Kleines Felsennest hinter Kosch (Turkestan)

Rasthaus in der Wüste

Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof, mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, außerordentlich freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschloß ich, zu bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswürdig aufgenommen. Natürlich mußte ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen; von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz Staubsturm die Türe nicht zumachen ließ, war es vor Gestank kaum auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und ließ bedenklich den Kopf hängen. Da kein Stroh zu haben war, mußten die Tiere auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefaßt war. Am jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schönes Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fühlten sich sehr wohl. Es blieb den ganzen Tag über kalt und windig. Der Beamte klagte mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr über nicht anders. Nachmittags ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber nichts mehr.

In jedem dieser Höfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten soll! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium. Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Menü bestand hier morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht aufzutreiben.

Rasthaus in der Wüste zwischen Hami und Turfan

Bei großer Kälte und Staubsturm brachen wir am 21. April früh auf. Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo uns der aus Norden kommende Sturm erst recht faßte. Es war einer der schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwärts. Um 3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in der Wüste liegenden Gehöft an, in dem die Pferde gewechselt werden sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein größerer Ort nur noch 20 Kilometer entfernt sein sollte, ließ ich weiter marschieren. Um 6 Uhr trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90 Kilometern hinter uns, ohne daß die Pferde auffallende Müdigkeit zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte, waren Eier und Hammelfleisch, die es hier für teures Geld gab, willkommene Beigaben des Küchenzettels.

Heiligengrab vor Pitschan

Über Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich wieder einmal großen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt wurde. Es geht hier durch Wüste, in der vereinzelt an Quellen kleine Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten, zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, daß sie einem Hitzschlag nahe waren. Es war merkwürdig, wie belebend auf Mann und Pferd der Anblick der grünen Felder und Bäume, zwischen denen wir nun durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem großen Orte mit gemischter Bevölkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem befestigten Mauerviereck, außerhalb desselben die Mohammedaner. Ich setzte großes Reinemachen an; die Pferde wurden sämtlich gewaschen, die Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es nötig war, von einem geschickten Schmied für billiges Geld erneuert. In der Gegend, in die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400 Kupfer-Cash, so daß letzterer fast annähernd unserm Pfennig entspricht. Besonderen Spaß machte meinem neuen Chinesen am Abend das Bürsten meiner Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar nicht, was das wäre, und hielt es wahrscheinlich für irgendwelche Hexerei. Genau wie in der Türkei ruft hier abends der Muezzin sein Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines Hauses.

Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pünktlich und wir kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im höchsten Anbau befindliche Pitschan-Tal; überall führten die kleinen, geschickt geleiteten Kanäle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blühten bereits und unterbrachen mit ihren roten Blüten sehr angenehm das satte Grün der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt hatten und wieder in der Ebene waren, hörte mit einem Schlage jede Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der südlich von hohen, kahlen Bergen begrenzten Wüste. Nur ab und zu traf man in tief eingeschnittenen Tälern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder glühend heiß, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwärts, und ich war froh, als wir von weitem das mit grünem Blätterschmuck umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur ein schlechtes Zimmer zur Verfügung, weshalb er mich gern abgewiesen hätte, ich hörte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst hätte ich biwakieren müssen. Nachmittags saß ich draußen und schrieb, was eine wahre Völkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander veranlaßte. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schließlich malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen Lettern in die Hand.

Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren, trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt, irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich nie gesehen hätte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natürlich aus.

Der Abend war drückend schwül, wie ein Gewitterabend zu Hause. Staubsturm und wieder einmal der übliche Zank wegen der Pferde leiteten den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswärtigen Amt, des Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich ihn überhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami stand, daß mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren bespannten Karren zu stellen hätte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der Karre. Mein Beamter war natürlich im Opiumdusel und zu schlapp, um irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mußte selbst wieder eingreifen. Erst zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten Höflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht meine Sprache nicht", was die ganze Überhebung des Chinesen kennzeichnet. Schließlich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor Prügel hatten; der Verwalter aber ließ sich immer noch nicht sehen. Ich schickte in das Haus, er möchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Paß unter die Nase mit dem Bemerken, daß, wenn nicht binnen fünf Minuten 3 Ponies und Leute zur Stelle wären, ich dafür sorgen würde, daß er seinen Posten verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glücklich fort.

Es ging durch meist unbebautes Gelände und schließlich einen in tief eingeschnittener Schlucht fließenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde immer schlimmer, dicke Wolken des hier rötlichen Staubes wirbelten durch die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in Tschönn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mußte ich wieder auf der Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat höchst großspurig; doch achtete ich nicht darauf und überhörte gänzlich seine unverschämte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von den Leuten erzählte, daß ich Offizier sei, war er plötzlich wie ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war schon 60 Jahre alt und hatte eine hübsche junge Frau, die bloß nach mir guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schließlich meine europäischen Sachen zeigte.

Der Dicke wollte nicht fressen, ließ den Kopf hängen und schien Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der Staubsturm ließ auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu, er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so daß man es nicht so schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzähligen kleinen Erdhügeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklären, bis ich herausfand, daß die ganze Wüste über und über von nord-südlich gehenden unterirdischen Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhügel sind durch Herausschaffen der Erde aus den unterirdischen Kanälen entstanden. Sie haben oben Öffnungen, um in die meterhohen Kanäle hineinzusteigen. Letztere bringen das von den nördlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den menschlichen Ansiedelungen. Über der Erde geleitet, würde es wohl bald im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehöften vorbei erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch Vorstädte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den üblichen kleinen Bewässerungsgräben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen Ufern die Straße kreuzen, so daß der Wagen festsitzt. Die eigentliche Stadt ist mit Wall, Graben und Tortürmen im chinesischen Stil versehen. Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschämt, so daß er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schließlich langten wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Paß und Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach über dem ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu sein und ließ sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein Trinkgeld und wurde entlassen.

Ich machte Toilette und ließ mir von einem Schantufriseur die Haare schneiden, wofür er 120 Cash, also ungefähr 30 Pfennig forderte; er bekam natürlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging ich hin, ließ mich anmelden und wurde von Wönn ta lauye empfangen. Ich fand einen vornehmen, liebenswürdigen Hunanesen, der sehr leidend war. Nach den üblichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. ließ ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, überreichen. Ich ahnte nicht, daß der alte Herr nicht mehr reitet, sonst hätte ich ihm etwas anderes geschenkt. Beim Abschied ließ er mir zu Ehren die Haupttore öffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er sehr erstaunt, daß ich ohne jeglichen Dienertroß, also ganz entgegen chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine Leute und Pferde seien.

Der Staubsturm wurde immer übler; namentlich litten die armen Pferde darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war ganz schwach. Ich hatte fortwährend eine Unzahl Jungen um mich, die sich aber viel anständiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Türkin zwei der hier üblichen Mützen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte. Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und Brennholz als Geschenk.

Die Türkinnen hier sind hübsch und sehr viel freier als die Chinesinnen, man sieht sie überall unverschleiert auf der Straße. Über dem offenen oder in zwei bis drei Zöpfe geflochtenen Haar tragen sie als Kopfbedeckung rote, grüne oder blaue Velvetmützen, als Anzug ganz bunte Kleider mit weiten Hosen und über alles ein bis an die Knie gehendes Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den schreiendsten Farben; hier müßte für unmodern gewordene Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder Pantoffeln; viele gehen auch barfuß. Silberne Ohr- und Fingerringe in chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Männer tragen einen langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein über die Hosen gehendes Hemd, bunte Kappe, bunten Gürtel und hohe rindslederne Stiefel.

Wen Li Schan, Mandarin in Turfan

Am nächsten Morgen kam mit großem Pomp Wönn la lauye, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das Treppensteigen schwer fällt, war wieder sehr liebenswürdig. Natürlich interessierte er sich ganz außerordentlich für meine europäischen Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Südchinesisch spricht und nebenbei auch noch stottert. Er saß wohl über eine Stunde bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich alles Notwendige bekommen hätte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch hätte. Über Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn nicht die anders gearteten Kostüme und die bärtigen Männer wären. Übrigens trägt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die Häuser, die von außen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen Charakter, gewölbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fußboden, die Feuerstelle mit dem Fußboden in gleicher Höhe und vor dem Feuer eine viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen und Holz aufbewahrt werden.

Waschende Türkin

Als ich zurückkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter für mich zu liefern und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu schlichten, in der Annahme, daß ich für ihn Partei nehmen würde. Mir fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir: "Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens für einen Tael verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, daß er die Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen kürzester Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, würde ich zum Yamen gehen, wo sein Herr dann entscheiden solle, wer die Prügel zu bekommen habe. Das Holz kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die Schantus waren nun doppelt liebenswürdig gegen mich, weil sie gesehen hatten, daß ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des Geschäftsführers brachte mir europäischen Zucker, also einen großen Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange, bis ich ihm versprach, ihn für freie Station und 2 Taels in bar, also herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner Mutter wollte, entschloß sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein Trinkgeld verbindend, für die letzten zwölf Tage 1 Tael und gab ihm 2 Taels Zuschuß, damit er sich anständig anziehen könne. Jetzt konnte ich mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen, denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar nichts. Der Schantu hieß Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafür konnte ich schon manche schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.

Geschäftsführer und seine Frau
Türken aus Turfan in meinem Gasthaus

Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte nichts fressen. Für mich war das ein harter Schlag, daß der gute Dicke, der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.

Ganz spät kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich für den 27. April zu einem kleinen Frühstück eingeladen wurde. Am nächsten Morgen spazierte ich also dorthin, nicht ahnend, daß man mir zu Ehren ein größeres Essen angeordnet hatte. Zuerst mußte ich warten, da der Mandarin sich noch nicht erhoben hatte. Unter üblichem Trommelwirbel stand er endlich auf. Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male, ein Zeichen, daß der Mandarin bereit sei, seine Gäste zu empfangen. Ich kam als erster an. Allmählich stellte sich eine ganze Anzahl von Chinesen aus der Haute volée Turfans ein. Wir bekamen zuerst Süßigkeiten und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum dritten Male und der erste Diener meldete, daß angerichtet sei. Übrigens war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch vorzüglich geschult. Wir wurden zum Eßzimmer geleitet, wo uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, daß ich in meinem nichts weniger als salonfähigen Reisekostüm erschienen war, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und hinderte mich auch nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Während des Essens erschien meine Stütze in seinem neuen Anzug und meldete, daß es dem Pony immer noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr heiß sei; das Thermometer zeigte 37½ Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem er es sich in dem Eßzimmer in einem der Lehnstühle bequem machte. Da er auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich, nochmals für die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der Boden brannte mir unter den Füßen, des kranken Ponys halber. Zu Hause fand ich das arme Tier völlig teilnahmslos vor und überlegte schon, ob ich es nicht lieber erschießen sollte, denn verkauft hätte ich es in diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf Besserung. Der Pony, der mich persönlich ganz genau kannte, nahm von mir etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an, legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen hatte.

Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden, daß ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck für Telegraph nicht wußte, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu finden. Schließlich malte ich in einem Laden einem intelligenten Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergötzlichen Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch europäische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu können. Schließlich bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdürftig Englisch zu können. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmöglich; ich schrieb daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf, in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu geben. Selbstverständlich bezahlte ich dafür, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob es überhaupt abgehen, und ebenso ungewiß, ob es unverstümmelt in Kaschgar ankommen würde. Wie ich dann später in Kaschgar erfuhr, ist das Telegramm dort unverstümmelt angekommen und in der liebenswürdigsten Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange Telegramm kostete nur 1,89 Taels.

Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen großen Stab von wirklich netten hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schöne Frau des Geschäftsführers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash Trinkgeld.

Derwisch in Tocktsun

Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und zu melden, daß ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem Wunsche einer glücklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus für glückliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.

Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf höchst übeln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging, nicht führen, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm. Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten Häuser von Tocktsun erblickten. Merkwürdig gut bekam dem Dicken der lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glücklich darüber, daß das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz merkwürdig zäher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wäre sicher dabei eingegangen.

Tocktsun ist ein Städtchen mit gemischter Bevölkerung, es hat eine Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und wollte wieder zurück. Natürlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen, ohne daß er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschuß bezahlt hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu schicken, heulte er mir etwas längeres vor, doch ließ ich mich dadurch gar nicht rühren, sondern entschied, daß er weiter mitgehen müsse. Die Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18 Jahre alt und einen vollen Kopf größer als ich.

Bei empfindlicher Kälte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswänden. Der Boden der Schlucht war äußerst steinig, außerdem ging es die ersten 15 Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gänzlich vegetationslos, die nördlichen Wände an flacheren Stellen teilweise mit übergewehtem Wüstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte Wildente. Wir marschierten unaufhörlich, die Schlucht nahm kein Ende. Die Sonne brannte glühend heiß herunter, das Thermometer zeigte plus 49 Grad; nirgends fand man ein bißchen Schatten. Die Pferde ließen bedenklich die Köpfe hängen und der arme Dicke mußte schon getrieben werden. Zuweilen trafen wir größere Eselherden, die als Lasttiere für Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis 3 Taels. Merkwürdig ist, daß große Herden von ungefähr 100 Stück nur von einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere hatten versagt und der Führer war mit sämtlichen Tieren vorausgeritten, um sie zu tränken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Tränke. Aus einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer porös aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hübsches buntes Bild. Was jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, daß unser heutiges Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1½ Uhr waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine Häusergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem Rasthause für mit Regierungspaß versehene Reisende. Man findet diese Einrichtung in den meisten größeren Städten, auf den Zwischenstationen seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder herausbefördern wollte. Da er nicht sehr höflich war, wurde ich grob; seine Leute sprangen ein und belehrten mich, daß ich einen Ta-jen (Exzellenz) vor mir hätte. Hierauf erklärte ich, das treffe sich ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im übrigen würde jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir höchst persönlich Hiebe besehen; natürlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen. Später zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; für die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen ließ, wieherte die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. Übrigens war der alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rührend gut zu mir. Er suchte mich immer zu trösten, teilte redlich sein bißchen Stroh und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heißes Wasser auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets für mich, ehe er irgendwie an sich selbst dachte.

Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze Nacht über hörte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen Ärger von Unterkunft Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kümmerliche Schlafstelle in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natürlich konnte sich jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzähligen Esel, es war eine recht herzerquickende Nacht!

Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stück in der Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes Stück lang verschüttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges; der neue windet sich jetzt zwischen den abgestürzten Blöcken hindurch. Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah. Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder glühend heiß, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kümmisch, einem kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevölkerung, wo Schantus, Dunganen und Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich fragte, ob hier Mischheiraten vorkämen, was mit Entrüstung von allen Seiten zurückgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich wiederholt von dem Gegenteil überzeugen, alles heiratete lustig durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in einem Zimmer schlafen, natürlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen. Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, während der andere ein bäuerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schöne große Quelle, die in ein Becken fließt; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig, und das überfließende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr genießbar. Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu reinigen.

Poststation im Gebirge vor Kümmisch

1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir marschierten wieder ganz früh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in Wirklichkeit ist es nur ein großes Gehöft in einer Talerweiterung. Das Gasthaus war gestopft voll, ich zählte allein über 100 Ponies, ohne die Maultiere und Esel. Der Geschäftsführer des Gasthauses wollte mit meinem Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwärts. Um 11,45 Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer Poststation, in der noch Licht brannte. Nach längerem Klopfen wurde uns geöffnet und wir bekamen von dem natürlich eifrig Opium rauchenden Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen, die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte. Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen Körper phosphoreszierte, so daß wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.

In der Herberge Kara Kysyl

Um 4½ Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr müde; wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km, zurückgelegt. Vier Stunden später traf die Karre ein; meine Leute hatten mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren. Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen, besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schüttelte den ganzen Weg über den Kopf; übrigens ging sie jetzt ganz vorzüglich und von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der gute Dicke befand sich wohler, so daß ich daran denken konnte, ihn in einigen Tagen wieder zu reiten.

Kara Kysyl
Pferdefüttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes

Am nächsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Maß voll. Ich ärgerte mich dabei noch weniger über ihn, als über mich selbst, daß ich mich so hatte über die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es drückend schwül. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen aufwies und teilweise mit Bäumen bestanden ist. Ich war recht froh, als wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem Gasthause. Emin bekümmerte sich, wie üblich, um nichts und da er außerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, riß mein Geduldsfaden und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die für mein Geld gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwürdig war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich täte ganz recht, da der Bengel faul und schmutzig wäre, die andern erklärten, es sei unrecht, so ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug, sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu erbetteln, jedoch ohne Erfolg.

Rasthaus in der Steppe vor Karaschar

Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide; wahrscheinlich infolge von Überanstrengung. Durch sumpfige Gegend, in der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen wir weiter. Die Bauern hatten hier zur Überschwemmung ihrer wenigen Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so daß man gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.

Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren zwei Fürsten, denen auch die großen, hier weidenden Pferdeherden gehören. Diese Gegend stellt hauptsächlich den Pferdebedarf bis Schansi, von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder häufiger vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische; er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein edleres Gepräge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen feineren Kopf und längeren Hals, Schopf, Mähne und Schweif sind sehr stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man auch ebenso lange Mähnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten, verhältnismäßig selten findet man gedrückte oder lahme; der Preis ist erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch für 10 bis 15 Taels kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.

Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur durch besondere Größe auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony nun einmal vorhandenen häßlichen Points infolge der Größe beim Pferde mehr hervortreten. Besonders der unverhältnismäßig große Kopf fällt auf. Maultiere kommen hier weniger vor.

Gegen Mittag näherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das große Pferd zu reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natürlich machte es bei der Bevölkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht groß und war fast vollkommen verlassen. Ganze Häuserreihen standen leer; das infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute vertrieben. Wir ritten zuerst in die südliche und dann in die westliche Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthäuser waren überfüllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nämlich heftig wird oder zu schimpfen anfängt, ist es vorbei und man bekommt überhaupt kein Quartier. Schließlich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert und kamen zum Ausgangspunkt zurück. Dort war in einem großen Gasthofe gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte. Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles übrige besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu. Mein Diener mußte sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um im Yamen anständig auftreten zu können. Ich besorgte unterdessen, von etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsärmeln die Pferde. Der Lauye aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern, daß ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye sei. Er begriff nicht, daß es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht unversorgt zu lassen, als was die Leute über mich dächten. Bald erschien einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr kam auch Dschang zurück; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch dort anzumelden. Ich aß einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte dann, zog mich um und ritt auf dem großen Pferde, mit meinem Turfaner Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen. Die Wirkung war die gewünschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei Böllerschüssen empfangen und die große Mitteltür wurde geöffnet. Mein Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die üblichen Redensarten aus und zog mich dann zurück, erhielt wieder meine drei Böllerschüsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, während die Stute einen großen Köter, der sie hinten in die Beine biß, ebenso wie die Böller mit Verachtung strafte.

Mandarin in Karaschar

Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhältnisse der Demimonde in Europa. Während wir uns unterhielten, kam der Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie üblich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen Apparat und die Landkarte, was denn auch meist genügt. Er lud mich für morgen früh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als Diener für 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai früh bekam ich ein schönes heißes Bad, während ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mußte. Der Yamen hatte mir Leute geschickt für sogenannte kleine Arbeit; ich verteilte diese und ritt um 7½ Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frühstück. Der Empfang war wie gestern, dann gab es ein verhältnismäßig kurzes Essen, zu dem außer mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mußte sich in mein Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurück in die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt, hatte noch alle Zähne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein Dreißigjähriger.

Karaschar — Mongole

Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hörte mehrmals die Bemerkung fallen: "Dieser Europäer ist sehr friedfertig"; mir schien das ein schlechtes Licht auf meine Vorgänger zu werfen. Über Mittag schickte der Yamen einen Diener. Ich mußte meinem neuen Diener seine sämtlichen Sachen aus dem Leihhause auslösen; das war wieder ein schöner Reinfall für mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mußte er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wäre er wohl bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar hat ganz gemischte Bevölkerung. In der Umgegend leben sehr viele Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die Mongolen nicht nur von den Chinesen und Türken gründlich ausgebeutet, sondern auch überall verhöhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen schmutziges, ganz trübes Wasser die Tiere merkwürdig gern saufen. Das Brunnenwasser ist überall schlecht. Die große Stute hatte ein stark entzündetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzündung hatte sich noch nicht gebessert, so daß ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem Dicken, der sich sonst gut aufführte, sehr zu gute kam.

Mandarin mit Familie

Für den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und beschloß, einem der Mongolenfürsten einen Besuch zu machen. Wir ritten mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz früh los, ich auf einem ganz netten Paßgänger-Schimmel, in nördlicher Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten mongolischen Jurten vor uns, deren große, schöne Hunde uns sofort wütend anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt, die Tür ist ungefähr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von dem etwa drei Fuß hohen, gitterförmigen Rand laufen aufwärts zu einem Reifen von ungefähr einem Meter Durchmesser Stäbe zusammen, die das Dach bilden. Die Öffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht auf einem Dreifuß ein großer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist genährt. An den Wänden hängen die Gebrauchsgegenstände, und unten sind die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenüber der Tür sieht man einen Altar mit Räuchergefäßen, auf dem kleine Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefäßen Mehl in Tee aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten, mußten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig, so groß wie unsere Schäferhunde und gehen rücksichtslos auf jeden Fremden los.

Straßenbild aus Karaschar

Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nördlich ein menschliches Skelett, von der merkwürdigen Bestattungsart der Mongolen herrührend. Diese überlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe Einmal sahen wir flüchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur große Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. Überall sah man die runden Jurten noch gerade über das hohe Gras hinwegragen.

Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich übers Ohr hauen.

Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Fürsten, der sich jedoch nicht zu Hause befand, sondern mit seinen sämtlichen Leuten und Herden nördlich in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil groß angelegte Yamen war unglaublich verwahrlost; überall nisteten Scharen von Tauben, nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder im Einfallen begriffen. Die Räume waren meist leer, nur einige Prunkgemächer waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw. darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Höfe ihre Jurten aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens sah ich eine Unmenge von Holzclichés, mit denen die bekannten Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rückweg veranstaltete einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das Kamel erwies sich als schneller.