Ngan Hsi Tschau — Packtiere für den Wüstenritt

Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern, ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.

Ngan Hsi Tschau

Am Morgen des 29. März zog ich mit einem Begleiter zum Südtor hinaus auf die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte meine sämtlichen Decken im Freien aufgehängt, um sie zu sonnen, als ein Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den Schmutz riß. Ich versetzte ihm sofort eine Züchtigung und zwang ihn, alle Decken wieder fein säuberlich zu reinigen und aufzuhängen. Das umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd umgehängten Karabiner hatte ich es zu verdanken, daß es nicht einen größeren Skandal gab. — Wir zogen zum Südtor hinaus, nach Süden zu, sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhügelreihe ein Rudel von elf Antilopen aufstöberten, welche sofort absprangen. Nun ging es wieder wie gewöhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben Meter hohen Sanddünen herum, ohne näher als 400 Meter an die Tiere herankommen zu können. Einmal schoß ich unterwegs mit dem Erfolg, daß der ganze Sprung wieder flüchtig wurde und verschwand. Erst nach einer Weile hatte ich sie mit dem Zeiß wiedergefunden, doch sehr weit entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebückter Haltung, über Schlamm, Gestrüpp und gefallene Bäume, manchmal auf allen Vieren kriechend, schnell vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte ich mich, ob sie noch da wären; sie zogen ganz langsam, ruhig äsend, weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zeiß, Pelzmütze und Patronengürtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an der steilen Böschung in die Höhe, aber schon hatte mich der Leitbock erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und äugten nach mir hin; ich war wieder untergetaucht. Dann von neuem hinübersehend, nahm ich mir das nächste Tier aufs Ziel und schoß. Es lag im Feuer, und als ich hinkam, — die Entfernung betrug 148 Schritt — waren außer ihm noch zwei zur Strecke die ersten beiden hatten Blattschuß, das dritte Halsschuß; ich nickte es ab, der Rest war flüchtig, alle drei waren Böcke. Natürlich war große Freude über den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nähe weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurück, um eine Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner zu tragen, wegen ihrer Schwere mißglückt war. Nach zwei Stunden langem Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere glücklich heimtransportierten. Auf dem Rückwege sahen wir noch zweimal Füchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den drei Antilopen ankamen, eine reine Völkerwanderung flutete nach meinem Gasthause, und jeder wollte das Gewehr näher besichtigen, mit dem ich den glücklichen Schuß getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei Gehörnen. Wir waren nun wenigstens für die nächsten Tage mit Fleisch versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz versöhnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.

Eine hübsche Chinesin

Irgend ein Mandarin war mit großem Gefolge aus Hami eingetroffen, darunter zwei hübsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spaß schienen ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht, daß er noch keinen Karren hätte auftreiben können und Kamele bis Hami unter 15 Taels pro Stück nicht zu haben wären. Das war mir zu teuer, besonders wenn man bedenkt, daß ein gut bespannter Karren für dieselbe Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank für die geschenkte Antilope! Es blieb mir also nichts weiter übrig, als am nächsten Tage wieder die Antilopen zu ängstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, daß mein großer Pelz fehlte, der draußen gesonnt worden war und den mein Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich drohte bereits mit Abzügen vom Gehalt und Prügel vom Yamen, als er sich endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestück annektiert.

