Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die große Linie nach Westen hat Telegraphenanschluß nach Kuyuen.
Wir wanderten zuerst zu dem vorerwähnten Nestorianischen Gedenkstein, der ungefähr 1½ Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einführung des Christentums in China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefähr so vorgestellt, wie man bei uns zu Hause mit derartigen ehrwürdigen, hochinteressanten Zeugen einer vergangenen Zeit verfahren würde, und fand ihn mit noch einigen andern Grabsteinen abseits der Straße inmitten des Schutt- und Trümmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte täglich eine größere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann, würde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, daß hier der Gedenkstein steht, über den Bücher geschrieben und Vorlesungen auf Universitäten gehalten worden sind. Ohne meinen Führer hätte ich ihn wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend für die Interesselosigkeit chinesischer Behörden ist es, daß z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des Yamens für die auswärtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Später erzählte mir Missionar Shorrock, daß auf Reklamationen katholischer Missionare hin in Peking 1000 Taels für eine würdige Aufstellung des Steines und ein Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Höchstwerte von 25 Taels ein Häuschen darüber, das jetzt schon lange wieder verfallen ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hängen. Ich finde diesen Vorgang bezeichnend.
Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt üblichen chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend Drachendarstellungen, umschließen ein christliches Kreuz. Die Inschrift ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Sätze in syrischer Schrift eingefügt, besonders auf den schmalen Seiten des Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten dann zurück, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns bezeichnet haben mag, denn solche führt die hiesige Infanterie. Außerdem wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl tätig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich nicht feststellen; ich knipste sie dafür mit dem Kodak. Offiziere waren nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu früh, oder der heute wehende kalte Wind hielt sie ab.
Unser Weg führte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Südwestecke der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und ich hatte Gelegenheit, zu sehen, daß auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal heißt, weiß ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in seinen recht spärlichen Räumen, die man sonst darin vermuten würde. Der Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir, daß gar nichts Interessantes zu sehen wäre; ich konnte ihm eigentlich nur beistimmen. Außer einigen Schraubstöcken und einigen nicht im Betrieb befindlichen, gänzlich verkommenen amerikanischen Maschinen für Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. Überall klebten Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren Nichtbetrieb. In der übrigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnsüchtig auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebäude ist im europäischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzählte, daß schon lange Maschinen erwartet würden, aber der Weg über die Berge sei so furchtbar schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir nicht ein. Am Ende könnten sie dann womöglich ankommen, und das wäre doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine höchste Bewunderung über den hervorragenden Zustand des Arsenals ausgedrückt und mein Führer erklärt hatte, daß ich als deutscher Artillerieoffizier das gewiß ganz genau beurteilen könne, wobei ich mir kaum das Lachen verbeißen konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu können; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich.
Unser weiter Weg führte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich im allgemeinen solche Besuche nicht schätze, da ich mir immer etwas aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Führer ließ nicht locker, ich mußte heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen. Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz, Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingenötigt, die Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der einen Sofaecke schlief ein Säugling, in der anderen ein Köter. Allmählich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natürlich alle in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid über woher und wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drückte ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das bestätigt findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben.
Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem größten und geräumigsten Yamen der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet, aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet genug; sie zog den später vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele, viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurückgehalten zu haben, und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren hintereinander liegenden Höfen mit Gebäuden dazwischen, wie jeder andere chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, daß es noch nicht sehr lange her ist, daß er geräumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie neu; anderseits sah ich mehrfach in den Räumen oder außerhalb Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlössen daraus auf einen baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi Ngan Fu. Der Kenner weiß, daß vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt gewesene Räume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche Rasthäuser bewohnt und Hund und Schwein vergnügt in den Höfen herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels über die Wandelbarkeit des Schicksals, also über seine liebe Mutter nachgedacht hatte.
Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist von Gebäuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof mit Sperrbäumen umgeben; im Hofe zwei Steinlöwen, die "Wächter", vor einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentür auf der östlichen Seite hinein; mein Führer zeigte oder übergab einem Beamten Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns den Palast ansehen zu dürfen. Die englischen Missionare scheinen sich hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geöffnet. Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebäude hat. Ein ferneres Tor in der natürlich roten Mauer brachte uns in einen dritten Hof, der, zuerst schmal, nach ungefähr 30 Metern rechtwinklig nach beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hölzernen, breiten, vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schöne eingelegte Arbeiten zeigte. Außerdem waren in diesem Raume viele mit Drachenstickereien überdeckte Stühle und einige Spiegel. Rechts und links, in je zwei kleineren, aber auch höchst einfach eingerichteten Nebenräumen konnte man einige sehr schöne Porzellanvasen auf Tischchen sehen. Die Wände zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide gemalte riesige Schriftzeichen. Die übrigen Kuriositäten scheint man nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man die einstigen Behälter aufgeschichtet stehen sehen.
