»Die Keile nennt er Selbstvertheidigung!« lachte Jeremias.

»Na,« meinte der Polizeidiener mit einem Blick auf die robuste Gestalt des Doctors, »Sie sehen mir allerdings aus, als ob Sie sich hätten wehren können; aber das ist einerlei, Sie mögen das Beide vor Gericht ausmachen.«

»Aber ich werde doch nicht...«

»Ja, Sie müssen auch mit,« sagte der Mann trocken; »ich kann hier nicht untersuchen, wer angefangen hat. Also bitte, machen Sie keine Umstände.«

Immer mehr Leute hatten sich indessen in das Haus gedrängt; denn was sieht das Publikum lieber, als eine Prügelei mit späterer Abführung der Betheiligten durch die Polizei, die gerade so dazu gehört, wie die Verlobung von zwei verliebten Paaren am Ende eines Lustspiels.

»Meine Herren,« sagte der Diener der öffentlichen Sicherheit zu den Eindrängenden mit jener Hochachtung, die er stets Leuten gegenüber beobachtete, gegen welche »noch nichts Gravirendes bekannt geworden«, »seien Sie so gut und gehen Sie nach Hause; Sie sehen, es ist Alles vorüber. Bitte, machen Sie Platz, es kann ja kein Mensch durch.«

Die Leute gaben langsam Raum; aber Doctor Strohwisch brauchte noch einige Zeit, um seine sehr derangirte Toilette etwas in Ordnung zu bringen. Er wollte auch noch Schwierigkeiten machen, mit einem Polizeidiener am hellen Tag durch die Straßen zu gehen, aber es half ihm nichts. Der Mann des Gesetzes blieb unerbittlich wie das Gesetz selber, und wenige Minuten später expedirte der würdige Beamte die beiden Übelthäter zum innigen Vergnügen einer Anzahl zerlumpt und anständig gekleideter Straßenjungen nach dem Rathhaus hin. –

Die Straße herab kam Graf Rottack. Er sah ernst und angegriffen aus, und als er dem Menschenknäuel begegnete, wollte er eben, vor der Berührung damit zurückscheuend, nach der andern Seite der Straße hinüberbiegen, als sein Blick auf Jeremias fiel und er erstaunt und verwundert stehen blieb.

»Aber, Jeremias, um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht? Was ist vorgefallen?«

»Nur eine Kleinigkeit, Herr Graf,« lächelte der kleine Mann, aber doch etwas verlegen, in solcher Gesellschaft gerade von ihm betroffen zu werden; »ich und der Herr da geriethen ein wenig aneinander.«

»Ich leiste Bürgschaft für den Herrn,« sagte Felix zu dem Gerichtsdiener; »mein Name ist Graf Rottack.«

»Thut mir leid, Herr Graf,« erwiderte der Mann ruhig, »das hier nicht annehmen zu können. Meine Pflicht ist, die beiden Männer auf's Rathhaus hinaufzuführen und die Anzeige zu machen. Dort notirt dann der Herr Actuar den Fall, und wenn Sie mit hinaufgehen, so hat es nicht die geringste Schwierigkeit, daß der Gefangene augenblicklich auf freien Fuß kommt.«

»Schön.«

»Aber, bester Herr Graf!«

»Gehen Sie nur voran,« lächelte dieser, »denn escortiren möchte ich mich nicht gern lassen; ich folge Ihnen aber augenblicklich.«

Er zog sich zurück, denn einige der Zuschauer, die vielleicht gehofft hatten, daß irgend ein gewaltsames Einschreiten oder sonst ein amüsanter Zwischenfall eintreten könne, preßten näher. Das Rathhaus war nicht weit entfernt, und nachdem die beiden Feinde, nicht gerade zur Erbauung des ziemlich bös zugerichteten »Doctors«, noch eine Weile in dem Vorsaal hatten warten müssen, da gerade ein Dienstmädchen wegen versuchten Diebstahls verhört wurde, kamen sie endlich vor.

Die Verhandlung war übrigens eine kurze; Jeremias, der vorher seinen Vor- und Zunamen wie überhaupt eine kurze Lebensbiographie zu Protokoll geben und erklären mußte, daß er noch nie vor Gericht gestanden, leugnete nicht, den Doctor Strohwisch zuerst angefaßt und geprügelt zu haben, und da Graf Rottack jetzt ebenfalls vorgelassen wurde und erklärte, Bürgschaft für das Erscheinen des Herrn vor Gericht leisten zu wollen, so wurde der Delinquent entlassen.

Der Doctor, eine allbekannte Persönlichkeit in Haßburg, blieb noch oben, um seine Klage gegen den Überfall zu formuliren und gleich aufnehmen zu lassen.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, Jeremias,« rief Rottack, als sie wieder zusammen auf der Straße waren, »was hat Sie denn zu einem solchen Gewaltstreich bringen können? Wir sind doch hier nicht mehr in Brasilien!«

»Mein lieber Herr Graf,« sagte der kleine Mann und schämte sich jetzt ein wenig der Rolle, die er gespielt, »Sie haben Recht – ich hätt's nicht thun sollen, aber die Galle lief mir über. Der Mensch war ein Recensent, und – da hab' ich noch einmal den Hausknecht herausgekehrt; aber ich verspreche es Ihnen, es soll zum letzten Mal geschehen sein, denn ich darf Ihnen doch keine Schande machen!«

»Und was, beim Himmel, haben Sie mit den Recensenten zu thun?« lachte Graf Rottack.

»Das ist weitläufig, das erzähle ich Ihnen ein andermal. Und wie geht es der Frau Gräfin?«

»Sie ist unwohl,« seufzte Felix; »manches Leid verwandter Freunde hat sie tief betroffen und angegriffen. Aber von Ihnen selber weiß ich gar nichts weiter, seit wir uns bei jenem Fräulein – wie hieß sie doch gleich?«

»Bassini.«

»Ja, ganz recht – bei jenem Fräulein gesehen. Haben Sie Frieden mit Ihrer Familie geschlossen? Sie hätten uns wohl einmal, als alten Freunden, Nachricht geben können.«

»Ich gestehe, daß ich wie ein schlechter Kerl gehandelt habe,« rief Jeremias; »aber erstens wußte ich nicht, ob ich Ihnen recht kam, und dann hab' ich die Zeit über so viel zu thun gehabt. Aber Gott sei Dank, es geht Alles recht gut, und wenn Sie es mir erlauben, so komme ich einmal in diesen Tagen und statte ausführlichen Bericht ab.«

»Das soll ein Wort sein, Jeremias,« sagte Graf Rottack, ihm die Hand reichend. »Glauben Sie mir, wir haben die alten Freunde noch nicht vergessen und viel zu wenig neue gefunden, um sie entbehren zu können.«

»Lieber Herr Graf...«

»Auf Wiedersehen, Jeremias!« Und Graf Rottack schritt, tief aufseufzend, die Straße hinab.

28.
Die Contremine.

Der junge, hoffnungsvolle und in der Blüthe seiner Jahre dahingeraffte Graf George von Monford war begraben worden und damit die Tragödie, die einige Tage die Stadt beschäftigt, zu Ende gespielt. Sein Gegner, der junge Graf Bolten, schien seit der Zeit verschwunden; er hatte jedenfalls den Staat verlassen, und die Secundanten wurden verhört und sahen ihrer formellen Strafe entgegen, die ihnen aber jedenfalls leicht genug gemacht wurde.

Es ist auch eine eigene Sache um das Duell und die dagegen erlassenen Gesetze. Wir Alle sind wohl darüber einig, daß es eine gegen die Moralität verstoßende Sitte ist, wenn zwei Menschen in der Absicht, einander zu tödten, gegen einander auftreten. Wir finden es auch natürlich, daß der Staat eine Strafe darauf setzt, aber wie Wenige von denen, die wirklich gegen eine solche »Unsitte« streiten, würden sich selber ihr entziehen, wenn sie sich zu einem solchen Kampf gezwungen sähen!

Ich bin weit davon entfernt, Die zu tadeln, die aus moralischen oder religiösen Bedenken das Duell durchaus für sündlich halten und sich deshalb nicht schlagen. Es ist das eine Gewissenssache, über die kein Anderer ein Recht hat zu urtheilen – aber man soll auch Die nicht verdammen, die mit einem – möglicher Weise irrigen Ehrgefühl eine erlittene Beleidigung nur glauben durch Blut auswaschen zu können. Auch bei ihnen ist es eine Gewissenssache, und wenn hierbei eine Majorität entscheiden könnte, so wären sie ganz entschieden und unzweifelhaft im Recht.

Muth? – Es ist möglich, daß mehr moralischer Muth dazu gehört, eine Herausforderung abzulehnen, als sie anzunehmen; aber das Duell selber ist noch ein letztes Überbleibsel fast der alten, kräftigen Ritterzeit, wo der Mann auch für sein eigenes gutes Recht einstand und nicht um jeden Quark die Polizei belästigte. Das Duell hat manchen Übelstand, ja; mancher Streit wäre auch vielleicht ohne solch ein gewaltsames Mittel beizulegen gewesen, mancher Familie endloser Jammer, namenloses Leid erspart worden, aber trotzdem ist es in vielen Fällen nicht möglich, es zu vermeiden. Es ist ein anerkanntes Übel, aber ein nothwendiges, und nur eine Umwandlung unserer Ansichten und Meinungen könnte dem Zweikampf ein Ende machen.

Hier freilich hatte alte Sitte ein furchtbares und schweres Opfer gekostet, den einzigen Sohn des Hauses, das letzte Kind, und wie das Glück in früheren Jahren nicht müde geworden schien, all' seine Gaben mit verschwenderischen Händen über die von Tausenden beneidete Familie auszustreuen, so unerbittlich schritt jetzt das Unglück durch die verödeten Räume seine erbarmungslose Bahn, das Haus der Freude in ein Haus des Jammers wandelnd.

Der junge Graf war, von einem prächtigen Leichengepränge begleitet, in die Familiengruft beigesetzt worden, und wie die unglücklichen Eltern in das Schloß zurückkehrten, schien das sonst so gastfreie und allen geselligen Freuden geöffnete Haus in ein düsteres Kloster verwandelt zu sein.

Draußen das blitzende Thürschloß des Gartenthors deckte, der englischen Sitte nach, ein Trauerflor – der größte Theil der Dienerschaft war entlassen worden; der alte Graf wollte die vielen Menschen nicht mehr um sich sehen, die Fenster wurden verhängt und nur so weit geöffnet, um das nöthigste Tageslicht herein zu lassen, und die Gräfin selber lag gebrochen auf ihrem Bett.

Der Verlust Paula's hatte sie erschüttert, aber weit mehr ihren Zorn als ihren Schmerz erweckt; der Verlust des Sohnes, an dem ihr Herz mit aller Liebe hing, deren es nur fähig war, brach die Kraft, die sie bis dahin aufrecht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rücksichtsvoll ihrem Grame hin, als sie den vorher hart und kalt in ihrer Brust zurückgehalten.

Das war ein trauriges Leben jetzt in dem sonst so fröhlichen Hause, und der alte Haushofmeister schlich wie ein Geist in den Räumen umher, als ob er die Verlorenen suche und ihren Verlust noch nicht glauben könne, noch nicht denken möge. So aufmerksam er aber dabei den Grafen selber bediente, so scheu hielt er sich von der bis dahin geliebten Herrin zurück, denn an dem Abend, an dem sie den Brief seiner lieben kleinen Comtesse kalt und erbarmungslos in die verzehrende Flamme warf, hatte sich sein Herz ihr entfremdet, und wieder und wieder zuckte ihm der Gedanke durch den alten Kopf, daß Gottes Strafgericht dafür das jetzt dem Untergang geweihte Haus betroffen habe.

Der Graf selber freilich brauchte fast keine Bedienung. Er verließ sein Zimmer nur dann und wann, um eine halbe Stunde auf der Terrasse auf und ab zu gehen und frische Luft zu schöpfen, fühlte sich aber so schwach, daß ihn ein Diener dabei unterstützen mußte. Er sprach auch wohl immer vom Reisen und befahl dem Haushofmeister drei-, viermal im Tage, die Koffer zu packen und Alles herzurichten, aber der Ober-Medicinalrath, der Morgens und Abends kam, schüttelte dazu mit dem Kopf.

Der Graf war unmittelbar nach den gehabten Aufregungen viel zu schwach, um jetzt an eine Reise denken zu können. Er mußte sich jedenfalls erst wieder, eine kurze Zeit wenigstens, erholen. In vier oder sechs Wochen ließ sich eher darüber reden. Jetzt brauchte er vor allen Dingen sorgsame Pflege und Ruhe.

Ruhe, Du großer Gott, Ruhe herrschte allerdings in dem Hause, aber die Ruhe des Grabes, und wie schon Jeder die Stätte der Trauer von selber mied, wurden selbst die wenigen Personen, die theilnehmend Trost spenden wollten, abgewiesen.

Auch Graf Rottack war hinaufgefahren, um den Unglücklichen sein inniges Beileid auszusprechen und vielleicht zugleich etwas Näheres über Paula's jetzigen Aufenthalt zu erfahren, um die sich Helene sorgte und abängstigte; aber weder Graf noch Gräfin nahmen einen Besuch an. Sie ließen der Nachfrage danken, fühlten sich aber jetzt zu leidend, um Fremde zu empfangen.

Rottack wandte sich sogar an den Haushofmeister, um von diesem etwas über den gegenwärtigen Aufenthalt der Comtesse zu hören. Lieber Gott, der alte Mann wußte selber nichts darüber und liebte seine Herrschaft viel zu sehr, das von ihr weiter zu erzählen, daß sie mit eigenen Händen die einzige Kunde ihres verlorenen Kindes vernichtet hätten – und ein weiterer Brief war doch nicht eingetroffen.

Graf Rottack mußte unverrichteter Sache wieder nach Haßburg zurückkehren.

Empört war er aber hier, in dem sogenannten Stadtblatt einen ganz gemeinen Artikel über die Verhältnisse des Monford'schen Hauses zu lesen, auf welches Doctor Strohwisch eine specielle Malice zu haben schien. Es ist wahr, der alte Graf hatte ihn früher nicht mit der Hochachtung behandelt, die er glaubte als Vertreter der Presse beanspruchen zu dürfen. Sein erster Besuch im Schlosse war allerdings angenommen, aber nicht einmal durch eine abgegebene Karte erwidert worden, sein zweiter schlug total fehl, und nicht eine einzige Einladung war an ihn, trotz aller »Feste und Gelage«, wie er es nannte, ergangen. Man hatte ihn vollständig ignorirt, und er konnte deshalb eine so günstige Gelegenheit, sich zu rächen, nicht unbenutzt vorüber lassen.

Leider verfehlte er aber dadurch vollkommen den beabsichtigten Zweck, denn die Familie Monford war in Haßburg wirklich beliebt gewesen. Die alten Herrschaften galten allerdings für stolz, aber kein Nothleidender hatte je ihre Thür unbeschenkt verlassen, alle Armen- und Wohlthätigkeits-Anstalten der Stadt waren von ihnen stets auf das Freigebigste bedacht worden, und der junge Graf und die Comtesse durch ihre Liebenswürdigkeit und ihr offenes, freundliches Betragen gegen Jeden, mit dem sie in Berührung kamen, allbeliebt in ganz Haßburg gewesen. Das furchtbare Schicksal der Eltern bei so schwerem Verlust trug dann ebenfalls noch dazu bei, alle Schatten in dem allerdings etwas übermüthigen Charakter der Gräfin selber zu verwischen; was mußte ihr Mutterherz jetzt empfinden. – Desto unangenehmer wurden die Leser fast ohne Ausnahme von der rücksichtslosen Schadenfreude berührt, mit welcher ein Leitartikel des Blattes das Unglück dieses edlen Hauses besprach.

Einen unglücklicheren Moment hätte Strohwisch auch nicht wählen können, wenn ihm wirklich ein Erfolg am Herzen lag, als in derselben Nummer den Versuch zu machen, die Entrüstung des Publikums gegen die Theaterdirection aufzurufen, die an diesem Abend die Keckheit haben wollte, ihnen Herrn Horatius Rebe nochmals als Fiesco aufzuzwingen, dem er ein gänzliches Fiasco prophezeite.

Das Blatt wurde Herrn Rebe unter Kreuzband in's Haus geschickt.

Jeremias hatte es ebenfalls gelesen, aber er ließ sich an dem ganzen Tag nicht bei Pfeffers blicken, sondern lief in einer merkwürdigen und an ihm sehr ungewöhnlichen Aufregung in der Stadt herum. Die Klagesache mit Strohwisch konnte es auch nicht sein, denn die war schon abgemacht und er dieses Mal mit einer nicht unbeträchtlichen Geldstrafe davongekommen. Er tauchte auch oft in abgelegenen Straßen in kleine, ganz unansehnliche Spelunken ein, mit deren Bewohnern er einige Zeit verkehrte, stieg in dem Hause in den dritten, in jenem in den vierten Stock hinauf, und entwickelte überhaupt eine Thätigkeit, wie er sie vielleicht seit seinen Dienstjahren in Brasilien nicht mehr gezeigt hatte.

Um zwölf Uhr suchte er dabei kein Hotel auf, um sich nach der ungewohnten Anstrengung zu restauriren, sondern eine ganz gewöhnliche, noch dazu außer dem Weg gelegene Bierkneipe und Schenkwirthschaft, wo er sich ein Glas Bier und eine Portion Graupen und Rindfleisch, die einzigen Gegenstände, die auf der Speisekarte standen, geben ließ.

Er hatte dort aber noch nicht lange gesessen – und es war dabei augenscheinlich, daß er Jemanden erwartete, denn er sah fortwährend nach der Thür – als Peters, der Theaterdiener, auf der Schwelle erschien, ihm ziemlich vertraut zunickte, seinen alten Hut an einen Nagel hing und sich dann, wie zu einem alten Bekannten, neben ihn setzte.

»Na, das ist gescheidt, Peters, daß Ihr kommt,« sagte Jeremias.

»Werde doch die Fütterung nicht versäumen,« bemerkte dieser, »wo sollte nachher die Kraft und Ausdauer herkommen!«

»Und Alles in Ordnung?«

»Alles; aber ich sage Ihnen, Herr Stelzhammer, ich fühle meine Beine nicht, und habe den letzten Groschen von dem Gelde ausgegeben!«

»Hier ist mehr,« nickte ihm Jeremias zu, indem er ihm eine Zwanziggulden-Note in die Hand drückte, »wenn es die Leute nur vernünftig anfangen, daß es nicht auffällig wird.«

»Na, da können Sie sich ganz auf mich verlassen, aber der Durst...«

»Kellner, zwei Glas Bier!«

»Darin, dächt' ich, hätt' ich einige Übung,« fuhr Peters fort, und wischte sich schon im voraus nach dem Bier den Mund, »Alles mit dem gehörigen Avec und zur rechten Zeit!«

»Und wenn welche pfeifen?«

»Desto besser, die werden hinausgefuhrwerkt. Übrigens habe ich mir noch einen Hauptkerl für derlei Sachen – ein außerordentlich nützliches Mitglied, wie unser Director sagt, hier um zwölf Uhr herbestellt, weil ich ihn nicht zu Hause traf.«

»So? kommt er?«

»Gewiß; es ist eine Art verdorbenes Genie, der Gelegenheitsgedichte und dergleichen macht und eigentlich mit dem »Doctor« befreundet; aber, lieber Gott, er hat immer Durst; Ihr Wohl, Herr Stelzhammer, und ein paar Gulden mehr auf die eine Seite können da schon 'was ausrichten!«

»Sie wissen, Herr Peters, daß es mir auf ein paar Gulden nicht ankommt.«

»Sehr hübsch von Ihnen, Herr Stelzhammer,« bemerkte Peters, »wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen.«

»Wenn die Sache gut abläuft, soll es Ihr Schade gewiß nicht sein!«

»Was thut man nicht im Interesse der Direction,« bemerkte Peters bescheiden, »und wenn uns der Rebe nur ein klein wenig hilft, und ich bin fest überzeugt, er wird seine Sache gut machen, so – aber da kommt er,« stieß er plötzlich seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen an. »Das ist der Hauptmatador von Allen – aber jetzt ruhig, daß er nichts merkt. Lassen Sie mich nur machen.«

Der Eintretende war eine ganz auffallende Erscheinung, ein baumstarker Mensch mit blonden Haaren und blauen, etwas verschwommenen Augen. Die Nase dabei ein wenig geröthet, das Gesicht unrasirt, ging er, in einen braunen, sehr abgetragenen Überrock, trotz der warmen Witterung, bis oben hin eingeknöpft, so daß auch nicht die Spur von reiner Wäsche sichtbar wurde. Den Hut hatte er dabei keck und zuversichtlich auf einem Ohr sitzen und in der Hand trug er ein dickes spanisches Rohr.

Wie er in die Thür trat, warf er einen Blick in das noch sehr spärlich besetzte Zimmer, bemerkte Peters, nickte ihm huldvoll zu, hing dann ebenfalls seinen Hut an den Nagel und setzte sich, ohne Jeremias weiter zu beachten, dem Theaterdiener gerade gegenüber.

»Wollen Sie mit essen?« fragte der etwas schmutzig aussehende Kellner ohne viele Umstände, »Graupen und Rindfleisch!«

»Danke – Glas Bier!« war die Antwort. »Nun, Peters, wie geht's? Was treibt Ihr?«

»Haben Sie denn schon gegessen, Herr Walther?« fragte dieser.

»Ich? – hm – nein – speise gewöhnlich später...«

»Na, aber dann zur Gesellschaft. – Heh, Kellner, Couvert für den Herrn!« rief Peters, der sich alle gesellschaftlichen Formen angeeignet hatte. »Die Herren kennen sich wohl noch nicht? Herr Walther, eine literarische Größe; Herr Stelzhammer, ein Kaufmann aus Brasilien!«

»Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte Herr Walther mit einem völlig gleichgültigen Gesicht, indem er verlangend nach dem eben gebrachten Bier hinüber sah, und auch drei Viertel des Glases auf einen Zug leerte. »Was wollten Sie denn, Peters? Sie waren bei mir im Hause. Ich hatte einige Besuche zu machen.«

»Sind Sie schon auf heut Abend engagirt, Herr Walther?« fragte Peters, der weitere Umstände nicht für nöthig hielt.

Herr Walther nickte einfach, während er die für ihn bestellten Speisen in Empfang nahm und trotzdem, daß er sonst später speiste, mit außerordentlichem Erfolg zu bearbeiten begann.

»Alle Wetter,« rief Peters, »das wäre mir aber nicht lieb! Sie selber würden viel dabei versäumen, Herr Walther, denn es liegt uns viel daran, daß die Vorstellung heut Abend eine befriedigende ist!«

»So?« sagte Herr Walther.

»Aber vielleicht ließe es sich doch noch vereinigen.«

»Möchte wohl schwerlich gehen, Peters, – ich werde pfeifen,« sagte der Herr mit einer bodenlosen Ruhe.

Jeremias zuckte zusammen, Peters gab ihm aber unter dem Tisch einen Stoß mit dem Fuß.

»Hm,« meinte er dann, als ob in der Antwort nicht das geringste Außergewöhnliche gelegen hätte, »das ist dann freilich etwas Anderes. Schade, aber wenn's nicht ist, ist es nicht – Sie hätten indeß ein schön Stück Geld verdienen können!«

»Bah,« sagte Herr Walther verächtlich, und kaute das nicht ganz zarte Stück Rindfleisch, »was Ihr schön Stück Geld nennt – frei Entrée und einen halben Gulden Klopfgeld. Die andere Seite ist bequemer, dabei kann ich die Hände in den Taschen behalten.«

»Ja, halben Gulden,« lachte Peters, »da wäret Ihr dieses Mal schön angekommen – mit halben Gulden wird sich nicht befaßt, aber, wie gesagt, wenn's nicht ist, ist es nicht,« und dabei fiel er wieder über das Rindfleisch her.

Herr Walther saß ihnen eine Zeit lang schweigend gegenüber und sein Blick streifte dabei ein paar Mal Jeremias. Daß der mit darunter stak, hatte er im Nu weg, und der Mann sah noch dazu aus, als ob er zahlen könne. Er trank sein Bier aus.

»Kellner, unsere Gläser sind leer!« sagte Jeremias, und Peters nickte bestätigend mit dem Kopf. Der Riese machte eine halbe Verbeugung gegen den kleinen Mann, als Anerkennung seines Verdienstes um das öffentliche Wohl, nahm aber das Gespräch nicht wieder auf und schien die Sache an sich kommen zu lassen. Peters aber sagte auch nichts weiter, eine höchst überflüssige Bemerkung ausgenommen, daß er heute einen entsetzlichen Durst habe, und trank stark dabei.

»Kellner, unsere Gläser sind leer!« rief Jeremias wieder nach einer gar nicht etwa so langen Pause.

»Bitte,« sagte dieses Mal Herr Walther, schob aber doch dem Kellner sein geleertes Glas hin. Die Stille wurde ihm aber unheimlich – mit Essen waren sie fertig. Jeremias nahm seine Cigarrentasche heraus, zündete sich eine Cigarre an und offerirte dieselbe dann dem Gegenübersitzenden und Peters. Beide Herren acceptirten.

»Donnerwetter,« sagte Peters, »das ist 'was Feines – allen Respect!«

»Ausgezeichnet,« bemerkte Herr Walther, und blies den Rauch mit Kennermiene durch die Nase. Sein vis-à-vis stieg augenscheinlich in seiner Achtung; Strohwisch rauchte nichtswürdige Cigarren.

Der kleine Jeremias war aber ein praktischer Geschäftsmann und fühlte, daß jetzt die beiden würdigen Leute viel besser mit einander zu Stande kommen würden, wenn er nicht dabei wäre. Seine Gegenwart störte mehr, als daß sie half. Er stand auf und sagte: »Ach, lieber Herr Peters, Sie entschuldigen mich wohl; ich habe noch in der Nachbarschaft etwas zu thun und hole Sie in einer Viertelstunde wieder ab, berichtigt ist Alles – habe die Ehre« – und dabei drückte er dem Theaterdiener noch einen Zehngulden-Schein in die Hand, aber so, daß Herr Walther Zeuge der Bewegung sein mußte. Dann machte er einen kleinen Spaziergang, und zwar eine volle Viertelstunde. Als er aber wieder in die Schenke zurückkehrte, fand er Peters allein vor, der mit freudestrahlendem Gesicht hinter einem frischen Kruge Bier saß.

»Nun?«

»Alles in Ordnung,« lachte dieser, »Sie alter Menschenkenner Sie – capital gemacht – ausgeßeugnet. Mit Ihnen möchte ich öfter zu thun haben. Donnerwetter, wenn ich da bedenke, wie zäh unser Alter ist!«

»Und er wird nicht pfeifen?« sagte Jeremias.

»Das Unmögliche dürfen wir nicht verlangen,« erwiderte achselzuckend Peters, »aber – er läßt sich 'rausschmeißen, und damit haben wir Alles gewonnen. – Ja, Sie lachen,« fuhr Peters halb beleidigt fort, »aber glauben Sie etwa, daß das eine Kleinigkeit ist? Wenn der Stand halten will, bringen ihn zwölf Menschen nicht hinaus, und zu großen Skandal müssen wir vermeiden, sonst mischt sich doch die Polizei hinein. So aber ist Alles in Ordnung. Pfeifen muß er, das sieht ein Kind ein; er hat das Geld dafür schon genommen, aber er bleibt nahe an der Thür stehen, dann fuhrwerken wir ihn wie der Wind hinaus, und damit ist der ganzen Opposition die Spitze abgebrochen.«

»Und das kostet?«

»Ein Heidengeld – fünfzehn Gulden; er wollte es aber nicht einen Kreuzer billiger thun. Seine Ehre stände auf dem Spiel.«

»Gut,« lachte Jeremias vergnügt; »kommt nicht darauf an, und für die Übrigen stehen Sie?«

»Jetzt habe ich keine Sorge weiter,« rief Peters, »nun muß ich aber fort. Donnerwetter, es ist schon ein Uhr vorbei, und ich kann nur die Beine unter die Arme nehmen!«

»Haben Sie noch etwas getrunken?«

»Nur noch vier Glas – das geht jetzt mit auf die große Rechnung – also adieu, Herr Stelzhammer, bei Pompeji sehen wir uns wieder.« Und mit einer eleganten Verbeugung schoß er aus dem Zimmer. –

»Fiesco oder die Verschwörung zu Genua. Fiesco, Graf von Lavagna – Herr Rebe« stand mit groß gedruckten Buchstaben auf den feuerrothen Zetteln, die überall in der Stadt angeklebt waren und die Augen auf sich lenken mußten.

Zugleich hatte sich aber – wer weiß denn durch wen solche Sachen bekannt werden – das Gerücht verbreitet, Rebe würde heut Abend ausgezischt werden, und wer nicht aus Theilnahme für das Stück und die Darsteller hineinging, suchte sich ein Billet zu verschaffen, um den Skandal mit anzusehen, so daß schon um vier Uhr an der Kasse sämmtliche Plätze vergriffen waren.

Insofern hatte der Director also ganz richtig speculirt. Er bekam ein ausverkauftes Haus, sogar das Orchester mußte geräumt werden, und im Übrigen war er nach keiner Seite hin gebunden; er konnte daß Resultat ruhig mit ansehen.

Rebe selber erfuhr von allen den gegen und für ihn gespielten Intriguen natürlich nichts, denn er hielt sich den ganzen Tag in seinem Zimmer verschlossen, um seine Rolle noch einmal fleißig durchzugehen. Ein paar Mal hörte er Schritte auf der Treppe, und es klopfte bei ihm an, aber er gab keine Antwort; denn nur dem Theaterdiener hatte er ein bestimmtes Anpochen gelehrt, wie er sich bemerklich machen sollte, wenn er vielleicht irgend etwas von der Direction zu bestellen hätte. Aber dieser kam nicht, und allen Anderen blieb die Thür verschlossen.

So kam die Theaterzeit heran, und schon eine Stunde vor Öffnung der Kasse drängte sich das Publikum der Gallerie und des Steh-Parterres vor den verschiedenen Thüren des Eingangs, mit Ungeduld die Erschließung derselben erwartend, und kaum geöffnet, füllten sich die Räume.

Die haute volée kam später, aber sie kam, denn Viele hatten an jenem ersten Abend dem so plötzlichen Auftreten Rebe's nicht beiwohnen können, und man war überhaupt neugierig geworden, wie sich ein junger Künstler, den man bis jetzt gewohnt gewesen als Statisten zu betrachten, entwickeln würde. Außerdem sollte er ja auch des vielbesprochenen Handor Platz einnehmen. Wirkliches Interesse für ihn fühlten nur Wenige. Was kümmerte sie der Schauspieler, sie wollten sich amüsiren, und wenn es im Theater ein wenig Skandal gab, desto besser; welchen trefflichen Unterhaltungsstoff hatte man dann wieder auf morgen! Daß die Existenz eines jungen Talents auf dem Spiel stand – wer dachte daran, oder sorgte sich deshalb?

Wie die Vorstellung aber heranrückte, wurde dem Director doch nicht wohl bei der Sache, denn durch seine Kundschafter hatte er schon lange erfahren, was für den Abend beabsichtigt, und wer dabei betheiligt war. Und wo stak Peters? Ob er des Menschen wohl habhaft werden konnte, der wie ein losgelassener Irrwisch in der Stadt umherschoß! Aber was konnte ihm Peters auch helfen?

»Was will gescheh'n, es mag gescheh'n!«

declamirte er mit Pathos vor sich hin und ging dann in's Theater und auf die Bühne, um zu sehen, ob dort wenigstens Alles in Ordnung und keine Störung zu befürchten wäre.

Den Schauspielern selber hatte die Stimmung im Publikum aber auch nicht verborgen bleiben können, und sie wußten aus eigener Erfahrung, welch böses Zeichen es ist, wenn schon im Voraus bei einem Stück Skandal angekündigt wird. Es giebt immer eine Masse nutzloses Volk, das mehr Freude daran, als an einer guten Aufführung findet, und zuletzt den Skandal, wenn er wirklich nicht ausbrechen sollte, provocirt.

Sie Alle wußten aber nicht, wie des Doctors Strohwisch boshafter Artikel durch den Aufsatz über die Monford'sche Familie völlig paralysirt worden. Der bessere Theil des Publikums, und, Gott sei Dank, bei jedem Publikum die Mehrzahl, war entschieden entrüstet darüber, und dadurch auch fest entschlossen, seinen Beifall nicht zurückzuhalten, wenn ihn der Schauspieler wirklich verdienen sollte. Was sich dann im Parterre vorbereitete, mußte man eben abwarten.

Um sechs Uhr sollte die Vorstellung beginnen. Etwa eine halbe Stunde vorher betrat Jeremias, ziemlich erschöpft von dem heutigen ereignißvollen Tag, Graf Rottack's Wohnung und wurde von dem Diener, der ihn rasch wiedererkannte, sogleich gemeldet.

Graf Rottack war allein im Zimmer, als Jeremias in einer Transpiration, die nichts zu wünschen übrig ließ, dasselbe betrat.

»Nun, Jeremias, wie geht's?« redete ihn der junge Graf freundlich an. »Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen. Was treiben Sie?«

»Was ich in meinem Leben nicht geglaubt hätte, Herr Graf,« sagte der kleine Mann, sich den ganzen Kopf abtrocknend; »ich werbe Leute an, um im Theater zu applaudiren.«

»Wollen Sie selber auftreten?« lachte Felix. »Dann stelle ich Ihnen meine Hände ebenfalls zur Verfügung.«

»Danke Ihnen,« nickte Jeremias, »ich nehme sie an, wenn auch nicht für mich selber. Aber ich bin Ihnen noch die Erzählung von meinem neulichen Abenteuer schuldig, und wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten, denn lange kann ich selber nicht...«

»Setzen Sie sich, Jeremias – für Sie immer.«

Jeremias ließ sich nicht lange nöthigen und erzählte jetzt dem jungen Grafen mit kurzen Worten zwar, aber immer dabei nur das Hauptsächlichste hervorhebend, seine eigene kleine Familienangelegenheit, zu welcher der Schauspieler Rebe und dessen neulicher Erfolg in engster Beziehung stand; dann die Bosheit jenes Literaten und sein neuliches Begegnen mit demselben, und jetzt dessen rachsüchtige Machinationen, um den ihm verhaßten Menschen zu stürzen, und seine eigene Contremine dagegen.

Rottack, welcher der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gelauscht, denn Handor's Flucht stand ja in der genauesten Beziehung dazu, seufzte tief auf.

»Wie wunderbar das in der Welt ist,« sagte er, »daß Eines Glück des Andern Elend birgt! Während durch jenes Menschen Flucht Ihr junger Freund Lorbeern erntet und sich eine Existenz erringt, geht auf der andern Seite darüber ein altes edles Haus zu Trümmern.«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Jeremias achselzuckend, »wie manches edle Haus wird auch mit dem Untergang vieler armen Familien aufgebaut! Wer kann's ändern? Der Himmel helfe dem nur, den's trifft; wir Anderen schwimmen indessen sachte weiter. Aber, Herr Graf, was ich Sie fragen wollte: gehen Sie heut Abend in's Theater?«

»Ich hatte nicht die Absicht, Jeremias. Meine arme Helene fühlt sich noch recht angegriffen, und ich selber bin, aufrichtig gestanden, gerade nicht in der Stimmung, Komödie zu sehen.«

»Sollte mir sehr leid thun,« sagte Jeremias, »ich hatte fest auf Sie gerechnet.«

»Auf mich?«

»Ja, und Ihnen auch schon ein Billet besorgt für den ersten Rang.«

»Für mich?« lachte Felix. »Aber, bester Jeremias, wenn ich das Theater besuchen wollte, würde ich mir doch das selber besorgen.«

»Kriegen aber keins mehr,« rief Jeremias, »das ist ja gerade die Geschichte, nicht um eine Million; Alles ausverkauft bis in die Puppen hinauf.«

»So voll wird es?«

»Na, da kommen Sie schön an; die eine Hälfte von Haßburg sitzt drin und die andere steht vor der Thür.«

»In der That? Und hat Ihr Rebe wirklich brav gespielt?«

»Das nicht allein, er ist auch ein ehrlicher, anständiger Kerl, der sich auf so gemeine Kniffe nicht einläßt, und da...«

»Haben Sie ihm das besorgt,« lächelte Felix.

»'s ist beinahe so 'was; aber thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie, 's ist wahrhaftig ein gutes Werk!«

»Und ich soll auch applaudiren?«

»Was Sie können; ziehen Sie nur keine Glacéhandschuhe an, es flappt besser.«

»Das ist nicht übel,« lachte Rottack gerade heraus; »da werben Sie mich also mit einem Freibillet zum Claqueur?«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber hauen Sie nur tüchtig ein,« rief der kleine unverwüstliche Bursche; »ich wirke unten.«

Graf Rottack schüttelte den Kopf. »Gut, Jeremias,« sagte er endlich, »ich will gehen.«

»Bravo! Der erste Rang ist die Hauptsache.«

»Aber ich habe eine Bedingung zu stellen.«

»Stellen Sie.«

»Sie sind mit vielen Leuten des Theaters bekannt?«

Jeremias nickte.

»Schön, so bitte ich Sie, genaue Nachforschungen zu halten, ob jener Handor nicht wieder irgendwo aufgetaucht und wo er dann zu finden ist.«

»Der ist Ihnen wohl auch noch schuldig?« rief Jeremias. »Ja, der hat Gott und die Welt angepumpt.«

»Das nicht,« lächelte Graf Rottack; »aber mir liegt sehr viel daran, seinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren, und ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir Auskunft darüber brächten.«

»Ja, was an mir liegt, mein lieber Herr Graf, da können Sie sich fest darauf verlassen. Ich habe freilich noch nicht viel Bekannte, aber Pfeffer kennt die ganze Theaterwelt von A bis Z, und was der Eine da nicht weiß, weiß der Andere. Irgendwo muß er ja doch wieder zum Vorschein kommen.«

»Also verlasse ich mich auf Sie.«

»Das können Sie, und wenn – Hurrjeh, da schlägt's Sechs – machen Sie, daß Sie hinüberkommen!« Und wie der Blitz war er zur Thür hinaus.

Er hatte sich auch in der That nicht verhört; die Schloßuhr schlug gerade noch, als er vor die Thür trat, und er lief jetzt mehr, als er ging, dem Theater zu, um sich, dort angekommen, zu seinem Sperrsitz durchzuarbeiten.

Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jeremias hatte gerade noch Zeit, einen Blick im Theater selber umher zu werfen, wo Kopf an Kopf dicht gedrängt saß, als der Vorhang aufging.

Fräulein Rottenhöfer als Leonore trat auf; aber sie spielte heut Abend befangen, und kein Wunder, denn überall im Theater hatte sich schon das Gerücht eines beabsichtigten Tumults kund gegeben, und die Schauspieler selber konnten unmöglich unter diesem Eindruck ihre Ruhe bewahren.

Pfeffer, heute übrigens nicht beschäftigt, ging in Todesangst hinter der Scene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, und der Director selber hatte sich in seine kleine, völlig versteckte Loge geflüchtet, von wo er Alles übersehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.

Jetzt kam die vierte Scene mit Julia und Fiesco, und im Parterre lachte Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu früh und wurde Ruhe geboten.

Rebe übertraf sich selber; mit voller Ruhe und edlem Anstand und zuletzt mit glühender, hinreißender Leidenschaft spielte er die Scene durch. Seine ganze Persönlichkeit paßte dabei vortrefflich zu dem Grafen Lavagna; ein reiches, geschmackvolles Costüm hob sie noch mehr hervor, und die Damen waren entzückt von ihm.

Im Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflüstert, aber da bei seinem Abgang kein Zeichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb auch jede Gegendemonstration.

Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach dem ihm bekannten Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottack noch nicht erschienen wäre.

Jetzt trat Fiesco wieder auf, und in der nächsten Scene mit den drei schwarzen Masken erschien auch Graf Rottack und nahm seinen Platz ein. Auch diese Scene ging vorüber und die mit Bourgognino, und jetzt kam die Hauptscene mit dem Mohren, den Höfken ganz vortrefflich gab. Aber auch hier regte sich noch nichts. Es war ordentlich, als ob Alle, die Rebe's Spiel befriedigte, gefürchtet hätten, durch irgend ein Beifallszeichen den angedrohten Tumult hervorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in Nachtheil setzen konnte.

Der Vorhang fiel, Todtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in ein lautes Flüstern auflöste. Jeremias war aufgestanden und hatte sich umgedreht. Sein Blick fiel auf ein rothes, dickes Gesicht mit blonden Haaren, das ihm lächelnd zunickte, – das war richtig Herr Walther. Er stand nicht weit von der Thür, und wie er weiter suchte, erkannte er auch mitten im Parket, aber auf einer der letzten Bänke desselben, den Doctor Strohwisch, der ihn hämisch und wie triumphirend belorgnettirte. Jeremias lief die Galle über. War der Bursche seines Sieges so gewiß?

Aber der Vorhang ging wieder auf, und jetzt ließ sich die für Alle unerträglich werdende Aufregung nicht länger zurückhalten.

Schon in Fiesco's erstem Auftreten mit dem Mohren sprach Rebe die Worte: »Von einem Schurken das anzuhören!« so ganz vortrefflich, daß im ersten Range Einige applaudirten, unter ihnen Rottack; im Parterre wurde darauf an zwei, drei Orten gezischt, aber das konnte auch Ruhe bedeuten. Damit aber hatte der Kampf begonnen, denn die vorhin ihren Beifall gezeigt, ärgerten sich jetzt, daß sie Jemand daran verhindern wollte.

Das Flüstern steigerte sich während der folgenden Scenen, die Rebe ganz vortrefflich gab, wozu Director Krüger hinter seinem Gitter fortwährend beifällig mit dem Kopf nickte; und als er sich vom Mohren den Arm ritzen ließ und mit dem Ausruf: »Mörder! Mörder! Besetzt die Wege, – riegelt die Pforten zu!« abstürzte, kam es zum Ausbruch.

Jetzt wurde nicht allein vom Parterre aus, sondern auch vom ersten und zweiten Range lebhaft applaudirt, während an den verschiedensten Stellen das Zischen die Bravos zu übertäuben suchte.

Leonore und Rosa traten rasch auf, konnten aber nicht zu Worte kommen und zogen sich bestürzt zurück. Darüber wurde gelacht, und jetzt ertönte der erste Pfiff, mit dem Herr Walther selber das Zeichen gab und der an verschiedenen Seiten ein Echo fand.

»Da haben wir's,« stöhnte Krüger und sank in seinen Stuhl zurück; »oh, dieser Strohwisch!«

Aber die Opposition war stärker, als die Pfeifer vermuthet hatten. Im Parterre wurde eine Bewegung bemerkbar, und nach verschiedenen Richtungen hin drängten sich Menschen, während Parket und erster Rang plötzlich fest entschlossen schienen, ihren mit Recht gespendeten Beifall nicht übertäuben zu lassen.

»Rebe heraus!« tönte es auf einmal an verschiedenen Stellen, und ein gellendes Pfeifen antwortete, – das war Strohwisch selber.

»Hinaus mit dem Lump!« rief Jeremias, der sich nicht mehr mäßigen, aber auch nicht von seinem Platz konnte, wo er eingekeilt saß. Wieder pfiff es rechts und links. Aber »Hinaus, hinaus mit den Kerlen! Rebe heraus! Bravo, bravo!« tobte es jetzt von allen Seiten, und Herr Walther, der in voller Gemüthsruhe unter einer Parketloge lehnte und laut vor sich hin pfiff, als ob er sich ganz allein in einer einsamen Gegend befände, sah sich plötzlich von zu ihm andrängenden Leuten gefaßt und fortgeschoben.

»Na, holla,« rief er, »was ist das? Ich habe meinen Platz bezahlt!« Aber er leistete dabei nur geringen Widerstand, und Strohwisch, der aufgesprungen war, beobachtete in ziemlicher Spannung die Entfernung seiner Hauptstütze.

»Rebe heraus!« schrie es jetzt wieder von verschiedenen Seiten, und ein schallender Applaus folgte.

Wieder Zischen und Pfeifen, aber schon bedeutend in der Minorität und nur vereinzelt. »Rebe heraus!« schrie das Publikum, und links und rechts wurden indessen einige räthselhafte Individuen aus dem Parterre hinausgeworfen. »Rebe heraus!«

Krüger war auf die Bühne gesprungen. Rebe weigerte sich, hinaus zu gehen, aber auf des Directors Bitten und Beschwörungen gab er endlich nach und trat hinaus.

Stürmischer Applaus und ein einzelner gellender Pfiff dazwischen, den der von Verzweiflung getriebene Recensent als letzten Versuch selber ausgestoßen. Jetzt aber war die Geduld des Publikums auch erschöpft.

»Hinaus mit ihm!« schrieen die ihm Nächsten, während das übrige Publikum nur so viel stärker applaudirte. Strohwisch wollte sich wehren – umsonst; er klammerte sich an die Parketlehne – umsonst. Kräftige Arme hatten ihn gefaßt, und während Rebe unter rauschendem Applaus abging, beförderte das Parterre mit einer merkwürdigen Geschwindigkeit und unter dem noch fortwährend lebhaften Applaudiren des ersten Ranges und dem Jubelgeschrei der Gallerie den unglücklichen Recensenten vor die Thür.

Jetzt hatte Rebe gesiegt. In der Scene mit dem Maler und nachher mit den Verschworenen wurde er rauschend applaudirt, ohne daß die Opposition auch nur einen Gegenlaut gewagt, nach dem Acte wie nach allen übrigen Acten stürmisch, und zum Schlusse sogar, etwas Unerhörtes für Haßburg, dreimal hervorgerufen.

Krüger umarmte ihn auf der Bühne vor allen übrigen Mitgliedern und bat sich seinen Besuch auf morgen früh aus, und das Publikum ging mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, seinen Willen durchgesetzt und sich vortrefflich amüsirt zu haben.

Daß Rebe ein ausgezeichneter Schauspieler sei, darüber war von dem Augenblick an nur Eine Stimme in Haßburg, und sein Triumph wurde vollkommen, als am nächsten Morgen die Nachricht die Stadt durchlief, daß der Eigenthümer des Stadtblattes Herrn Doctor Strohwisch die Redaction des Feuilletons gekündigt habe.

Der boshafte Aufsatz über die Monford'sche Familie hatte ihm den Hals gebrochen.

29.
Der Maulwurfsfänger.

In der Stadt Leben und Bewegung, lärmende Vergnügungen und fröhliches Schaffen und Drängen – draußen auf dem Monford'schen Stammsitz dumpfe Schwüle und Grabesruhe.

Ja, die Sonne schien noch so warm und golden auf die schattigen Waldungen und den sorgfältig gehaltenen Rasen nieder, die Blumen blühten und dufteten wie vordem, der kleine Bergstrom rieselte rasch vorbei und rauschte und plauderte, und die Nachtigallen sangen Abends ihr wunderbar ergreifend Lied; aber still und geräuschlos glitten die Diener in dem alten Schlosse umher, öffneten und schlossen die Thüren leise und vorsichtig und sprachen nur flüsternd mit einander.

Der alte Graf hatte sich bis jetzt noch einigermaßen wohl gefühlt, wenigstens jeden Tag seinen kurzen Spaziergang gemacht. Gestern Abend aber, noch in später Stunde, war er plötzlich wieder, gerade als ihm der Haushofmeister seinen Thee in's Zimmer brachte, vom Stuhle gefallen und lag jetzt in dumpfem Hinbrüten in seinem Bette.

Der Ober-Medicinalrath war noch in der Nacht von Haßburg herausgeholt worden und saß an dem Lager des Kranken. Das war keine Ohnmacht mehr gewesen; der Tod hatte deutlich an des Lebens Pforte geklopft, und der alte Arzt fühlte wieder und wieder den Puls des Kranken, stand dann auf, ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder am Bett nieder.

Die Gräfin kam nur selten in das Zimmer des Kranken, der allerdings nicht bewußtlos, aber vollkommen theilnahmlos auf seinem Bette lag. Er beantwortete auch keine der an ihn gerichteten Fragen, sah wohl nach der Thür, wenn sich diese öffnete, starrte dann aber wieder halbe Stunden lang zur Decke empor.

Des Ober-Medicinalraths Famulus war indessen von der Gärtnerwohnuug herüber gekommen, um Bericht abzustatten und den Arzt zu bitten, sich den Verwundeten dort oben selber einmal anzusehen. Es ging sehr schlecht mit ihm, und er fürchtete, da eine Amputation an der Stelle unmöglich war, das Schlimmste. Die Wunde nahm ungewöhnlich rasch einen bösartigen Charakter an, da sich der Verwundete noch außerdem in heimlicher Weise Branntwein verschafft und unmäßig davon getrunken hatte.

Der Ober-Medicinalrath schüttelte ungeduldig mit dem Kopf, versprach aber im Laufe des Morgens hinüber zu kommen, und fragte, ob sich der Geschossene nicht transportiren ließe.

Es war ganz unmöglich; bei der geringsten Bewegung schrie er laut auf.

Der alte Maulwurfsfänger befand sich wirklich in einer bösen Lage und hatte die ganze Nacht ein heftiges Fieber gehabt. Erst mit der Morgendämmerung ließ das etwas nach, und er fiel dann in einen unruhigen Schlaf, aus dem er manchmal mit einem Schrei emporschreckte. Gegen zehn Uhr wachte er auf und aß etwas Wassersuppe, aber er fühlte sich todesmatt. Als ihm der junge Arzt nachher die Wunde verband, betrachtete er sie selber auch kopfschüttelnd und sagte dann, indem er ihn fest ansah:

»Hören Sie 'mal, Herr Doctor, die Ränder gefallen mir nicht; ich habe in meinem Leben schon zu viel Derartiges gesehen. Das kommt mir beinahe vor wie der Brand – hm?«

»So weit ist's noch nicht,« beruhigte ihn Frank, »aber wenn Ihr noch einen Tropfen Branntwein trinkt, steh' ich Euch für nichts.«

»Ja, jetzt hat's der Branntwein gethan,« nickte der Alte vor sich hin. »Daß Ihr Doctoren doch immer genau wißt, woher es kommt, aber nie, wohin es geht! Ich merke schon, wie die Geschichte ist, faul, überfaul, und...« Er biß vor Schmerz die Zähne aufeinander und fiel, während der Arzt die geöffnete Wunde wieder verband, auf sein Kissen zurück.

So lag er wohl eine halbe Stunde. Der Arzt war fortgegangen, und die alte Wärterin, die ihn pflegen mußte, da man dem Kind im Hause das nicht Alles überlassen konnte, war hinunter in die Küche gestiegen, um sich ihr Mittagessen zu bereiten. In der Zeit mußte dann immer des alten Jonas Enkelin bei ihm sitzen, um die Wärterin rufen zu können, wenn er etwas verlangte, oder ihm selber vielleicht eine kleine Handreichung zu thun.

Der Verwundete hatte eine Weile still gelegen Und auf seine Decke niedergestarrt. Endlich sagte er leise:

»Bärbel!«

»Ja, Herr Fritz,« antwortete die Kleine, welche am Fenster stand und auf die grünen Büsche hinausschaute, »wollt Ihr Wasser? Ich habe frisches mit heraufgebracht.«

»Nein, Kind, jetzt nicht,« antwortete der alte Maulwurfsfänger; »aber willst Du mir einen recht großen Dienst erweisen?«

»Ich darf Euch keinen Branntwein wieder bringen,« sagte die Kleine erschreckt; »der Herr Doctor hat so mit mir gezankt.«

»Das sollst Du auch nicht, Kind,« lautete die matte Antwort; »den letzten in diesem Leben werde ich wohl getrunken haben. Hast Du mir nicht gesagt, daß Du jeden Tag zur Frau Gräfin hinaufgehst und ihr Blumen bringst?«

»Ja, Herr Fritz, wenn die alte Rosie wieder zu Euch heraufkommt, gehe ich gleich. Großvater hat sie schon abgepflückt – immer Mittags.«

»Und siehst Du die Gräfin selber?«

»Ja, jedesmal; ich gehe immer gleich zu ihr in's Zimmer – ich darf.«

»Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»Recht gern, wenn ich kann.«

Der alte Maulwurfsfänger schwieg, zog aber von dem kleinen Finger der linken Hand einen schmalen Goldreif mit einem kleinen grünen Stein herunter. Vor acht Tagen noch war der Ring in's Fleisch gewachsen gewesen, daß man ihn fast gar nicht mehr sehen konnte; jetzt fiel er fast von selber ab.

»Willst Du mir auch versprechen, Bärbele, daß Du keinem Menschen etwas von dem, was ich Dir jetzt sage, erzählst?«

»Es ist doch nichts Böses?« fragte das Kind erschreckt.

»Nein, Bärbele, nichts Böses, im Gegentheil, vielleicht macht es mich wieder gesund. Aber höre, Kind; den Ring hier – verlier ihn mir ja nicht – den Ring nimmst Du mit hinauf zur Frau Gräfin, und wenn Du ihr die Blumen bringst, gieb ihr den Ring und sag' ihr, hier bei Euch im Hause liege Jemand krank und wünschte sie noch einmal zu sprechen.«

»Aber die Frau Gräfin soll doch nicht zu Euch herüberkommen?« sagte das Kind bestürzt; »das thut sie gewiß nicht.«

»Gieb ihr nur den Ring, Herz,« bat der Maulwurfsfänger, »und richte aus, was ich Dir gesagt habe, weiter nichts. Willst Du das thun?«

»Gewiß; das ist nichts Böses.«

»Und Du sprichst mit keinem Menschen darüber?«

»Ich will's Keinem sagen, ich verspreche es Euch, und was man verspricht, muß man halten, meinte die Mutter selig immer.«

»Ich danke Dir, Bärbel; ich werd's Dir auch gedenken. Geh jetzt mit Deinen Blumen, je früher Du hinauf auf's Schloß kommst, desto besser; denn – wer weiß, wie lange es noch mit mir dauert.«

»Aber ich kann doch jetzt nicht fort, bis die Rosie wieder heraufkommt.«

»Geh nur, Kind, ich brauche jetzt nichts; ich schlafe so lange, und da ist's besser, wenn ich Ruhe habe.«

Die Kleine zögerte einen Augenblick. Es war ihr nicht recht, daß sie ihre Pflicht versäumen solle – aber der Kranke bat sie so sehr.

»Ich will der Rosie sagen, daß sie dann und wann einmal heraufguckt, und der Großvater muß auch gleich heimkommen,« nickte sie, band den Ring dann in ihr kleines Taschentuch, daß sie ihn ja nicht verlor, und stieg die Treppe hinab, um den Auftrag auszuführen. –

In ihrem Zimmer am offenen Fenster stand die Gräfin Monford in Trauer gekleidet und sah gedankenvoll auf das freundliche Landschaftsbild hinaus, das sich, jetzt freilich unbeachtet, unbewundert, vor ihr entfaltete. Aber wie auch ihr Herz gebrochen sein mochte, ihr Stolz war es nicht, ja, es schien weit eher, als ob er sich durch die furchtbaren Verluste, die sie erlitten, noch mehr gehärtet, noch unzugänglicher diese Brust einem wärmeren Gefühl gemacht habe.

Während ihres Gatten Krankheit waren noch zwei Briefe an diesen eingelaufen, und zwar von Handor selber an den Grafen adressirt, doch ohne nur einen Aufenthaltsort anzugeben, und so frech und unverschämt nur Geld, große Summen für sich fordernd, ja, sogar mit Drohungen im Falle der Weigerung gefüllt, daß die Gräfin sie im auflodernden Zorn zerstörte. Und dieses Menschen wegen hatte die eigene Tochter ihre Eltern verlassen!

Kein Schmerz lag auch jetzt in den Zügen der finstern Frau; das war Trotz allein, starrer, unbeugsamer Trotz dem Schicksal gegenüber, und während ihr thränenloses Auge unter den zusammengezogenen Brauen hervorblitzte, ballte sich unwillkürlich die weiße, mit Ringen bedeckte Hand, als ob sie einem Feind begegne – und doch stand ihr kein Feind gegenüber; nur in der eigenen Brust wohnte er, und klopfte und bohrte und mußte gewaltsam niedergehalten werden.

Über den Gartenplatz kam die kleine Bärbel mit ihren Blumen, sah die Gräfin am Fenster stehen und machte ihren Knix. Aber die Gräfin bemerkte sie gar nicht, wenn auch ihr Blick sie streifte, bis das Kind endlich, das von der Dienerschaft immer unbelästigt hinaufgelassen wurde, draußen schüchtern anklopfte.

Niemand antwortete; Bärbel klopfte noch einmal, und da noch immer keine Antwort erfolgte, öffnete sie die Thür. Es war schon oft vorgekommen, daß sich die Frau Gräfin nicht in ihrem Zimmer befand; dann ging sie doch hinein und legte ihr die Blumen auf den Tisch. Heut aber mußte sie ja drin sein, Bärbel hatte sie selber am Fenster gesehen. Wie sich die Thür öffnete, drehte sich die Gräfin um und erblickte das Kind; Bärbel war ihr Pathchen, und sie hatte die Kleine immer gern gehabt.

»Grüß Gott, Frau Gräfin!« sagte das Kind mit einem tiefen Knix, indem sie ihr den Strauß entgegenhielt; »hier bring' ich die Blumen.«

»Ich danke Dir, Bärbel; leg' sie nur auf den Tisch, ich werde sie selber in die Vase stellen.«

Die Kleine gehorchte und blieb dann zögernd stehen.

»Willst Du noch etwas, Bärbel?«

Bärbel drehte das Tuch verlegen in der Hand herum und knüpfte dann den Ring heraus. »Ja, Frau Gräfin,« flüsterte sie; »bei uns liegt der arme Mensch krank, der Maulwurfsfänger...«

»Ja, ich weiß, er ist vom Förster geschossen.«

»Ja, sehr, und da – da hat er mich heute gebeten...«

»Nun, um was, Bärbel? Braucht er etwas?«

»Nein, Frau Gräfin,« sagte die Kleine ängstlich, denn es kam ihr jetzt gar so entsetzlich vor, daß sie bestellen sollte, der alte, schmutzige Maulwurfsfänger wolle die Frau Gräfin sprechen; »nein, er hat Alles und die alte Rosie pflegt ihn.«

»Und was will er sonst? Was hast Du da, Bärbel?«

»Den Ring hat er mir gegeben,« sagte das Kind, jetzt gewaltsam Muth fassend, denn es hatte ja versprochen den Auftrag auszurichten; »ich – ich sollte ihn Euch bringen, Frau Gräfin.«

»Mir?« rief die Gräfin erstaunt. »Von wem?«

»Von dem alten Fritz, und er möchte – er meinte, er – er wäre recht krank – und er möchte die Frau Gräfin gern sprechen.« Das Kind seufzte recht aus voller Brust auf – jetzt war's heraus.

Die Gräfin schüttelte noch immer erstaunt mit dem Kopf; es mußte da jedenfalls ein Irrthum obwalten, und die Kleine hatte irgend einen Auftrag verkehrt ausgerichtet. »Und zu mir solltest Du den Ring bringen?«

»Ja, zu Euch, Frau Gräfin, und ihn Euch selber in die Hand geben.«

Die Gräfin streckte den Arm aus, und das Kind reichte ihr den kleinen Goldreif, den sie mit zwei Fingern nahm und gleichgültig einen Moment betrachtete; aber plötzlich wurde ihr Blick stier und haftete wie entsetzt auf dem einfachen Schmuck.

»Wer gab Dir den Ring, Bärbel?« fragte sie und faßte des Kindes Schulter. »Wer? Wo kommt er her?«

»Ach, Frau Gräfin, ich kann ja nichts dafür!« bat die erschreckte Kleine; »der kranke Mann gab ihn mir.«

»Der Geschossene?«

»Ja, Frau Gräfin.«

»Und wie heißt er?«

»Ja, das weiß ich nicht,« sagte Bärbel, immer schüchterner werdend; »Fritz heißt er, den alten Fritz nennen sie ihn im Dorfe.«

»Wo hat er den Ring her?« fragte die Gräfin, aber mehr mit sich selber, als mit dem Kinde sprechend.

»Ja, das kann ich Euch auch nicht sagen,« rief die Kleine, immer ängstlicher werdend. »Er wird ihn doch nicht gestohlen haben? Ich sollte keinem Menschen etwas davon erzählen; aber ich kann ja wahrhaftig nichts dafür!«

»Nein, Bärbel, beruhige Dich,« sagte die Gräfin, sich gewaltsam fassend, »ich weiß, Du kannst nichts dafür; Du bist ein gutes Kind und hast nur Deinen Auftrag ausgerichtet. Also ist der Mann wirklich so krank und kann nicht ausgehen?«

»Ach Du lieber Gott,« sagte die Kleine, »nicht einmal tragen können sie ihn; sehr krank ist er. Aber er wird den Ring doch nicht gestohlen haben?«

»Nein, Kind, ich glaube nicht; ich – ich werde ihn selber darum fragen – vielleicht hat er ihn gefunden.«

»Und er gehört Euch?«

»Ja, Bärbel. Aber nun geh wieder nach Hause. Sag' ihm, wenn ich heute spazieren ginge, würde ich bei Euch einmal vorkommen und, wenn er so sehr krank ist, sehen, ob sich etwas für ihn thun läßt.«

Bärbel knixte. Es war fast, als ob sie noch etwas sagen wollte; aber sie brachte nichts mehr heraus und schien auch froh, wieder fort zu kommen, denn die Sache mit dem Ring ging ihr doch noch immer im kleinen Kopf herum.

In einer merkwürdigen Unruhe aber verließ sie die Gräfin, denn kaum hatte sie die Thür hinter sich zugezogen, als sich diese in einen Fauteuil warf und, ihr Antlitz mit den Händen deckend, eine lange Weile regungslos sitzen blieb; dann sprang sie auf und betrachtete wieder den Ring – war es, daß ein Zweifel in ihr aufstieg, ob es der rechte sei? Sie hielt ihn gegen das Licht und prüfte ihn genau, und ging dann, während sie ihn an ihren Finger schob, mit unruhigen Schritten in dem Gemach auf und ab. Plötzlich, wie zu einem Entschluß gekommen, blieb sie am Tisch stehen und klingelte.

»Der Haushofmeister soll hereinkommen.«

Der Diener schloß die Thür wieder, und nach einer Weile kam der alte Mann und fragte, was die Gräfin befehle.

»Hußmann,« sagte die Frau, welche indessen ihre ganze eiserne Ruhe wiedergewonnen hatte, »was für ein Mensch ist das eigentlich, den in jener Nacht der Förster geschossen hat? Wo kommt er her und wie lange ist er schon da?«

»Ja, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann achselzuckend, »viel Genaues bin ich auch nicht im Stande, Ihnen darüber zu sagen. Ich weiß nicht einmal seinen vollen Namen, denn hier auf dem Schlosse wurde er nur immer Fritz oder, wie ihn die Leute nannten, der alte Fritz, geheißen, der sich, wie alle derartigen Subjecte, im Lande herumtreibt und dort eine Zeit lang bleibt, wo er Beschäftigung findet.«

»Und wie lange ist er hier?«

»Es mögen jetzt drei oder vier Jahre sein, daß er in die Gegend kam, ich weiß es wirklich selber nicht einmal mehr genau; es war das Jahr, wo die Maulwürfe so überhand genommen hatten, und in deren Vertilgung zeigte er sich außerordentlich geschickt. Nachher war er einmal wieder von Zeit zu Zeit fünf bis sechs Monate verschwunden, dann kam er wieder. Jetzt mag er auf's Neue seit etwa zwei Monaten in der Gegend sein, und der Förster hatte ihn schon lange in Verdacht, daß er nicht blos den Maulwürfen und anderem Ungeziefer nachstellte; er war aber zu schlau, als daß er ihn erwischen konnte, und nur in – in jener Nacht mochte er sich vielleicht sicherer fühlen als sonst, und hatte wohl nicht geglaubt, daß der Förster auf seinem Posten wäre.«

»Und hat er sich zu Zeiten im Schlosse selber gezeigt?«

»Nie, Frau Gräfin. Es ist eigentlich ein sonderbarer Kauz; mit den Bedienten hat er nie verkehrt, und die haben ihn auch deshalb immer verspottet, daß er stolz wäre. Es scheint ein heruntergekommenes Subject, das vielleicht einmal bessere Tage gesehen hat. In der letzten Zeit fing er aber auch an, sich dem Trunk zu ergeben, und das muß ihn jetzt besonders so krank gemacht haben. Ich fragte vorhin den Doctor; er wird's nicht lange mehr machen. Der Brand ist zu der Wunde gekommen, und da sich das Bein nicht amputiren läßt, wird er wohl seinen letzten Jagdfrevel verübt haben. Mir thut's leid um den Förster, der kommt dadurch gewiß in Ungelegenheit, und hat sich doch nur seines eigenen Lebens gewehrt. Außerdem macht er sich ein Gewissen daraus den armen Menschen so schwer getroffen zu haben.«

Die Gräfin stand am Fenster und sah gedankenvoll hinaus. Der Haushofmeister blieb an der Thür. Sie hatte ganz vergessen, daß er im Zimmer war. Nach einer Weile fragte er endlich: »Befehlen Sie sonst noch etwas, Frau Gräfin?«

»Ich? – Nein – ja so – es ist gut, Hußmann; ich danke Euch!« Und der alte Diener verließ geräuschlos das Gemach.

Oben im kleinen Gärtnerhäuschen ging es mit dem Kranken recht schlecht. Der Ober-Medicinalrath war dort gewesen, hatte sich die Wunde angesehen und Alles, was bis jetzt dafür geschehen war, gutgeheißen. Aber es stellte sich schon wieder ein Fieber ein. Der Verwundete schien von einer merkwürdigen Unruhe erfaßt zu sein und klagte auch über Schmerzen im Körper, über ein krampfhaftes Gefühl in der Herzgegend. Der Ober-Medicinalrath verordnete Ruhe und Eisumschläge und als einzige Nahrung eine dünne Wassersuppe; dann nahm er Hut und Stock und verließ den Patienten.

Bärbel war zurückgekommen und zum Kranken hinauf gegangen; aber die alte Rosie saß noch im Zimmer, und sie wußte nicht, ob sie in deren Gegenwart etwas von dem Ring und der Frau Gräfin erwähnen durfte. Aber der Kranke kam ihr zu Hülfe.

»Rosie,« sagte er, »gebt mir doch einen Trunk frisches Wasser. Nein, nicht von dem,« fuhr er fort, als die Alte ihm aus dem Kruge einschenken wollte, »das steht schon so lange im Zimmer; bitte, holt mir frisches, gleich vom Brunnen.«

»Geh, spring einmal hinunter, Bärbel, und hol' frisch Wasser,« sagte die Alte; »Du hast junge Beine.«

»Nein, geht Ihr nur selber; die Bärbel soll mir indessen das Eis wieder auflegen, sie versteht's so gut.«

»Na, ich dächte, ich hätt's auch immer geschickt gemacht.«

»Ja, Rosie; aber bitte, laßt's jetzt einmal die Bärbel thun!«

»Na, meinetwegen; mir kann's recht sein.«

Die alte Person war ein wenig in ihrer Ehre gekränkt, aber sie nahm den Krug auf und humpelte damit, immer vor sich hin murmelnd, die Treppe hinab.

»Nun, Bärbel, hast Du's ausgerichtet?«

»Ja; ich hab's Euch ja versprochen.«

»Gutes Kind; und ihr selber gegeben?«

»Ja.«

»Und was sagte sie?«

»Sie wunderte sich, wie Ihr zu dem Ringe kämt. Habt Ihr ihn gefunden, Maulwurfsfänger?«

»Ja, Kind, ich hab' ihn gefunden im Park draußen. Und wird sie kommen? Sagte sie es Dir?«

»Sie will vorkommen, wenn sie spazieren geht, und sehen, ob es Euch an 'was fehlt.«

Der Kranke athmete tief auf.

»Bärbel!«

»Ja, wollt Ihr 'was?«

»Da unten an dem Bettpfosten hängt meine Weste; geh einmal hin, Kind.«

»Wollt Ihr sie haben?«

»Nein; in der linken Tasche steckt ein blanker Thaler. Hast Du ihn gefunden?«

»Ja, da ist er.«

»Behalt ihn, Bärbel, den sollst Du haben.«

»Den ganzen Thaler?«

»Thu' ihn in Deine Sparbüchse, Kind.«

»Aber darf ich denn das viele Geld behalten? Großvater zankt gewiß.«

»Behalt es mir zum Andenken, ich kann Dir ja doch sonst nichts geben, und Du hast mich so oft gepflegt.«

»Aber das muß ich dem Großvater sagen, heimlich darf ich ihn nicht behalten.«

»Sag's nur dem Großvater, Kind, er wird Dir's erlauben. So, und nun leg' mir das Eis auf; die Rosie wird gleich wiederkommen. Oh Gott, wie das feuert und klopft! Du wirst's nicht mehr oft zu thun brauchen, Bärbel.«

Es war fast, als ob das viele Sprechen oder auch vielleicht die gerade von dem Arzte verbotene Aufregung ihn übermäßig angegriffen habe. Er schloß die Augen, war sehr blaß geworden und lag still und regunglos auf seinem Bett.

Die Rosie wollte ihm das verlangte Wasser geben; aber er antwortete ihr gar nicht, und Bärbel selber schlich sich leise hinunter, um den Großvater im Park aufzusuchen und ihm das Geschenk zu zeigen.

Etwa nach einer Stunde öffnete der Kranke die Augen wieder und sah sich verstört um. Nur die Rosie war bei ihm im Zimmer.

Ob er 'was haben wollte? Nein; er schien unruhig, aber die alte Frau auch keine Person, gegen die er sich aussprechen konnte. Er schüttelte mit dem Kopf und horchte nur immer hoch auf, wenn sich unten im Hause etwas regte. Immer heftiger wurde dabei sein Fieber, und das vorher so bleiche Gesicht flammte jetzt ordentlich in wilder Gluth.

Die Rosie war wieder einmal hinunter gegangen, um etwas zu besorgen, als sie plötzlich rasch die Treppe heraufkam und mit ängstlicher Stimme sagte:

»Herr Du meine Güte, die gnädigste Frau Gräfin ist selber unten und will heraufkommen – die Ehre! Und wie's hier aussieht – na, die wird schön schauen! Aber wer hat daran auch gedacht?« Und dabei schob sie hastig Alles aus dem Wege, was sich eben nicht gut zeigen ließ, und wischte noch mit ihrer Schürze den einen dem Bett gegenüber stehenden Stuhl ab, auf dem sie gewöhnlich saß, als die Thür schon aufging und die hohe, stattliche Gestalt der Gräfin auf der Schwelle stand.

Das kleine Gemach hatte vielleicht noch nie so ärmlich ausgesehen, als in dem Augenblick, wo die elegante Gestalt der Dame in ihrem schwarzen rauschenden Seidenkleide darin erschien, und der ängstliche, scheue Blick, den sie darin umherwarf, zeigte, daß sie das fühlte. Aber im nächsten Moment haftete ihr Auge schon fragend und forschend auf dem Antlitz des Kranken, der, als er ihren Schritt auf der Treppe hörte, unwillkürlich emporgezuckt war, vom Schmerz gebannt aber in seine alte Lage zurücksank und finster die Zähne zusammengebissen auf seine Decke niederstarrte.

Ganz versteinert über die »hohe Ehre« stand indessen die Rosie in der Ecke und knixte nur einmal nach dem andern, um dem vornehmen Besuch ihre Ehrfurcht zu erweisen.

Aber die Gräfin, deren Blick nur über sie hinglitt, sagte leise: »Geh'n Sie hinunter, gute Frau, ich habe mit dem Kranken etwas zu sprechen.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Und kommen Sie nicht eher wieder herauf, bis ich Sie selber rufe.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

Die Alte war seelenfroh, da oben weg zu kommen, und wie ihr die Gräfin nur so viel Raum an der Thür ließ, daß sie hindurch konnte, ohne auf ihr Kleid zu treten, schoß sie die Treppe hinab.

Die Gräfin war mit dem Maulwurfsfänger allein; aber noch immer sprach sie kein Wort, noch immer haftete ihr Blick wie fragend und ungewiß auf den eingefallenen Zügen des vor ihr Liegenden, und erst als dieser keine Miene machte, sie anzureden, und nur wie krampfhaft in die Decke griff, sagte sie leise:

»Sie haben mich zu sprechen verlangt. Was kann ich für Sie thun?«

Der Maulwurfsfänger drehte langsam den Kopf nach ihr um, denn selbst diese Bewegung that ihm weh; dann aber flüsterte er, daß die Worte kaum zu dem Ohr der Gräfin drangen und trotzdem wie mit einem Schlage das Blut aus ihren Wangen jagten:

»Also hast Du den Ring wiedererkannt, Ottilie? Bist Du wirklich gekommen, um mir Lebewohl zu sagen?«

»Heiliger, allmächtiger Gott!« stöhnte die Gräfin und faßte ihr Herz mit beiden Händen, als ob sie es festhalten wolle in der Brust. »Wäre es denn möglich – wäre es wahr...?«

»Es ist wahr, Frau Gräfin,« sagte der Alte, indem ein bitteres Lächeln um seine Lippen spielte, »die Jammergestalt hier auf dem Bett, zerschossen und von Krankheit und Alter gebrochen, eigentlich auch schon halb verfault, mit dem schleichenden Tod in den Gliedern, ist Alles, was von dem einst so lebenslustigen und gefeierten Friedrich von Sitrop übrig geblieben. Wenig, nicht wahr? Verdammt wenig – und das Wenige selbst verstümmelt und mißhandelt!«

Die Frau stand, das Gesicht in den Händen bergend, mitten in der Stube; kein Laut kam über ihre Lippen, aber die ganze Gestalt zitterte und bebte, und des Alten Blick haftete fast wehmüthig und mitleidsvoll an ihr. Endlich fuhr er leise fort: »Setz' Dich, Ottilie – etwas näher zu mir; ich kann nicht so laut sprechen und fühle, daß ich auch nicht mehr lange sprechen werde. Ich weiß Alles, was Du fragen möchtest, ich will Dir Alles mit wenigen Worten sagen. Aber dann – mußt Du mir auch Eine Frage beantworten – nur eine einzige Frage, die mir lange Jahre am Leben gefressen hat und die ich – noch vor meinem Tode gelöst haben möchte. Setz' Dich, die Zeit vergeht und die Secunden fangen an kostbar zu werden.«