„Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die Thora zu leben oder unterzugehen, hat uns auch die tröstliche Verheissung mit auf den Weg gegeben, dass Gott sein Volk nicht fahren lässt und sein Erbe nicht preisgibt ... Die Schrecknisse der Auflösungsliteratur schrecken uns nicht.”
Die Anschauungen gesetzestreuer Kreise fanden einen weiteren literarischen Niederschlag in dem orthodoxen Blatte „Die Laubhütte”, welche in der Nr. 52 des Jahres 1911, die Wichtigkeit der Frage zwar anerkannte, aber doch folgenden Schluß ziehen zu müssen glaubte:
„Theilhabers Buch weist mit Recht auf die Gefahren des modernen Judentums hin. Der Titel „Untergang —” ist für einen gläubigen Juden unannehmbar, weil er der göttlichen Verheissung widerspricht. So spricht der Ewige: Wenn mein Bund nicht mehr sein würde mit Tag und Nacht, wenn ich die Gesetze von Himmel und Erde nicht festgesetzt hätte ... dann würde ich auch die Nachkommenschaft Jakobs und meines Dieners verwerfen. (Jeremia.) Du fürchte Dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn ich bin bei Dir. Sollte ich auch alle Völker zugrunde gehen lassen, unter welchen ich Dich hinweg geführt habe, Dich werde ich nicht zugrunde gehen lassen. Ich werde Dich wohl züchtigen zum Rechte, aufreiben werde ich Dich nicht (Jeremia). Wer an die Offenbarung Gottes glaubt, kann also das Wort „Untergang” nicht gutheissen.”
Die Presse der neologen deutschen Juden lehnte gleichfalls die Richtigkeit meiner Behauptungen ab. Ihre Hauptzeitschrift, „Die allgemeine Zeitung des Judentums”, brachte noch am 2. Januar 1920 einen Artikel, der Jahre vorher das hebräische Leserpublikum im „Haschiloach” aufgeklärt hatte und nunmehr der deutschen Leserschaft nicht vorenthalten werden sollte. Dr. Kaminka kämpft gegen Windmühlen wie ein zweiter Don Quichote. In dem abgelegten Artikel findet sich ein Passus, der immerhin beachtenswert ist und deshalb nicht totgeschwiegen werden soll. Er lautet:
„Die allerwichtigste Vorfrage ist die nach der dynamischen (nicht statistischen) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen der Seelenkraft und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener Einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre, für welche ihre Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in ihrer Umgebung an Kraft und Bestandsfähigkeit übertrifft. Die numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke zu multiplizieren sein.
Es ist ... ein Trugschluss und eine petitio principii, wenn der Massstab irgend eines Stammes oder einer Nationalität in das Judentum gelegt wird, was von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz bestimmten philosophischen Anschauung war, die sich auf die Ewigkeit eingerichtet und nach einem bestimmten Plan in die fernsten Länder hinausgezogen ist, um als Minorität unter allen Völkern durch ihre ethische Ueberlegenheit zu wirken.” —
Vernichtender urteilte die offizielle Besprechung, welche das Centralorgan der zionistischen Bewegung „Die Welt” der Untergangstheorie zu teil werden ließ. S. H. Lieben aus Prag schrieb in der Besprechung des „Untergangs”:
„... Rückkehr zu jüdischen Gesetzen, wie auch Nationalisierung lassen sich nicht in kurzer Zeit erzielen und darum müsste man am Bestand der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von Theilhaber ermittelten Daten einwandfrei sicher gestellt. Aber Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke zu einem Schwarzseher geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte jüdische Statistiker Dr. Jacob Segall im Septemberheft der Zeitschrift „Im Deutschen Reich” eingehend darlegt. Nach Segalls Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er gesteht wohl zu, dass die Fruchtbarkeit der Deutschen Juden eine höhere hätte sein können, aber er findet, dass Theilhaber sie zu gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in grossen, aus politischen und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr grosse Dimensionen angenommen haben.”
Eine rein sachliche Erwiderung wies die Redaktion der „Welt” zurück. Der Redakteur gestand mir mündlich ausdrücklichst, daß die Untergangstheorie ihm gefährlich erscheine und daß er meiner Entgegnung oder jeder ähnlichen aus diesen politischen Erwägungen keinen Raum geben könne.
Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden”, einer Zusammenfassung aller großen und der meisten kleinen Gemeinden, Prof. Dr. Kalischer, glaubte gleichfalls die gefährliche Theorie einer Nachrichtung im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 9. Februar 1912 unterziehen zu müssen. Das Pronuntiamento verriet der Titel „Die Zukunft der Juden”. Ich zitiere aus dem Anfang:
„Man prophezeit uns, namentlich den Juden der westlichen Länder, den Untergang; man hört bereits den Flügelschlag des Todesengels und sieht ihn sein trauriges Werk schon in ungezählten Generationen vollenden. Die Grundlage der Zukunftsschau dieser neuen Seher bilden Zahlen der Statistik, die ein anscheinend trostloses Bild der Zustände innerhalb der Judenheit entrollen, und es sind ohne Zweifel tiefernste Betrachtungen, die daran geknüpft werden und die nicht ungehört verhallen dürfen ... — — —
Es erscheint uns willkürlich und als eine Verkennung und Ueberschätzung dessen, was die Statistik zu leisten vermag, in diesen Zahlen, die sich im besten Falle über drei Jahrzehnte erstrecken, einen Naturprozess zu erblicken, der mit der Notwendigkeit eines solchen unabänderlich in einem bestimmten Sinne abläuft ...”
An der Hand der Geschichte folgert nun Kalischer die Zukunftssicherheit des jüdischen Volkes:
„Der Gottesgedanke bildete die Schwingen, mit dem sich die jüdische Volksseele aus der staatlichen Enge erhob, und das Palladium, das sie vor dem Schicksal der Zerstörer ihres staatlichen Daseins schützte und sie am Leben erhielt, war die Thora, auf die das Gott selbst geltende Wort angewandt wurde, sie ist „Dein Leben und deiner Tage Dauer, (5 B. M. 30, 20).” Kalischer gibt sodann eine glückliche Zusammenstellung der Grossen in Israel von Mose bis Maleachi, die der jüdischen Lebensbejahung das Wort sprachen. Und eine Welt von Hoffnungen erweckt in diesem Sinne derselbe Prophet Jesaia mit der Verheissung: „Er — mein Knecht Israel — wird nicht ermatten und nicht dahin gehen, ehe er das Recht auf Euch gegründet hat und auf dessen Lehre Eilande harrten.” Und der Artikel schliesst in dem Appell an die Lehre der Bibel. Im Hinblick auf sie könne Kalischer mehr Vertrauen zu der Lebenskraft des Judentums schöpfen. „Vertrauen auch zu dem Geist der Geschichte, dass — wie schon oftmals im Leben der Juden — eine Wendung sich zur rechten Zeit einstellen wird, Vertrauen zu der Macht der Idee, Vertrauen endlich auf das Prophetenwort Jeremias: Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft.”
Die Mehrzahl der Leser fühlte aus allen diesen und vielen ähnlichen Artikeln, Reden und Predigten nur das „Nein” heraus, die absprechende Beurteilung aller pessimistischer Deduktionen.
Wenn auch kühl abwägende Artikel, insbesondere im „Hamburger Israelitischen Familien-Blatt”, in der „Jüdischen Rundschau” und in dem „Frankfurter Israelitischen Familien-Blatt” (jetzt „Neue jüd. Presse”) Raum fanden, als deren gewichtigste Autoren Dr. Artur Kahn, Nachum Goldmann, Dr. Hans Fischer, Dr. Hoppe zeichneten, so waren das doch nur Stimmen einzelner Privatleute ohne Amt und Würde in der Judenheit, deren Urteil keinerlei Autoritätsglaube beigemessen wurde. Nicht nur die genannten zionistischen und orthodoxen offiziellen Publikationsorgane sprachen sich gegen die Auflösungstheorie aus, nicht nur die Vertreter der großen jüdischen Verbände und Gemeinden wußten durch allerlei Maßregeln die absolut nicht beunruhigten Gemüter zu neuem Schlaf zu verleiten ... das Hauptverdienst eines frisch-fröhlichen Auto-da-fés verübten die Vertreter der jüdischen Statistik, die auf verschiedenen literarischen Schauplätzen als die offiziellen Fachleute geharnischten Protest gegen meine „unwissenschaftliche, falsche und leichtfertige Schrift” einlegten.
Die stärkste Vernichtung erfolgte im Rahmen der Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im deutschen Reich” vom Jahre 1911. Der Centralverein deutscher Staatsbürger ist der größte jüdische Verein Deutschlands. Sein Blatt erscheint in einer ungewöhnlich hohen Auflage und wird in allen jüdisch interessierten Kreisen gelesen. Der Autor der Besprechung meines Buches, die sich zu einem selbständigen 13 Seiten umfassenden Artikel auswuchs, nahm überdies in der einzigen wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift, die sich mit statistischen Fragen beschäftigte, in der Monatsschrift für Statistik und Demographie der Juden, die Gelegenheit wahr, um persönlich und mit Freunden meine gefährlichen Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten. An vielen Beispielen behauptete Dr. Jacob Segall nachweisen zu können, daß ich „viel zu rasch aus den Zahlen Schlüsse gezogen”, daß ich „nicht sorgfältig und reiflich das Material angesehen hätte”, das mir für die „zuweilen recht kühnen Schlußfolgerungen” diente. Dazu kämen weiter meine Manipulationen mit vielen falschen Zahlen, Zahlen über deren Zustandekommen ich unfähig wäre zu urteilen, Berechnungsmethoden, die von der Wissenschaft vollständig abgelehnt seien und viele andere Mängel. Das vernichtende Urteil des offiziellen Statistikers der deutschen Juden mußte bedeutsam in die Wagschale fallen. Des langen und breiten glaubte Segall Fehler über Fehler nachweisen zu können, Leichtfertigkeit, die an Gewissenlosigkeit grenzte, Unkenntnis aller möglichen Dinge, Berufung auf falsche Autoritäten, „die sich ihre Zahlen aus der Luft griffen”! Die einschlägige Abhandlung Segalls erschien der langweiligen und wichtigtuerischen Form nach als die berechtigte Abfertigung eines Wissenschaftlers gegen einen dilettantischen Laien. Ich werde auf alle wesenhaften Punkte der Segallschen Methodologie noch in meinen weiteren Ausführungen eingehen. Obwohl dadurch diese Schrift einen polemischen Charakter bekommt, der ihr besser erspart geblieben wäre. So aber muß ich die Zeit und das Papier verschwenden, um darzulegen, wie Segall nur einige Zahlen sieht, deren große Zusammenhänge er nicht versteht. Kleine Druckfehler, die sich in jeder Arbeit finden und die einem ebenso in Segallschen Arbeiten begegnen, sind für ihn die Gewähr wissenschaftlichen Unvermögens. Im übrigen ist die Technik Segalls sehr einfach. Er kommt überall, wo ihn eine Ziffer stört, mit Fragen, Vermutungen, Theorien, für die er keine Unterlagen beibringt. Ich habe in meiner Entgegnung in der Zeitschrift „Im deutschen Reich” nachgewiesen, wie leichtfertig Segall mit Behauptungen umspringt und habe ein Beispiel für die minderwertige wissenschaftliche Methodik Segalls angegeben.
| Segall schrieb 1909: | Und 1911: |
|
„Ein letzter Grund, dass die
Sterblichkeit der Juden
niedrig ist, liegt in der Einwanderung.
Man denkt beim
Rückgang der Sterblichkeit
zumeist an die Verbesserung
der sanitären Verhältnisse und
berücksichtigt nicht, dass bei
den Juden wesentlich die Einwanderung
von Leuten im
produktiven Alter, wo
die Sterbewahrscheinlichkeit
eine geringe ist ...
Die Einwanderung hat den Vorteil, dass sie durch die Masse der jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die Sterbeziffer im ganzen herabdrückt. Daher kommt es, dass die Sterblichkeit der deutschen Juden in Deutschland in den letzten Jahrfünften bei weitem nicht so abgenommen hat, als man hätte erwarten dürfen.” |
„Theilhaber übersieht, dass
die Einwanderer die
Sterblichkeit erhöhen.
Denn nicht immer sind es bloss die im kräftigsten Alter stehenden Personen, welche einwandern, sondern zum Teil geht die Einwanderung familienweise vor sich, sodass Kinder und alte Leute, welche von der Sterblichkeit mehr bedroht sind, zur Masse der Einwanderer gehören.” |
In meinen Studien zum „Untergang der Deutschen Juden” hatte ich die Probleme der Erhöhung oder der Erniedrigung der Sterblichkeit durch die Einwanderung sehr wohl beobachtet. Ich konnte aber daraus keinerlei umwälzende Beeinflussung feststellen. Wenn Segall glaubte, daß die Einwanderung einmal die Sterblichkeit erhöht, und einmal sie niedriger werden läßt (wie es gerade in seinen Kram paßt) so hätte Segall sofort sich Aufklärung schaffen können, hätte die Ziffern der gestorbenen Ausländer in Deutschland nachsehen müssen, wie ich es tat und u. a. darlegte in meiner Preisarbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der Familien Gefahren in rassehygienischer Beziehung? Dargelegt an der Entwicklung der Judenheit von Berlin”. (Sonderabdruck aus Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Heft 1/2, 1913, Leipzig). In Wahrheit übte nämlich die Einwanderung keinen wesentlichen Einfluß auf die jüdische Sterblichkeit aus.
Segall konnte sich ebenso sehr über alle die Fragen, die ihm noch unklar waren, Aufklärung verschaffen. Er, der hauptsächlich statistisch arbeitete, dem ein Verband und ein Büro ganz andere Möglichkeiten einräumte, wie mir, der ich als Arzt nur in wenigen Mußestunden mich der Materie widmen konnte, war mir in allen technischen Hilfsmitteln und Voraussetzungen überlegen. Wenn er trotzdem die Sterblichkeit der ausländischen Juden, die Fruchtbarkeitsziffer an den Berliner, Leipziger, Hessischen Juden und vieles andere, was ich sofort z. T. zur Ueberprüfung meines Materials bearbeitete, nicht selbst untersuchte, sondern stets behauptete, man könne mangels Materials die Fragen noch nicht klären, so geht aus alle dem nur die Unfähigkeit des offiziellen Vertreters der Statistik in Deutschland hervor. Ich würde diese mangelnde Befähigung Segalls, das zu geringe Talent, Entwicklungstendenzen zu überblicken, nicht hervorheben, wenn ich mich nicht im Interesse der Sache dazu genötigt sähe. Bei der Bedeutung des ganzen Problems hat Dr. Jacob Segall durch seine absprechende Kritik die Auslösung einer wissenschaftlichen weiteren Untersuchung der Frage unterbunden.
Wie sich die Journalisten das Ergebnis der wissenschaftlichen Abfertigung ausdeuteten, mag ein Artikel der jüdischen Monatsschrift „Ost und West”, (1917) anzeigen, der u. a. also anhebt: „Dreierlei Lügen gibt es, sagt ein englisches Witzwort: Weiße Lügen, schwarze Lügen und Statistik: es könnte sein, daß die Statistik des Sehers Theilhaber zu der dritten Sorte gehört ...”
Um Segalls Anschauungen kurz zu resümieren, sei gesagt, daß er die Geburtenreduktion bei den deutschen Juden auf die Auswanderung zurückführte, daß er durch den Rückgang der Sterblichkeit einen weiteren Geburtenüberschuß erhoffte, daß er so ziemlich alles, was die Existenz der deutschen Juden bedroht, in Abrede stellte. So pflanzte ein Mann am Grabe die Hoffnung auf, leugnete was war und suchte das graue Bild mit hellen Farben zu übertünchen. Es ist vielleicht nicht ohne Reiz, daran zu erinnern, daß der andere Redakteur der Zeitschrift für Statistik der Juden, Dr. Blau, zuerst in einem Brief, den ich noch besitze, bald nach Erscheinen der Arbeit zum Ausdruck brachte, er habe die von mir vertretenen Dinge in Vorträgen ausgesprochen, allerdings sei es „gefährlich”, wie er mir später mündlich hinzufügte, derartige Anschauungen in Druck zu geben.[3]
Da die jüdischen Gesellschaften und die Oeffentlichkeit eine wissenschaftliche Aussprache über die Probleme nicht zuließen, da bei keiner Gemeinde ein Referat, auf keiner Tagung eine Darlegung der Verhältnisse durchzusetzen war, so mußte ich mich begnügen, in ein paar lokalen Vereinen und einigen loyalen Zeitschriften[4] auf die großen Gesichtspunkte hinzuweisen. Im übrigen war es unmöglich, der offiziellen absprechenden Kritik aller Organisationen und Institute, die dazu das Wort genommen hatten, entgegen zu treten. Das gibt mir nicht nur ein Recht, diese Schrift nochmals auflegen zu lassen, sondern es erscheint mir als Pflicht, trotz aller weiteren Verunglimpfungen, die mir bevorstehen, mit aller Schärfe, die alten Fragen wieder aufzuwerfen und mit Hilfe einiger neuer Zahlen die Entwicklung von neuem zu belegen, wobei ich betone, daß alle wichtigen Ziffern und Tabellen diesmal nur gekürzt wiedergegeben werden können.
Der Gedanke, der in diesem Buch in seinen Konsequenzen wiederholt soziologisch und statistisch eingehend ausgeführt wird, wird allerdings allgemeine Gesetze für die Existenz der jüdischen Bevölkerung auch in anderen Ländern abgeben; inwieweit aber deren Lage mit den Verhältnissen der deutschen Juden übereinstimmen, bedarf erst der Feststellung. Die deutsche Judenheit hat eine teilweise unterschiedliche soziale und sexuelle Gestaltung erfahren, die sie von gewissen jüdischen Centren — wenigstens vor dem Kriege abhob.
Es ist somit nicht der Theorie eines Untergangs der Juden überhaupt das Wort geredet. Wer dagegen die Persistenz aller Teile mit religiösen,[5] historischen und gefühlsmäßigen allgemeinen Argumenten belegt, der mag sich auf den Untergang der 10 Stämme Israels besinnen, an die Auflösung der jüdischen Reiche in Arabien, an die starken Verluste jüdischer Siedelungen in Aegypten und Vorderasien. Ich verweise auf die Geschichte des Chazaren-Reiches und das Ende der Juden in Spanien, auf die Trümmer der jüdischen Wanderung nach Indien, wo die Exilarchen im Jahre 490 zu Kranganor an der Küste Malabar durch den brahmanischen Fürsten Airvi aufgenommen wurden, Land bekamen und unter eigenen Häuptlingen leben durften. Diese Häuptlinge hatten alle Rechte der indischen Fürsten, und ritten auf Elefanten, denen Musik vorherging. Vorhandene Erztafeln kündeten noch in hebräischer Sprache und in dem Idiom des Talmud von ihren Rechten. Die Kolonien wurden längst zerstört. In den weißen Juden von Mattatscheri sollen Reste erhalten sein. Von den chinesischen Juden blieb niemand zurück. Sie sind ausgestorben und nur die Tempel, wie der von Kai-Fong-Fu, Handschriften, Briefe u. a. zeugen von der Vergangenheit. Ferner ist wenig bekannt, daß vorderasiatische Juden unter einem gewissen Benjamin im Jahre 614 n. Chr. Geb. Jerusalem eroberten und sich in Palästina wieder ansiedelten, um bald vom Kaiser Heraklios niedergemacht zu werden.
Die Geschichten der jüdischen Siedelungen sind ein Widerspiel von gewaltsamer Auflösung und Zerstörung, von Zersetzung und Abwanderung. Vor einigen Jahren erregte das Schicksal der zu Grunde gehenden Falaschas Aufsehen, jener abessynischen Juden, die viele Jahrhunderte lang ihre eigenen Fürsten besaßen, die zwei Jahrhunderte lang ganz Abessynien beherrschten. Dr. S. Weißenberg schrieb in der Zeitschrift f. Stat. u. Dem. der Juden, 10. Jahrgang, über „Die Karäer — ein verdorrender jüdischer Stamm”: „Die von Asran gegründete Sekte der Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden zu haben. Dies ist daraus zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer Stärke vorhanden waren ...” Er schließt seine eingehende Arbeit wörtlich: „Wir stehen somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.” Die bekannten Samaritaner stehen gleichfalls auf dem Aussterbeetat.
Interessant ist die Geschichte der spanischen Juden in Westindien, die blühende Kolonien anlegten, die heute vernichtet sind. Und wie steht es mit den Familien der alteingesessenen Juden von Frankreich? Was ist aus den blühenden Gemeinden von Italien geworden, deren geistiges Leben durch viele Jahrhunderte die jüdische Welt bereicherte? Von der großen spanisch-jüdischen Bevölkerung Hollands ist nur noch ein Rest übrig.
So sehr es eine historische Weisheit ist, daß sich das jüdische Volk als einziges in der Zerstreuung unter den Völkern erhielt, so tatsächlich ist der Umstand, daß die Persistenz einer jüdischen Bevölkerung allzumeist nur einige Zeit in einem Landstrich währte, daß Blüte, Niedergang, freiwilliges und unfreiwilliges z. T. fluchtartiges Verlassen abwechseln, daß ein Bestand der Judenheit und eine Fortentwicklung in gerader Linie in einem Lande historisch zu den Ausnahmen gehört.[6] Die Nachkommen der alten deutschen Juden sind numerisch in der Hauptsache in Polen, Rußland, Rumänien und Amerika verbreitet, der spanische Jude wohnt im ganzen Orient, in Nordafrika. Spanien, das eine wundersame jüdische Kultur durch ein Jahrtausend gesehen hat, hat sein Judentum mit Stumpf und Stil ausgerottet, so sehr, daß kaum eine Erinnerung mehr an Ort und Stelle zurückgeblieben ist.
Wer also die Zukunft der Juden in Deutschland — und nur darum handelt es sich — durch die Profetie für gesichert hält, kann nicht ernst genommen werden. Er kennt die Geschichte nicht, übersieht die Kleinigkeit, daß selbst das althebräische Schrifttum von der Existenz des jüdischen Volkes in der Allgemeinheit und nicht in einzelnen Teilen spricht und die Schrift die Absplitterung von Partikeln ins Auge faßt.
Natürlich gibt es eine Möglichkeit, den Zerfall des jüdischen Volkes in Deutschland zu verhüten, wenn nämlich die Ursachen, die jetzt zur völligen Auflösung führen, in Fortfall kämen. Ob es tunlich ist, die Voraussetzungen zu bannen, ist eine überaus schwierige Frage.
Meine Untersuchung beleuchtet diese Probleme, lehrt die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Ziffern der Geburten, Taufen, Mischehen, usw und den soziologischen Einflüssen, sie belegt die Bedeutung der Zahlen, der Kurven, sie geht auf die Wanderung, auf die Berufstätigkeit, auf das Heiratsalter, auf die Ausstrahlungen des Kapitalismus ein. Ich schrieb s. Z. in der ersten Auflage:
„Vorausgesetzt, der neue Gedanke dieses Buches erweist sich als richtig, so wird er wohl die deutsche Judenheit, die sich bisher als religiöse Gemeinschaft lediglich dazu berufen fühlt, die Erfüllung der Ritualien zu überwachen, veranlassen, eine grosszügige Volkspolitik zu treiben, um das zu retten, was zu erhalten ist (oder wenigstens zu versuchen, ob es zu retten ist). Und selbst, wenn viele jüdische Gemeinden so kurzsichtig sein werden, trotz aller Anzeichen von dem drohenden Zerfall lieber der Stimme unverbesserlicher Optimisten zu vertrauen und in bequemem Quietismus zu beruhen, als energischen Gegenmassregeln sich anzuschliessen, so wird doch die Idee, erst einmal durch die Blätterwelt und die mündliche Verkündigung zum geistigen Gemeingut des Volkes geworden, auf alle möglichen sozialen und politischen Aktionen befruchtend einwirken ...”
Auch die Nationalökonomen vom Fach haben die Bevölkerungsbewegung, die sich unter den deutschen Juden vollzieht, mit Interesse verfolgt, weil wohl kein Volk, keine Bevölkerungsklasse in demselben kurzen Zeitraum eine so wechselvolle, zahlenmäßig genau zu belegende Entwicklung durchmachte, weil wohl keine Rasse oder Gemeinschaft Geburteneinschränkung, Sterblichkeit, Ehelosigkeit, auf eine Tiefe resp. Höhe gebracht hat, die als das non plus ultra gelten muß.
Die Nationalökonomen haben an den Juden studiert. Ein Schriftsteller hat sie einmal das „Barometer der Völker” genannt. Diese Hypothese gebietet Aufmerksamkeit. A. Grotjahn, der Altmeister der Sozialhygiene, schrieb in seinen Jahresberichten in einer Besprechung:
„Mit den überaus pessimistischen Profezeiungen des Verfassers über die Zukunft des Judentums mögen sich auseinandersetzen, die es angeht. An dieser Stelle ist nur mit Nachdruck hervorzuheben, dass der hier geschilderte Verfall nicht eine spezifische Eigentümlichkeit der Juden ist, sondern nur bei ihnen reiner zur Beobachtung kommt, als bei den entsprechenden Schichten der nichtjüdischen Bevölkerung Mitteleuropas, die z. Z. noch aus dem, übrigens nicht unerschöpflichen Born des ländlichen und städtischen Proletariats Zufluss erhält. Tua res agitur Germania, agitur. Das vorliegende Buch ist die beste Arbeit der letzten Jahre auf dem Gebiete des Entwicklungsproblems, nicht nur dem sachlichen Inhalte nach, sondern vor allem wegen der hier geübten, geradezu vorbildlichen Methode, die den konkreten Fall auf Grund statistischen Materials empirisch untersucht und auf Anwendung darwinistischer Metaphysik, die bei den Erörterungen über die Völkergeneration bereits starke Verwirrung angerichtet hat, verzichtet”.
Das deutsche statistische Centralblatt anerkannte in einer Besprechung in der ersten Nummer des Jahres 1912 den Wert derartiger Untersuchungen mit den Worten:
„Die Bevölkerungs-Bewegung der Juden des letzten Menschenalters wird nicht zuletzt der Statistiker mit Interesse verfolgen.”
Die „Deutsche Hochschule” (Nr. 7 1912) lobte die Ausführlichkeit und die Objektivität des „Untergangs” in der Sammlung und Verarbeitung des reichhaltigen statistischen Materials.
Dr. Mottek faßte im „Freien Wort” den Hauptteil meiner Untersuchungen als den „Selbstmord des Kapitals” oder klar ausgedrückt „Die geringe Vermehrung der besitzenden Klassen durch Zeugung von Kindern” zusammen, und Rüdin hat im „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie” diese Arbeit als den Spiegel für die christlichen Staatsbürger genannt, „darinnen sie die Zukunft auch des Kulturchristen sehen, die ebenso unvermeidlich trübe ist, wenn nicht ein sexual-hygienisches Fühlen und Handeln aufkommt, wie es Theilhaber den Juden rät.”
Dem schließen sich die „Münchener Neuesten Nachrichten” an:
„Ein Buch, dem es zu wünschen ist, dass es nicht nur in dem engeren Kreise, an den es sich wendet, wie ein Weckruf wirkt, sondern unserer ganzen heutigen Kultur als Spiegel vorgehalten wird ... Noch einen, wenn auch nur zeitlichen, doch nicht zu unterschätzenden Vorteil hat das Buch. Es zeigt, dass die Fragen der Rassen und ihrer Hygiene nicht unbedingt etwas mit dem Antisemitismus zu tun haben. Vielleicht werden manche Kreise diese Fragen, die für unser deutsches Volkstum bedeutungsvolle Zukunftsfragen darstellen, daraufhin zugänglicher sein, als es bisher der Fall war”.
Ich war immer bestrebt, die Sitten
der Juden, dieses klugen Volkes, zu
bessern, ohne ihnen je etwas zu leide
zu tun. Das wäre auch unchristlich
gehandelt, denn das Judentum bildet
die lebende Zeugenschaft des Christentums.
Sollten die Juden aussterben,
so bin ich überzeugt, dass dies für den
Fortbestand des Christentums eine ungünstige
Prognose wäre.
Bismarck im Gespräch mit Dr. Kepes.
Die Juden des frühen Mittelalters erfreuten sich im fränkischen und burgundischen Reiche aller Freiheiten. Sie waren dort in jeder Beziehung unbeschränkt, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, besassen eigene Schiffe auf den Flüssen Galliens und auf dem Meere, durften Grundbesitz erwerben, wirkten als Aerzte und kämpften als Krieger; mit den Christen lebten sie auf gutem Fuße, daß selbst Ehen zwischen beiden Parteien vorkamen. Ihre eigentümlichen Speisevorschriften boten den ersten äußeren Anlaß zu Differenzen, indem es christliche Geistliche für unwürdig befanden, wenn Juden bei christlichen Gastmählern sich gewisser Speisen enthielten, während Christen bei jüdischen Mählern dies nicht taten. Mehrere Konzilien verboten daher (seit 465) den Geistlichen mit Juden zu speisen: aber sie fanden keinen Gehorsam. Selbst als sich Chlodwig zur römisch-katholischen Kirche bekannte, trat noch keine Benachteiligung der Juden ein. Erst als der den germanischen Völkern neue Glaube größere Fortschritte machte und die Geistlichkeit mächtig wurde, setzte man Einschränkungen der Juden durch (507 Verbot des Besuches der jüdischen Gastmähler, 533 der Eheschließung mit Juden usw.) Von der Lage der Juden unter Karl dem Großen schreibt z. B. Otto Henne v. Rhyn, ein gewiß unvoreingenommener Historiker:
„Dieser von religiöser Beschränktheit freie und mit den grössten Verdiensten um die Kultur begabte grosse Herrscher sah in den Juden, welche bereits den Welthandel in der Hand hatten, nicht zu unterschätzende finanzielle Stützen seiner Macht. Er liess gebildete Juden aus Italien nach Deutschland kommen, die Kalonymos aus Lucca, um auf ihre roheren dort lebenden Glaubensgenossen günstig einzuwirken. Gewiss lebten damals schon seit langem Juden in Deutschland, wenn auch verschiedene Angaben über ihre vorchristliche Einwanderung zu dem Zwecke erfunden sind, um nachzuweisen, dass sie an der Hinrichtung Jesu unschuldig wären und um sie hierdurch gegen Verfolgungen zu schützen!”
Karl der Große, der einen jüdischen Leibarzt hatte, (Zedekias,) räumte den Juden gleiche Rechte mit den Christen ein, ebenso wie sein Sohn Ludwig, dessen Liebling, der Geistliche Bodo, zum Judentum übertrat (ein Beweis, daß das Judentum nicht gering geschätzt wurde). Erst der Uebertritt des Kaplans Wecelinus zum Judentum am Anfang des XI. Jahrhunderts und dessen Angriff auf das Christentum brachten Kaiser Heinrich II., der mehr Mönch als Monarch war, in das Lager der sich mehrenden Judengegner und inhibierten das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen. Hatten diese nach der Historia Francorum noch im Jahre 585 in Orleans dem König in hebräischer Sprache Huldigungslieder gesungen, so treffen wir zum Ausgang dieser Periode jüdische Minnesänger in deutscher Sprache, deren bekanntester Jud Süßkind von Trimberg gewesen sein mochte, von dem uns die Münchener Staatsbibliothek Lieder aufbewahrte. Der Regensburger Jude Liwa unternahm im 13. Jahrhundert die Uebersetzung der Geschichte des König David.
Verschiedene erlassene Gesetze und Aufzeichnungen versuchen die Vermischung mit der übrigen Bevölkerung aufzuhalten und beweisen diese Epoche als Zeit der Assimilation, die durch die Kreuzzüge unterbrochen wird. In ihrer Folge führen die absolute Abschließung der Juden in eigene Stadtbezirke, (in die „Ghetti”), die besondere Bekleidung (der Judenhut und der gelbe Judenfleck) und andere Maßregeln eine scharfe Absonderung der Juden kulturell, beruflich und territorial herbei. Die Hauptmasse der Juden aus Deutschland wurde nach Polen abgedrängt, wo sie die deutsche Mundart, die sie aus dem Rheinland mit sich nahmen, zum Jüdisch-Deutsch entwickelten. Bevölkerungspolitisch interessant ist die Bemerkung eines Berichterstatters (zitiert bei J. Elbogen, Bevölkerungspolitik im alten Judentum, Gemeindeblatt d. J. Gem. Berlin, 12. März 1920,) daß es damals in Polen keine armen unverheirateten Mädchen unter 18 Jahren gab. In Deutschland wird es ähnlich gewesen sein. Die von hier zurücksickernden Elemente verstärkten die in Deutschland von Ort zu Ort vertriebenen Juden und gaben ihnen das Jüdisch-Deutsch, das wir als die Sprache der deutschen Judengemeinden von ca 1400-1800 antreffen. Die Memoiren des Ascher Levy und der Glückel von Hameln, die jüdischen Privatbriefe aus den Jahren 1619 u. a. beleuchten die Verhältnisse jener Zeiten.
Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern Hanauer's über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem Gottstein nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt, während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]
Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.
Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:
1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.
2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.
3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.
4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.
Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.
Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. —
Preußen einverleibte sich bekanntlich polnische Gebietsteile zum Ausgang des XVIII. Jahrhunderts und beschenkte sich dadurch selbst mit einer großen Zahl jüdischer Untertanen. Die Stimmung der Regierung war seit Jahrhunderten nicht gerade judenfreundlich[9]. Und einer der ersten Erlasse an die Juden der neuen Gebiete war die Ausweisungsordre an die unglücklichen jüdischen Bewohner des Netzedistriktes. Das Edikt wurde nicht inhibiert wegen seiner Brutalität, wonach alte Gemeinden mit einem Federstrich von den Usurpatoren einfach vernichtet und ihre Mitglieder in die Fremde gestoßen wurden, sondern aus dem einfachen Grund, weil sich aus ihrer Vertreibung zu starke wirtschaftliche Schädigungen ergeben hätten. Die durch das Gesetz beengte Freizügigkeit drängte die Juden im Osten sowohl wie in den kleinen Orten Süd- und Mitteldeutschlands zusammen und veranlaßte einen Teil des Ueberschusses zur Auswanderung. Die Angleichung der wohlhabenden Kreise an das deutsche Kulturleben, der immer stärker werdende liberale und demokratische Gedanke förderten schließlich ihre volle Emanzipation. Mühselige Kämpfe, die in der friederizianischen und napoleonischen Zeit begonnen, hatten sie in der Mitte der 60 er Jahre so weit gefördert, daß alle negativen Bestimmungen, alle Ausnahmegesetze, alle Beschränkungen fielen. Gewisse Vorteile, die mit dem Militärdienst, mit öffentlichen Aemtern und Würden verknüpft waren, blieben den Juden, abgesehen von Ausnahmefällen, vorenthalten. Neben der Emanzipation veranlaßte ein inneres Moment die Umgruppierung der Juden. Im Zeitalter der Postkutsche konnte der Handel in kleinen Orten fast ebenso florieren wie in den damals auch nicht überragenden Hauptstädten. Die neuen Schienenwege schufen Industrie- und Handelszentren, die nicht nur neue Möglichkeiten erschlossen, sondern auch die alten Betriebe in den abseits von den Verkehrspunkten gelegenen Orten zur Uebersiedelung in die aufblühenden Großstädte zwangen, die die sich zusammenballenden Massen in den Dörfern und Märkten und das von der starken Fruchtbarkeit gelieferte Heer Jugendlicher die Städte überfluten ließ. Daher resultierte die plötzliche Einwanderung in die Großstädte und stärkte die judenfeindliche Stimmung. Der Antisemitismus der 80er Jahre ist wohl die politische Reaktion auf die Herrschaft des Liberalismus, der auf die Dauer mit dem Bismarckschen Junkertum nicht harmonieren konnte, auf die soziale Not, die durch den mangelhaften Schutz des wirtschaftlich Schwächeren, bei den nichtjüdischen Massen viel stärker in Erscheinung trat und von den Juden, die sich des Kapitals zu bemächtigen schienen, herzurühren gedeutet wurde. Der fleißige, auffassungsfähige Jude kam wirtschaftlich empor. Trotz des starken Zuzuges nichtjüdischer Kreise in die Hauptstädte, trotz der Abwanderung der Juden ins Ausland, nimmt bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts der städtische und großstädtische Anteil der Juden gewaltig zu und führt zur „Verjudung” der Städte. Ihre intensive Betätigung im Wirtschaftsleben besonders im Zwischenhandel, ihre Beweglichkeit, ihr starker Individualismus, ihr Bildungsstreben und ähnliche Eigenschaften ließen sie als noch mehr erscheinen, als sie wirklich waren.
In jener Zeit trat die Verjudung einzelner Erwerbszweige hervor. Der Viehhandel war eine alte jüdische Domäne, auch das Warengeschäft. Im Getreidevertrieb dominierte lange schon die jüdische Note, ebenso im Ledergeschäft. Es entstehen in jener Zeit industrielle Unternehmen, die die Schuhfabrikation, die Konfektion, die chemische Industrie in Deutschland groß machen. Juden beherrschen die Börse und das Bankwesen, monopolisieren die Anwaltschaft, z. T. die Presse, die großstädtische Aerzteschaft, die Theater, das Verlagswesen und vieles andere. Immer neue Enklaven sucht die erfinderische Zeit aufzutun: jüdischer Einfluß amerikanisiert das Kaufmannswesen (Warenhaus), merkantilisiert Zweige der Industrie (A. E. G. — Hapag) schafft die moderne Reklame (Mosse). In einem demnächst erscheinenden Werke „Die Juden im deutschen Wirtschafts- und Kulturleben” zeige ich die überragende Bedeutung dieses einen Prozent der deutschen Bevölkerung.
Nebenbei geht bis in die 80er Jahre eine beträchtliche Auswanderungsbewegung, die deutsche Juden in Frankreich, England und Amerika zu hoher Bedeutung bringt. Die Haute finance der ganzen Welt ist z. T. made in Germany. Die Rothschilds waren die Vorläufer, die Hirsch in Paris, Beit auf Speyer, Speyer-Ellisen, Löb, Kuhn, Warburg, Schiff, Strauß, Sachs, Guggenheim, Marschall in Wallstreet in New York haben u. a. das Aufblühen Amerikas, wie auch Sombart in seinem Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben” anerkennt, mit bewirkt. Jüdische Wissenschaftler und Künstler hat die ganze Welt aus Deutschland bezogen. Weit über die Grenzen des deutschen Landes hinaus, machten sich die Folgen der uneingeschränkten Fruchtbarkeit geltend.
Das ist nun anders geworden.
Der Geburtenrückgang der deutschen Juden hat die Auswanderung immer mehr eingeschränkt. Segall hat die Auswanderung in der Zeitschrift f. Dem. u. Stat. d. J. Bd. 5, S. 58, und Bd. 8, S. 164 der letzten Jahre beziffert. Dr. Wlad. W. Kaplun-Kogan, der ein erster Kenner des jüdischen Wanderungsproblems ist, spricht von „Wanderungen, die wirkungslos sind unter den großen Gesichtspunkten. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre 10000 Juden aus Deutschland nach Amerika eingewandert sind, hat auf die Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt.”
Die Entwicklung der Judenheit im ganzen deutschen Reich kann erst von 1871 ab übersehen werden, da wir erst seit dieser Zeit eine Reichsstatistik besitzen.
Es betrug die Zahl der Juden in Deutschland: