In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und gleichartigen Form Spatzenköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat heraus, das die Züge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf mit prächtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder gewunden. Man hätte sagen können, es sei ein Teufel, wie man sie auf den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.
Am andern Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe zweier berauchter Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, während die Kleider flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.
Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem Stil, von einer unvergleichlichen Linie.
Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit schwarzer Kreide abgezeichnet habe.
Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten mit wachsender Neugier und fragt mich:
—Wer hat das gemacht?
—Gemacht?
Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen Bildhauers.
—Wirklich? Ich hätte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der skandinavischen Sagen, zugeschrieben.
Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig, zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen, die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die Figuren also aufs Dach.
Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine Ähnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen können; es liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des Feuers.
Die Sonne wärmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben, wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.
Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.
Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner Frau trägt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des österreichischen Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin, dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rätselhaft.
Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.
Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt; ein dritter trägt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.
Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der in Berlin wohnt.
Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind in meiner Heimat erinnert.
Schliesslich trägt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck: Bureau für Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert nach meiner Goldsynthese.
Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch für die einfältigen Sterblichen.
Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir die dumme Antwort, es sei ein Elsässer. Das ist alles.
Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür hervortritt.
Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen wir uns, und jeder geht seines Weges.
Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.
Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.
Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie. Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine Lage durchaus nicht gesichert sei.
Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und er war es.
Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts, sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen; er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.
Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen auf der Strasse.
Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod wolle ihn noch nicht.
Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der Unabhängigen fertig zu machen.
Das Unglück dieses Mannes, der mein einziger Kamerad geworden ist, vergrössert mein Leiden, weil ich auch noch seine Pein auf mich nehme. Es ist eine Herausforderung von mir, die mir eine Erfahrung von grossem Wert einbringt. Er enthüllt mir seine ganze Vergangenheit: Deutscher von Geburt, hat er sieben Jahre in Amerika gelebt, infolge eines Unglücks, das über seine Familie hereinbrach, und wegen eines Jugendstreiches: er hatte eine gottlose Schmähschrift herausgegeben, die von der Polizei beschlagnahme wurde.
Ich entdecke eine ungewöhnliche Intelligenz, ein melancholisches Temperament, eine zügellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser menschlichen Maske, die durch eine kosmopolitische Erziehung erweitert ist, ahne ich ein Geheimnis, das mich neugierig macht und das ich eines Tages aufdecken werde.
Ich warte zwei Monate, während deren ich mein Dasein mit dem dieses Freundes vereinige. All das Elend eines Künstlers, der nicht durchgedrungen ist, mache ich durch, indem ich vergesse, dass ich meine Laufbahn schon hinter mir habe, dass mein Name etwas im Tout-Paris und in der Gesellschaft der Dramatiker zu bedeuten hat, wenn das mich als Chemiker auch nicht mehr interessiert. Übrigens liebt mich mein Kamerad nur, solange ich meine wirklichen Erfolge verberge; muss ich sie aber im Vorübergehen erwähnen, ist er verletzt, macht sich so unglücklich, so unbedeutend, dass ich aus Barmherzigkeit mich selber wie einen alten Lumpen behandele. Dadurch erniedrige ich mich allmählich, während er, der seine Zukunft noch vor sich hat, sich auf meine Kosten erhebt. Ich mache mich zu einem Leichnam, der an den Wurzeln eines Baumes begraben ist, während der Baum, der seine Nahrung aus dem in Zersetzung begriffenen Leben zieht, hoch in die Luft wächst.
Da ich zu dieser Zeit buddhistische Bücher studiere, bewundere ich die Verleugnung, mit der ich mich für einen andern opfere. Einer guten Tat wird ihr Lohn, und dies gewann ich dabei.
Eines Tages liefert mir die Revue des Revues ein Bildnis des amerikanischen Propheten und Arztes Francis Schlatter, der 1895 fünftausend Kranke heilte und dann für immer von dieser Erde verschwand.
Nun, die Züge dieses Mannes glichen in wunderbarer Weise denen meines Kameraden. Um die Probe zu machen, nehme ich die Zeitschrift ins Café de Versailles, wo mich ein schwedischer Bildhauer erwartete. Er bemerkt die Ähnlichkeit und erinnert mich an ein seltsames Zusammentreffen: dass alle beide von deutscher Herkunft waren und in Amerika wirkten. Noch mehr, Schlatter verschwand zur selben Zeit, als unser Freund in Paris auftauchte. Da ich jetzt schon etwas in den Ausdrücken des Okkultismus bewandert bin, äussere ich die Ansicht, dieser Francis Schlatter sei der "Doppelgänger" unseres Mannes, der, ohne es zu wissen, ein unabhängiges Dasein führe.
Als ich das Wort Doppelgänger aussprach, machte mein Bildhauer grosse Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, dass unser Mann immer zwei Wohnungen habe, die eine auf dem rechten Ufer, die andere auf dem linken. Ausserdem erfahre ich, dass mein geheimnisvoller Freund ein doppeltes Dasein in dem Sinn führt, dass er den Abend mit mir in philosophischen und religiösen Betrachtungen verbringt, während man ihn in der Nacht immer noch auf dem Ball Bullier trifft.
Es gab ein sicheres Mittel, die Identität dieser beiden Doppelgänger zu bewiesen, da Francis Schlatter letzter Brief im Faksimile von der Revue gedruckt war.
—Kommen Sie heute abend zum Essen, schlug ich vor; ich werde ihm Schlatters Brief diktieren. Wenn sich die beiden Handschriften, und besonders die Unterschriften, gleichen, ist das ein Beweis.
Des Abends beim Essen bestätigt sich alles: die Handschrift ist dieselbe, die Unterschrift, der Schnörkel, alles ist da. Etwas überrascht, unterwirft sich der Maler unserm Examen; schliesslich fragt er:
—Und was wollen Sie damit?
—Kennen Sie Francis Schlatter?
—Ich habe nie von ihm sprechen hören.
—Erinnern Sie sich nicht an jenen Arzt in Amerika, voriges Jahr?
—Ach ja, der Scharlatan!
Er erinnert sich: ich zeige ihm Bildnis und Faksimile.
Er lächelt skeptisch, ruhig, gleichgültig.
Einige Tage darauf sitzen mein geheimnisvoller Freund und ich auf der Terrasse des Café de Versailles vor einem Absinth, als ein Mann, der wie ein Arbeiter gekleidet ist und bösartig aussieht, vor dem Tisch stehen bleibt und, ohne "Achtung" zu rufen, sich mitten unter den Gästen wie ein Wahnsinniger gebärdet. Gegen meinen Kameraden gewandt, schreit er aus vollem Hals:
—Da hab ich Sie doch gefasst, Sie Gauner, der Sie mich geprellt haben! Was soll denn das bedeuten? Sie bestellen bei mir ein Kreuz für dreissig Francs, ich bringe es Ihnen, und dann kneifen Sie aus! Potztausend, glauben Sie etwa, so ein Kreuz macht sich von allein?...
Er fuhr fort, ohne aufzuhören, und als die Kellner ihn entfernen wollten, drohte er, die Polizei zu holen. Währenddessen sass der arme Verschuldete stumm und unbeweglich da, vernichtet wie ein Verurteilter, vor einem Publikum von Künstlern, die ihn mehr oder weniger kannten.
Als der Auftritt vorüber war, frage ich ihn, verwirrt wie von einer Szene aus der Hölle:
—Das Kreuz? Welches Kreuz für dreissig Francs? Ich begreife diese Geschichte nicht....
—Es war das Modell des Kreuzes der Jeanne d'Arc, wissen Sie, diese Maschine für mein Gemälde "Das gekreuzigte Weib".
—Aber das war ja der Teufel selbst, dieser Arbeiter! Und nach einer Pause des Schweigens fuhr ich fort:
—Seltsam ist es, aber man spielt nicht mit dem Kreuz noch mit der Jeanne d'Arc.
—Glauben Sie daran?
—Ich weiss nicht! Ich weiss nichts mehr! Aber die dreissig Silberlinge!
—Genug! genug! rief er gekränkt.
Als ich am Stillfreitag in die Garküche kam, fand ich meinen Leidensgenossen am Tisch eingeschlafen.
In einer Anwandlung von Heiterkeit weckte ich ihn mit dem Anruf:
—Sie hier?
—Wieso?
-Ich glaubte, am Stillfreitag blieben Sie wenigstens bis sechs Uhr am Kreuz.
