Ich betrete jetzt den germanischen Boden, und kann mich kürzer fassen. Alle Beziehungen sind hier einfacher; wir sind wie im Heimatlande.
Unberechenbar ist der Abstand, der die ausgewirkte Freiheit der Stände im germanischen Norden von der slavischen Leibeigenschaft trennt. Nirgend in Europa gilt der Bauer mehr als in Schweden und Norwegen; die alte Freiheit der Gaue hat sich in den skandinavischen Gehöften erhalten. In den slavischen Ländern hat, wie wir sahen, die allen gemeinsame, auf Sklaverei gegründete Magnatenherrschaft dreifach verschiedenen Ausgang genommen: in Rußland ist das Czaarthum zur Despotie herangewachsen, in Ungarn hat sich ein aristokratisch-konstitutionelles Gleichgewicht gebildet, Polen ist das Opfer republikanischer Ungebundenheit geworden. Ein ähnlicher Verlauf zeigt sich, bei ganz andern Grundbedingungen, in den germanischen Ländern. In Deutschland hat (nur nach der germanischen Mannigfaltigkeit in oligarchischer Weise) das monarchische, in England das aristokratische, in Skandinavien das demokratische Princip vorwiegende Geltung[20]. Die ersten beiden gleichen sich in dem Unorganischen ihres Daseins; England und Ungarn erfreuen sich konstitutioneller Befriedigung; Polen und Skandinavien erwarten eine Zukunft.
Diese liegt für das Land, wovon wir sprechen, in einer neuen kalmarischen Union, zu welcher Norwegens frühere Vereinigung mit Dänemark, seine jetzige mit Schweden den Uebergang bildet. Schweden und Norwegen sind zu schwach, zu spärlich bevölkert, um eine wirkliche Macht zu bilden; Dänemark isolirt, verliert sich in Europa. Alle drei in enger Föderation, unter schwedischer Hegemonie, können zu Land und zur See die Bedeutung erhalten, die ihnen geziemt: europäische Bedeutung.
Dazu mitzuwirken, gebietet natürliche Freundschaft so sehr als eignes Interesse dem deutschen Volk. England zur See, Rußland zu Lande sind beständig bereit, so viel an ihnen ist, die Fortschritte Skandinaviens zu lähmen, jede höhere Blüthe zu zerdrücken. Rußlands eiserne Hand lastet schwer auf Schweden und Dänemark; dort leiht es einer wankenden, vom Volkswillen untergrabenen Aristokratie den stützenden Arm, und hemmt die Reformen; hier erträgt die russische Politik lieber die Lasten des Sundzolls, als sie die Einführung einer Konstitution gestattet, welche von der einmüthigen Stimme der Dänen begehrt wird. Glücklicher ist Norwegen in bescheidener Unabhängigkeit, mit eigner Verfassung; nicht die letztere mit ihrer demokratischen Freiheit verdient Bewunderung, sondern der Volksgeist, der sich nach wenigen Jahren in eine Charte eingelebt hat, die andere Völker verwirrt haben würde.
In Skandinavien allein ist das lutherische Bekenntniß zu bestimmter kirchlicher Gestaltung und zu ausschließlicher Herrschaft gediehen. Diese Intoleranz, obgleich sie einerseits lange Zeit hindurch ein einheitlich-religiöses Bewußtsein im Volke erhielt, hat doch andererseits die lebendige innere Theilnahme an der geistigen Kultur Europas auf ähnliche Art geschwächt, wie in Spanien und Portugal, ohne dabei verhindern zu können, daß die französische Aufklärung, besonders in Schweden, die höheren und mittleren Stände, theilweise auch das Volk ergriffen hat. In den Debatten des schwedischen Reichstages erkennt man oft genug das französische Gepräge. In dieser, wie in der obigen Beziehung soll die deutsche Bildung das natürliche und nothwendige Gegengewicht halten.
Man darf glauben, daß der russische Druck in Schweden wenigstens eine Sehnsucht nach der Verbrüderung erweckt hat, welche einst, um der theuersten Güter willen, Skandinavier und Deutsche verband. Jene Völker sind unsre Brüder, Eines Stammes mit uns, sprechen fast dieselbe Sprache; gibt es irgend Bündnisse, welche die Natur selbst an die Hand gibt, so ist es ein deutsch-skandinavisches. Deutscher Einfluß ist der Tod des russischen, er sichert vor englischem Neid; er bringt Kraft, Selbstständigkeit und Stärke der äußern, Gehalt und Richtung der innern Politik zurück. Mehr zu sagen, ist überflüssig, wo Gefühl und gesunde Vernunft deutlicher sprechen, als es mit Worten geschehen mag.
Durch insularische Lage, durch Geschichte, Bevölkerung und Sprache, nimmt Großbritannien im germanischen Organismus eine gesonderte Stellung ein. Germanisch von Natur und Charakter, spricht es doch die romanische Sprache, und hegt immer noch in Wales und in Irland die celtischen Elemente; obschon zweiten Ranges unter den Völkern seines Stammes, ist es doch die erste Seemacht der Welt, frei und unabhängig durchaus, für sich und in sich gegründet. England bildet das Mittelglied germanischen und romanischen Lebens; vermittelnd, indem sie gibt nach beiden Seiten und von beiden empfängt, ist seine Literatur; vermittelnd seine politische Entwicklung, weil sie mit der germanischen Freiheit moderne Bestandtheile, und mit der Föderation die Centralisation verbindet; ein Mittelding ist selbst die bischöfliche Kirche zwischen katholischem und protestantischem Kirchenthum. Geistig und leiblich, in jeder Beziehung, ist England geborene Großmacht.
Jenes gesunde Gleichgewicht des monarchischen, aristokratischen und demokratischen Princips, wonach andere germanische Völker in so wechselnden Schwingungen hinstreben, worauf das seit Montesquieu so bewunderte richtige Verhältniß zwischen der ausübenden, richterlichen und gesetzgebenden Gewalt beruht, hat die englische Verfassung auf ihre Weise gefunden. Ihr ist es gelungen, ohne Umwälzung den schwierigen Uebergang von der ständischen Gerechtsame zur repräsentativen Volksvertretung zu finden. Während andere Oligarchieen Europas längst verknöchert und dem Tode verfallen sind, erhält sich ewig jung, weil fort und fort ergänzt aus dem Kerne des Volkes, und doch ewig dieselbe, als unerschütterter Mittelpunkt des Gemeinwesens, die englische Grund- und Erbaristokratie. Ihr gegenüber steht immer anregend und treibend, die Aristokratie des Geistes, wie sie, zahlreicher als in irgend einem Lande Europas im Unterhause hervortritt. Die Macht des Staates ist, wie sie sein soll: kräftig genug, um durchzugreifen, duldet sie doch, ohne wie anderwärts alles Leben zu verschlingen, eine Menge von Autonomieen in gesetzlichen Kreisen. Nirgend ist man vor militärischer Regierung, nirgend vor bureaukratischer Willkühr gesicherter als in England. Die öffentliche Freiheit ist so unantastbar als sie immer sein kann, die persönliche findet kaum ihres gleichen. Die Duldung, welche früher den verschiedenen Religionsparteien vergönnt war, fängt an zur Berechtigung zu werden; und doch besteht festgegründet und in altem Einfluß die Staatskirche. Bei einer im Ganzen freien Weltansicht bewahrt das englische Volk jene religiöse Pietät, worauf die Lebenskraft und der Stolz von Altengland beruht. Endlich, wenn heute, was Gott verhüten wolle, der Dämon der Revolution aus der schlummernden Tiefe, worin er verschlossen liegt, zum zweiten Mal entfesselt, sich über Europa ergießen, wenn die Throne des Kontinents wie Spreu im Sturme zerstieben würden: — der englische könnte ruhig die Geister beschwören; er, wenn denn alle fallen sollten, würde der letzte fallen; denn er ist auf Freiheit gegründet[21].
Alles das wird mit Recht an England bewundert; und in der That, seit der römischen Republik kennt die Geschichte keinen Staat, in dem die innere Entwicklung so ebenmäßig und glücklich, und so gleichen Schrittes mit der äußern Macht sich gestaltet hätte. Vergebens aber würde man die englische Freiheit anderwärts nachzuahmen versuchen. Aus einer gesunden Mischung der ursprünglichen, der römischen, der sächsischen, der normannischen Bevölkerung, aus dem eigenthümlichen Charakter der Nation, aus dem republikanischen Sinn, der sich in allen Handelsvölkern entwickelt, aus der isolirten Lage, aus hundert begünstigenden Umständen ist sie hervorgegangen: lauter Dinge, die sich so wie hier nirgend wiederholen. Ebendeßhalb, weil die englische Freiheit nicht auf Principien oder bewußten Wahrheiten beruht, bleibt die englische Humanität auf die Heimat beschränkt. Der Engländer ist auswärts engherzig, rücksichtslos und, wie alle Kaufleute, auf den Vortheil bedacht; so ist auch die englische Politik egoistisch durch und durch: außerhalb England gilt ihr jede Verfassung, ja die Tyrannei gleich, wo sie nur ihrem Zwecke dient; selbst philanthropische Maßregeln, wie die Abschaffung der Sklaverei werden nur dann durchgesetzt, wenn das Staatsinteresse gewinnt[22]. Dem Engländer ist die Freiheit ein Eigenthum, das ihm gerade gehört; von dem Trieb der Franzosen, Alles in ihrem individuellen Lichte zu sehn, ist er so weit entfernt, als von der unbezwinglichen Neigung der Deutschen, sich in geistige Gemeinschaft mit andern Nationen zu setzen: er nimmt die Ausländer, wie er sie findet, und benutzt ihre Schwächen für seinen Zweck.
Ich hebe dieß hervor aus zweierlei Gründen. Erstlich, weil es wichtig und nöthig ist einzusehn, daß das englische Gemeinwesen eine besondere, lokale Erscheinung bildet, ein Ding für sich, welches auf andere Zustände niemals angewandt werden kann; daß wir Deutsche durch Uebertragung englischer Staatsformen (soweit sie nicht im germanischen Wesen überhaupt liegen) so wenig selig werden können, als uns französische gefrommt haben. Sodann, weil Manche der Meinung sind, England habe den Beruf, die socialen Probleme zu lösen, worum die europäische Geschichte sich bewegt, und so Europa zum Frieden und zur Vollendung zu führen. Es ist dieß ein Irrthum, der durch den vermittelnden Charakter erzeugt wird, den England als romanisch-germanisches Land bekleidet. Allerdings vermittelt England, und zwar in so hohem Grade, daß ein scharfes Auge aus seinen Zügen sich in ahnender Uebersetzung das Bild herausstellen mag, welches einst die wahre europäische Vermittlung bieten soll; aber immer nur in seiner, in ausschließlicher Weise. Die englische Staatskirche ist in der That ein Mittelding zwischen katholischen und protestantischen Elementen: aber wie thöricht würde es sein, in ihr die Versöhnung der Konfessionen erblicken, durch einen Aufbau von ihrer Art den Frieden stiften zu wollen. Eine Ausgleichung zwischen dem alten Feudalismus und dem modernen Staat, zwischen der Erbaristokratie und dem Geistesadel ist in der That in England gewissermaßen gegeben: wer aber würde geneigt sein, sie auf dem Kontinente nachzuahmen oder nachzuschaffen? Impulse kann England geben, fördernd und beschleunigend eingreifen in die Entwicklung des Kontinents: umwandeln seine Bahn oder sie vorzeichnen kann es nicht. Das ist nur den Deutschen und Franzosen beschieden; nur der rein germanische oder der reine romanische Geist trägt jene ureigne und zwingende Kraft in sich, welche, schaffend oder zerstörend, Europa unaufhaltsam überströmt. Die englische Reformation, die englische Revolution, die englische Reform sind auf England beschränkt geblieben; und trotz all seiner Macht, bei all den unendlichen Vorzügen, besitzt England nicht entfernt jenes ideelle Gewicht, das Frankreich noch in seiner Zerrissenheit, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, über Europa ausübt; Deutschlands (eines wahren Deutschlands) nicht zu gedenken. England ist und bleibt eine Insel: genug, wenn es die eignen socialen Probleme lösen, die eigne Zukunft lichten kann. Wir Deutsche, wahrhaftig, sollten endlich gewitzigt sein, nach fremder Hülfe zu schauen; das Schicksal liegt in unsrer Hand; wir selbst, wir allein wollen es schaffen: alles Andere wäre für uns nur Unsegen und Thorheit.
So bewundernswürdig England erscheint, so wahr es ist, daß unter allen Staaten der Gegenwart (mit einziger Ausnahme etwa des kleinen Norwegens) auf ihm allein das Auge mit Lust verweilen, der Geist sich Trostes erholen kann: so düster blickt dennoch seine Zukunft, und so zahlreich sind die Uebel, woran es krankt. Zwar, sie sind nicht alle unheilbar. Die irische Frage läßt sich lösen, wenn die englische Engherzigkeit zu rechter Zeit verstehen wird, was noth thut. Dieß fremde Element kann England mit sich verschmelzen, wenn es durch Gerechtigkeit und Güte die Schulden der früheren Politik entsühnt, einer Politik, die an die russische Behandlung von Polen und an die barbarischen Zeiten erinnert, wo Völker auf Völker drängten und der erobernde Stamm den unterjochten auszurotten oder in Sklaverei zu knechten pflegte. Jeder Fortschritt der irischen Emancipation stärkt die englische Kraft, weil sie die heterogenen Bestandtheile verschwistert, und man kann in diesem Sinne O’Conell Englands Schutzengel nennen. Aber es gibt noch andere, mit der irischen zusammenhängende Fragen. Wie wird der Kampf, welcher jetzt eben gegen die Monopole der großen Grundeigenthümer geführt wird, sich endigen? Wie wird der Mittelklasse, wenn sie als industrielle Aristokratie der erblichen gegenüber tritt, genuggethan werden, ohne doch die Fundamente der Verfassung zu erschüttern? Denn schon nahet die Zeit, und in unsern Tagen bereitet sie sich vor, wo die Worte „Torys und Whigs“, bisher die Bezeichnung zweier Adelsparteien, ihre alte Bedeutung verlieren, wo das Whigthum die bürgerlichen, das Torythum die adeligen Forderungen bezeichnen wird. Wie lange wird die Hochkirche, mit ihren verrosteten Mißbräuchen, mit den ungeheuern Reichthümern, mit der hochmüthigen Beschränktheit dem Andrang des gesunden Verstandes widerstehen? Wo überhaupt und wann wird die demokratische Bewegung, wie sie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen das feudale und kirchliche Mittelalter in England anstürmt, ihr Ende finden? In sich gewiß nicht, und eher nicht, als sie in Europa überhaupt zu Maß und Ziel fixirt sein wird. Und das geschieht nur durch eine ungeheure geistige Macht, durch ein neues, über den Staat und die Menschheit ergossenes Licht, worin die fordernden Klassen sich kennen, aber auch sich fassen lernen. Und dieses Licht wird vom Kontinent auftauchen.
Zu dem kommt noch, als das größeste aller Uebel, der ewige Fluch der Handelsstaaten: der Gegensatz von Luxus und Elend, von Civilisation und Erniedrigung, von Reichthum und Armuth, die tiefe Materialität, worin die auf die Spitze getriebene Industrie die Gemüther versenkt; die Gräuel der Fabriken, deren steigende Vervollkommnung den Menschen, statt ihn zu befreien, bisher noch härter geknechtet hat; und was daraus hervorgeht — die Menge der Proletarier und die Zuckungen der Ochlokratie. Diese letztere Gefahr ist es, welche der englischen Staatsschuld ihren lebensgefährlichen Charakter gibt. Eine finanzielle Umwälzung würde Millionen von Arbeitern brodlos machen, und die Grundvesten des Staates auf’s Spiel setzen. Daher bleibt der englischen Politik nichts übrig, als unaufhörlich, fort und fort den Handel, und was ihn beschützt, die Seemacht und die Okkupationen auszubreiten. Aber schon lauert das Verderben, wo die Politik eines großen Staates von den Verhältnissen statt sie zu leiten wider Willen getrieben wird, wo sie einem Zuge nachjagt, den sie zu beherrschen nimmer vermag. Denn wo ist Ziel und Ende der Ausbreitung? Wann lösen sich die Knoten, die in täglich wachsender Anzahl über alle Punkte der Erde geschürzt werden? Ein einziger starker Schlag: und die Bewegung kann wie ein Lauffeuer in alle Gängen des unermeßlichen Gebäu’s sich ergießen. Die Krise, welcher England entgegengeht, ist nicht heute, nicht morgen da, und schwerlich so lange Europa ruhig bleibt; aber wenn sie kommt, so öffnet sie einen Abgrund von Gefahren. Und wehe für England, wenn dann keine stärkeren Bundesgenossen ihm in Europa blühen als die heutigen: oder wenn der einzige wahrhaftige, den es besitzen kann, nicht zu einer andern Macht herangereift als er heute ist. Es könnte die Zeit kommen, wo diese Macht ihre rettende und helfende Hand über’s Meer hinüberböte den sinkenden Brüdern.
Ich komme zu den auswärtigen Dingen. Es liegt schon in dem oben berührten Zuge des englischen Charakters, daß die Herrschaft und der Einfluß, den England in einem großen Theile der Erde ausübt, zum Heile der Menschheit, und um gedeihlich zu wirken, bald beschränkt, bald überwacht werden muß. England hat gleich Rußland seine Gränzen überschritten. Beide haben eine ausschließliche, universelle Tendenz gemein, die sie rücksichtslos verfolgen, und welche dort auf der kontinentalen Ausdehnung und physischen Größe, hier auf dem Handel und der Seemacht beruht. Wohl erscheint die Uebermacht, wie sie Abscheu erregt, wenn sie von einer rohen, barbarischen Masse kommt, verzeihlicher, wenn sie von einem großen, freien Volke ausgeht, und ist es auch; aber die gebührende Schranke soll ihr nicht weniger gesetzt werden. Wir haben hier drei Dinge zu unterscheiden: die Kolonisation, die Herrschaft in Asien und die englische Politik in Europa.
Was die erste betrifft, so ist England berufen, die Ansiedlung der Europäer in den zwei neuen Welttheilen, Amerika (wenigstens der nördlichen Hälfte) und Neuholland zu leiten. In diesem Beruf steht ihm Deutschland zur Seite. Die germanische Raçe, hat ein Engländer gesagt, ist bestimmt, die Erde einzunehmen. Ein gleiches Talent der Kolonisation, gleicher Wanderungs- und Ausbreitungstrieb und gleiches Bedürfniß einer Ableitung ist den Deutschen und Engländern eigen. Die tiefe Stufe, worauf die Wilden von Neuholland stehen, und die geringe Anzahl, welche jetzt die Ureinwohner Amerikas theils ursprünglich, theils leider durch europäische Barbarei im Verhältniß zum Lande bilden, gibt ein natürliches Anrecht zur Okkupation. In geregelter Auswanderung und fortgesetzter Kolonisation liegt das einzige Heilmittel gegen die Ueberfülle und den Pauperismus von Europa. Es kann aber ein gesundes Geschlecht und können blühende Staaten nur dann sich entwickeln, wenn neben dem unruhigen englisch-industriellen Element, und gleichberechtigt mit ihm, das ackerbauende, stabile, deutsche sich festsetzt; wenn es als Grundlage die übrigen Bestandtheile durchdringt. Das hat gezeigt und zeigt tagtäglich die Geschichte des nordamerikanischen Freistaates, diese entsetzlichste aller Geschichten, die sich lediglich um Aktien, Banken und Papiergeld dreht und so lange drehen wird, bis die dortigen Deutschen aufhören werden, das Erbrecht ihres Stammes unter die englische Raçe zu beugen, und die daheim, ihre ausgewanderten Brüder dem Zufall und dem Betruge zu überlassen. Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Kolonien im Laufe der Zeit der Emancipation entgegengehn; die europäische Politik soll sie pflegen, bis sie einig, konsolidirt und mündig sind, und dann den Regungen der Freiheit weichen: eine enge Verbrüderung des Mutterlandes mit den entlassenen Kindern ist nützlicher als alle Beherrschung der herangewachsenen.
In Asien hat England die Sendung erhalten, die indo-germanischen Völker in den europäischen Kreis zu ziehen. Große Plane verbindet die Vorsehung mit der Eroberung von Indien und der Herrschaft der Europäer in Persien. Die kaukasische Völkergruppe, einst im griechisch-macedonischen, und im römischen Reiche theilweise vereinigt, dann so lange getrennt durch die Ueberfluthung des Muhamedanismus, soll sich wieder vereinigen: die bramanische Weltanschauung, so wunderbar durch ihr Alter, ihre Unverwüstlichkeit, durch die tiefen Keime der modernen Religion und Philosophie, die persische des Zendavesta, einst die Vorläuferin des Christenthums und zum Theil schon mit ihm vermählt, seit lange nur unter wenigen schlummernd — sie sollen von der europäischen Bildung berührt, so weit sie lebendig geblieben, durch sie zu neuer Ermannung getrieben, so weit sie abgestorben sind, vom Christenthume assimilirt werden. Indien muß aus der leblosen Erstarrung, Persien aus der tiefsten Zerrüttung durch europäische Bedrängniß empor gehoben werden, damit das eine zu gesunder Ruhe, das andere zu politischer Kraft wieder zurückkehren, beide aber durch ein dauerndes Verhältniß an die europäische Gemeinschaft gebunden werden mögen. Was die englischen Eroberer gewollt, war freilich nicht Ausbreitung des Christenthums, der Humanität oder der Civilisation; von geistigem Bewußtsein war nie eine Spur vorhanden: Habsucht, Geiz und die niedrigsten Leidenschaften haben das angloindische Reich errichtet, und werden vielleicht das chinesische stürzen. Die Vorsehung spielt mit den kleinlichen Trieben des Menschen, indem sie ihre großen Werke damit vollführt. Soll aber Englands Mission segensreich wirken für die Menschheit, soll sie nicht in unbefugte Tyrannei sich verkehren, wie die alten Völker und wie bisher das neuere Europa sie geübt, so muß ihm eine europäische Macht zur Seite stehen, kräftig genug, um die Politik der Gerechtigkeit und Humanität, jene Politik, die eine schönere Zukunft uns bringen soll, in und außerhalb Europas zu wehren. Die Zwecke der Vorsehung, einmal erkannt, sollen nicht entheiligt werden: sie zur Klarheit zu bringen, ihre Ausführung zu überwachen, ist die Sache der deutschen Nation. Die Besitzungen, die sich unter den Malayen ein deutscher Stamm gegründet hat, geben ihr im Süden von Indien materielle Anhaltspunkte.
Man hat kaum mehr zu zweifeln, daß der Besitz von Ostindien zur Umwälzung des chinesischen Reiches treiben wird. China ist der Ausschuß der religiösen, wissenschaftlichen und politischen Kultur von Ostasien: das Staaten-Conglomerat, welches seiner Herrschaft gehorcht, gleicht in seinen Spitzen, dem Kaiser und dem Dalai Lama, halbweg der Organisation des Mittelalters. Mit Chinas und Japans Eröffnung fällt die letzte Schranke der Menschheit hinweg; hinfort gibt es keine Klasse mehr, die sich abzuschließen vermöchte, und die Völker gehen einer allgemeinen Verbindung, die Erde der Einheit entgegen[23].
Trauriger ist der Anblick der englischen Politik in Europa. Was England immer vermag, das geschieht, um die industriellen Kräfte der kontinentalen Länder auszusaugen und an sich zu ziehen und die Völker auf den Ackerbau zu beschränken. Eine so drückende Herrschaft hat es im Mittelmeer gegründet, daß Portugal und Sicilien zu Kolonien herabgesunken sind, daß Spanien, Unteritalien und Griechenland der schwersten Anstrengungen bedürfen, um das zu werden, worauf die Natur sie selbst hingewiesen hat. Auch Frankreich hat durch eine verkehrte Politik der englischen Mittelmacht zu viel eingeräumt, um ohne riesenhafte Kämpfe sich selbst, geschweige denn die andern, von der englischen Uebermacht im Mittelmeer befreien zu können. Was aber noch mehr entrüstet, ist die herzlose Gewandtheit, womit England in den obengenannten kleineren Staaten die inneren Gebrechen benützt, die Parteikämpfe ausbeutet, jedes Uebel zu seinem Zwecke zu drehen versteht, um jeden Keim der äußern Blüthe durchs innere Gegengewicht zu zerknicken. Die Behandlung, die ein freies Volk den jonischen Inseln angedeihen läßt, erregt den bittersten Unwillen; man freut sich der Hoffnung, daß eine frühere oder spätere Zukunft die jonischen Griechen befreien wird: denn ohne die Inseln ist nie und nimmer eine griechische Macht gedenkbar. Russische und englische Politik gleichen sich nur allzusehr. Nur in Rußland ist es die Regierung allein, die ein konsequentes System der Machtentwicklung verfolgt; in England ist das ganze Volk, die Kaufleute besonders, von jenem Instinkt beseelt, und den Ministern bleibt Nichts zu thun, als die Grundlagen fortzuführen, die von ihren Landsleuten auf eigne Hand gelegt werden.
Es ist aber die Herrschaft des Mittelmeers eine Lebensfrage für West- und Ostromanen, welche über kurz oder lang geschlichtet sein will; und schon bereitet zwischen England und Frankreich der Kampf sich vor, der in erster Linie die Frage entscheidet. Frankreichs Isolirung in der orientalischen Frage war der erste Schritt: der Nationalinstinkt begriff dunkel, warum es sich handle, und das Ministerium Thiers streckte nach langer Zeit zum ersten Male, gegenüber der englischen Suprematie, mit Klarheit die französisch-romanische Tendenz hervor, obwohl sie ihm nur zur widrigen Komödie diente. — Um in Indien Herr zu sein, braucht England weder im Mittelmeer allein zu dominiren, noch Aegypten an sich zu ziehen, noch an der arabischen Küste zu herrschen; eine Linie durch Syrien, und von da den Euphrat hinab, erhält dieselbe Verbindung und ist naturgemäßer, weil sie Persien berührt. — England ist groß und mächtig genug, von der Natur mit hinreichenden Vorzügen begabt um die erste Seemacht zu bleiben, ohne die einzige sein zu wollen; um den größten Handel der Erde in der Hand zu behalten, bedarf es nicht, der Zerstörung aller andern Industrien nachzujagen.
Die Romanen mögen ihre Sache mit England verfechten; wir haben das Unsrige zu thun. Die neuste Zeit hat in Deutschland eine Opposition gegen die englischen Handelsmaximen hervorgerufen, welche zu wichtigen Dingen die Bahn brechen wird. Deutschland ist aus dem Schlafe erwacht, der Jahrhunderte durch den Holländern und Engländern so süße Früchte getragen; es erinnert sich, was es einst gewesen, was es wiederum werden kann und welch reiche Keime einer ungemeinen merkantilen und industriellen Größe in ihm schlummern. Zwar wird die Opposition so lange sich auf den Federkrieg beschränken, als noch ein deutsches Königreich sich zur englischen Handelsprovinz herabwürdigt, als nicht der Zollverein die sämmtlichen deutschen Staaten und den Vorposten von England, Holland, umfaßt, als noch keine Flotte vorhanden ist, um den Handel zu schützen und unsern Ansprüchen Gewicht zu geben. Aber die Bewegung hat begonnen, und die Agitation wird eher nicht endigen, als bis Deutschland als einige, geschlossene Handelsmacht von neuem Geiste beseelt den Engländern gegenübersteht; bis diese mit eigenen Augen sehen, daß die gutmüthigen und albernen Deutschen, deren Geschichte seit Jahrhunderten es war, von außen und innen überlistet zu werden, einem andern Volke Platz gemacht. Dann erst können wir, ebenbürtig in jeder, auch in materieller Beziehung, Offenheit und die Rücksicht, die dem deutschen Namen gebührt, von den Engländern erzwingen, dann erst kann der große germanische deutsch-englische Bund geschlossen werden.
Denn Hand in Hand, gekettet durch die natürliche Freundschaft der Stämme, verbunden durch die gegenseitige Achtung, verbrüdert für die größesten Weltinteressen, sollen England und Deutschland gehen. Ein großartiges weltgeschichtliches Verhältniß soll das ihrige werden. Ueber die Erde hin europäische Kultur und Gesittung auszubreiten, ist England, als der erste Seestaat, vor allen vom Schicksal erlesen; von innen Europa zu ordnen, die ewigen Gesetze einer organischen Politik zu handhaben, sie allenthalben in mittel- oder unmittelbarer Weise zu bewachen, ist, als erste Kontinentalmacht, Deutschland berufen. Dieses als das gesetzgebende, jenes als das ausübende Princip, stehen sie inmitten Europas; die deutsche Innerlichkeit allein vermag dem kaufmännischen Egoismus der englischen Politik zu steuern, der thatkräftige, praktische Sinn der Engländer den Idealismus der Deutschen heilsam zu beschränken, während Frankreich als ewig anregendes Element mit nie rastender Intention zwischen beide tritt.
