten Kapitel berichtet habe, hatte ich die gastfreien Leute auf meinem letzten Ritt im Herbst 1902 kennen gelernt. Zuerst unterzog ich meinen äußeren Menschen einer gründlichen, ebenso notwendigen wie angenehmen Reinigung; dann schwelgte der innere Mensch in den Genüssen der hervorragend geleiteten Küche. Die Stadt sah noch genau so aus wie im Herbst.

Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriositätenläden und kann nur jedem Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn hauptsächlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schöne Zeiten für den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen Chinesen sorgfältig zusammengestohlenen Sächelchen billig kaufte. Aber auch für den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein sämtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzüglich Englisch sprechenden Chinesen zur Beförderung los werden kann. Sonst ist hier wenig Interessantes; daß die Tempel zusammenfallen, die Löwen oder Hunde vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich selbstverständlich in China. Erwähnenswert ist höchstens eine Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen fertigt. Ich möchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschützes stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte für sicher, daß infolge der glänzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der Batterie auf ein weiteres Schießen verzichten wird, doch: ut desint vires tamen est laudanda voluntas.

Taiyuanfu. Drachenmauer aus Porzellan im Chang Chuang Miau (Großer Stadttempel)

Die Universität, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blüht und gedeiht; sie zählt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel, wenn nicht alles für eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken muß ich dabei, daß man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten Diners gibt, auch hier im Innern nicht schätzt; die Kopfschmerzen sollen von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen, Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich sah Fußball, Tennis usw. spielen. Die Hörsäle sind mit den modernsten Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorläufig sind die Studenten noch in einem gemieten Yamen, mit übrigens sehr schönen Räumen, untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen besichtigt und Prämien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur dies natürlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten. Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mächtige Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fußballspiel, ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natürlich trat er sich bald auf seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout comme chez nous.

Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerüchte, die sich mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu Tätlichkeiten zwischen seinen Parteigängern und der Bevölkerung gekommen ist, zog ich vor, ihm nach Süden zu auszuweichen und hierbei die Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berühmte Kaiserstadt, anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt und waren frisch und munter.

Am 21. Januar früh nahm ich Abschied von der gastfreien Universität, um mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte, die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universität begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Außerhalb desselben fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wäre ein Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend notwendig. Der Staub überzieht bald alles grau in grau, man kann sich durch nichts vor ihm schützen. Die Sänftenträger der Kaiserin-Witwe, die hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden gewesen, wenn man bedenkt, daß jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf heruntergeschlagen wird.

Infanterie im Marsch. Taiyuanfu

Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst später fiel es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte. Das ganze Land ist hier von Kanälen durchzogen, die quadratisch angelegt sind; augenblicklich sind die meisten derselben völlig versandet, ebenso wie die hier überall vorhandenen Schleusen gänzlich vernachlässigt sind; wie es zur Zeit der Frühjahrsbestellung aussehen mag, weiß ich nicht, wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanäle werden vom Fönn-Ho gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war nicht sehr stark, aus dem Süden kommende Karren zogen nach Kalgan mit Tabak, Fett in Behältern, die wie unsere großen Petroleumbehälter aussehen, außerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in großen Stücken gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepreßt ist mit der Firmenmarke darauf.

In den Gasthäusern und auf den Straßen war das ausschließliche Interesse der Leute auf mein großes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen ließ mit meiner Witwe Bolte, brüllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz fehlt). Das gute Tier hatte nämlich eine kupierte Rübe, war also nach chinesischem Schönheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt hätte, dann hätte ich mich nicht täglich über die entsetzliche Freude der Chinesen über das "schwanzlose" Tier zu ärgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir Europäer lieben nun einmal kurze Schwänze beim Pferd, und deswegen gleich zu behaupten, das Tier hätte gar keinen Schwanz, war eigentlich unverschämt.

Chinesische Gebirgsartillerie in Taiyuanfu

Meine tägliche Speisekarte war meist höchst einfach. Leider bin ich selbst kein großer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher, als ein Kochkünstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grütze) mit Zucker, dann fünf Eier, Brötchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten gelben Früchte. Mit meiner braven Stütze kämpfte ich einen täglichen Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wäre nicht notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, daß ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch noch unterliegen würde. Wahrhaft glänzend dagegen war sein Appetit zu nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung für Essen betrug immer die Hälfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht beschwindelte.

Die nächsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens entließ ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr besorgt, daß ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als nützlich und hülfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck der Stute war wieder derartig angelaufen, daß ich es vorzog, mir vom Yamen eine Karre geben zu lassen. Da sämtliches Gepäck, auch die Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise jetzt sehr viel schneller vorwärts. Ich hatte auch wieder die alte Regel eingeführt, daß der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde; abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab.

Chinesischer Ehrenbogen in Schansi Ping yang schöng

Man sah schon viele gänzlich zerstörte Dörfer; denn der letzte Aufstand der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, höchstens wurde der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmäler wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhübsche Ehrenbogen. Die Gräber selbst sind meist von den alten Bäumen umstanden. Einmal begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militärischen Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich übernachtete, schickte mir der Yamen eine Wache über Nacht. Es geht hier wieder in die Berge.

Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen Karren die steilen Böschungen herauf bekommen. Allmählich färbte sich alles weiß; Paß folgte auf Paß, und man konnte hier beurteilen, welche Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frühjahr 1901 gehabt hätte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an sich natürliche Festungen sind und von geringen Kräften gegen eine Armee verteidigt werden könnten. Nebenbei hätte die Verpflegung größerer Truppenmengen in diesem Landstrich die größten Schwierigkeiten gemacht, und diejenigen, welche glaubten, daß nach Erstürmung der sogenannten Schansi-Pässe der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten hätten hinter Taiyuanfu erst recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer stärker, und als wir gegen 4 Uhr den letzten Paß hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus. In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so müde, daß sie kaum noch vorwärts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier soll sehr unsicher sein; Räuberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit ihr Unwesen und plünderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher zwei mit langen Spießen bewaffnete Infanteristen und fünf Kavalleristen mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein und in der unverschämtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den Ausweis von ihm, natürlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen konnte, und mußte schließlich unter dem Gelächter meiner Begleiter und ohne Geld wieder abziehen.

Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schärfsten Nordwind. Rechts war wieder der Fönn-Ho, der hier schon bedeutend breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes Maultier; die Karrenführer fuhren ihm rücksichtslos über die Beine, mich dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschuß. Die Chinesen lachten natürlich und begriffen meine Handlungsweise nicht.

In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhöflich und frech, so daß ich erst recht deutlich werden mußte. Die Leute drängten sich an mich heran und befühlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis ich einem ordentlich über die Finger hieb, dann ließen sie mich in Ruhe. Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst übermorgen am Neujahrstage werden!

Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen Wege hatten wir doch täglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht. Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte, konnten zwei von meinen Tieren immer geführt werden, daher waren ihnen die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren munter. Der Weg war auch fernerhin scheußlich, teilweise überschwemmt und mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere durchbrachen und sich die Fesseln verletzten.

Meinem Mafu hatte man die europäischen Handschuhe gestohlen; da der Chinese Handschuhe nicht kennt, mußte er von jetzt ab zur Strafe seiner Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nämlich einen Rock mit kurzen Aermeln nach europäischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben ihm die Handschuhe stets ein höheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf der Hauptstraße zu bleiben. Natürlich gerieten wir in einen scheußlichen Sumpf; man muß eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich beobachtete auch hier wieder, daß die meisten Leute quer über die Felder fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt.

Neujahrs-Glückszettel an allen Häusern zu Neujahr

Überall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bäcker backten Brot in Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden überall neu geklebt und fromme Sprüche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Türen angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik, teilweise in Verkleidungen, und überall wurden Böller und Flintenschüsse gelöst zur Vertreibung der bösen Geister.

Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehörige Tracht Prügel. Am 28. Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Kälte, mit aufgehender Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthäuser waren teilweise schon geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur Fahrtrichtung schräge Rampe war so glatt, daß der Karren bei jedem Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen diesen rutschte; es half nichts, wir mußten den Abhang abgraben. Auch das Reiten war infolge der schlüpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir reiste ein Japaner, von dem mir in allen Dörfern erzählt wurde, daß er eine sehr große Exzellenz sei. Später in Hsi Ngan Fu stellte er sich als ein ganz kleiner Hülfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu einem großen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider machen Leute.

Unser Karrenführer fuhr heute wie wild, so daß wir schon gegen 5 Uhr in Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie zurück sein. Wir mußten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer kein Futter. Die Chinesen rühren eben zu Neujahr keinen Finger für einen Fremden. Überall haben sie kleine Altäre aufgebaut, vor denen sie ihren Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte, daß für mich nichts zu bekommen wäre, schickte mir eine große Portion Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht über ging das Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen. Morgens hatten wir 22 Grad Kälte; ich hatte vergessen, über Nacht meine Tinte einzupacken, die natürlich ausgefroren war, ebenso war mein Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte nichts zum Frühstück bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin geöffnet; die Chinesen waren heute faul und müde, da sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, daß die Karre stehen blieb.

Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wönn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswürdigerweise schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte, infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, daß ich es wieder hinaustun mußte. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens wenigstens Fleisch und die weichen, weißen, runden Brötchen verkauft, sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man eine halb geöffnete Tür. Wir hatten morgens bei ungefähr 10 Grad Kälte wundervolle klare Luft, so daß man im Osten die schwach bewaldeten Berge und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten sich in Feiertagskleidern auf der Straße, überall wurde öffentlich Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten großen Klatsch ab. Der Tag blieb auch weiterhin schön. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast machten, mußte ich unsern Karrenführer anborgen, da kein Mensch Silber wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wäre sehr unsicher und ich möchte doch mein großes Gewehr, das ich verpackt hatte, herausnehmen, damit die Leute es sähen. Ich glaube, er war sehr froh, seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu können. Über Mittag tauten die Wege auf und befanden sich schließlich in einem ganz unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an, wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Südchinesisch sprach. Schließlich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem Beamten verständlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit in ein Diner.

Übergang über den Hoang Ho

Der Karrenführer behauptete, zu wenig Geld bekommen zu haben, wurde frech und warf mir das Geld vor die Füße. Ich belehrte ihn handgreiflich darüber, daß mit Europäern nicht zu spaßen sei, er war schließlich ganz kleinlaut geworden und mit dem Gelde zufrieden.

In der Stadt fielen mir an manchen Häusern Glückszettel auf blauem Papier auf, sie sind an solchen Häusern angebracht, die Trauer haben.

Es wurde heute ziemlich spät, ehe wir eine geeignete Unterkunft fanden. Wir hatten ungefähr 70 Kilometer zurückgelegt. Meine Stube war ohne Tür; ich konstruierte einen Vorhang aus Decken; es gab nichts zu essen, und durch das beschädigte Dach schien zuerst der Mond herein, später schneite es, so daß ich eine recht ungemütliche Nacht hatte. Dabei faßte ich wieder einmal den Karrenführer beim Futterstehlen ab, d. h. nicht ihn selbst, sondern seine beiden Maultiere, die meinen Vorrat auffraßen, während er vergnügt zusah; die Tiere waren so gierig, daß ich von dem Geräusch aufwachte.

Hoang Ho-Fähre

Gegen Mittag des 1. Februar kamen wir in Pu tschau fu an. Mir war schon mehrfach in den letzten Tagen aufgefallen, mit welcher Bereitwilligkeit mein Mafu stets nach dem Yamen wanderte und daß er jedesmal mit einem Diner zurückkam; ich schöpfte Verdacht, daß er in meinem Namen darum gebettelt habe, daher wies ich von jetzt ab die Diners zurück, sehr zum Leidwesen meines Mafu. Die Tiere waren heute wieder einmal von dem gestrigen schweren Marsch sehr müde. Der Druck des Nepomuk war sehr viel schlimmer geworden, der dicke Pony hatte eine Hornspalte bekommen, die ihn jedoch nicht weiter störte. Am 2. Februar morgens gings weiter durch glatte Ebene, die reich angebaut war. Die Bauern waren hier überall bei der Feldarbeit, die Neujahrsfeier schien auf dem Lande beendigt zu sein.

Wir kamen heute an den Hoang Ho; die letzten zehn Kilometer vor dem Fluße ging es durch die Ausläufer des Fönn tiau schan, der dann steil zu dem Hoang Ho abfällt. An der Fähre angelangt, mußten wir ziemlich lange warten, ehe die Fährleute sich entschlossen, an die Arbeit zu gehen. Sie treidelten dann die Fähre ungefähr 100 Meter stromauf und legten ein Laufbrett hinauf. Pferde und Maultiere mußten die fünf Meter bis zum Boot durchs Wasser gehen und dann über den ziemlich hohen Bord weg hineinspringen. Jedesmal gab es ein Theater, bis man glücklich eines der Tiere drinnen hatte, da die meisten natürlich nicht springen wollten. Trotzdem die Sache ziemlich lebensgefährlich aussah, kam nichts vor; schließlich waren zwei Karren, elf Tiere und gegen 60 Menschen im Boot; mit viel Geschrei wurde abgestoßen und die Fähre in dem reißenden, eistreibenden Strom mittels zweier mächtiger, von je fünf Mann gehandhabter Ruder ans andere Ufer gebracht. Der Strom ist hier gegen 220 Meter breit, man hat einen schönen Blick auf die jenseitigen Berge und auf Tung kwan, welches mit seinen mächtigen alten Festungsmauern das gegenüberliegende Tal sperrt. Das rechte Ufer ist ziemlich flach, und schließlich mußten zwei bis zum Gürtel nackte Menschen in das eiskalte Wasser hinaus, um das Boot am Ufer entlang zu einer besseren Anlagestelle zu ziehen; auch dies geschah wieder unter entsetzlichem Geschrei. Das ganze Übersetzen hatte wohl eine Stunde gedauert. Man balancierte dann auf dem hochkant gelegten Ruder ans Land, da sie natürlich die Laufstege am anderen Ufer vergessen hatten. Die Pferde mußten wieder ins Wasser springen, wobei einige ausrissen. Es gab beim Ausladen höchst spaßige Szenen, zumal sich beim Berichtigen des Fährgeldes einige Leute drücken wollten. Ich selbst brauchte auf meinen Paß hin nichts zu bezahlen, gab den Leuten aber ein anständiges Trinkgeld.

Spieler auf öffentlicher Straße zu Neujahr

In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von meiner Anwesenheit jedenfalls gehört hatte, unaufgefordert ein Diner; also schien mein Mafu auch früher nicht darum gebettelt zu haben. Auf der Straße herrschte überall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt hatte ich den für China ziemlich überraschenden Anblick einer Rauferei, zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind übrigens in die Provinz Schensi eingetreten; überall wird viel Reis gebaut.

Für einen Jäger wäre hier eine schöne Ausflugsgelegenheit, besonders Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgänse, rostbraune große Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben, Elstern, ganz schwarze Krähen, solche mit weißem Halsring, Mandelkrähen, Dohlen, Störche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvögel und eine Menge kleine Vögel; dann noch einen großen rötlichen Vogel, der aufgebäumt war und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit mißtönendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht. Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatsächlich nicht übertreibe, sind lächerlich vertraut; es scheint sie außer mir hier kein Mensch mit dem Schießprügel zu ängstigen. In den Bergen haust der Wolf und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen können; mir haben es nur die Leute erzählt, ich hoffe es im Interesse derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen für später sparen wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich überhaupt noch nicht, bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder Bastarde, die hier vorkommen sollen.