Ngan Hsi Tschau — Antilopenstrecke

Über Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der stärkste, den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so daß ich davon erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pünktlich gekommen wäre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rührten sich nicht aus ihren Zimmern und hockten überall auf den Kangs, frierend und faulenzend oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, was ich zu ihrem großen Vergnügen als recht schlechte Unterhaltung brandmarkte. Außerdem sprachen sie den ganzen Tag von nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami warteten, was ich zu ihrer noch größeren Belustigung als völlig verwerflich bezeichnete. Meine schöne Nachbarschaft rauchte Opium, eines der Weiber stillte dabei einen Säugling, und das alles bei offener Tür. Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu den Schweinen geben wollte, die Chinesen mögen sie nicht; er begriff gar nicht, daß ich mir eine große Schüssel davon zurückstellen ließ und mir auch die Gehörne zurückbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der Chinesen um ein Gehörn mit der Bemerkung, daß es ja für mich wertlos sei. Der zu überschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und weit aus den Ufern getreten, so daß Mongolen, die ihn am Abend mit ihren Kamelen überschreiten wollten, zurückkehren mußten. Am nächsten Tage hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an, es war aber noch mehr Staub in der Luft, so daß man nicht quer über den Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverständlich wieder nicht; dafür war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum Entsetzen des Mafu beschloß ich, selbst zum Yamen zu gehen; er wußte schon, daß ich mit dem Yamengesindel kurzen Prozeß zu machen pflegte, und fürchtete, daß seine eigene Schwäche der Gesellschaft gegenüber herauskommen würde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort den Unverschämtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, daß ich ihn nicht eher loslassen würde, als bis er mir die Karre gezeigt hätte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hören; als ich ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch gefügig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehöft die für mich bestimmte Karre zu sehen, vorläufig noch ohne Räder; letztere sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin. Die Räder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach gefragt oder sie abgeholt. Ich ließ sofort die Räder zur Karre bringen und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war sehr höflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte, falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht für nötig gehalten habe.

Karrenreparatur in der Wüste Gobi

Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrücken war aber nicht zu denken. Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Büchse zum Südtor hinauszugehen, mußte indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen heranzukommen.

Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan
11 Marschtage = 525 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 47,7 Kilometer

VI. KAPITEL.

Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan.

Der 1. April brachte uns endlich bei ganz bedecktem Himmel und warmer feuchter Luft abwechselnd Regen und Schnee; der Staubsturm hatte sich gelegt. Wir packten auf und marschierten um 6½ Uhr ab, als gerade die Kavallerie, dreißig Köpfe stark, einrückte. Angesichts des drohenden Regens hatten sie es vorgezogen, am Tore kehrt zu machen und sich das Exerzieren zu schenken. Wir ritten zum Nordtore hinaus auf die als breiter dunkler Streifen am Horizont sichtbare Wüste zu. Mit uns zugleich kamen eine Menge Ochsenwagen, die hier die Fähre über den Su lei ho ersetzen. An diesem angelangt, fanden wir einen breiten, reißenden Strom, der weit aus den Ufern getreten war. Diesseits stand eine Menge Chinesen teils mit, teils ohne Karren, jenseits eine Anzahl Mongolen auf Kamelen beritten, beide Teile wartend, wer es zuerst wagen würde, den Strom zu kreuzen. Die Chinesen machten sich dabei laut über die Mongolen lustig, daß sie nicht ins Wasser wollten, während diese sich schweigend verhielten.

Als ich eintraf, bot ich einem Kuhwagenführer die hohe Summe von 5 Cash, wenn er fahren wollte, aber erst, als ich mein Gebot auf 8 Cash steigerte, entschloß sich einer, für diese Riesensumme sein Leben zu riskieren; unter einem wahren Indianergeheul der versammelten Menge fuhr der Karren durch. Der Ochse mußte seinen Kopf zwar sehr hoch halten, aber es gelang. Das Wasser ging an der tiefsten Stelle über den niedrigen Wagen hinweg; ich schätzte es auf 1,10 Meter. Mit demselben Geschrei fuhren wir nun hinein, ich selbst auf der Karre, die Pferde hinten angebunden. Einen Augenblick drohte der Strom die vorderen Pferde wegzureißen, aber wir schlugen, was wir konnten, mit den Peitschen darauf los und kamen noch gerade an der äußersten Kante der Einfahrt zur Furt heraus. Weiter unterhalb war das Ufer hoch und sehr steil, so daß wir dort in eine recht unangenehme Lage geraten wären. Der Karrenführer benutzte den Erfolg, um eine halbstündige Pause einzulegen und den Vorfall erst einmal gründlich zu erörtern. Unterdessen ritten die Mongolen ins Wasser hinein. In der Mitte des Flusses stoppten die Kamele, und es schien, als ob sie nicht mehr weiter könnten, daraufhin allgemeines Freudengeheul der Chinesen. Aber sie kamen doch durch, was mich sehr freute.

