8. Der Bauer und der Advokat.

Es war einmal ein reicher, aber sehr unwissender Bauer. Er hatte ein schönes Gut, das er von seinem Vater geerbt hatte, war sparsam und arbeitsam und wurde von seines Gleichen sehr geachtet.

Ungefähr zwei Stunden entfernt von seinem Gute lag eine große Stadt, wohin er sich wöchentlich begab, um sein Vieh, Heu, Korn und noch viele Produkte zu verkaufen. Auf dem Marktplatze, unter seines Gleichen, hörte er Manches besprochen, und da das Thema oft Gerichtssachen berührte, hörte er oft den Namen eines berühmten Sachwalters der Stadt.

Jedermann lobte ihn und sagte, daß er weiser und verständiger als irgend ein anderer sei. Der Bauer, der an einem Markttage früher als gewöhnlich seine Geschäfte abgefertigt hatte, und der schon seit langem sehr neugierig war, den berühmten Advokaten zu sehen, ging nach seiner Geschäftsstube. Als er eintrat, wurde er von einem Schreiber empfangen.

„Ich möchte den Advokaten sprechen,“ sagte der Bauer.

„Er ist jetzt beschäftigt, aber er wird bald wieder frei sein. Setzen Sie sich und warten Sie ein wenig,“ erwiderte der Schreiber höflich.

Der Bauer, der es nicht eilig hatte, ließ sich das Warten gefallen, und nach einer halben Stunde war der Advokat zu sprechen. Er ließ ihn in sein Privatzimmer eintreten. Der Bauer sah ihn neugierig an und sagte:

„Sind Sie der Herr Advokat?“

„Ja, der bin ich,“ antwortete der berühmte Mann.

„Nun, ich habe oft gehört, daß Sie so klug sind, darum bin ich gekommen, um Sie um eine Consultation zu bitten.“

„Nun, ich stehe Ihnen zu Diensten!“ antwortete der Advokat.

Aber da der Bauer gar nichts mehr sagte, gedachte er, ihm zu helfen. „Wollen Sie ein Gut kaufen?“

„Nein,“ antwortete der Bauer, „dafür bin ich noch nicht reich genug!“

„Wollen Sie vielleicht Ihr Gut verkaufen?“

„Nein, Herr Advokat, behüte Gott, daß ich das Gut, das ich von meinem Vater erbte, verkaufen muß!“

„Nun,“ sagte der Advokat, „was wollen Sie denn?“

„Eine Consultation,“ antwortete der Bauer kurz, und fügte nichts hinzu.

„Wollen Sie Ihr Testament schreiben, einen Prozeß machen, oder einen Heiratscontract ausschreiben lassen?“ fragte der Advokat. „Sagen Sie mir nur, wie ich Ihnen dienen kann, und ich stehe Ihnen zu Befehl.“

„Nein,“ sagte der Bauer, „ich will weder Testament, noch Heiratscontract haben, ich wünsche nur eine Consultation, weil Jedermann versichert, daß Sie so klug sind. Die will ich auch ehrlich bezahlen, ich habe Geld genug dafür!“ sagte er stolz, und schlug mächtig auf seine Geldtasche.

Der Advokat, dem ein Licht aufgegangen war, setzte sich, nahm einen Bogen Papier und eine Feder und sagte:

„Wie heißen Sie?“

„Bernhardt,“ antwortete der Bauer, der ganz stolz war, daß der Advokat ihm endlich die gewünschte Consultation bewilligte.

„Sind Sie ledig, oder verheiratet?“

„Verheiratet seit fünfundzwanzig Jahren.“

„Haben Sie Kinder?“

„Fünf: drei stattliche Söhne und zwei brave Töchter!“

„Wie alt sind Sie?“

„Drei und fünfzig Jahre nächsten Winter.“

„Gut!“ sagte der Advokat, schrieb hastig einige Zeilen auf den Papierbogen, faltete ihn zusammen, und übergab ihn dem stolzen Bauern.

„Wieviel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte er.

„Drei Thaler.“

Der Bauer zahlte ohne Murren, und ging zufrieden nach Hause.

Es war schon Nachmittag, als er dahin kam, und er war müde nach seiner langen Fahrt. Seine Frau kam ihm entgegen und sagte:

„Bernhardt, was sollen wir thun? Sollen wir das Heu bis morgen liegen lassen, oder sollen wir es noch heute in die Scheune bringen? Das Wetter ist schön, keine Wolken stehen am Himmel, aber es könnte doch ein Gewitter geben, und dann wäre das Heu verdorben.“

Der Bauer, der keinen Verlust erleben mochte, und der sich doch fast zu müde fühlte, um noch mehrere Stunden angestrengte Arbeit auszuhalten, konnte sich nicht entschließen, was er thun sollte. Auf einmal erinnerte er sich an die Consultation, die er am selben Tage gekauft hatte. Sein düsteres Gesicht heiterte sich plötzlich auf. Er zog das Papier aus der Tasche, übergab es seiner Frau, da er selbst nicht lesen konnte, und rief:

„Frau, da ist der Rat des klügsten Advokaten in der Stadt. Lies ihn, wir wollen uns darnach richten.“

Die Frau entfaltete das Papier, und las:

Verschiebe nie auf morgen, was heute geschehen kann.“

„Da!“ rief der Bauer freudig, „da ist die Antwort auf deine Frage, und da ich sie doch ziemlich teuer bezahlen mußte, wollen wir uns darnach richten.“

Obgleich er so müde war, ließ er wieder anspannen, ging selbst hinaus und arbeitete bis es Nacht war, und bis alles Heu herein gebracht war. Da es wunderschönes Wetter war, wurde er von allen seinen Nachbarn wegen seiner Hast ausgelacht. Aber während der Nacht kam ein heftiges Gewitter, das viel Schaden verursachte.

Der Bauer, der Dank seiner Consultation gar Nichts dabei verloren hatte, rühmte den Advokaten, der ihm so gut geraten, und da er den Rat nie vergaß, wurde er täglich wohlhabender. Oft hielt er seinen Wagen vor dem Hause des Advokaten an, um seinem Ratgeber ein Paar Hühner, einige frische Eier, oder schöne, reife Früchte zu überbringen.

9. Das hölzerne Kreuz.

Frau von Linden wohnte in einem schönen Landhause, wo sie sich jedoch sehr einsam fühlte, da ihr Mann und ihre Kinder alle gestorben waren. Ihre Verwandten liebte sie nicht, weil sie sehr eigennützige Leute waren.

Die gute Frau war selbst gar nicht eigennützig, von Morgen bis Abend dachte sie nur, wie sie den Armen und Kranken helfen könnte, und wie sie Gutes thun könnte.

Eines Tages mußte sie in die Stadt gehen, und als ihre Geschäfte zu Ende waren, ging sie in das Münster, um die schönen Statuen und Gemälde zu sehen, und sich ein wenig in dem kühlen, dunkeln, heiligen Raume auszuruhen.

Die große Kirche war um diese Stunde ganz leer und still, und nachdem sie andächtig gebetet, ging Frau von Linden umher und bewunderte die Gemälde und Statuen.

Sie schaute die großen Pfeiler an, schaute in die Wölbung hinauf, blieb lange vor den schönen, heiligen Bildern stehen, und kam endlich zu der letzten Kapelle, wo nur noch ein sehr kleines Licht brannte.

Es war in dieser Kapelle so dunkel, daß Frau von Linden wähnte (dachte), ganz allein zu sein, bis sie ein unterdrücktes Schluchzen hörte.

„Wer ist da?“ rief sie erstaunt.

Das Schluchzen hörte einen Augenblick auf, und eine leise, klägliche Stimme erwiderte schüchtern: „Ich bin es.“

Frau von Linden, die an der Stimme sogleich erkannte, daß es ein Kind war, das so leise geschluchzt hatte, sagte freundlich:

„Komm hierher Kind, und sage mir, warum du so schluchzest.“

Jetzt trat aus dem Dunkel ein kleines Mädchen hervor. Es war ein Kind von ungefähr acht Jahren und obschon etwas ärmlich, doch sehr reinlich gekleidet.