Mittagessen in Tung kwan

Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am nächsten Morgen einen schönen alten Stadttempel, in dem als besondere Sehenswürdigkeit eine ungefähr acht Meter lange, aus einem Stück geschnittene Schwarzsteintafel mit Fuß und Kopf gezeigt wird; leider ist sie durch scheußlich häßliche daran geklebte Zettel vollkommen entstellt. Sie erzählt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim Weitermarsch freute ich mich auf der Straße über die Menge von hübsch angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, daß es nicht Tai-tais, sondern von Kunstreisen über Neujahr zurückkehrende Damen der Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine Volksfest. Später, auf dem Rückwege, konnte man manchmal bis vier Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen.

Eine hübsche Chinesin

Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhübschen Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, daß mir das Tier gefiel, und bot es mir für 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine große Stute sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich überlegte schon, ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir sagte: "Herr, laß dir erst das Geld vorzeigen." Natürlich hatte der Kerl keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drückte sich baldigst.

Die Felder wurden in dieser Gegend schon grün, und wir hatten eine angenehme, warme Frühlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir schließlich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht dort wohnen wollten. Nun war es natürlich zu spät, dafür schickte er Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annähernd 50 Kilometer zurück.

Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu marschieren, aber gewöhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei bedecktem Himmel und 2 Grad Kälte zog ich morgens los. Ein alter Mann, den ich nach dem Wege fragte, ließ sich mit mir in eine Unterhaltung ein, und als ich ihm erzählte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir, unbedingt vorher Ling tun mit seinen heißen Quellen anzusehen. Ich folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege auf die südlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhänge stellenweise noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau, hübsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Gräber umgeben. Die Äcker waren schon leicht grün, bei einem bißchen Phantasie konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10 Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem Äußeren sich durch nichts von anderen chinesischen Städten unterscheidet. Die uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Häusern in den verschiedenen Provinzen unserer schönen Heimat fehlen hier gänzlich.

Familie, vom Neujahrsgebet zurückkehrend

Ich schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad benutzen zu dürfen. Sofort wurde mir ein äußerst höflicher Beamter mitgesandt, der uns durch die Stadt führte. Ungefähr einen halben Kilometer außerhalb der Stadtmauer, gerade am Fuße der Berge, gelangten wir an einen großen Gebäudekomplex mit teilweise roten Mauern, also kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich einem andern ebenso höflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu nach den Ställen wies und meine fernere Führung übernahm. Durch zwei weitere Höfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen Nebenräumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenräume zur Wohnung an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen zu dürfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geöffnet. In den an dem ersten Hof gelegenen Räumen befindet sich ein mächtiges Bassin mit einer Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt. Dieser Baderaum ist für die mittleren Klassen der Bevölkerung männlichen Geschlechts vorbehalten. In Adamskostümen planschen sie riesig vergnügt in dem heißen Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so, wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich und meinen Photographenapparat ließen sie sich nicht im mindesten stören. Außerdem sind an diesem Hof Küchen- und Dienerschaftsräume. Der zweite Hof mit seinen Räumlichkeiten ist für die "oberen Zehntausend" bestimmt. Drei Nebenräume der oben erwähnten Halle sind zu Wohnzwecken hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine hölzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke Quelle strömt in ein 1½ m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu dem eine breite steinerne Treppe herabführt.

