Die Welt! Wie wunderbar verschieden der Begriff sich stellt. Für den Einen ist es das weite, unermessene Universum mit seinen kreisenden Sonnensystemen, für den Andern das enge Haus, der kleine, beschränkte Raum am eigenen Herd.
Auch unsere Erde nennen wir die Welt, und in wie viel tausend Welten zerspaltet sich ein einzig Städtchen drin, eine jede abgesondert für sich mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Leidenschaften, ihrem Ringen und Streben.
Wen von uns Allen ist nicht schon einmal ein solch' Gefühl überkommen, wenn er Abends in später Stunde durch eine Straße wanderte und die verschiedenen, nur durch dünne Mauern getrennten erleuchteten Familienwohnungen sah! Hier Licht und Glanz und laute Fröhlichkeit; dort, dicht daneben, nur durch einen dunkeln Strich geschieden, Jammer und Elend und bleicher Sorge nagende Pein; hier Einigkeit und Liebe in dürftiger Dachkammer, und dicht darunter, daß Eins die Schritte des Andern hört, Haß und Zwietracht.
So bildet jedes Haus, jede für sich abgeschlossene Wohnung in der That eine eigene kleine, abgeschlossene Welt für sich selber. Da drinnen wird geboren, gelebt, gestorben, ohne daß der Nachbar mehr davon erfährt, als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel niederfunkeln; und während wir heute ein Fest feiern und die Gläser lustig zusammenklingen, drückt nebenan ein armes Weib dem Gatten die müden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.
Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen hoch empor zu Glück und Freude hebend, während es zu gleicher Zeit vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch wechselt das; wie sehnen wir thöricht oft den nächsten Tag, die nächste Stunde herbei, anstatt uns der gegenwärtigen zu freuen, und wissen doch nie, was in dem Schooße der herbeigesehnten für uns verborgen liegt; Dank dem Himmel, daß wir es nicht wissen!
Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, daß man in Haßburg die Monford'sche Familie, über welche alle Gaben des Glücks verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und Leid waren in die prachtvollen Gemächer eingezogen, und doch hatte das Unglück erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.
Still und geräuschlos glitten heute die sonst so übermüthigen Diener durch die leeren Räume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit fröhlichem Zuruf, sondern in leisem Flüstern.
Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, saß der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte sich von seinem gestrigen Anfall vollständig erholt, und der Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der gräflichen Equipage zurück in die Stadt gefahren. Was sollte er auch länger hier thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.
Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, daß der Maulwurfsfänger durch den Förster beim Wildern ertappt und in's Bein geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was kümmerten den alten Herrn diese gleichgültigen Menschen, er hatte andere Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.
Da der Förster übrigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette lag, ließ man ihn jetzt gewähren, um den Termin etwas später anzusetzen und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d. h. ob er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings, daß der Getroffene den Schuß nicht von vorn, sondern seitwärts und sogar mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfänger auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß der Knochen des Oberschenkels zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber, daß an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle verhören, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie mußten eben ruhig liegen bleiben.
Die Gräfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war für ihn das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war noch nicht zurückgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.
Es schlug gerade Zwölf auf der Schloßuhr, als er in den Hof einritt. Er stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.
»Um Gott, George, wie siehst Du aus?« rief sie ihm entgegen, »Du bist krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.«
»Es ist nichts, liebe Mutter, wie geht es dem Vater?«
»Besser, er ist auf. Der Ober-Medicinalrath meint, es sei nur eine Ohnmacht gewesen und habe nichts zu sagen. Aber Du mußt Dich schonen. Die Aufregung dieser Nacht hat Dich furchtbar angegriffen und Du bist wohl auch ohne Speise und Trank geblieben.« Sie klingelte, und als der Diener das Zimmer betrat, rief sie ihm zu: »Das Frühstück für meinen Sohn; bringen Sie es herein.«
»Ich danke Dir, Mutter, ich fühle weder Hunger noch Durst.«
»Aber Du mußt etwas genießen, daß Du mir nicht auch am Ende krank wirst. Wir haben Elend genug im Hause, das weiß Gott,« sagte sie mit düsterer Stimme.
Wieder schwiegen Beide, und der Diener kam jetzt herein und brachte einige Speisen, zu denen er eine Caraffe mit Portwein auf den Tisch stellte.
George schenkte sich ein Glas Wein ein, das er leerte, und aß ein paar Bissen; dann schob er den Teller zurück. Er war aufgestanden und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab.
»Mutter,« sagte er endlich leise, indem er vor ihr stehen blieb, »Paula wird sicher in diesen Tagen an Dich schreiben.«
»Nenne mir den Namen nicht mehr,« rief die Gräfin heftig, indem ihr Blick selbst finster und drohend wurde, »ich will ihn nicht wieder hören.«
»Es ist der Name Deiner Tochter, Mutter, – Deines Kindes.«
»Ich habe keine Tochter mehr,« sagte die Gräfin, indem sie sich gewaltsam emporrichtete. »Nie hat eine Tochter ihre Eltern tödtlicher beleidigt, nie gewaltsamer die Bande zerrissen, die sie an sie banden. Es ist geschehen, aber deshalb kein Rücktritt auch mehr möglich. Ich kenne sie nicht mehr.«
»Das ist nicht möglich, Mutter,« rief George bewegt, »so unnatürlich kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und unschuldsvoll, und daß die Zunge eines schlauen, bübischen Verführers sich in ihr Ohr zu stehlen wußte, oh, bedenke, daß es sie schon unglücklich gemacht, laß sie nicht auch damit die letzte Stütze verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer Eltern!«
»Der ward ihr im reichsten Maß zu Theil,« entgegnete mit zusammengezogenen Brauen die Frau. »Kein Kind ist mehr geliebt und auf Händen getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschöpf. Laß sie jetzt ernten, wo sie gesäet; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch mehr.«
»Aber der Vater wird sie nicht verstoßen,« rief George heftig, »er kann es nicht, sie war von je sein Liebling!« Er wandte sich, als ob er zu ihm eilen und seine Hülfe anflehen wolle.
»Wenn Du ihn tödten willst,« rief die Mutter heftig, »dann gehe jetzt zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner Schwäche erholt und der Arzt streng befohlen, daß Alles ihm ferngehalten werden müsse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen Verlust mahnen könne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!«
»Großer Gott,« stöhnte George, »was für Hülfe kann die Unglückliche von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr verschließen?«
»Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen,« sagte die Mutter kalt, »fremde Menschen mögen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier muthwillig von sich gestoßen; sie hat keine Eltern mehr.«
»Arme Paula!« seufzte George. »Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reißen, dann gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und kommt ein Brief von Paula – sie wird und muß ja schreiben, – so sende ihn an Rottacks, die mir zugesagt...«
»Bist Du wahnsinnig?« rief die Mutter, ordentlich erschreckt emporfahrend. »An Rottacks? Und was haben die mit unserem Hause zu thun?«
»Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,« sagte George bewegt; »bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost und vielleicht auch wieder den Weg zurück zum Herzen der Eltern finden. Willst Du mir das versprechen, Mutter?«
»Du bist von Sinnen!« sagte die stolze Frau finster. »Soll ich selber Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht, George. Aber,« fuhr sie plötzlich aufmerksam werdend fort, »was sollen all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade, als ob Du Vorbereitungen zu einer größeren Reise träfest.«
»Es ist möglich, daß ich in diesen Tagen auf einige Zeit fortgehe,« sagte George leise; »ich weiß es noch nicht, ich muß erst mit dem Vater darüber sprechen.«
»Und willst Du uns nicht nach Italien begleiten?«
»Vielleicht – vielleicht komme ich nach.«
»Du bist so sonderbar, George. Was hast Du?«
»Nichts, liebe Mutter; der Kopf thut mir weh vom vielen Denken und Grübeln.«
Die Gräfin nickte leise vor sich hin, sie kannte das Gefühl selber. »Wohin willst Du jetzt?«
»Zum Vater hinüber.«
»Rege ihn nicht auf; ich wollte lieber, Du miedest ihn für ein paar Tage.«
»Er würde unruhiger werden,« sagte George, »wenn er mich nicht wie gewöhnlich sähe.«
»Du willst mit ihm über – die Entflohene sprechen?«
»Nein, Mama, fürchte das nicht. Ich muß es Gott anheimgeben, daß er Eure Herzen wieder dem Kinde zuwendet; ich fühle, daß meine Stimme zu schwach dafür ist. Lebe wohl, Mutter!«
Er nahm ihre Hand, sah ihr einen Moment ernst und traurig in die Augen, schloß sie dann in die Arme und küßte ihre Wange.