„Nun, Kleine,“ sagte die gute Frau, das Kind bei der Hand nehmend, „erzähle mir jetzt, warum du ganz allein hier bist, und warum du so kläglich weinst. Was fehlt dir wohl?“

„Ach,“ seufzte das Kind, „ich weine, denn Vater und Mutter sind beide tot, und meine Verwandten sind alle so arm und haben so große Familien, daß sie sich meiner nicht annehmen können. Morgen muß ich das Haus verlassen, wo ich mit meinen Eltern so glücklich lebte, denn ich habe kein Geld, um die Miete zu bezahlen.“

„Hast du gar keine Freunde?“ fragte die Dame erstaunt.

„Ja, der gute Priester ist mein Freund, er hat mir heute zu essen gegeben, und dann hat er mich hierher geschickt, um Gott um Hülfe zu bitten. Er hat gesagt, daß Gott das Gebet der verwaisten Kinder immer erhört, und daß Er mir sicher helfen werde.“

Die Dame sagte mit Rührung:

„Der gute Priester hat Recht, mein Kind. Komm, zeige mir, wo er wohnt. Ich möchte ihn gerne sprechen.“

Die Dame nahm das Kind bei der Hand und ging mit ihr zum Priester. Er empfing sie sehr freundlich, sagte ihr, daß das Mädchen das Kind ehrbarer Leute sei, und daß es sehr arm und ganz verlassen sei.

„Nun,“ erwiderte die Dame, „da das Kind ohne Mittel und ohne Freunde ist, so will ich mich ihrer annehmen. Sie soll bei mir in meinem Landhause wohnen. Ich werde sie in die Schule schicken, sie soll alles lernen, was ein Mädchen wissen sollte, damit sie einmal eine gute Frau und Mutter werden, oder damit sie einst ihr Brot verdienen kann.“

Die gute Dame nahm das verwaiste Kind mit, und hielt Wort. Das Mädchen ging fleißig in die Schule, und als sie größer wurde, lernte sie alles, was eine gute Hausfrau wissen muß.

Die Jahre gingen schnell vorbei, und als das Mädchen zwanzig Jahre alt war, starb ihre Wohlthäterin. Sophie, so hieß das Mädchen, pflegte sie zärtlich bis zu ihrem Tode, und ehe die Dame verschied, sagte sie:

„Sophie, du bist ein treues Mädchen gewesen, und es freut mich, daß du den jungen Gärtner Hans heiraten sollst. Er ist ein guter, fleißiger Mann, und du wirst eine glückliche Frau werden.“

Als die Dame endlich starb, hielt sie ein kleines, hölzernes Kreuz in der Hand, das sonst immer über ihrem Bette gehangen, und das sie sehr gern gehabt hatte.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, kamen die Erben alle herbei, und der Advokat nahm das Testament der guten Frau und las es ihnen vor. Die Dame hatte der Waise eine Summe von dreitausend Thalern hinterlassen, und dabei stand auch im Testamente:

„Sophie ist mir eben so lieb, als ob sie meine Tochter wäre. Darum soll sie, nebst der Summe von dreitausend Thalern, die ich ihr hinterlasse, noch etwas als Andenken haben. Sie darf selbst unter allen meinen Habseligkeiten auswählen, was ihr am liebsten ist.“

Die Erben waren sehr entrüstet als sie dieses hörten. Schon die Summe von dreitausend Thalern schien ihnen zu viel. Sie fürchteten, daß die Waise etwas sehr Kostbares wählen würde. Aber, obgleich die Köchin und die anderen Dienstboten ihr rieten, die Diamanten oder die Perlen der verstorbenen Frau zu wählen, sagte die Waise:

„Nein, das will ich nicht thun. Die Dame hat mir schon viel gegeben. Ich möchte die Erben nicht berauben. Der kleinste Gegenstand, den meine Wohlthäterin geliebt, und den ich in ihren Händen gesehen, ist mir viel lieber als Andenken, als etwas so kostbares.“

„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „dieses hölzerne Kreuz möchte ich am allerliebsten haben, denn sie hielt es noch in ihrer Hand, als sie verschied.“

Die Erben waren sehr froh, als die Waise das kleine, hölzerne Kreuz wählte, und da sie alle fürchteten, daß das Mädchen ihre Wahl bereuen würde, holten sie ein Papier herbei und schrieben darauf:

„Als Andenken an meine Wohlthäterin habe ich das hölzerne Kreuz gewählt. Dieses ist mein, und ich werde nie Anspruch auf irgend etwas Anderes machen.“

Dieses Papier mußte Sophie unterzeichnen, und sie that es gern, denn sie war mit dem hölzernen Kreuz ganz zufrieden und verlangte nicht mehr.

Einige Zeit nachher heiratete sie den jungen Gärtner. Es ging ihnen ganz gut, bis er eines Tages von einem Baume herunterfiel. Er war durch diesen Fall schwer verletzt (verwundet), und als er nach einer langen Krankheit wieder aufstehen konnte, fehlte ihm ein Arm und er konnte nicht mehr in dem Garten arbeiten.

Die lange Krankheit hatte Sophiens Ersparnisse verzehrt, und nun sannen sie auf Mittel und Wege, um ihr Brot zu verdienen. Endlich sagte der Mann:

„Siehst du, mein treues Weib (Frau), ich werde nie mehr in dem Garten schaffen (arbeiten) können. Ein kleines Geschäft aber könnte ich noch besorgen. Es ist kein Kaufladen im Dorfe. Wenn wir das Geld, welches dir die selige Frau in ihrem Testament hinterließ dazu brauchen könnten, würde es leicht sein, ein kleines Haus im Dorfe zu mieten, Waaren zu kaufen, und dann könnte ich unser Brot als Kaufmann anstatt als Gärtner verdienen.“

Dieser Vorschlag schien der Frau sehr gut, und sie ging sogleich zu dem Verwalter der verstorbenen Frau, um ihr Geld in Empfang zu nehmen. Der Verwalter aber sagte ihr, daß die selige Frau in ihrem Testamente bestimmt habe, daß das Geld ihr nur übergeben werden sollte, wenn sie fünfundzwanzig Jahre alt geworden.

Als Sophie dieses hörte, war sie sehr traurig, und ging langsam nach Hause, wo sie ihrem Manne alles erzählte. Nach langem Nachdenken sagte er endlich:

„Nun, wir können unterdessen doch nicht verhungern. Vielleicht könnten wir die nötige Summe borgen und sie nächstes Jahr zurückbezahlen, wenn du dein Geld bekommst.“

Der Frau gefiel dieser Plan sehr gut und bald fanden sie einen reichen Nachbarn, der ihnen das Geld gern vorstrecken wollte, und sie versprachen ihm, das Kapital nebst Zinsen im folgenden Jahre zurückzuzahlen.

Jetzt ging alles wieder gut bis sie auf einmal hörten, daß der Sachwalter plötzlich auf und davon gegangen, und daß er alle ihm anvertrauten Gelder mitgenommen hätte. Er war so heimlich fortgegangen, daß man ihn nicht finden konnte, und bald wurde es überall bekannt, daß er ein elender Dieb gewesen und daß er das Geld vieler Leute gestohlen habe.

Bald erreichte die schlimme Nachricht den kleinen Laden, wo Sophie und ihr Mann sich so viele Mühe gegeben, um alles in bester Ordnung zu halten und ihr Brot ehrlicher Weise zu verdienen.

Als diese Nachricht auch dem Manne, der ihnen das Geld geliehen hatte, zu Ohren kam, kam er sogleich in den kleinen Laden und sagte Sophie, wenn sie ihm das Geld, das er ihnen geliehen, nicht sogleich zurückbezahlten, würde er Haus und Waaren in Besitz nehmen, um sich zu entschädigen.

Als er fortgegangen, sahen sich die Eheleute traurig an.

„Liebe Frau, was ist jetzt zu thun?“ rief der Mann in Verzweiflung. „Das geliehene Geld können wir nicht so schnell zurückbezahlen. Der Nachbar will nicht warten, und wir werden mit unseren drei kleinen Kindern aus diesem Hause ziehen müssen. Wir werden alle verhungern, denn ich kann nicht mehr arbeiten. Ich bin nicht stark genug, und mit einem Arme bin ich so gut wie hülflos. Der liebe Gott hat uns sicher vergessen.“

„Ach, lieber Mann, das kann nicht sein! Er vergißt seine Kinder eben so wenig, wie wir die unsrigen. Wir wollen zu Ihm beten. Vielleicht zeigt Er uns einen Ausweg, so daß wir unser Brot ehrlich verdienen können.“

Die Frau ging jetzt in ihr Zimmer, nahm das kleine hölzerne Kreuz, das Andenken an ihre Wohlthäterin, küßte es und dachte:

„Ach, wie leid würde es der guten Frau thun, wenn sie wüßte, wie unglücklich ich jetzt bin?“

Dann ließ sie das kleine Kreuz zu Boden fallen, fiel auf die Kniee und betete inbrünstig. Ihr Herz wurde bald leichter und als sie wieder aufstand, sah sie das Kreuz auf dem Boden liegen, und hob es sorgfältig auf.

Ein Stückchen Holz war im Fallen davon abgebrochen. Als sie es wieder an das Kreuz kleben wollte, sah sie zum erstenmal, daß das Kreuz hohl war, und geöffnet werden konnte.

Als sie es geöffnet, schrie sie in freudiger Überraschung auf, denn im Innern des hölzernen Kreuzes war ein wunderschönes Diamanten-Kreuz versteckt.

Sogleich trug sie dasselbe zu ihrem Manne, der auch sehr darüber erstaunt war. Als sie den Advokaten befragte, ob sie die Edelsteine behalten dürfte, sagte er:

„Gewiß, gute Frau, die Diamanten gehören Ihnen.“

Die Erben waren sehr böse, als sie hörten, daß Sophie Diamanten in ihrem hölzernen Kreuz gefunden, aber sie konnten keine Ansprüche darauf machen, denn sie hatten selbst das Papier geschrieben, worin es bestimmt hieß, daß das Kreuz Sophien gehöre.

Sophie verkaufte nun schnell die schönen Diamanten, und bekam Geld genug, um alle ihre Schulden zu bezahlen. Das Geschäft ging jedes Jahr besser und die Familie litt keinen Mangel mehr.

So lange sie lebte, erzählte Sophie ihren Kindern und Enkeln (Kindeskindern) die Geschichte von dem hölzernen Kreuz, und fügte immer bei:

„Wenn man nur seine Pflicht thut und dem lieben Gott vertraut, braucht man Nichts zu fürchten, denn Er wird Alles gut machen, obgleich manchmal Alles sehr finster aussieht.“

10. Der Lange, der Breite und der Scharfäugige.

Es war einmal ein alter König, der nur einen einzigen Sohn hatte, den er sehr gern hätte heiraten sehen. Aber der junge Mann konnte keine Braut finden, und der Vater gab ihm endlich einen goldenen Schlüssel und sagte:

„Mein Sohn, gehe in das obere Stockwerk des Turmes, sieh dich dort um, und sage mir, welche Prinzessin dir dort am besten gefällt.“

Der Prinz ging in das obere Stockwerk des Turmes, öffnete eine kleine, eiserne Thür mit dem goldenen Schlüssel, und kam in ein Zimmer mit zwölf Fenstern. Auf jedes Fenster war das Bild einer wunderschönen Prinzessin gemalt.

Der Jüngling sah sich erstaunt um, denn die schönen Prinzessinnen erröteten, lächelten, streckten die Hände aus, kurz, schienen lebendig; nur konnten sie nicht sprechen. Sie waren alle so blendend schön, daß der Prinz keine besondere auswählen konnte, und zögernd da stand, bis er sah, daß das eine Fenster mit einem weißen Vorhang bedeckt war.

Er trat schnell zu diesem Fenster, zog den Vorhang zurück, und sah eine sehr schöne Prinzessin, die aber so blaß und elend aussah, als ob sie eben aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Prinz sah sie eine Zeitlang schweigend an, erbarmte sich ihrer, und rief laut „Diese, und keine Andere, will ich zur Gemahlin, und sollte es mir mein Leben kosten!“

Die wunderschöne, blasse Prinzessin wurde rosenrot bei diesen Worten, und sogleich verschwanden alle Bilder. Der Prinz ging schnell die Treppen hinunter und erzählte seinem Vater, wie er den Vorhang von dem Bilde gezogen und wie er die schöne, blasse, leidende Prinzessin am liebsten haben möchte. Der König aber rief traurig:

„Ach, mein Sohn, warum hast du gerade diese blasse, leidende Prinzessin gewählt? Du wirst jetzt große Gefahr laufen, denn die Prinzessin wird von einem Zauberer gefangen gehalten, und Alle, die versuchten, sie zu befreien, sind nie zurückgekommen. Aber da du dein Wort gegeben, mußt du jetzt gehen, und ich hoffe, daß du bald wohlbehalten mit deiner Prinzessin, heimkommen wirst!“

Der Jüngling verabschiedete sich von seinem Vater, und ritt munter fort, um seine schöne Braut zu holen. Er kam bald in einen dichten Wald, wo er einem großen Manne begegnete, der ihm laut zurief:

„Halt, Prinz! nehmen Sie mich in Ihren Dienst. Ich möchte mit Ihnen gehen. Sie werden nie bereuen, daß Sie mich mitnahmen!“

„Wer sind Sie?“ fragte der Prinz kurz, „und was können Sie thun?“

„Ich heiße der Lange, und ich kann mich nach Belieben verlängern. Sehen Sie das Nest, da, auf dem Baume? Ich will es Ihnen holen!“

Der Lange streckte sich höher und höher bis sein Kopf die Bäume überragte, nahm das Nest, wurde plötzlich kleiner und kleiner, und reichte es dem Prinzen.

„Das ist sehr schön!“ sagte der Prinz, „aber Vogelnester nützen mir nicht viel. Ich möchte meinen Weg aus diesem Walde finden!“

„Nun, das ist sehr leicht,“ rief der Lange.

Er streckte sich wieder in die Höhe bis er dreimal so hoch als der höchste Baum war, und sah sich neugierig um. In einigen Minuten wurde er wieder klein, nahm den Zügel von des Prinzen Pferd, und führte ihn bald aus dem dichten Walde hinaus. Da war eine weite Ebene, und jenseits derselben konnte man große, graue Felsen sehen.

„Ach!“ sagte der Lange plötzlich, „Da ist mein Kamerad! Sie sollten ihn auch in Ihren Dienst nehmen!“

Der Prinz sah einen kleinen, dicken Mann. Er fragte ihn neugierig, wer er sei, und was er wohl thun könne.

„Ich bin der Breite. Ich kann mich sehr breit ausdehnen! Machen Sie Platz und ich will Ihnen zeigen, wie weit ich mich ausdehnen kann.“

Der Lange nahm das Pferd beim Zügel und führte es schnell wieder in den Wald. Als der Prinz sich umwandte, sah er, daß der Breite sich so ausgedehnt, daß er die ganze Ebene füllte.

„Nun, das ist, wenigstens, etwas sehr Außerordentliches!“ rief der Prinz erstaunt. „Breiter, du kannst mitkommen. Ich nehme dich in meinen Dienst auf!“

Die drei Reisenden gingen weiter, und kamen bald zu einem Manne, der die Augen verbunden hatte.

„Fürst!“ rief der Breite, „hier ist unser dritter Kamerad. Sie sollten ihn auch in Ihren Dienst nehmen!“

„Ach!“ sagte der Fürst mitleidig, „der arme Mann ist ja blind.“

„Nein,“ rief der Mann mit den verbundenen Augen. „Ich bin nicht blind, sondern ich habe so scharfe Augen, daß ich der Scharfäugige heiße. Meine Augen sind so scharf, mein Prinz, daß ich durch die härtesten Steine sehen kann, denn sie spalten sich alle sobald als ich meinen Verband abgenommen und sie fest anschaue!“

„Nun,“ erwiderte der Prinz, „ich möchte gern wissen, was hinter jener Felswand steht, können Sie mir das sagen?“

„Das kann ich!“ rief der Scharfäugige.

Er streifte den Verband ab und sah die Felsen fest an.

Sogleich spalteten sie sich, und der Prinz wurde ein eisernes Schloß gewahr, wo der Zauberer die schöne Prinzessin, die er liebte, gefangen hielt.

Da der Lange, der Breite und der Scharfäugige mit ihm waren, und jedes Hindernis sogleich aus dem Wege schafften, kamen sie bald zu dem eisernen Schlosse, dessen Thüren sich weit öffneten, um ihnen den Eintritt zu erleichtern, aber die sich schlossen sobald sie hinein gegangen waren.

Der Prinz und seine drei Gefährten sahen sich erstaunt um. Niemand war da, um sie zu begrüßen, und nachdem der Prinz sein Pferd in den Stall gebracht, traten sie in das Schloß.

Im Hofe, im Stall und auch im großen Saale sahen sie viele Herren und Diener, aber alle waren versteinert. Endlich kamen sie in den Speisesaal, wo die Diener alle versteinert waren, aber wo eine reichlich gedeckte Tafel ihrer wartete. Sie aßen und tranken, und als sie sich nach einem Platz zum Schlafen umsahen, öffneten sich die Thüren weit und der Zauberer führte eine schöne, blasse Prinzessin herein.

Der Zauberer hatte einen schwarzen Rock, einen langen, weißen Bart, weiße Haare, und statt eines Gürtels, hatte er drei eiserne Ringe um den Leib. Die Prinzessin trug ein weißes Kleid, eine Perlenkrone, einen silbernen Gürtel, und sah blaß und traurig aus.

Der Prinz erkannte die Prinzessin, und wollte ihre schöne weiße Hand küssen, aber der Zauberer rief:

„Halt, mein Prinz! Ich weiß ganz gut, daß Sie diese Prinzessin freien wollen. Nun, Sie sollen sie haben, wenn Sie sie drei ganze Nächte hindurch nicht einmal aus den Augen lassen. Wenn sie verschwindet, sollen Sie, wie alle Ihre Vorgänger, auch versteinert werden.“

Der Zauberer führte die schöne Prinzessin zu einem Stuhle, in mitten des Zimmers, und ließ sie da. Der Prinz saß an ihrer Seite und sprach zu ihr, sie aber erwiderte kein Wort.

Er dachte, daß er wach bleiben und die schöne Prinzessin nicht aus den Augen lassen würde, aber er schlief dennoch ein.

Der Lange, der sich dreimal um den Stuhl der Prinzessin gewickelt hatte, schlief auch ein; so wie auch der Breite und der Scharfäugige.

Als der Morgen heranbrach, wachten sie alle auf, und sahen, daß die Prinzessin verschwunden war. Der Prinz jammerte laut, aber der Scharfäugige nahm seinen Verband ab, ging ans Fenster und rief:

„Jammern Sie nicht, mein Prinz. Ich sehe die Prinzessin. Hundert Meilen von hier ist ein Wald. In diesem Walde ist eine Eiche; an der Eiche ist eine Eichel und darin ist die Prinzessin! Wir wollen sie holen.“

Der Lange nahm den Scharfäugigen auf seine Schultern und machte sich so lang, daß er bei jedem Schritt zehn Meilen zurücklegen konnte. In einigen Minuten brachten sie die Eichel dem Prinzen.

„Werfen Sie sie auf den Boden, mein Prinz!“ rief der Lange, und sobald der Prinz dieses gethan, stand die schöne Prinzessin vor ihm. In demselben Augenblick öffneten sich die Thüren weit und der Zauberer trat herein. Als er die Prinzessin gewahr wurde, war er so böse, daß einer der eisernen Ringe um seinen Leib zersprang. Er führte die Prinzessin aus dem Saale, und der Prinz und seine drei Diener waren den ganzen Tag allein. Sie hatten genug zu essen und zu trinken, aber sie konnten weder Zauberer noch Prinzessin finden, und sahen nichts als versteinerte Männer.

Am Abend aber führte der Zauberer die Prinzessin wieder in den Saal, und der Prinz und seine Gefährten wachten wieder.

Aber da sie sehr müde waren, schliefen sie endlich alle ein, und als der Prinz aufwachte, war die Prinzessin wieder verschwunden. Er weckte seine Diener auf. Der Scharfäugige nahm seinen Verband ab und rief laut:

„Zwei hundert Meilen von hier ist ein Berg. Auf dem Berge ist ein Felsen. In dem Felsen ist ein Edelstein, und das ist die Prinzessin! Wir wollen sie holen.“

Der Lange nahm den Scharfäugigen auf seinen Rücken und trug ihn schnell zu dem Berg. Der Scharfäugige zerspaltete den Felsen mit seinen scharfen Augen, und brachte dem Prinzen den Edelstein. Der warf ihn auf den Boden und die schöne Prinzessin stand mitten im Saale als die Thüren sich öffneten und der Zauberer hereintrat.

Als er die schöne Prinzessin da stehen sah, war er so böse, daß ein zweiter eiserner Ring zersprang! Er führte die Prinzessin wieder hinaus und ließ den Prinzen und seine Diener wieder den ganzen Tag allein. Am Abend führte er die schöne Prinzessin zum dritten Mal herein und sagte:

„Wenn ich die Prinzessin morgen nicht hier finde, so werden Sie alle versteinert werden!“ und ließ sie allein.

Obwohl alle sich vornahmen, nicht zu schlafen, schliefen alle doch ein, und als der Prinz aufwachte, war die schöne Prinzessin wieder verschwunden. Der Scharfäugige streifte seinen Verband ab und rief laut.

„Drei hundert Meilen von hier ist das schwarze Meer. Auf dem Grund dieses Meeres ist eine Schale. In der Schale ist ein goldener Ring. Das ist die Prinzessin. Wir müssen alle drei dahin gehen, um sie zu holen!“

Der Lange trug den Breiten und den Scharfäugigen schnell dahin, streckte seinen Arm so weit als möglich aus, aber konnte dennoch den Boden des Meeres nicht erreichen. Dann dehnte sich der Breite so viel als möglich aus, und trank so viel Wasser, daß der Lange die Schale endlich erreichen konnte. Er nahm den Ring und ging schnell zurück, denn es war bald Zeit zum Sonnenaufgang. Er ließ den Breiten fallen und das Wasser, das er getrunken, bildete einen See in einem Thal.

Der Lange ging aber schnell weiter und kam in das Schloß, als die Thüren sich öffneten. In demselben Augenblick warf er den goldenen Ring auf den Boden, und als der Zauberer herein trat, sah er die schöne Prinzessin.

Er war so böse, sie wieder da zu finden, daß der dritte eiserne Ring zerbarst. Dann wurde er in einen Raben verwandelt und flog pfeilschnell davon. Alle die versteinerten Leute wurden jetzt lebendig. Die Prinzessin wurde rosenrot, und konnte wieder sprechen. Der glückliche Prinz führte sie seinem Vater zu, heiratete sie, und seine drei Diener, der Lange, der Breite und der Scharfäugige, tanzten lustig bei dem Hochzeitsfest. Sie wollten aber dem Prinzen nicht mehr dienen und gingen in die Welt hinaus, wo man sie noch finden kann. So lautet das Märchen!

11. Die Taube.

Auf einem ziemlich hohen Berge in Deutschland stand ein altes Schloß. In dem Schlosse wohnte der Ritter von Falkenburg mit seiner schönen Frau und ihrer kleinen Tochter Elsa. Der Ritter war ein sehr guter und tapferer Mann, immer bereit, den Armen und Schwachen zu helfen.