—Bis sechs Uhr? Ich habe wirklich den ganzen Tag bis sechs Uhr abends geschlafen, ohne sagen zu können warum.
—Ich könnte es.
—Natürlich: der Astralleib geht spazieren, nicht wahr, in Amerika ... und so weiter.
Seit diesem Abend legt sich eine gewisse Kälte zwischen uns. Unser Verkehr hat jetzt vier schreckliche Monate gedauert. Mein Kamerad hat seine Erziehung noch einmal durchgemacht und Zeit gehabt, die Methode der Malerei zu wechseln, so dass er jetzt sein gekreuzigtes Weib als altes Spiel verwirft. Er hat das Leiden als die einzige Lebensfreude, die einem frommt, auf sich genommen, und die Resignation ergab sich daraus. Ein Held im Elend! Ich bewunderte ihn, wenn er an einem Tage den Weg von Montrouge nach den Hallen hin und zurück ging, mit abgetretenen Stiefeln, ohne etwas zu sich genommen zu haben. Nachdem er den Redaktionen illustrierter Blätter siebzehn Besuche gemacht, hatte er drei Zeichnungen untergebracht, ohne jedoch gleich bar bezahlt worden zu sein; dann ass er abends für zwei Sous Brot und ging dann zu Bullier.
Schliesslich lösten wir in stillschweigender Übereinstimmung diese zu gegenseitiger Hilfe eingegangene Verbindung. Ein eigentümliches Gefühl sagte uns beiden, es sei genug, unsere Schicksale müssten sich getrennt erfüllen. Als die Lebewohls gewechselt waren, wusste ich, dass es die letzten waren.
Ich habe diesen Mann nicht wieder gesehen, auch nichts von seinem Schicksal erfahren.
Im Frühling, als ich von meinem eigenen widrigen Geschick und dem meines Kameraden bedrückt wurde, empfing ich von meinen Kindern aus erster Ehe einen Brief, in dem sie mir erzählten, sie seien so krank gewesen, dass man sie ins Krankenhaus habe bringen müssen. Als ich den Zeitpunkt dieses Ereignisses mit dem meines verhängnisvollen Versuchs verglich, erschrak ich. Leichtfertig hatte ich mit den geheimen Kräften gespielt, und der schlimme Wille hatte seinen Weg gemacht, um aber, von der unsichtbaren Hand geleitet, mich selber in die Brust zu treffen.
Ich entschuldige mich nicht, ich bitte nur den Leser, diese Tatsache zu behalten, falls es ihm einfallen, sollte, Magie auszuüben, besonders die Wirkung, die Bezauberung oder Behexung in eigentlichem Sinn heisst und deren Existenz de Rochas in seiner "Extériorisation de la sensibilité" festgestellt hat.
Ich erwachte an einem Sonntag vor Ostern, gehe in den Luxemburggarten, durchwandere ihn und überschreite die Strasse. Als ich unter die Arkaden des Odeon komme, bleibe ich unbeweglich vor den blauen Balzacbänden stehen, und durch einen Zufall greife ich "Seraphita" heraus. Warum gerade diesen Band?
Vielleicht eine halbbewusste Erinnerung, welche die Lektüre, der Zeitschrift "l'Initiation" hinterlassen hat, der Besprechung von "Sylva Sylvarum" mich einen Landmann Swedenborgs nannte.
Sobald ich nach Hause kam öffnete ich das Buch, das mir beinahe unbekannt war, so viele Jahre lagen zwischen der ersten Lektüre und dieser zweiten.
Es war völlig neu für mich, und jetzt, da mein Geist bereitet war, verschlang ich den Inhalt dieses ausserordentlichen Buches. Ich hatte noch nie etwas von Swedenborg gelesen, der in seinem und meinem Lande für einen Scharlatan, einen Narren, für unzüchtig galt, und wurde von Bewunderung und Entzücken ergriffen, als ich diesen himmlischen Riesen des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des tiefsten der französischen Geister sprechen hörte.
Indem ich mit religiöser Andacht lese, komme ich zu Seite 16, wo der 29. März als Swedenborgs Todestag angegeben ist. Ich halte inne, denke nach und schlage den Kalender auf. Heute ist gerade der 29. März, und ausserdem ist es Palmsonntag.
So offenbarte sich Swedenborg als Zuchtgeist in meinem Leben, in dem er eine grosse Rolle spielen sollte, und brachte mir am Jahrestage seines Todes die Palmen des Siegers oder des Märtyrers!
"Seraphita" wird mein Evangelium und bringt mich wieder in so nahe Verbindung mit dem Jenseits, dass das Leben mich anekelt und ein unwiderstehliches Heimweh mich zum Himmel zieht. Kein Zweifel, ich werde für ein höheres Dasein vorbereitet! Ich verachte die Erde, diese weltliche Welt, diese Menschen und ihre Werke. Ich sehe in mir den Gerechten ohne Schuld, den der Ewige auf die Probe gestellt hat, und den das Fegefeuer dieser Welt einer baldigen Erlösung würdig machen wird.
Dieser Hochmut, den die vertrauliche Stellung zu den Mächten hervorruft, wächst immer dann, wenn meine wissenschaftlichen Untersuchungen gut fortschreiten. So gelingt es mir, Gold zu machen, nach meinen Berechnungen und den Beobachtungen der Metallurgen, und ich glaube es beweisen zu können. Ich sende Proben an einen befreundeten Chemiker nach Rouen.
Er beweist mir das Gegenteil meiner Versicherungen, und ich kann eine Woche nichts darauf antworten. Da blättere ich in der Chemie meines Schutzpatrons Orfila und finde das Geheimnis der Frage.
Diese alte vergessene und verachtete Chemie von 1830 ist das Orakel geworden, das mir im kritischen Augenblick Hilfe bringt. Meine Freunde Orfila und Swedenborg beschützen mich, ermutigen mich, bestrafen mich. Ich sehe sie nicht, aber ich fühle ihre Gegenwart; sie zeigen sich nicht meinem Geist, weder durch Visionen noch durch Halluzinationen, aber die kleinen Ereignisse des Tages, die ich sammle, zeigen, dass sie in die Wechselfälle meines Daseins eingreifen.
Die Geister sind positivistisch geworden wie die gegenwärtige Epoche und begnügen sich nicht mit Visionen. Als Beispiel führe ich dieses Zusammentreffen an, das durch das Wort Koinzidenz nicht zu erklären ist.
Nachdem es mir gelungen war, Goldflecke auf Papier hervorzubringen, suchte ich das Ergebnis im grossen auf trockenem Wege und durch das Feuer zu erzielen. Zweihundert Versuche führten zu nichts, und verzweifelt lege ich das Lötrohr nieder.
Mein Morgenspaziergang führte mich in die Strasse der Sternwarte, wo ich oft die vier Weltteile bewundere, aus dem heimlichen Grunde, weil die lieblichste der Carpeauxschen Frauen meiner Frau gleicht. Sie steht auf der Höhe des Zeichens der Fische unter der Ringkugel, und Sperlinge haben hinter ihrem Rücken ihr Nest gebaut.
Zu Füssen des Denkmals finde ich zwei oval geschnittene Pappstücke: das eine trägt die gedruckte Zahl 207, das andere die Nummer 28. Das bedeutet Blei (Atomgewicht 207) und Silizium (Atomgewicht 28). Ich hebe den glücklichen Fund auf, um ihn für meine chemischen Aufzeichnungen zu bewahren.
Zu Hause beginne ich eine Reihe Versuche mit Blei, indem ich Silizium vorläufig lasse. Da ich aus der Metallurige weiss, dass Blei, in einem mit Knochenasche gefütterten Tiegel, immer etwas Silber gibt, und dieses Silber beständig etwas Gold enthält, sage ich mir, dass der phosphorsaure Kalk, der Hauptbestandteil der Knochenasche, in der Gewinnung des Goldes aus Blei den wesentlichen Faktor ausmachen müsse.
In der Tat färbte sich das Blei, auf einem Bett von phosphorsaurem Kalk geschmolzen, immer goldgelb auf seiner unteren Fläche. Aber der böse Wille der Mächte unterbrach die Vollendung des Versuchs.
Ein Jahr später, als ich zu Lund in Schweden weilte, gab mir ein Bildhauer, der in feineren Töpferwaren arbeitete, eine aus Blei und Silizium zusammengesetzte Glasur, mit deren Hilfe ich zum ersten Mal ein vererztes Gold von vollkommener Schönheit erhalte.
Als ich ihm dankte, zeige ich ihm die beiden Pappstücke mit den Zahlen 207 und 28.
Zufall oder Zusammentreffen in dieser Begebenheit, die sich durch eine unerschütterliche Logik auszeichnet?
Ich wiederhole, von Visionen wurde ich niemals heimgesucht, wohl aber erschienen mir wirkliche Gegenstände unter menschlichen Formen und hatten eine Wirkung, die oft grossartig war.
So fand ich mein Kopfkissen, das durch den Mittagschlaf aus der Form gekommen war, wie ein Marmorkopf im Stil des Michaelangelo modelliert.
Eines Abends, als ich mit dem Doppelgänger des amerikanischen Arztes nach Hause komme, entdecke ich im Halbschatten des Alkoven einen riesenhaften Zeus, der auf meinem Bett ruht. Vor diesem unerwarteten Schauspiel bleibt mein Kamerad stehen, von einem fast religiösen Schrecken erfasst. Als Künstler begreift er sofort die Schönheit der Linien:
—Da ist ja die grosse verschwundene Kunst wiedergeboren! Das ist eine plastische Darstellung zum Zeichen.
Je mehr man sie betrachtet, desto mehr verkörpert sich die lebendige und furchtbare Erscheinung.
Es ist entschieden kein Zufall, da an gewissen Tagen das Kopfkissen hässliche Ungeheuer, gotische Drachen zeigt; eines Nachts, als ich von einem Gelage heimkehre, begrüsst mich der Dämon, der wahrhafte Teufel im Stil des Mittelalters, mit dem Bockskopf. Nie ergriff mich Furcht, es war zu natürlich, aber der Eindruck von etwas Regelwidrigem, gleichsam Übernatürlichem blieb in meiner Seele haften.
Mein Freund, der Bildhauer, den ich als Zeuge herbeirief, zeigte keine Überraschung, sondern lud mich ein, in sein Atelier zu kommen. Dort setzte mich eine Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing, durch die Schönheit ihrer Linien in Erstaunen.
—Wo haben Sie das gefunden? Eine Madonna, nicht wahr?
—Eine Madonna von Versailles, nach den Gewächsen gezeichnet, die dort im See der Schweizer schwimmen.
Die Offenbarung einer neuen Kunst nach der Natur! Natürliche Hellsicht! Warum den Naturalismus anspeien, wenn er eine neue Kunst einweiht, die reich an Jugend und Hoffnung ist? Die Götter kehren zurück, und der Alarmruf "Zum Pan!", den Schriftsteller und Künstler ausgestossen haben, hat ein so starkes Echo gefunden, dass die Natur nach einem Schlaf von mehreren Jahrhunderten erwacht ist! Nichts geschieht hier auf Erden, ohne dass die Mächte zustimmen: wenn der Naturalismus war, so sei der Naturalismus und gebäre wieder die Harmonie von Stoff und Geist.
Mein Bildhauer ist ein Seher. Er erzählt mir, dass er Orpheus und Christus in einem Felsen der Bretagne zusammen modelliert gesehen habe, und er fügt hinzu, er beabsichtige dorthin zurückzukehren, um sie als Modelle zu einer Gruppe für den Salon zu benutzen.
Als ich eines Abends die Rue de Rennes hinunterging, mit demselben Seher, blieb er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in dem kolorierte Lithographien ausgestellt waren. Es waren eine Reihe von Szenen, in denen menschliche Figuren eine Rolle spielten, deren Köpfe durch Stiefmütterchen ersetzt waren. Obwohl Beobachter der Pflanzenwelt, hatte ich noch nie bemerkt, dass das Stiefmütterchen dem Gesicht des Menschen ähnlich ist. Mein Kamerad kann sich von seinem doppelten Erstaunen kaum erholen.
—Stellen Sie sich vor; als ich gestern abend nach Hause komme, blickten mich die Stiefmütterchen in meinem Fenster auf eine Art an, die mich entnervte, und plötzlich sah ich ebenso viel menschliche Gesichter. Ich hielt es für eine Illusion, die von meiner Nervosität kam. Und heute finde ich dasselbe im Druck auf einem alten Stich wieder: es ist also keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit, da ein unbekannter Künstler dieselbe Entdeckung vor mir gemacht hat.
Wir machen Fortschritte in unserm Sehen, und nun sehe ich Napoleon und seine Marschälle auf der Kuppel des Invalidendoms.
Wenn man von Montparnasse in den Boulevard des Invalides kommt, erscheint über der Rue Oudinot die Kuppel, beim Untergang der Sonne in ihrem ganzen Glanz, und die Konsolen und andern Ausladungen des Treppenhauses, der den Dom trägt, nehmen die Form menschlicher Figuren an, die wechseln, je nachdem der Gesichtspunkt näher oder entfernter ist. Napoleon ist dort, Bernadotte, Berthier, und mein Freund zeichnet sie "nach der Natur".
—Wie wollen Sie diese Erscheinung erklären?
—Erklären? Hat man jemals etwas anders erklärt, als indem man eine Menge Worte durch eine andere Menge Worte umschreibt?
—Sie glauben als nicht, dass der Baumeister nach einer halbbewussten Leitung seines Geistes gearbeitet hat?
—Hören Sie, lieber Freund: Jules Mansard, der den Dom 1706 baute, konnte doch unmöglich die Silhouette des Napoleon voraussehen, der 1769 geboren wurde.... Genügt das?
Zuweilen habe ich in der Nacht Träume, die mir die Zukunft voraussagen, mich gegen Gefahren sichern, mir Geheimnisse enthüllen. So erscheint mir ein längst verstorbener Freund im Traum und bringt ein Geldstück von ungewöhnlicher Grösse. Ich frage ihn nach dem Ursprung dieses ausserordentlichen Geldstücks; er antwortet: Amerika, und verschwindet mit dem Schatz.
Am nächsten Tage erhalte ich einen Brief mit amerikanischer Marke; er ist von einem Freund, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe, und teilt mir mit, der Auftrag, eine Schrift für die Ausstellung von Chikago zu verfassen, habe mich vergeblich in ganz Europa gesucht. Es handelt sich um ein Honorar von 12 000 Francs, eine ungeheure Summe für meine damalige verzweifelte Lage, das mir entgangen war. Dies 12 000 Francs hätten meine Zukunft gesichert! Aber kein anderer als ich hat gewusst, dass der Verlust dieses Geldes mir als Züchtigung auferlegt war für eine schlechte Handlung, die ich im Zorn über die Treulosigkeit eines literarischen Mitbewerbers begangen hatte.
Ein anderer Traum von weiterer Tragweite liess mich Jonas Lie sehen, wie er eine Pendeluhr aus vergoldeter Bronze mit ungewöhnlichen Verziehrungen trägt.
Als ich einige Tage später den Boulevard Saint-Michel hinunterging, zog das Schaufenster eines Uhrmachers meine Aufmerksamkeit auf sich.
—Da ist die Uhr des Jonas Lie, rief ich aus. Wahrhaftig, es war dieselbe. Von einer Himmelskugel, an die sich zwei Frauen lehnen, gekrönt, ruht das Räderwerk auf vier Säulen. In der Kugel war ein Datumzeiger angebracht, der den dreizehnten August anzeigte.
In einem nächsten Kapitel werde ich erzählen, wie verhängnisvoll dieses Datum des dreizehnten August für mich wurde.
Diese kleinen Vorfälle und viele andere ereigneten sich während meines Aufenthaltes im Hotel Orfila zwischen dem 6. Februar und dem 19. Juli 1896.
Parallel mit diesen Vorfällen und mitten in ihnen rollte sich in Abständen das folgende Abenteuer ab, das auf meine Austreibung aus dem Hotel hinauslief und eine neue Epoche meines Lebens einleitete.
Der Frühling ist gekommen; das Tal der Tränen, das sich unter meinem Fenster ausbreitet, grünt und blüht. Der grüne Rasen bedeckt den Boden und verbirgt den Schmutz: die Gehenna hat sich in das Tal von Saron verwandelt, wo ausser den Lilien, Flieder, Robinien, Paulownien blühen.
Ich bin betrübt, bis zum Tode, aber das heitere Lachen der jungen Mädchen, die dort unten unsichtbar unter den Bäumen spielen, trifft mich ins Herz und erweckt mich wieder zum Leben. Das Leben verrinnt und das Alter naht: Weib, Kinder, Häuslichkeit, alles verheert; Herbst innen, Frühling draussen.
Das Buch Hiob und die Klagelieder Jeremiae trösten mich, weil eine Übereinstimmung zwischen dem Lose Hiobs und meinem vorhanden ist. Bin ich nicht mit bösen Schwären geschlagen; drückt mich die Armut nicht zu Boden; haben meine Freunde mich nicht verlassen?
"Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht, ich bin ein Bruder der Schakale und ein Geselle der Strausse. Meine Haut über mir ist schwarz geworden, und meine Gebeine sind verdorret vor Hitze. Meine Harfe ist eine Klage geworden, und meine Flöte ein Weinen."
So Hiob. Und Jeremias drückt in zwei Worten den Abgrund meiner Traurigkeit aus: "Ich habe fast vergessen, was Glück ist."
In dieser Gemütsverfassung sitze ich an einem drückenden Nachmittag bei meiner Arbeit, als ich unter meinem Fenster hinter den Laubbäumen des Tales die Töne eines Klaviers höre. Ich spitze die Ohren, wie das Streitross beim Klang der Trompete; ich richte mich auf und sammle mich; ich atme tief. Das ist der "Aufschwung" von Schumann. Und noch mehr, er spielt! Es ist mein Freund, der Russe, mein Schüler, der mich "Vater" nannte, weil er alles von mir gelernt hatte; mein Famulus, der mich Meister nannte und mir die Hände küsste, weil sein Leben begann, wo das meine endete. Er ist von Berlin nach Paris gekommen, um mich zu töten, wie er mich in Berlin getötet hat. Und warum?... Weil das Schicksal gewollt hat, dass seine jetzige Gattin, bevor er sie kennen lernte, meine Geliebte gewesen ist. War es meine Schuld, dass es sich so gefügt hatte? Sicher nicht, und dennoch fasste er einen tödlichen Hass auf mich, verleumdete mich, verhinderte die Annahme meiner Dramen, zettelte Intrigen an, die mir die für meine Existenz notwendigen Einkünfte raubten. In einem Anfall von Wut traf ich ihn damals mitten in die Brust, freilich auf eine so rohe und feige Art, dass ich darunter litt, als hätte ich einen Meuchelmord begangen. Dass er jetzt gekommen ist, um mich zu töten, tröstet mich, denn der Tod allein kann mich von der Gewissenqual befreien.
Es war wohl auch er, der mich durch die falsch adressierten Briefe beunruhigte, die ich dort unten beim Portier sah. Er schlage zu! Ich wird mich nicht verteidigen, wie er recht hat und mir das Leben nichts mehr gilt.
Er spielt immer den "Aufschwung", wie nur er ihn zu spielen versteht, unsichtbar hinter der Mauer aus Grün. Er sendet die magischen Harmonien über blühende Firste empor, dass ich sie zu sehen glaube wie Schmetterlinge, die in der Sonne flattern.
Warum spielt er? Um mir seine Ankunft zu melden, um ich zu erschrecken und mich in die Flucht zu jagen!
Vielleicht erfahre ich es in der Cremerie, wo die andern Russen schon lange die Ankunft ihres Landsmannes angekündigt haben. Ich begebe mich am Abend dorthin, um zu essen, und schon in der Tür zerkratzen mir feindliche Blicke das Gesicht. Von meinem Streit mit dem Russen unterrichtet, haben alle Tischgenossen sich gegen mich verbunden. Um sie zu entwaffnen eröffne ich selbst das Feuer:
—Popoffsky ist in Paris? sage ich fragend.
—Nein, noch nicht! Antwortet mir einer.
—Doch, bestätigt ein andrer, man hat ihn beim Mercure de France gesehen.
Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir erzählt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun, die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwünschten Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und der Hass setzt mir zu und macht mich böse. Ich verzichte auf den Tod! Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert ist: die Demütigung wäre zu tief für mich, die Ehre zu gross für ihn. Ich will kämpfen, mich verteidigen.
Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de la Santé hinter Val-de-Grâce, um einen dänischen Maler, einen intimen Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrüsst. Am nächsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob er etwas Neues von Popoffsky gehört habe, verschanzte er sich hinter Ausflüchten, bestätigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris kommen werde.
—Um mich zu ermorden! ergänzte ich.
—Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!
Als ich eines Morgens die Tür zu dem Hause meines Dänen öffnete, um seinen Besuch zu erwidern, lag—welcher Zufall!—eine dänische Dogge von riesiger Grösse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mächten dankend, dass sie mich gewarnt hatte; so überzeugt war ich, dass ich einer unbekannten Gefahr entronnen sei.
Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf der Schwelle der offenen Tür ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die Karte. Es war die Pik zehn!
—Man treib ein hässliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich zurück, ohne einzutreten.
Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas. Er war entzückt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an einen Tisch.
Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in seine alte Rolle des guten Kameraden zurück, begeisterte sich an seinen eigenen Erzählungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand Tatsachen ein, die er öffentlich geleugnet hätte.
Plötzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als ärgere er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.
Als ich direkt frage, ob Popoffsky in Paris sei, antwortete er ein so schroffes Nein, dass die Lüge mir offenbar erschien, und wir trennten uns.
Hier ist zu beachten, dass dieser Däne vor mir der Geliebte der Frau Popoffsky gewesen war und mir noch immer grollte, dass seine Geliebte ihn für mich verlassen hatte. Jetzt spiele er die Rolle eines Hausfreundes, obwohl Popoffsky genau wusste, in welchen Beziehungen seine Frau zu dem schönen Heinrich gestanden hatte.
Der "Aufschwung" von Schumann klingt über die dicht belaubten Bäume, aber der Musiker bleibt unsichtbar, und ich weiss nicht, wo er sich befindet. Einen ganzen Monat dauert die Musik, jeden Abend von vier bis fünf Uhr.
Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am Anblick meines Regenbogens beim Färber zu stärken, trete ich in den Luxemburggarten ein, der jetzt in voller Blüte steht und schön wie ein Feenmärchen ist, und finde auf der Erde zwei trockene Zweige, die der Wind abgebrochen hat. Sie bilden zwei griechische Buchstaben P und y. Ich hob sie auf und die Verbindung P—y, die Abkürzung von Popoffsky, entstand in meinem Hirn. Er verfolgte mich also, und die Mächte wollten mich gegen die Gefahr sichern. Unruhe erfasste mich, trotzdem der Unsichtbar mir dieses günstige Zeichen gab. Ich rufe den Schutz der Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids gegen seine Feinde; ich hasse meinen Feind mit dem religiösen Hass des Alten Testaments, habe aber zugleich nicht mehr den Mut, mich der Mittel der schwarzen Magie zu bedienen, die ich eben studiert habe.
"Ewiger, mach dich auf, mir zu helfen! Sprich zu meiner Seele: ich bin deine Hilfe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zu Schanden werden, die mir übel wollen.... Sie müssen sich schämen und zu Schanden werden alle, die sich meines Übels freuen."
Dieses Gebet schien mir damals gerecht zu sein, und die Barmherzigkeit des Neuen Testaments kam mir wie eine Feigheit vor.
Zu welchem Unbekannten nahm meine ruchlose Anrufung ihren Flug? Ich wüsste es nicht zu sagen; aber der Verlauf dieses Abenteuers wird wenigstens zeigen, dass der Wunsch erfüllt wurde.
13. Mai.—Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: sie stösst einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unveränderliche Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord bedeute.
Ich kläre sie über ihren Irrtum auf: es ist der Sohn eines Vetters von mir, der sein Leben für eine grosse wissenschaftliche Entdeckung wagt.
14. Mai.—In der letzten Nacht habe ich einen Traum gehabt. Ein abgehauener Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepasst, der wie ein durch Trunksucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopf fing an zu sprechen: ich hatte Furcht und stiess meinen Bettschirm um, einen Russen vor mir herschiebend, um mich gegen den Angriff des rasenden Mannes zu schützen.
In dieser selben Nacht sticht eine Mücke mich, und ich töte sie. Am Morgen ist die Fläche der rechten Hand mit Blut bespritzt.
Als ich auf dem Boulevard Port-Royal spazieren gehe, sehe ich eine Blutlache auf dem Trottoir.
Sperlinge haben ihr Nest im Rauchfang gebaut. Sie zwitschern artig, als bewohnten sie mein Zimmer.
17. Mai und folgende Tage.—Der Absinth um sechs Uhr auf der Terrasse der Brasserie des Lilas, hinter dem Marschall Ney, ist mein einziges Laster, meine letzte Freude geworden. Wenn die Arbeit des Tages beendet ist, wenn Seele und Körper erschöpft sind, erhole ich mich am Busen des grünen Getränks, mit einer Zigarette, dem Temps und den Debats.
Wie lieblich ist das Leben, wenn der Nebel eines gelinden Rausches seinen Schleier über das Elend des Daseins zieht. Wahrscheinlich neiden mir die Mächte diese Stunde eingebildeter Seligkeit zwischen sechs und sieben Uhr, denn von diesem Abend an wird das Glück von einer Reihe Verdriesslichkeiten gestört, die ich nicht dem Zufall zuschreiben kann.
Am 17. Mai also ist mein Platz, den ich seit zwei Jahren einnehme, besetzt; und alle andern ebenfalls. Ich muss in ein anderes Café gehen, was mich mehr betrübt, als ich sagen kann.
18. Mai.—Meine schöne Ecke in den Lilas ist frei; ich bin zufrieden, selbst glücklich, unter meiner Kastanie hinter dem Marschall Ney. Der Absinth ist da, richtig mit Wasser gemischt, die Zigarette ist angesteckt, der Temps entfaltet....
Da geht ein Betrunkener vorbei, dessen widriges und hässliches Aussehen mich quält, da er mich mit einem tückischen und verächtlichen Blick ausforscht. Das Gesicht ist weinrot, die Nase preussischblau, die Augen boshaft. Ich will meinen Absinth kosten, glücklich, dass ich nicht so aussehe wie dieser Trinker ... aber, ich weiss noch heute nicht wie, mein Glas ist umgekehrt und leer. Da ich wenig Geld habe, kann ich keinen andern bestellen; ich zahle, stehe auf und verlasse das Café, überzeugt, dass der böse Geist mich behext hat.
19. Mai.—Ich wage es nicht ins Café zu gehen.
20. Mai.—Wie ich das Café umschleiche, finde ich meine Ecke frei. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen, und ich nehme den Kampf auf. Der Absinth ist bereitet, die Zigarette hat Zug, der Temps berichtet grosse Neuigkeiten. In diesem Augenblick—glaube mir, Leser, es ist wahr—bricht im Hause des Cafés, über mir ein Schornsteinbrand aus. Allgemeine Panik. Ich bleibe sitzen, aber ein Wille, der stärker ist als ich, lässt eine Wolke Russ fallen und lenkt sie so gut, dass zwei Flocken sich in mein Glas legen. Aus der Fassung gebracht, gehe ich, immer aber noch ungläubig und zweifelnd.
1. Juni.—Nach einer langen Enthaltsamkeit werde ich von neuem durch den Wunsch erfasst, mich unter der Kastanie zu trösten. Mein Tisch ist besetzt, und ich nehme einen andern, der allein steht und ruhig ist. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen.... Da kommt eine Familie Kleinbürger und setzt sich an den Nebentisch; die Mitglieder dieser Familie sind nicht zu zählen, und immer neue Verstärkungen langen an. Frauen stossen an meinen Stuhl, Kinder verrichten ihre kleinen Geschäfte vor meinen Augen, junge Leute nehmen mir die Streichhölzchen, ohne um Entschuldigung zu bitten. Umringt von dieser lärmenden, unverschämten Menge, will ich doch nicht vom Platze weichen. Da folgt ein Auftritt, der ohne Zweifel durch geschickte und unsichtbare Hände in Szene gesetzt ist, denn er gelang zu gut, als dass ich ihn einer Intrige dieser Leute zuschreiben könnte, die mich gar nicht kennen.
Ein junger Mann legt mit einer Gebärde, die ich nicht begreife, einen Sou auf meinen Tisch, Fremd und allein unter so vielen Leuten, wage ich mich nicht zu sträuben. Aber von Zorn geblendet, suche ich mir klar zu machen, was sich zugetragen hat.
—Er gibt mir einen Sou wie einem Bettler. Bettler! Das ist der Dolch, den ich mir in die Brust stosse. Bettler! Ja, denn du verdienst nichts und du....
Der Kellner kommt und bietet mir einen bequemeren Platz an. Den Sou lasse ich auf dem Tisch liegen. Der Kellner bringt ihn mir nach—welche Beschimpfung!—und sagt mir höflich, der junge Mann habe ihn unter meinem Tisch gefunden und glaube, er gehört mir.
Ich schämte mich und um meinen Zorn zu dämpfen, bestelle ich einen zweiten Absinth.
Der Absinth ist serviert, und alles ist gut, als ein ekelhafter Geruch nach Schwefelammonium mich erstickt.
Was war das wieder? Etwas ganz Natürliches, durchaus kein Wunder, nicht die Spur einer bösen Absicht ... die Öffnung einer Kloake klafft am Rande des Trottoirs, wo mein Stuhl steht.
Jetzt erst fange ich an zu begreifen, dass gute Geister mich von einem Laster befreien wollen, das mich ins Irrenhaus bringen kann! Gesegnet sei die Vorsehung, dass sie mich gerettet hat.
25. Mai.—Trotz der Hausordnung des Hotels, die Frauen ausschliesst, ist eine Familie auf der Seite meines Zimmers eingezogen. Ein Säugling, der Tag und Nacht schreit, macht mir wirklich Vergnügen, denn er erinnert mich an die gute alte Zeit, an das blühende Leben zwischen dreissig und vierzig.
26. Mai.—Die Familie zankt sich! Das Kind heult! Wie sich doch alles gleich ist! Und wie süss dies—jetzt—für mich ist.
Heute abend habe ich die englische Dame wieder gesehen. Sie war reizend und lächelte mich mit einem guten mütterlichen Lächeln an. Sie hat eine Serpentinentänzerin gemalt, die einer Nuss oder einem Gehirn gleicht. Das Bild hängt, ziemlich versteckt, hinter dem Büffet der Madame Charlotte in der Cremerie.
29. Mai.—Ein Brief meiner Kinder aus erster Ehe meldet mir, eine Depesche habe sie eingeladen, nach Stockholm zu kommen, um dort dem Abschiedsfest beizuwohnen, das mir gegeben werde, bevor ich im Ballon zum Nordpol aufsteige. Sie können das nicht begreifen, und ich auch nicht. Welch unseliger Irrtum!
Die Zeitungen berichten das Unglück von Saint-Louis (Saint-Louis!) in Amerika, wo ein Zyklon tausend Menschen getötet hat.
2. Juni.—In der Strasse der Sternwarte fand ich zwei Kieselsteine, die genau die Form von Herzen haben. Abends fand ich im Garten eines russischen Malers den dritten, von derselben Grösse wie die andern und ihnen ganz gleich.
Der "Aufschwung" von Schumann hat aufgehört, und ich bin wieder ruhig.
7. Juni.—Ich besuche den dänischen Maler in der Rue de la Santé. Der grosse Hund ist verschwunden, der Eintritt ist frei. Wir speisen auf einer Terrasse des Boulevard Port-Royal. Mein Freund friert und fühlt sich nicht wohl; da er seinen Überzieher vergessen hat, lege ich ihm meinen über die Schultern. Zuerst beruhigt ihn das: er fügt sich mir und ich beherrsche ihn. Er wagt sich nicht mehr zu empören: wir sind in allen Punkten einig; er gesteht mir, dass Popoffsky ein Übeltäter sei, und das ich ihm mein Unglück zu verdanken habe. Auf einmal wird er nervös, zittert wie ein Medium unter dem Einfluss des Hypnotiseurs: wird aufgeregt, schüttelt den Überzieher ab; hört auf zu essen, wirft seine Gabel hin, erhebt sich gibt mir meinen Überzieher wieder und sagt mir adieu.
Was war das? Das Nessusgewand! Hat sich mein Nervenfluidum in dem Mantel aufgespeichert und durch seine fremdartige Polarität ihn unterjocht? Das muss es sein, was Hesekiel Kapitel 13 Vers 18 sagen will:
"So spricht der Herr, HErr: Weh euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beide, Jungen und Alten, die Seelen zu fahen ... ich will die Kissen von euern Armen wegreissen, und die Seelen, so ihr fahet und vertröstet, losmachen."
Bin ich ein Zauberer geworden, ohne dass ich es weiss?
9. Juni.—Ich besuchte meinen dänischen Freund, um mir seine Bilder anzusehen. Als ich kam, war er gesund und munter, nach einer halben Stunde aber bekam er einen solchen Nervenanfall, dass er sich ausziehen und zu Bett legen musste.
Was hatte er? War es das schlechte Gewissen?
14. Juni. Sonntag.—Ich finde einen vierten Kiesel in Herzform, dieses Mal im Luxemburggarten, aber von derselben Art wie die früheren. Am Stein klebt etwas goldgelber Flitter. Ich begreife das Rätsel nicht, ahne aber eine Voraussage. Ich vergleiche die vier Kiesel vor dem offenen Fenster, als die Glocken von Saint-Sulpice zu läuten beginnen; dann kommt der grobe Brummbass von Notre-Dame, und durch dieses gewöhnliche Läuten dringt ein dumpfes feierliches Rollen, als komme es aus den Eingeweiden der Erde.
Den Diener, der mir die Post bringt, frage ich, was das bedeutet.
—Das ist die grosse Savoyade von Sacre Coeur de Montmartre.
—Es ist also das Fest des heiligen Herzens?
Und ich betrachte meine vier Herzen aus hartem Stein, ein wenig gepackt von diesem auffallenden Zusammentreffen.
Ich höre dem Kuckuck aus der Richtung der Kirche Notre-Dame-des-Champs, und das ist doch unmöglich; meine Ohren müssten denn so überempfindlich geworden sein, dass sie Töne aus dem Wald von Medon wahrnehmen.
15. Juni.—Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Füssen; das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die Brücke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fühlen, muss man geschärfte Nerven haben.
Die andere Seite des Flusses ist für uns andere vom Montparnasse ein fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais oder dem Café de la Régence meinen letzten Besuch machte. Auf dem Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern Ufer zurück, wo der Anblick der Rue des Saint-Pères mich tröstet.
In der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die Hände faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken Eindruck auf mich.
16. Juni.—Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmückt, welche die Madonna von Lourdes enthält, im Rahmen ihrer berühmten Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand. Auf der Rückseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der Künstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.
18. Juni.—Der dänische Freund tritt bestürzt und am ganzen Körper zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste Überraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt, breitet sich eine tiefe Ruhe über meinen Geist, den seit mehreren Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.
Unfähig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf:
—Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.
—Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?
—Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte eifersüchtig; auch die Kosten, die diese verursachte, können mitgewirkt haben. Vielleicht auch....
—Was?
—Vielleicht haben seine blutdürstigen Triebe, die neulich hier in Paris keine Befriedigung fanden, einen andern Ausweg gesucht, gleichviel welchen.
In mir selber frage ich: ist es möglich, dass meine glühenden Gebete den Dolch abgelenkt haben, der nun durch meinen Gegenstoss den Mörder mitten ins Herz getroffen hat?
Ich forsche nicht weiter, sondern schlage, edelmütig wie ein Sieger vor:
—Retten wir unsern Freund wenigstens literarisch. Ich werde einen Aufsatz über seine schriftstellerischen Verdienste schreiben: Sie zeichnen ein sympathisches Porträt, und beides bieten wir der "Revue blanche" an.
Im Atelier des Dänen—der Hund bewacht es nicht mehr!—betrachten wir ein Porträt Popoffskys, das vor mehr als zwei Jahren gemalt ist. Es ist nur der Kopf, durch eine Wolke abgeschnitten, und darunter Totenknochen, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgeschnittene Kopf macht uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrückt mich wie ein Gespenst.
—Wie sind sie auf den Gedanken dieser Enthauptung gekommen?
—Schwer zu sagen, aber es ruhte ein Verhängnis auf diesem feinen Geist: er besass Spuren von entschiedenem Genie und trachtete nach dem höchsten Ruhm, ohne aber den Preis dafür zahlen zu wollen. Das Leben lässt uns nur die Wahl: entweder der Lorbeer oder die Sinnenlust.
—Sie haben das endlich auch entdeckt?
23. Juni.—Ich habe eine Nadel aus unechtem Gold mit einer falschen Perle gefunden. Aus dem Bad der Goldsynthese habe ich ein Herz aus Gold gefischt.
Als ich am Abend durch die Rue du Luxembourg gehe, sehe ich im Hintergrund der ersten Allee rechts, über den Bäumen, eine Hirschkuh am Himmel gezeichnet. Ich bewundere sie, so schön ist sie in der Form wie in der Farbe, und sie gibt mir ein Zeichen mit dem Kopf, in der Richtung nach Südost (Donau)!
Diese letzten Tage nach der Katastrophe des Russen hat mich eine neue Unruhe ergriffen. Es kommt mir vor, als beschäftige man sich irgendwo mit mir, und ich vertraue dem dänischen Maler an, dass der Hass des gefangenen Russen mich wie unter dem Fluidum einer Elektrisiermaschine leiden lässt.
Es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, dass mein Aufenthalt in Paris bald ein Ende nehmen wird und eine neue Peripetie mich erwartet.
Der Hahn auf dem Kreuz von Notre-Dame-des-Champs scheint mir mit den Flügeln zu schlagen, als wolle er in nördlicher Richtung davonfliegen.
Im Vorgefühl meiner bevorstehenden Abreise beeile ich mich meine Studien im Jardin des Plantes zu vollenden.
Eine Zinkwanne, in der ich Goldsynthesen auf feuchtem Wege vornehme, zeigt an den innern Seiten eine Landschaft, die durch die verdunsteten Eisensalze gebildet ist. Ich deute sie als ein Vorzeichen, aber ich bemühe mich vergeblich zu ahnen wo diese ausserordentliche Landschaft liegen wird. Mit Nadelbäumen, vor allem mit Fichten, bewaldete Hügel; zwischen den Höhen Ebenen mit Obstbäumen, Kornfeldern; alles weist auf die Nachbarschaft eines Flusses. Ein Hügel, mit Abgründen von schlichtenförmiger Formation, ist mit den Ruinen einer starken Burg gekrönt.
Ich finde mich noch nicht zurecht, aber ich werde es über ein Kleines tun.
25. Juni.—Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem Herausgeber der "Initiation", eingeladen. Als wir, der Doktor und ich, in Marcolles en Brie ankommen, werden wir von drei schlechten Neuigkeiten empfangen. Ein Wiesel hat die Enten getötet, ein Kindermädchen ist erkrankt, die dritte ist mir entfallen.
Als ich am Abend nach Paris zurückkehre, lese ich in einer Zeitung die so berühmt gewordene Geschichte von dem Gespensterhaus in Valence en Brie.
Brie? Sehr argwöhnisch fürchte ich, dass bei den Bewohnern des Hotels mein Ausflug nach Brie Verdacht erregt; dass man mich beschuldigt, diesen Schwindel oder besser diese Hexerei durch meine alchemistischen Kenntnisse vorbereitet zu haben.
Ich habe mir einen Rosenkranz gekauft. Warum? Er ist schön und der böse Geist fürchtet das Kreuz. Übrigens erkläre ich mir nicht mehr die Gründe meiner Handlungen. Ich handle, wie es kommt: das Leben ist lustiger auf diese Weise!
In der Sache Popoffsky zeigt sich ein Umschwung. Sein Freund, der Däne, beginnt die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens zu widerlegen, unter dem Vorwand, die Untersuchung habe den Verdacht als falsch erwiesen. Auch unser Artikel ist aufgeschoben, und die alte Kälte tritt wieder ein. Gleichzeitig erscheint auch das Untier von Hund wieder: ein Wink für mich, auf meiner Hut zu sein.
Als ich am Nachmittag an meinem Tisch, der vor dem Fenster steht, schreibe, bricht ein Gewitter aus. Die ersten Regentropfen fallen auf mein Manuskript und besudeln es so, dass die Buchstaben, die das Wort "Alp" bilden, auslaufen und einen Tintenklecks zeichnen, der dem Gesicht eines Riesen gleicht. Ich hebe diese Zeichnung auf; sie ist dem Donnergott der Japaner ähnlich, wie er in Flammarions "Athmosphäre" abgebildet ist.
28. Juni.—Ich habe meine Frau im Traum gesehen; es fehlten ihr die Vorderzähne; sie gab mir eine Guitarre, die den Donaubooten glich.
Derselbe Traum drohte mir mit Gefängnis.
Heute morgen fand ich in der Rue d'Assas ein Stück Papier in den Farben des Regenbogens.
Heute nachmittag zerrieb ich Quecksilber, Zinn, Schwefel, Chlorammonium auf einer Pappe. Als ich die Masse ablöste, behielt die Pappe den Abdruck eines Gesichts, das dem meiner Frau gleich war, wie ich es in der vergangenen Nacht im Traum gesehen hatte.
1. Juli.—Ich erwarte einen Ausbruch, ein Erdbeben, einen Blitzschlag, ohne zu wissen, von welcher Seite. Nervös wie ein Pferd beim Nahen der Wölfe, wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer für die Flucht, ohne mich indessen rühren zu können.
Der Russe ist aus Mangel an Beweisen aus dem Gefängnis entlassen: sein Freund, der Däne, ist mein Feind geworden. Die Gesellschaft der Cremerie plagt mich. Das letzte Mittagessen wurde wegen der Hitze im Hof aufgetragen: der Tisch war zwischen dem Müllkasten und den Abtritten aufgestellt. Über dem Müllkasten ist das Bild meines alten Freundes, des Amerikaners, aufgehängt, aus Rache, weil der Künstler auf und davon gegangen ist, ohne zu bezahlen, was er schuldig war. Neben dem Tisch haben die Russen eine Statuette aufgestellt: einen Krieger, der mit der traditionellen Sense bewaffnet ist. Um mir Furcht zu machen! Ein junger Bursche des Hauses geht hinter meinem Rücken in der deutlichen Absicht mich zu ärgern, auf den Abtritt. Der Hof, eng wie ein Schacht, erlaubt der Sonne nicht, die hohen Wände zu überschreiten. Die fast in allen Etagen wohnenden Kokotten haben ihre Fenster geöffnet und lassen einen Hagel von Zoten auf unsere Köpfe niederprasseln; die Hausmädchen kommen mit den Mülleimern und leeren sie in den Müllkasten.—Das ist die Hölle! Und meine beiden Nachbarn, notorische Päderasten, unterhalten ein widerwärtiges Gespräch, um mit mir Händel zu suchen.
Warum bin ich hier? Die Einsamkeit zwingt mich, menschliche Wesen aufzusuchen, menschliche Stimmen zu hören.
Da, als meine seelischen Qualen den höchsten Grad erreichen, entdecke ich einige Stiefmütterchen, die auf einer schmalen Rabatte blühen. Sie schütteln die Köpfchen, als wollten sie mir eine Gefahr anzeigen, und eins von ihnen, mit einem Kindergesicht mit grossen, tiefen, leuchtenden Augen, gibt mir ein Zeichen:
—Geh fort!
Ich erhebe mich und zahle; als ich hinausgehe, grüsst mich der Bursche mit versteckten Beschimpfungen, die mein Herz in Wallung bringen, ohne meinen Zorn zu erregen.
Ich empfinde Mitleid mit mir selber und schäme mich für die andern.
Ich verzeihe den Schuldigen, indem ich sie als Dämonen betrachte, die nur ihre Pflicht erfüllen.
Doch ist die Ungnade der Vorsehung gar zu deutlich, und, sobald ich ins Hotel zurückgekehrt bin, beginne ich mein Kredit und Debet aufzustellen. Bisher, und das war meine Stärke, habe ich mich nicht beugen können, den andern recht zu geben, jetzt aber, durch die Hand des Unsichtbaren zu Boden geschlagen, versuche ich, mir unrecht zu geben, und wie ich mein Betragen während der letzten Wochen gründlich untersuche, ergreift mich Furcht. Mein Gewissen sagt mir die Wahrheit, rückhaltlos und unerbittlich.
Ich habe aus Hochmut, Hybris, gesündigt, dem einzigen Laster, das die Götter nicht verzeihen. Durch die Freundschaft des Doktor Papus, der meine Forschungen gelobt hatte, ermutigt, bildete ich mir ein, das Rätsel der Sphinx gelöst zu haben. Ein Nacheiferer des Orpheus, hielt ich es für meine Aufgabe, die Natur, die unter den Händen der Gelehrten gestorben war, wieder zu beleben.
In dem Bewusstsein, dass die Mächte mich beschützen, schmeichelte ich mir, durch meine Feinde nicht besiegt werden zu können; das ging so weit, dass ich die einfachsten Begriffe der Bescheidenheit verachtete.
Hier ist der rechte Augenblick, die Geschichte meines geheimnisvollen Freundes einzuschalten, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben spielte: als Führer, Ratgeber, Tröster, Strafer und ausserdem als Helfer, der mich in zuweilen eintretenden Zeiten der Not mit neuen Mitteln versorgte. Schon 1890 schrieb er mir einen Brief auf ein Buch das ich damals erscheinen liess. Er hatte zwischen meinen Gedanken und denen der Theosophen Berührungspunkte gefunden und wollte meine Ansichten über den Okkultismus und über die Priesterin der Isis, Frau Blawatsky, wissen. Der anmassende Ton seiner Epistel missfiel mir, und ich verhehlte ihm das in meiner Antwort nicht. Vier Jahre später veröffentliche ich den "Antibarbarus" und empfange im kritischesten Augenblick meines Lebens von diesem Unbekannten einen zweiten Brief, in dem er mir in gehobenem, fast prophetischen Ton, eine schmerzensreiche und glorreiche Zukunft vorhersagt. In gleicher Weise legt er dar, aus welchen Gründen er den Briefwechsel wieder aufgenommen habe; ihm habe dazu eine Ahnung bestimmt, dass ich augenblicklich eine seelische Krise durchmache und vielleicht ein Wort des Trostes nötig habe. Schliesslich bietet er mir seine Unterstützung an, die ich jedoch ablehne, da ich auf meine elende Unabhängigkeit eifersüchtig bin.
Im Herbst 1895 bin ich es, der den Briefwechsel wieder eröffnet, indem ich ihn bitte, mir bei der Herausgabe meiner naturwissenschaftlichen Schriften behilflich zu sein. Von diesem Tage an unterhalten wir durch die Post sehr freundschaftliche, selbst vertrauliche Beziehungen, wenn ich einen kurzen Bruch ausnehme, den er durch seine verletzende Sprache verursacht, als er mich über alltägliche Dinge unterrichten will und mir in hochmütigen Ausdrücken meinen Mangel an Bescheidenheit vorwirft.
Nachdem wir uns jedoch wieder versöhnt hatten, teilte ich ihm alle meine Beobachtungen mit, lieferte ihm meine Geheimnisse aus; was vielleicht nicht ganz klug war. Ich beichtete diesem Mann, den ich nie gesehen hatte, und ich ertrug von seiner Seite die strengsten Ermahnungen, weil ich ihn eher als eine Idee, denn als eine Person betrachtete: er war für mich ein Bote der Vorsehung, ein Paraklet.
In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich dagegen sah in den Mächten eine oder mehrere konkrete, lebendige, individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.
Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung und Abtötung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses Ichs erweist sich also als der höchste und letzte Zweck des Daseins. Meine bestimmte und beständige Antwort auf seine Einwendungen lautete also: die Abtötung des Ichs ist Selbstmord.
Übrigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals! Vor dem Ewigen, den Mächten, der Vorsehung unterdrücke ich meine bösen Instinkte, stets und ständig, so weit es möglich ist. Kämpfen für die Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflüsse, die der Ehrgeiz einer Sekte oder einer Partei auf mich ausüben will, das ist meine Pflicht; wie sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner göttlichen Beschützer gegeben hat.
Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke, den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht, dass die Theosphie mir widerstrebt.
Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine so hochmütige Sprache, wird seine Tyrannei so unerträglich, dass ich fürchten muss, er hält mich für verrückt. Er nennt mich Simon Magus, Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort, ich habe Frau B. durchaus nicht nötig und niemand habe mir etwas zu lehren. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit Hilfe von Mächten, die stärker als meine seien, auf den rechten Weg zurückzuführen wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu rühren; das sei gut behütet von der Hand der Vorsehung, die mich immer geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erläutern, erzähle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an providentiellen Zwischenfällen so reichen Leben, indem ich jedoch vorausschicke, dass ich fürchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.
Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geräuschvollsten literarischen Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder in Skandinavien unterstützte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich hinreissen und überschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass meine Landsleute mich für verrückt erklärten.
Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.
Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war geschraubt, Streichungen und Änderungen zeigten, dass der Schreiber gezögert hatte, was für Gründe er anführen solle. Ich witterte eine Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen Ausdrücken ab.
Zwei Jahre später, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als Zollinspektor lebt.
Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen Verhör. Nachdem ich eine Nacht über die Sache nachgedacht habe, wird sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie für mich hat. Ein Despot ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zähmen und seine Überlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.
Nicht sehr gewissenhaft in der Wahl seiner Mittel, peinigt er mich eine Woche, vergiftet mich mit Verleumdungen, mit eigens erfundenen Fabeln, benimmt sich aber so ungeschickt, dass ich in meiner Überzeugung bestärkt werde, die Falle, die er mir früher gestellt hatte, habe keinen andern Zweck gehabt, als mich als Geisteskranken einzusperren.
Ich lasse ihn gewähren, ohne Widerstand zu leisten, indem ich auf meinen guten Stern vertraute, um mich zu befreien, wenn die Zeit gekommen ist.
Meine scheinbare Unterwerfung verschafft mir das Wohlwollen meines Henkers: mitten im Meer allein hausend, von seinen Nachbarn und Untergebenen verwünscht, gibt er dem Bedürfnis, sich anzuvertrauen, nach. Mit einer Naivität, die bei einem Mann von fünfzig Jahren unbegreiflich ist, erzählt er mir, seine Schwester sei im letzten Winter verrückt geworden und habe in einen Anfall von Wahnsinn ihre Ersparnisse verbrannt.
Am nächsten Tag neue vertrauliche Mitteilungen: ich erfahre, dass sein Bruder als geisteskrank auf dem Lande interniert ist.
Ich frage mich: ist es aus diesem Grunde, um sich am Schicksal zu rächen, dass er mich einzusperren wünscht?
Ich beklage sein Unglück und gewinne mir seine Zuneigung so vollständig, dass ich die Insel verlassen kann um mir auf einer benachbarten Insel, wo ich meine Familie wiederfinde, eine Wohnung zu mieten.
Einen Monat später ruft mich ein Brief zu meinem "Freund": er ist vor Schmerz gebrochen, weil sein Bruder sich in einem Anfall von Tobsucht den Schädel zerschmettert hat. Ich tröste ihn, meinen Henker, und um das Unglück voll zu machen, vertraut mir seine Frau unter Tränen, sie befürchte schon lange, dass ihr Gatte das Schicksal der andern teilen werde.
Ein Jahr vergeht, da berichten die Zeitungen, dass der ältere Bruder meines Freundes sich unter Umständen, die auf geistige Störung deuten, getötet hat.
Drei Blitzschläge auf das Haupt dieses Mannes, der mit dem Donner hatte spielen wollen.
"Welches Zusammentreffen," wird man sagen. Und was noch mehr ist: welches unglückliche Zusammentreffen, jedes Mal, wenn ich diese Geschichte erzählt habe, bin ich dafür bestraft worden.
Die grosse Julihitze ist gekommen; das Leben ist unerträglich: alles stinkt, und die hundert Aborte nicht am wenigsten. Ich erwarte eine Katastrophe, ohne sagen zu können, was für eine.
Auf einer Strasse finde ich ein Stück Papier auf dem das Wort "Marder" steht. Auf einer andern Strasse ein ähnliches Stück Papier, das, von derselben Hand geschrieben, das Wort "Geier" trägt. Popoffsky gleicht vollkommen einem Marder und seine Frau einem Geier. Sollten sie nach Paris gekommen sein, um mich zu töten? Er, der Mörder ohne Scham, ist zu allem fähig, nachdem er Weib und Kind ermordet hat.
Ich lese eine köstliche Arbeit, "Die Freude zu sterben", und der Wunsch wird in mir wach, diese Welt zu verlassen. Um die Grenze zwischen Leben und Tod kennen zu lernen, lege ich mich aufs Bett, entkorke das Fläschchen mit Zyankalium und es verbreitet seinen tödlichen Duft. Er nähert sich, der Mann mit der Sense: ein mildes Gefühl, eine Wollust überkommt mich; aber, im letzten Augenblick, tritt immer jemand oder etwas unvermutet dazwischen: der Diener kommt unter irgendeinem Vorwand, eine Wespe fliegt zum Fenster herein.
Die Mächte weigern mir die einzige Freude, und ich beuge mich ihrem Willen.
Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien und lassen das Hotel leer.
Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem Arbeitstisch einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht niemals; erscheint sich hinter der Wand, die uns trennt, mit schreiben zu beschäftigen. Seltsam ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurückschiebt, wenn ich meinen bewege; dass er meine Bewegungen wiederholt, als wolle er mich durch seine Nachahmung necken.
Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung: wenn ich schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben meinem Zimmer nieder; bin ich im Bett, so höre ich, wie er sich in das andere Zimmer begibt und das Bett neben meinem Bett einnimmt. Ich höre ihn, wie er sich parallel mit mir ausstreckt: er blättert in einem Buch, löscht dann die Lampe, holt tief Atem, dreht sich auf die Seite und schläft ein.
Eine vollständige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem Tisch. Er bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei Seiten belagert zu werden.
Allein, ganz allein nehme ich das Mittagessen auf einem Tablett auf meinem Zimmer ein, und ich esse so wenig, dass der teilnehmende Diener Mitleid mit mir hat. Seit einer Woche habe ich meine Stimme nicht mehr gehört, und aus Mangel an Übung beginnt der Laut zu verschwinden. Ich habe keinen Sou mehr: Tabak und Briefmarken fehlen mir.
Da mache ich eine letzte Anstrengung und sammle meinen Willen. Ich will Gold machen, auf trocknem Wege durch Feuer. Das Geld findet sich, Öfen, Tiegel, Löschkohlen, Blasebalg, Zangen.
Die Hitze ist übermässig; nackt bis zum Gürtel wie ein Grobschmied, schwitze ich vor dem offenen Feuer. Aber die Sperlinge haben ihr Nest in den Schornstein gebaut, und der Kohlendunst schlägt ins Zimmer. Nach dem ersten Versuch möchte ich aus der Haut fahren, weil ich Kopfschmerzen habe und meine Experimente eitel sind, da alles verkehrt geht. Nachdem ich die Masse drei Male im Schmiedefeuer geschmolzen habe, betrachte ich das Innere des Tiegels. Der Borax hat einen Totenkopf gebildet, dessen leuchtende Augen meine Seele wie eine übernatürliche Ironie durchbohren.
Wieder kein Metallkorn! Und ich verzichte auf einen neuen Versuch.
Im Lehnstuhl sitzend, lese ich in der Bibel, wie der Zufall sie mir aufschlägt: "Niemand geht in sich und hat weder die Kenntnis noch den Witz, zu sagen: ich habe die Hälfte hiervon im Feuer verbrannt, und doch habe ich Brot gebacken auf den Kohlen; ich habe Fleisch geröstet und davon gegessen; und übrigens sollte ich daraus ein Greuel machen? sollte ich einen Baumzweig anbeten? Er nährt sich von Asche, und sein getäuschtes Herz leitet ihn irre; und er wird seine Seele nicht befreien, und wird nicht sagen, was in meiner rechten Hand ist, ist das keine Falschheit?... So hat der Ewige, dein Erlöser, gesprochen, der dich vom Mutterleib bereitet hat, ich bin der Ewige, der alle Dinge geschaffen hat, der allein die Himmel entworfen, der allein die Erde geebnet hat; der die Versicherungen der Lügner zerstreut, der die Wahrsager zum Unsinn macht, der den Geist der Weisen verkehrt, der ihr Wissen eine Torheit werden lässt."
Zum ersten Male zweifle ich an meinen wissenschaftlichen Untersuchungen! Wenn es eine Torheit ist, ach! dann habe ich das Glück meines Lebens und das meiner Frau und meiner Kinder für ein Hirngespinst geopfert!
Wehe mir Toren! Der Abgrund öffnet sich zwischen meiner Familie und diesem Augenblick! Ein und ein halbes Jahr, so viele Tage und so viele Nächte, so viele Schmerzen für nichts!
Nein, das kann nicht sein! Das ist nicht so!
Habe ich mich in einem dunklen Walde verirrt? Nein, der Lichtbringer hat mich auf den rechten Weg geführt, nach der Insel der Seligen, und es ist der Teufel, der mich versucht! oder mich straft!
Ich sinke auf den Lehnstuhl nieder; eine ungewohnte Schwere bedrückt meinen Geist, ein magnetisches Fluidum scheint von der Wand auszuströmen, der Schlaf übermannt meine Glieder. Ich sammle meine Kräfte und stehe auf, um auszugehen. Als ich durch den Korridor komme, höre ich Stimmen, die in dem Zimmer neben meinem Tisch flüstern.