An den zweiten Hof schließt sich ein weiterer offener Raum, in dem wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmäßig geformtes großes Bassin fließt. Daran nach Süden folgt ein hoher überwölbter Raum, der wiederum ein Bassin mit Quelle umschließt; letzteres ist acht mal zehn Meter groß. Über der Wölbung ist ein Tempel, an dessen äußerer Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Außerdem befinden sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle gleichmäßig warm, ich maß sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm darin. Nach Osten zu schließt sich ein Gebäudekomplex an, der besonders für Angehörige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir bereitwilligst geöffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen und Baderäumlichkeiten. Das fließende Wasser ist in Teiche geleitet, die natürlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die für die Allerhöchsten Herrschaften bestimmten Wohnräume, denen sich noch solche für die Leibwache anschließen. Die Einrichtung sämtlicher Räume ist einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und — recht sauber. Da ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persönlichkeit war, wurde ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich stets mehrere, meiner Wünsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe ich noch zu erwähnen, daß sich nach Westen zu ein Bade-Yamen für die holde Weiblichkeit anschließt; der Kuli badet außerhalb im abfließenden Wasser, sein Bad beschränkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts und auf ein Fußbad. Der Gebrauch des Bades ist überall frei, abgesehen natürlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa üblichen Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, stürzte ich mich sofort in die heißen Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher führte, und ich muß sagen, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals so angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas.

Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte unvermeidliche Diner aufgebaut, das übrigens ganz vorzüglich war. Als Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und Zeiß bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt überhöhenden Berggipfel gelegenen hübschen Tempel. Meine Hoffnung auf einen Sonnenstrahl erfüllte sich leider nicht, so daß mir dadurch die berühmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein Apparat keine Arbeit bekam. Für uns Europäer ist nur eins an der ganzen Anlage zu bedauern, nämlich, daß sie nicht nahe der Küste liegt und damit für uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann. Der Chinese benutzt die Bäder sehr eifrig; zu Roß, zu Fuß und zu Karren sah ich von allen Seiten Leute heranströmen; dementsprechend ist denn auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natürlich eine Unmenge fliegender Händler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird von einem sonst sehr freundlichen alten, weißbärtigen Diener mittels drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefördert. Diese Beschäftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspaß zu machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen.

Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fühlte sich in der wärmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht, recht steinig und ausgefahren. Wir überschritten auf einer 300 m langen Steinbogenbrücke den Ba-ho. Der Übergang war sehr schlüpfrig, so daß die Tiere fortwährend am Hinfallen waren; ich ließ sie an den Köpfen führen. Leute dazu bekam man überall, da an beiden Enden der Brücke sich Verkäufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch mehr erschwerten. Das Flußtal ist hier mehrere Kilometer breit, und in ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgänsen, Störchen und großen, wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise zusammen, eigentlich recht früh. Ich schoß einmal, natürlich vorbei, da es für eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rückzug nach Peking eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten. Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf von keinem gewöhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen.

Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50 Meter sich über die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenführer schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt, der hier stehen muß, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Später erst stellte sich heraus, daß der Stein auf der Westfront liegt. Am Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen, Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mächtige dreiteilige Tor auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden Hauptstraße in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Führer mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen und Mandschu statt, letztere nehmen das nordöstliche Viertel ein. Daß diese Scheidung eine tatsächliche ist, sah man gleich an den unverkrüppelten Füßen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, über die ein vierteiliger Bogen erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von Gäßchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier unbedingt den Eindruck der Großstadt; weniger großstädtisch kamen mir die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den stolzen Namen Ta-kuan-dienn führten, also große Beamtenherberge, waren es doch meist nur schmutzige, dumpfe Löcher mit ganz unglaublichen Ställen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt. Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstände herumdrängten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der vizeköniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform sehr hübsch ausnahm und laut unverschämte Bemerkungen über mich machte, kamen wir schließlich zur Westfront und fanden endlich nach langem Suchen eine einigermaßen annehmbare Unterkunft für Mann und Pferd in einer kleinen Herberge. Mein Führer meinte zwar, sie sei keineswegs standesgemäß, das störte mich jedoch weniger. Ich ließ zuerst die Wohnung etwas säubern, die Fenster neu kleben, ließ dann die Pferde füttern und mir selbst einen Happen besorgen.

Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drängte sich an mich heran, er hatte gehört, daß ich nach Kaschgar ging und wollte mich durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Führer zu Dr. Smith, an den mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele Straßen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking gesehen habe — es wurden meist Laternen in den unmöglichsten Formen, wie Drachen, Vögel, Fische, zu dem in fünf Tagen stattfindenden Laternenfest verkauft —, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natürlich war er gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der östlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung trugen, auf das liebenswürdigste empfangen. Natürlich sollte ich das Neueste erzählen, wußte aber weniger als die Leute selbst; dagegen hörte ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, daß er sich zur Verteidigung und nicht zum Angriff rüstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir für morgen einen Führer durch die Stadt. Ich selbst mußte gleich zurück, da mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken muß ich hierzu, daß der Missionar in der Vorstadt wohnte, während ich selbst innerhalb der Stadt untergekommen war.

Missionar Shorrock, Hsi Ngan Fu

In der Stadt wurde überall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Küste auf dem Yamen abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben meiner Stube hatte im nächsten Zimmer eine Hündin Junge, die die ganze Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und beförderte sie hinaus ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurückgeschleppt, und sie quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab.

Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus der Mission zum Führen durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch die Aufschlüsse über die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist eingeteilt in fünfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000 Einwohner, jedoch sind die Angaben darüber sehr schwankend, wie stets bei chinesischen Städten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt für Waren. Ihre Gründung reicht bis in unbekannte Zeiten zurück, sicher steht fest, daß die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man übrigens heutzutage auch noch recht häufig hört, besonders als Hauptstadt vorzog. Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstädte. Später residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre höchste Blüte. Wir finden unter ihr die Einführung des Christentums, über dessen Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes 1625 zufällig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet über "die berühmte Religion von Tatsin".

Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die schwedische Alliance-Mission und römisch-katholische Missionen. Die Tätigkeit der Missionen liegt mehr außerhalb der Stadt, auf dem Lande; soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische Mission keinen großen Erfolg zu haben, während die katholischen Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind.

Die zu oder von der Stadt führenden Hauptstraßen sind: von Peking, Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straßen werden besonders ausgeführt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europäischen Schund.

Während des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen alle Dörfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwüstet wurden — man sieht sie noch jetzt überall in Trümmern liegen —, waren alle Landleute in die Stadt geflüchtet. Man hielt die mohammedanischen Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten als Wache, drohte jedoch den außerhalb der Stadt die undenkbarsten Scheußlichkeiten verübenden mohammedanischen Horden, sofort alle Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht werden sollte, die Stadt zu stürmen. Wer chinesische Verhältnisse kennt, weiß ganz genau, daß die Chinesen sofort ihre Drohung erfüllt hätten, und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstürmung. In dem Unterdrückungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General Tung-fu-hsiang infolge seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den kaiserlichen Truppen lächerlich gefürchtet, und man hofft, daß, im Falle eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrührerischen Generals, die Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrücker aufstehen werden; denn auf die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verlaß. Der Gouverneur von Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar keine Feldartillerie. Als vor ungefähr einem halben Monat die Gerüchte auftauchten, daß Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen würde, und sich bereits eine Panik der Bevölkerung bemächtigte, wurden zur Ermutigung des Volkes täglich von den Wällen Salven geschossen und den ganzen Tag exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevölkerung nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, daß Tung-fu-hsiang augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und über 200, teils moderne Kanonen verfügt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte für auswärtige Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklärte mir auf meine Frage, woher denn Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf von Waffen habe, daß er im Jahre 1900, als er noch der mächtige Freund der Kaiserin-Witwe war, bei der Plünderung von Tientsin über eine Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist bekannt, daß Tung-fu-hsiang sein sämtliches, nicht unbeträchtliches Vermögen, bestehend aus Grundstücken und Kapitalanlage, in Pfandhäusern flüssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen ihm gegenüber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste Beamte in Pingliang Fu hängen das Mäntelchen nach dem Wind, sie können es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines Tages marschiert und die beiden fängt, schlägt er ihnen unbedingt den Kopf herunter. Im übrigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft alles Getreide im Lande auf, so daß die Preise trotz der voraussichtlich guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind.