Lange hatten keine zwei, solcher Art zusammentreffende Ereignisse die Gemüther einer Stadt so gleichzeitig und in allen Schichten der Gesellschaft in Aufregung gesetzt, als die in den vorigen Capiteln beschriebenen.
Da war fast kein Haus in Haßburg, bis zu der niedrigsten Hütte hinab, das sich nicht für den einen oder den andern Theil der Tragödie interessirte, denn Graf Monford war nicht besser und genauer in den höheren, als Handor in den mittleren Kreisen bekannt; und selbst die Handarbeiter und Tagelöhner nahmen Partei in der Sache, denn sie alle kannten den sogenannten »alten Fritz«, den Maulwurfsfänger, der jetzt nicht auf einem einfachen Wildfrevel erwischt sein durfte, sondern jedenfalls bei der Flucht der jungen Gräfin mit geholfen haben mußte.
Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten Entstellungen dabei zum Vorschein kamen, denn nichts ist so toll und unwahrscheinlich, das nicht doch bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Gläubigen und Weiterträgern fände. Leider liegt es dabei nun einmal im Menschen – oder, wenn das zu allgemein ist, doch in dem größten Theil der civilisirten Welt –, daß sie am liebsten Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen hören und es mit viel größerer Vorliebe nacherzählen, als das Gegentheil. Selbst gute Menschen, die nie mit Absicht einem Andern ein Unrecht oder einen Schaden zufügen würden, verweilen mit weit gespannterem Interesse bei irgend einer Schreckenskunde, einem verübten Verbrechen oder einem Unfall, wie bei irgend einem freudigen Ereigniß, und betrifft die Sache nun gar bekannte, oder, noch mehr, befreundete Familien, so können es die verschiedenen Persönlichkeiten kaum erwarten, bis sie im Stande waren, der Sache die weiteste Verbreitung zu geben.
So verworren und unbestimmt alle solche »ersten Gerüchte« aber überhaupt sind, etwas Wahres ist doch gewöhnlich daran, und die Gesellschaft hat besonders eine kaum zu überschätzende Gabe im Combiniren, was ihr in diesem Fall aber noch außerdem sehr erleichtert wurde.
Wie der Gedanke schon an jenem Abend in der »Hölle« aufgetaucht und ausgesprochen worden, daß die Flucht des ersten Liebhabers am Theater mit dem Verschwinden der jungen Gräfin auf das Genaueste in Verbindung stehen könne, so verbreitete sich diese Erzählung des Geschehenen als unwiderlegbare Thatsache am nächsten Morgen durch die ganze Stadt, und die Gräfin Monford hätte jenes Abschiedsbillet ihrer Tochter nicht so sorgfältig zu verbrennen gebraucht; der Inhalt desselben konnte nicht genauer überall bekannt sein, und wenn es Feodor Strohwisch selber gelesen hätte.
Es gab des Neuen aber in der That auf einmal zu viel, um es gleich ordentlich zu sichten und zu verwerthen, und wahrlich, der Stoff, wenn nur ordentlich eingetheilt, würde für den ganzen Sommer und bis spät in den Herbst hinein gelangt haben, um die Gemüther in einer angenehmen Aufregung zu erhalten. So puffte Alles mit Einem Mal in die Höhe; es war ordentlich schade.
Und dabei sollten die Damen auch noch ihren Putz für den heut Abend stattfindenden Ball herrichten, wo jede darauf brannte, Besuche zu machen oder zu empfangen. Es war das schwierigste Stück Arbeit, das sie in ihrem ganzen Leben geleistet, und nur die Aussicht, auch dafür heut Abend wenigstens ihre Meinungen auszutauschen und noch eine Masse interessanter Einzelheiten zu erfahren, konnte sie einigermaßen dafür entschädigen.
Unberührt von dem Allen saß indessen der Held des vorigen Theaterabends, Horatius Rebe, in seinem kleinen, ärmlichen Dachstübchen und träumte den verlebten seligsten Tag seines Lebens noch einmal durch.
Er wußte von Allem nichts, weder von Handor's wirklichem Durchgehen, noch von den Ereignissen, die sich in dem ihm überdies vollkommen fremden gräflich Monford'schen Hause zugetragen, und das doch eigentlich die directe Ursache seines gestrigen Triumphes gewesen.
Das Herz zum Zerspringen voll von Glück und Seligkeit, gab er sich ganz dem einen erhebenden Gefühl hin, endlich seinen Beruf gefunden zu haben, daß seine Zuversicht, sein Vertrauen zu sich selbst ihn nicht getäuscht und daß er im Stande gewesen, nicht allein dem Publikum, nein, auch sich selber zu beweisen, er verdiene den Namen eines Künstlers und sei besser als das, wozu man ihn bis jetzt gemacht und gebraucht: ein Ausfüllsel für werthvollere Stoffe.
Wie hatte ihn bis jetzt Alles unterdrückt und unter die Füße getreten, vom Director nieder bis zum Souffleur, der ihm ja hier in seinem eigenen Zimmer gesagt, daß er lieber Schuster oder Schneider werden, aber jedenfalls die Bühne verlassen solle, weil er kein Talent dafür habe! War ihm denn auch nur von Einer Seite Aufmunterung und Trost geworden – nur von Einer Seite? Aber ja, Henriette; sie allein hatte ihn immer getröstet, wenn er schon verzweifeln wollte, sie allein war lieb und freundlich mit ihm gewesen und hatte den armen Ausgestoßenen nie fühlen lassen, wie verloren und verlassen er in der Welt stehe. Und würde er sie wiedersehen? Gott allein wußte es; denn er ging heute Morgen einen ernsten Gang, und jeden Augenblick erwartete er den Freund, einen alten Commilitonen, der hier bei einem Arzt als Famulus eingetreten war, zurück, um zu erfahren, welche Zeit er mit Herrn Handor für ihr bestimmtes Rencontre ausgemacht und besprochen habe.
Und wenn er fiel? – dann mit Gott, er fiel doch ehrenvoll! Er hatte bewiesen und beweisen können, daß er den Kampf nicht muthwillig und in Überschätzung seiner eigenen Kräfte gesucht, sondern daß er dazu durch ungerechtfertigte Mißhandlung und Heruntersetzung gezwungen worden.
In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe er noch »Herein« rufen konnte, öffnete sich diese und der Erwartete trat ein.
»Nun, Frank, wie steht's?« rief ihm Rebe entgegen. »Wann ist die Zeit? Je eher, desto besser!«
»Höre, Rebe,« sagte der junge Mann, »wenn Du absolut schlagen willst, so mußt Du Dir schon einen Andern suchen, denn Handor ist fort!«
»Fort?«
»Ich hörte schon gestern Abend darüber munkeln, mochte Dir aber nichts davon sagen, bis ich mich selber überzeugt hätte; aber es hat seine Richtigkeit. Ausgekniffen nach allen Regeln der Kunst; aber wohl kaum des Duells wegen, sondern mit einer jungen Dame aus einer der ersten Familien der Stadt, der Comtesse Monford, und mit Hinterlassung eines negativen Vermögens von circa zwanzigtausend Gulden.«
»Und gestern Abend schon?«
»Vor Dunkelwerden ist er noch gesehen worden; jetzt sucht ihn alle Welt, und wird er wirklich eingebracht, möchte er wohl kaum im Stande sein, Dir Genugthuung zu geben. Sei übrigens froh, denn Du bist auf diese Art die unangenehme Geschichte am besten los geworden.«
»Ich begreife noch immer nicht...«
»Du wirst das Nähere schon über Tag hören, denn die ganze Stadt ist voll davon; ich selber habe aber keine Zeit, denn ich muß zu Monfords hinaus, wo gestern ein Mensch, der sich seit einigen Jahren hier im Lande herumtreibt, beim Wildern vom Förster erwischt worden ist und einen bösen Schuß in den Schenkel bekommen haben soll. Also auf Wiedersehen! Sobald ich kann, komme ich zu Dir; die Sache ist aber abgemacht und Du brauchst Dir deshalb nicht weitere Sorgen zu machen.« – Und seinen Hut aufsetzend, den er noch nicht einmal abgelegt, schoß er aus dem Zimmer.
Rebe ging eine Weile mit gekreuzten Armen in seinem kleinen Kämmerchen auf und ab. Was war nicht Alles vorgefallen in den kurzen Tagen, wie drängte sich Ereigniß auf Ereigniß, und wie würde sich selber jetzt sein Schicksal gestalten? – Handor fort auf Nimmerwiederkehren, denn nach dem Geschehenen wäre ja doch seine Stellung am hiesigen Theater unhaltbar gewesen. Sein eigener Contract war dabei mit dem heutigen Tage abgelaufen, und er sollte jetzt die Stadt verlassen, in der er Alles zurücklassen mußte, an dem sein Herz, seine Seele hing. Und war es doch vielleicht möglich, daß er noch blieb? Waren die freundlichen Worte, die ihm der Director gestern Abend nach der Vorstellung gesagt, nicht blos eine leere Höflichkeitsform gewesen, die er heute vergessen hatte oder vielleicht gar bereute?
Wieder klopfte es laut und herzhaft an, und auf Rebe's »Herein« öffnete sich die Thür und Feodor Strohwisch stand in Lebensgröße auf der Schwelle.
Rebe war in der That erstaunt, denn der gefürchtete Recensent Haßburgs hatte ihn bis jetzt, wie er für ihn in der Kritik nie anders als höchstens in einer höhnischen Bemerkung existirte, kaum eines Blickes gewürdigt, wenn er ihm auf der Straße begegnete, ja, selbst die Form des gewöhnlichen Anstandes so weit außer Acht gelassen, ihm nicht einmal auf einen Gruß zu danken, so daß ihn Rebe von da an ebenfalls ignorirte. Und der besuchte ihn jetzt?
Rede war so erstaunt, daß er nicht einmal gleich wußte, wie er ihn empfangen solle. Feodor Strohwisch überhob ihn aber aller derartigen Bedenklichkeiten, denn mit der liebenswürdigsten Cordialität streckte er ihm, während er den Spazierstock unter dem Arm und den Hut auf dem Kopf behielt, beide Hände entgegen und rief herzlich und entzückt:
»Lieber, bester Rebe, gestatten Sie mir, daß ich der Erste sei, der Ihnen zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glück wünscht; Sie können gar nicht glauben, wie ich mich darüber gefreut habe!«
»Herr Doctor,« sagte Rebe, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte, »das ist in der That eine Überraschung, Sie bei mir zu sehen.«
»Und das wundert Sie?« sagte Strohwisch vollkommen unbefangen; »ich muß Ihnen nur gestehen, daß ich Ihr keimendes Talent schon lange im Stillen beobachtet und erkannt habe, wenn ich auch natürlich nicht ahnen konnte, daß es einmal plötzlich in einer solchen Flamme emporlohen würde. Vortreffliches Bild, nicht wahr? Mit Krüger ist aber nichts anzufangen, der reitet so lange auf seinen Steckenpferden herum, bis er sie alle zu Schande geritten hat; denn wäre der meinem Rathe gefolgt, so würde er Sie schon lange anständig beschäftigt haben – aber Gott bewahre!«
»In der That, Herr Doctor?«
»Das können Sie mir glauben,« sagte Strohwisch, seinen Hut auf den Tisch stellend und sich selber auf einen Stuhl werfend. Dabei sah er sich augenscheinlich im Zimmer nach etwas um.
»Ich bin Ihnen dann in der That sehr zu Dank verpflichtet,« sagte Rebe trocken, »und muß nur bewundern, wie geheimnißvoll Sie das Alles betrieben haben.«
»Bescheidenheit, lieber Freund, vielleicht thörichte Bescheidenheit. Aber à propos, haben Sie nirgendwo eine Cigarre? Meine Cigarrentasche muß in einem andern Rock stecken.«
»Ich bedaure sehr, ich rauche gar nicht.«
»Sie rauchen nicht? Das ist merkwürdig, das müssen Sie sich noch angewöhnen – ein Künstler und nicht rauchen! Sie sind ein ganz außerordentlicher Mensch, Rebe, ein ganz außerordentlicher Mensch!«
Dabei griff er in die Tasche, nahm die in dem andern Rock vermuthete Cigarrentasche, und aus dieser eine Cigarre, biß sie ab und entzündete sie dann mit dem auf dem Tisch neben dem Licht stehenden Streichfeuerzeug.
»Und haben Sie auch schon davon gehört,« fragte Rebe endlich, da sein Besuch keine Anstalt machte, das Gespräch wieder aufzunehmen, sondern nur an seiner etwas schwergehenden Cigarre zog, »daß Herr Handor wirklich durchgegangen sein soll?«
»Futsch,« erwiderte Strohwisch, indem er den Rauch in einer Wolke von sich blies, »vollkommen futsch! Ich habe es schon lange erwartet; er konnte sich auch hier nicht länger halten, oder wurde vielmehr nur noch künstlich von mir über Wasser getragen. Es war vorbei, er hatte sich ausgespielt; immer wieder dieselbe Geschichte, eine Rolle wie die andere, ob er den Marquis Posa oder den Wetter vom Strahl, den Mar Piccolomini oder den Faust spielte. Das Publikum ermüdete zuletzt und sehnte sich nach einer frischen, natürlichen Kraft, und daher auch der rasende Erfolg, den Sie gestern Abend errangen.«
»Aber Herr Handor war hier sehr beliebt.«
»Bah, gemacht; jeden Abend zwanzig Freibillets im Theater, und die, richtig vertheilt, können 'was ausrichten. Sie glauben gar nicht, Rebe, was ein einziges Paar Hände im rechten Moment bedeutet, und ich denke, ich habe Ihnen gestern eine Probe davon gegeben, als ich im dritten Act, wie ich das Publikum genugsam vorbereitet glaubte, mit einem Avec einsetzte.«
»Sie, Herr Doctor?«
»Nun, versteht sich; daß das ein alter Prakticus war, konnten Sie doch gleich am Zuschlagen hören. Das erste Rennen haben Sie dadurch gewonnen, und jetzt kommt Alles darauf an, wie die Sache gehandhabt wird, um Ihnen ohne allen Zweifel einen bleibenden Erfolg hier zu sichern.«
»Das würde wohl nutzlos sein,« meinte Rebe, »sich darüber den Kopf weiter zu zerbrechen, denn mein Contract ist mit dem gestrigen Tage abgelaufen. Es war der letzte Abend, der mir Gelegenheit bot, dem Publikum doch wenigstens zu zeigen, daß ich nicht ganz so mittelmäßig sei, als ich bis daher hingestellt worden.«
»Schwatzen Sie kein Zeug,« sagte Strohwisch mit einer Protectormiene, »Sie jetzt Haßburg verlassen? Denken gar nicht daran – der Director wird doch kein Esel sein und darein willigen!«
»Es wird doch wohl so werden.«
»Und wo will er denn einen Andern herkriegen? Glauben Sie, die ersten Liebhaber laufen auf der Landstraße herum, daß man nur einen Gensdarmen hinzuschicken braucht, um sich einen einzufangen? Hahahaha, denken Sie sich das Bild! Nein, wenn das Publikum mit Ihnen hier zufrieden ist, so hat Krüger gar keine Wahl, und wer das Publikum eigentlich hier in Haßburg ist, Rebe, ich dächte, das wüßten Sie doch – das bin ich.«
»Sie, Herr Doctor?«
»Fragen Sie nicht so kindlich. Wer schreibt denn die Recensionen über das hiesige Theater, und in wessen Händen liegt es denn, zu bestimmen, ob ein Künstler hier reüssiren soll oder nicht? Sobald ich meine Hand von ihm abziehe, ist er verloren, so lange ich ihn halte, jubelt ihm das Publikum entgegen – Publikum, wenn ich nur den Namen gar nicht mehr hören müßte! Es ist eine zusammengelaufene, urtheilslose Masse, die nur in höchst seltenen Fällen, selbst im Theater drin, eine eigene Meinung kundzugeben wagt, bis sie erst einmal gehört und gelesen hat, wie die Sache besprochen ist.«
»Aber gestern Abend war doch das Gegentheil der Fall.«
»Weil ich zu applaudiren an fing!« rief Strohwisch leidenschaftlich. »Tausendmal haben Sie ja den Beweis mit einem neuen Stück; sitzen sie nicht drin wie die Stöcke und rühren keine Hand, bis sie erst am nächsten Morgen gelesen haben, wie das Stück gefallen hat. Und applaudiren sie wirklich einmal und rufen heraus, und ich beweise ihnen am nächsten Morgen, daß sie sich blamirt haben, sehen Sie einmal zu, ob nachher bei der zweiten Ausführung noch zehn Menschen im Theater sind!«
