22.
Ein gestörtes Fest.

Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Man wußte, es war etwas geschehen – aber was? Die Gräfin behauptete noch immer ihren Platz; ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte zugeflüstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen. War es möglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt ihre Sinne gefesselt.

Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstört aus – irgend etwas Entsetzliches – und Paula's Aufregung vorher! – Aber die Musik, die hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den Festmarsch weiter.

»Meine Gnädige,« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, »wie mir scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhäuser vollständig aus der Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist, und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich fürchte, wir bekommen heut Abend nichts zu essen.«

»Das wäre entsetzlich!« sagte das alte Stiftsfräulein mit einem giftigen Blick über die Tafel. »Und doch hat der Graf da Silber genug aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu überfüllen.«

»Ich habe einen starken Verdacht, daß die Platten – plattirt sind,« flüsterte der Staatsrath.

»Wohl möglich,« meinte das Fräulein; »lieber Gott, es ist ja Alles Schein heutzutage auf der Welt!« – und sie hatte wirklich Ursache, so zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zähne und falsche Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick über ihre Gestalt, flüsterte:

»Wie Recht haben Sie, meine Gnädige! Aber da kommt George, er sieht blasser aus, wie gewöhnlich.«

Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt außerordentlich ruhig gehalten und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen Arm, flüsterte einen Augenblick mit ihm und verließ dann den Saal.

»Was ist, George?« sagte die Gräfin. »Warum kommt der Vater nicht zurück? Wo bleibt Paula? Unsere Gäste warten...«

»Ein plötzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen,« sagte George mit heiserer, fast tonloser Stimme. »Es thut mir leid, die Gesellschaft zu stören; ich fürchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen können.«

Die Trompeten hinter dem Vorhange schmetterten ihre fröhlichen Weisen so stark hervor, daß die Worte beinahe unverständlich wurden. George schritt zu dem Vorhang, schlug ihn zurück und gebot Ruhe.

Mit einem Mißklang hörten die Leute überrascht mitten im Tact auf, und eine unheimliche Stille lag in dem Moment auf dem Saal. Da trat der alte Graf Bolten wieder in den Saal und sagte mit ernster, aber vollkommen leidenschaftsloser Stimme:

»Meine Herrschaften, es thut mir leid, Sie benachrichtigen zu müssen, daß wir uns in keinem Hause der Freude, sondern in einem Hause der Trauer befinden. Meinen alten Freund Graf Monford hat ein ernster Unfall betroffen, der seine Familie an sein Lager fesseln muß – die Tafel ist aufgehoben, denn es würde unmöglich sein, unter diesen Umständen noch längere Störung hier zu verursachen.«

»Aber was fehlt ihm? Was ist geschehen?« rief es von allen Seiten.

»Hoffentlich nichts,« erwiderte abweisend der alte Herr, »was uns verhindern könnte, in einigen Wochen, ja, vielleicht in einigen Tagen wieder eben so fröhlich hier zusammen zu kommen – Frau Gräfin, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm biete und Sie hinüber zu Ihrem Gemahl führe.«

»Jetzt kommt der Chor der Pilger, meine Gnädige; habe ich es Ihnen nicht gesagt? Und wie gut die Suppe riecht!« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu.

»Meine Nerven!« stöhnte diese und machte eine Bewegung, als ob sie sich an seinen Arm hängen wollte, dem der Hofmann aber geschickt auswich, indem er that, als ob er es gar nicht bemerkte, und sich rasch ab zu einem Andern der Gesellschaft wandte. Die Dame wurde deshalb nicht ohnmächtig.

Aber eine grenzenlose Verwirrung hatte sich indessen der Gäste bemächtigt. Felix war rasch zu Helenen hinüber gegangen. Er wollte mit George sprechen, aber dieser war seiner Mutter schon gefolgt, und aufdrängen durfte er sich nicht. Er fühlte auch recht gut, daß man jetzt der Familie keinen größeren Gefallen thun könne, als sie sobald als irgend möglich von der Gegenwart Fremder zu befreien; deshalb Helenens Arm ergreifend, flüsterte er ihr rasch zu:

»Komm, mein Herz, hier ist weiter nichts zu thun, als uns zu entfernen. Bei der wundervollen Nacht gehen wir recht gut zu Fuß in die Stadt zurück; laß uns ein wenig eilen, daß wir nicht in den Troß kommen.« Er nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal, und das war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

Draußen auf dem Gang stand ein alter Diener, der dem Grafen seinen Rock gab.

»Können Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?«

»Der große Gott weiß es!« sagte der Alte, und die Thränen standen ihm in den Augen – »aber Geheimniß kann's nicht mehr bleiben: die junge Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Draußen im Park fiel eben ein Schuß, die Diener wollen mit Fackeln hinaus – das überlebt der alte Herr nicht.«

»Großer Gott, Paula?« rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, führte sie hinaus in's Freie.

Nicht so rasch kam die übrige Gesellschaft fort. Viele der Damen, ja, die meisten trugen weiße Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in die Stadt zurücklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmöglich hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nähe. Boten über Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt, um die Wagen zu beordern, daß sie wenigstens entgegenkamen, oder an Droschken auftrieben, was sich finden ließ – am Theater hielten jetzt eine Menge –, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorüber.

Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt – wohin? Er wußte es selber nicht.

In Paula's Zimmer stand die Gräfin und las ein kleines Briefchen, das sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Züge verrieth, welche Gefühle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.

In dem Zettel, der »An meine Eltern« überschrieben war, standen nur folgende wenige Worte: »Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen Bolten nicht heirathen, ich würde unglücklich mein ganzes Leben sein. Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!«

Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen dünnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum Licht, entzündete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen ihrer weißen Glacéhandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinüber zu ihrem Gatten, der noch immer bewußtlos auf einem Sopha lag, während ihm der Haushofmeister mit zitternden Händen kalte Umschläge um die Schläfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem unglücklichen alten Manne.

Drei Boten waren nach verschiedenen Ärzten gesandt, um sie rasch herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.

Die Gräfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rührte sich nicht und wandte ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weißen Glacéhandschuhe aus, nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos:

»Sehen Sie nach der Tafel – daß alle Fremden das Haus verlassen – einige junge Leute behalten Sie zurück, wenn wir vielleicht noch Boten gebrauchen sollten.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Wo ist George?«

»Fort – er hat sich ein Pferd satteln lassen.«

»Es ist gut – sehen Sie nach dem Hause.«

Der Haushofmeister zog sich mit einer Verbeugung und einem traurigen Blick auf seinen Herrn zurück; er wäre noch so gern bei ihm geblieben, aber seine Pflicht rief ihn auf seinen Posten. Die Frau Gräfin hatte Recht: die Masse dort aufgestellten Silbers durfte nicht ohne Aufsicht bleiben – daß sie nur daran gedacht hatte!

Eine halbe Stunde verging so. Graf Bolten rührte sich nicht, er schien wie aus Stein gehauen, und nicht regungsloser war der Ohnmächtige auf dem Sopha, dem die Gattin ruhig und mechanisch die Umschläge wechselte. Endlich fuhr ein Wagen vor. So still war es im Hause geworden, daß man deutlich das Knirschen der leichten Räder auf dem Kies hören konnte. Es war einer der Ärzte, der in Carrière herausgejagt sein mußte.

Draußen vor dem Fenster wurden auch Stimmen laut und Leute kamen mit Fackeln. Weder Graf Bolten noch Gräfin Monford beachteten es. Der Arzt schien einen Augenblick da draußen aufgehalten zu sein; es dauerte wenigstens unverhältnißmäßig lange, ehe er eintrat, oder däuchte ihnen die Zeit nur so lang? Endlich kam er und trat zu dem Lager des Kranken, dessen Hand er nahm, um den Puls zu fühlen.

»Gnädige Gräfin, ich bedauere unendlich...«

»Was halten Sie von seinem Zustand, Doctor?«

Der Doctor schüttelte mit dem Kopf – endlich frug er leise:

»Liegt irgend eine bestimmte Ursache dieser heftigen Störung der Lebensthätigkeit vor? Schreck oder Gemüthsbewegung?«

»Es ist möglich,« erwiderte kaum hörbar die Gräfin.

Der Arzt nickte, ohne etwas weiter zu fragen oder den Puls des Kranken loszulassen. Er hielt einen Aderlaß für nothwendig, aber ehe er ihn anwenden konnte, schlug der Kranke die Augen auf und stierte den Doctor bestürzt an.

»Mein bester Herr Graf, wie fühlen Sie sich jetzt? Es ist Ihnen plötzlich unwohl geworden, nicht wahr?«

Der Graf antwortete nicht. Er schloß die Augen wieder und legte seine Hand gegen die Stirn, als ob er sich auf etwas besänne. Er trug noch seine weißen Handschuhe, und der Arzt entfernte sie jetzt vorsichtig, was der Leidende ruhig geschehen ließ, und rieb ihm dann die Schläfe mit Eau de Cologne.

»Ich danke Ihnen, Doctor,« sagte der Kranke nach einiger Zeit – es waren die ersten Worte, die er wieder sprach –; »bitte, legen Sie mir die Handschuhe nicht fort, ich muß zur Gesellschaft zurück.«

Der Doctor sah die Gräfin fragend an.

»Heute Abend nicht mehr, George,« sagte diese. »Du hast sehr lange in Ohnmacht gelegen, die Gäste sind längst nach Hause, es ist spät.«

Der Kranke sah sie rasch an, und wieder fuhr er sich nach der Stirn, lag aber eine Weile ruhig. Endlich sagte er leise:

»Schicke George und Paula zu mir her; ich will sie sprechen.«

»Die Kinder sind schon im Bett,« erwiderte die Gräfin – »morgen früh – heute halte Dich nur ganz ruhig, daß Du morgen wieder wohl und kräftig bist. Fühlst Du Dich besser?«

Der Arzt hatte zu Graf Bolten aufgesehen, als dieser ihm ein Zeichen gab und das Zimmer verließ. Der Arzt folgte ihm nach einigen Secunden.

»Was halten Sie von dem Zustand des Kranken? Glauben Sie, daß es eine bloße Ohnmacht war?«

»Ich – hoffe, ja. – Hat der Graf Monford dieses Zucken des linken Augenlides schon öfter gehabt?«

»Ich glaube nicht; ich habe es nie bemerkt.«

»Es kann Schwäche im Auge sein; ich hoffe, es ist nicht mehr.«

»Und was fürchten Sie sonst?«

»Oh, nichts, in der That nichts! Nur im ersten Augenblick fürchtete ich, daß es ein leichter Schlaganfall sein könne. Er ist aber ja schon wieder vollkommen bei Besinnung.«

Der Graf nickte langsam mit dem Kopf und sagte endlich:

»Gehen Sie wieder zu dem Kranken hinein, Doctor, ich will nach Hause fahren. Ich glaube, Ruhe wird ihm am wohlsten thun. Gute Nacht, Doctor. Morgen früh bitte ich Sie, mir Nachricht zu senden, wie Sie ihn verlassen haben."

»Sehr gern, Herr Graf, ich werde nicht ermangeln – da draußen haben sie ja auch einen Verwundeten...«

»Einen Verwundeten?« fragte der Graf hastig und erschreckt.

»Den alten Förster. Sie brachten ihn eben in's Haus, wie ich ankam, aber es scheint nichts Gefährliches zu sein. Nur ein Schnitt oder ein Hieb durch's Gesicht – er war von Blutverlust wahrscheinlich ohnmächtig geworden. Ich werde dann gleich nach ihm sehen.«

Der Graf zog seinen Überrock allein an, denn die Diener waren alle hinausgegangen, nahm seinen Hut, nickte dem Arzt noch einmal zu und verließ das Haus, um sich erst der Richtung hinter dem Schlosse zuzuwenden, wo er noch die Fackeln sah.

Allgemeine Bestürzung herrschte indessen auch unter der Dienerschaft, der das Vorgefallene natürlich kein Geheimniß bleiben konnte, ja, die das eigentlich Geschehene sogar schon früher wußte, als die Herrschaft selber. Der junge Gärtnerbursche hatte nämlich erzählt, daß er, als er im Park heraufgekommen wäre, ein paar Frauen bemerkt hätte – Damen mit großen, weiten Kleidern, die rasch den Weg hinabgeeilt wären und von denen die eine etwas Schweres getragen hätte. Vorher aber habe er einen Wagen unten am Drahtthor halten sehen, und ein Herr dort habe ihn gefragt, ob die Tafel schon begonnen hätte. Er glaubte damals, daß der Herr mit zu den Gästen gehöre, vielleicht einer der Rittergutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der den Weg durch den Wald gekommen sei; nur daß er nicht mitging oder das Thor nicht geöffnet haben wollte, wunderte ihn – auf was wartete er denn noch? Aber er mußte sich selber eilen, daß er das Tractement nicht versäumte. Die Damen, denen er nachher begegnete, machten ihn stutzig, und er erzählte, was er gesehen, dem einen Lakai, der jetzt seinerseits die Kammerjungfer der gnädigen Comtesse suchte, sie aber nirgends finden konnte. Ehe man aber der Herrschaft selber Mittheilung davon machen konnte, war die Flucht der Comtesse oder wenigstens ihre Abwesenheit schon bemerkt, und der Bericht des Gärtners konnte nur die Richtung andeuten, die sie genommen. Bald darauf sprengte Graf Bolten fort, und gleich danach fiel der Schuß in derselben Gegend.

Der Haushofmeister hatte eine Anzahl von Pechfackeln herausschaffen lassen, um sie heute vielleicht beim Heimfahren der Herrschaften zu verwenden. Mit einigen von diesen machte sich nun eine Anzahl junger Burschen, darunter der Forstgehülfe, auf, um den Park abzusuchen, und da sie sich auf den Wegen vertheilten, trafen sie hier auf den ohnmächtig gewordenen alten Förster, den sie jetzt zurück zum Schloß trugen. Mehrere wurden freilich nach dem Drahtthor geschickt, um dort nach dem Wagen zu sehen, aber der war natürlich fort. Nur die Gleise desselben fanden sie im Sande, wo er gehalten, dann hatte er den dort einzigen Weg nach dem Dorfe eingeschlagen – aber wohin dann weiter? Im Dorf selber liefen vier Wege nach vier verschiedenen Richtungen ab – welchen hatte der Wagen nun verfolgt? Das Dorf lag auch zu weit, um dort jetzt nachzusehen; auch ging der Wind heut Abend ziemlich heftig, und sie hätten sich mit den Pechfackeln, die fortwährend Funken abwarfen, doch nicht zwischen die Strohdächer hineinwagen dürfen. Die Bauern würden es gar nicht gelitten haben.

Der Förster erholte sich übrigens sehr rasch wieder und kaum wie sie ihn in des Haushofmeisters Zimmer auf ein schnell hergerichtetes Lager gelegt hatten. Blutverlust mußte die Ursache seiner Ohnmacht gewesen sein, vielleicht auch der Schmerz der Wunde mit der Aufregung. Wie aber das vorquellende Blut gerann, hörte auch die Blutung von selber auf; der Alte sah aber schrecklich aus.

Der Schnitt ging ihm über dem rechten Auge weg quer über die Nasenwurzel und dann schräg die linke Backe hinab, den er vollständig geschlitzt hatte, daß er auseinander klaffte. Seine Kleider waren dabei bis hinab wie mit Blut getränkt, und die Leute fürchteten zuerst, daß er noch vielleicht eine andere und gefährlichere Wunde an sich habe. Er wurde deshalb ausgezogen und untersucht; es ergab sich aber glücklicher Weise nichts Derartiges, und als er wieder zu sich kam, bestätigte er auch, daß er nirgends sonst getroffen sei; nur den Schnitt habe ihm der verfluchte Kerl, der Maulwurfsfänger, gegeben, als er ihn beim Wildern erwischt, und die kleine Kröte, der Spitz, müsse ihn auch in die Beine gebissen haben – der eine Hinterlauf schmerze ihn schändlich da unten um die Wade herum.

Das erwies sich in der That so; die Hose war dort an drei oder vier Stellen zerrissen und das scharfe Gebiß der kleinen Bestie tief in das Bein eingedrückt, daß das Blut daran herunter gelaufen.

Also mit der Flucht der Comtesse hatte diese Verwundung, wie die Leute anfangs geglaubt, gar nichts zu thun. Dem alten Manne that aber besonders die zerschnittene Backe so weh, daß ihm das Sprechen außerordentlich schwer wurde. Er wollte noch etwas sagen, ließ es aber wieder sein und flüsterte nur das Eine Wort: »Doctor –« dann legte er den Kopf zurück, um sich auszuruhen. Der Doctor war aber noch drinnen beim Grafen und konnte nicht herausgerufen werden – er sollte sich nur noch ein klein Weilchen gedulden, er käme gleich.

Jetzt fuhren noch rasch hintereinander zwei Wagen vor, in denen die beiden anderen herbeigerufenen Ärzte saßen. Der eine von diesen wurde auch sofort bedeutet, daß er, so schnell er irgend könne, hinüber in des Haushofmeisters Zimmer käme, wo ein Verwundeter läge; vorher mußten die beiden Herren aber pflichtschuldigst zum Grafen hinein. Der eine fragte nur: »Was für eine Wunde?«

»Ein Schnitt durch's ganze Gesicht.«

»Nun, das ist nicht so gefährlich, ich komme gleich hinüber« – und damit war er rasch verschwunden, und der Förster mußte warten.

Bei dem Grafen aber konnten sie gar nichts thun. Er hatte sich wieder erholt, fühlte sich jedoch noch sehr angegriffen und beantwortete die an ihn gerichteten Fragen zuerst nur ganz unvollständig und dann gar nicht mehr, und winkte endlich mit der Hand – er wollte allein sein.

Die Ärzte zogen sich zu einer Berathung zurück, das heißt, keiner von ihnen wollte den andern fragen, was er über die Sache denke – er hätte sich dadurch etwas vergeben können –, sondern nur seine Meinung geltend machen. Der Hausarzt, ein Ober-Medicinalrath, behandelte die Sache auch sehr cavalièrement. – Es hatte nichts zu sagen: er kannte die Natur des Grafen – morgen würde nichts von der heutigen Schwäche übrig sein. Es war nur eine Nervenaufregung oder Überreizung, er hoffe das Beste. Die beiden anderen Herren waren ja doch nur aus Versehen, oder in der Angst, ihn nicht gleich zu treffen, gerufen worden.

Der zuerst gekommene Arzt widersprach dem vollkommen und hielt es für einen Nervenschlag, der vielleicht wiederkehren könne. Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln – was half es ihm zu widersprechen! Er hatte die Behandlung des Kranken ja doch von jetzt ab allein, und die Consultation war eine bloße Höflichkeitsform. Er bat die Herren, ihn zu entschuldigen, da er noch einen andern Fall im Hause zu behandeln habe, und ging zu dem alten Förster hinüber.

Hier aber war nicht viel zu thun. Er nähte die furchtbare Wunde ziemlich gleichmüthig zu, wobei er sich erkundigte, woher der Alte den Schnitt habe, legte dann einen Verband um, betrachtete sich die Bißwunden, ließ sie auswaschen, verordnete kalte Umschläge und ließ sich dann von dem Haushofmeister ein Zimmer anweisen. Er wollte hier übernachten, falls die Frau Gräfin noch einmal nach ihm verlangen sollte.

Der alte Förster fühlte sich indeß durch das Zunähen der Wunde und den Verband sehr erleichtert; er ließ sich noch ein Glas Wein geben, um sich ein wenig zu stärken, und verlangte dann nach seinem Forstgehülfen.

Während er so da lag, war ihm doch die Sache mit dem Schuß, und daß er nachher noch ein Rascheln in den Büschen gehört hatte, im Kopf herumgegangen. Wenn er den Menschen nun doch, obgleich er blind in den Busch gefeuert und tief gehalten, getroffen? Der Forstgehülfe stand noch draußen und besprach die Familienverhältnisse mit einem der Lakaien, der höchst entrüstet über die Flucht war, denn das Kammermädchen schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und nicht ihm einmal hatte sie sich entdeckt!

»Herr Förster, Sie haben nach mir verlangt!«

»Ach, Wenzel, sind Sie das? Stopfen Sie mir erst einmal meine Pfeife; sie steckt in der linken Rocktasche und der Tabaksbeutel in der rechten.«

»Ja wohl, Herr Förster.« Die Pfeife wurde gestopft und gebracht. Wenzel zündete einen Fidibus an, aber das Rauchen wollte nicht recht gehen. Hatte die Pfeife keinen Zug, oder that ihm dabei die Backe so weh? Der Forstgehülfe selber probirte, sie zog vortrefflich; der Förster nahm sie noch einmal zwischen die Lippen, aber es ging nicht. Er seufzte tief auf und gab sie Wenzel zurück.

»Rauchen Sie sie selber, Wenzel,« sagte er traurig; »es geht nicht. Der verfluchte Maulwurfsfänger!«

»Und weiter soll ich nichts?« fragte der Forstgehülfe, der, dem Auftrag gehorsam, die Pfeife zwischen die Zähne nahm.

»Doch Wenzel; setzen Sie sich einmal einen Augenblick hierher. Das Maul thut mir so weh, ich kann nicht laut sprechen. Nehmen Sie sich Jemanden mit einer Laterne mit, und gehen Sie auf den Platz zurück, wo Sie mich vorher gefunden haben. Das wissen Sie doch, wo das war?«

»Ja wohl, Herr Förster.«

»Gut, von da an gehen Sie auf meinem Schweiß zurück bis zu dem Fichtenstreifen, der am Hafer hinläuft. Sie können nicht fehlen, er muß überall auf den Büschen sitzen. Dort finden Sie eine Drahtschlinge, die der verdammte Halunke, der Maulwurfsfänger, gelegt hat, und ein Stück Wild darin; ich weiß nicht, was es ist, ich hatte keine Zeit, nachzusehen.«

»Der Lumpenkerl!« sagte der Forstgehülfe in gerechter Entrüstung – »ob ich's mir nicht immer gedacht habe!« und qualmte stärker.

»Halten Sie's Maul und hören Sie zu!« sagte der Förster – »gerade wo das Stück liegt, hab' ich gestanden, auf der andern Seite drüben und links hinein in die Fichten geschossen; die Schrote müssen noch in den Zweigen sitzen. Nehmen Sie sich lieber zwei Laternen mit, daß Sie besser sehen können, und suchen Sie mir die Fichten ab, ob ich den Lump nicht doch vielleicht zu Holz geschossen habe.«

»Glauben Sie, daß er etwas hat?«

»Ich weiß es nicht; hingehalten hab' ich – ein bischen tief – aber ich konnte nichts sehen; der Schweiß lief mir in's Auge und stockfinster war's auch, und der Kerl stak in dem jungen Holz drin – aber nachher hat's geraschelt; es ist doch möglich, daß ihm ein paar Schrote in die Beine gefahren sind – 's ist zwar nur Nummer sechs, aber ich möchte doch nicht gern, daß der Kerl die Nacht im Busch läge. Machen Sie, daß Sie fortkommen. Wenn Sie zurück sind, sagen Sie mir Antwort, dann will ich einschlafen.«

Der Forstgehülfe gehorchte dem Befehl; junge Burschen, die ihn begleiten wollten, waren noch genug da, und die Fackeln aufgreifend, welche schon vorher benutzt worden, schritt der kleine Trupp rüstig durch den Park, bis sie die Gegend erreichten, wo sie vorher den Förster gefunden.

Hier übernahm der Forstgehülfe die Leitung. Zuerst mußten sie noch eine kurze Zeit nach der wirklichen Stelle suchen, aber die war bald gefunden, denn in den erst am Nachmittag frisch geharkten Wegen waren die vielen Fußtritte deutlich erkennbar. Und dort lag auch die Blutlache. Hier über den Weg war der alte Mann herübergekommen, Blutzeichen fanden sich überall, die an den Kleidern niedergetropft; dort war er aus den Büschen herausgekommen, ein paar Zweige, an die er sich gehalten, fanden sie eingeknickt, niederhangend und voller Blut – überall hingen in der That die Spuren und führten deutlich zu dem Fichtenstreifen hinüber, wo der von dem gefangenen Wildkalb geschlagene Fleck ihnen schon von Weitem die Stelle zeigte.

»Himmelhund!« fluchte der Forstgehülfe, als er das verendete Thier, noch in der Schlinge festsitzend, fand und sich jetzt niederbog, um es frei zu machen und mit zum Schloß zu nehmen – »wenn ihm der Alte doch nur den.... vollgeschossen hätte!«

»Da knurrt ein Hund!« rief Einer der Leute. Alle horchten, und deutlich hörten sie jetzt aus den Büschen heraus einen menschlichen Ruf nach Hülfe.

»Da liegt er!« rief der Forstgehülfe, und sich rasch emporrichtend, griff er nach einer der Fackeln und preßte durch die Fichtendickung der Stelle zu, von der er den Ruf zu hören geglaubt. Er brauchte nicht weit zu gehen. Kaum zehn Schritt in den Fichten drin schlug ein kleiner Hund an, und dort fanden sie, bleich und mit Blut bedeckt, aber bei voller Besinnung, den Maulwurfsfänger, der hier den Schuß erhalten hatte und zusammengebrochen war.

»Hallo! wen haben wir da?« rief der Forstgehülfe, während er scheu vor dem Anblick zurückprallte und der Hund ein wüthendes Geheul ausstieß. Die dichten Büsche ließen auch kaum die Gestalt erkennen, denn die Fichtenzweige bogen sich von allen Seiten über ihn hin.

»Tragt mich zu Jonas hinüber,« bat der Unglückliche – »mir ist das Bein zerschossen, ich kann nicht mehr!«

Der Vorschlag war in der That vernünftig. Des alten Gärtners Haus lag kaum dreihundert Schritt von dort im Dickicht drin, während die Entfernung nach dem Schloß die dreifache gewesen wäre. In's Schloß hätten sie ihn aber überhaupt gar nicht schaffen dürfen; dort herrschte überdies schon Verwirrung genug, und wenn jetzt der angeschossene Mensch noch dazu gekommen wäre – das ging gar nicht. Der alte Jonas hatte aber oben in seinem Hause noch ein kleines Zimmerchen, das gar nicht benutzt wurde. Dort konnten sie ihn bequem unterbringen, und die einzige Schwierigkeit war jetzt nur, ihn aus dem Dickicht heraus auf den Weg zu schaffen. Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf. –

»Seid Ihr bös getroffen?«

»Das Bein ist ab – unter der Hüfte – die Geschichte ist aus.«

Der Jäger wollte etwas darauf erwidern, aber er fühlte selber, daß die Zeit dazu nicht passend wäre. Der arme Teufel schien hart genug gestraft, und jetzt blieb ihnen nichts weiter übrig, als ihm so rasch als möglich Hülfe zu bringen.

Einer der Leute – denn es waren deren mehr herausgekommen, als sie zum Fortschaffen brauchten – mußte gleich in's Schloß zurück, um den Ober-Medicinalrath zur Gärtnerwohnung zu begleiten, den anderen befahl der Forstgehülfe, der sich ziemlich gut zu helfen wußte, ihre Jacken auszuziehen und den Verwundeten, so gut es eben ging, hinein zu legen, während drei auf jeder Seite trugen. Er selber ging ihnen dabei mit seinem Beispiel voran und zog seinen Rock aus, und sie stellten dadurch eine erträgliche Bahre her, um den Verwundeten so schmerzlos als irgend möglich fortzuschaffen.

Zwei von den Leuten mußten vorangehen und die Büsche zurückbiegen; wie sie aber den Verwundeten aufgreifen wollten, fiel der Hund wie toll über sie her und biß nach ihnen.

»Ruhig, Spitz,« sagte der arme Teufel mit schwacher Stimme, »'s ist aus mit uns Beiden; zurück, Spitz, zurück, komm, mein Hund!«

Das kleine kluge Thier winselte kläglich und zeigte noch immer die Zähne; aber es war ordentlich, als ob es verstand, was sein Herr zu ihm gesagt, denn es widersetzte sich nicht mehr den fremden Männern, die den Hülflosen jetzt so sorgsam wie nur irgend möglich auffaßten und aus dem Busch hinaustrugen.

Sobald sie erst einmal den offenen Weg erreichten, ging es etwas besser, und der Maulwurfsfänger klagte auch nicht. Nur als sie ihn etwas weiter am Teich vorbeitrugen, stöhnte er: »Wasser – will mir Keiner einen Tropfen Wasser geben?«

Einer der Männer sprang hinunter und holte Wasser in seinem Hut, von dem der Verwundete gierig trank; dann lag er wieder still, bis sie das kleine, ziemlich einsam gelegene Haus erreichten und ihm dort, mit Laubstreu und einer wollenen Decke drüber, ein Lager zurecht machen konnten. Einer blieb oben, um die Nacht bei ihm zu wachen, denn man durfte ihn nicht hülflos dort zurücklassen.

Bald darauf kam auch der Ober-Medicinalrath, der, nachdem er die Wunde untersucht hatte, den Kopf bedenklich schüttelte.

»Heut Abend scheint ja hier auf dem Schloß der Teufel los gewesen zu sein,« sagte er, »und Ihr habt genug Unglücksfälle für ein ganzes Jahr. Haltet Euch still, Freund, das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Ich werde bald still genug sein,« flüsterte der Alte.

»Nun, so arg ist's nicht,« beruhigte der Arzt; »ein Schuß in's Bein ist noch kein Schuß in den Leib, und ich denke, ich bringe Euch wieder auf die Füße. Wo seid Ihr zu Hause?«

»Fragt die Maulwürfe, die könnten's Euch eben so gut sagen; für jetzt wohne ich in Haßburg in der Färbergasse.«

»Ich will dafür sorgen, daß Ihr heut Abend noch bessere Pflege bekommt,« sagte der Ober-Medicinalrath, »denn nach der Stadt kann ich Euch mit dem Bein nicht transportiren lassen; wir müssen eine Entzündung vermeiden. Habt Ihr eine gute Natur?«

»Wie ein Pferd,« sagte der Alte.

»Gut, dann hoffe ich Euch durchzubringen; aber Ruhe und keine spirituösen Getränke, überhaupt keine Aufregung. Diese Nacht macht ihm kalte Umschläge; ich will sehen, vielleicht bekomme ich noch Eis in der Stadt und schicke Euch davon heraus. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Doctor!« sagte der Maulwurfsfänger, schloß die Augen und legte sich auf seinem Lager zurück. – –

Unten im Schloß war die Gräfin in dem Zimmer, in welchem der Graf lag, in fieberhafter Ungeduld auf und ab gegangen; aber der weiche Teppich ertödtete jeden Schall, so daß der Kranke, der wie schlafend lag, nichts davon hören konnte. Sie erwartete Nachricht von George, von Hubert, denn das Furchtbare war geschehen, ihre Tochter hatte sie vor den Augen der Welt compromittirt, aber das Furchtbarste konnte ihr doch nicht aufbehalten bleiben. Beide junge Leute waren den Flüchtigen nach, die kaum eine Viertelstunde, ja vielleicht nicht einmal zehn Minuten Vorsprung hatten, und Einer von ihnen mußte sie ja doch überholt haben.

Aber sie kamen nicht zurück; Minute nach Minute, Stunde nach Stunde verging, und vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines der Pferde.

Der Ober-Medicinalrath kehrte zurück und erkundigte sich nach seinem Patienten. Er schlief, oder lag wenigstens regungslos auf seinem Sopha, wie er ihn vorher verlassen hatte, schien auch nicht zu hören, was um ihn her vorging, beantwortete wenigstens keine der an ihn gerichteten Fragen.

Der Ober-Medicinalrath wollte sich auf sein Zimmer zurückziehen und rieth der Gräfin, ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem Kranken konnte ja eine Wache zurückbleiben und sie augenblicklich rufen, sobald er etwas verlange; ihr selber würde diese unnöthige und gewaltsame Aufregung nur schädlich sein. Die Gräfin verweigerte es; sie wollte wachen, sie war nicht müde.

Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln und verließ das Zimmer; er war müde.

Wieder verging eine halbe Stunde – da hörte sie Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes, die anhielten. Sie öffnete rasch das Fenster und horchte hinaus. Stimmen konnte sie hören, aber keine Worte unterscheiden. Sie klingelte, und es dauerte eine Weile, bis ein Diener kam.

»Wer ist da gekommen?«

»Graf Hubert.«

»Ich lasse ihn bitten, in das Empfangszimmer zu gehen.«

»Er ist schon wieder fort, Frau Gräfin,« sagte der Lakai.

»Schon wieder fort?«

»Ja, er fragte nur, ob Niemand zurückgekommen wäre, und dann, ob Graf George im Hause sei. Als wir das verneinten, sprang er aus dem Sattel, warf Einem der Stallleute den Zügel zu und schlug rasch den Weg nach der Stadt zu Fuß ein.«

»Und Graf George, mein Sohn, ist noch nicht zurückgekehrt?«

»Nein, Frau Gräfin.«

»Was waren das für Leute mit Fackeln, heut Abend?«

»Der Förster hat einen Wilderer erwischt und auf ihn geschossen, den alten Maulwurfsfänger, der immer in den Park kam, und dem Förster hat er das ganze Gesicht mit dem Messer zerschnitten.«

»Der Maulwurfsfänger?«

»Ja, Frau Gräfin. Der Förster hat ihn in's Bein geschossen; er liegt oben beim tauben Jonas im Hause.«

Die Gräfin hörte schon gar nicht mehr, was er sprach. »Sobald mein Sohn zurückkehrt, werde ich gerufen,« sagte sie, »ich muß ihn sprechen, ehe er zu Bett geht. Der Haushofmeister soll dann einen Augenblick zu meinem Mann kommen; ich muß mich umziehen. Wo ist mein Kammermädchen?«

»Draußen, glaub' ich, Frau Gräfin; sie war vorhin in der Küche.«

»Sie soll in mein Zimmer kommen.«

Die Befehle waren rasch erfüllt, und die Gräfin zog sich hastig in ihr Zimmer zurück, um ihren Ballstaat mit einem einfachen Hauskleid zu vertauschen. Der Schmuck drückte sie, den sie trug, und das schwere Seidenkleid, dessen Rauschen ihr wie Hohn und Spott in den Ohren klang.