Die Dimensionen der Räume und der Höfe sind nicht entfernt so kolossal wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Größenverhältnisse imponiert hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich möchte sagen, gemütlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof und ein zweiter, ähnlich ausgestatteter Thronsaal, für Empfänge der Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenräumen, in dessen einem zur Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes, drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel darüber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehänge, Vögel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine herrliche große Sang de boeuf und einige Kuriositäten, Schränke mit Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.
An den zweiten Thronsaal nach Osten schließt sich ein weiterer Hof an, in den man, durch das Seitengebäude gehend, gelangt. Hier ist ein Felsengarten, am südlichen Ende ein langes Gebäude, das kaiserliche Privaträume enthält. An dieses Gebäude, wiederum nach Süden, entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebäude an, das für die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Räume sind steif und einfach ausgestattet, einige Stühle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen meist große Uhren oder Vasen, auf dem Boden der übliche große Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenräumen ist auch die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebäude, vor ihm liegt ein hübscher, großer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher künstlicher Terrasse mit schöner Aussicht und einem Gartenhäuschen. Man hört den Straßenlärm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier gesessen und den ihm bis dahin unbekannten Äußerungen des Volkslebens gelauscht haben.
Auf dem Rückweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich die Hand gab. Er war mit großem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun über den mächtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf, nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das Hospital ist ein großer, schöner Yamen, dessen Zwischenräume nicht, wie sonst, schmutzige Höfe, sondern hübsche Gärten zieren. Das Hospital geht augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhältnisse halber nach England verreist ist. Ich frühstückte mit Missionar Shorrock, der mich hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der unter den üblichen Förmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich erkältete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefühl, von dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem hohen, einflußreichen Mandarin recht eingehend Rücksprache zu nehmen. Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen nächsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch Goo-ta-jens festgehalten, so daß ich zu meinem großen Ärger vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich außerdem der Andacht in der Mission beiwohnen mußte, büßte ich noch weitere mir wertvolle 1½ Stunden ein.
Hsi Ngan Fu
Goot-ta-jen
Schließlich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurück, wo mein Mafu bereits in größter Angst auf meine Rückkehr wartete. Er hatte Auftrag erhalten, den gedrückten Pony womöglich zu verkaufen und sich nach einer billigen Karre zur Gepäckbeförderung nach Lantschau Fu umzusehen. Für den Pony, der Schläger und Beißer und nebenbei auch ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden, was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und letzterem muß ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfügung, was ich nach chinesischer Sitte nicht zurückweisen konnte. Außerdem hatte Goo-ta-jen anfragen lassen, ob ich nicht mein großes Pferd verkaufen wollte. Der Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen, worüber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Straße hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so daß er nicht reiten konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der Karre, wobei er tagsüber so schön schlafen konnte, hatte ihm gefallen. Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte, mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurückzuschicken. Die 500 Taels kamen nicht, dafür aber das Pferd.
Am nächsten Morgen wartete ich von 7 bis 8½ Uhr auf den mir von Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natürlich nicht ankam; schließlich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen, traf aber auf der Hauptstraße einen mir bekannten Beamten, der behauptete, der Karren käme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurück, und ich erhielt den Paß für den Wagen mit der Anweisung, den Führer ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte. Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf der Bildfläche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, ließ sich meine Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel nichts mehr wüßte. Unterdessen kam der Karren, der erbärmlich aussah und noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natürlich keine Ahnung, daß es sein Karren sei, und mußte erst darüber belehrt werden. Dann war es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er hätte Karren und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit hatten seine Leute für ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufällig nach Lantschau Fu fahrenden Karrenführer halb gepreßt. Ich dachte, einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und ließ aufladen.
Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt, hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefühl der Genugtuung, nicht auf das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich ärgerte mich gründlich, wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prügeln, da er sonst nichts täte. Ich sagte ihm, daß ich, außer in Notwehr, niemals einen Menschen schlüge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rühren ließ, sondern nunmehr meinem Mafu denselben Rat erteilte.
Am nächsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, daß sie nicht mehr geritten werden konnte. Das glücklichste wäre doch gewesen, wenn sie mir der Mandarin abgekauft hätte, dann wären beide Teile befriedigt gewesen; denn der Chinese hätte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur vor seinen Freunden mit dem teuren europäischen Pferde renommiert, und die gute Witwe hätte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches Leben geführt.
Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; überall sah man noch vom Dunganenaufstande her zerstörte Dörfer. Rechts am Horizont wurden Hügelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, müde Tiere, der Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm empfohlene Führer als ein netter, anständiger Mensch; wenigstens ein Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der Schere vor Müdigkeit um, sie fraßen beide überhaupt nichts. Mein Mafu brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine Vorliebe für diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen, der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschäft machen wollte. Ich erfuhr erst, woher sie waren, als ich sie längst gegessen hatte.
Bei mir fing jetzt die Erkältung an herauszukommen, ich hatte etwas Fieber und fühlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein üblich; es war aber geräumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges Gelände, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene Löß-Schluchten unterbrochen wurde. Überall war terrassenförmiger Anbau, ich zählte einmal bis 28 Terrassen übereinander. Auf jeder derselben liegen die Höhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine große Volksmenge um mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen Auseinandersetzung mit dem Wirte führte. Da die beiden Maultiere des Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenführers hatte die Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan hätte, sicher war er früher schon einmal eingespannt gewesen.
Auch auf dem weiteren Wege waren die Dörfer stets in den Lehm hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai yüe. Mir war sehr elend zumute, nur fehlte merkwürdigerweise der Appetit nicht. Über Nacht tat mir ein Prießnitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fühlte ich mich erheblich besser. Je höher wir kamen, um so kälter wurde es. Während um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht über Gongs und Trommeln zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so daß ich wiederum kaum zum Schlafen kam.
Nepomuk eingespannt, ging es über zwei hohe Pässe nach Kingtschau, wo ein Nebenzweig der großen Mauer über die Berge geht, und von dort marschierten wir zum Kin Ho hinab und in seinem Tale aufwärts, entlang dem Südhange der Berge. Das Tal ist zwei bis drei Kilometer breit und überall mit großen Obstpflanzungen bestanden. Ganz besonders werden Birnen und Aprikosen angebaut, die im getrockneten Zustande ausgeführt werden. Die an den Talhängen im Lehm eingebauten Wohnungen liegen zum Teil in Etagen übereinander. Ich kann mir das nur so erklären, daß zur Hochwasserzeit das Wasser sehr hoch steigt, die Leute daher möglichst hoch wohnen wollen. Eine andere Erklärung bietet der Holzmangel der Gegend, so daß dadurch die Einwohner gezwungen werden, sich in dem sehr haltbaren Lehm Wohnungen zu graben. Manche der vorspringenden Bergnasen waren wie durchsiebt von menschlichen Wohnungen, und zwar meist ganz unregelmäßig durcheinander. In den Sandsteinfelsen sah man zuweilen runde Strudel oder Windlöcher. Die Bevölkerung treibt etwas Rindviehzucht; jedoch war Milch im Verkauf nicht zu haben.
Nach 55 Kilometern Marsch langten wir in Tschangwu Hsien, einer ziemlich großen Stadt, an; trotzdem war Fleisch nicht zu kaufen. Die Straßen und alle Läden waren mit Laternen erleuchtet, Gruppen von Menschen in allen möglichen Verkleidungen zogen unter endlosem Getrommel herum, genau so, wie bei uns zur Fastnacht. Ich mischte mich in meinem Schafspelz unter die Menge; die Leute erkannten mich zwar, kümmerten sich aber weiter gar nicht um mich. Meine Pferde waren heute recht müde, ebenso ging es auch mir; ich schlief die Nacht trotz des Lärms ganz vorzüglich und wachte am 13. Februar morgens frisch und gesund auf, meine schwere Erkältung war vollkommen überwunden. Es ging weiter durch eine ganz glatte, kaum von einigen Hügeln unterbrochene Ebene. In einem Orte war Theater, zu dem hauptsächlich geschmückte Weiber, auf Karren, auf Eseln reitend, von allen Himmelsrichtungen zusammenströmten; sie trugen hier einen Kopfputz, der wie eine Ulanen-Tschapka aussah, nur ist der Deckel nicht quadratisch, sondern länglich. Es war entsetzlich staubig, was sich besonders unangenehm fühlbar machte, als wir am Abend nach Kingtschau, im Tale des Kin Ho, durch unendlich lange, in den Löß tief eingeschnittene Hohlwege hinabstiegen.
Kingtschau ist eine große Stadt. Auch hier war wieder alles illuminiert, teilweise sogar die Einwohner, die dem auf allen Straßen feilgebotenen, bis zum Kochen heißen Schnaps tüchtig zugesprochen hatten. Aber nirgends sah man einen Krakeeler, alles ging friedlich vor sich wie stets beim Chinesen. Die Stadt ist an einem Berge gelegen, und am Abend machte sich das Lichtmeer der Illumination am Berge herauf und herunter wunderhübsch. Sämtliche Preise, sowohl was Essen als was Pferdefutter anbetrifft, gingen, entgegen den Angaben der Missionare, stets herunter. In dieser Gegend waren sie einfach lächerlich niedrig. Über Nacht waren wieder einmal die Karrenmaultiere über mein Futter geraten, und da der Mafu auf kein Rufen hörte, mußte ich selbst hinaus und die Tiere wegjagen. Nebenbei verschlief der Mafu am 14. Februar morgens die Zeit, meine Stiefel waren nicht geschmiert, ich hatte wieder Kopfschmerzen, kurzum, die lieblichste Laune war fertig.
Es ging weiter im Kin Ho-Tale aufwärts; die Gegend war wenig wechselnd, auf der Straße herrschte lebhafter Karrenverkehr; meist waren es solche, die in viereckige Blöcke zusammengepreßte Tabakpacken von Lantschau Fu nach der Küste bringen. Mittagsrast machten wir in Wangtu, wo ich alte Bekannte traf, die ich seiner Zeit in Tschöntingfu kennen gelernt hatte; es waren Kaufleute aus Urumtschi, die von Peking kamen und nach ihrer Heimat zurückgingen. Sie boten mir gleich an, mich ihnen anzuschließen, aber sie marschierten mir zu langsam. Von Vorteil für mich wären allerdings ihre mongolischen Sprachkenntnisse gewesen; einer unter ihnen sprach auch Türkisch und ein anderer radebrechte Russisch. Wir waren heute schon früh im Quartier in Peitseyu, ich setzte daher zum Schmerze meines Mafu großes Sattelreinigen an. Der Karrenführer wollte mich anborgen, ich verstand aber mit einem Male kein chinesisch mehr und wies ihn an den Mafu, dem es ebenso zu gehen schien wie mir. In dieser Gegend begann auch schon die Frühjahrsbestellung, man merkte es an den überschwemmten Wegen; das Wasser trat von den schlecht gehaltenen Bewässerungsgräben der Felder aus.
Im Orte war abends unter großem Zulauf ein Schattenbildtheater auf einer einfachen, erhöhten Bühne; hinter einem weißen Gazerahmen ließ ein alter, ganz heiserer Schauspieler die sehr gut gemalten bunten Figuren ihre Mätzchen machen. Jungen waren unter die Bühne gekrochen und kniffen den alten Kerl in die Beine, was natürlich, als der alte Mann es schließlich merkte, sehr komisch wirkte. Die Figuren auf der Bühne rauchten und aßen, was sich sehr spaßig machte.
Am 15. Februar morgens hatte ich wieder Kopfschmerzen, und die Nacht über hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ich schrieb dies dem mit Pferdemist geheizten Kang zu; in den Zimmern war ein durchdringender, scharfer Geruch, der auch, wenn man die Feuerung hinaustragen ließ, blieb und europäischen Nasen wenig zusagte. Unser Weg war heute von zwei Reihen hoher, dicht beieinander stehender Bäume eingefaßt. Um 1 Uhr mittags waren wir in Pingliang Fu. Vor der Stadt stand auf einem einsamen Hügel eine Art Kastell mit Tempel und hoher Pagode darin; das Kastell beherrscht die Stadt und den Anmarschweg von Lantschau Fu.
Da ich mich nunmehr dem Hauptquartier Tung-fu-hsiangs bis auf wenige Märsche genähert hatte, war es für mich von ganz besonderem Interesse, etwas Neues über ihn zu erfahren. Ich begab mich daher sofort zu dem hier anwesenden Missionar, einem Herrn Johnson; in der Stadt, die ich auf dem Wege zur Mission passierte, bekam ich von Tung-fu-hsiangs Schwarzröcken nichts zu sehen; dagegen hatte ich Gelegenheit, einer Pferdeoperation auf offener Straße beizuwohnen. Der Missionar wohnte außerhalb des Tores, ich innerhalb desselben, so daß ich nicht bei ihm bleiben konnte, da nach Toresschluß gegen 6 Uhr nicht mehr geöffnet wird und ich anderseits den Mafu mit Geld und Waffen nicht allein lassen wollte. Jedenfalls fand ich hier genau das, was ich mir dachte, nämlich eine chinesische Stadt genau wie alle andern, mit dem lebhaften Kommen und Gehen, wie es stets auf der großen Verkehrsstraße zu sein pflegt, und keinen Menschen, der sich auch nur eine Minute für Tung-fu-hsiang interessiert hätte. Man sagte mir, alle Gerüchte über ihn und seine Truppenteile seien weit übertrieben; er sitze ruhig in Heichengtse, drei Tagemärsche nördlich von dieser Stadt, verschanzt, und tue keinem Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil, er solle in letzter Zeit die Absicht geäußert haben, sich noch weiter nach dem Innern zurückziehen zu wollen, da er sich hier immer noch den Grenzen der Zivilisation zu nahe fühle. Er habe nur 13 schwache Kompanien (eine chinesische Kompanie hat 504 Mann), im ganzen 5000 Mann, dazu alte Kanonen und genügend Reit- und Bespannungsmaterial. Ferner habe er sehr viel Proviant aufgekauft; da in den letzten Jahren gute Ernten gewesen seien, habe dieses nicht weiter auf die Preise gedrückt, wie ich selbst feststellen konnte. Man war in den hiesigen Kreisen fest überzeugt, daß er nichts unternehmen würde; der Missionar ließ gerade jetzt seine Frau aus Hsi Ngan Fu hierherkommen, was doch sicher als ein Zeichen des Friedens anzusehen war. Missionare sind stets gut orientiert und unterhalten nebenbei Spione bei Tung-fu-hsiang.
Am 16. Februar morgens gab ich einige Briefe und Karten an den Missionar Johnson mit der Bitte um Weiterbeförderung ab. Die Missionare schicken ungefähr alle vierzehn Tage einen verläßlichen Mann, der bis zur nächsten Station reitet, von wo aus die Briefe dann auf ebendieselbe Weise nach Hankau weiterbefördert werden. Kurz bevor ich wegging, ließ sich der Mandarin noch einmal angelegentlichst nach meinen ferneren Absichten erkundigen und anfragen, ob ich etwa den Wunsch hätte, zu Tung-fu-hsiang zu gehen. Ich sagte ja, um zu sehen, was die Leute wohl tun würden. Der Bote ging zurück, bat mich jedoch, bevor ich abmarschierte, den Bescheid seines Herrn abzuwarten. Bald kam er wieder in Begleitung von 16 Kavalleristen und 20 Infanteristen; zugleich sagte er mir im Auftrage seines Herrn, daß diese Leute dazu bestimmt wären, mich von meinem Vorhaben nötigenfalls abzubringen, woraufhin ich ihm erwiderte, daß ich sofort das Feuer eröffnen würde, sobald auch nur einer es wage, mich zurückzuhalten. Der Mandarin hatte jedenfalls sehr viel mehr Angst um seinen Posten und seine reichen Einnahmen, falls mir etwas zustoßen sollte, als um meine eigene Person, die ihm gänzlich gleichgültig war. Ich vertrug mich später sehr gut mit den Soldaten, schoß ihnen etwas mit meiner Mauserpistole vor und bin überzeugt, daß auch nicht einer im entferntesten gewagt hätte, mich zurückzuhalten, falls ich doch Tung-fu-hsiang aufgesucht hätte. Die Mauserpistole, die immer schoß und gar nicht geladen zu werden brauchte, flößte ihnen einen Heidenrespekt ein. Daß nur zehn Patronen darin seien, erzählte ich ihnen natürlich nicht, nebenbei hatte ich vorsichtshalber auf nur 20 Schritt Entfernung geschossen, so daß die sechs abgegebenen Schüsse alle dicht beieinander saßen. Meine Begleitung verkrümelte sich nach und nach bis auf zwei Kavalleristen und einen Begleiter vom Yamen.
Bei bezogenem Himmel ging es talaufwärts, mehrfach den gefrorenen Fluß kreuzend, was sehr unangenehm war, da die Tiere einbrachen und sich die Fesseln durchschnitten. Das Tal war mit mannshohem Gestrüpp bewachsen und hatte viel Steingeröll. Wir sahen zum ersten Male die schönen Königsfasanen, die bekanntlich hier heimisch sind. Ich hatte das Glück, einen mit der Kugel zu schießen, was eine sehr willkommene Abwechslung in unsern etwas einförmigen Küchenzettel brachte. Nach 70 Li machten wir Rast. Der Karrentreiber veruneinigte sich mit seinem Stangenmaultier, was eine recht unerquickliche Szene gab, da er es rücksichtslos mißhandelte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil das unglückliche Tier nicht fressen wollte. Übrigens trat heute doch eine merkbare Preissteigerung in allem ein. Weiterhin verengerte sich das Tal fortwährend, und es kamen sehr hübsche Felspartien zu beiden Seiten vor.
Ich war gerade dabei, eine solche mit meinem Kodak aufzunehmen, als mich in voller Fahrt ein großer schwarzer Hund anfiel, der anscheinend toll war. Die Lage war kritisch, denn ich mußte meinen Apparat retten, den ich auf keinen Fall geopfert hätte. Der Köter sprang mich an und schnappte über meine linke Hand hinweg nach meinem Rock; ich fiel auf die steinerne Brüstung des Weges, den Apparat in der rechten Hand hochhaltend. In demselben Moment stach einer der mich neugierig umgebenden Soldaten nach dem Vieh, worauf es das Weite suchte. Die ganze Episode spielte sich in vielleicht zwei Sekunden ab. Die Chinesen beglückwünschten mich, daß mich der Hund nicht gebissen hatte; ich hätte ihm gern hinterher noch eins aufgebrannt, aber er war längst verschwunden.
Der Weg wurde für die Tiere immer anstrengender, die Karren blieben bei den Übergängen alle Augenblicke stecken, wobei dann die Führer gegenseitig mit Vorspann aushalfen. Gegen 5 Uhr überschritten wir einen hohen, sehr beschwerlichen Paß und hatten dann im Tale Huacing eine Sperrfestung vor uns. Hier scheiden sich die Wege nach Lantschan Fu und Kuyuen. Der Karrenführer wollte die Stadt links umgehen, um gleich den Lantschau Fuer Weg zu gewinnen. Er war erst nach recht energischem Zureden meinerseits zu bewegen, in die Stadt zu fahren; natürlich hatte er nur Angst, daß ich zu Tung-fu-hsiang gehen würde, und wollte möglichst schon heute in einem Orte auf dem Lantschau Fuer Wege übernachten. Der Yamen erkundigte sich sofort nach meinen ferneren Absichten, und zwar ließ mich der junge Beamte nicht zufrieden, sondern wollte immer mehr wissen, so daß ich schließlich die Geduld verlor, überhaupt keine Antwort mehr gab und für fernere Soldatenbegleitung dankte.
Ich nahm am Abend mit einem alten Lama, der gerade von Tung-fu-hsiang herzukommen behauptete, Rücksprache. Wir gingen durch die Stadt spazieren, wobei er mir die Parteigänger des Rebellen-Generals zeigte. Sie tragen stets ganz schwarze Kleidung, im übrigen handelte es sich hier nur um solche, die Getreide oder Pferde ankaufen wollten; eigentliche Soldaten Tung-fu-hsiangs habe ich kaum zu Gesicht bekommen. Ich fragte den alten, freundlichen Mann, ob es für mich irgendwie lebensgefährlich sei, nach Heichengtse zu gehen. Er meinte, daß keinerlei Gefahr damit verbunden wäre, riet mir aber insofern ab, als dort nichts, rein gar nichts von Interesse zu sehen sei. Man würde mich ruhig in die Befestigungen, die genau so aussähen wie alle anderen, hineinlassen, und mir nichts tun; auf keinen Fall aber würde ich den alten Tung-fu-hsiang zu sehen bekommen. Er halte sich streng abgeschlossen, und selbst von seinen eigenen Leuten hätten ihn die allerwenigsten jemals erblickt. Auf diese Nachrichten hin stand ich von meiner ursprünglichen Absicht, nach Heichengtse zu gehen, ab und nahm damit meinem Mafu und meinem Karrentreiber einen schweren Stein vom Herzen. Ich glaube, sie fühlten ihren Kopf in der letzten Zeit nicht mehr sicher auf den Schultern, und meinem Mafu war der sonst sogar recht beträchtliche Appetit vergangen.
Die Nacht war wieder einmal sehr kalt, die armen Pferde hörte ich neben meiner Stube fortwährend hin- und hertreten, die Kälte ließ sie nicht schlafen. Ich wollte ihnen noch eine Decke überlegen und warf beim Aufstehen meine silberne Zigarettentasche, die ich als Behälter für Kompaß und Kneifer benutzte, herunter. Der Kneifer blieb ganz, der Kompaß zerbrach leider, ein recht herber Verlust. Beim Abreiten meldeten sich noch zwei Infanteristen; wir marschierten zuerst bis an den Hauptpaß im Liu pan schan, zu dem es sehr steil bergauf ging, so daß die armen Zugtiere schwer zu ziehen hatten; ohne Nepomuk hätten die beiden Muli allein die gar nicht so große Last wohl nicht heraufgebracht. Wie gefühllos die Chinesen den Tieren gegenüber sind, konnte man heute wieder beobachten, denn gerade an der schwierigsten Stelle setzten sich die Infanteristen, der Treiber und der Mafu in die Karre, aus der ich sie sofort wieder herausbesorgte. Auf halber Höhe liegt ein hübsches Rasthaus mit Tempel, der, wie alle solche hier, Lauyemiau heißt. Da er eine kleine Soldatenbesatzung hat, ist seinem Namen hinten noch ein Ping angehängt (Ping heißt nämlich Soldat). Der Wirt hatte drei hübsche Töchter, die schleunigst photographiert wurden, sie waren ausnahmsweise ganz vernünftig dabei. Ich benutzte bei den Serpentinen immer die Richtwege, um auf Fasanen zu pirschen, sah auch mehrfach welche, kam jedoch nicht zum Schuß. Die Soldaten nahmen recht eifrig an der Jagd teil. Nach Aussage der Leute sind Wildschwein, Wolf und Leopard hier gar nicht so selten, leider verbot mir meine kurz bemessene Reisezeit, größere Jagdausflüge zu machen. Den Paß krönt wie gewöhnlich ein Tempel. Beim Abstieg hatten wir eine riesenhafte Windhose vor uns, die von den Wolken trichterförmig erwidert wurde. Im Tale liegt Lung-hsi-hsien mit befestigtem Bergfort auf der Ostfront vorgelagert. Die Pferde bekamen hier zum ersten Male wieder Hafer, den sie sehr gern nahmen.
Meinem Karrenführer war nun das Geld endgültig ausgegangen, er klagte mir sein Leid, und es stellte sich heraus, daß er von der anfangs vereinbarten Summe von 19 Taels nur 15 erhalten hatte, den Rest hatten die Leute Goo-ta-jens eingesteckt, und ich staunte nur, daß er überhaupt noch so viel erhalten hatte. Von dem empfangenen Gelde hatte er noch die Hälfte an die Taitai abzugeben. Wenn seine Tiere besser gewesen wären, hätte ich ihn nach Kaschgar engagiert, da er durchaus mit mir gehen wollte; die Maultiere waren aber zu alt, die Karre zu schwer, außerdem wußte kein Mensch zu sagen, wie fernerhin die Wege eigentlich seien und ob überhaupt Karren so weit fahren könnten. Nun borgte er den Geschäftsführer des Gasthauses an. Das soll allgemein so Sitte sein bei den Karrenführern, die durch dieses Verfahren niemals auf einen grünen Zweig kommen, da sie stets in irgendeinem Gasthause hängen. Übrigens hatte ich meinen Führer in falschem Verdacht mit dem Feigensack gehabt, er hatte die Früchte nur als Geschenk für Freunde mitgenommen und verteilte sie nun, wie ich mehrmals sehen konnte.
Mittags verlangte ich Schweinefleisch, worauf alles lachte und mich abwies. Ich ahnte nicht den Grund; erst später fiel mir ein, daß hier meist schon Mohammedaner wohnen. Am Nachmittag trafen wir beim Weitermarsch eine ganze Kamelkarawane, mit Hirschgeweihen beladen. Sie kamen aus Si-ning-fu, das Hirschhorn geht zur Küste und wird zu Arzneizwecken verwandt. Am Abend in Tschönning pu sollte ich eine Frau ärztlich behandeln, die den Anzeichen nach an Herzkrämpfen litt. Ich verordnete kalte Abreibungen morgens und abends und beim Eintritt der Krämpfe kalte Umschläge; jedenfalls war ich sicher, damit keinen Schaden anzurichten, denn ehe der Chinese zum kalten Wasser greift, geht die Welt unter.
Am 18. Februar morgens ging es durch die Ebene weiter. In Tsching Hsing tschau, wo wir rasteten, hatte sich eine entsetzlich neugierige Menge um mich gesammelt, die sich weder durch Wasserguß, noch durch sonstige Schreckmittel abhalten ließ, bis laute Signale einrückende Kavallerie meldeten, die einen malerischen Anblick gewährte. Vier Trompeter bildeten Spalier und bliesen Fanfaren, voraus ritten drei Falkenträger, dann kamen die Fahnen und schließlich die Mannschaften in bunten, meist roten Uniformen. Ich photographierte die Gesellschaft, wobei sie mich rücksichtslos anritten. Unterdessen hatte sich Staubsturm erhoben, der beim Weitermarsch recht unangenehm war. Wir kletterten über drei Pässe mit überaus starken Steigungen, so daß die entgegenkommenden Tabakkarren aus Lantschau Fu sich gegenseitig Vorspann bis zu 16 Tieren gaben, um die einzelnen Wagen die Berge herauf zubringen. Die Luft war derart mit Staub erfüllt, daß wir bei Biegungen oder an den Hunderte von Metern hohen, steilen Abfällen die vorn gehenden Tiere am Kopf führen mußten, da man den Weg gar nicht mehr sehen konnte und ich fürchtete, bei der geländerlosen Straße abzustürzen. Entgegenkommende Karawanen meldeten sich stets durch Glockenklang ihrer Tiere an. Um sie an den Ausweichestellen festzuhalten, damit wir glatt vorwärts kommen konnten, hatte ich die mich begleitenden Soldaten vorausgeschickt; es klappte auch ganz gut. Gegen Abend legte sich der Staubsturm, der diesmal nur vier bis fünf Stunden gedauert hatte.
Als wir noch etwa zwei Kilometer vor unserm beabsichtigten Nachtquartier waren — ich ritt hinten —, rief der Karrenführer plötzlich: Sa lauye, Lhang! (Wölfe.) Rechts am Abhänge einer Lehmschlucht, auf etwa 600 Meter, trottete langsam ein großes graues Tier; ich hielt es für einen Hund, ließ aber doch meinen Zeiß auspacken, um einmal hinzusehen. Unterdessen traten aus der Schlucht drei und dann noch ein ebensolches Tier heraus. Jetzt sah ich, daß es unzweifelhaft Wölfe waren. Sofort ließ ich mir Karabiner und Patronengürtel geben und trabte querfeldein auf eine andere Lehmschlucht zu, um mich durch diese heranzupirschen. Der gute Dicke machte seine Sache sehr gut. Als ich absaß und mich näher schlich, ging er sehr vernünftig im Schritt zurück. Das Rudel, das sich zusammengeschlossen hatte, sicherte nach mir hin, hielt nicht mehr und zog von dannen. Es waren mindestens noch 300 Meter, und diese Entfernung war mir zum Schießen zu weit, außerdem verschwanden sie zu schnell.
Abends in Gau-dia-pu kamen wir gerade zum Schweineschlachten zurecht. Zuerst bekam ich die Nieren gebraten, und dann ließ ich mir ein recht schönes Kotelett herausschneiden, das der Mafu leider gänzlich verdarb. Die Leute können nur auf eine einzige Art kochen, und ob das Schwein, Hammel oder sonst Beliebiges ist, bleibt ihnen vollkommen gleich; es wird nach Schema F hergerichtet. Bei gänzlicher Windstille und leichtem Schneefall ging es am 19. Februar weiter, am Tsauli Ho in Windungen an den Bergwänden entlang. Der Schnee blieb liegen, und die Wolken hingen tief in die Täler. In einem Dorfe gab es prachtvolles Schweinefett, von dem ich gleich eine ganze Büchse kaufte. Dies erwies sich schon am selben Abend als sehr angenehm, denn in unserm Nachtquartier Tsai dia tse war die Unterkunft schlecht, alles sehr teuer, und man bekam nichts zu essen. Zweimal über Nacht erhielt ich Besuch von großen Kötern, die sich durch die Tür zwängten und mir mein Stiefelfett stahlen. Als ich morgens nach der Dose suchte, fand ich noch einen Hund, dieselbe ausleckend; ich wollte sie ihm wegnehmen, woraufhin er mich in meine Ledergamasche biß; ein Schuß machte bald darauf seinem Leben ein Ende.
Wir hatten in den letzten Tagen recht erhebliche Märsche gemacht, ich ritt abwechselnd die Stute und den dicken Pony, und beide befanden sich ausgezeichnet. Das Tier, welches nicht geritten wurde, ging hinten an der Karre angebunden oder wurde von einem der begleitenden Kavalleristen an der Hand geführt. Am wohlsten von allen dreien fühlte sich jedenfalls Nepomuk, der als Zugtier in der Karre ganz in seinem Element war und alle übeln Gewohnheiten der Maultiere angenommen hatte.
Am 20. Februar brachen wir bei 14 Grad Kälte auf und marschierten, um abzukürzen, nicht über die Berge, sondern in einem Flußbett entlang. Ich wäre gerne abgesessen und hätte etwas geführt, um mich zu erwärmen; das war aber nicht möglich, da wir fast ununterbrochen durch Wasser ritten. Es war der Chu-ning-ho. Kaum waren wir aus den Flußtale heraus, so befanden wir uns wieder im dicksten Staube, der die Tiere außerordentlich ermüdet; trotzdem wollte der Karrenführer morgen siebzig Kilometer marschieren, um in drei Tagen in Lantschau Fu zu sein. Wer natürlich am 21. Februar morgens nicht aufstand — es waren hier 15 Grad Kälte —, waren meine beiden Genossen. Um 6 Uhr mußte ich sie vom Kang herunterbesorgen; zu ihrem Glück hatten sie wenigstens die Pferde rechtzeitig gefüttert.
Bei unangenehmem Südost, der sich allmählich zum Staubsturm steigerte, ging es weiter. Es gab einige nicht unerhebliche Steigungen zu nehmen; ich benutzte immer die Richtwege und verritt mich einmal so, daß ich froh war, nach einer Stunde meinen Karren wieder zu haben. Die Tiere waren bei der Ankunft in Nanting Hsien sehr müde, besonders die große Stute, die heute geführt wurde, hatte sich schon den ganzen letzten Teil zerren lassen. Für die Menschen gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen, nachdem wir die letzten zwei Tage nur von Reis und Brot gelebt hatten. Der Staub ist hier besonders fein und dringt durch alles hindurch; ich befürchtete das Verderben meiner photographischen Aufnahmen, wegen der stets verstaubten Linse des Apparates. In der Ebene mußte der Staubsturm noch toller gewesen sein, denn die uns entgegenkommenden Leute waren vor Schmutz überhaupt nicht zu erkennen. Die Stute bekam hier zum ersten Male chinesischen Beschlag; sie hatte so schöne, gesunde Hufe, daß auch ein chinesischer Schmied kaum etwas daran verderben konnte. Als Bezahlung bekam er die alten deutschen Eisen, die seine höchste Bewunderung erregten; er machte dabei immer noch ein sehr gutes Geschäft, wenn man die hiesigen Schundeisen bedenkt.
Am 22. Februar waren wir wieder in Lößbergen mit ihrem terrassenförmigen Anbau. Das Gebirge hieß Ta-lang-tsue-schan, der große Wolfsrachenberg, auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu Graubrot und kleine runde Brötchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch ist ein fast unbekannter Luxusartikel. Über Nacht zum 23. Februar hatte ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knüppels ein plötzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis ein viertel Meter tief, über Mittag wurde es angennehm warm, plus 27 Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. — Wir durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das große Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt hatten.