»Sie mögen in mancher Hinsicht nicht Unrecht haben.«
»In mancher Hinsicht? Lieber Freund, ich habe in jeder Hinsicht Recht. Wer applaudirt denn im Theater? Beantworten Sie mir einmal die Eine Frage. Der erste Rang? Fällt ihm gar nicht ein, das schickt sich nicht für das vornehme Pack und strapazirt die Glacéhandschuhe auch zu sehr, denn man kann sich nicht alle acht Tage ein Paar neue kaufen. Das Parterre ist's, das den Ton angiebt, und der dritte Rang bildet das Echo und macht den Spectakel, und fängt jedesmal deshalb an heraus zu schreien, weil sie den Vorhang noch einmal wollen aufgehen sehen und dadurch etwas mehr für ihr Geld bekommen. Wer sitzt aber im Parterre? Der ehrliche Bürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Bierbrauer, Metzger, Posamentirer, lauter Leute, die sich blos für eine Kleinigkeit amüsieren wollen und von denen Sie nicht verlangen können, daß sie auch gleich ein fertiges Urtheil mit hineinbringen. Diese Leute repräsentiren das Publikum, und der erste Rang, so sehr er auch die Nase darüber rümpfen würde, wenn man ihm vorhalten wollte, daß er sich gerade von diesen in seinem eigenen Urtheil bestimmen lasse, besteht doch aus nichts als aufgeputzten Gliederpuppen, die Entrée bezahlen, das Theater füllen und höchstens untereinander raisonniren.«
»Dann muß ich schon meine Chance nehmen, wie sie eben fällt,« sagte Rebe achselzuckend, denn Doctor Strohwisch fing an ihm unangenehm zu werden. »Wir wollen's abwarten. Sie haben mich gestern so freundlich aufgenommen, daß ich wohl hoffen darf, sie werden mir auch ein freundliches Andenken bewahren.«
»Andenken? Phantasie!« sagte Strohwisch. »Bilden Sie sich nur nicht ein, daß Krüger Sie fortläßt, er darf es gar nicht, oder er hätte mich auf dem Halse, und das riskirt er nicht. Nein, betrachten Sie Ihr Wieder-Engagement als vollkommen gesichert; und dann, lieber Rebe, haben Sie keine Sorge, ich mache die Geschichte, ich weiß Bescheid, und Sie sollen einmal sehen, in acht Tagen kräht kein Hahn mehr nach Handor und Sie spielen eine von seinen Rollen nach der andern ruhig weg.«
»Sie malen mir die Zukunft sehr verführerisch, Herr Doctor,« lächelte Rebe, »aber die Hauptsache würde ich doch wohl machen müssen, wenn es wirklich dazu käme. Wenn die Kritik dabei ein wenig nachsichtig mit mir verfahren wollte, so würde ich das dankbar anerkennen, denn ich kann wohl sagen, ich bin durch mein langes Zurückhalten in kaum mehr als Statistenrollen auch kaum mehr als ein Anfänger jetzt und muß wieder von Neuem beginnen.«
»Und was zahlen Sie für die Spalte Honorar?« sagte der Doctor, der mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit, die nichts zu wünschen übrig ließ, auf den Hauptpunkt übersprang.
»Zahlen für die Spalte?« sagte Rede wirklich überrascht, denn nach seinen Ansichten von Ehrgefühl war es doch nicht denkbar, daß der »Doctor« damit sagen wollte, er wünsche seine Recensionen von ihm bezahlt zu haben. »Ich verstehe Sie nicht.«
»Sie sind wirklich kindlich,« lächelte Doctor Strohwisch; »Sie wissen doch, daß ich meine Recensionen stets honorirt bekomme.«
»Aber doch nicht von dem Schauspieler!« rief Rebe ordentlich erschreckt.
»Nein, nicht von allen,« sagte der Doctor, »aber die haben sich die Folgen dann auch selber zuzuschreiben.«
Rebe war ein seelensguter Mensch und hätte sich lieber das Äußerste versagt, ehe er im Stande gewesen wäre, irgend Jemanden wissentlich zu beleidigen. Bei dieser Unverschämtheit, von der er bis jetzt wirklich noch keinen Begriff gehabt, kochte ihm aber doch das Blut, und er mußte sich Mühe geben, an sich zu halten.
Strohwisch dabei, mit keiner Ahnung, was in dem jungen Künstler vorging, und in der Meinung, er überlege jetzt mit sich im Stillen, was er ihm etwa bieten könne, sah ihn freundlich lächelnd an und blies ihm dazu den Rauch seiner Cigarre in's Gesicht.
»Nun?« fragte er endlich.
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Doctor,« erwiderte ihm Rebe mit mühsam errungener Fassung. »Erstlich ist die Sache mit einem Wieder-Engagement hier noch im weiten Felde, ich glaube noch nicht einmal daran; wenn das aber auch wirklich eintreten sollte, so bin ich fest entschlossen, was ich erreiche, auch nur mir selber zu verdanken und nie im Leben eine gute Kritik zu bezahlen, wenn ich sie mir nicht ehrlich verdient habe. Ich werde mir die größte Mühe geben, ich werde fleißig lernen, und daß ich der Sache Lust und Liebe entgegenbringe, deß ist Gott mein Zeuge. Mehr kann aber auch kein Mensch von mir verlangen, und genüge ich damit dem Publikum nicht, gut, dann setze ich meinen Stab weiter und will versuchen, mich zu vervollkomnmen, bis ich den Rang erreicht habe, nach dem ich strebe. Genüge ich ihm aber und finden Sie selber, daß ich meinen Platz ausfülle, dann muß ich es Ihnen auch selber überlassen, was Sie darüber schreiben wollen.«
»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Strohwisch trocken, »mit diesen Grundsätzen brauche ich kein Prophet zu sein, um Ihnen zu sagen, daß Sie schon in den nächsten acht Tagen ausgepfiffen werden.«
»Herr Doctor!«
»Auf mein Wort, gar keine Frage,« lächelte Strohwisch; »ein Recensent ist nun einmal nicht im Stande neutral zu bleiben. Entweder interessire ich mich für oder gegen Sie, und jetzt haben Sie noch die Wahl. Seien Sie vernünftig,« setzte er dann mit gutmüthigem Kopfschütteln hinzu; »sehen Sie, ein Mensch kann ja doch nun einmal nicht mit seinem Schädel durch eine Mauer rennen, und wie die Welt ist, ändern Sie sie ja doch nicht. Wir wollen die Sache aber einfacher machen, Sie kennen doch das Institut der Lebensversicherungen, nicht wahr? Nun gut; sehen Sie, wie Sie dort Ihr Leben oder in einer andern Anstalt Ihre Möbel, Wäsche und Kleider gegen eine Feuersbrunst versichern können, so versichern Sie bei mir Ihre Carriere als Künstler, und ich will nicht hart mit Ihnen sein: fünf Procent von Ihrer Gage – beim Himmel, Sie dürfen sich nicht über mich beklagen, und die ganze Geschichte kostet Sie im höchsten Fall lumpige hundert Thaler das ganze Jahr.«
»Und wenn ich es für hundert Groschen, ja, für hundert Pfennige haben könnte,« rief Rebe jetzt, von seinem Stuhl emporspringend und wirklich ganz außer sich, »so würde ich mich vor mir selber schämen, einen solchen – Patron zu bestechen, wie Sie sich mir eben gezeigt haben!«
»Bitte,« sagte Strohwisch, sich mit spöttischer Höflichkeit von seinem Stuhl erhebend, aber doch nicht gewillt weiter zu gehen, denn Rebe war von sehniger Statur und muskulös gebaut. »Ich sehe, Sie sind kein Geschäftsmann, Herr Rebe, und bedauere wirklich herzlich, Ihre werthvolle Zeit heute Morgen so lange in Anspruch genommen zu haben. Ob Sie recht daran gethan, mein freundliches Entgegenkommen in solcher Art zurückzuweisen, mag die Zeit lehren. Für jetzt habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen!« Und seinen Hut aufgreifend, verließ er mit einer sehr förmlichen Verbeugung das Zimmer.
Rebe fühlte sich eine Last von der Seele genommen, als der Mensch ging; denn so lange er sich in seiner Nähe befand, war es ihm ordentlich, als ob irgend ein böser Geist Macht über ihn gewinnen und ihn von seinem ehrlichen Pfade ablenken wollte. Aber kehrte er noch einmal zurück? Draußen knarrte wieder die Treppe. Aber nein, das waren zwei Personen; er hörte Stimmen. Es wurde wieder geklopft.
»Herein!«
»Bitte, nach Ihnen, ich bin hier zu Hause!« hörte er Jemanden sagen. Das war Peters. Die Thür öffnete sich weit und der Theaterdiener nöthigte auch wirklich – Rebe's Herz schlug hoch – Henriettens Vater zuerst hinein.
Jeremias hielt sich aber nicht lange bei der Vorrede auf. Er ging auf Rebe zu, reichte ihm herzlich die Hand und rief: »Mein lieber Rebe, ich komme hierher, um Ihnen Abbitte zu thun.«
»Mir, Herr Stelzhammer?«
»Ich habe Sie im Verdacht gehabt, daß Sie kein Schauspieler wären und die Geschichte nur so aus Plaisir mitmachten; ich bin jetzt aber anderer Meinung darüber. Bleiben Sie dabei, Sie gehören nirgends anders hin, und – ich hoffe, es soll noch Alles gut werden.«
»Mein bester Herr...«
»Nicht wahr, er hat seine Sache gut gemacht!« rief Peters, der selber mit stolz auf den gestrigen Erfolg war, den der Director allerdings auch seinen Beinen zu verdanken hatte. – »Ja, ganz brav hat er's gemacht, und hier, Herr Rebe, auch ein Brief vom Director. Sollen um zwölf Uhr einmal zu ihm in's Bureau kommen, verstehen schon – gratulire im Voraus.«
»Und haben Sie bis dahin noch etwas vor?«
»Nicht das Geringste, Herr Stelzhammer.«
»Schön; hätten Sie etwas dagegen, mich einmal zu begleiten?«
»Wohin, Herr Stelzhammer?«
»Nu, natürlich in den Italienischen Keller,« sagte Peters mit einem verschmitzten Lächeln; »wohin kann man einen Menschen um diese Tageszeit wohl führen? Aber, Donnerwetter, was wollte denn der Doctor Strohwisch schon bei Ihnen – pumpen? Natürlich! Halten Sie sich den zum guten Freunde, wenn ich Ihnen rathen soll; er hat ein bitterböses Maul.«
»War das der Herr, dem wir auf der Treppe begegneten?«
»Ja wohl, mit den kurzen Haaren und dem mopsigen Gesichte; aber er hat's hinter den Ohren. Na, ich muß jetzt fort; vergessen Sie nicht, um zwölf Uhr. Guten Morgen, meine Herren!« Und wie ein Pfeil schoß er wieder aus der Thür hinaus.
»Und wohin soll ich Sie begleiten?«
»Das war der Theaterdiener, nicht wahr?«
»Ja, Peters.«
»Wohin Sie mich begleiten sollen? Wohin Sie wahrscheinlich recht gern mitgehen,« lächelte der kleine Mann. »Sie wissen, was mein Schwager Pfeffer von Ihrer Bewerbung um Jettchen hielt – bitte, lassen Sie mich ausreden. Pfeffer kennt das Theater durch und durch, und mit keiner Aussicht, daß Sie sich je eine unabhängige Stellung dabei erringen könnten, hielt er es für seine Pflicht, ein Verhältniß abzubrechen, das, wie er fürchtete, für Jettchen nur vergebliche Hoffnungen hatte und aus dem doch nie etwas Ernstes werden konnte. Gestern Abend nun, oder vielmehr noch diese Nacht, habe ich mit ihm die Sache überlegt, und wir sind Beide zu dem Schluß gekommen, daß Sie...« Hier stak er fest, denn er wußte jetzt nicht recht, wie er dem ihm mit hochgerötheten Wangen gegenüber sitzenden jungen Mann die Sache weiter auseinander setzen sollte.
»Und erlauben Sie mir, daß ich Henriette wiedersehen darf?« sagte endlich Rebe mit leiser Stimme.
»Hurrjeh, deshalb bin ich ja hergekommen,« rief Jeremias, der sich dadurch mit Einem Mal aller Verlegenheit enthoben sah. »Jetzt, auf den Ruck wollen wir hingehen! Ich sage Ihnen, daheim ist es ein wahrer Jammer die Zeit über gewesen, so hat sich das arme Ding, das Jettchen, heimlich gesorgt und abgequält, und die Mutter ist dabei immer elender und miserabeler geworden. Heute blüht Jettchen wie eine junge Rose und singt im Hause herum, daß es eine Lust ist.«
»Mein lieber Herr Stelzhammer!«
»Machen Sie nur rasch, mir brennt's ordentlich unter den Sohlen,« rief Jeremias; »weiß Gott, es war kein Spaß, das Leiden den ganzen Tag mit anzusehen und nichts dabei thun zu können! Der Hamlet hat die ganze Geschichte wieder auf die Strümpfe gebracht, und wenn Sie jetzt in Gang bleiben, ist mir auch nicht bange.«
Es mochte etwa elf Uhr Morgens sein, als der junge Graf Hubert, sein braves Pferd in Schweiß gebadet, in die Stadt zurückkehrte. Er war seit Tagesanbruch draußen gewesen und sah wild und verstört aus. Sein Gesicht glühte dabei und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.
Den Weg herunter kam in einem scharfen Trab George. Er hatte Hubert's Pferd erkannt und wollte ihn sprechen.
»Um Gottes willen, Hubert, wo bist Du gewesen?« rief er den Freund erschreckt an. »Wie siehst Du aus?«
»Du freilich siehst aus, als ob Du von einer Morgenpromenade kämest,« erwiderte gereizt der junge Graf. »Wo ich war? Und das fragst Du auch noch? Den Flüchtigen nach. Beim ewigen Gott, hätte ich ihn erreicht, seine Minuten wären gezählt gewesen!«
»Und Du hättest Dich selbst unglücklich dadurch gemacht!«
»Unglücklich? Beim Teufel, glaubst Du, daß ich jetzt glücklich bin, wo die ganze Stadt mit Fingern auf mich deuten wird? Tod und Hölle, ich möchte rasend werden, wenn ich darüber nachdenke!«
George seufzte tief auf. Wie gern hätte er den Freund getröstet, aber war er nicht selber jeden Trostes bar? Seine arme, arme Paula! –
»Handor hat wie ein Schuft gehandelt!« sagte er endlich düster.
»Wer?« schrie Hubert mit einer vor innerer Bewegung fast unhörbaren Stimme, indem er den Arm George's krampfhaft ergriff und nur wieder loslassen mußte, weil er sein Pferd zugleich mit den Sporen berührte und dieses mit ihm nach vorn sprang. Hubert, überdies schon zum Äußersten gereizt, stieß ihm die Sporen jetzt fest in die Seiten, und zugleich es am Zügel zurückreißend, mißhandelte er das Thier, daß es vor Angst und Schmerz kaum stehen konnte. Aber er hatte keinen Sinn für sein Roß, nur gegen George zu riß er es wieder herum, und mit heiserer Stimme wiederholte er: »Wer, sagtest Du, wer?«
»Handor, der Schauspieler,« erwiderte George; »es ist kein Zweifel mehr, und Gott nur weiß es, wie er das Herz des armen Kindes so zu berücken wußte!«
»Handor? Hahahahahaha,« lachte Hubert jetzt wild und grell auf, »das ist zum Todtschießen! Handor, der Komödiant, mit der Comtesse Monford, der Braut des Grafen Bolten, bei Nacht und Nebel und vom Verlobungsschmaus weg, so recht zum Hohn entflohen! Und daher Deine Freundschaft mit diesem Menschen, die ich mir bisher nicht zu erklären wußte; daher Deine heimlichen Zusammenkünfte und Berathungen mit ihm!«
»Hubert, Du weißt nicht, was Du sprichst!« rief George.
»Weiß ich's nicht?« lachte Hubert in aufkochendem Zorn. »Und weil Ihr mich zum Tölpel gemacht und meine Gutmüthigkeit benutzt habt, glaubst Du, daß ich meine Sinne nicht wiederfände?«
»Du bist rasend, die Leute werden schon aufmerksam!«
»Aufmerksam? Hahaha, in der ganzen Stadt wird wahrscheinlich jetzt von nichts Anderem gesprochen, und mit Fingern werden sie gleich auf uns zeigen: Da, das ist der Bräutigam, dem die Braut davongelaufen, und das da der Bruder, der sie zusammengekuppelt hat!«
»Du bist von Sinnen, Hubert!« rief George, der Mitleid mit der Leidenschaft des Freundes fühlte. »Reite nach Hause und beruhige Dich erst, dann wollen wir Alles besprechen; jetzt und in diesem Zustand kannst Du mich nicht beleidigen.« Und damit lenkte er sein Pferd ab und wollte den Weg hinabreiten.
»Kann ich Dich nicht beleidigen, Kuppler?« schrie in diesem Augenblick der fast außer sich Gerathene, indem er sein schon überdies halb wild gewordenes Thier mit den Sporen in mächtigen Sprüngen nach vorn trieb, daß es in wenigen Sätzen George's Pferd eingeholt hatte. »So nimm das wenigstens zum Lohn!« Und ehe es George verhindern oder den Schlag pariren konnte, hieb er ihm mit der schweren Reitpeitsche mit voller Kraft am Kinn herunter über die Brust.
George zügelte im Nu sein Thier ein. Er war todtenbleich geworden; aber so bleich und starr sein Antlitz war, so ruhig hielt er sich im Sattel, und wie Hubert sein springendes Thier nur erst einmal wieder gebändigt, sagte George mit eisiger Kälte:
»Gott vergebe Dir Deinen Wahnsinn, ich kann es nicht, das fordert Blut!«
»Hab' ich Dich endlich warm gemacht?« lachte der junge Graf höhnisch, und seinem Pferd die Zügel lassend, flog er mit ihm in Carrière die Allee entlang.
In ihrem freundlichen Boudoir saß Helene, scheinbar mit einer kleinen Arbeit beschäftigt; aber ihre Gedanken waren weit von da, und nicht einmal der Kinder achtete sie mehr, die neben ihr auf dem Teppich spielten und aus einem mächtigen Baukasten Schlösser aufzurichten suchten, um sie nachher von Günther's Bleisoldaten stürmen und der Erde gleichmachen zu lassen. Und wie sie dann jubelten und lachten, wenn der stattliche Bau, den sie schon wenigstens noch einmal so hoch als Mamas Fußbank aufgerichtet, polternd in sich zusammenstürzte und Helenchen dann mit den kleinen Patschchen, vor Freude aufkreischend, dazwischen herumstrich, damit auch nicht ein Stein auf dem andern blieb!
Man sagt: Kinder zerstören gern; aber es ist nicht wahr. Nur neubilden wollen sie, nur dem, was sie besitzen, eine andere Form und Gestalt geben, und daß sie dabei leichtsinnig mit dem, was ihnen gegeben, umgehen und nach der Zerstörung oft nicht wieder im Stande sind, das Geschehene ungeschehen zu machen – ist es ihre Schuld, und thun wir großen, erwachsenen Menschen nicht so oft, oh, so entsetzlich oft im Leben genau dasselbe?
Und die Mutter sah das Alles nicht, hörte nicht einmal den Jubel der Lieblinge über eine vollbrachte diminutive Heldenthat, und leise tropften dann und wann große, helle Thränen von ihren Wangen nieder und auf die Arbeit, daß sie das Tuch zu Hülfe nehmen mußte, um nur wieder klar sehen zu können.
Geräuschlos war Felix eingetreten; aber kaum hatten ihn die Kinder bemerkt, als sie aufsprangen und sich jubelnd an seine Kniee hingen; er konnte sich ihrer kaum erwehren, und die Mutter wischte indessen rasch und verstohlen die verrätherischen Tropfen weg, daß der Gatte sie nicht sehen sollte.
»Helene,« sagte Felix und schlang leise seinen Arm um sie, »mein liebes, liebes Frauchen, immer noch die trüben, traurigen Gedanken?«
»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, »soll ich fröhlich sein, wenn ich an das Schicksal der armen Paula denke?«
»Es ist unerklärlich,« rief Graf Rottack, indem er sie losließ und zum Fenster trat, »rein unerklärlich, wie das scheue, schüchterne Wesen nicht allein zu diesem Entschlusse, nein, zu der Ausführung desselben gelangte; denn hätte mir Jemand vorher gesagt, daß gerade Paula so selbstständig, so rücksichtslos selbstständig auftreten könne, ich würde ihn für thöricht erklärt haben.«
»Und ist es bestätigt, daß sie mit jenem Schauspieler entflohen ist?«
»Das Gerücht in der ganzen Stadt sagt allerdings Ja, und es bleibt uns beinahe nichts Anderes zu glauben übrig, als ihm beizustimmen. Handor ist gestern Abend, etwa zu der nämlichen Zeit verschwunden, so daß ein junger Anfänger im Theater seine Rolle übernehmen mußte, und leider lautet das, was ich über jenen Handor heute Morgen in der Stadt hörte, trostlos genug für Paula's künftiges Lebensglück.«
»Arme, arme Paula!«
»Daß sich die Eltern versöhnen ließen, daran ist nun vollends kein Gedanke,« fuhr Felix fort, »und ich fürchte, ich fürchte, das unglückliche junge Mädchen hat einem leichtsinnigen, gewissenlosen Menschen ihre ganze Zukunft anvertraut!«
»Und kann denn gar nichts geschehen, um sie zu retten?«
»Es ist die Frage,« sagte Felix ernst, »ob ihr Vater unter dem ersten Eindruck dieser tödtlichen Kränkung auch nur den Versuch dazu machen wird, und nachher – ist es zu spät. – Aber wer ist das? George Monford – großer Gott, wie todtenbleich er aussieht!«
Es war in der That George, der in diesem Augenblick vor dem Gartenthor abstieg und sein Pferd am Zügel in die innere Einfriedigung hineinziehen wollte. Felix sandte augenblicklich einen Diener hinaus, um es ihm abzunehmen, und wenige Minuten später betrat der junge Graf das Zimmer, in dem die beiden Gatten sich befanden.
Beide begrüßten ihn auf das Herzlichste. George selber war aber so bewegt, daß er anfangs gar nicht im Stande schien, ihre freundlichen Worte zu erwidern. Endlich sagte er leise:
»Was müssen Sie von mir denken, wenn ich schon wieder mit einer Bitte nahe, die aber dieses Mal freilich keinen heitern Scherz betrifft!«
»Lieber Graf,« sagte Rottack herzlich, »Sie wissen, wie willkommen Sie uns immer waren, aber nie mehr, als gerade jetzt, wenn Sie uns Hoffnung machen, daß wir Ihnen in Ihrem Schmerze beistehen können!«
George erwiderte kein Wort, aber er preßte fest die Hand, die er in der seinigen hielt. Sie wurden gestört, denn die Bonne kam herein, um die Kinder abzuholen, und Helenchen wollte nicht mitgehen, weil Günther noch einen kleinen Thurm aufgebaut hatte, den sie vorher umwerfen mußte. Der Vater ließ sie gewähren, und indeß sie das Zimmer verließen, hatte George auch seine volle Ruhe wiedergewonnen. – Kaum schloß sich die Thür hinter ihnen, als er leise sagte:
»Sie wissen Alles, was gestern vorgefallen, und insofern ist es mir eine Erleichterung, daß ich das Entsetzliche nicht zu wiederholen brauche. Wohin sich Paula gewandt, ist unbestimmt, nur die Richtung, welche der Wagen letzte Nacht genommen haben muß, oder wir würden ihn sicher überholt haben, macht es wahrscheinlich, daß sie nach dem Rhein zu geflohen. Wer aber soll sie dort in jetziger Zeit, wo Tausende von Fremden auf und ab schwärmen, verfolgen? Trotzdem hatte ich die Absicht, die Reise heut Abend anzutreten; es ist aber möglich, daß ich daran verhindert werde, und in diesem Fall möchte ich Sie dringend bitten, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinigen.«
»Oh, so gern, so gern,« rief Helene, »wenn wir nur eine Andeutung bekommen können, nach welcher Himmelsgegend das unglückliche Kind entflohen!«
»Wohl ist sie ein unglückliches Kind,« sagte George ernst, »denn ich fürchte, sie gerieth in schlimme Hände; aber das zu bedenken ist jetzt zu spät, und nur den Versuch müssen wir noch machen, sie zu retten, ehe sie ganz verloren geht.«
»Und was sagen Ihre Eltern?«
»Von denen ist nichts zu hoffen,« seufzte George. »Die Mutter ist unerbittlich, und nur den Vater könnte ich vielleicht noch gewinnen, wenn nicht ein anderes Hinderniß dazwischen träte. Paula war immer des Vaters Liebling, mit seiner ganzen Seele hing er an der Schwester; deshalb traf ihn auch gestern die Schreckenskunde mit so furchtbarer Schärfe, daß wir schon das Schlimmste fürchteten. Er war ganz außer sich und phantasirte mit offenen Augen. Heute hat er sich erholt; er scheint die Nacht ruhig geschlafen zu haben und war heute Morgen, als ich das Schloß verließ, schon auf und am Fenster. Armer alter Mann, und was steht ihm vielleicht noch bevor!«
»Geben Sie die Hoffnung noch nicht auf,« rief Helene bewegt, »Gott kann noch Alles zum Besten lenken!«
»Ja,« sagte George leise, »aber bis dahin müssen wir thun, was in unseren Kräften steht. Ich weiß nicht, woher es kommt,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »aber zu Ihnen, Frau Gräfin, und zu Ihrem Gatten habe ich mich vom ersten Moment hingezogen gefühlt, habe Vertrauen zu Ihnen gefaßt, und es war mir wunderbarer Weise immer, als ob wir uns eigentlich gar nicht so fremd, als ob wir schon lange mit einander bekannt, befreundet gewesen wären. Das gab mir damals den Muth, sogleich ohne Weiteres zu Ihnen zu kommen und Sie um Beistand in einer Sache zu bitten, die jetzt freilich anders geendet hat, als ich damals dachte. Ihnen, Frau Gräfin, empfehle ich jetzt auch meine Paula. Ich weiß, mit welcher Liebe die Schwester, der es genau so ging, an Ihnen hing, wie oft sie in der kurzen Zeit von Ihnen sprach. Seien Sie ihr eine Schwester, wenn ich – vielleicht verhindert werden sollte, das auszuführen, was ich heute begonnen.«
»Hier haben Sie meine Hand darauf,« sagte Helene, während sich ihre Augen mit Thränen füllten; »wir werden sie wiederfinden, und was treue Liebe vermag, sie zu trösten, ihr zu helfen, soll gewiß geschehen.«
»Ich danke Ihnen,« sagte George gerührt; »ich war davon überzeugt, ehe ich zu Ihnen kam, und jetzt gehe ich fröhlicher an meine Arbeit, da ich weiß, daß ich meine arme Paula nicht fremd, nicht hülflos ihrem Geschick begegnen sehe. Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen.«
»Aber wollen Sie denn fort von hier?«
»Wahrscheinlich auf eine kurze Zeit, es ist wenigstens möglich, und da ich rasch abgerufen werden könnte, wollte ich doch nichts versäumt haben. Ich komme auch eben vom Telegraphenamte, wo ich in jener Richtung an vier verschiedene Freunde in verschiedenen Orten telegraphirt habe. Für den Fall aber, daß ich nicht hier sein sollte, gab ich Ihre Adresse auf; Sie sehen, Frau Gräfin, wie fest ich auf Ihre Güte rechnete.«
»Aber Paula wird doch gewiß unmittelbar an ihre Eltern schreiben,« sagte Felix.
»Ich glaube es auch, aber ich fürchte, meine Mutter nimmt, in der ersten Zeit wenigstens, keine Briefe von ihr an, und der Vater ist so leidend, daß ich nicht auf ihn rechnen kann.«
»Großer Gott,« seufzte Helene, »welches Unheil kann ein einziger schlechter Mensch über eine glückliche Familie bringen, und wie furchtbar schnell fiel der Schlag!«
»Furchtbar schnell,« wiederholte George leise und fast tonlos die Worte, »ganz furchtbar schnell, und wir waren so glücklich, so ahnungslos glücklich! Aber es hat nicht sein sollen,« fuhr er plötzlich mit fester Stimme und sich wieder hoch aufrichtend fort, »und da es einmal geschehen, müssen wir dem Schicksal trotzig die Stirn bieten.«
»Sie wollen schon fort?«
»Ja, ich habe heute Morgen noch viel zu thun.«
»Sie sind ganz blutig am Kinn, Graf George.«
»Noch ein Andenken dieser Nacht,« sagte George, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »ich hatte einen wilden Ritt. So leben Sie wohl, Herr Graf, leben Sie wohl, Frau Gräfin, Gott schütze Sie und lohne Ihnen, was Sie an meiner Schwester thun!«
Er drückte Beiden die Hand, wandte sich rasch ab und verließ das Haus, um draußen sein Pferd wieder zu besteigen.
In der nämlichen Zeit, in welcher George Monford Rottacks besuchte, schritt Rebe an Jeremias' Seite Pfeffer's Wohnung zu, und wie leicht und wie glücklich schlug ihm dabei das Herz!
Noch hatte er nicht alle Schwierigkeiten besiegt, das wußte er recht gut, ja, eigentlich war nur der erste Schritt auf seiner Bahn gethan; aber er war doch gethan, es war ihm doch gestattet worden, in die Arena einzutreten, und seiner eigenen Kraft anheimgestellt, den Sieg zu erringen, und mehr verlangte er ja nicht, mehr hatte er nie verlangt. Was jetzt auch kommen mochte, er konnte doch erproben, ob er wirklich im Stande sei, eine ehrenvolle Stellung auszufüllen, und dann, wenn das nicht möglich war, mit dem Bewußtsein zurücktreten, sein Äußerstes versucht zu haben. Gelang es ihm aber, blieb er Sieger, dann war auch sein heißester Seelenwunsch erfüllt, das Ziel seines ganzen Strebens erreicht, und er sah eine Laufbahn vor sich, deren Lasten und Mühen selbst nur so viel Genüsse für ihn waren, weil eben seine ganze Seele daran hing, sein ganzes Streben dem gewidmet war.
Und wie lieb und freundlich wurde er oben im Hause von Allen empfangen! Wie hold erröthend trat ihm Henriette entgegen, und wie ganz verändert war selbst der sonst immer mürrische und verdrießliche Fürchtegott Pfeffer gegen ihn geworden!
»Rebe,« sagte er, sowie dieser nur das Zimmer betrat, indem er ihn bei einem Knopf erwischte, »Sie sind ein verfluchter Kerl. Sie haben sich gestern Abend vortrefflich herausgebissen, und wenn Sie auch wirklich nicht in Haßburg bleiben, was aber doch vielleicht der Fall ist, so werden Sie Ihr Glück auf jeder Bühne machen.«
»Herr Pfeffer, Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue...«
»Ist auch gar nicht nöthig,« unterbrach ihn Pfeffer, »ich wollte Ihnen auch nur sagen, daß es mir leid thut, früher grob gegen Sie gewesen zu sein; aber Sie dürfen es mir auch nicht übel nehmen, denn was für ein trauriges Exemplar der menschlichen Gesellschaft ein schlechter Schauspieler ist, wissen Sie wahrscheinlich besser, als ich es Ihnen sagen könnte.«
»Aber, Fürchtegott, so laß uns auch einmal zu Worte kommen,« bat die Frau, welche heute aber viel wohler schien, als sie bis jetzt gewesen. Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen und ein liebes, freundliches Lächeln spielte um ihre Lippen.
»Bin schon fertig,« brummte Pfeffer; »'s ist doch merkwürdig, daß Frauen nie leiden können, wenn ein Anderer spricht.«
»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Henriettens Mutter, dem jungen Mann die abgemagerte Hand entgegenstreckend, »es hat uns Alle recht herzlich gefreut, als wir Ihren gestrigen Erfolg gehört; Gott wird Sie ja weiter führen und noch Alles zum Guten lenken.«
»Meine liebe, verehrte Frau,« rief Rebe bewegt, »seien Sie versichert, daß ich alles in meinen Kräften Stehende thun werde, um weiter zu kommen, und schon daß ich Ihnen dies sagen darf, ist mir ein großer Trost.«
»Er stichelt,« meinte Pfeffer.
»Und Jettchen?« sagte Rebe leise, indem er seine Hand gegen sie ausstreckte.
»Ich habe es fest geglaubt, daß Sie Ihr Ziel erreichen würden,« flüsterte das junge Mädchen, das wie mit Purpur übergossen da stand, indem es die dargebotene Hand schüchtern nahm.
»Na, dann ist die Geschichte ja abgemacht,« rief Pfeffer, »und viel besser, als ich gedacht habe, denn ich hatte mich schon wieder vor einer Überschwemmung gefürchtet. Aber wo willst Du denn hin, Jeremias?«
»Bin gleich wieder da, warte nur einen Augenblick,« rief der kleine Mann. Er hatte bis jetzt an der Thür gestanden und ein paar Mal hinausgehorcht. Jetzt kam Jemand die Treppe herauf, und wenige Minuten später kehrte Jettchen's Vater mit einer Flasche Champagner unter jedem Arm zurück, die er unbedingt unterwegs bestellt haben mußte.
»So,« rief er, »und nun trinken wir vor allen Dingen erst einmal die Gesundheit des neuen Liebhabers – und Guste auch mit.«
»Aber darf ich Wein trinken?«
»Du? Erst recht, daß Du wieder zu Kräften kommst,« rief Pfeffer. »Der Rebe scheint überhaupt auch, wie er bis jetzt ein heimlicher erster Liebhaber war, ein heimlicher erster Doctor zu sein, denn die Geschichte von gestern Abend hat Dich mehr auf den Strumpf gebracht, als bisher alle Medicinflaschen. Apropos, Rebe, haben Sie den Director schon gesprochen?«
»Ich erhielt vor einer halben Stunde etwa einen Brief von ihm, worin er mich bittet, um zwölf Uhr auf das Bureau zu kommen.«
»Bittet – so? Haben Sie ihn bei sich.«
»Hier ist er.«
»Lassen Sie einmal sehen. »Mein lieber Herr Rebe!« Wie der Lump freundlich sein kann, wenn's ihm auf den Nägeln brennt. »Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich um zwölf Uhr heute Morgen auf meinem Bureau besuchen wollten. Ich habe Ihnen eine erfreuliche Mittheilung zu machen.« Glaub' ich ihm, dem Cujon! »Ihr ganz ergebenster Krüger, Director.« 's ist unglaublich,« rief Pfeffer, mit der Hand in den Brief schlagend, »und wie schreibt er sonst!«
»Aber, Onkel,« sagte Jettchen, »Herr Rebe ist ja doch nicht mehr bei ihm engagirt!«
»Ach was da, er hätte 'mal gestern nicht sollen den Hamlet spielen und heute Morgen Herrn Director Krüger um eine Unterredung gebeten haben, möchte sehen, wie der Brief gelautet haben würde! Aber wie viel Uhr ist's jetzt?«
»Halb Zwölf.«
»Also nun erst anstoßen auf das Wohl unseres ersten jugendlichen Liebhabers,« rief Jeremias und ließ in dem nämlichen Augenblick einen Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thür ausgestoßen wurde.
»Oh, mein Gott, haben Sie mich erschreckt!« stöhnte Fräulein Bassini, die auf der Schwelle stand.
»Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt,« rief Pfeffer lachend; »na, her, Alte – noch ein Glas, Jettchen!«
»Alte? Fürchtegott, ich verbitte mir Deine Grobheiten! Aber, mein lieber Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend...«
»Die Geschichte ist lange abgemacht,« rief Pfeffer, ihren Arm fassend und sie auf einen Stuhl ziehend.
»Aber ich darf doch...«
»Champagner trinken, gewiß; da stoß mit Horatius an, denn er muß fort, um ein neues Engagement abzuschließen.«
»Also wirklich?« rief Fräulein Bassini entzückt. »Oh, da gratulire ich von ganzem Herzen!«
»Und Rebe soll leben, vivat hoch!« rief Pfeffer.
Pfeffer war überhaupt in einer überaus aufgeregten Stimmung, litt aber trotzdem nicht, daß Rebe über eine Minute seiner Zeit blieb, damit er den Director nicht warten ließ. Das schickte sich nicht für einen jungen Künstler, wie er meinte. Er mußte aber versprechen, ihnen gleich nachher das Resultat mitzutheilen, und dann drückte er ihm selber den Hut auf den Kopf und schob ihn zur Thür hinaus.
Rebe fand den Director in seinem Bureau mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab gehen.
»Mein lieber Herr Rebe,« rief er und streckte ihm die Hand entgegen, »es freut mich ausnehmend, daß Sie meinem Wunsche so pünktlich nachkommen; eben schlägt es Zwölf.«
»Herr Director, Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich nie säumig gewesen bin.«
»Nie, gewiß nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer musterhaft auf Ordnung; aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
Rebe setzte sich und merkte dem Director an, daß er sich in irgend einer Verlegenheit befand. Er schien wirklich nicht recht zu wissen, wie er beginnen sollte, und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.
»Nun, wie haben Sie diese Nacht geschlafen?« begann er endlich. »Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schläft sich's vorzüglich,« setzte er lächelnd hinzu, »und ich muß Ihnen gestehen, daß Sie die gestern reichlich und verdient geerntet haben.«
»Sie sind so gütig.«
»Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theaterdirector kann das auch nicht. Übrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir Herr Handor gespielt?«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich seine Flucht nicht begreife.«
»Es ist die bodenloseste Undankbarkeit, die mir je im Leben vorgekommen; sie ist eigentlich undenkbar, classisch großartig, und er hat mich dadurch in die furchtbarste Verlegenheit gesetzt.«
Rebe schwieg. Er war fest entschlossen, sich nicht anzutragen, und Director Krüger durch den Ausruf in eine Sackgasse gerathen.
»Ja, furchtbarste Verlegenheit,« fuhr er nach einer etwas zu langen Kunstpause fort, »aus der Sie uns allerdings für gestern Abend durch Ihr kühnes Einspringen gerissen. Aber was jetzt weiter? Haben Sie sich schon wieder engagirt, Herr Rebe?«
Rebe lächelte. »Sie wissen wohl, Herr Director, daß die Zeit dazu doch etwas zu kurz gewesen wäre.«
»Hm, ja, und – und hätten Sie Lust, an unserer Bühne noch ein paar Versuche zu machen?«
»Mein Engagement ist mit dem heutigen Tage abgelaufen. Sie meinen auf Gastrollen?«
»Hm, ja, und – wenn auch –« Der Director rückte wieder herum. Er hatte jedenfalls etwas, und Rebe konnte sich nicht denken, was es sein möchte. »Hören Sie, Herr Rebe,« platzte er endlich heraus; »es kann nichts helfen, ich muß aufrichtig mit Ihnen reden, denn das Drumherumgehen ist meine Sache nicht; ich bring's nicht fertig.«
»Und ist das bei mir nöthig, Herr Director?«
»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr Krüger entschlossen fort. »Sie wissen, daß Sie gestern dem Publikum ausnehmend gefallen haben; es hat Ihnen davon jeden Beweis gegeben. Auch der Erbprinz war entzückt von Ihrem Spiel. Das will aber Alles noch nichts sagen, denn allen Respect vor Seiner Königlichen Hoheit, aber ein Urtheil in solchen Dingen haben die Herren sehr selten. Die Hauptsache jedoch bleibt die, Sie haben mir gefallen, Herr Rebe, Sie haben mich hingerissen, die Thränen sind mir altem Esel in die Augen gekommen, was mir, so lange ich fast denken kann, nicht passirt ist, und gestern Abend, ja noch heute Morgen bis etwa vor einer Stunde, war ich fest entschlossen, Sie unter jeder nur einigermaßen annehmbaren Bedingung an unsere Bühne zu fesseln.«
»Und jetzt?« sagte Rebe erwartungsvoll.
»Da bekam ich,« fuhr der Director fort, »vor etwa einer halben Stunde den Wisch da.« Und er zeigte auf einen neben Rebe auf dem Tisch liegenden Brief. »Lesen Sie.«
Rebe nahm den Brief und las ihn laut:
»Mein lieber Herr Director! Ich möchte keine Zeit versäumen, Sie wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, daß er eine so große Rolle so rasch übernehmen konnte, war artig genug, ihn für die Gefälligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque für Handor besorgt, die aus mißverstandenem Diensteifer das auf seinen augenblicklichen Nachfolger übertrug, und für den Abend war das gut. Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglücklichen Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, daß Sie ihn los sind, denn Sie dürfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm ein Subject wie diesen jungen Anfänger für einen Künstler einzuschieben. Aber meine Furcht ist gewiß grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse für unser Institut konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.
Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
Feodor Strohwisch.«
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Director.
»Weiter nichts,« lächelte Rebe, »als daß dieser selbe Herr Strohwisch heute Morgen in aller Frühe bei mir war, mir zu meinem gestern entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein mäßiges Honorar jede Unterstützung versprach.«
»Aber das ist doch nicht möglich! Sie sagten es ihm doch zu?«
»Ich gab ihm zu verstehen,« sagte Rebe, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »daß ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die Treppe hinunterwerfen würde!«
»Da haben wir's!« rief der Director aus, indem er wie besessen von seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. »Unglückliches Menschenkind, wissen Sie denn nicht, daß Sie der Recensent – mit Respect zu melden – da wir doch unter uns sind – hier todt machen kann und auch wirktodt macht?«
»Durch sein Schimpfen?« sagte Rebe. »Mein lieber Herr Director, wenn ich mir dadurch meinen Platz am Theater wahren könnte, daß ich einen dieser erbärmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann würde ich noch heute der Bühne, an der ich mit ganzer Seele hänge, den Rücken kehren.«
»Aber ändern Sie einmal die Welt,« rief der Director; »das Publikum glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.«
»Und wer schreibt denn überhaupt all' diese Recensionen?« fuhr Rebe fort. »Gehen Sie all' unsere Kritiker durch, und unter den Tausenden, die davon leben, haben Sie kaum fünfzehn oder zwanzig ehrenwerthe und tüchtige Männer, die auch wirklich selber etwas schaffen können. Die Anderen sind lauter heruntergekommene oder noch nie oben gewesene Literaten, die, nicht im Stande, etwas Selbstständiges zu arbeiten, sich nun auf's hohe Pferd setzen und an uns armen Schauspielern, wenn wir ihnen nicht das Blutgeld zahlen, oder an anderen Schriftstellern ihr Gift und ihre Galle auslassen!«
»Aber was hilft Ihnen das? Es ist einmal so, und gegen den Strom kann kein Mensch schwimmen.«
»Oh doch, Herr Director,« lächelte Rebe; »es geht allerdings etwas langsamer, aber es geht.«
»Fangen Sie mit dem an,« rief Krüger, »der scheut sich vor keiner schmutzigen Arbeit!«
»Das glaube ich Ihnen, das thun alle diese Herren nicht; aber ich bezweifle doch, daß er das Publikum so in seiner Gewalt hat, um über einzelne Individuen nach Belieben zu disponiren.«
»Passen Sie auf,« rief Krüger, »ich gebe Ihnen mein Wort, wenn er Sie in seiner nächsten Nummer richtig herunter macht – und das thut er jetzt, darauf können Sie Gift nehmen, – dann rührt sich am nächsten Abend keine Hand, und was das Schlimmste ist, die Leute gehen vielleicht noch ein- oder zweimal aus Neugierde in's Theater, wenn Sie spielen, aber nachher bleiben sie aus wie Röhrwasser.«
»Ich muß es abwarten.«
»Bedenken Sie doch nur,« fuhr Krüger fort, »einem bösen Hunde giebt man zwei Knochen. Was haben Sie denn davon, wenn Sie Tag um Tag im Blatt heruntergerissen werden?«
»Aber wie kann ich's hindern?«
»Gleichen Sie's aus,« rief Krüger rasch, »Strohwisch ist kein Unmensch; mit Geld ist Alles zu machen, und hier – Apropos, lieber Rebe, eh' ich's vergesse, hier habe ich auch Ihr Spielhonorar für gestern Abend.«
»Herr Director...«
»Bitte mir's aus, das stand nicht in Ihrem Contract, und wenn mir Jemand gestern Abend das Messer auf die Brust gesetzt hätte, würde ich mit Wonne das Vierfache bezahlt haben. Das dürfen Sie auch nehmen, Sie haben sich's ehrlich und redlich verdient, und mein Dank für Sie bleibt dabei immer noch derselbe.«
Dabei legte er ihm fünf Friedrichsd'or auf den Tisch, und Rebe's Ehrgefühl sträubte sich erst, so nothwendig er das Geld auch brauchte, dagegen, es anzunehmen, weil er gestern eben noch im Engagement gestanden. Allerdings war es ein außerordentlicher Fall gewesen, und Krüger, der, wenn er wollte, ganz liebenswürdig sein konnte – er wollte nur selten, – bewies ihm mit einer solchen Herzlichkeit, daß er ihn selber beleidigen würde, wenn er etwas verweigerte, was eine reine und einfache Schuldsache der Direction sei, daß er es endlich nicht länger ausschlagen konnte.
»Und – nun,« sagte Krüger, »wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie ohne Weiteres zu Strohwisch, Umstände brauchen Sie mit ihm nicht zu machen, und drücken ihm zwei davon in die Hand. Sie sollen dann einmal sehen, was für eine Recension morgen erscheint!«
»Da schenkt' ich sie lieber dem ersten armen Menschen, der mir begegnet, Herr Director,« sagte Rebe. »Ich bin fest entschlossen, mir meinen Weg zu erkämpfen; nur so kann ich mir selber genügen und Freude an der Sache behalten. Im andern Falle müßte ich mich vor mir selber schämen.«
»Das ist sehr schön und ehrenwerth von Ihnen,« sagte der Director trocken, »wird Ihnen aber hier den Hals brechen; Sie sollen sehen.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Rebe,« erwiderte der Director nach einer kurzen Pause. »Es ist wohl nicht nöthig, ein Wort über die Vergangenheit zu verlieren – das ist abgemacht, und ich gestehe ein, daß wir Sie verkannt haben. Sie besitzen in der That ein schönes Talent, und ich muß aufrichtig sagen, daß ich selber neugierig wäre, dessen Entwickelung zu beobachten. Nach dem gestrigen Abend würde ich Ihnen auch augenblicklich einen neuen jährigen Contract mit ganz annehmbaren Bedingungen angeboten haben, wenn Sie sich nicht mit diesem Strohwisch verfeindet hätten. Glauben Sie nicht etwa,« fuhr er rasch fort, als er sah, Rebe wolle etwas darauf erwidern, »daß ich selber nur so viel für das Urtheil jenes Menschen gebe. Er versteht vom Theater so viel wie eine Kuh, aber das Publikum liest trotzdem jeden Morgen sein Blatt, und ich weiß aus Erfahrung, welchen Einfluß es, so absurd das klingen mag, ausübt. Aber ich will Ihnen einen Vorschlag machen; es muß Ihnen selber daran liegen, Ihr Talent auch noch in anderen Rollen zu erproben. Ich engagire Sie deshalb für einen Monat – nennen Sie das Gastrollen, wenn Sie wollen – gebe Ihnen zweihundert Gulden für die Zeit und außerdem das Versprechen, Sie wenigstens in acht großen Rollen zu beschäftigen. Sind Sie das zufrieden?«
»Sie begegnen meinem innigsten Wunsche,« sagte Rebe erfreut, »denn gerade um das hatte ich Sie bitten wollen.«
»Desto besser, die Sache wäre also abgemacht. Wenn Sie denn Courage haben, so beißen Sie sich in der Zeit mit Strohwisch herum, und behaupten Sie das Feld, was ich aber, ehrlich gesagt, bezweifle, so sprechen wir weiter mit einander; behaupten Sie es nicht, nun, so haben Sie in der Zeit wenigstens Ihre Kräfte geprüft und ich selber Zeit gewonnen, mich nach einem andern ersten Liebhaber umzusehen. Ich glaube, das ist ein ehrlicher Handel.«
»Für den ich Ihnen von Herzen dankbar bin,« rief Rebe, in die gebotene Hand einschlagend; »nur Eine Bedingung habe ich noch zu stellen.«
»Und die wäre?«
»Daß Sie den Contract von gestern datiren und die fünf Friedrichsd'or als Abschlagszahlung betrachten.«
»Sie sind ein komischer Kauz,« lachte der Director, »und ich muß Ihnen gestehen, etwas Ähnliches ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Meier ging gestern Abend gar nicht eher weg, bis er seine versprochenen zehn Thaler hatte.«
»Darüber sprechen wir noch. Jetzt muß ich nach Hause, und heute Abend kommen Sie um acht Uhr, wenn Sie können, einmal in meine Wohnung, daß wir mit Sulzer das Repertoire bereden. Also auf Wiedersehen, Rebe, und – halten Sie sich tapfer!«