Weg durch die Wüste (Wagenspuren)

Nun ging es hinein in die Wüste. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, nichts als weite, steinige Fläche, dazu Regen und kalter Wind aus Nordwesten, es war wirklich zu traurig. Der Weg kommt dem Reisenden endlos vor, er bietet zu wenig Abwechslung; nur von Zeit zu Zeit mahnt ein Kamel- oder Pferdegerippe, daß der Pfad nicht ganz gefahrlos ist. Als wir noch 35 Li von unserm beabsichtigten Rastorte entfernt waren, wurde die Gegend hügelig und vereinzelte Steppengrasbüschel und Wüstenpflanzen tauchten auf. Ich trabte voraus, da zu viele Menschen demselben Ziel zustrebten und ich mir eine Stube sichern wollte. Infolge des dreitägigen Sandsturmes in Ngan Hsi Tschau hatte sich eine ziemliche Menge wandernden Volkes angesammelt, die alle dem ersehnten Turkestan zueilten. Die meisten waren kleine Handwerker, die im fremden Lande ihr Glück versuchen wollten, das ihnen wahrscheinlich in der Heimat nicht geblüht hatte. Ich fand denn auch in der einzigen vorhandenen Herberge alles gepfropft voll, mir wurde aber doch nach Rücksprache mit dem Geschäftsführer ein Zimmer eingeräumt.

Rast in der Wüste Gobi

Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest über steinige Hügel. Die Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer Wasserstelle, um die herum einst einige Gebäude gestanden haben, die jetzt vollkommen in Trümmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde auch von den Pferden nur ungern genommen. Über Nacht war es hundekalt. Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer möglichst dicht dahinter, um mich etwas zu schützen, war aber bald so durchgefroren, daß ich es vorzog, zu Fuß zu gehen, und zwar so schnell, daß ich über eine Stunde früher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, daß die Räder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; daß sie bei den steinigen Wegen überhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich. Abends faßte ich wieder meinen Karrenführer beim Futterstehlen ab; dafür konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am nächsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte, daß ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthäusern bestehenden Ort an einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer aussuchte, außerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, daß ich ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schätzte. Nachmittags ging ich wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen. An die paar Häuser des Nestes stößt eine kleine, zerfallene, mit einigen Soldaten besetzte Befestigung, die dem Räuberunwesen steuern soll. Das Dorf besitzt zwar eine große Rinderherde, aber keine einzige milchgebende Kuh.

Ansiedlung Chin Chin-Hsia

Nach 45 Kilometer Marsch durch hügelige, teils steppenartige, teils gänzlich wüste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia, einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen Steinpyramiden gekrönt, die nur zur Verschönerung der Gegend dienen sollen. Überall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine bezeichnet ist, außerdem durch ein kleines, mitten in der Wüste stehendes Tempelchen, an dem die Karrenführer ihren Kotau machten und dabei zwei in der Erde stehende Pfähle mit Achsenschmiere bestrichen, um gute Fahrt bittend. Die Pfähle sahen aus, wie mit dem dünnen Ende in der Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal wieder recht gut unter Dach und Fach.

Tempel und Opferstöcke in der Wüste Gobi

Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschäftsführer verlangt wurde. Es war nicht zu teuer für diese, so viele Tagereisen von jeder Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt von Dornensträuchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt hatten. Dabei war von ihnen die Küche benutzt worden und sie hatten auch einen Raum für sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt für die Unterkunft mindestens 20 Cash und schläft dafür auf dem allgemeinen Kang. Die fünf Köpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte, ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofür er seinem Herrn einstehen müsse. Ich gab ihm vollständig Recht, wollte mich aber nicht einmischen, da die Sache mich schließlich nichts anging. Ich ließ daher für meinen Karren das Tor öffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen 300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hörten. Die Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kehrte um, riß den einen zurück, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, daß ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal anfaßt, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte ihnen, daß ich ihre Handlungsweise für grundgemein hielte, im übrigen würde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war ganz glücklich, machte fortwährend Kotau und wollte das Geld durchaus nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere.

Quelle und Tempel Chin Chin-Hsia in der Wüste Gobi vor Hami

Nach fünf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen, hübsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das Innere war ganz mit Weihgeschenken behängt, rot- und gelbseidenen Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. Über dem Altar hing die ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schön klingende Glocke an, jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schüttelte er einen Würfelbecher mit Würfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm die Anzahl der gewürfelten Augen, es ist seine Glückszahl. Ein anderer Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen Fahnen, die üblichen Waffen, ferner Pauken und Sättel stehen, hat man auf das Felsenmeer ringsum eine schöne Aussicht. Alle Abhänge sind mit kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele Tausende.

Chin Chin-Hsia-Tempel in der Wüste Gobi vor Hami

Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr üblen Abstieg, dann kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte. Ich überschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schuß kommen zu können; einmal hatte ich sie auf ungefähr hundert Schritte vor mir, war aber so außer Atem von dem Klettern über die Felsblöcke und von dem Rutschen über die Schneeflächen, daß ich nicht schießen konnte. Nach ungefähr einer Stunde gab ich die unnütze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase die Tiere schon Kilometer weit abspringen, außerdem wurde ich für den Rückweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verläuft man sich sehr leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompaß, wobei ich die große Straße unbedingt kreuzen mußte. Nach einer Stunde strammen Marsches sah ich mit dem Zeiß die Telegraphenstangen vor mir und hatte bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen, sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die Sonne auf den Sand und malte zur Übung chinesische Schriftzeichen. Gegen 10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und war in Todesangst.

Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten bekommen, so daß der Weitermarsch mehr als ungemütlich, wurde. Ich trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heißt, wir mußten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr Glück. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort Beschlag legten. Ihr Karrenführer, der heute morgen für mich Partei genommen hatte, fürchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu mir; er fühlte sich unter meinen Fittichen sicherer. Übrigens hatten auch alle anderen Chinesen nach der Affäre beim Abmarsch mir ihre Zustimmung für mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefühl ist also bei ihnen nicht erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine Quelle mit sehr schönem Wasser, so daß wir unsere Wassersäcke und ausgehöhlten Kürbisse neu füllen konnten.

Durch die steinige Wüste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das Gelände war leicht wellenförmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern, aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens plus 5 Grad. Es ist spaßig zu beobachten, wie es die Karrenführer verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenführer sitzt bequem auf der Karre, die Stütze muß die Pferde antreiben, muß im Gasthaus kochen, Pferde tränken usw. Dafür darf der helfende Chinese sein geringes Gepäck auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungenießbar, wir mußten erst ein tiefes Loch graben, um überhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen nahmen wir das von uns mitgeführte Wasser und marschierten abends gleich weiter, weil der nächste Wasserplatz über 70 Kilometer entfernt lag. Ich litt wieder an Verdauungsstörungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heißes Wasser zu trinken; die eine Ausnahme hatte gleich üble Folgen. Unsere Reisegefährten wollten eigentlich auch über Nacht marschieren, zankten sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenführer. Dieser bat mich, zu vermitteln, ich hütete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen Leuten einzulassen.

Aufbruch aus dem Biwak (Gobi)

Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nächsten Tage Punkt 12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fünf Gasthäuser, die natürlich die einzigen vorhandenen Gebäude sind, außer einem Tempel, in dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder einmal Gelegenheit, zu sehen, was für zähe Menschen diese schlecht genährten, eigentlich nur von Grütze lebenden Chinesen sind. Mit unserer Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine Ruhepause gemacht worden war. Während das Thermometer in der Nacht unter dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42 Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten mich jetzt schon und begrüßten mich stets freundlich.

Gegen Abend bemerkte ich draußen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte, waren inzwischen völlig mittellos geworden und wurden jetzt vom Geschäftsführer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war für die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren verkrüppelten Füßen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel für denselben Preis zurück und stellte ihn den überglücklichen Leuten wieder zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so daß sie nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war ganz betäubt von dem plötzlichen unerwarteten Glück. Mir taten die armen kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; außerdem überließ ich ihnen einen Sack Wasser.

Rasthaus in der Wüste Gobi

Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wüste war nicht mehr ganz vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Gräser auf, und einmal kam sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bäume wuchsen, die ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die ganze lange Strecke zu Fuß, es wurde allmählich drückend schwül; da ich Gamaschen, Pelzmütze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Straße hatte sich eine größere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um geringe Beträge. Um fünf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die Köpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die hohen, meist mit Schnee bedeckten Ausläufer des Thien Schan sichtbar. Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag ein heißer Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zählte ich 22 Grad.

Am nächsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind im Rücken hatten, ließ ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte Bäume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelförmigen Auflegegestell am Gewehr, auf dem Rücken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm ließ mehr und mehr nach und es wurde wieder drückend schwül, für die Leute, die, in ihre Schafpelze gehüllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die Mulis konnten weder vor- noch rückwärts und hätten leicht ertrinken können. Ich ließ halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon öfter Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rührend für seine Tiere sorgte, nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, daß die Tiere zwar herauskamen, ich selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war.

Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut mit zwei Ställen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den Luxus eines Tisches und einiger Stühle, sogar frische Semmeln gab es am Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zähen gelben Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich hätte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den Rückweg antreten.

Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren; ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenführer lag im Opiumdusel und mein Mafu war überhaupt nicht zu finden; ich mußte warten, und wir konnten erst um 5½ Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten Dörfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Gräber, die nicht, wie im eigentlichen China, runde Hügel sind, sondern, wie bei uns, eine längliche Form haben, ließen erkennen, daß wir bei Türken angelangt waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl Dschaggatai-Türken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach ausziehen. In der Gesichtsbildung fällt sofort die starke Nase auf.

In der Nähe von Hami wurde der Verkehr stärker. Gegen 11½ Uhr waren wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nördlichen Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal, denn die Menge benahm sich unverschämt und zudringlich. Als einige der Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern heraus. Schließlich nahmen aber die übrigen Leute für mich Partei und beschimpften den Betreffenden auch noch, so daß ich ihn laufen ließ.

Man erzählte mir, daß noch ein Europäer augenblicklich in Hami sei. Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich den Mafu zum Yamen; ich selbst ließ mich zu dem Gasthaus führen, wo der Europäer wohnen sollte. Man war sich über Nationalität und Beruf nicht einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die Stadt, eigentlich muß man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschäftigt fand; sie hatten, ebenso wie die meinigen, Läuse, und da auf die chinesische Bedienung kein Verlaß ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er, worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, daß er Bode heiße und Kapitänleutnant außer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und als Kameraden fühlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in Kapitänleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzählen wußte. Er reiste, wie ich, ohne größeren Komfort und wechselte seine Begleitung und Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche Unterstützung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt, sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen die russischen Behörden in Urumtschi um Unterstützung gebeten. Die Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch irgendwelche hohen Chinesen zu drücken, und der hiesige Yamenbeamte schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht hieraus, wie weit der russische Einfluß reicht, bis zur äußersten Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhängiger, sehr energischer Mann, der zu seinem Vergnügen reiste. Er beabsichtigte, ungefähr bis Hsi Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus später nach Süden zu gehen. Ich saß bis spät abends bei ihm, trank aber leider zu viel von seinem vorzüglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee, der mir solches Herzklopfen verursachte, daß ich mich später lange schlaflos herumwälzte. Meiner braven Stütze, dem Mafu, redete ich zu, mit Kapitänleutnant Bode wieder zurückzuwandern; auf diese Weise wurde ich ihn besser los, als wenn ich ihn später hinaussetzte, was doch bald hätte geschehen müssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich für das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte.