Kaum war sie umgekleidet, als Graf George auf müde gerittenem Pferd zurückkehrte. Es war indessen nahe an zwölf Uhr geworden.

Der Diener kam und meldete der Gräfin die Rückkehr ihres Sohnes, und die Dame sagte rasch: »Er soll in den Speisesaal kommen, ich will ihn sprechen.«

Noch zögerte sie einen Augenblick; aber der Graf schlief, wie es schien, fest. Er hielt die Augen geschlossen und athmete leicht. Sie bog sich über ihn und horchte seinen Athemzügen; er regte sich nicht, und leise verließ sie das Gemach, um George zu sprechen.

Dieser hatte indessen sein Pferd abgegeben und der Mutter Botschaft erhalten. Er betrat gleich nach ihr den Saal, dessen Tafel noch mit allem Geschirr, wie es die Gäste verlassen, gedeckt stand – wo hätten die Diener Zeit gehabt, es fortzuräumen? Nur das Silber war beseitigt und verschlossen, mit Ausnahme der schweren silbernen Armleuchter, von denen noch zwei auf dem Tisch brannten. Weder die Gräfin noch der junge Graf hatten ja zu Nacht gespeist, und das Essen mußte doch für sie bereit gehalten werden, wenn sie danach fragen sollten.

»Wo warst Du, George?« rief ihm die Mutter entgegen, wie er nur die Schwelle betrat. »Hast Du sie gefunden?«

George schüttelte finster mit dem Kopf. »In die Nacht bin ich hinein geritten,« sagte er, »was mein Pferd laufen konnte; hätte ich zufällig den rechten Weg getroffen, so mußte ich sie erreichen, ehe sie den ersten Meilenstein hinter sich wußten. Aber im Dorfe gehen vier Wege ab – ich habe keine Spur von ihnen entdeckt.«

»Und jetzt?«

»Ich bin nur zurückgekommen, um zu hören, ob Hubert sie vielleicht gefunden. Weit kann sie ja doch nicht sein, allein mit ihrem Kammermädchen.«

»Hubert ist zurück – umsonst! Und glaubst Du, daß sie allein gereist ist?«

»Nun, mit Bertha; Beide sind sie ja gesehen worden, wie sie durch den Park eilten.«

»Und weißt Du, wer im Wagen auf sie gewartet hat?«

»Im Wagen?« wiederholte George erschreckt.

»Jener Schauspieler Handor,« sagte die Mutter mit furchtbarer Ruhe.

»Handor?« schrie George emporfahrend.

»Still,« sagte die Mutter, »wir brauchen unsere Schande nicht selber in die Welt zu schreien, es wird das ohnedies zeitig genug von anderen Leuten geschehen!«

»Aber es ist nicht möglich,« rief George aus, der sich indessen auf die Einzelheiten besann – »Handor spielte heut Abend in der nämlichen Zeit, in der Paula entfloh, in der Stadt den »Hamlet«, und das Theater ist keinesfalls vor zehn Uhr aus gewesen, ja, kaum dann, da ich mich erinnere, daß auch noch in den Zwischenacten etwas angezeigt war.«

»Ich habe den Brief, den mir Paula zurückgelassen, verbrannt,« sagte die Mutter kalt; »sie nennt darin mit einfachen Worten ihren Verführer. Möglich aber, daß sie allein von hier fortgefahren, wenn er wirklich gespielt hat, um sich dann nach der Vorstellung irgend ein Rendezvous zu geben und gemeinschaftlich ihre Reise fortzusetzen; aber in dem Wagen hat ein Herr gewartet.«

»Im Wagen?«

»Der Gärtnerbursche hat ihn selber gesprochen.«

George ging mit gekreuzten Armen im Saale auf und ab. Auf dem Tisch, neben den beiden zurückgelassenen Gedecken standen noch mehrere Flaschen Wein. Er nahm die eine und goß in ein Wasserglas ein; aber er sah nicht, was er ausgoß, so flimmerte es ihm vor den Augen, und die rothe Fluth schoß über das Tischtuch. Dann stürzte er den Inhalt des Glases hastig hinunter.

»Gute Nacht, Mutter!«

»Wo willst Du hin?«

»Noch einmal fort; ich habe mir nur den Schimmel satteln lassen und muß vor Tag wenigstens die Spur haben. Das darf nicht sein, das darf nicht sein, es ist zu furchtbar!«

»Und welchen Zweck hast Du dabei?«

»Welchen Zweck?« rief George erstaunt. »Dir Deine Tochter wieder zuzuführen – die Ehre unseres Hauses zu retten!«

»Ich habe keine Tochter mehr!« sagte die Gräfin mit eisiger Kälte. »Und die Ehre unseres Hauses? Glaubst Du, daß es morgen in der Stadt noch eine Dienstmagd giebt, die nicht am Brunnen die Ehre unseres Hauses bespräche?«

Ehe George etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich plötzlich die Thür, und der alte Graf, mit einem Antlitz, das auch jeder Blutstropfen verlassen hatte, und gläsernen, stieren Augen, betrat den Saal.

»Mein Vater!«

»Bitte, meine verehrten Herrschaften, behalten Sie Platz!« sagte der alte Herr mit markerschütternder Freundlichkeit; »meine Paula wird gleich erscheinen – nur ein leichtes Unwohlsein.«

»Großer, allmächtiger Gott,« stöhnte George und barg das Antlitz in den Händen, »das ist schrecklich!«

Der alte Graf ging zum Tisch, setzte sich dort auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand; während er aber so da saß, liefen ihm die großen, hellen Thränen an den Wangen nieder.

»Mein lieber, lieber Vater!« rief George, sprang zu ihm und umschlang ihn mit den Armen.«

»George,« rief der alte Mann und sah ihn an, »bist Du mir noch geblieben?«

»Mein guter Vater, darf ich Dich jetzt zu Bett geleiten?«

»Ja, geh zu Bett, George,« drängte auch die Frau, »die Ruhe wird Dir gut thun; es ist spät geworden.« Und sie half ihm dabei von der andern Seite, um ihn vom Stuhl aufzuheben. Der alte Graf richtete sich aber von selber empor.

»Ja, Kinder,« sagte er, »ich will zu Bett gehen, ich bin recht müde geworden. Deinen Arm, George; so, das geht schon. Gute Nacht, Ottilie, gute Nacht!« Und mit festen Schritten verließ er, von dem Sohn gestützt, den Saal.

23.
Nach dem Theater.

Gleich nach der Vorstellung des »Hamlet« ging Fürchtegott Pfeffer nicht unmittelbar nach Hause, denn er fühlte sich so merkwürdig aufgeregt, daß er die Entschuldigung für sich hinreichend hielt, erst noch in der »Hölle« einen Schoppen Wein zu trinken und etwas Warmes dazu zu essen. Daheim fand er doch nichts weiter, als eine Tasse Thee und ein Butterbrod, oder wenn er wollte, ein Glas Bier. An jedem andern Abend hätte er sich aber auch vollständig damit begnügt, und war es in der That gar nicht besser gewohnt; heute drängte es ihn aber außerdem, wenn er es sich auch nicht selber gestehen wollte, Menschen zu sehen und ein Urtheil über die Vorstellung zu hören. Er fühlte mit Einem Wort das Bedürfniß, sich etwas mittheilen zu lassen.

Gedrängt voll saß aber die Stube schon, als er sie betrat, und ein Durcheinanderwogen, Sprechen und Debattiren war dort, daß man sein eigenes Wort kaum hören konnte. Aber auch kein Wunder, denn die Vorstellung heut Abend hatte nicht allein schon genug Stoff geboten, sondern man wollte auch den Fackelzug erwarten, der vor dem »Paradies« vorbei mußte und den zu betrachten der Wirth der »Höllengesellschaft« eins von seinen Zimmern vornheraus eingeräumt hatte. Sobald der Zug ankam, sollten sie gerufen werden.

Jetzt dachte aber fast Niemand an etwas Anderes oder sprach von etwas Anderem, als dem Erfolg Rebe's, und es war eigentlich nur Eine Stimme: daß er die Bewohner von Haßburg auf das Äußerste überrascht und Niemand ihm ein solches Talent zugetraut habe. Allerdings gab es auch Andersgesinnte, und unter diesen Doctor Strohwisch, der in der unbestimmten Hoffnung herübergekommen war, Rebe hier zu finden und eine Flasche Champagner mit ihm zu trinken, und jetzt, da er ihn nicht fand, Manches an der »Auffassung« zu tadeln hatte. Er sollte den »tiefen Sinn« einzelner Stellen nicht erfaßt und gewürdigt, Anderes wieder zu »trivial« gesprochen haben, und wie die verschiedenen Recensentenphrasen alle heißen – aber er wurde überstimmt.

»Spielen Sie einmal den Hamlet,« rief der Maler Arnold dem Doctor entgegen, »so rein vom Blatt weg, ohne Vorbereitung, ohne eine Probe, ohne nur vorher in die Rolle hineinzusehen, und mit kaum Zeit genug, in die Lumpen hineinzufahren! Die Nase rümpfen kann ein Jeder, aber meinen Hals zum Pfande, daß unter hundert Schauspielern nicht zehn, ja, nicht drei sind, die ihm das nachmachen!«

»Nun ja, ich habe ja nichts dagegen,« sagte Strohwisch einlenkend, denn er war verschiedener Ursachen wegen noch nicht mit sich im Reinen, ob er entschieden für oder gegen Rebe auftreten solle; er mußte erst mit ihm »sprechen«. »Er hat in der That das Außerordentliche geleistet, und ohne ihn hätte die Vorstellung gar nicht stattfinden können.«

»Wo, zum Henker, kann aber Handor gesteckt haben?« rief einer der Officiere; »hat ihn denn Niemand gesehen?«

»Meine Herren,« sagte Trauvest, »meine Meinung ist die, daß ihn auch Niemand wieder sehen wird.«

»Nicht wiedersehen?« rief Alles durcheinander. »Woher wissen Sie das?«

»Das will ich Ihnen sagen,« meinte Trauvest ruhig, indem er einen Pfropfen aus einer Flasche Rüdesheimer zog und sie auf den Tisch stellte. »Heute gegen Abend war er hier, ziemlich aufgeregt, und ließ sich eine Flasche Champagner geben. Morgen ist der Erste, und er hatte versprochen, da zu zahlen; ich konnte sie ihm nicht gut verweigern. Da hinten an der Tischecke saß er, ganz allein, den Kopf in die Hand gestützt, und schüttete das edle Getränk nur so hinunter; dann stand er plötzlich auf, warf den Mantel um, sagte »Gute Nacht, Trauvest!« und weg war er. Ich hatte freilich noch immer kein Arges daraus, denn ich dachte, die Rolle ginge ihm im Kopf herum, weil mir Höfken erzählt hatte, daß er den Morgen auf der Probe kein Wort davon gewußt, bis ich heut Abend hörte, daß er gar nicht gekommen wäre und Herr Rebe den Hamlet spielen wolle. Da wurde mir nicht wohl bei der Sache, und ich machte mich in sein Logis hinüber – aber wo war Herr Handor? Sein Wirth schien selber schon Angst gekriegt zu haben, weil so viel Nachfrage nach ihm gewesen, und tüchtig auf der Kreide steht er da drüben ebenfalls, das können Sie sich wohl denken. Wir gingen deshalb zu ihm in die Stube hinauf, und da blieb denn wohl kein Zweifel, daß Herr Handor eine kleine Reise angetreten, wobei überdies noch das Mädchen bestätigte, daß er gegen Abend einen Koffer weggeschickt habe. Einige alte Kleidungsstücke, ein paar Stiefel und zwei oder drei Bücher lagen allerdings noch im Zimmer, das war Alles, die Commodenkasten standen leer und der Vogel war ausgeflogen.«

»Merkwürdig,« rief Barthel, »und morgen ist Gagetag!«

»Ja, als ob er die nicht schon weg hätte!« lachte Höfken. »Wenn aber nun der Rebe nicht eingetreten wäre, das hätte eine Heidenwirthschaft gegeben; und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel geschenkt.«

»Alle Wetter,« rief Strohwisch, »ist das begründet?«

»Ich habe selber dabei gestanden, wie sie Krüger herunter brachte; aber hol' mich Dieser und Jener, er hat sie auch verdient!«

»Habt Ihr's schon gehört?« rief in diesem Augenblick einer der gewöhnlichen Gäste, der Doctor Kleemann, welcher besonders viel populär-medicinische Aufsätze für Zeitungen schrieb und Stammgast in der »Hölle« war.

»Nun, was ist jetzt wieder?« rief Arnold. »Haben sie ihn erwischt?«

»Erwischt – wen?«

»Den Handor.«

»Was hat denn der ausgefressen?«

»Durchgegangen ist er.«

»Alle Wetter!«

»Aber was wollten Sie denn erzählen?«

»Oben bei Monfords sollte doch heute Verlobungsabend sein und große Gesellschaft war geladen.«

»Ja, welche Alle im ersten Range fehlten.«

»Sie hätten eben so gut in's Theater gehen können,« sagte Kleemann, »aus der Verlobung ist nichts geworden; das wird einen Skandal geben in der haute volée

»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Strohwisch ganz Ohr, denn solchen Stoff konnte er brauchen. »Alle Wetter, heut Abend jagen sich ja ordentlich die Neuigkeiten; ich kenne mein Haßburg gar nicht wieder!«

»Was vorgefallen ist?« rief Kleemann; »ein Hauptspaß. Ich war heut Abend beim Ober-Medicinalrath, als etwa vor einer halben Stunde ein Bote vom Monford'schen Schlosse ganz außer Athem heruntergestürzt kam, um den Ober-Medicinalrath, der dort Hausarzt ist, hinaufzurufen. Den alten Grafen hat der Schlag gerührt, denn wie sie sich eben zur Tafel setzen wollten, wo die Verlobung proclamirt werden sollte, geht die junge Comtesse heimlich durch.«

»Die Comtesse Monford,« rief Arnold ordentlich erschreckt, »das wunderhübsche, liebliche Mädchen – aber mit wem?«

»Gott weiß es; hinten im Park soll ein Wagen gehalten haben, und der angeführte Bräutigam war zu Pferde nach. Wahrscheinlich erwischt er sie auch wieder, denn Vorsprung hatten sie nicht viel – aber der Skandal, und in der Gesellschaft!«

»Donnerwetter,« sagte Höfken, seine Faust auf den Tisch legend und ganz verdutzt im Kreise herumsehend, »das wäre eigentlich ein merkwürdiges Zusammentreffen: die Comtesse fort und Handor ebenfalls ausgekniffen – dem traue ich Alles zu!«

»Glauben Sie wirklich?« rief Strohwisch rasch; »die Vermuthung liegt allerdings nahe.«

»Unmöglich ist's nicht,« sagte ein Anderer, »der Handor hatte in der letzten Zeit so viel und heimlich mit dem jungen Grafen zu verkehren.«

»Na, der soll wohl dabei geholfen haben?« rief Arnold verächtlich. »Daß der Welt doch eigentlich nie etwas erwünschter ist, als ein Skandal, wenn er nur nicht sie selber betrifft!«

»Sollten wir etwa bemänteln helfen, was in der haute volée vorgeht?« rief Strohwisch.

»Bemänteln? Davon ist keine Rede; aber nur nicht schmutziger machen, als es wirklich ist!« rief Arnold. »Und überhaupt, was geht uns irgend eine Familienangelegenheit an? Kehre Jeder vor seiner eigenen Thür, da hat er gerad' genug zu thun!«

»Sie paßten schön zu einem Zeitungs-Redacteur,« rief Strohwisch lachend.

»Allerdings für kein Blatt, das nur den Stadtklatsch ausbeutet!« sagte Arnold trocken, der den Menschen überhaupt nicht leiden konnte.

»Meine Herren, der Fackelzug!« rief in diesem Augenblicke Trauvest, dem ein Kellner die Meldung gemacht hatte, daß der Zug gerade die Straße heraufkam; »das Zimmer vorn ist offen.«

Alles sprang in die Höhe, um den Zug mit anzusehen, und das Gespräch war unterbrochen. Die Gäste strömten auch alle nach vorn, um den für Haßburg sehr seltenen Anblick eines solchen Schauspiels zu genießen, und Pfeffer, der heut Abend, seiner sonstigen Gewohnheit ganz entgegen, kein Wort in die Unterhaltung eingeworfen, nahm seinen Hut, zahlte seinen Schoppen Wein und schritt langsam in die vom Volk gefüllte Straße hinaus, nicht etwa, um den Fackelzug mit anzusehen, sondern gleich querüber in eine Seitenstraße einzubiegen und seine eigene Wohnung ungestört zu erreichen.

Er hatte auch ruhig die über Handor's Flucht ausgesprochene Vermuthung mit angehört, aber es interessirte ihn nicht, denn mit jenen Kreisen kam er nie in Berührung und kannte sie gar nicht. Andere Dinge gingen ihm aber im Kopf herum, und vorzüglich, ja, ausschließlich die Wendung, welche Rebe's Geschick unstreitig mit dem heutigen Abend genommen hatte, und das Einzige, was ihn dabei ärgerte, war, daß er ihm selber früher jedes Talent abgesprochen.

»Wer konnte das aber auch denken, wer konnte das auch denken?« murmelte er dabei immer vor sich hin; »so ein Duckmäuser, so ein verwünschter Duckmäuser! Und wie geheim er das Alles gehalten hat – und was wird die Jette dazu sagen? Nun ist's ganz vorbei, nun ist dem Faß der Boden ausgestoßen! Und Jeremias, der hat die ganze Geschichte mit angesehen, seine Glatze leuchtete ja ordentlich unten im Parket – merkwürdig, rein merkwürdig!«

Er hatte sein Haus erreicht, – denn diese abgelegenen Straßen schienen heut Abend von Menschen ganz gesäubert zu sein, so war Alles dem Fackelzuge zugeströmt – schloß auf und tastete sich die dunkle Treppe hinauf. Wie er über den Gang schritt, sah er durch das über der Thür angebrachte Fenster, das der Küche über Tag dürftiges Licht geben mußte, bei seiner Schwester drinnen noch die Lampe hell brennen.

Pfeffer schüttelte mit dem Kopf. Das Mädel saß jedenfalls noch da drinnen und arbeitete bis in die späte Nacht hinein, und der Jeremias hatte es ihr streng verboten. Wettermädel das, und ihre Augen sahen so schon roth genug vom vielen heimlichen Weinen aus! Aber er mochte die Schwester nicht mehr stören, die wahrscheinlich schon schlief, sonst wäre er gern noch einmal hinüber gegangen und hätte die Jette auch in's Bett geschickt, oder ihr noch vielleicht gesagt, was heut Abend vorgegangen; es brannte ihm ordentlich auf der Seele.

Das war aber heut Abend zu spät, morgen früh erfuhr sie's ja auch noch früh genug. Er ging leise an sein Zimmer hinüber, um nicht zu viel Geräusch zu machen, und er wollte aufschließen, denn der Schlüssel stak immer von außen. Es war aber schon aufgeschlossen, wer konnte da drinnen gewesen sein?

Kopfschüttelnd trat Pfeffer zu der Commode, auf der das Feuerzeug stand, und entzündete ein Schwefelhölzchen, ließ es aber vor Schreck wieder fallen, daß es verlöschte, als eine ruhige Stimme im Zimmer sagte: »Guten Abend, Pfeffer; bist Du aber lange geblieben!«

»Herr Du meine Güte,« rief Pfeffer, aber immer noch mit unterdrückter Stimme, indem er rasch ein neues Hölzchen entzündete, »wer, zum Henker, hat sich denn da – Jeremias,« setzte er jedoch in unbegrenztem Erstaunen hinzu, als er beim Schein des aufflammenden Phosphors das dicke, gutmüthige Gesicht seines Schwagers erkannte, »wo kommst Du denn noch her?«

»Ich konnt's nicht mehr aushalten,« flüsterte Jeremias, »ich mußte Dich heut Abend noch sprechen und sitze jetzt hier schon eine volle Glockenstunde auf einer Lichtscheere, wie ich eben entdeckt habe, die' auf dem verwünschten Stuhl gelegen hat. Junge, mir ist zu Muthe, als ob ich tanzen müßte!«

»Auch eine sehr passende Zeit und Gelegenheit dafür,« brummte Pfeffer, dem aber trotzdem nichts Lieberes hätte geschehen können, als daß er seinen Schwager noch getroffen. Dabei zündete er das Licht an und setzte es auf den Tisch. »Na, wie war's? Aber sprich leise, ich glaube, die Guste schläft schon.«

»Licht haben sie noch; wie's dunkel war, schien es durch das Schlüsselloch da drüben herein.«

»Das Blitzmädel arbeitet wieder bis nach Mitternacht; ich habe große Lust, hinüber zu gehen und ihr die Lampe vor der Nase auszublasen. Du warst im Theater?«

»Ja, Pfeffer.«

»Nun, wie – bst – ich glaube, die sprechen da drüben noch zusammen.«

»Jettchen,« hatte die Mutter, welche schon ein paar Stunden geschlafen, die Tochter angerufen, »bist Du denn noch auf, Kind? Es muß ja schon so spät sein.«

»Gar nicht, Mütterchen; aber morgen Abend ist ja der Ball, und ich muß doch denen die Arbeit fertig machen, denen ich sie versprochen habe; und der Brautkranz kam auch noch dazu.«

»Ist denn nicht noch Jemand drüben beim Fürchtegott?«

»Ich habe auch sprechen gehört. Vor einer Stunde etwa kam der Onkel nach Hause, ich hörte wenigstens Schritte, und es ging Jemand in das Zimmer nebenan, und dann hat sich nichts weiter gerührt. Jetzt kam wieder Jemand, und nun sprechen sie mit einander.«

An die Verbindungsthür pochte es.

»Seid Ihr noch munter?« fragte Pfeffer's Stimme.

»Ja, Onkel.«

»Können wir einmal hinüberkommen?«

»Wir – wer denn noch?«

»Der Jeremias.«

»Der Vater? War der es, der noch so spät kam? Es ist doch nichts vorgefallen, Onkel?«

»Können wir noch einmal hinüberkommen?«

»Es ist zu spät, Fürchtegott,« sagte Jeremias abwehrend.

»Nie zu spät, eine gute Nachricht zu hören,« brummte Pfeffer; »wie?«

»Ja gewiß, Onkel; ich habe noch Licht.«

»Das weiß ich, Du kleine Hexe, und auch noch die Finger voll Blätter und Staubfäden; na, warte!« Und sein Licht vom Tisch nehmend, winkte er Jeremias und sah, als er sein Zimmer verließ, nur eben noch, wie Jettchen in die Küche hineinhuschte.

Sie gingen hinüber. Das Bett der Kranken war jetzt im Wohnzimmer aufgeschlagen worden, und die Frau, welche recht leidend aussah, hatte sich aufgerichtet, um die beiden Männer begrüßen zu können.

»Nun, wie geht's heut Abend, Auguste? Wieder viel gehustet? Was machst Du?«

»Es geht etwas besser, seit ich die häßliche Medicin nicht mehr trinken muß.«

»War der neue Doctor da?« fragte Pfeffer rasch.

»Jeremias wollte es ja absolut; er behauptete immer, daß unser alter Arzt mich falsch behandle.«

»Und was sagt der neue? Natürlich Alles verkehrt bisher, wie gewöhnlich, und nun versucht er es einmal mit einer andern Quacksalberei; kommt mir damit, das bleibt immer dasselbe.«

»Er hat mir fast gar keine gegeben,« sagte die Frau leise; »er behauptet, ich wäre gar nicht krank, wenigstens könne er nichts entdecken, was eine ernstliche Cur verlange. Nur vor Gemüthsbewegungen solle ich mich hüten und nur besonders keine traurigen Gedanken machen, denn es sehe ihm beinahe so aus, als ob mich nur die Furcht vor einer Krankheit wirklich krank gemacht hätte.«

»Also mache Dir keine traurigen Gedanken!« lachte Pfeffer.

»Und kann ich denn anders?« sagte die Frau leise. »Sehe ich denn nicht das arme Kind, das Jettchen, den ganzen Tag vor mir, wie es immer ruhig, immer freundlich, mit keiner Klage auf dem Herzen auch mit jedem Tage elender wird und sich verzehrt, und nur Abends, wenn sie glaubt, daß ich schlafe, ihre Schmerzensthränen still und heimlich fließen läßt? Das arme Jettchen! Aber was führt Dich noch so spät hierher, Jeremias? Es ist doch nichts vorgefallen? Lieber Gott, ich habe jetzt immer eine solche Angst, als ob irgend etwas recht Schlimmes eintreten müsse!«

»Und wenn's nun etwas recht Gutes wäre, Auguste,« sagte Jeremias, der sich die ganze Zeit verlegen die Hände gerieben hatte – »etwas recht Gutes?«

»Recht Gutes?« rief die Frau aufmerksam werdend. »Ihr seht mir Beide so sonderbar aus, und diese späte Stunde!«

»Wo steckt denn das Jettchen?«

»Hier ist sie schon, Onkel,« rief das junge Mädchen, die Thür öffnend. »Guten Abend Vater! Ich hatte kurz vorher kochend Wasser gemacht, weil die Mutter so hustete; das war den Augenblick wieder zum Kochen gebracht, und da hab' ich Euch Beiden eine Tasse Thee aufgegossen. Onkel trinkt ihn ja doch gern, wenn er Abends nach Hause kommt, nicht wahr?«

»Aber doch nicht um Mitternacht, Schatz; doch nun setze Dich einmal dahin. Wie, Jeremias, nicht wahr? wir wollen den Beiden jetzt einmal eine Geschichte erzählen?«

»Was hast Du nur, Onkel?«

»Dahin setzen und ruhig zuhören; erst gieb mir aber einmal den Zucker her.«

Henriette gehorchte kopfschüttelnd, denn sie begriff gar nicht, was sie aus dem Allen machen sollte. Der Onkel war aber innerlich vergnügt, das hatte sie ihm auf den ersten Blick angesehen; was konnte nur vorgefallen sein?

»So,« sagte jetzt Pfeffer, als er sich hinter den Tisch gesetzt und behaglich seinen etwas späten Thee schlürfte, während ihn die beiden Frauen erwartungsvoll ansahen – »nun erzähl' einmal, Jeremias.«

»Nein, erzähl' Du's lieber,« meinte sein Schwager, »Du kannst's besser.«

»Hm, gut,« nickte Pfeffer, »dann will ich's erzählen; nun paßt einmal auf. Heut Abend war also Hamlet im Theater.«

»Ist das Alles?« lächelte das junge Mädchen, als der Onkel schwieg.

»Doch nicht ganz,« sagte Pfeffer, der in Gedanken nach seiner Cigarrentasche griff, sie aber wieder zurückschob und eine Prise nahm. »Wie wir anfangen wollten, stellte sich nämlich die kleine Schwierigkeit heraus, daß wir – keinen Hamlet hatten.«

»Keinen Hamlet?«

»Handor kam nicht; die Ouvertüre spielte, die Tänzerin mußte ihre Künste machen, und noch immer kein Hamlet.«

»Ja, aber was wurde denn da?«

»Es mußte ihn ein Anderer spielen,« sagte Pfeffer trocken.

»Ein Anderer?« fragte jetzt auch die Frau erstaunt. »Und wer konnte denn in der kurzen Zeit den Hamlet übernehmen?«

»Rebe!« platzte Jeremias heraus.

»Rebe?« riefen die beiden Frauen fast erschreckt wie aus Einem Munde.

»Jetzt verdirbt mir der meine ganze Geschichte!« rief Pfeffer. »Konntest Du denn nicht das Maul halten? Ich hätte sie noch eine ganze Stunde rathen lassen.«

»Aber wie, um Gottes willen, war das möglich?« stöhnte Henriette, während die Mutter ausrief:

»Und ging es gut?«

Jeremias wollte wieder etwas sagen; Pfeffer hatte ihn aber im Auge und fuhr dazwischen:

»Halt, erst komm' ich! Ob es ging? Keine Hand rührte sich im Anfang, Alles war todtenstill, und sie lachten nur, wie Meier mit einem dicken Backen als Güldenstern auftrat. Krüger ging auf dem Theater herum, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen, gerade etwa wie Einer, der zum ersten Mal auf einer Versenkung steht und nicht genau weiß, wann sie mit ihm abgeht. Wir hatten übrigens Alle Heidenangst, und ich erwartete jeden Moment, daß sie unten an zu pfeifen fingen. Aber ne – auch der zweite Akt ging vorüber, und im Parterre und Parket saßen sie wie die Mauern.«

»Und dann?«

»Dann haben sie gejubelt und applaudirt und herausgerufen, wie ich's in meinem Leben nicht für möglich gehalten!« rief jetzt Jeremias, der nicht mehr länger an sich halten konnte. »Nein getobt haben sie, wie die Indianer, und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel als Anerkennung geschickt!«

»Und woher weißt Du denn das schon?« rief Pfeffer.

»Auf der Straße erzählten sich's die Leute. Wie ein Lauffeuer ging's von Mund zu Mund.«

Die Frau hatte vor Freude die Hände gefaltet. Jettchen aber saß still und bleich auf ihrem Stuhl und rührte und regte sich nicht, aber um ihre Lippen zuckte es; sie wollte aufstehen, sie konnte nicht, und plötzlich dem neben ihr sitzenden Vater um den Hals fallend, lehnte sie ihren Kopf auf seine Schulter und schluchzte leise.

»Mein liebes, liebes Jettchen,« sagte Jeremias gerührt, »aber so weine doch nicht, Schatz! Das ist doch keine Ursache zum Weinen, nicht wahr, Fürchtegott? Das ist doch eher Ursache zum Fidelsein. Er hat seine Sache brav gemacht, recht brav, er ist ein ganz tüchtiger Schauspieler, sie Alle sagten da unten, der Handor hätte die Rolle in seinem ganzen Leben nicht so gespielt, und ich habe selber mit applaudirt, daß mir noch jetzt die Hände weh thun.«

»Und was war mit Handor?« fragte die Mutter, die sich immer noch nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte.

»Durchgebrannt ist er und wird wahrscheinlich nicht wiederkommen,« rief Pfeffer. »Jetzt aber geht schlafen, und Du auch, Jettchen; es ist spät und Ihr sollt mir nicht länger wach bleiben.«

»Ja, ich will auch nach Hause gehen,« sagte Jeremias.

»Fällt Dir gar nicht ein,« brummte Pfeffer. »Glaubst Du, daß ich nach all' der Aufregung jetzt schlafen kann?«

»Aber es ist zwölf Uhr vorbei.«

»Gerade deswegen, die Nacht ist doch einmal angebrochen, und Jettchen hat gewiß noch heißes Wasser.«

»Ja, Onkel.«

»Sehr schön; auf den dünnen Thee schläft sich's überhaupt erbärmlich; da setzen wir uns noch drüben in meine Stube, rauchen eine vernünftige Pfeife oder Cigarre – hast Du welche mit, Jeremias?«

»Gute, aber ich habe mich im Theater darauf gesetzt.«

»Auf was Du nicht Alles gesessen hast! Na, es wird schon gehen, trinken ein anständiges Glas Grog dazu und besprechen noch so Manches, was wir auf dem Herzen haben.«

»Ich mache Dir gleich wieder heißes Wasser, Onkel.«

»Setz' uns lieber das Wasser und den Spiritus hinüber, Schatz, und vergiß den Zucker nicht. Du, Dein Rum ist famos, Jeremias; ich bin mit der einen Flasche schon halb fertig – und morgen wollen wir dann das Weitere sehen.«

»Und nun machst Du Dir auch keine traurigen Gedanken mehr, nicht wahr Auguste; es wird ja jetzt Alles gut gehen,« sagte Jeremias herzlich.

»Jetzt nicht mehr, Kinder, jetzt nicht mehr,« sagte die Frau gerührt, »und jetzt wird Jettchen auch die rothen Ränder um die Augen verlieren und nicht mehr heimlich weinen.«

»Aber, beste Mutter!«

»Ruhe im Quartier!« rief Pfeffer; »ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach einem Glase Grog. Und nun gute Nacht! Du bist doch nicht böse, daß wir Dich heut Abend noch einmal gestört haben?«

»Ich bin recht glücklich, Fürchtegott!«

»Na, also denn Abgang mit allseitiger Zufriedenheit!« rief Pfeffer, griff Jeremias unter den Arm und schleppte ihn mit in sein Zimmer hinüber, wo die beiden Männer noch wenigstens zwei Stunden zusammen saßen, mit einander rauchten und tranken und zuletzt so vergnügt wurden, daß Pfeffer wieder vor verhaltenem Lachen seinen bösen Husten bekam und hinten in den Alcoven ging und den Kopf in's Bett steckte, damit die Frauen nebenan nicht davon gestört würden.