Ich weiß wohl, man wird das Meiste von dem, was hier gesagt worden, weitaussehend, träumerisch, lächerlich finden, in einem Augenblicke, wo Deutschland auf so hundertfache Art im Handel und Industrie noch den Engländern gehorcht. Dennoch bin ich der Meinung, daß unter den Engländern selbst diejenigen, welche über Deutschlands Gegenwart und Zukunft nachgedacht, Großes und Ungemeines für möglich erachten. Es herrscht in England ein gewisser Instinkt über deutsche Dinge, wie ihn kein anderes Volk hat; die Engländer wissen, was Deutschland werden und sein könnte, sobald es sich seiner selbst in vollem Maaße bewußt würde. Was an ihnen ist, geschieht, es zu verhindern. Diese argwöhnische Politik ist einigermaßen verzeihlich; denn derselbe Instinkt sagt ihnen, an der deutschen Macht werde der englische Egoismus seinen Richter finden. —
Erquicklich in so schwerer Zeit, erhebend in der Mitte zerfallender oder unterwühlter Gemeinwesen war der Anblick der englischen Freiheit. Sie allein, durch ihr gesundes Mark, bietet die Gewähr, daß Europa trotz unsäglicher organischer Leiden noch Keime des Lebens in sich trägt und der Verjüngung. Aber wie sie den Britten allein gehört, wie weder in ihrem Ursprung noch ihrem Geiste die Kraft liegt, um die Völker zu beseelen, so zeigt sie zugleich, daß, wenn Europa sich in der That verjüngen soll, aus einem andern Stamme, aus dem größten germanischen, die neue Freiheit auftauchen muß. Diese allbeseelende, weltverjüngende Freiheit — sie wird die Frucht der Wahrheit sein.
Wenn ich drei so verschiedene Staaten zugleich in den Kreis der Betrachtung ziehe, so geschieht es, weil sie nur Einem, ihre Zukunft bestimmenden Gesichtspunkte unterliegen. Sie alle waren ehemals Glieder des deutschen Reiches.
Schweizer, Belgier, Holländer mögen ihre Nationalität beweisen, diese mag ihnen bleiben, so weit den Aberben eines großen Stammes der Name gebührt. Durch Lage, Geschichte und Natur — denn immer liegt Natur der Geschichte zu Grund — stehen sie dem deutschen Charakter ferner, als irgend eine andere deutsche Provinz. Was aber wollen sie mehr? Wo ist europäische Eigenthümlichkeit? Sollen die Füße, die Hände sich sondern, weil sie am fernsten vom Herzen liegen? Darin liegt ja gerade der wunderbare Reichthum germanischen Lebens, daß die verschiedensten Provinzialismen zu Einem Volke geeinigt sind. Wie wenig scheint der Friese mit dem Oestreicher, der Alemanne mit dem Preußen gemein zu haben; und sind nicht die Holländer den Friesen, die Schweizer den Alemannen verbrüdert? Es sind alle nur die Kinder der Einen Mutter.
Zu der Zeit, da Deutschland sich selbst abgestorben war, da es keinen Gemeingeist gab, sondern nur Provinzialgeister, deren einseitiger Trieb das Einzelne erhöhte, das Ganze untergrub: damals konnte jene Trennung sich ausbilden und Leben gewinnen; ja noch mehr, sie war nothwendig und heilsam. Aber was am dürren Holze geschah, wird nicht am frischen ergehn. Was geboren ward in der Epoche des Siechthums, verfällt von selbst dem Tode in Zeiten der Gesundheit. Deutschland hat das Verhältniß des Provinzialgeistes zum Muttergeist in seinem Bewußtsein wieder gefunden, und je schärfer das Bewußtsein in der Wirklichkeit sich ausprägen wird, desto unaufhaltsamer werden die einzelnen Glieder aufs Neue in die Gemeinschaft zurückgetrieben werden.
Wie das deutsche Reich überhaupt, so ist auch der geographische Gesammtkörper von Deutschland dem ungebundenen Triebe der Freiheit und Selbstständigkeit unterlegen. Er hat in sich selbst den Entwicklungsgang abgespiegelt, den ganz Europa seit Jahrhunderten genommen. Durch eine Reihe von unberechtigten Gestaltungen, von naturwidrigen Conglomeraten, von zusammengewürfelten Monarchien sollte Europa erzogen werden. Das Unorganische mußte zur Spitze getrieben sein, damit Europa zum klaren Bewußtsein der Nationalitäten, zur Erkenntniß des Einzelngeistes, aus denen es besteht, zum wahren Organismus durchzudringen lerne. So sollte auch Deutschland, welches im Mittelalter ohne gerechtfertigten Instinkt, in willkürlichem Drang sich rastlos auszudehnen strebte, in Trümmer zerfallen: aber nur, um herrlicher und gereinigter in Klarheit sich wieder zu fassen. Zerstückelt und zerstreut, mit abgerissenen Gliedern, voll Ueberfülle in den einzelnen Theilen, er selbst ein Leichnam, lag und liegt gewissermaßen noch der germanische Körper in Mitten Europas. Siehe, da regt sich im Innersten ein neues Leben; das Herz fängt wieder an lebendig zu schlagen, und frisches Blut ergießt sich durch die Adern. Die Circulation hat begonnen; werden die Extremitäten sich ihr entziehen können? Wollen sie kalt bleiben und todt? Denn dieß, und nichts anders, würde ihr Schicksal sein.
Holland ist längst nicht mehr was es war[24]. Die Zeit seiner Selbstständigkeit war glorreich aber kurz. Schon im zweiten Viertel des achzehnten Jahrhunderts folgte es, wie Friedrich der Große schreibt, den Engländern, wie die Schaluppe der Spur des Kriegsschiffes woran sie gebunden ist. Später kam die Einverleibung an Frankreich. Neuerdings versuchte man vergebens, es durch die Vereinigung Belgiens zur Mittelmacht zu erheben. Zwischen England und Deutschland, zwischen den ersten Seestaat Europas und die von Tag zu Tag steigende deutsche Handels- und Industriemacht gestellt, hat es keine Wahl als dem Einen oder Andern sich anzuschließen. Und auch von innen, durch den heillosen Zustand seiner Finanzen geht es einer unvermeidlichen Krisis entgegen. Kann die Wahl in Frage stehn? — Als derjenige Zweig des deutschen Stammes, der durch Natur und Lage für Seefahrt und Handel vor allen geschickt war, sollte Holland einst von Deutschland sich trennen, um unabhängig die Anlagen zu entwickeln, worauf der Reichsverband nur hemmend eingewirkt haben würde. Jetzt wiederum muß es, soll seine Seemacht, sein Handel, sein Kolonialbesitz europäische Bedeutung wiedergewinnen, in den engsten Verband mit Deutschland treten. Die holländische Marine mit einer deutschen verbunden, das heißt mit derjenigen, welche sich in einem Jahrzehent in Deutschland entwickeln ließe, würde bald, (wenn auch nicht an Zahl, doch an Bemannung und seemännischem Geist,) die erste des Kontinents sein; sie könnte in einer fernern Zeit mit der englischen wetteifern.
Seit die unnatürliche Vereinigung Belgiens mit Holland gelöst ist, erneuert sich hier in geistiger Weise der alte, seit den Tagen von Verdun zwischen Germanen und Romanen geführte Streit um Lothringen. Die Elemente friedlich zu sichten, dazu taugt die Konstituirung Belgiens als Königreich — eine provisorische Maßregel, welche aber der erste europäische Krieg vernichten wird. Belgien war nie mehr, denn eine Provinz mit eigenthümlicher Verfassung. Die Zukunft wird entweder eine Trennung der flämischen und wallonischen Bestandtheile hervorrufen, oder sie wird ganz Belgien in den alten, erst seit der Revolution zerrissenen, deutschen Verband zurückführen. Vielleicht wird das Letztere geschehen. Vielleicht wird das erstarkte Gefühl der Einigkeit und das Bewußtsein, wie leicht es den Deutschen ist, jede Eigenthümlichkeit zu schonen, wie unmöglich den Franzosen, die Trennung verhindern.[25]
In der Schweiz hat der den Germanen eigene Freiheits- und Sonderungstrieb, die Abneigung gegen die Centralisation und die ungebundene Mannigfaltigkeit des Einzellebens die höchste Spitze erreicht. Die Eidgenossenschaft, so herrlich und bewundernswerth, so lang sie um Anerkennung kämpfte und sich wachsend verstärkte, sank schneller, je mehr der Eine negative Trieb, der so verschiedene Bestandtheile vereinigt hatte, nach erlangter Selbstständigkeit sich verlor. Den äußern Gefahren des 17ten und 18ten Jahrhunderts konnte sie durch ihre kriegerische Neutralität widerstehen. Als aber mit der französichen Revolution die innern Stürme sich in Europa erhoben, war es um die Einheit geschehen. Die Mediation konnte nur vorübergehend das Frühere und das Neuere vermitteln. Die Restauration führte die alte Zeit zurück; und die Julirevolution stellte beide gegenüber. Seitdem ist die Schweiz in beständigen Zuckungen; die Mannigfaltigkeit ist zur Anarchie geworden, die Kantonalsouverainetät und die Bundesgewalt, das konservative und liberale Princip bekämpften sich ohne Unterlaß, und statt Einer Nation bietet die Schweiz das peinliche Schauspiel unzähliger Autonomien, deren kleinliches Getriebe Europa ermüdet.
Es war natürlich, daß der Principiengeist in einem so buntgestellten Lande, als die Schweiz es ist, die tiefste Zerrüttung erzeugen mußte. Der französische Liberalismus hat auch hier nur zu wühlen und zu zerstören, nicht aufzubauen vermocht. Aber das Schicksal der Schweiz würde ein leichtes gewesen sein, hätte nicht der deutsche Kern sich mit allzuvielen romanischen Bestandtheilen umgeben. Soll die Schweiz verbunden bleiben, so muß das deutsche Element, dasselbe das den Bund geschaffen hat und noch heute die überwiegende Mehrzahl bildet, die übrigen beherrschen und durchdringen.
Die Kraft, die Tendenz, die dazu vonnöthen ist, kann ihm nur von Deutschland aus geliehen werden. Wenn in Deutschland die weltbewegenden Fragen gelöst sein werden, wenn dort ein neues, schaffendes Princip sich erhoben haben wird, dann wird auch die Schweiz Ruhe, Gesundheit und Eintracht wieder finden. Die alten schweizerischen Aristokratien mußten fallen, gleich den deutschen; sie waren überreif geworden, und die französische Gleichheit war das Werkzeug, wodurch sie fielen. Die Reformation, welche von den Deutschen ausgehen soll, wird Dauerndes an ihre Stelle setzen; sie wird bauen, wo die Revolution nur zerstören konnte.
Aber nicht nur in geistiger, auch in politischer Weise wird die Schweiz an Deutschland gebunden werden. Daß eine schweizerische Nationalität, über die deutschen, französischen und italienischen Bestandtheile hinausgehend und sie alle umfassend, nicht vorhanden ist, daß bei der nächsten europäischen Krise die Schweiz sich Frankreich oder Deutschland, getheilt oder ungetheilt, in die Arme werfen muß, daß die ewige Neutralität der Eidgenossenschaft vor der Wirklichkeit zerstieben wird — das sind Dinge, die die Schweizer sich selbst gestehen müssen. Und wie die Wahl dann fallen werde, darüber kann, nach den Vorgängen eines halben Jahrhunderts, kein Zweifel sein.
Ich hoffe, daß die Gestaltung Deutschlands selbst mich von dem Vorwurfe freisprechen wird: als laufe die Zukunft, die hier den Holländern, Belgiern und Schweizern geweissagt wird, in eine Verflachung hinaus, welche über der egoistischen Ausbreitung des deutschen Elements die Besonderheit der Nationalcharaktere untergrabe. Das engste Verhältniß mit Deutschland würde in der Verfassung, der Sprache, den Sitten und der Wesenheit jener Völkerschaften nicht mehr verändern, als durch die Heilung bedingt ist, die ihre Gebrechen erfordern. Der republikanische Geist, wie er in der Schweiz, der konstitutionelle, wie er in Holland und Belgien lebt, widerspricht nicht, er fügt sich in die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens. Auch kann es nicht derselbe Grad von Verbindung sein, der die innersten Theile von Deutschland, und derselbe, der die ausgeprägtesten Provinzialismen umfaßt. Natur und Verhältnisse erlauben hier eine ungemein feine, jeder Individualität entsprechende Abstufung.
Das vor allem ist in unserer Anschauung gegeben, daß drei kleine Staaten, kraftlos jeder für sich allein, bei Weltbewegungen der Zerstörung ausgesetzt, getragen von Volksgeistern, die die alte Spannkraft zum Theil verloren, zum Theil wahrhaftige und ureigene nie gewinnen können — daß diese neues Leben und gedoppelte Kraft erhalten, indem sie dem großem Stamme sich wieder vermählen; daß Deutschland dagegen, stark durch das Bewußtsein seiner gebliebenen, durch die Einigung seiner abgefallenen Kinder, in der natürlichen Fülle seiner Macht der hohen Aufgabe genügen möge, die ihm in Europa bestimmt ist. Ich weiß es wohl, wer immer, sei er Holländer, Belgier oder Schweizer, nur das jetzige Deutschland anschaut, wie es ist, nicht jenes, welches sein kann und sein wird: dem mag die Seele sich sträuben bei dem Gedanken, das theuer erworbene Vorrecht der Ahnen für solchen Preis zu opfern. Wenn aber die deutsche Nation in geistiger und gemüthlicher Wiedergeburt sich verjüngt, wenn sie den Zauber gefunden haben wird, die Wunden der Völker zu heilen, wenn ganz Europa einer großen organischen Einheit entgegengeht, in der der Niedere dem Höheren sich in natürlicher Unterordnung fügt; dann wird es ein ander Ding sein, ins frühere Vaterland zurück zu gehn. Denn die alte Freiheit bleibt und neue Stärke wird gewonnen.
Wir fanden im Laufe der Betrachtung die westromanischen Völker und die slavischen durch je Eine, die germanischen durch zwei natürliche Großmächte vertreten. Wir fanden: wie die germanische Familie überhaupt zum vornehmsten Einfluß berufen sei in Europa, so sollte Deutschland insbesondere, als erstes Glied der Familie, ein doppeltes Gewicht in die Wagschale legen.
Und in der That: die Gegenwart selbst scheint dießmal unsern idealen, aus der tiefern Natur geschöpften Forderungen zu genügen. Die europäische Pentarchie zählt Eine romanische, Eine slavische, drei germanische, und unter diesen zwei deutsche Mächte.
Wir fanden: der germanisch-romanische Westen von Europa solle das unbedingteste Uebergewicht haben über den slavisch-griechischen Osten, wie der Geist über die Masse.[26] Und wirklich, die westliche Hälfte hat vier, die östliche nur Eine Macht in ihrer Mitte. Wir fanden: innerhalb des Westens solle das germanische Princip herrschen übers romanische. Und steht nicht Frankreich allein gegen Oestreich, Preußen und England?
Das alles klingt vortrefflich, und ist doch nur Lug und Trug und Täuschung. Die Wirklichkeit der Dinge spricht den Zahlen Hohn. Sie kennt kein deutsches, kein germanisches, kein west-europäisches Uebergewicht. Sie zeigt uns Ohnmacht, wo wir Stärke; Herrschaft, wo wir Schwäche erwarten.
Es ist nöthig, die Ursachen dieses Uebels zu beleuchten; ehe das geschieht, einen Blick auf Oestreich und Preußen als Großmächte zu werfen. Wenn hier, im Schwerpunkt von Europa sich Gebrechen entdecken, so ist die Erklärung schon halb gegeben. Und der Gebrechen werden um so mehr sein, je schwächer, um so weniger, je kräftiger diese Mächte die Vertretung von Deutschland, an dessen Stelle sie stehn, in Europa handhaben. Es fragt sich: kann Oestreich, kann Preußen eine deutsche Politik verfolgen? Und verfolgen sie dieselbe in Wahrheit? —
Zusammengesetzt aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen, giebt es für Oestreich keine andere Politik und hat, Josephs II. Zeit ausgenommen, niemals eine andere gegeben, als die konservative; das heißt, ein Verfahren, welches die bestehenden Grundlagen heilig hält, Neuerungen abweist, so lang sie nicht unumgänglich und unschädlich anzunehmen sind, alle Nationalitäten und Provinzialismen schont, jeden auftauchenden Einzeltrieb beseitigt, und so das Ganze in fortdauerndem Gleichgewicht erhält[27]. Diese Maximen sind es, die man östreichisch nennen kann; sie werden durch die Conglomeration geboten, in der keines der Elemente den Vorrang behaupten darf. Jede der Tendenzen, zur überwiegenden im Reiche erhoben, würde die andern gegen sich reizen. Und abgesehen davon, worauf sollte z. B. eine slavische Politik (obgleich die slavische Bevölkerung die Mehrzahl bildet) sich stützen? Auf Böhmen und Mähren, die im deutschen auf Croaten, Slaven und Illyrier, die im ungarischen Verbande stehen? Worauf eine magyarische, die nicht einmal für Ungarn unbedingte Geltung hat, wo slavische und magyarische Elemente zur Einheit geführt werden sollen? Worauf eine italienische, bei der Beschränktheit des lombardischen und dalmatischen Gebietes? Alle diese Tendenzen in Einer zu vereinigen, die den einzelnen die gebührende Stellung gibt und sie sämmtlich umfaßt, das ist die Aufgabe von Oestreich. Und wie wird sie gelöst? Nicht selbsteignen Inhalt, eigenthümliche Richtung hat das östreichische System; es ist ein Mittelding zwischen allen Tendenzen, mit feiner Vorsicht allerdings und mit kluger Mäßigung ausgestattet, und soweit geschickt, um sich hinterher ohne Schaden in die Ereignisse zu fügen, aber ohne den Geist, der die Zukunft auffaßt und voraussichtlich die Ereignisse lenkt, und ohne die Energie, Großes und Mächtiges zu leisten.
Joseph II. fühlte das; er wollte die Staatsmaschine mit Einem Willen beseelen. Aber wie ging er zu Werke? Seine Absicht war, die Nationalitäten hinwegzuräumen, und ein Unding von östreichischer Einheit an ihre Stelle zu setzen. Sein Werk mißlang; und die Anhänger der matten Stabilität glauben sich unüberwindlich gerechtfertigt, wenn sie seinen Namen heraufbeschwören.
Und doch gibt es Eine Politik, eine andere als die Josephische, in der jene Verschmelzung von selbst gegeben ist, mit den Vorzügen des östreichischen Systems, ohne seine Schwankungen, höher und lebensvoller: es ist die deutsche. Was den Westslaven frommt, innige und friedsame Durchdringung des deutschen und slavischen Wesens, Erstarkung vor Rußlands ganz slavischen Fortschritten, will es nicht auch die deutsche Politik? Kann sie nicht, um den obigen Zweck zu erreichen, der Sprache, Literatur und Nationalität der Slaven die freieste Entwicklung gestatten? War es nicht dieselbe Zeit, welcher die Böhmen noch heute mit der freudigsten Erinnerung gedenken (die Epoche Karls IV.) und dieselbe, in der deutscher Geist und deutsche Literatur mehr als jemals in Böhmen geblüht hat? Was die Ungarn wollen, liegt es nicht, wie wir gesehn, auch in der deutschen Politik? In Italien will sie, wie die Italiener selbst, eine kräftige, bewußte, ungezwungene Nationalität; ein offenes und furchtloses Verfahren, um den alten Groll zu versöhnen und Liebe zu stiften, wo die Furcht geherrscht hat; und einen Staatenbund, an dessen Spitze das lombardisch-venetianische Königreich gehört. Was endlich die polnischen Unterthanen Oestreichs wünschen müssen, die Herstellung Polens — auch das ist von der deutschen Politik geboten.
Oestreich, als Großmacht im Allgemeinen, will eine würdige, weder feindliche noch gebundene Stellung zu Frankreich; ein enges Verhältniß zu England, dem alten Bundesgenossen; es sucht in Italien den französischen Einfluß zu paralysiren, an der Donau und im Orient sich steigend, materiell und moralisch auszubreiten; Beherrscher so vieler slavischer Völker, bedarf es der schärfsten Selbstständigkeit gegen Rußland, so vieler deutscher Provinzen, der innigsten Einigung mit Deutschland. Alles dies, liegt es nicht in den Wünschen und Bedürfnissen der deutschen Nation?
Laßt nun sehen, wie weit die östreichische Politik der deutschen gleicht, wie weit Oestreich in deutschem Interesse handelt. Statt der germanischen Allianz mit England finden wir eine prinzipielle Verbrüderung mit Rußland. Die deutschen Provinzen sind geistig und mechanisch von dem übrigen Deutschland abgesperrt. Die Verschmelzung des deutschen und slavischen Elements in Böhmen und Mähren wird eben dadurch verhindert. In Italien ein unsicheres, von losen Stützen getragenes Wesen. Hier, wie in ganz Deutschland erscheint Oestreich als abwehrende, negative, strafende, nicht als wohlthätig wirkende, nationale Macht. Der Geist der Regierung hat längst die Stufe überschritten, auf den der komplicirte Charakter des Staates ihn stellt; er konservirt nicht nur, er fürchtet die Neuerungen auch wenn sie unschädlich, er umgeht sie, auch wenn sie unumgänglich sind. Das materielle Wohl soll den Völkern die geistige Freiheit ersetzen, für welche sie tagtäglich reifer werden. Das patriarchalische Verhältniß der Herrscher zu den Völkern hat aufgehört; die Zeit hat es unterwühlt, aber man denkt nicht daran, ein höheres an die Stelle zu setzen. Der ganze Staat, mit all den reichen Elementen des Lebens, beruht am Ende nur auf der Waffengewalt. Wie wird es sein, wenn die Zeit herankommt, in der überall in unserem Welttheil die Materie dem Geist, die militärische Macht, ohnmächtig, einer höheren Kraft wird weichen müssen, wenn dann Oestreich keine tiefere Wurzel geschlagen hat im deutschen Volke? Man wird so lange säumen, der Maschine lebendigeren Odem einzuhauchen, bis es zu spät ist, bis sie verrostet, um zusammenzustürzen im ersten Anlauf der Gefahr.
Eine principielle Verbrüderung mit Rußland, habe ich oben gesagt, und will hierüber noch einige Worte hinzufügen. Obwohl Oestreich gegen den „gemeinsamen Feind im Innern“ sich mit Rußland verbündet hat, so rettet es doch anderseits — und dafür gebührt ihm der Dank des Vaterlandes — die deutsche Ehre, indem es den russischen Entwürfen, namentlich in der Türkei entgegenarbeitet. Und hier ist es nun doppelt schmerzlich zu sehen, wie die östreichische Politik, auch bei gutem Willen, das Ziel so wenig erreicht. In der unverrückten Erhaltung der Türkei findet sie das Mittel, die russischen Plane zu vereiteln. Die Türkei aber ist dem Tode verfallen; sie trägt ihn in sich und keine Macht der Erde wird sie retten. Statt an die Spitze der auflebenden christlichen Völker zu treten und die Bewegung mit kräftiger Hand zu leiten, verbündet sich Oestreich mit dem Erbfeinde und zwingt die Insurgenten, sich in Rußlands Arme zu werfen. Statt dem Zuge der Natur und Geschichte zu folgen, will Oestreich stützen, was nicht mehr zu stützen, und unterdrücken, was nicht mehr zu unterdrücken ist. Oder ist Griechenland weniger frei geworden, weil es Oestreich verhindern wollte? Die Folge des unnatürlichen Systemes ist, daß Oestreich, dessen südliche Linie in ihrer ganzen Breite die slavisch-griechischen Länder beherrscht, sich zu schwach fühlt, den russischen Fortschritten allein Einhalt zu thun. „Wenn England,“ schreibt Gentz im Jahre 1828, „durch sein Stillschweigen oder durch diplomatische Subtilitäten, die nur Verlegenheit und Unentschlossenheit verrathen, mit den russischen Anmaßungen kapitulirt — von welcher Seite soll dann die Hülfe kommen? Oestreich, welches keinen ermunternden Wink Englands unbeachtet lassen würde, ist leider nicht in der Verfassung, in der es sein müßte, um allein den Fortschritten Rußlands Schranken zu setzen. Preußen hat nicht die geringste Neigung dazu; wir können uns glücklich preisen, wenn es im entscheidenden Momente nur neutral bleibt.“ Man sieht an dieser, nach Oestreichs Lage, Hülfsmitteln und Sympathien fast unglaublichen Schwäche, wohin eine Politik führt, die dem Geist der Geschichte widerstrebt, statt ihn kühnlich zu fassen. Die Moldau und Wallachei, Serbien und Griechenland haben sich emancipirt ohne Oestreichs Zuthun, die ganze Türkei wird sich emancipiren, und wenn Oestreich noch ein Jahrzehnt in demselben System beharrt, so ist sein Einfluß im Orient verloren, und seine Zukunft, die einzige die als europäischer Macht ihm bleibt, vernichtet.
Wird Oestreich das alte System in der kommenden Zeit mit einer deutschen Politik vertauschen? Ich weiß es nicht. So lange nicht die deutschen Provinzen Deutschland angehören mit Herz und Sinn, von innen und außen, so lange drei der edelsten Stämme, Oestreicher, Tyroler und Steiermärker, alle so hoch begabt, so reich an Geist und Gemüth, ausgeschlossen bleiben von dem lebendigen Bande, das die übrigen Deutschen umschlingt, so lange Böhmen und Mähren in der Entfremdung beharren, worein sie seit den blutigen Zeiten der Ferdinande gebannt sind, — so lange gibt es keine solche Politik. Es ist wahr: die östreichische Monarchie ist von zahlreichen und tiefen Schwierigkeiten umringt; in ganz Europa kein Staat, dessen Leitung verwickelter, gefährlicher und künstlicher ist, und es wäre vermessen, da stets den Willen anzuklagen, wo zum Theil eine schwere Nothwendigkeit herrscht. Das allein schmerzt, diese theilweise Nothwendigkeit von einem bewußten Willen zum höchsten Gesetze erhoben, die natürliche Schwere, welche dem östreichischen Conglomerat anhängt, nicht als leidiges Uebel, sondern als das oberste Princip des Staates betrachtet zu sehen.
Ich komme zu Preußen und bin hier überhoben den nämlichen Beweis zu führen. Preußen besitzt, mit Ausnahme von Posen[28], lauter deutsche Provinzen. Altpreußen, das Stammland seiner Würde, obschon es nicht zum Bunde zählt, ist ganz und gar deutsch durch Geschichte, Natur und Charakter seiner Bewohner. Die Rheinlande, Westphalen und die sächsische Provinz, die es neuerlich beherrscht, sind urdeutsche Gebiete, deren Geschichte so alt ist als die deutsche überhaupt. Deßhalb lebt ein Zug in der preußischen Politik, dem sie kaum widerstehen kann, von dem sie ewig und unabweislich gestachelt wird: der Zug eine deutsche Macht zu sein von ganzer Seele. Doch folgt sie nur langsam diesem Zuge; und dergestalt, daß sie oft genug nach außen hin von Rußland geleitet wird, nach innen dem Anstoße gehorcht, der von Oestreich ausgeht. Steins kurze Verwaltung und die Jahre des Befreiungskampfes hatten gezeigt, wie Preußen, um groß zu sein, Nichts nöthig habe, als der Natur seines Volkes freieren Spielraum zu eröffnen. Sie hatten gelehrt, daß Ein Jahr im deutschen Geiste gehandelt, Jahrzehnte von wohlgemeinter Schwäche überwiegt. Diese Erfahrungen gingen vorüber. Nochmals kam eine schwere Zeit; da wußte man nimmer zu sichten zwischen den guten und den bösen Geistern. Man erbebte vor jedem lebendigen Gegensatz, man zitterte vor dem Rauschen eines Blattes, man bekämpfte gleich gewappneten Riesen die Windmühlen bethörter und träumerischer Jünglinge; Offenheit, Zutrauen, Männlichkeit waren dahin. Und hiezu das unselige Vermächtniß, daß der große Friedrich im russischen Bunde dem Staat hinterließ. Was er, getrieben von der Noth der Zeit, und mit klarer Ahnung der inliegenden Gefahr geknüpft hatte, wurde Regel des preußischen Systems. Die Nachfolger zogen das unheilvolle Band noch enger zusammen. In der Politik, sagt Friedrich der Große irgendwo — und dies ist eins seiner schönsten Worte, kenne ich keine andern Verwandten als meine Freunde. Was würde er heute sagen?
Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Es mag weh thun, Oestreich seine eigenen Wege wandeln zu sehen; doch Oestreich herrscht in außerdeutschen Ländern und handelt, wie wir gesehn, in auswärtigen Dingen doch oftmals mit deutscher Intention. Aber Preußen, wie mag seine Politik begriffen werden, welche gehorcht hat, wo sie gebieten[29], gefolgt, wo sie bestimmen, verloren, wo sie erobern konnte — drei Dinge, die Preußen gegen Rußland, gegen Oestreich und (in geistiger Weise) gegen Deutschland hin an den Tag gelegt.
Preußen ist die beste Bureaukratie Europas, von bewundernswürdiger Maschinerie, und welche der Wissenschaft, den Meinungen und dem Leben so viele Freiheit läßt, als eine Bureaukratie ihrer engen Natur nach es thun kann. Aber wer heißt das? Bureaukratien sind die Meisterstücke des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts, und nicht der moderne Liberalismus oder der Geist der Revolution, sondern der germanische Geist, dem sie widersprechen, wird sie unterhöhlen[30].
Wenn Oestreich undeutsch verharrt, so bleibt es wenigstens eine Macht von Bedeutung im Osten. Preußen, wenn es nicht wagen würde, deutsch zu sein, sänke zum Nichts herab, und wie es überhaupt seit dem Wiener Kongreß den pentarchischen Charakter nur in begleitender und zustimmender Weise bewährt hat, so würde es bald auch nominell aus der Reihe der Großmächte schwinden.
So lange Oestreich und Preußen bureaukratische Militärmächte bleiben, werden sie durch ein inneres Band an Rußland gekettet. Und wiederum, so lange sie mit Rußland verbunden bleiben, so lange werden sie von Rußland beherrscht; denn Rußland ist unter den drei Militärmächten die größeste. Endlich, so lange solch ein Uebergewicht besteht, kein wahrhaftiges Deutschland, kein geordnetes Europa.
Wir kehren zur Pentarchie zurück. Daß Deutschland weder in innern noch in auswärtigen Dingen genügend vertreten werde, haben wir gesehen. Jetzt werden die tieferen Ursachen dieser schiefen Politik, wie sie in den pentarchischen Verhältnissen liegen, sich enthüllen.
Der Grundzug des politischen Systems von Europa ist, seit dem Untergang der kaiserlich deutschen Macht des Mittelalters, die Idee des Gleichgewichts. Von der Hegemonie, die bis dahin geherrscht hatte, sprang Europa schnell zum äußersten Gegensatz hinüber. Zur Zeit Maximilians schienen eine Menge von Staaten, Oestreich, Frankreich, Spanien, England, Venedig, die Schweiz, sich in gegenseitigem Gleichgewicht zu halten. Bald erhob sich die habsburgische, ihr gegenüber die französische Großmacht, seit Elisabeth trat England, später durch Peter den Großen Rußland, endlich Preußen hinzu. Man war von der europäischen Republik zur Aristokratie gekommen; innerhalb der letzteren wuchs in der neuesten Zeit, nachdem Napoleon die Monarchie versucht hatte, eine Oligarchie heran. Rußland und England (gewissermaßen von Frankreich paralisirt), haben das Uebergewicht errungen.
Die Geschichte selbst hat das Gleichgewicht, in dem unvernünftigen Sinne, indem es uns so oft gepredigt wird, gerichtet. Ein Gleichgewicht hat niemals in Wahrheit bestanden, wird niemals bestehen, und in der That hat niemals ein Staatsmann im Ernste daran geglaubt oder darnach gehandelt. Nicht, daß alle Staaten gleichviel wiegen an Gewicht und Geltung, will Europa: ein organisches Verhältniß will es, der kleineren Staaten zu den mittleren, der mittleren zu den großen, der großen zu den größten. Nicht darauf beruht Friede, Ordnung und Blüthe von Europa, daß in endloser Eifersucht jedwede Macht die andere hemmt und beschränkt, daß der kleinste Uebergriff, der unbedeutendste Zufall den ganzen Organismus bedroht und mondenlang die halbe Welt in die peinlichste Spannung versetzt. In der Familie wie im Staat, im kleinsten Gemeinwesen wie im ganzen Erdtheil liegt Halt, Einheit und Zusammenhang darin, daß jede Natur die Stelle einnimmt, die ihr gebührt, daß das Große groß, das Kleine klein, daß das Ganze über und unter einander geordnet sei nach der ursprünglich harmonischen Verschiedenheit, die ihm Gott eingepflanzt hat. Denn nicht verflachende Gleichheit, sondern unendliche Abstufung ist der Charakter alles Geschaffenen, und wo da herrscht, was herrschen, wo gehorcht, was gehorchen soll, da allein lebt Freiheit, Ordnung und Gesundheit. Gebt allen Staaten Europas, von Portugal bis Rußland, die nämliche Geltung, und ihr werdet finden, daß Eure Gleichheit eben so unselig und verwirrender sein würde, als der römische Despotismus, der die halbe Menschheit geebnet und Ein Ungeheuer an ihre Stelle gesetzt hat. Das Gleichgewicht, ich wiederhole es, ist eine ungeheure Täuschung, geschickt genug gemacht, um selbstsüchtige Tendenzen mit dem Mantel der Theorie zu bedecken, oder umgekehrt, nichtswürdige Schwächen mit dem Scheine der Aufopferung zu verhüllen; verwirklicht auf die Dauer zu keiner Zeit, nicht einmal in unsrer, welche die künstliche Aufrechthaltung der Unnatur sich zur Aufgabe gesetzt hat[31].
Was wir in der Pentarchie suchen, sind die Keime einer höheren Ordnung der Dinge, eines natürlichen Gleichgewichts, wonach die Eine Familie ein Uebergewicht behaupten kann, ohne die andere zu drücken, das Eine Volk in der Familie vorangehen kann, ohne das andere zu knechten. Von den deutlichen Spuren einer germanischen Hegemonie in der pentarchischen Gestaltung sind wir ausgegangen; und wollen sehen, wodurch sie bis zum Unmerklichen verwischt werden.
Während die deutschen Mächte weder den deutschen, noch geschweige den germanischen Willen ausdrücken, vertritt Frankreich in Wahrheit den romanischen Westen, welcher mit ihm Eine religiöse — den Katholizismus — Eine politische Tendenz — den Liberalismus — theilt.
Aehnlicher Weise hat Rußland die Einheit des Ostens, eine griechisch-absolute Einheit usurpirt; Polen ist von ihm verschlungen, Ungarn durch die östreichische Politik verhindert, sein eigenthümliches Element herauszukehren.
So bildet der Osten, wie der Westen, eine einige geistig geschlossene Macht.
Wie ganz anders Germanien. Oestreich ist katholisch, Preußen protestantisch, England bischöflich; Oestreich absolut, Preußen konservativ, England hat seine Freiheit, wie seine ganze politische Tendenz für sich. Die beiden erstern sind durch keine Verbindung mit England verknüpft. Skandinavien steht allein, und in sich selbst zersplittert. Die mitteldeutschen Staaten sind durch Vielheit schwach, und überdem durch eine politische Kluft — die konstitutionelle Verfassung — von den Westmächten geschieden: Belgien und die Schweiz von romanischen Einflüssen durchkreuzt, Holland von selbstsüchtigen Interessen geleitet. Nirgend eine germanische Einheit, nirgend ein germanischer Wille.
Diese Zersplitterung, an sich schon unheilvoll genug, wird es doppelt und dreifach durch die Konjunkturen der Gegenwart.
Es gibt in Europa zwei Bewegungen, unabhängig und ohne Zusammenhang, neben und widereinanderlaufend, deren jede in ihrer Weise die Stellung der Staaten bestimmt. Die eine geht aus dem Territorialinteresse, die andere aus dem Principienkampfe hervor.
Der Principienkampf hat die Quadrupelallianz der Tripelallianz gegenüber gestellt. Das legitime Princip hat Rußland, Oestreich und Preußen, das liberale Frankreich, England, Spanien und Portugal vereinigt.
Diesen Verbindungen widerspricht das Territorialinteresse. In Afrika, im Mittelmeer, im Orient steht die englische Politik der französisch-pyrenäischen feindselig gegenüber; in Polen, in der Türkei und an der Donau läuft das deutsche Interesse dem russischen schnurstraks zuwider.
Die Principienfrage wird auf der rechten Seite in erster Linie von Rußland, auf der linken von Frankreich vertreten; die Revolution, wie die Restauration, die sich wechselnd über Europa ausbreiteten, sind stets von Frankreich oder von Rußland ausgegangen.
Das Territorialinteresse wird in der mächtigsten Ausdehnung einerseits von Rußland, anderseits von England gehandhabt. In allen Theilen von Asien kämpfen Rußland und England um eine Herrschaft, die keine der andern Mächte in Anspruch nimmt.
Rußland also, allein unter allen, ist in doppelter Art an die Spitze gestellt; die principielle und territoriale Hegemonie vereinigt sich in seiner Hand. Während auf der linken Seite Frankreich und England, jedes in seiner Sphäre, sich die Wage halten, sind auf der rechten die deutschen Mächte durch ein zweifaches Joch an die russische Suprematie gebunden. Oestreich und Preußen haben das Territorialinteresse dem Principienbündniß geopfert: ein doppelt unsäglicher Irrthum, der sie ihrer materiellen Kraft beraubt, und die ideelle vernichtet, indem er sie den übrigen deutschen Staaten entfremdet, ja gegenüber stellt.
Die Unnatur, in Deutschland wie in ganz Europa hat den Gipfel erreicht. Die Allianzen der Gegenwart sind hohl und nichtig in sich, das ganze politische System auf Sand gebaut.
Es beruhen nämlich jene beiden Interessen, das ideelle und das materielle, nur auf Einem Grunde: auf der natürlichen Organisation der Völker. Diese, wie sie jeder Familie Europas einen gemeinsamen Zug der Ausbreitung mittheilt, erzeugt, nach Maaßgabe der Natur, ihre Verfassungen und Principien.
Daß Eine Territorialbewegung, in und außerhalb Europas, den germanischen, Eine den romanischen Nationen gemein sei, wäre unnöthig noch nachzuweisen; einmal, weil es aus der früheren Betrachtung erhellt, sodann weil in der Politik selbst die Ereignisse tagtäglich mehr darauf hindrängen. Eine Territorialfrage, — die orientalische — hat das französisch-englische Bündniß bis in den Grund gelockert, sie hat England der Quadrupelallianz entfremdet. Dieselbe Frage wird je näher sie der Lösung zuschreitet, um so unversöhnlicher das deutsche Interesse im Orient dem russischen gegenüberstellen. Wenn erst die Quadrupelallianz gestürzt ist, wird gleich ihr die Tripelallianz zerfallen. Der nächste europäische Krieg würde England den deutschen Mächten zutreiben, und ein germanisches Bündniß herbeiführen.
Es ist nicht anders mit der Principienfrage. Aus dem romanischen Geiste ist das demokratisch-liberale Princip entsprungen, im slavischen wurzelt das monarchisch-absolute; dem germanischen ist das aristokratische eigen. Die Gleichheit der Franzosen ist ein Unding, wie die despotische Gewalt der Russen: die Wahrheit und Freiheit, wie sie die Zukunft bringen wird, liegt in der Mitte von Europa, in Germanien.
Diese Mitte soll nicht ein Mittelding sein zwischen beiden, ohne eigne Kraft und widerlich schwankend zwischen dem Anstoß, der bald von Osten, bald von Westen kommt, wie es bisher in Deutschland gewesen. Geist und Leben selbst, soll sie ein neues Princip aufpflanzen in Europa, auf den Trümmern der erstorbenen Welt, und in den Wüsten der modernen, welches dem demokratischen Zuge Recht und Geltung verleiht, ohne den monarchischen Trieb, als das letzte bindende Element des Staates, zu untergraben. Ehe nicht solch eine Vermittlung gefunden ist, gibt es keine Ruhe, keinen Frieden, keine Einheit in Europa. —
Warum also, ich wiederhole es, ist weder in Territorial- noch in Principiensachen eine organische Stellung der Völker und Staaten vorhanden? In der ersten Beziehung, weil Deutschland nicht ist, was es sein soll: der einige, geschlossene Vorort der germanischen Nationen. In der zweiten, weil Deutschland noch nicht gefunden hat, was es finden soll: die Versöhnung der widerstrebenden Tendenzen, von denen es selbst in zwei Theile zerrissen wird.
Der Kampf der Principien, so furchtbar und hoffnungslos, weil keine Partei zu siegen, keine unterzugehen vermag, raubt Europa die innere, der Zwist der Territorialinteressen raubt ihm die äußere Einheit. Jener hat eine peinliche Unfähigkeit der Staatsverwaltungen (das Juste-mileu), dieses die Unvermögenheit der Politik, auswärtige Dinge zu schlichten, (den Statusquo) erzeugt. Ohne Einheit ihrer Glieder, zerrissen von schroffen Gegensätzen, ohne politische Intentionen, unklar über das was sie soll, unfähig in dem was sie will: so ist, als Ganzes betrachtet, die europäische Pentarchie.
Und diese Pentarchie vermißt sich, das Schicksal zweier Welttheile, ja im weitern Sinne die Regierung der Erde zu leiten. Die Folgen liegen der Welt vor Augen. Eine Frage taucht auf nach der andern, und von ihr wahrhaftig wird sie nicht geschlichtet, wenn sie nicht in sich selbst die Schlichtung findet. Unendliches Blut ist in Griechenland vergossen worden, weil es den Mächten beliebt hat, das erst nach Jahren zu thun, was endlich doch geschehen mußte, und sogleich hätte geschehen sollen. Zahllose Menschenleben sind in Spanien geopfert worden, weil es ihnen genehm war, von beiden Seiten gerade so weit zu interveniren, um den Krieg desto hartnäckiger in die Länge zu ziehen. Welches Princip ist es doch, das Belgien konstituirt und Polen preisgegeben hat, das die Integrität der Türkei verkündigt und dem Pascha von Aegypten die Erblichkeit verleiht? Es sind weder Principien noch Grundsätze, noch auch allgemeine humane Rücksichten vorhanden. So hat man in der orientalischen Sache wohl für Abdul Medschid gearbeitet und für Mehmed Ali, für sie und wider sie hat man hin und hergeredet, geschrieben und gehandelt: der unterdrückten Völker aber ist mit keinem Worte gedacht worden, weder der türkischen noch der ägyptischen. Ueberhaupt, diese Frage des Orients, das schwere Probestück, an dem das heutige Europa sich verbluten wird, um einem neuen zu weichen, sie zeigt allein schon die ganze Hülflosigkeit des diplomatischen Wollens und Thuns. Was war im Orient zu thun? Man wollte, weil ein anderer Ausweg vorerst nicht zu finden, die Erhaltung der Pforte. Mehmed Ali mußte, war seine Macht hiemit vereinbar, belassen, war sie es nicht, unschädlich gemacht werden. Jahre verflossen — blutige Jahre für die Völker, tödtliche für die Herrscher des türkischen Reiches — ehe man hierüber zu einigen Begriffen kam. Endlich wird eingeschritten: und keines von beiden geschieht. Nach einer Reihe kriegerischer Großthaten sieht sich die gerettete Pforte in neue und schwerere Verwicklungen gestürzt, ist Mehmed Ali in geheiligtem Besitz des Errungenen und gestärkt durch verdoppelte Mittel der List, der Intrigue und des Verderbens, sind die syrischen Provinzen der furchtbarsten Anarchie, die christlichen Unterthanen der schändlichsten Bedrückung preisgegeben, ist Europa in neue Krisen verwickelt. Wohl gab es einen Mittelweg: trotz der Pforte und trotz des Pascha im Interesse der christlichen Bevölkerung zu handeln. Aber, wie die Protektion der Pforte schon dem Princip nach den christlichen Interessen im Orient zuwiderläuft, so weiß man auch in dieser Beziehung nur zu zögern. Der Mangel an leitenden Ideen ist so groß, daß die Staatsmänner sie in den wichtigsten Dingen von der öffentlichen Meinung erwarten; erst wenn diese sich unabweislich geltend macht, wird gehandelt. Die Pentarchie besitzt die oberleitende Gewalt: statt sie zu handhaben, läßt sie sich von den Ereignissen so lange leiten, bis der höchste Punkt erreicht, der dringendste Augenblick gekommen ist; dann endlich wird geschlichtet, doch nicht um die Sache selbst zu schlichten, sondern sie vorläufig wenigstens so zu wenden, daß keine der fünf Mächte sich beleidigt fühlt. Ein Tribunal der Völker will sie bilden, das über die Zwiste der Nationen entscheidet; und mit der richterlichen Vollmacht verbindet sie die ausübende, um überall den gefällten Spruch in Kraft zu bringen. Nur schade, daß ihr hiezu gerade die zwei Dinge fehlen, worin die Befähigung läge: die Einheit sowohl als die geistigen und sittlichen Regeln, nach denen Recht gesprochen werden soll. Ohne das, wie mag sie zu Gerichte sitzen? Wie anders, als zum Verderben der Völker? In der That, ihre Wirksamkeit sollte darauf beschränkt sein, sich selbst in Ordnung zu halten; denn trotz unablässiger Bemühungen, vermag sie selbst dieses nicht. Die innern Blößen, die zu verdecken sie sechsundzwanzig Jahre vergebens gerungen hat, treten offener als jemals in diesem Augenblicke zur Schau. Und gleichwohl hört man nicht auf, als Vollendung politischer Weisheit eine Diplomatie zu rühmen, deren höchste Kunst in gelungenen Ausflüchten, in vertagenden Maaßregeln besteht.
Doch, warum die menschlichen Schwächen anklagen, wo ein höheres Schicksal schwer und ungeheuer auf den Völkern lastet, vor dem die Weisheit der Regierenden so flüchtig zerrinnt, als die Einfalt der Thörichten? Große Dinge bereiten sich vor an allen Enden der Erde: das semitische, das indische, persische und östliche Asien wird näher und näher in den europäischen Kreis gezogen, um von daher sich frische Kraft zu erholen: Afrika fängt an, sich uns zu erschließen; und wie im Osten eine erstorbene, im Süden eine todte Welt, so harrt im Westen, über dem Ocean, eine jugendliche, kaum geborene der erziehenden Hand, um aus der kindlichen Regellosigkeit, worin sie sich verloren hat, zur Ordnung und Freiheit zu gedeihen. Das alles ist dem kleinen Erdtheil vorbehalten, den die Vorsehung bestimmt hat, an der Spitze der Völker zu stehen: und eben dieser Erdtheil ist von innern Uebeln ohne Zahl, von tödtlichen Wunden zerrissen. Die vor allem müssen geheilt sein — oder seine Herrschaft gereicht wie bisher so oft, nur zum Fluch und Unsegen der Völker, statt zu ihrem Wohl und Frieden.
Es ist ein großer Gedanke, der dem pentarchischen System zu Grund liegt. Aus den edelsten Völkern, und den vollendetsten Staaten soll eine Macht sich heranbilden, die als höchstes Forum mit Gerechtigkeit und Kraft die Weltangelegenheiten schlichtet. Es ist ein schöner, herrlicher Traum, jene Einheit des Menschengeschlechtes, nach der die edelsten Männer sich von Altersher gesehnt haben, jener ungetrübte Friede, dem in unsern Tagen die Menschheit entgegenzugehen scheint: und vielleicht mehr als Traum. Das alles vermag die Pentarchie nicht zu geben; sie ist das künstlich gestützte, morsche Gebäude, an das die tiefsten Wünsche der Zeitgenossen sich anranken, und nur eben dadurch vor dem Umsturz bewahrt. Aber so weit Harmonie und Friede in der menschlichen Natur überhaupt liegt, so weit jedes Gemeinwesen sie in sich entwickeln kann; so weit kann die ganze Menschheit ihr Ideal erreichen, sobald Europa selbst zu innerer Einheit gelangt sein wird[32]. Dieses geschieht, wenn die Fragen gelöst sein werden, von denen die Welt in ihren tiefsten Tiefen bewegt wird, wenn inmitten slavischer und romanischer Tendenzen ein germanischer Bund die höchste Gewalt übernimmt, wenn ein Volk an die Spitze des Bundes tritt, welches nach großen, leitenden Ideen die Politik von Europa regelt und eine Macht aufrichtet, die unantastbar ist und unvergänglich[33], weil das geistige und sittliche Princip es ist, worauf sie beruht.
Seit Jahrhunderten kennt die europäische Geschichte keine andere Staatskunst, als die Künste des Trugs, der Hinterlist und der Selbstsucht; keine Verträge, als die, so für den Vortheil des Augenblicks ohne Bedenken geschlossen sind, um eben so gewissenlos gebrochen zu werden, keine Allianzen, als vergängliche, haltlose und denen das tiefere Bewußtsein fehlt, keine Kolonisation, als die auf Barbarei und Vertilgung der menschlichen Raçen gegründete. Wie würde es sein, wenn aus dem Schutt so gehäufter Verbrechen eine neue Politik sich erhöbe, mannhaft, offen und edel, ein Abglanz der höhern Weisheit, deren Absichten sie zu erkennen und zu vollstrecken strebte, geheiligt durch die sittliche Würde, von welcher Thoren und Elende sagen, sie sei unvereinbar mit weltlichen Dingen, voll Stärke und Wahrheit, voll Kraft und Gerechtigkeit! So viel ist gewiß; die alte Politik geht ihrem Untergange entgegen; was bis jetzt gedauert, schlägt keine Wurzel mehr hinüber in künftige Jahrhunderte. Denn wie jedwede Kunst, wenn sie zur Künstelei geworden, zurückgehen muß auf die Natur, in welcher allein ursprüngliches und wahrhaftiges Leben liegt: so wird auch die Politik, eben weil sie die höchste Spitze der Unnatur erreicht hat, zu den ewigen Quellen des Rechts und der Wahrheit hinabsteigen, um das zu werden, wozu sie berufen ist: die Erzieherin des Menschengeschlechts.