Früh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in der Wüste seinen Esel zurückgekauft hatte; er brachte mir ein schönes, großes Stück Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich über dieses Zeichen der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen, bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitänleutnant Bode, um ihn zu einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen, erwartete man mich bereits. Die Mitteltüren wurden mir zu Ehren geöffnet, und ich trat in einen langen, von Gebäudereihen flankierten Hof. Am Kopfende befand sich ein höheres Gebäude. Der Prinz kam selbst heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswürdigste. Wir traten in eine schöne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war; man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wänden, geschnitzte Gitterfenster, sehr schöne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen, Jettgegenstände und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und kleine Konfitüren russischen Ursprungs vorgesetzt.

Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm Chinesisch, während Bode Türkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich nach woher und wohin und nach europäischen Verhältnissen, besonders interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen der Völker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natürlich wollte er gern wissen, welche der beiden Mächte später einmal sein Herr sein würde; denn daß dieses eintreten müsse, hielt auch er nur noch für eine Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein Freund Boos war vor fünf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige Sachen nicht mit mir führte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan begleitete uns noch hinaus, um die beiden großen, fremden Pferde zu besichtigen. Kapitänleutnant Bode ritt einen sehr schönen arabischen braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine australische Stute. Natürlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser einen sehr schönen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der Besichtigenden.

Kapitänleutnant Bode mit seinem arabischen Hengst "Lotto" in Hami

Ich hatte den Eindruck, daß sich dieser halb selbständige Fürst mehr zu Stambul gehörig fühlt, als zu China; er erkennt aber den Kaiser von China als sein Oberhaupt an und wird par ordre de mufti, jedenfalls wohl nicht freiwillig, Ende dieses Jahres nach Peking reisen, um den Kaiser oder vielmehr die Kaiserin-Witwe mittels Kotau zu Neujahr seiner Ergebenheit zu versichern und den Tribut, bestehend in Geld, Teppichen und Ponies, sowie in Jett-, Silber- und Goldsachen abzuliefern. Wir ritten zurück. Ich fand in meinem Gasthause ein Diner vom Yamen vor; bald kam auch der Beamte selbst, der hier schon nach türkischer Sitte Amban heißt, um mir seinen Besuch zu machen. Kaum war er hinaus, als der Taotai auch noch in Begleitung eines kleinen Söhnchens erschien, der mich eine ganze Schachtel Schokolade kostete. Beide Mandarinen waren äußerst liebenswürdig, nahmen mir aber mit ihrem Geschwätz eine Menge Zeit weg.

Ich rechnete dann mit dem zurückgehenden Mafu ab; er bekam über 40 Taels, was ein ordentliches Loch in meinen Beutel machte; aber besser, heute die Summe, als später in Kaschgar annähernd die doppelte und noch einen Pony zum Zurückreiten, was ich mit ihm verabredet hatte. Ich packte dann alles auf, schickte den Mafu zum Yamen, der Packtiere halber, und engagierte mir einen mit mir von Ngan Hsi Tschau gekommenen weiter nach Westen wandernden Mann als Stütze. Er sah zwar ziemlich schmierig aus, machte aber einen ehrlichen Eindruck; er ging später mit mir bis Kaschgar und hat sich stets als guter, ordentlicher Diener erwiesen, der am liebsten mit mir nach Deutschland gekommen wäre. Den Abend verbrachte ich sehr angenehm bei Kapitänleutnant Bode; er hatte außer seinem arabischen Hengst Lotte noch vier andere Pferde, die teils aus Karaschar stammten, teils Kalmückentiere waren. Ich half ihm mit einigen Kleinigkeiten aus, die er mit ebensolchen erwiderte, außerdem gab er mir eine schwarze Liste sämtlicher Mandarinen auf dem ferneren Wege bis Kaschgar mit, so daß ich schon jetzt in der angenehmen Lage war, über jeden derselben orientiert zu sein.

Am 13. April morgens, kurz bevor ich abmarschieren wollte, kam vom Sultan als Geschenk ein Hammel, ein Sack Erbsen, ein Sack Reis, Heu, Stroh und Feuerholz. Zurückschicken konnte ich die Sachen nicht, also gab ich sie für meine Rechnung in Zahlung und tauschte den Hammel gegen Pferdefutter ein. Übrigens ist ein Hammel hier nicht mehr als vier Mark wert. Kapitänleutnant Bode kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er stand neben meinem Pferde, als ein etwa zehnjähriger Junge versuchte, ihm einen Beutel mit Goldstücken aus der Tasche zu ziehen. Bode ertappte ihn dabei und strafte ihn gründlich. Das Volk verhielt sich ganz teilnahmslos dabei. Ich zog weiter nach Westen durch die Mohammedanerstadt mit ihrer großen schönen Moschee und ihren charakteristischen Begräbnisplätzen, hinaus in die Steppe, die hier jedoch nicht so trostlos öde ist wie nach Süden zu, da sie von ziemlich vielen kleinen Wasseradern durchschnitten wird. Nach Norden zu bildet der Thien Schan mit seinen schneebedeckten Gipfeln einen wirkungsvollen Abschluß.

Zu Kapitel VII.

Chinesisch-Turkestan
26 Marschtage, 4 Ruhetage = 1215 km — Durchschnittsmarschleistung 46,4 km
Chinesisch-Turkestan
23 Marschtage, 6 Ruhetage = 952 km — Durchschnittsmarschleistung 41,3 km

VII. KAPITEL.

Chinesisch-Turkestan.

Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue Stütze war willig und schnell.

In glühender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wüste; wir hatten über Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich die ersten Obstbäume, die teilweise schon Blüten angesetzt hatten, bei unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nächsten Morgen hatten wir nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drückend heiß. Wir hatten wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer offizielle, von der Regierung erbaute Rasthäuser, die, soviel ich gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft bemerkte ich, daß mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurückritt, um dort danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevölkerung, besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wäsche im Dorfbach.

Mein Diener Djang tsche Tschang

Wir näherten uns nun allmählich dem Thien Schan, der felsig und kahl ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwürdig war der stete Wechsel der Temperatur während des Marsches. Kurz hintereinander ging es durch heiße und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das Gelände war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bäche meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten Boden stecken zu bleiben. Einmal saßen wir doch fest und mußten alles abladen, um die Karre mit vereinten Kräften wieder herauszuziehen. Gegen 3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort hat eine schöne große Quelle und eine ganze Menge Bäume. Mein, neuer Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewährte sich durchaus; er war fleißig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natürlich erst die Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was für ein unglaublich fauler Mistfink mein alter Mafu gewesen war und ärgerte mich, daß ich den Menschen für mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte.

Lo tung

Es ging heute durch Ausläufer des Thien Schan bergauf und bergab. Überall war steinbesäte Wüste. An einer Stelle war der Telegraph zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schönes geworden sein! Mitten in der Wüste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natürlich war alles teuer und schlecht, wir aßen das letzte Stück Fleisch aus Hami, von nun ab mußten wir uns wieder auf Reis beschränken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein, der die ganze Nacht über wehte und durch die das Fenster darstellende Öffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen Mittag erreichten, war derartig überfüllt, daß ich beschloß, den Marsch noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mußte; die Chinesen ließen den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schräge Ebene, in der uns der Sturm wieder voll faßte. In den Bergen war es dafür drückend schwül gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben. Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hübsch gelegenen Orte wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war vollkommen so, als ob man über Schotter auf einer neuen Chaussee marschiert und für die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind ließ nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem.