Felsengegend. Almansor, matt und blutend, und die ohnmächtige Zuleima tragend, erklimmt den höchsten Felsen.

Almansor. O, hilf mir, Allah, bin so müd und matt,
Hab' mir zurückgeholt mein weißes Reh,
Just als des Jägers Hand es schlachten wollte.

(Er setzt sich auf des Felsens Spitze und hält Zuleima auf dem Schoße.)

Ich bin der arme Mödschnun, und ich sitze
Auf meinem Felsen, spiel' mit meinem Reh;
Denn in ein Reh verwandelte sich Leila,
Und sah mich an mit freundlich klaren Augen.
Jetzt sind die Äuglein zu, mein Rehlein schläft.
Still! still! Du Zeisig, zwitschre nicht so schmetternd.
Du Käfer, summe leiser. Liebes Lüftlein,
Durchraschle nicht so laut die Blätter, — Stille!
Ein Wiegenlied will ich dir singen. Stille!

(Er wiegt Zuleima im Schoße und singt.)

Die Sonne wirft ihr Nachtkleid um,
Gar rosenrot und schön;
Die Vöglein werden still und stumm,
Sie woll'n zu Bette gehn.
Schlafe mein Rehlein auch du!
Mein Rehlein schläft, recht hübsch; doch gar zu lang.
Die schmachtend süßen, liebeklaren Äuglein
Sind zugeschlossen jetzt, fest zugeschlossen, —
Und bleiben zu? Ist denn mein Rehlein tot?

(In Tränen ausbrechend.)

Tot! Tot! mein weiches, weißes Rehlein tot!
Die süßen Sternlein ausgelöscht und tot!
Mein totes Rehlein! sanft will ich dich betten
Auf Rosen, Lilien, Veilchen, Hyazinthen.
Aus goldnem Mondschein web' ich eine Decke,
Und deck' dich zu. Ein Trauerlied soll dir
Rotkehlchen singen, und es sollen zwölf
Goldkäfer ernsthaft Schildwacht stehn des Tags
An deinem kleinen Blumenbettchen, zwölf
Glühwürmchen sollen flimmernd dort des Nachts,
Wie stille Totenkerzen, leuchten; aber
Ich selber will dort weinen Tag und Nacht.

(Zuleima erwacht aus ihrer Ohnmacht.)

Was seh' ich? Heimlich regen sich
Die zarten Glieder, und der seid'ne Vorhang
Der süßen Augen rollt sich langsam auf!
Das ist kein Rehlein, das ist Leila nicht,
Das ist Zuleima, Alys schöne Tochter —

(Zuleima öffnet die Augen.)

Der Himmel schließt sich auf, das Himmelreich!
Zuleima. Bin ich im Himmel schon?
Almansor. Aus starrem Tod
Bist du erwacht.
Zuleima. Ich weiß es wohl, daß ich
Gestorben bin, und jetzt im Himmel bin.

(Sieht sich überall um.)

Wie schön ist's hier, wie leicht und rein die Luft,
Und alles trägt ein rosenfarbig Kleid.
Almansor. Ja, ja, wir sind im Himmel, süßes Lieb,
Siehst du die Blumen, die dort unten spielen,
Die Schmetterlinge, die dazwischen flattern,
Und, neckend, bunten Diamantenstaub
Den armen Blümlein in die Augen werfen?
Hörst du dort unten, wie das Bächlein rauscht,
Wie bläuliche Libellen es umsummen,
Und grüngelockte Wassermädchen, plätschernd,
In rötlich goldne Wellen untertauchen?
Siehst du die weißen Nebelbilder wallen?
Es ist der Sel'gen Schar, die, ewig jung,
Im ew'gen Frühlingsgarten sich ergehn.
Zuleima. Wenn das der Sel'gen Wohnung ist, Almansor,
So sage mir, wie bist du hergekommen?
Denn unser frommer Abt hat mir versichert:
Daß nur wer Christ ist selig werden kann.
Almansor. O zweifle nicht an meiner Seligkeit!
Ich halte dich, mein Lieb, in meinen Armen,
Und selig, dreimal selig ist Almansor.
Zuleima. So log der fromme Mann, er sagte auch,
Den edeln Don Enrique müßt' ich lieben.
Ich hab's getan, so gut es ging. Almansor
Wollt' ich vergessen. O, das ging nicht gut.
Ich hab' es auch geklagt der Mutter Gottes.
Die hat gelächelt, freundlich, gnädig, huldreich,
Und hat mich eingehüllt in ihren Schleier,
Und hergetragen in die lichte Höh'.
Musik erklang auf meinem Weg'; es bliesen
Die Englein auf Waldhörnern und Schalmein,
Und sangen süße Lieder; — süße Lust!
Ich bin im Himmel, und das beste ist,
Almansor ist bei mir, und in dem Himmel
Bedarf es der Verstellungskünste nicht,
Und frei darf ich gestehn: Ich liebe dich,
Ich liebe dich, ich liebe dich, Almansor!

(Das scheidende Abendrot verklärt die beiden Gestalten.)

Almansor. Ich wußte längst, du liebest mich noch immer,
Mehr als dich selbst. Die Nachtigall hat mir's
Vertraut, die Rose hat's mir zugehaucht,
Ein Lüftlein hat es mir ins Ohr gefächelt,
Und jede Nacht hab' ich es klar gelesen
Im blauen Buche mit den goldnen Lettern.
Zuleima. Nein! nein! der fromme Mann hat nicht gelogen,
Es ist so schön im schönen Himmelreich!
Umschließe mich mit deinen lieben Armen,
Und wiege mich auf deinem weichen Schoß,
Und laß Jahrtausende mich Wonnetrunk'ne
In diesem Himmel in dem Himmel liegen!
Almansor. Wir sind im Himmel, und die Engel singen,
Und rauschen drein mit ihren seidnen Flügeln, —
Hier wohnet Gott im Grübchen dieser Wangen, —

(Waffengeklirr in der Ferne. Almansor erschrickt.)

Dort unten aber wohnet Eblis, furchtbar
Dringt seine Stimm' hinauf, bis in den Himmel,
Und streckt er nach mir aus die Eisenhand.
Zuleima (erschrocken). Was schrickst du plötzlich auf? was zitterst du?
Almansor. Nenn's Eblis, nenn' es Satan, nenn' es Menschen,
Die tückisch arge Macht, die wild hinaufsteigt,
In meinen Himmel selbst —
Zuleima. So laß uns fliehn,
Hinab ins Blumental, wo Blümlein spielen,
Die Schmetterlinge flattern, Bächlein rauscht,
Libellen summen, Nachtigallen trillern,
Und stille, sel'ge Nebelbilder wallen —
Trag' mich hinab, ich bleib' an deiner Brust.

(Sie schmiegt sich an ihn.)

Almansor (springt auf und hält Zuleima im Arm). Hinab! hinab! die Blumen winken ängstlich,
Die Nachtigall ruft mich mit bangem Ton,
Der Sel'gen Schatten strecken nach mir aus
Die Nebelarme, riesig lang, ziehn mich
Hinab, hinab —

Fliehende Mauren eilen vorüber.

Die Jäger nahen schon,
Mein Reh zu schlachten! dorten klirrt der Tod,
Hier unten blüht entgegen mir das Leben,
Und meinen Himmel halt' ich in den Armen.

(Er stürzt sich mit Zuleima den Felsen hinab.)

Spanische Ritter, die den Mauren nacheilen, sehen beide herabstürzen, und treten entsetzt zurück. Man hört Alys Stimme. „Sucht ihn, sucht ihn, er muß uns nahe sein!“ Aly tritt auf.

Mehrere Ritter. Entsetzlich!
Aly. Habt ihr ihn und sie gefunden?
Ein Ritter (hinter den Felsen zeigend). Gefunden wohl, der Wütende hat sich
Herabgestürzt mit seiner teuern Last.

(Pause.)

Aly. Jetzt, Jesu Christ, bedarf ich deines Wortes,
Und deines Gnadentrost's und deines Beispiels.
Der Allmacht Willen kann ich nicht begreifen,
Doch Ahnung sagt mir: ausgereutet wird
Die Lilie und die Myrte auf dem Weg,
Worüber Gottes goldner Siegeswagen
Hinrollen soll in stolzer Majestät.

Anmerkungen zur Transkription

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