Einmarsch in ein Dorf in Kansu

Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum Frühstück. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mußte erst von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde der Schnee. Über Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weißen Wolkenschleier auf halber Höhe bedeckt, was höchst merkwürdig aussah. Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren die Berge rechts und links fast schneefrei, während die schneebedeckten Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein Gewehrputzen lockte eine große Volksmenge zusammen; ich machte dabei die unangenehme Entdeckung, daß das Gewehröl ausgelaufen war, Schweinefett mußte aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute einen großen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung chinesischer Schimpfworte zu hören bekam. Ich dachte: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein. Vielleicht kam die schlechte Laune daher, daß das Antilopenfleisch, auf das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso, ich hätte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Ich ging mit einem Soldaten am 10. März früh weg, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr heute so schnell, daß ich mich lieber anschloß, denn was die Augen des Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenführer schon lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bächen von den Bergen; an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren, ihre Felder zu überschwemmen. Daß sie dabei den Weg mitbewässern, scheint ihnen ganz gleichgültig zu sein.

Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets Schneewasser führende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich plötzlich bei einer großen Schafherde ein Gewühl von Körpern, welches ich anfangs für eine große Hundeschlacht hielt. Erst beim Näherkommen entdeckten wir, daß fünf Hunde sich mit elf großen Wölfen um ein Schaf bissen, scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstraße. Die drei Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wölfe gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den Karabiner fertig. Die Wölfe waren durch das Halten der Karre stutzig geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Köter bellten hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schuß; ich ließ daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Gräben und Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wäre. In weniger als einer halben Minute hatte ich die Wölfe in Sicht, sie drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der dünnen Trense nicht so schnell bremsen und war plötzlich mitten zwischen den erstaunt stehenbleibenden Wölfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der Wind herunter, und im nächsten Augenblick wälzte sich, nicht zehn Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschuß am Boden; die andern teilten sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich saß auf, hatte sie nach tausend Meter wieder eingeholt und schoß einen waidwund. Er lag und ich wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem großen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wütend um sich schlagende Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, daß ich es lieber unterließ. Einen festen Biß über den rechten Ärmel und über die rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurück und sah bald, in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als ein Pony. Schließlich geriet er in meiner Nähe in ein tiefes Reisfeld und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der großen Straße zur Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf fand ich nicht wieder, er mußte sich in eine der unzähligen tiefen Wasserrinnen verkrochen haben.

Ich ging nun, schräg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der großen Straße oder nach dem, was man hier große Straße nennt, und wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von weitem rief mir der Führer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig hatte die Gesellschaft meinen schönen schweren Winterrock verloren, der meinen Füllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundriß- und Ansichtszeichnungen, Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort alle zur Verfügung stehenden Leute zurück. Sie hatten entsetzliche Angst, da sie annahmen, ich würde sie nun totschießen, und machten, einschließlich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer Unschuld, fortwährend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem Dorfe zurück, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute erzählten mir, daß ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen hätte und eiligst nach Süden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert wäre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurück, um dort zu suchen; natürlich sind sie nie hingeritten.

Als ich, zurückkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten Strich im Kalender. Ich saß sofort ab, brachte das Pferd noch glücklich bis zur Karre und tat dann alles, was irgend möglich war; das arme Tier warf sich mit solcher Gewalt, daß es gar nicht zu hindern war; ich setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach stellten sich, bis auf den Karrenführer, alle wieder, ohne den Rock, ein und taten derartig dumm und ängstlich vor dem sich vor Schmerzen krümmenden Tiere, daß ich vollends die Laune verlor. Um 3½ Uhr setzte sich der trübselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich, daß die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf, der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht traurigen Stimmung mußte ich doch über die freche Gesellschaft lachen. So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd führend, und dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu verhindern. So gelangten wir allmählich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm ankämpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die Schmerzanfälle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schöpfte wieder Hoffnung. Schließlich fraß es etwas und nahm Wasser; ab und zu kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8½ Uhr hin und war, soweit ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber, meinen Rock und die übrigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich saß traurig neben dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheußlich und hatte Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem Yamen geschickt, um Unterstützung zu erbitten. Der Mandarin schickte sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider gänzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam der Mandarin selbst angeritten; ich mußte auch noch den Liebenswürdigen spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und hörte dazu — recht widerwillig — die guten Ratschläge des übrigens sehr freundlichen Chinesen an, der mich trösten wollte. Später stellte sich auch noch der gänzlich verängstigte Karrenführer ein; natürlich ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem Geheul, da er annahm, daß es jetzt Prügel setzen würde. Schließlich brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich dankend ablehnte. Um 10½ Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht deutlichen Anspielung, daß ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht unangenehm sein würde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.

Der Stute ging es am 11. März morgens gut, sie hatte sich wieder ganz erholt, war aber natürlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu setzen, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß er an einem dieser Plätze zum Verkauf angeboten werden würde. Um 12 Uhr kam die mit nur einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am Wege stehen, was mir merkwürdig vorkam. Der Mandarin erschien auch wieder, natürlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Straße im Ort ließ uns der Karrenführer stehen und war sofort in der Menge verschwunden; der Mandarin drückte sich hinten weg, da er voraussah, daß es nur Zank geben würde. Ich ließ den Mafu sich einige Zeit mit der Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es ging nur auf drei Beinen, aber das genügt ja beim chinesischen Pony. Ich ließ anspannen, immer noch ohne Karrenführer. Die Menge um mich herum lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue Führer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu hinterher erzählte, erst um die Höhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten gehandelt, nicht ahnend, daß ich für die unverschämte Gesellschaft nicht einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken eröffnete, daß er außerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte, fürchterliche Prügel bekommen würde. Mein Mafu gab ihm die Erläuterungen dazu; diese müssen sehr überzeugend gewirkt haben, denn er fuhr späterhin sehr gut.

Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien

Zur Strafe warf ich sämtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und ließ sie laufen, was ihnen sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte ließ mir gleich sagen, er könne keinen Karrenführer schicken, denn derselbe würde sicher Karre und Tier unterwegs verkaufen und ausrücken. Angenehme Zustände!

Am 12. März kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich träumte gerade von dem schönen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und kroch aus meinem Schlafsack, um draußen einen schauderhaften kalten Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen Menschen. Alles schlief noch; außer dem meinigen war kein Pferd gefüttert. Der Karrenführer hatte das ganze vorausbezahlte Geld für die Fahrt, einschließlich Futtergeld für die Tiere, in Opium angelegt und lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewußt, sie rauchten aber sämtlich auch Opium und hatten daher ein Auge zugedrückt. Hier huldigte überhaupt alles, einschließlich der Weiber, diesem schrecklichen, nervenzerrüttenden Laster. Die Leute rannten nun die Straße herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend, um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief. Nichts meldete sich; ich ließ den Pferden daher etwas Stroh geben und dann anspannen.

Meine Pferde in Schan tan Hsien,
rechts der Bruder des Mandarins von Schan tan Hsien

Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte — ich fror nämlich stark —, brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhüllungen befindlichen Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.

Unterdessen war aus einer andern Opiumhöhle ein Yamenmann herausgeholt worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstraße, ungewaschen — hier waschen sich von zehn Leuten überhaupt höchstens zwei —, zerlumpt, noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5½ Uhr im Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden Lehmhütten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, daß er einfach nicht wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurück und fand ihn sanft ruhend auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Guß kalten Wassers auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, daß er wie besessen lief und schweißüberströmt die Karre erreichte.

Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge Djau-ta-jens

Die Gegend war öde und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um, und bald hatten wir den schönsten Staubsturm, den stärksten von allen solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Straße kamen uns im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehörten zu dem Leichenzug Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre gestorben war und jetzt als Leiche mit großem Gefolge nach Peking zurückgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der mitgeführte Troß ging wohl in die Hunderte.

Die Gegend nahm immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter an. Sanddünen wechselten mit steinigen, weiten Flächen ab. Ich mußte die Staubbrille und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaßen gegen den alles durchdringenden Staub zu schützen. Man sah die hohen Sanddünen ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.

Der großartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn; voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewändern, dann folgte, befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten, erhobenen Drachenköpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreißig Trägern an schweren hölzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel saß in einem kleinen Käfig der übliche, ganz weiße Hahn, dann kam in Karren, deren ich 58 zählte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren Gefährte wie kleine Häuser mit Türen und Fenstern versehen sind. Alle beguckten natürlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie immer, wenn der Chinese nicht weiß, was er sagen soll.

Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern saß ein Karren fest, wir mußten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst hätten wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten Bäume auf, es war Örr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur Befestigung des wandernden Sandes rings von Bäumen umgeben ist. Wir futterten schnell auf der Straße ab, dann ging es weiter durch sumpfiges Gelände mit vielen offenen, moorigen Löchern.

Missionar Weiys in Kan tschau fu

Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm ließ nach. Wir fuhren durch ein Tor in ein weites Gräberfeld mit einem sogleich in die Augen fallenden Grabhügel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Südtor in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Plätze hat. Leute über 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern stürzen bald wieder ein und man sieht sofort an den größeren Tempelbauten, daß der Untergrund schlecht sein muß, denn die Gebäude haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der halb europäisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen Mission, gelangten wir endlich in ein schönes, großes Gasthaus. Die große Säuberung vollzog sich vor einer durch alle verfügbaren Öffnungen guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission. Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhält noch eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswürdigen Holländer, fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natürlichen Menschen, der mir gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen Klimas, nachdem er, Kissels, über 20 Jahre auf seinem Posten gewesen war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein vorgesetzt. Die Katholiken sind vernünftigerweise nicht derartig strenge Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefähr wie leichter spanischer Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natürlich, der Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Draußen in der Kapelle hörte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich fühlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Engländern, trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Engländer sehr gern habe.

Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen Dynastie stammend

Gegen 8½ Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13. März war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock für den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der Lebensmittelvorrat für die nächsten Tage ergänzt. Um 12 Uhr ging ich wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein für hiesige Verhältnisse gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie stammt und in dem besonders ein mächtiger schlafender Buddha in recht unverhältnismäßiger Darstellung auffällt. Am Ende des Tempels befindet sich eine der hohen, flaschenförmigen Pagoden. Von dort ging es zum Garten der Mission, drei Li südwestlich der Stadt. In diesem wird hauptsächlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.

Katholische Mission in Kan tschau fu

Der Pater Weiys erklärte mir, daß er Gemeindeglieder habe, die bereits in der fünften Generation christlich wären. Seine Stellung zu dem Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhängige. Er befaßt sich weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im übrigen klagte er sehr über das Opiumrauchen und besonders über das Opiumessen der Weiber. Der Hauptgrund für letzteres sei darin zu suchen, daß sie zu früh heiraten und ihre Männer vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann oft eine herbe Enttäuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen ärztlichen Instrumenten in den Missionen könne man stets eine Magenpumpe für den vorgenannten Zweck finden. Er erzählte noch außerdem, er habe sehr damit zu kämpfen, daß z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder hätten, die infolge der leidigen Unsitte des frühen Verlobens schon an Heiden vergeben seien, was natürlich zu großen Unzuträglichkeiten führe. Ich empfahl mich bei dem liebenswürdigen Missionar, nicht ohne noch einen besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.

Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan tschau fu

Auf dem Rückwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine große Menschenmenge auf der Straße; ich ging hin und fand die öffentliche Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des Herzens, lag gänzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Straße. Auf einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot kostümiert, ein Protokoll aufnahmen, während ein anderer Beamter an der Leiche herummaß und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf allen Dächern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von den Yamendienern zurückgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in einem nach vorn zu offenen Hause, lärmte eine vergnügte, trinkende Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schärfere Gegensätze denken.

Der Schneider kam am 14. März etwas zu spät; trotzdem ist es eigentlich zu verwundern, daß er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war natürlich um die Brust, um den Hals und in den Ärmeln etwas eng, da wir Europäer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die ärmellose Überziehweste, Kandjörr, saß dagegen recht gut. Der Preis für den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem ungefähr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.

Verbrecher in Kan tschau fu

Es schneite ziemlich stark, und der Geschäftsführer wollte mich überreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag für mich von Wert war. Um dem Übervorteilen seitens der Leute, bei denen ich Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschäftsführer eine bestimmte Summe in Silber eingehändigt; davon bezahlte er jeden, der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der Geschäftsführer machte zugleich sein Geschäft, da er natürlich jedem Händler Prozente abzog. Er muß sich dabei ganz gut gestanden haben, denn er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern seinesgleichen, über zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen sich anständig. Draußen, mitten auf der Straße, stand immer noch der Sarg mit dem Ermordeten.

Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von Wasser- und Sumpfvögeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz wüstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute Unterkunft fanden. Eine alte Frau mußte die Fehler, die der Schneider in Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas drückte. Auch am 15. März durchzogen wir eine wüstenähnliche Gegend. Die Dünen laufen von Nordost nach Südwest, westliche Winde schienen vorzuherrschen, da die Abhänge nach dieser Himmelsrichtung flach, diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die Karre mit den zwei Meter hohen Rädern kam nur in mehreren Absätzen hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um 11¼ Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet war. Im ganzen Ort ließ sich kein neues Gefährt auftreiben, aber der Beamte war so liebenswürdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony bespannte Karre zu geben, so daß ich wenigstens fortkommen konnte. Die Gegend blieb weiterhin wechselnd; wüstenartige Strecken folgten unmittelbar auf fleißig bewirtschaftete Ländereien, jedoch war der angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flußläufen. Überall sah man Hecken und Wälle, die dem Versanden wehren sollten.

Karre bei Su tschau

Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandfläche, als links in den Dünen Antilopen auftauchten. Ich ließ die Stute satteln, mit der Absicht, mich in vollster Fahrt zu nähern und so vielleicht eine derselben zu Schuß zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen und — lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drüben im hohen, weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbüschel, sonst war nichts passiert. Ich saß wieder auf und ritt hinter den abspringenden Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu groß; ich kam nochmals bis etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich saß daher ab und führte sie zurück, als links vor mir drei Wölfe auftauchten. Mein Tier war zu müde und die Entfernung für die Mauserpistole zu weit, daher ließ ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblüffend. Besonders sind Wasser- und Sumpfvögel in großen Massen vorhanden; unter diesen schwarze Störche, weiße Reiher, unsere Wildenten, große, rostbraune Enten, Krickenten, Gänse und viele kleine Wat- und Schwimmvögel. Die Chinesen schießen die Tiere nicht; sie sind daher ganz vertraut, und besonders die großen Enten kann man häufig in den kleinen Gräben unmittelbar am Wege finden.

Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten. Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts. Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen Vaterlande im fernen Westen.

Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe, wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich, trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht essen konnte.

Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht, wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand, der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen 400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben. Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen, als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.

Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran, sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute Nase nicht ersetzen.

Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern, die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18. März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte. Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel, das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.

Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit "Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen stiften.

Händler mit Jettwaren

Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien, fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren. Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.

Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange, bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte, mit Steingeröll bedeckte Ebene.

Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten überließ.

Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um 7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm ankündenden Schwüle weiter.

Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu

Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden. Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an. Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.

Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter. Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren. Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn darauf.

Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte. Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen, verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war, wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.

Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.

Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am 25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung ist nicht die Rede.

Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu, an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens. Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd. Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier, die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen, die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.

Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein, und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und Staubsturm, fest ein.