Die Gräfin erwiderte die Umarmung nicht, sie duldete sie nur, sagte auch kein Wort, und George verließ rasch das Zimmer.
Den Vater fand er noch immer in der nämlichen Stellung, wie er schon Stunden lang gesessen. Erst als George sein Zimmer betrat, wandte er zuerst rasch und wie erschreckt das Antlitz der Thür zu, stand dann auf und sagte leise: »Ah, Du bist es, George!«
»Ja, lieber Vater. Ist Dir jetzt besser?«
»Gewiß, gewiß. Wo ist Deine Mutter?«
»In ihrem Zimmer drüben.«
»Ich werde zu ihr hinübergehen; es ist so einsam hier.«
»Recht einsam, Vater.«
Der alte Graf sah ihn rasch und streng an, strich sich aber dann mit der Hand über die Stirn und sagte: »Es ist gut so, ich habe es gern, ich bin gern allein. Aber wo hast Du denn den ganzen Morgen gesteckt?«
»Ich war in der Stadt, Vater; ich wollte...«
»Ich brauche nicht zu wissen, was Du wolltest.«
»Mein lieber, lieber Vater!« Er hatte des Vaters Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinigen.
Der alte Graf sah ihn an; dann legte er ihm die andere Hand auf den Kopf und sagte leise: »Ich will zu Deiner Mutter gehen; laß mich jetzt los, George.«
»Lebe wohl, Vater!«
»Gehst Du wieder fort?«
»Ja, ich habe versprochen um vier Uhr in der Stadt zu sein.«
»Gut, gut, aber bleibe nicht zu lange.«
George küßte die Hand, die er in der seinigen hielt. Der alte Graf aber, als ob er fürchte, daß der Sohn noch von etwas Anderem sprechen werde, machte sich los, winkte ihm mit der Hand und verließ dann rasch das Zimmer.
Eine Viertelstunde später ritt George wieder langsam zum Thor hinaus. Der Himmel hatte sich umzogen, der Wind heulte das Thal hinauf und ein feiner Regen begann zu fallen. Er fühlte es nicht. Draußen vor dem Thor hielt er sein Thier noch einmal an und wandte den Blick zurück auf das Schloß.
»Lebt wohl!« sagte er leise und bewegt. »Gott beschütze Euch!« Und das Pferd wieder herumwerfend, trabte er rasch auf der Straße hinab, die nach Haßburg führte.
Über die bewaldeten Berge zogen die Wolken in wilder Hast; von dort herüber leuchtete auch schon fahler Blitze Schein und der Wind riß an den alten Bäumen, als ob er ihre Kraft und Zähigkeit erproben wolle.
Es war eine sehr lange Zeit in Haßburg schönes und trockenes Wetter gewesen. Jetzt schien es, als ob sich die Elemente dafür entschädigen wollten, um mit verstärkter Wuth ihren Reigen aufzuführen. Ein zündender Blitz, als wenn sich das Firmament öffnete, und hinterdrein ein Donnerschlag, der die Erde erbeben machte, und alle Schleusen des Himmels öffneten sich.
Drin im Walde, am obern Ende des Parkes, mit dem Blick nach dem freien Feld, lag das Häuschen des alten Gärtners Jonas, von ihm allein, seiner elfjährigen Enkelin, die er zu sich genommen, weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten, und einer alten Verwandten bewohnt. Das Haus aber, zu einer Gärtnerwohnung eingerichtet, hatte mehr Räumlichkeiten, als der alte Mann benutzen konnte, und der kleine Erker, der sich aber im Winter nicht gut heizen ließ, stand deshalb vollkommen leer.
Hierher hatte man den armen Verwundeten gebracht, und vom Schlosse selber war schon heute Morgen, nachdem man ihn gestern Abend nur nothdürftig auf Laub und eine wollene Decke gelegt, ein ordentliches und weiches Bett heruntergeschafft, damit ihm wenigstens diese Bequemlichkeit nicht fehle.
Der junge Famulus, Rebe's Freund, Frank Hesse, stand neben seinem Lager. Er hatte eben die furchtbare Wunde untersucht und verbunden und der Kranke kaum den Schmerz überwunden, den er dabei gefühlt, wenn er auch keinen Klagelaut ausstieß, sondern die Qual wie ein Mann ertrug.
»Nun, Herr Doctor,« sagte er endlich, als sich seine Nerven wieder ein wenig beruhigt und er die Lippen von einander bringen konnte, »glauben Sie, daß ich's noch lange mache?«
»Lieber Freund,« lautete die ermuthigende Antwort, »gebt Euch keinen solch' traurigen Gedanken hin; es ist ja nur ein Schuß in's Bein, der kann bald wieder heilen.«
»Aber der Knochen ist gebrochen,« sagte der Maulwurfsfänger; »ich fühl's, morsch entzwei, und ob der sich wieder zusammenleimen läßt, der Teufel weiß es.«
»Der Knochen ist allerdings gebrochen,« sagte der junge Arzt, »aber darum doch nicht alle Hoffnung verloren. Der Schuß muß außerordentlich nahe abgefeuert sein.«
»Viel Zeit hatte er allerdings nicht,« brummte der Maulwurfsfänger, bitter vor sich hinlachend, »denn ich war eigentlich schon in den Büschen drin; es können vielleicht eine acht oder zehn Schritt gewesen sein, vielleicht nicht so viel. Die Schrote haben höllisch zusammengehalten, nicht wahr?«
»Es ist beinahe wie ein Kugelschuß,« bestätigte der Arzt. »Habt Ihr denn noch Schmerzen?«
»Nicht mehr, als um einen gewöhnlichen Menschen verrückt zu machen,« sagte der arme Teufel; »ich kann aber einen Puff vertragen. Wie lange leb' ich noch, Doctor?«
»Unsinn, schwatzt nicht solches Zeug! Ihr werdet noch manchem Maulwurf gefährlich werden.«
»Glaub's kaum,« brummte der Alte, »so viel versteh' ich auch von der Geschichte. Schienen kann man den alten Knochen da oben nicht mehr, abnehmen auch nicht, also friß, Vogel, oder stirb. Wir müssen's abwarten, wie Schrader in der Gosse. Ich will auch gar nicht wissen, wie lang's noch dauern könnte, wenn sich der Schuß ausheilen sollte, ich meine nur, wenn – der Brand dazu käm', wie viel Zeit ich dann noch etwa zum Leben hätte.«
»Darüber sprechen wir später,« sagte Frank, dem besonders daran lag, daß sich der Verwundete keinen trüben Gedanken hingeben und dadurch seine Lage verschlimmern sollte. »Jetzt seid guten Muths, Freund, es geschieht hier Alles, was für Euch geschehen kann, und bis Ihr transportirt werden könnt, müßt Ihr nun schon hier aushalten.«
»Transportirt? Ja,« brummte der Verwundete, »ich weiß schon, auf dem alten, verdammten schwarzen Leichenkasten – thut mir nachher kein Finger und kein Bein mehr weh.«
»Vor der Hand noch nicht,« lachte Frank. »Übrigens hütet Euch vor spirituösen Getränken – keinen Branntwein, keinen Wein und kein Bier; den Kaffee hier könnt Ihr trinken, der regt nicht auf.«
»Nein, das weiß Gott,« sagte der Maulwurfsfänger, »höchstens die Galle, daß man ein solches Spülwasser Kaffee nennt; also auf Wasser und Brod gesetzt?«
»Nur für kurze Zeit; sobald das Wundfieber vorüber ist, dürft Ihr wieder kräftige Nahrung zu Euch nehmen.«
»Aber das ist vorüber.«
»Doch nicht ganz; heute Morgen habt Ihr noch eine Menge tolles Zeug geschwatzt.«
»Bah, das thu' ich immer,« sagte der Alte; »aber meinetwegen – nur Einen Wunsch hätt' ich.«
»Den Förster möcht' ich gern einmal anschau'n, wie dem sein Gesicht heut' Morgen aussieht,« lachte der Verwundete ingrimmig in sich hinein. »Ruhig, Spitz,« fuhr er aber gleich darauf, den Hund beschwichtigend, fort, als dieser plötzlich zu knurren anfing. »Ob der nur den Titel des Schuftes hören kann, ohne sich selber zu giften! Ruhig, mein Hund, unsere Zeit kommt doch vielleicht noch einmal!«
Er fiel matt und erschöpft auf sein Lager zurück, denn das viele Sprechen hatte ihn angestrengt, und der junge Arzt suchte jetzt dem kleinen Mädchen – denn mit dem alten, tauben Jonas war nichts zu reden – begreiflich zu machen, in welcher Art sie den Kranken zu behandeln habe. Das Kind fürchtete sich aber vor dem alten, ungeselligen Burschen, der, wenn er allein war, immer vor sich hin lachte oder fluchte; ebenso auch vor dem kleinen, bissigen Hund, der sie immer anknurrte, wenn sie zum Lager wollte, und Frank beschloß deshalb, selber hinüber in das Dorf zu gehen, um eine erfahrene Wärterin zu engagiren. Der Zustand der Wunde war allerdings bedenklich und es durfte in der Behandlung derselben nichts versäumt werden.
Das Gewitter hatte nachgelassen, der Wind sich aber von Südwest nach Nordwest herumgedreht, und ein feiner, kalter Regen peitschte auf die Erde nieder. Wie der Abend endlich dämmerte, war es recht kalt und unfreundlich geworden, ja, so rauh, daß die Gräfin dem einen Diener befahl, in ihrem Kamin ein kleines Feuer anzuzünden. Es fröstelte sie, und der Raum kam ihr heute überdies so öde vor.
Es war völlig Nacht geworden und der Haushofmeister, von einem Diener begleitet, der zwei große silberne und prachtvoll gearbeitete Armleuchter auf den Tisch stellte, hatte die schwerseidenen Gardinen vorgezogen.
Am Kamin, den Blick stier und nachdenkend auf die glühenden Kohlen darin geheftet, saß die Gräfin, neben ihr am Tisch, mit einem Haufen von Zeitungen und Büchern vor sich, der Graf. Aber kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine Frage gestellt, und der alte Herr hielt eben eine große, bunt und elegant gedruckte Karte zwischen den Fingern, die Einladung zu dem heutigen Ball in Haßburg. Nur sein Blick haftete darauf und seine Lippen zogen sich zu einem bittern Lächeln zusammen.
»Wo nur George heute bleibt?« sagte die Gräfin endlich, aber mehr zu sich selber, als zu ihrem Gemahl sprechend, leise vor sich hin. »Er weiß, wie allein wir hier sind.«
Die Thür ging auf und sie wandte rasch den Kopf; aber es war nur der Haushofmeister, der die Theemaschine mit den Tassen hereinbringen ließ.
Draußen heulte der Nordwest und fegte die Terrasse rein; die dichtbelaubten Bäume rauschten und schüttelten schon hier und da einige vergilbte Blätter los, die vom Sturm weit hinab in's Thal getragen wurden.
»Ist der Briefträger noch nicht dagewesen?« fragte der Graf.
»Noch nicht,« erwiderte der Haushofmeister, »aber er kann jeden Augenblick kommen; es ist jetzt seine Zeit, Herr Graf.«
»Wie das da draußen stürmt!«
»Der Regen hat nachgelassen, Herr Graf; aber einen solchen Sturm weiß ich mich nicht zu entsinnen, seit wir hier oben wohnen. Es ist, als ob er die Bäume aus der Erde reißen wollte.«
»Arme Menschen, die jetzt draußen in Wind und Wetter sind,« nickte der Graf, »arme Menschen!«
Der Haushofmeister seufzte tief auf, aber er wagte nicht weiter etwas zu sagen, ordnete das Theeservice, rückte den kleinen Tisch mit der Maschine etwas näher zu seiner Herrin hin, und verließ dann das Gemach.
So verging wieder eine halbe Stunde. Draußen wurde die Vorsaalthür geöffnet und schlug gleich darauf, vom Sturm gefaßt, wieder heftig zu. Der Graf schreckte empor, beruhigte sich aber wieder und nippte an einer Tasse Thee, die ihm die Gattin eingeschenkt.
Schritte draußen – der Haushofmeister kam selber herein; er trug einen silbernen Teller in der Hand, auf dem ein Brief lag. Aber seine Hand zitterte, und mit vor Freude fast bebender Stimme rief er: »Ein Brief, Herr Graf, ein Brief, der Postbote hat ihn eben gebracht!«
Unwillkürlich streckte der Graf die Hand danach aus, aber er ließ sie wieder sinken. »Woher ist er?« fragte er leise.
»Ja, mein bester Herr, das Postzeichen kann ich nicht erkennen, es schwimmt mir Alles vor den Augen; aber die Schriftzüge kenn' ich, die lieben Schriftzüge!«
»Ich will ihn nicht haben,« sagte der Graf und wandte den Kopf zur Seite, als ob er sich seiner Schwäche bewußt sei; »ich will ihn nicht haben.«
»Aber die gnädige Frau Gräfin nimmt ihn dann,« sagte der alte Mann; »oh, dem Himmel sei Dank, da kommt doch endlich Nachricht!«
Er hielt den Teller der Gräfin hin, und sein Blick dankte ihr, als sie den Arm danach ausstreckte.
Finster und schweigend nahm die Gräfin den Brief; nur Einen Blick warf sie auf die Adresse – es waren die Schriftzüge ihrer Tochter – und ohne weiter ein Wort zu sagen, schleuderte sie den Brief auf die glühenden Kohlen im Kamin.
»Frau Gräfin!« schrie der alte treue Diener fast entsetzt auf, »er ist von Ihrer Tochter, von der lieben, lieben Comtesse!« Und fast unwillkürlich wollte er zuspringen, um das auflodernde Papier noch zu retten.
»Halt!« sagte die Gräfin streng, indem sie den Arm abwehrend vorstreckte. »Hußmann, Ihr überschreitet Eure Grenzen!«
Der alte Herr hatte ebenfalls fast unwillkürlich eine Bewegung gemacht, als das Papier in die Flamme flog, aber es war nur ein Moment gewesen; dann nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und murmelte leise vor sich hin: »Es muß sein, es muß sein; es geht nicht anders!«
Eine Rettung des Briefes war nicht mehr möglich. Die Gluthhitze des Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstört, nur noch ein kleiner Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann ließ den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thränen glänzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter – er durfte nicht. Die Frau Gräfin hatte ihn ja schon in seine Schranken zurückgewiesen, und das noch nie nöthig gehabt, noch nie, so lange er zurückdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter sagen, es war ihm verboten worden, und daß er das Kind, die gnädige Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe überwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie hätte er können Ansprüche darauf gründen, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht, eingefallen waren!
Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mädchen hatte geschrieben, an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren, wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe – und der Brief von der Flamme rettungslos und für immer zerstört worden! Mit dem Bewußtsein verbeugte sich der alte Mann demüthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick auf seinen Herrn, der über den Tisch gebeugt saß und nur immer leise vor sich hin mit dem Kopf nickte, verließ er das Zimmer.
»Es ist Alles vorbei,« sagte der Graf flüsternd, als der Haushofmeister schon lange die Thür wieder hinter sich zugezogen hatte – »Alles vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glücklich hätten wir sein können, so glücklich!«
Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein großes Blatt Papier mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie vorwurfsvoll nach der Gattin hinüber – aber sie hatte doch Recht gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des Hauses, stand auf dem Spiel, und der mußte jedes Opfer gebracht werden, jedes – selbst das eigene Kind!
Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.
Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden draußen vor dem Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten ankäme.
Die Gräfin horchte dort hinüber; jetzt war Alles wieder ruhig und die Hausthür ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im Schloß selber rasch vorüber. Was war das?
Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drückte darauf, daß der Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die Gräfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.
Da öffnete sich rasch die Thür und einer der jüngsten Lakaien stürzte mit verstörtem Angesicht herein.
»Was ist, Charles? Was habt Ihr da draußen? Weshalb hört Niemand?«
»Ach, gnädige Frau Gräfin,« rief der junge Bursche ganz entsetzt, »sie – sie bringen ihn!«
»Ihn – wen?« rief der Graf und sprang von seinem Sitz empor.
»Den jungen Herrn Grafen.«
»George?« schrie die Gräfin, und Leichenblässe deckte ihre Züge.
»Ja,« jammerte der junge Mensch, »ganz blutig und so blaß!«
Der Graf gab keinen Laut von sich; einen der schweren silbernen Armleuchter griff er auf und schritt der Thür zu.
»Ich bitte Dich um Gottes willen, George, bleib hier!« rief die Gräfin, die ebenfalls aufgesprungen war und seinen Arm faßte.
Der Graf sah sie mit einem eisig kalten Blick an. »Willst Du mich auch noch von meinem letzten Kinde trennen?« sagte er mit einer Stimme, die gar keinen irdischen Ton mehr hatte, und als ihn die Gräfin erschreckt, entsetzt frei ließ, verließ er das Zimmer, aus dem sie ihm fast willenlos, an allen Gliedern zitternd, folgte.
Sie sollten nicht lange über das Geschehene in Zweifel bleiben.
»Es hilft nichts, wir können es nicht verheimlichen,« hörten sie den Hofmeister sagen, »der Stern des alten Hauses ist gesunken!«
Unten die Hausthür war geöffnet; fremde Männer trugen eine Bahre herein, auf der ein Sterbender lag.
Der alte Graf schritt die Treppe hinab, als ob er auf Luft gegangen wäre; er fühlte keine Stufe unter sich, er sah nichts als ein todtenbleiches Antlitz, das von dem Licht zweier Fackeln und darüber gehaltener Kerzen furchtbar deutlich erhellt wurde.
»George,« sagte er, und er selber hörte nicht einmal den Laut der Worte, »George, was ist geschehen?«
»Unterstützt meinen Vater,« sagte der Verwundete leise, »und dann tragt mich hinauf in mein Zimmer – vorsichtig, es thut gar zu weh!«
Zwei der Diener sprangen zum alten Herrn, aber nur den Armleuchter ließ er sich aus der Hand nehmen, den er noch fest und kräftig hielt; er selber stand aufrecht, die rechte Hand, in der er den Leuchter gehalten, noch immer in der nämlichen Stellung emporgehoben, und sein Blick haftete wie gebannt an dem bleichen Antlitz seines Sohnes.
»Was ist geschehen?« wiederholte er, als sich die Mutter mit einem gellenden Aufschrei an die Bahre des geliebten Kindes, an dem ihr Herz mit allen Fasern hing, warf.
Ein Arzt in Uniform begleitete den Trauerzug. Er konnte eben noch verhindern, daß die Unglückliche nicht auf den Verwundeten fiel und seine Schmerzen vergrößerte.
»Hinauf mit Euch, Leute,« rief er, »rasch in das Zimmer, daß der Kranke zu Ruhe kommt! Wollen Sie sich nicht der Dame annehmen?«
Die Worte galten dem Haushofmeister, der, kaum eines Gedankens fähig, neben dem Entsetzlichen stand.
Weitere Worte waren auch unnütz. Während der Arzt selber das Kopfende der Bahre mit unterstützte und alle Diener zusprangen, hoben sie dieselbe leicht und sicher empor und trugen sie rasch die Treppe hinauf in das Zimmer, wo sie den Unglücklichen gleich mit der Matratze, auf der er hierher geschafft worden war, auf sein eigenes Lager legten.
George, todtenbleich und matt, während die Mutter jetzt an seinem Bett kniete und seine Hand gefaßt hielt, war erschöpft und schloß die Augen, und der Graf, den Arm des Arztes ergreifend, sagte mit leiser, aber fester Stimme:
»Was ist vorgefallen? Sie sind verpflichtet, es mir zu sagen; ich muß Alles wissen!«
»Es kann auch leider kein Geheimniß bleiben, Herr Graf,« sagte der Arzt achselzuckend; »der junge Herr hatte heute Nachmittag um vier Uhr ein Rencontre mit dem jungen Grafen Bolten.«
»Mit Hubert?«
»Mit dem jungen Grafen Hubert; Graf Bolten hatte den ersten Schuß und traf seinen Gegner gleich zu furchtbar sicher. Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor,« flüsterte er ihm leise zu, »Rettung ist unmöglich, die Kugel hat die Lunge verletzt.«
Der Arm des Grafen sank wie gelähmt an seiner Seite nieder, als der Verwundete die Augen aufschlug und leise sagte: »Vater! – Mutter!«
»Mein George, mein liebes Kind, wir sind hier, wir sind bei Dir! Um Gottes willen, was fehlt Dir?«
»Es ist vorbei,« flüsterte der Sterbende, – »ich – kann nicht – mehr sprechen. Seid gut – mit Paula – lebt – wohl!«
Er schloß die Augen und ein Zucken lief über seinen ganzen Körper.
»George, George!« schrie die Mutter und warf sich über ihn. Er rührte sich nicht mehr, es war vorbei, und während der Graf, ein wahres Bild des Entsetzens, an seinem Lager stand und den Blick, wie durch einen Zauber gebannt, nicht von dem starren Antlitz des Todten nehmen konnte, lehnte der alte Haushofmeister in der Ecke und schluchzte laut.
Am nächsten Morgen um zehn Uhr ging Rebe wieder, wie verabredet, zum Director Krüger, um dort das Repertoire für die nächste Vorstellung mit ihm zu besprechen. Er traf den Director in einer nicht geringen Aufregung, und als er nur das Zimmer betrat, rief ihm dieser schon, mit der Hand auf den Tisch zeigend, entgegen:
»Sehen Sie, habe ich Ihnen das nicht vorausgesagt? Jetzt können Sie die Folgen Ihres Leichtsinns erkennen.«
»Aber, bester Herr Director!«
»Haben Sie das Stadtblatt von heute Morgen schon gelesen?«
»Nein, noch nicht.«
»Na, dann machen Sie sich einmal ein Vergnügen. Da liegt der Wisch auf dem Tisch; Strohwisch thut sein Äußerstes.«
»In der That?« lächelte Rebe, indem er das Blatt aufnahm und hineinsah. »Aber es wird dann auch das Äußerste sein, und er ist nachher fertig.«
»Der? Noch lange nicht, da kennen Sie den nicht. Aber lesen Sie nur – nein, bitte, laut. Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, weil mich der Grimm packte. Es ist wirklich ein malitiöser Kerl!«
Rebe las: »Theater in Haßburg. Hamlet, Prinz von Dänemark. Zur Feier...«
»Das können Sie überschlagen,« unterbrach ihn der Director, »das ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versäumniß bewußt...«
»Ah, da. »Wir sind uns einer Versäumniß bewußt, dem Publikum nicht schon gestern über das Stück berichtet zu haben; aber wir müssen gestehen, daß wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem Erstaunen über das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe den Hamlet – wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen hätten, wir würden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze für einen wüsten, unnatürlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir müssen die Thatsache constatiren, daß Herr Horatius Rebe allerdings vorgestern Abend den Hamlet, diesen dänischen Prinzen, auf eine Weise mißhandelt hat, die unserem Nationalgefühl nichts zu wünschen übrig ließ. Wir geben auch zu, daß ohne Herrn Horatius Rebe eine Störung in der Vorstellung stattgefunden haben würde, das heißt, die ganze Vorstellung wäre unmöglich geworden. Aber war das Publikum nicht zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurück, als diesen entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?
»Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstüberschätzung dieses jungen »Künstlers«, der es wagen konnte, ohne zu erröthen – denn er sah blaß aus, daß wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der Geist sei – dem urtheilsfähigen und feingebildeten Haßburger Publikum eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs, denn er konnte sich doch unmöglich einbilden, die geistvolle Auffassung eines Handor uns ersetzt zu haben – also was sonst? Er hat nur eine Rolle hergesprochen, damit das Stück gegeben werden konnte – nur damit kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld zurückzuzahlen.
»Wir haben die Gutmüthigkeit des Publikums bewundert, daß es sich das gefallen ließ und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm das vielleicht in etwas die Angst vergüten, die er gehabt. Nun, Gott sei Dank, der Abend ist auch überstanden und wird hoffentlich nicht wiederkehren.
»Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter Bürger sein, aber wir können es ihm Schwarz auf Weiß geben, daß er ein sehr mittelmäßiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafür: keine Idee einer höheren Auffassung, keine Faser von Genialität, kein Funke jenes göttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren muß.
»Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, daß er ein gutes Gedächtniß hat; möge er deshalb nie vergessen, daß er seine ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbühne Deutschlands fortsetzen kann, daß es aber dem Haßburger Publikum nicht zugemuthet werden darf, einen solchen Genuß zum zweiten Male zu leiden. Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mißbrauch des Vertrauens und hoffen, daß diese milde Rüge genügt hat, Herrn Horatius Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefährlich zu machen.
F. S.«
»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Krüger, als Rebe die Epistel beendet hatte und das Blatt wieder lächelnd auf den Tisch zurücklegte.
»Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert?« sagte er. »Ich kann mir doch nicht denken, daß es auch nur den geringsten Einfluß auf das Publikum selber haben könnte; also lassen Sie ihn schreiben. Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.«
»Das sagen Sie, lieber Rebe,« rief der Director; »aber ich kenne die Welt und mein Publikum besser, und ich versichere Ihnen, der Artikel hat Sie hier zu Grunde gerichtet.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«
»Ja, wollen Sie es denn versuchen?« rief Krüger erstaunt. »Mann Gottes, ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie bei Ihrem ersten Auftreten ausgepfiffen werden!«
»Ich habe keine Furcht, Herr Director,« sagte Rebe ruhig und entschlossen. »Mit solchen schmutzigen Waffen kann ich allerdings nicht kämpfen und werde es nicht, aber wir können jetzt gleich an mir die Probe machen, ob das Publikum wirklich ein Urtheil für sich selber hat, oder ob es sich von jedem lumpigen Literaten leiten und an der Nase herumführen läßt.«
»Ändern Sie einmal die Welt.«
»Ich will sie nicht ändern, ich will sie nur kennen lernen.«
»Na, das Vergnügen können Sie haben,« nickte Krüger; »so viel will ich Ihnen aber sagen, ich habe Sie im Voraus gewarnt. Ich riskire nichts dabei, denn ich bekomme jedenfalls ein volles Haus, und bin auch noch immer erbötig, Sie für einen vollen Monat zu engagiren, aber mit der Bedingung: fallen Sie beim ersten Auftreten gründlich durch, so ist unser Contract gelöst.«
»Und soll Herr Doctor Strohwisch das Urtheil sprechen?« lächelte Rebe.
»Nein,« rief der Director, »Sie selber, denn nach der nächsten Vorstellung bleiben wir nicht lange im Zweifel. Das Gute hat es jedenfalls, daß wir genau wissen, woran wir sind.«
»Gut, ich nehme es an,« nickte Rebe; »ich bin fest entschlossen, dieser Nichtswürdigkeit zu begegnen, und hoffe das Beste.«
»Hoffen, lieber Freund, hoffen ist gar nichts,« sagte der Director. »Aber wollen Sie wenigstens dieses Mal einen guten Rath annehmen?«
»Und welchen, Herr Director?«
»Sie haben den ersten nicht befolgt und, will ich recht ehrlich sein, vielleicht auch gut daran gethan. Ein solcher Mensch wie dieser Strohwisch und alle diese Art Leute ist nicht zu kaufen, sondern nur zu miethen, das heißt, mit Einer Zahlung können Sie sich ihrer nie versichern. Sie brauchen immer Geld und sind unersättlich. Aber wenn es Ihr Stolz auch nicht zuließ, jenen Burschen zu bestechen, so glaube ich, werden Sie doch nichts dagegen haben, seine Pläne zu kreuzen.«
»Wenn das auf ehrenvolle Weise geschehen kann.«
»Ehrenvolle Weise?« sagte der Director, den Kopf ungeduldig herüber und hinüber werfend. »Wenn mich ein unreines Thier anrennt, so sehe ich, daß ich ihm ausweichen kann, und jede Weise ist dabei ehrenvoll, denn Selbsterhaltung bleibt das Hauptgesetz in der Natur. – Ehrenvoll? Nennen Sie es etwa ehrenvoll, wenn Sie den Abend ausgepfiffen werden?«
»Wenn es ohne mein Verschulden und ungerecht geschieht.«
»Und wer fragt danach? Ich bitte Sie um tausend Gottes willen, lassen Sie doch nur die verfluchten Redensarten und werden Sie vernünftig – ohne mein Verschulden und unrecht! Lassen Sie Jemanden auf einen falschen Verdacht hin einstecken und ihm den Kopf herunterschlagen, glauben Sie, daß ihm das nachher eine Beruhigung sein kann, daß es ohne sein Verschulden und ungerecht geschah? Lauter Redensarten; hier haben wir es mit der Sache selber zu thun, und wenn Sie Alles geschickt anfangen, läßt sich dem Musjö doch noch am Ende ein Paroli bieten.«
»Aber wie?«
»Das will ich Ihnen sagen; Geld kostet die Geschichte, weiter nichts. Einige Dutzend Freibillets sollen Sie von mir haben, dann engagiren Sie noch eine Anzahl kräftiger Kerle, die...«
»Mein lieber Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »auf solche Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht; da wäre ein Mittel, meiner Meinung nach, eben so niedrig wie das andere.«
»Aber die größten Künstler thun es!« rief der Director in Verzweiflung.
»Das mögen sie mit ihrem Gewissen ausmachen,« sagte Rebe ruhig; »ich habe vielleicht, wie ich Ihnen gern zugestehen will, ganz eigenthümliche Begriffe von Ehre, aber meine Meinung ist auch die, daß solche literarische Blutegel gar nicht existiren könnten und elend zu Grunde gehen müßten, wenn Alle so dächten wie ich. Von mir sollen sie wenigstens nie auch nur eines Groschens Werth Unterstützung bekommen, und sind sie nur die Ursache, daß ich am Theater nicht vorwärts komme, gut, dann habe ich mir selber wenigstens keine Vorwürfe zu machen und kann nachher mit Ehren die Bühne verlassen.«
»Wieder »Mit Ehren«,« rief der Director ungeduldig. »Gut, dann machen Sie meinetwegen was Sie wollen, ich werde mir die Zunge nicht weiter daran verbrennen; Sie haben's nicht besser verlangt. Und worin also gedenken Sie das nächste Mal aufzutreten? Unser Repertoire kennen Sie ja.«
»Ich möchte Sie um den Fiesco bitten, Herr Director.«
»Fiesco, hm – meinetwegen; Eins ist so gut wie's Andere, und Fiesco auch eigentlich lange nicht da gewesen. Also nächsten Mittwoch, wenn es Ihnen recht ist, denn Sonntags bringt mir eine Posse mehr ein.«
»Und als zweite Rolle möchte ich Sie um den...«
»Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns wegen der zweiten Rolle noch nicht den Kopf zerbrechen. Erst wollen wir einmal sehen, wie die erste abläuft.«
»Sie scheinen kein rechtes Vertrauen zu haben.«
»Hab' ich auch nicht,« sagte Krüger, »weil ich meine Pappenheimer kenne. Also auf morgen werde ich die erste Probe ansetzen, Herr Rebe, Sie sind doch fertig?«
»Ich könnte die Rolle morgen Abend spielen.«
»Alle Wetter, Sie wären in der That ein brauchbares Mitglied! Handor mußte immer vierzehn Tage Zeit haben, und nachher haperte es noch. Überlegen Sie sich nur die Sache mit den Freibillets noch einmal; ich gebe Ihnen mein Wort...«
»Ich werde es mir überlegen, Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »und bei jeder Stunde Nachdenken finden, daß ich so und nicht anders handeln konnte.«
»Sehr schön, Herr Rebe,« sagte der Director trocken, »dann wollen wir einmal am nächsten Mittwoch sehen, wie dick die Mauer sein wird, an der Sie Ihren Kopf zu versuchen gedenken. Guten Morgen!«
»Guten Morgen, Herr Director!« sagte Rebe und verließ langsam und nachdenkend das Haus.
Während Rebe die Unterredung mit dem Director hatte, wurde bei Pfeffers ein ganz eigenes kleines Familienfest gefeiert.
Der Mutter kränklicher Zustand schien sich nämlich in den wenigen Tagen, ja, man konnte fast Stunden sagen, so wesentlich gebessert zu haben, daß Alles im Hause einen freundlicheren Charakter annahm. – War es die veränderte Diät gewesen? Der frühere Doctor, der Theaterarzt (der »Thierarzt«, wie ihn Pfeffer gewöhnlich nannte), der die Stelle durch Protection erlangt, hatte die arme Frau auf Gott weiß was curirt, und ihr fast jede Nahrung entzogen. Es war eine ganz neue, von ihm erfundene Hungercur, der, wie das Gerücht ging, bis jetzt erst wenige Menschen zum Opfer gefallen. Dadurch aber kam Henriettens Mutter von Tag zu Tag mehr herunter, bis sie zuletzt so schwach wurde, daß sie nicht einmal mehr aufrecht sitzen konnte.
Wenn aber Jeremias auf der Welt irgend etwas haßte, so war es Hunger, oder gar eine Hungercur, die den Körper natürlich so schwächen mußte, daß er sich gar nicht mehr, nicht einmal gegen den Arzt, helfen und schützen konnte. Er ruhte deshalb auch nicht, bis er Pfeffer, oder vielmehr Auguste bewog, einen andern Doctor herbeizuziehen, und dieser erklärte denn auch natürlich augenblicklich, daß sie der frühere ganz falsch behandelt habe und die Kranke bei einer noch kurze Zeit fortgesetzten ähnlichen Cur nicht sowohl ihrer Krankheit, als ihrem Magen erlegen wäre. Nahrhafte Speisen wurden verordnet, und Jeremias schleppte herbei, was nur aufzutreiben war: ein Glas stärkenden kräftigen Weins; eine Stunde später stand ein Dutzend Flaschen alten Portweins in der Stube, und dann wo möglich etwas Bewegung, vor der Hand noch im Zimmer, und so viel frische Luft als thunlich.
Half dieses Alles, oder war es mehr ein Gemüthsleiden gewesen, das auf der Seele der Kranken gelegen, aber schon seit gestern Abend trat eine entschiedene Änderung zum Besseren ein, und Henriette sang heute Morgen wie eine Haidelerche im Hause herum.
Die Mutter saß am geöffneten Fenster, denn nach der gestrigen stürmischen und kalten Nacht hatte sich die Luft gereinigt und die Sonne schien warm und klar. Jeremias war fort gewesen, um Rebe aufzusuchen und Näheres über seine weiteren Pläne und Aussichten zu hören, aber er traf ihn nicht in seiner Wohnung und mußte unverrichteter Sache wieder zurückkehren.
»Das ist ein ganz verzweifelter Mensch, Auguste,« sagte er, als er in dem kleinen Zimmer auf und ab ging und sich den kahlen Kopf kratzte, »wie ich gestern mit ihm sprach und ihm meine Hülfe in Allem, was Jettchen betraf, antrug, faßte er mich bei der Hand und sagte: »Mein lieber Herr Stelzhammer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre guten und freundlichen Absichten, und Sie wissen, daß Jettchen's Besitz das Höchste ist, was ich erstrebe, aber ich bin auch fest entschlossen, ihn mir selber zu verdanken. Ich will mir später nie Vorwürfe machen können, daß ich durch meine Frau vorwärts gekommen sei.«
»Und da hat er ganz Recht,« sagte Pfeffer, der in diesem Augenblick eingetreten war und die letzten Worte hörte, »der Rebe ist ein ganzer Kerl, das sage ich noch einmal, und es thut mir jetzt schmählich leid, daß wir ihn früher so unter der Kanone behandelt. Na, wie geht's heute Morgen, Guste, besser? Donnerwetter, Du kriegst ordentlich wieder rothe Backen!«
»Die höchste Zeit, daß ich von Brasilien herüber kam,« rief Jeremias, »Ihr hättet sie hier heilig verhungern lassen.«
»Der verdammte Theaterfriseur,« fluchte Pfeffer, »na, komm Du mir über die Schwelle, ausgenommen zu einem Krankheits- oder Pensionirungsattest! Du meine Güte, wenn ich das erst einmal in Händen hätte und das vermaledeite Komödienspielen an den Nagel hängen könnte!«
»Wünsch' Dir die Zeit nicht heran, Fürchtegott,« nickte die Frau, »alt werden wir Alle früh genug, und doch zehntausendmal lieber von Morgens bis Abends arbeiten, als so da liegen und anderen Menschen zur Last fallen.«
»Zur Last fallen,« brummte Pfeffer, »wem bist Du schon zur Last gefallen, und laß Du das das Jettchen hören, – aber alle Wetter,« unterbrach er sich plötzlich, aus dem Fenster sehend, »kommt denn da nicht Fräulein Bassini wie ein orangefarbener Blitzstrahl angeschossen? Na, die muß eine Neuigkeit haben, da möchte ich meinen Hals darauf verwetten.«
»Kommt sie denn her?« fragte Jeremias.
»Eben ist sie in die Promenadenthür hineingefahren. Was das Frauenzimmer für eine Eile hatte!«
»Wer weiß, was sie hat,« sagte seine Schwester.
»Sicher nichts Gutes,« nickte Pfeffer, »sonst liefe sie nicht so rasch, darauf kannst Du Dich verlassen. Da ist irgend ein Unglück geschehen, oder der Teufel sonst wo los. Ich kenne meine Schwester.«
»Wenn Du nur immer 'was auf die arme Lise bringen kannst,« lächelte die Frau, »und Du hast sie doch lieb, und ich möchte keinem Andern rathen, Übles von ihr zu reden.«
»Wenn sie nur ein klein wenig Vernunft annehmen und sich nicht immer so verflucht lächerlich machen wollte,« sagte Pfeffer, »sonst ist sie ja gut genug, und auf's Theater paßt's. Sie spielt aber den ganzen ausgeschlagenen Tag Komödie, von dem Augenblick an, wo sie Morgens aufsteht, bis Abends, wenn sie wieder einschläft. Ein verrückteres Frauenzimmer ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.«
»Habt Ihr es schon gelesen?« rief in diesem Moment die besagte Dame, wie sie nur den Kopf zur Thür hereinsteckte, »habt Ihr das Schandblatt schon gesehen? Es ist himmelschreiend, daß so etwas nur die Censur passirt. Da könnte man ja eben so gut in Brasilien bei den Cannibalen leben.«
»Bitte,« meinte Jeremias.
»Nun, hab' ich es nicht gesagt?« lachte Pfeffer.
»Was hast Du gesagt, was ist vorgefallen?« rief die Schwester heftig.
»Na, das mußt Du doch am besten wissen. Was hast Du denn da für ein Zeitungsblatt in der Hand?«
»Habt Ihr das Stadtblatt noch nicht gelesen? Dann habt Ihr nichts gelesen,« rief Fräulein Bassini mit Emphase.
»So, und was steht darin?«
»Eine Kritik über Rebe.«
»Alle Wetter! Gut?«
»Da lies, mach' Dir ein Vergnügen,« sagte Fräulein Bassini, »hier, von Herrn Doctor Strohwisch, Deinem guten Freund.«
»Meinem guten Freund?« brummte Pfeffer, indem er das Blatt nahm und leise vor sich hinmurmelnd an zu lesen fing.
»Und habt Ihr schon gehört,« fuhr indessen Fräulein Bassini fort, um ja keine Zeit zu versäumen, »daß sich des Lumps, des Handor wegen die beiden jungen Grafen von Monford und Bolten gestern duellirt haben und Graf Bolten den Andern todtgeschossen hat?«
»Oh Du lieber Gott,« stöhnte Auguste, »die armen Eltern!«
»Ja, das ist nun nobel,« sagte die Schwester, »damit geben sie einander die Ehre wieder, daß sie sich abschlachten. Die ganze Stadt ist voll davon.«
»Und so reiche, vornehme Leute!«
»Ja, wie gut könnten die es haben; aber ob es wohl Jemand einmal weiß, wenn es ihm wohl ist. Gott bewahre, immer will er's noch wohler haben, bis er zuletzt drin sitzt. So reiche Menschen; sie sitzen ja im Geld, sie wissen nicht wie tief, und silberne Spucknäpfe sollen sie in den Zimmern haben; aber Hochmuth kommt vor dem Fall.«
»Alle Teufel!« rief Pfeffer, der indessen die Einleitung überflogen hatte und jetzt zu dem Kern des Ganzen kam. Jeremias stand neben ihm und sah ihm über die Schulter in's Blatt.
»Oh Du Lumpenkerl!« murmelte er leise vor sich hin, und ballte schon in Gedanken die Faust.
»Das ist ja ein sauberer Patron!«
»Wie? Nu, was habe ich gesagt?«
»Was schreibt er denn?« fragte Auguste.
»Kannst die Bescherung gleich lesen – ei Du Himmelhund, Du Verdammter! Wenn er ihm fünf Thaler in den Rachen geschoben hätte –«
»Ja, schieb einmal, wenn Du nichts hast,« sagte Fräulein Bassini.
»Das ist derselbe Musjö, dem ich einmal auf Rebe's Treppe begegnet bin,« rief Jeremias.
»Nein, da hört Alles auf,« schrie Pfeffer, »ei zum Teufel mit dem Wisch!« und damit knillte er das Papier zusammen und schleuderte es auf die Erde.
»Aber, Fürchtegott,« rief Fräulein Bassini erschreckt, »die Zeitung gehört ja dem Schuhmacher, meinem Hausherrn – was hat denn das arme Papier nur gethan?« – und sie hob es auf und glättete es wieder aus.
»Bitte, laß es mich einmal lesen,« sagte Auguste, und streckte die Hand danach aus.
»Ja, ich möchte es auch einmal haben,« meinte Jeremias, »kann man denn nicht so eine Nummer zu kaufen bekommen?«
»Gewiß, in der Expedition, aber das fehlte auch noch.«
»Ich möchte doch eine Nummer haben,« meinte der kleine Mann, indem er sich heftig die Hände rieb, »und wenn es nur das wäre, um jedes Mißverständniß zu vermeiden.«
»Mißverständniß?«
»Das ist schändlich,« sagte Henriettens Mutter, »wirklich boshaft, niederträchtig, und ich begreife nur nicht, daß sich das Publikum dies gefallen läßt. Er sagt ihnen doch darin mit dürren Worten: Ihr versteht Alle nichts, daß ihr so ein Wesen von dem Rebe macht, ich bin der allein Kluge!«
»Und so ein Lump kriegt ein Freibillet,« rief Pfeffer, »na, wenn ich Director wäre, ich wollte Dich befreibilletten!«
»Der Mensch wird außerdem jetzt Alles daran setzen, um den armen Rebe vollends zu ruiniren,« sagte Fräulein Bassini, »denn er darf jetzt ja nicht einmal mehr applaudirt werden, sonst hätte er nicht Recht gehabt.«
»Natürlich,« sagte Pfeffer, »was der jetzt thun kann, thut er.«
»Und ich glaube nicht einmal, daß ihn der Director nach der Recension wieder spielen läßt,« fuhr Fräulein Bassini fort, »ich kenne ihn, und was der für eine Angst vor diesem aufgesteckten Strohwisch hat, kann gar kein Mensch glauben.«
»Dann geschieht ein Unglück,« sagte Jeremias, und seine Stimme hatte etwas Feierliches, »dann geschieht wahrhaftig ein Unglück.«
»Na, was wird für ein Unglück geschehen,« brummte Pfeffer, »wer einmal Pech haben soll, verliert die Butter vom Brode.«
»Da kommt Jettchen,« rief die Mutter rasch, die das junge Mädchen draußen hörte, »thut die Zeitung weg; sagt ihr nichts davon, das arme Kind kränkt sich sonst zu sehr.«
Fräulein Bassini schob sie rasch in ihre Tasche, aber wie Jettchen eintrat, stockte das Gespräch, und Jeremias selber machte ein so bestürztes Gesicht, daß sie gleich wußte, es war etwas vorgefallen.
»Guten Morgen mitsammen,« rief sie lachend aus, sah aber Alle dann erstaunt im Kreise an und sagte: »Nun, was habt Ihr denn, Ihr seht mich ja Alle so merkwürdig an, was ist denn? Mutter, es ist irgend etwas geschehen?«
»Nichts, was uns beträfe, Kind,« fiel aber hier Fräulein Bassini ein, die sich noch am ersten faßte, »aber hast Du noch nichts von dem Unglück bei Monfords draußen gehört?«
»Leider ja,« nickte Jettchen traurig – »Du lieber Gott, so ein junges, hoffnungsvolles Blut, und in seinem frischesten Alter!«
»Kanntest Du den jungen Grafen?«
»Ich habe ihn draußen im Schlosse gesehen, als ich früher der Comtesse manchmal Arbeiten hinaufbrachte, und in letzter Zeit ist er auch manchmal mit Graf Rottack hier vorbeigeritten. Es war derselbe, Onkel, der damals dem armen Jungen hier vor dem Hause, dem Graf Bolten den Karren überritten hatte, Geld gab, um ihn für den Verlust zu entschädigen.«
»Und der Nämliche hat ihn jetzt todtgeschossen?«
»Und was für Strafe bekommt er nun?«
»Strafe?« sagte Fräulein Bassini, »solche vornehme Herren werden sie auch strafen! Übrigens ist er noch dieselbe Nacht fortgereist, und nun sucht ihn, wenn Ihr ihn haben wollt.«
»Aber was hast Du nur, Vater?« sagte Jettchen, die erstaunt Jeremias betrachtete. Dieser war indessen in der Stube, sich immer die Hände reibend, auf und ab gegangen, und so mit seinen eigenen Gedanken dabei beschäftigt, daß er die Frage nicht einmal gleich hörte.
»Was ich habe, Kind?« sagte er dann, als Jettchen die Worte wiederholte, »oh, oh, nichts, ich dachte nur in dem Augenblick gerade an 'was, ich habe noch etwas zu thun, beinah' hätte ich's vergessen. Also guten Morgen miteinander!«
»Wo willst Du denn hin, Jeremias?«
»Ich muß einmal nach Hause, ich komme nachher wieder!«
»Um zwölf Uhr essen wir.«
»Gut, ich werde kommen, sollte ich aber um zwölf Uhr nicht da sein, so wartet nicht auf mich, denn es ist doch möglich, daß ich Abhaltung bekäme,« und mit den Worten schoß er zur Thür hinaus.
»Was hat nur der Vater?« sagte Jettchen verwundert; »er sah so merkwürdig verstört, so zerstreut aus.«
»Gott weiß es,« brummte Pfeffer, »irgend noch ein paar brasilianische Schrullen vielleicht, die ihm im Kopf herumgehen! Laß ihn nur laufen, der findet sich wieder zurecht, dafür ist mir gar nicht bange. Wo warst Du, Jettchen?«
»Ich habe den Brautkranz fortgetragen,« sagte das junge Mädchen, »und jetzt gar nichts weiter zu thun, als den bestellten Kranz für Graf Rottack zu machen.«
»Das ist gescheidt, da kannst Du Dich endlich einmal ausruhen.«
»Aber die Zeit wird mir lang werden, und was hätte ich Alles zu thun bekommen können! Wie viele Arbeiten waren bestellt, aber Vater wollte es ja nicht leiden.«
»Ganz vernünftig von ihm, denn Du hättest Dich caput gearbeitet, das ist sicher. Nun aber sieh nach Deiner Küche, Schatz, daß wir 'was zu essen bekommen!«
»Ist Alles in Ordnung, Onkel,« nickte Jettchen, »brauche nur ein wenig nachzulegen, denn während es kochte, bin ich blos die zwei Schritt hinüber gelaufen. Punkt zwölf Uhr kann das Essen auf dem Tisch stehen.«
Jeremias stieg in einer unbeschreiblichen Stimmung die Treppe hinab, und niemand Anders war die Veranlassung dazu, wie der arme, unselige Recensent.
»Oh Du Federfuchser,« rief er dabei halblaut vor sich hin und ballte die gar nicht so unansehnliche Faust gegen das Treppengeländer, »oh Du verfluchter Federfuchser – hätt' ich Dich, wie wollt' ich Dich!« Aber er hatte ihn eben nicht, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als Rebe aufzusuchen, um mit diesem zu besprechen, was sich etwa in der Sache thun ließ, denn daß sich etwas thun ließ, davon war er fest überzeugt.
Rebe fand er allerdings, aber bei ihm selber auch nicht die geringste Unterstützung in der Angelegenheit.
Rebe blieb dabei, daß die Persönlichkeit, von welcher der Angriff stamme, so tief unter ihm stehe, daß er gar nichts in der Welt mit ihm anfangen könne, und was das beträfe, gegen ihn zu agiren, so würde er sich dadurch mit diesem Strohwisch genau auf Eine Stufe stellen, daran sei also gar nicht zu denken. Die einzige Waffe, die er in Händen habe, sei die, dem Publikum durch seine Darstellung zu beweisen, daß Jener gelogen habe; weiter könne er nichts, weiter werde er nichts thun.
Jeremias suchte ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Fortkommen an hiesiger Bühne sichern wolle, und Rebe behauptete, das wäre nur dadurch möglich, daß er alle Chancen liefe. Aber sich jetzt und für Eine Vorstellung einen Erfolg sichern und damit alle übrigen noch in Frage gestellt lassen, käme ihm ungefähr ebenso vor, als ob Jemand über einen mächtigen Strom schwimmen wolle und zuerst in einem Teich versuche, ob er sich eine so lange Zeit über Wasser halten könne, bei dem Versuch aber Blasen unter die Arme binde. Er täusche Niemanden damit als sich selber, und müsse dann später dafür büßen.
Es war mit dem Menschen nichts anzufangen, denn er blieb hartnäckig dabei, daß er ehrenvoll siegen oder lieber seine Stellung aufgeben und anderswo beginnen wolle; denn nur dadurch könne er sich seine Selbstachtung und die Achtung anderer ehrenwerther Leute bewahren.
Jeremias mußte ihm ja wohl im Herzen Recht geben. Es war ganz hübsch und ehrlich gehandelt, aber dumm, stockdumm, wenn er das auch nicht gerade aussprach, und in voller Verzweiflung lief er endlich hinüber zu Director Krüger, um von diesem vielleicht eine andere Ansicht zu hören. Das Mittagessen bei Pfeffers hatte er lange vergessen und versäumt.
Hier fand er seinen Mann. Krüger, dem selber daran lag, daß sich Rebe am hiesigen Theater behaupten möge – denn wo fand er solchen ersten Liebhaber gleich für die Gage wieder, mit der er sicher die erste Zeit mit Rebe abschließen konnte –, gab Jeremias in Allem Recht und war so vollkommen in jeder Hinsicht seiner Meinung, daß ein Gespräch fast ganz unmöglich wurde.
Der Director theilte dem kleinen, lebendigen Fremden auch ganz aufrichtig seine eigenen Ansichten über den Recensenten mit; weshalb sollte er sich auch geniren? Strohwisch kostete ihm überhaupt jährlich viel Geld, und Jeremias begriff zuletzt nur das nicht, wie man sich noch mit einem solchen Menschen abgeben und in persönlichem Verkehr mit ihm stehen konnte.
»Lieber Gott,« sagte der Director, »was will ich dagegen thun? Soll ich mir mein ganzes Theater fortwährend schlecht machen lassen? Das Publikum bekäme doch zuletzt, wenn es das alle und alle Tage hörte und läse, einen Widerwillen dagegen und ginge mir schließlich gar nicht mehr hinein; deshalb zahle ich ihm das Blutgeld und stopfe ihm das Maul.«
»Also wann ist Fiesco?«
»Nächsten Mittwoch; wenn Sie etwas thun könnten – aber um Gottes willen, ohne daß es Rebe erführe, denn er würde die ganze Geschichte verderben –, so wäre es mir sehr angenehm, und auf meine Unterstützung dürfen Sie rechnen.«
»Aber in welcher Art?«
»Ich will Ihnen sagen, was ich fürchte,« erwiderte Krüger. »Ich fürchte, Strohwisch wird Anstalten getroffen haben, Herrn Rebe das nächste Mal auspfeifen zu lassen; er hat mir genau dasselbe schon einmal gemacht.«
»Aber das Publikum wird sich das nicht gefallen lassen.«
»Lieber Gott, alle Menschen erfreuen sich zuweilen an einem Skandal,« sagte Krüger, »und wenn nur drei oder vier in derartigen Arbeiten geschickte Leute vortheilhaft im Parterre placirt sind, so finden sie überall ein paar nichtsnutzige Jungen, die ihnen helfen. Sie glauben gar nicht, wie das Pfeifen ansteckt.«
»Hurrjeh,« sagte Jeremias, »vielleicht käme er selber hinein; wenn ich nur dann in der Nähe wäre!«
»Er selber würde sich wahrscheinlich ruhig verhalten, aber das Ganze dirigiren.«
»Na, warten Sie 'mal, dagegen ließe sich doch am Ende noch 'was thun. Apropos, haben Sie Polizei im Theater?«
»Auf die dürfen Sie nicht rechnen,« sagte der Director; »allerdings stehen ein paar Mann im Vorsaal, aber bei derartigen Gelegenheiten verhalten sie sich rein passiv.«
»Sehr schön,« sagte Jeremias, »weiter verlange ich nichts, und nun empfehle ich mich bestens!«
»Sie sind fremd hier in der Stadt, Herr Stelzhammer?«
»Fremd allerdings; aber ich glaube, ich weiß Jemanden, der mich unterstützen kann.«
»Darf ich fragen, wen?«
»Ihren Theaterdiener Peters.«
»Da sind Sie in vortrefflichen Händen,« lachte Krüger vergnügt; »aber lassen Sie ihn um Gottes willen nicht ahnen, daß ich von der Sache etwas weiß!«
»Haben Sie keine Sorge – bitte, bemühen Sie sich nicht, ich finde schon meinen Weg!« Und während der Director oben in seinem Zimmer, sich vergnügt die Hände reibend, auf und ab ging, stieg Jeremias langsam die Treppe hinunter.
Director Krüger wohnte zwei Treppen hoch, und jede Etage bestand aus zwei Abtheilungen Stufen, die in dem alten Hause ziemlich steil aufwärts führten, aber durch Seitenfenster hell erleuchtet wurden.
Jeremias war eben den ersten Absatz hinabgestiegen, als ein Herr dicht unter ihm die Treppe heraufkam und zu ihm aufsah. Der Fremde, welcher etwa einen Kopf größer als unser kleiner Freund sein mochte, stand noch drei oder vier Stufen unter ihm, als er den Kopf zu ihm empordrehte und Jeremias plötzlich halten blieb.
»Hurrjeh!« rief er aus, indem er sich so klein machte, daß er seinen Kopf ziemlich in eine Richtung mit dem die Treppe Heraufkommenden brachte und beide Hände dabei auf die Kniee stützte. »Habe ich nicht das Vergnügen, den Herrn Doctor Strohwisch vor mir zu sehen?«
»Das ist allerdings mein Name,« sagte der Herr. »Und mit wem hab' ich die Ehre?«
»Na, seh'n Sie einmal an,« rief Jeremias, ohne die Frage zu beantworten, »und so hübsch allein unter vier Augen! Da erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen gleich zu sagen, mein lieber Herr Strohwisch, daß Sie ein ganz miserabler, erbärmlicher Dintenkleckser und Schubbejack sind!«
»Sie alberner Esel!« rief der Doctor, der gar nicht gleich wußte, über was er am meisten erstaunen sollte, über die kleine, geduckte, komische Gestalt, die vor ihm kauerte und die er deshalb auch, was persönliche Kraft anbetraf, bedeutend unterschätzte. »Was unterstehen Sie sich? Fort, oder ich werfe Sie die Treppe hinab!«
»So?« sagte Jeremias, der nur auf eine solche Einladung gewartet zu haben schien, drückte sich mit der Linken seinen Hut fest und hatte aber auch im nächsten Moment schon den Doctor beim Kragen, der sich wie ein Kind in seinem Griffe wand.
»Herr, lassen Sie mich los!« schrie er.
»Treppe hinunter – so?« rief Jeremias. »Wundervolle Idee – Kopf weg unten!« Und ehe der »Doctor« nur einen Hülferuf ausstoßen konnte, hatte er ihn herumgedreht, und wie ein Pfeil schoß er die Treppe hinab.
Jeremias' Blut war aber jetzt aufgeregt. Alberner Esel hatte er ihn genannt – was vorangegangen, zählte nicht – und die Recension geschrieben, und da unten kullerte er auf der Treppe herum. Unglücklich für ihn trug Doctor Strohwisch auch ein spanisches Rohr in der Hand, und Jeremias wußte eigentlich später gar nicht mehr recht, wie es gekommen war; ehe er sich aber auf etwas besann, war er die Stufen hinab unten bei seinem Schlachtopfer, hatte ihm den Stock aus der Hand gerissen und zerwalkte ihn dabei nach Herzenslust.
Strohwisch schrie um Hülfe und versuchte zuletzt, zur Verzweiflung getrieben, Gegenwehr; aber jetzt wurde Jeremias erst recht böse. In der Etage, wo er sich befand, wurden Stimmen laut, und um den Kampfplatz auf neutrales Gebiet zu verlegen, faßte er den Unglücklichen wieder beim Kragen und warf ihn vor sich her den nächsten Absatz hinunter, von wo nur noch eine niedere Stufenreihe bis zur Hausthür blieb, und hier folgte Fortsetzung.
Oben in der zweiten Etage stand Director Krüger, schaute über das Geländer hinab und hätte vor Wonne applaudiren mögen, wenn er es sich nur getraut hätte. Unten in der ersten Etage war das Dienstmädchen und dann der Herr Ober-Appellationsrath X. mit der Frau Ober-Appellationsräthin und Fräulein Tochter herausgekommen. An der Hausthür, da der Schall des Tumults hinausdrang, hatten sich ebenfalls Leute gesammelt und drängten zuletzt bis in's Haus hinein. Und oben auf dem ersten Absatze stand Jeremias und prügelte Strohwisch, bis er den Stock in Atome zerschlagen hatte und seinen Arm nicht mehr rühren konnte; dann warf er ihn den letzten Absatz hinunter, den Stummel des spanischen Rohrs, mit einem sehr zierlich geschnitzten Elfenbeinknopfe daran, hinter ihm her, und während er selber an ihm vorüberschritt, sagte er: »So, Herr Doctor, jetzt wünsche ich Ihnen wohl zu bekommen. Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.«
»Herr Stelzhammer,« sagte da ein Mann in einem rothen Kragen, der sich indessen durch die immer anwachsenden Zuschauer in das Haus gedrängt hatte, »es thut mir leid, Sie in Ihrer Beschäftigung zu stören.«
»Bitte, ich bin eben fertig,« meinte Jeremias.
»Nun desto besser,« sagte der Mann; »aber nun ersuche ich Sie auch, einmal ein bischen mit mir zu kommen, denn ich habe hier auf Ruhe und Ordnung zu sehen.«
»Mein lieber Herr,« erwiderte Jeremias, jetzt nicht im Geringsten um die Folgen besorgt, denn er sah wohl, daß er es hier mit einem Polizeidiener zu thun hatte, »Ruhe herrscht jetzt, und daß der Herr da ordentliche Prügel besehen hat, wird er Ihnen selber bezeugen können. Ich hoffe, Sie sind nun befriedigt.«
»Doch nicht so ganz,« lachte der Gerichtsdiener, »Sie müssen mit.«
»Verhaften Sie den Kerl im Namen des Gesetzes!« schrie jetzt Strohwisch, der sich kaum von seiner Betäubung erholt hatte. »Ich bin hier auf die nichtswürdigste Weise von ihm angefallen und mißhandelt worden; mein Eigenthum ist dabei zerstört, mein Stock in Selbstvertheidigung zerschlagen, meine Hose zerrissen und beschmutzt...«