Seine Frau, Ottilie, besuchte die Kranken und Armen und gab viele Almosen. Die Unglücklichen kamen immer zu ihr, um ihr ihr Leid zu klagen und konnten die Güte der schönen Frau nicht genug loben. Die kleine Tochter Elsa war ungefähr zehn Jahre alt und blieb immer bei ihrer Mutter.

Das Schloß war sehr einsam, denn außer dem Dorfe am Fuße des Berges waren keine Häuser in der Nähe. Zu jener Zeit, im vierzehnten Jahrhundert, hatten die Kinder nicht so schöne Bücher und Spielsachen wie jetzt.

Die kleine Elsa konnte zwar lesen und schreiben, auch nähen und stricken, aber ihre größte Freude war, in ihrem kleinen Garten viele bunte Blumen zu ziehen.

Eines Tages als sie bei der Mutter unter einem dicht belaubten Baume im Garten saß, hörten sie plötzlich ein Krachen und im nächsten Augenblick fiel ihnen ein großer Raubvogel vor die Füße. Die kleine Elsa erschrak sehr, und ihr Geschrei verscheuchte den Vogel, der schnell fortflog.

„Schrei nicht so, meine Tochter,“ sagte die Mutter. „Der Vogel ist schon wieder fort. Es war ein Raubvogel. Er wollte uns nichts zu Leide thun, aber verfolgte wahrscheinlich einen anderen Vogel.“

Sie hörten jetzt ein kleines Geräusch hinter sich, und fanden, unter einem Busche, eine schöne, weiße, verwundete Taube.

Die kleine Elsa hob sie auf und sagte:

„Sieh, Mutter! die arme Taube zittert noch vor Furcht. Ich kann das Klopfen ihres kleinen Herzens fühlen. Sieh, wie weiß ihre Federn sind, und die Beine und Krallen sind rot wie Korallen. Was wollen wir damit thun, liebe Mutter?“

„Nun, wir wollen sie dem Koch geben, und du sollst sie zu Mittag essen,“ sagte die Mutter, das Kind scharf beobachtend.

„Ach, liebe Mutter, das wäre ja zu grausam!“ rief die kleine Elsa die Mutter ängstlich ansehend.

Als sie aber die Mutter lächeln sah, rief sie freudig: „Mutter, du hast mich wohl prüfen wollen, nicht wahr?“

„Ja, mein Kind,“ erwiderte die Mutter, „und es freut mich, daß du ein gutes, fühlendes Herz hast. Du darfst die Taube behalten. Stecke sie in einen Käfig, füttere sie gut, und gieb ihr frisches, klares Wasser und reinen Sand bis sie größer und stärker ist und herumfliegen kann, ohne den Raubvögeln zur Beute zu fallen.“

Die kleine Elsa hatte große Freude an ihrem Vogel. Bald wurde die Taube so zahm, daß die Thür des Käfigs immer offen stand, und bald flog sie ungehindert durchs Fenster ein und aus. Die Taube hatte das Kind so gern, daß sie es nie lange verließ, und wenn sie auch hoch oben auf dem Turme des Schlosses saß, flog sie herunter, sobald die kleine Elsa pfiff.

Die Mutter sagte oft: „Deine Taube gibt dir ein gutes Beispiel, sie ist so folgsam, daß ich hoffe, mein Töchterchen wird auch immer so schnell meinem Rufe folgen.“

Eines Tages kam die Witwe des Ritters von Hohenburg, mit ihrer Tochter Emma in das Schloß. Die Dame schien sehr traurig, und als sie den Ritter von Falkenburg sah, rief sie ihm zu:

„Edler Ritter, als mein geliebter Mann so jung an einer gefährlichen Wunde sterben mußte, hieß er mich zu Ihnen kommen, wenn ich je Hülfe brauchte. Er sagte mir: ‚Der Ritter von Falkenburg ist ebenso gut wie tapfer, und, da du weder Vater noch Bruder hast, mußt du ihn zu Hülfe rufen, wenn du deren bedarfst.‘ Meine zwei Nachbarn sind beide sehr schlecht; der eine nimmt mir meine schönen Wälder, und der andere nimmt mein Korn und mein Gras. Wenn ich klage, lachen sie beide, und da ich keine Verwandten habe, und ganz allein mit meiner Tochter und einigen treuen Bedienten wohne, denken die bösen Ritter, daß sie thun können, was ihnen beliebt. Helfen Sie mir, Herr Ritter, sonst wird mir und meinem Kinde bald nichts mehr bleiben.“

Der Ritter von Falkenburg antwortete nicht sogleich, und die kleine Elsa rief: „Ach, Vater, hilf doch der schönen Frau und dem kleinen Mädchen! Als ich meine kleine Taube annahm um sie vor dem bösen Raubvogel zu beschützen, sagte mir die Mutter, daß man einem Schwächeren immer helfen und ihn beschützen soll.“

„Deine Mutter hat Recht,“ erwiderte der Vater. „Ich werde der Dame helfen, so gut ich kann. Ich antwortete nur nicht sogleich, weil ich auf einen guten Plan sann, um die beiden Ritter zu bestrafen.“

Der Ritter und seine Frau luden die Witwe jetzt ein, einige Tage im Schloß Falkenburg zu verweilen (bleiben). Unterdessen ging der Ritter, um ihre Feinde aufzusuchen. Er sagte ihnen, daß er die gnädige Frau von Hohenburg unter seinen Schutz genommen habe, und daß er ihnen den Krieg erklären würde, wenn sie sich nicht als gute Nachbarn zeigten.

Die zwei Ritter wußten so wohl, daß der Ritter von Falkenburg immer Wort hielt, und fürchteten sich so sehr vor diesem tapferen Manne, daß sie jetzt beide ihr Ehrenwort gaben, die gnädige Frau von Hohenburg in Ruhe zu lassen.

Die Witwe war dem Ritter von Falkenburg sehr dankbar, als sie vernahm, daß ihre Feinde ihr Ehrenwort gegeben, sie nicht mehr zu berauben.

Die zwei kleinen Mädchen, die unterdessen sehr gute Freundinnen geworden waren, wären gerne zusammen geblieben, aber jetzt mußte die Witwe mit Emma nach Hause gehen.

„Mutter, ich möchte Emma etwas geben, um ihr meine Liebe zu bezeugen,“ sagte die kleine Elsa.

„Nun, mein Kind, gieb ihr, was du willst. Wenn du ihr etwas giebst, das du selbst schätzest (liebst), wirst du ihr deine Liebe am besten zeigen.“

Die kleine Elsa sann eine Weile nach und dann rief sie: „Emma soll meine Taube haben! Den Vogel habe ich am liebsten!“

Es war ihr schwer, sich von der Taube zu trennen, dennoch gab sie sie ihrer Freundin. Da sagte der Ritter:

„Fräulein Emma, Sie werden die Taube in einen Käfig stecken müssen bis sie Elsa vergessen hat, sonst fliegt sie sogleich wieder hierher zurück.“

Die Freunde trennten sich jetzt und Emma und ihre Mutter gingen nach Hause, wo die Taube in einen Käfig gesteckt wurde. Am folgenden Tage kamen zwei Pilger in das Schloß Hohenburg. Sie hatten lange, braune Röcke mit Kapuzen an, und erzählten viel vom Heiligen Lande, wohin sie, wie sie sagten, eine Pilgerfahrt gemacht.

Emma und ihre Mutter hatten viele Freude an ihren Erzählungen, und als sie am folgenden Morgen wieder weiter zogen, sagte die Dame:

„Da Sie nach Thüringen reisen, werden Sie gegen Abend im Schlosse Falkenburg ankommen. Da werden Sie übernachten; bitte, grüßen Sie den Ritter und seine Gemahlin von mir.“

„Ja,“ rief Emma, „bitte grüßen Sie auch das Fräulein Elsa, und sagen Sie ihr, daß die Taube sehr wohl ist.“

Die Pilger versprachen, der Familie von Falkenburg die Grüße zu bestellen, und da sie sagten, daß sie den Weg nach dem Schlosse nicht kannten, schickte die gute Frau von Hohenburg einen jungen Diener mit, um ihnen den Weg dahin zu weisen.

Dieser junge Diener war ein Italiener, sprach aber gut Deutsch. Der Ritter von Hohenburg hatte ihn erzogen, weil seine Eltern beide tot waren. Die Pilger dachten, der Diener verstehe nur Deutsch und während sie ihm folgten, fingen sie an, Italienisch zu sprechen.

Der Diener wollte ihnen eben sagen, daß er Italienisch verstehe, als er hörte, daß diese Männer keine Pilger, sondern Räuber waren. Sie gehörten zu einer Bande von Räubern, welche der Ritter von Falkenburg aus der Gegend getrieben hatte, und sie wollten sich jetzt rächen.

Ihr Plan war, als Pilger in das Schloß zu gehen. Sie wußten, daß man sie da übernachten lassen würde. Sie wollten nachts ein Licht ins Fenster stellen, zum Zeichen für ihre Verbündeten draußen, daß sie zur Gartenthür kommen sollten. Diese Thür wollten sie dann geräuschlos öffnen, die Verbündeten hereinlassen und dann wollten sie die Einwohner des Schlosses töten, die Räume plündern und endlich das Schloß anzünden.

Der Jüngling hörte das alles, und einmal, als der eine Pilger über einen Stein fiel, sah er, daß er eine stählerne Rüstung unter dem braunen Rocke trug. Er fürchtete sich sehr, und wußte nicht, was er thun sollte.

Bald kamen sie an einen kleinen Fluß. Das Wasser lief zwischen zwei hohen Felsen und darüber war ein Baumstamm als Brücke geworfen. Da sagte der älteste der Pilger:

„Vielleicht hat der Diener meine Rüstung doch gesehen. Er könnte uns verraten. Gehe du erst hinüber; ich werde ihn dann hinübergehen heißen und ihm folgen. Wenn wir auf die Mitte der Brücke kommen, werde ich ihn in das Wasser hinunterstoßen und dann kann er uns nicht verraten.“

Als der junge Diener das hörte, wurde er sehr blaß vor Angst, und er sagte zu den Pilgern:

„Ach, ich kann nicht über die Brücke gehen, mir schwindelt!“

„Nun, ich will dich hinübertragen,“ sagte der älteste Pilger.

„Nein, nein!“ rief der Diener. „Sie würden mich fallen lassen! Sehen Sie, gute Pilger, Sie brauchen meine Hülfe nicht mehr. Von hier aus geht der Weg gerade zum Schlosse, wo Sie übernachten sollen. Lassen Sie mich jetzt nach Hause gehen.“

Die falschen Pilger sprachen jetzt noch ein wenig auf Italienisch, und während der älteste sagte, daß es besser wäre, den Jüngling zu töten, sagte der jüngere, daß er ihn solle gehen lassen. Endlich rief der älteste:

„Nun, er kann gehen. Wir werden die Brücke in den Fluß werfen. Dann kann Niemand hinüber, und du weißt, daß es viele Stunden braucht, wenn man den anderen Weg herumgehen muß. Er versteht doch kein Wort Italienisch und wenn er auch Alles verstanden hätte, könnte er unseren Plan dem Ritter nicht früh genug sagen. Ehe ein Bote den anderen Weg herumkommen kann, werden der Ritter und seine Familie tot und das Schloß niedergebrannt sein.“

Endlich ließen die Pilger den Jüngling gehen, und sobald er nicht mehr von ihnen gesehen werden konnte, lief er so schnell als möglich nach Hause. Da erzählte er der Witwe Alles. Sie erschrak sehr und wollte den Ritter warnen, aber es war unmöglich, schnell genug dahin zu gelangen.

Der Diener sagte: „Gnädige Frau, man kann nicht mehr über den Fluß gehen bis man an die große Brücke, fünfzehn Meilen von hier, kommt. Man müßte Flügel haben, um schnell genug dahin zu kommen.“

Die kleine Emma, die Alles gehört hatte, rief jetzt: „Ach, Mutter, die Taube! die Taube! Schreibe schnell einen Brief. Wir werden ihn der Taube um den Hals binden, und sie fliegt sicher gleich zu Elsa!“

Die Mutter verstand. Ohne eine Minute zu verlieren, schrieb sie eine Warnung. Der kleine Brief wurde der Taube fest um den Hals gebunden und dann wurde sie frei gelassen.

Sie flog hoch auf, und nach einigen Minuten flog sie schnell gegen Falkenburg.

„Gott gebe, daß unsere Warnung glücklich ankommt!“ sagte die Witwe.

Sie brachte die Nacht auf dem Turm zu, wo sie betete und unermüdlich gegen Falkenburg hinschaute, wo sie fürchtete, das rote Licht eines Feuers zu sehen.

Unterdessen waren die Pilger in dem Schlosse von Falkenburg angekommen. Der Ritter hieß sie willkommen, und bat sie, sich im Pilgerzimmer ein wenig auszuruhen, und sagte, daß er ihren Erzählungen erst nach dem Abendessen gern zuhören würde.

Die Familie von Falkenburg saß allein im Wohnzimmer als sie ein kleines Geräusch hörten. Elsa ging an das Fenster und rief schnell: „Mutter, hier ist meine Taube! Sieh, sie ist entflohen! Emma hat ihr ein rotes Band um den Hals gebunden, und ach, da ist auch ein Stück Papier!“

Vater und Mutter traten jetzt näher. Der Ritter nahm das Papier, entfaltete es und las:

„Guter Ritter von Falkenburg.

„Die zwei Pilger, die Sie im Hause haben, sind Räuber. Sie waren gestern hier über Nacht und mein Diener hat sie über den Berg führen müssen, da sie sagten, daß sie den Weg zu Ihrem Schlosse sonst nicht finden würden.

„Unterwegs sprachen sie Italienisch, und Bernhardt, der in Italien geboren ist, hat Alles verstanden. Sie haben die Brücke zertrümmert. Diese Nacht sollen sie ein Licht in das Fenster des Pilgerzimmers stellen. Ihre Verbündeten werden dann kommen und von den Pilgern durch die Gartenthür herein gelassen werden. Während Sie schlafen, sollen Sie alle ermordet werden. Die Räuber wollen das Schloß plündern und darauf anzünden. Gott gebe, daß diese Warnung nicht zu spät kommt und Sie sich werden verteidigen können.

„Emma von Hohenburg.“

Der Ritter war sehr erstaunt, aber jetzt, da er gewarnt worden, war keine Gefahr mehr, und er machte schnell einen Plan, um die Räuber in Verhaft zu nehmen.

Der Ritter rief dann seine Diener, teilte ihnen alles mit und erklärte, was er thun wollte, um die Räuber zu verhaften. Dann ließ er die falschen Pilger hereinkommen.

Sie fingen gleich an zu sagen, daß die Frau von Hohenburg sehr gütig gewesen sei, und ihren Gruß schicke. Dann fingen sie an, den Ritter und dessen Gemahlin zu loben.

Der Ritter war so böse, diese falschen Worte zu hören, daß er bald ausrief:

„Schweigen Sie! Sie lügen! Ich weiß alles! Sie sind keine frommen Pilger, sondern Räuber. Sie sind hierher gekommen, um mich, meine Familie und alle meine Diener zu morden. Sie wollen durch ein Licht in dem Fenster Ihres Zimmers Ihre Verbündeten hierher bringen, sie durch die Gartenthür in das Schloß führen, und wenn Sie alle gemordet und genug geplündert haben, wollen sie das Schloß in Brand stecken (verbrennen).“

Die Pilger waren höchst erstaunt, aber ehe sie ein Wort sagen konnten, rief der Ritter seine Diener herbei und ließ die zwei bösen Männer in Verhaft nehmen.

Dann zündete er selbst ein Licht an, stellte es in das Fenster, und um die bestimmte Stunde hörte man ein leises Pochen am Gartenthor.

Der Ritter, der einen Pilgerrock über seine Rüstung gezogen, ließ die anderen Räuber in den Hof herein kommen, wo alle seine bewaffneten Diener versteckt waren, und in einigen Minuten waren sie alle festgebunden!

Die Familie von Falkenburg war von einem furchtbaren Tode verschont und sie sprachen oft davon, wie wunderbar sie durch Gottes Güte gerettet worden. Emma von Hohenburg ließ eine Taube in ihr Wappen malen, damit Ihre Nachkommen diese Geschichte nie vergessen sollten.

12. Anekdoten.

Von Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen, werden viele sehr unterhaltende Anekdoten erzählt, unter welchen auch folgende:

Eines Tages, als der König auf der Reise war, hielt er in einem kleinen Dorfe an, um etwas am Wagen ausbessern zu lassen. Da er nicht sogleich weiter fahren konnte, trat er unterdessen in die Dorfschule ein.

Es waren viele Kinder dort, und der Lehrer ließ sie lesen, schreiben, rechnen und singen, damit der König sehen könne, wie sorgfältig er die Kinder unterrichtet hatte. Der König hörte befriedigt zu, und als das Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen zu Ende war stand er auf und sagte:

„Herr Lehrer, ich möchte gerne einige Fragen an die Kinder stellen, erlauben Sie dies wohl?“

„Gewiß, Majestät, gewiß,“ erwiderte der alte Lehrer, und verbeugte sich tief vor dem König.

„Nun, Kinder, sagte der König, jetzt habt ihr die Fragen eueres Lehrers sehr richtig beantwortet. Jetzt wollen wir einmal sehen ob ihr meine Fragen eben so gut beantworten könnt.“

Er nahm einen Apfel, der auf dem Pulte des Lehrers lag und fragte:

„Nun, Kinder, paßt auf. In welches Reich gehört dieser Apfel?“

Die Kinder zögerten, denn sie fürchteten sich ein wenig vor dem großen König. Dieser wartete geduldig, und da er ein kleines Mädchen sah, das sehr kluge, blaue Augen hatte, sagte er zu ihr:

„Kannst du mir nicht sagen, kleines Mädchen, in welches Reich dieser Apfel gehört?“

Das kleine Mädchen antwortete sogleich: „Er gehört ins Pflanzenreich, Herr König.“

„Das ist gut, mein Kind, das ist die richtige Antwort,“ rief der König erfreut. „Der Apfel, so wohl wie alle Früchte und Gemüse, gehört zur Pflanzenwelt.“

Jetzt sagte er, ein Goldstück aus der Tasche nehmend: „Könnt ihr mir sagen, Kinder, in welches Reich dieses Goldstück gehört?“

Die Kinder blieben wieder stumm. Nur das kleine, blauäugige Mädchen sagte endlich schüchtern:

„Das Goldstück gehört in das Mineralreich, Herr König.“

„Du hast wieder richtig geantwortet, mein Kind,“ rief der König freudig aus. „Wer kann aber jetzt meine dritte und letzte Frage beantworten? Welchem Reiche gehöre ich an?“

Die Kinder schwiegen wieder alle. Der König wartete eine Zeitlang sehr geduldig, dann wiederholte er seine Frage, aber vergebens. Endlich fielen seine Augen wieder auf das kleine Mädchen und er sagte gütig:

„Nun, mein Kind, du hast bisher meine Fragen so richtig beantwortet, kannst du diese nicht auch beantworten? Weißt du es nicht?“

„Ja, Herr König, ich weiß es schon,“ erwiderte das Mädchen, wurde aber rosenrot und verstummte wieder.

„Nun dann, sprich,“ fuhr der König gütig fort.

Das Mädchen zauderte noch einen Augenblick, denn sie durfte dem König doch nicht sagen, daß er dem Tierreich angehöre. Das wäre gar zu unhöflich, dachte sie bei sich selbst. Endlich aber blickte sie freudig auf und sagte mit heller Stimme:

„Sie gehören dem Himmelreich an, Herr König.“

Diese Antwort gefiel dem König so gut, daß er mit Thränen in den Augen freundlich erwiderte:

„Gott gebe, mein Kind, daß ich einmal dahin komme!“


Friedrich der Große konnte nicht gut schlafen; deßhalb befahl er, daß seine Pagen, der Reihe nach, die Nacht in einem Nebenzimmer durchwachen sollten, damit immer Jemand bereit sei, ihm vorzulesen, wenn er es wünschte.

Eines Nachts klingelte er um zwei Uhr Morgens. Niemand kam. Er klingelte wieder, aber umsonst. Er rief laut, aber es kam immer Niemand auf seinen Ruf.

Der König war jetzt recht böse; er sprang aus dem Bette, zog schnell Schlafrock und Pantoffeln an, und ging in das Nebenzimmer, um zu sehen, ob Niemand da sei, wie er befohlen.

Als er hereintrat, sah er einen seiner Pagen an dem Tische sitzen. Er hatte ein Blatt Papier vor sich, die Feder in der Hand, und obgleich der Brief, den er schrieb, noch nicht beendigt war, schlief er fest, seinen Kopf an den Lehnstuhl geschmiegt.

„Ach, so wacht mein Page!“ dachte der König. „Er schläft gut. Wenn ich nur ebenso gut schlafen könnte!“

Der König sah den Jüngling eine Zeitlang an, dann fuhr er zu sich selbst fort: „Nun, der Jüngling sieht recht müde aus. Was kann er wohl geschrieben haben, das ihn so ermüden konnte?“

Friedrich nahm das Papier und las folgendes:

„Teure Mutter.

„Es freut mich, daß ich dir endlich ein wenig Geld schicken kann, — Geld, das ich ehrlich verdient habe. Du weißt, mein Gehalt ist nicht groß, darum habe ich dir bisher so wenig Geld schicken können.

„Aber jetzt hat der König befohlen, daß ein Page immer nachts im Zimmer neben seinem Schlafgemach wachen soll. Meine Kameraden wachen nicht gern, und sie haben mir jedesmal einen Thaler gegeben, damit ich an ihrer Stelle wache. Schon drei Nächte hintereinander habe ich nun gewacht, und habe so das Geld verdient, das ich dir hiermit sende. Ich bin aber so schläfrig, daß ich die Augen fast nicht mehr offen halten kann. Morgen kann ich nicht wieder wachen, sonst würde ich sicher einschlafen, und dann wäre der König nicht gut bedient.“

Der Brief war nicht vollendet; hier hatte der Schlaf den Jüngling übermannt. Der König legte das Blatt wieder hin, ging in sein Schlafgemach, holte eine Börse voll Gold, steckte sie dem Jüngling in die Tasche und legte sich wieder ins Bett. Später, als er ein kleines Geräusch in dem Nebenzimmer hörte, klingelte er wieder.

Der Jüngling trat sogleich herein. Zufällig fiel seine Hand auf seine Tasche, worin er einen harten Gegenstand fühlte. Schnell zog er ihn heraus, und als er eine Börse voll Gold sah, brach er in Thränen aus.

„Was fehlt dir denn?“ fragte der König erstaunt.

„Ach, Majestät,“ rief der Jüngling, „ich bin in dem Nebenzimmer eingeschlafen, weil ich so müde war. Während ich schlief, muß Jemand in das Zimmer gekommen sein und mir diese Börse voll Gold in die Tasche gesteckt haben. Eine solche Summe habe ich nie gehabt. Es ist wahrscheinlich gestohlenes Gut und nun werde ich vielleicht des Diebstahls beschuldigt werden.“

„Nein, nein!“ rief der König jetzt. „Niemand wird dich des Diebstahles beschuldigen. Das Geld habe ich dir selbst in die Tasche gesteckt. Du bist ein guter, ehrlicher Junge, denn ich weiß, warum du eingeschlafen warest. Von nun an sollst du ein größeres Gehalt haben, damit du deiner Mutter helfen kannst, ohne deine Nachtruhe zu entbehren.“


Der König Friedrich hatte ein Lustschloß, wo er sich gern aufhielt und wo er mit seinem Freunde, dem Schriftsteller Voltaire, viele schöne Stunden verbrachte. Es fiel dem König einst ein, daß sein Schloß viel schöner sein würde, wenn der Park nur größer wäre.

Er ließ Pläne dafür entwerfen, und als man sie ihm brachte, gefielen sie ihm gar gut.

„Führen Sie diese Pläne sogleich aus,“ befahl er seinen Dienern. „Aber was ist das?“ fügte er hinzu, und deutete mit dem Finger auf eine Stelle auf dem Plane, der ihm vor Augen lag.

„Das ist das Land des Müllers von Sans-Souci, welches er durchaus nicht verkaufen will.“

„Was! Mir nicht verkaufen will?“ rief der König. „Unverschämter Kerl! Führt ihn sogleich hierher, er wird es mir abtreten müssen!“

Der Müller kam und der König redete ihn an:

„Nun, Müller, wollt Ihr mir Euere Mühle um einen guten Preis abtreten?“

„Nein, das will ich nicht!“ rief der Müller. „Die Mühle gehörte meinem Vater und Großvater. Ich bin darin geboren, und gedenke darin zu sterben und sie meinen Kindern zu hinterlassen.“

Der König zeigte dem Müller seine Pläne, erklärte ihm, warum er das Gut kaufen wolle, und bot ihm einen sehr hohen Preis dafür.

Der Müller wollte aber die Mühle um keinen Preis verkaufen und wiederholte sein Nein, bis der König ärgerlich (böse) wurde und heftig ausrief:

„Wißt Ihr wohl, hartnäckiger Müller, daß ich Euch die Mühle nehmen kann, ohne zu fragen und ohne sie zu bezahlen!“

Der Müller schmunzelte nur und erwiderte zuversichtlich:

„Ja, Herr König, aber es giebt auch Richter in Berlin, die Sie bald dafür bestrafen würden; man kann nicht unbestraft rauben!“

Als der König diese zuversichtliche Sprache hörte, war er zuerst erstaunt; bald aber lachte er herzlich und sprach:

„Ich bin sehr froh, daß meine Unterthanen so fest an die Gerechtigkeit meiner Richter glauben, deßhalb soll der Müller seine Mühle behalten.“

Der Plan des Parkes wurde verändert, aber zum Andenken an dieses Ereignis hieß der König sein Landschloß, so wie die Mühle, „Sans-Souci.“


Friedrich der Große war fast immer im Kriege mit den anderen Nationen und brauchte deßhalb immer viele Soldaten. Eines seiner Regimenter bestand nur aus außerordentlich großen und schönen Männern. Eines Tages stellte sich ein sehr großer und stattlicher Franzose dem Hauptmanne vor, und sagte ihm, daß er gerne dem König von Preußen dienen würde.

Seiner Größe halber, nahm ihn der Hauptmann sogleich an, ließ ihm eine Uniform machen, und sagte ihm, daß er so schnell als möglich Deutsch lernen solle.

„Einstweilen,“ fügte er bei, „müßt Ihr wenigstens die Antwort auf drei Fragen lernen. Der König hat gar scharfe Augen. Er wird sogleich bemerken, daß Ihr neu im Dienste seid, und er wird Euch die drei Fragen stellen, die er jedem neuen Soldaten zu stellen pflegt. Sie lauten so: Erstens, Wie alt seid Ihr? Zweitens, Wie lange seid Ihr in meinem Dienste. Drittens, Erhaltet Ihr pünktlich Uniform und Lohn?

„Da er immer dieselben Fragen zu stellen pflegt, und immer nach derselben Reihenfolge, sollt Ihr die drei Antworten dazu genau lernen, damit Ihr frischweg antworten könnt.“

Einige Zeit darauf kam der König, um das Regiment zu mustern. Als er zu dem Franzosen kam, hielt er plötzlich still, sah ihn wohl vergnügt an, und sagte rasch:

„Wie lange seid Ihr in meinem Dienste?“

Der Franzos, der die Frage gar nicht verstand, gab pünktlich die erste eingelernte Antwort.

„Ein und zwanzig Jahre, Majestät.“

„Was! Wie alt seid Ihr denn?“ rief der König höchst erstaunt.

„Ein Jahr, Majestät!“

Diese Antwort überraschte den König noch mehr.

„Entweder seid Ihr verrückt oder ich bin es!“ rief der König ärgerlich.

„Beide, Majestät!“ antwortete der Soldat, der die eingelernte Antwort auf die dritte Frage ohne Zaudern gab.

Als der Hauptmann jetzt die Sachlage erklärte, lachte der König herzlich und befahl dem Soldaten so schnell wie möglich Deutsch zu lernen.


Eines Tages kehrte der König von Preußen in einem kleinen Dorfe ein, und besuchte den Priester.

„Nun, guter Priester, sind Sie mit Ihren Leuten zufrieden?“ fragte der König freundlich.

„Ja, Majestät. Es sind meistens recht brave Leute. Es thut mir nur leid, daß die Männer das Wirtshaus der Kirche vorziehen. Sonntags gehen sie immer ins Wirtshaus, da rauchen sie und trinken Bier, während ihre Weiber dem Gottesdienst beiwohnen.“

„Nun!“ sagte der König, „wir wollen sehen, ob wir diesem Unfug ein Ende machen können.“

Am folgenden Sonntag, als die Kirchenglocken läuteten, und die Frauen in die Kirche gingen, kehrten die Männer wie gewohnt in das Wirtshaus ein. Ein Unbekannter kam auch herein.

Die Bauern saßen wie gewöhnlich um einen großen Tisch herum. Sie rauchten unermüdlich und sprachen wenig. Der Fremde saß auch an dem Tisch, zündete seine Pfeife an, und rauchte auch. Bald kam der Wirt. Er trug einen großen Krug voll Bier, stellte ihn auf den Tisch vor den ältesten Bauer, der an dem einen Ende des Tisches saß und ging wieder fort.

Der alte Bauer legte die Pfeife nieder, nahm den Krug in beide Hände, hob ihn auf und trank. Als er genug getrunken hatte, reichte er den Krug seinem Nachbarn und jetzt hörte ihn der Fremde sagen „Gieb’s weiter!“ (Gieb das deinem Nachbarn).

Der Mann, der den Krug jetzt empfing, trank auch so viel ihm beliebte, reichte den Krug seinem Tischnachbarn und sagte auch:

„Gieb’s weiter!“

So ging der Krug von Hand zu Hand. Jeder trank und wiederholte dieselben Worte, „Gieb’s weiter!“ Sonst sprachen die Bauern kein Wort. Als der Krug zweimal die Runde des Tisches gemacht, stand der Fremde plötzlich auf, hob die Hand, und gab seinem Nachbarn eine tüchtige Ohrfeige.

„Gieb’s weiter!“ rief er mit donnernder Stimme. „Diese Ohrfeige soll die Runde gehen, wie der Krug eben die Runde gegangen ist.“

Der Fremde schlug jetzt den Mantel zurück und die Bauern sahen die Uniform, die er darunter trug, und erkannten sogleich den König.

„Gieb’s tüchtig weiter!“ donnerte er wieder, seinem erstaunten Nachbarn eine zweite und noch tüchtigere Ohrfeige gebend. „Gieb’s weiter, sage ich und schlag tüchtig, sonst ...“

Er brauchte den Befehl nicht mehr zu wiederholen. Der Mann schlug tüchtig! Die Ohrfeigen gingen jetzt um den Tisch herum, so schnell wie möglich. Nachdem die Ohrfeigen mehrmals die Runde gemacht hatten, rief der König:

„Halt! das ist jetzt der Ohrfeigen genug für heute. Aber wenn ihr Männer Sonntag morgens hier in dem Wirtshause sitzt, anstatt in die Kirche zu gehen, sollt Ihr etwas noch schlimmers kriegen als Ohrfeigen.“

Der König ging hinaus. Die Bauern folgten ihm sogleich und gingen jetzt jeden Sonntag pünktlich in die Kirche und der Priester hatte nie mehr Ursache zum Klagen.