Die Gräfin machte eine Bewegung gegen das Bett, und der Spitz, der bis jetzt nur leise und fast unhörbar geknurrt hatte, schlug laut an. Der Maulwurfsfänger pfiff leise durch die Zähne und sagte dann: »Ruhig, Spitz, es ist vorbei; Du wirst jetzt abgelöst von Deinem Posten. Sei ruhig, mein Hund, ich bin's ja auch; hörst Du?«

Das kleine treue Thier knurrte zwar noch leise, aber es kauerte sich wieder unter dem Bett zusammen und winselte nur noch ein wenig, als die Gräfin fast mechanisch nach dem Stuhl griff und sich darauf niederließ. Dann lag er ganz still, schob die Schnauze wieder in seine langen Haare und blieb regungslos liegen, hielt aber immer noch die kleinen blitzenden, schwarzen Augen mißtrauisch auf das Kleid des fremdartigen Besuchs geheftet.

Auch der Kranke schien sich erst von der ungewohnten Anstrengung des Redens zu erholen; dann fuhr er langsam fort:

»Die Geschichte ist sehr kurz. Mein Vermögen brachte ich durch – im Spiel; arbeiten konnte und wollte ich nicht; in Frankreich, wohin ich flüchtete, fälschte ich einen Wechsel, um Geld zu bekommen, und wurde eingekerkert. Ich saß lange Jahre und kehrte, endlich freigelassen, nach Deutschland zurück; aber den Baron hatte ich im französischen Gefängniß oder vielmehr schon vor dessen Thür gelassen, leben mußte ich, Geld hatte ich keins, – das Einzige, was ich verstand, war das Spiel und die Jagd; Croupier mocht' ich nicht werden, so tief war ich doch noch nicht gesunken, zum Förster wollte mich Niemand, da« – ein bitteres, höhnisches Lächeln zuckte um die Lippen des Kranken – »benutzte ich eine frühere Passion von mir, das Fallenstellen, und – wurde Maulwurfsfänger. Sechs Jahre wanderte ich so in Deutschland umher, mich den Henker mehr um die übrige Welt scherend, bis es mir keine Ruhe mehr ließ, den Ort wieder aufzusuchen, wo...«

Er schwieg plötzlich; Todtenstille herrschte in dem kleinen Raum, nur das schwere Athmen der Frau unterbrach die Stille oder machte sie vielmehr noch unheimlicher.

»Das ist eigentlich Alles,« sagte der Kranke nach einer Pause. »Du kanntest mich nicht wieder; hübscher war ich auch nicht geworden, und mir machte es Spaß, so incognito gerade mit diesem Platz zu verkehren. Da begegnete ich neulich im Park einer jungen fremden Frau – wie ein Messer stach mir deren Anblick durch's Herz, – es war, als ob die langen Jahre zurück, statt vorwärts gegangen wären, und Du, Ottilie, wie ich Dich in all' Deiner Schönheit und Jugend gesehen, standest wieder vor mir, wie vor einem Vierteljahrhundert an derselben Stelle.«

Die Gräfin war aufmerksam geworden; ihre Hände sanken langsam in ihren Schooß, und das große Auge haftete fragend auf dem Sprechenden.

»Ich erfragte den Namen,« fuhr dieser endlich leise fort, »er klang mir fremd – Rottack – ich hatte ihn nie gehört.«

»Rottack?« hauchte die Frau.

Der Maulwurfsfänger nickte, und sein Blick hing forschend an ihren Zügen; aber er bekam keine Antwort. Angst und Schmerz lagen in ihrem Antlitz, aber die Lippen blieben unbewegt.

»Rottack,« wiederholte er endlich, »Helene Rottack. Aber Du mußt reden, Ottilie,« fuhr er heftiger fort, »die Zeit verfliegt, meine Pulsschläge sind gezählt, Du mußt meine Frage beantworten!«

»Und welche Frage ist das?«, hauchte die Frau, die sich dem alten, kranken Manne vollkommen willenlos gegenüber befand.

»Was ist aus dem Kind geworden?« sagte der Alte leise. »Als der Graf aus Westindien zurückkehrte, konnte ich Dir nicht wieder nahen, denn ich wußte, daß er mich haßte. Bald darauf mußte ich selber flüchten, schreiben durfte ich nicht – was ist aus dem Kind geworden, Ottilie?«

Die Frau barg ihr Gesicht wieder in den Händen, aber sie antwortete nicht, und fast mitleidig ruhte der Blick des Kranken auf ihr.

»Fürchte nichts,« sagte er endlich leise, »ich weiß, welches furchtbare Unglück Dich in der letzten Zeit betroffen hat. Ich hätte es vielleicht verhindern können,« setzte er düster hinzu. »Ängstige Dich nicht, daß diese Lippen, die so lange geschwiegen, jetzt plaudern könnten; ein Sterbender spricht zu Dir – was ist aus dem Kind geworden?«

»Es lebt!« hauchte die Gräfin.

»Es lebt?« rief der Kranke. »Und – und heißt Helene?«

Die Gräfin antwortete nicht, aber ohne zu ihm aufzusehen, neigte sie leise das Haupt.

»Gott sei Dank!« stöhnte der Mann. »Aber – mir wird auf einmal so wunderbar schwach zu Sinn – es flackert mir vor den Augen. Gieb mir Deine Hand, Ottilie – laß uns versöhnt scheiden – so, das ist lieb von Dir – Gott segne Dich – so – und nun geh – Du darfst nicht länger hier bleiben. Schick' mir die Rosie herauf – die Alte oder die Bärbel, wenn sie unten ist. Oh, mein Gott, wie das brennt – das Eis ist fortgeschmolzen und zu glühend heißem Blei geworden...«

Die Gräfin hatte ihm die Hand gereicht; sie war aufgestanden, und ihre Brust hob sich stürmisch, ihr Antlitz deckte Leichenfarbe. Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht. Willenlos, fast bewußtlos hatte sie bis jetzt in der Gegenwart des Furchtbaren gehandelt; was sie sich vorgenommen, ehe sie das Haus betrat, wie sie mit kalter Verachtung seiner Anklage begegnen, sein Erkennen verleugnen wolle – es war hingeschmolzen, als jene Jammergestalt auf dem Bett, der Schatten dessen, der einmal im Leben ihre ganze Seele füllte, vor ihr lag. Alte Erinnerungen, Reue, Zerknirschung und Mitleid bestürmten ihr Herz; aber ihre Kräfte verließen sie, die Luft hier drohte sie zu ersticken.

»Leb' wohl!« flüsterte sie, und wie von Furien gejagt, floh sie aus dem Zimmer hinaus in's Freie, in die Einsamkeit.

Draußen wurde ihr leichter. Wohl eine Stunde lang ging sie in dem weiten Park auf und ab. Endlich wandte sie sich wieder dem Schlosse zu und ging in ihr Zimmer hinauf.

Noch hatte sie nicht ihren Hut abgelegt, als es leise an die Thür klopfte.

»Herein!«

Bärbel stand auf der Schwelle. »Ach, Frau Gräfin,« sagte die Kleine, und die hellen Thränen liefen ihr an den Wangen nieder, »ich bin nicht hergeschickt, aber – ich – ich wollte Ihnen nur melden, daß der alte Maulwurfsfänger eben gestorben ist.«

»Todt?«

»Die Rosie sagt's. Er liegt kalt und starr auf dem Bett.«

Die Gräfin winkte mit der Hand; Bärbel verließ schüchtern das Zimmer. Die Gräfin Monford wankte zu ihrem Sopha, und Thränen – Thränen, die ersten, die sie seit langen Jahren vergossen, netzten ihr die Wangen.

Sie war glücklich, denn sie konnte weinen.

30.
Pfeffer dictirt einen Brief.

Wochen vergingen und Monate. Die rauhen Herbststürme traten ein, Schnee fiel, und der Winter deckte die freundlichen Hügel und Gebirgszüge um Haßburg mit seiner weißen Decke und die Wasser mit Eis, und noch hatte die Monford'sche Familie mit keinem Menschen in der Stadt wieder verkehrt, noch hatte die Gräfin selber die Stadt nicht wieder betreten, oder auch nur einen einzigen Besuch selbst ihrer früheren intimsten Freunde angenommen.

Der Zustand des Grafen schleppte sich freilich auch nur langsam hin: die früher eingetretenen Schlaganfälle hatten sich mehrfach wiederholt, und so sehr Beide gewünscht haben mochten, diesen Ort, der jetzt für sie so furchtbare Erinnerungen trug, zu verlassen und eine andere Gegend, ein wärmeres Klima zu ihrem Aufenthalt zu wählen, so schüttelte doch der alte Ober-Medicinalrath dazu auf das Entschiedenste den Kopf und beharrte dabei, daß der Graf jetzt an eine Reise gar nicht denken dürfe, wenn er sich nicht muthwillig der größten Gefahr aussetzen wolle. Ihm bliebe vor der Hand nichts weiter übrig, als abzuwarten, ob sich sein sehr bedenklicher Zustand bessern würde, wozu er die Hoffnung keineswegs aufgegeben habe. Träte der Fall ein, dann würde er selber eine Reise nach Italien oder einem andern warmen Himmelsstrich dringend anrathen.

Ganz verändert war indessen die Gräfin selber geworden. Wie sie früher die Pflege des Kranken fast ausschließlich der Dienerschaft überlassen hatte, so wich sie seit jenem Tag, an welchem sie das Gärtnerhaus besucht, fast nicht mehr von dem Lager des Gatten, und wachte, wenn sich sein Zustand dann und wann verschlimmerte, halbe Nächte neben seinem Bett. Sie war auch viel freundlicher mit den Leuten selber geworden, und sogar der alte Haushofmeister, der ihr seit jenem Abend, wo sie den Brief verbrannte, lange Wochen durch wohl ehrerbietig, aber doch wie scheu ausgewichen war, fing an sich ihr wieder zu nähern und Mitleid mit ihr zu fühlen, denn er, vor allen Anderen, sah und fühlte die Veränderung zum Besseren, die mit ihr vorgegangen. Fiel sie doch mit einer wahren Hast über alle Briefe her, die ihr gebracht wurden, und legte sie dann traurig und oft mit einer unterdrückten Thräne bei Seite, wenn keiner von ihnen mehr die jetzt so heiß ersehnten Schriftzüge des verlorenen Kindes trug.

Aber Paula schien verschwunden; kein Brief von ihr war mehr eingetroffen, keine Zeitung nannte Handor's Namen, keine Nachforschung, die sie im Geheimen, besonders durch den Ober-Medicinalrath, anstellen ließ, führte zu irgend einem Resultat. Sie mußte todt sein oder Deutschland verlassen haben, denn alle Nachfragen blieben fruchtlos.

In Haßburg selber hatte man die Monford'sche Familie, die für Wochen lang das Tagesgespräch gebildet, fast vergessen. Eine Zeit lang wurde die Erinnerung daran wohl noch durch die nach dem Tode des Maulwurfsfängers gegen den Förster eingeleitete Untersuchung aufgefrischt, und dieser auch wegen Tödtung – aber mit mildernden Umständen, da er selber dabei verwundet worden – zu zwei Monaten Gefängnißstrafe verurtheilt. Jetzt hatte er diese abgesessen und Niemand sprach mehr davon oder dachte noch daran. –

Freundlicher hatten sich indessen die Verhältnisse in der Pfeffer'schen Familie gestaltet.

Rebe's Erfolg am hiesigen Theater konnte als gesichert betrachtet werden, denn nach der Aufführung des Fiesco wagte sich keine Opposition mehr heraus – oder wurde vielmehr nicht mehr bezahlt und fiel deshalb von selbst weg. – Strohwisch hatte Haßburg verlassen, und Rebe bekam dadurch freien Raum und ehrliches Spiel, sich seine Stellung am Haßburger Theater zu erkämpfen, was er ehrenvoll that. Nacheinander, aber von dem vorsichtigen Director immer noch nur von Monat zu Monat engagirt, trat er in den bedeutendsten und schwierigsten Rollen auf und zeigte sich bald als ein so talent- und geistvoller Schauspieler, daß ihn das Publikum immer lieber gewann und ihm jetzt allabendlich die deutlichsten und lebhaftesten Zeichen seines Beifalls gab.

Aber trotzdem veränderte er seine Lebensart nicht. Seine Gage war schon jetzt eine sehr anständige, und er hätte mit Leichtigkeit ein besseres Quartier nehmen und besser leben können. Das Rechtlichkeitsgefühl aber, das ihn bisher geleitet, führte ihn auch weiter, und wenn er schon offen und ehrlich um Henriettens Hand bei den Eltern angehalten und ihre freudige Einwilligung erlangt hatte, weigerte er sich doch, Henriette früher heimzuführen, als er sich selber so viel Geld erspart habe, um seiner Frau eine freundliche und angemessene Heimath gründen zu können.

Jeremias erbot sich allerdings augenblicklich, ihm jede verlangte und nöthige Summe vorzustrecken, aber Rebe wies Alles, wenn auch freundlich und dankend, doch entschieden zurück. Er wollte sich selber und aus sich selber heraus seinen eigenen Herd gründen, und Henriette hatte ihn deshalb nur um so lieber.

Darin stimmte er aber ganz mit Pfeffer überein, daß er jetzt bei Krüger auch auf einen bestimmten und längeren Contract dringen müsse, denn das Provisorium hatte lange genug gedauert. Rebe schrieb auch deshalb an Krüger, und heute war eine schriftliche Antwort eingelaufen, worin sich der Director in den schmeichelhaftesten Ausdrücken erbot, einen fünfjährigen Contract mit Rebe als erstem Liebhaber und Helden einzugehen, und ihm ein Concept desselben unter sehr annehmbaren Bedingungen beilegte.

Rebe hatte augenblicklich zustimmen wollen, Pfeffer that aber Einspruch und behauptete, daß in einer so wichtigen Angelegenheit auch nothwendiger Weise großer Kriegsrath gehalten werden müsse. Außerdem sei es nicht einmal gerathen, diesem »Blutsauger«, wie er seinen Director im vertraulichen Gespräch gewöhnlich nannte, zu zeigen, daß man augenblicklich zuschnappe, sobald er einen Brocken hinhielt. Er müsse zappeln, er müsse eine Zeit lang in Ungewißheit gehalten werden, dann erst dürfe man hoffen, auf einen andauernd guten Fuß mit ihm zu kommen; sonst setze er seinen Schlachtopfern doch augenblicklich wieder den Daumen auf's Auge.

Rebe wollte dagegen protestiren, aber es half ihm nichts; er wurde gerade nicht überstimmt, aber von Pfeffer überschrieen, und willigte endlich lächelnd in einen »großen Rath«, der an diesem Nachmittag bei Pfeffer zusammenkommen und Rebe's Entschluß bestimmen solle.

Pfeffer's Schwester, die sich merkwürdig in den letzten Monaten erholt hatte und schon tüchtig wieder im Hause wirthschaftete, arrangirte mit Jettchen einen großen Kaffee, und selbst Fräulein Bassini war dazu eingeladen worden und erschien, eine halbe Stunde vor der Zeit, im höchsten Staat und Putz, so daß Pfeffer augenblicklich in sein Zimmer stürzte, den alten Schlafrock abwarf, ein weißes, allerdings etwas »mitgenommenes« Halstuch umband und in seinen alten blauen Frack mit blanken Knöpfen hineinfuhr, dazu ein Paar schmutzige Glacéhandschuhe anzog, seinen Cylinderhut aufsetzte und der Schwester nun, in der linken Hand die lange Pfeife und an den Füßen noch immer die grüngestickten Schlapp-Pantoffeln, entgegen ging, um sie höchst förmlich zu begrüßen.

Pfeffer hielt denn auch, als Alle versammelt waren, in diesem Costüm seinen Vortrag, und Jeremias saß dabei und lachte, fing aber an mit dem Kopf zu schütteln, als sein Schwager Rebe aufzuhetzen begann, den Contract zurück zu weisen und höhere Bedingungen zu fordern. Die Gage war nämlich von Krüger selber so hoch gestellt, wie sie nur Haßburg mit seinen bescheidenen Verhältnissen zahlen konnte, und Jeremias protestirte heftig gegen jede solche Überschreitung des Möglichen. Pfeffer gab endlich nach.

»Gut, Kinder,« sagte er, während Fräulein Bassini daneben saß und an einem entsetzlich langen, brennend rothen Strumpf strickte, »ich habe nichts dagegen, wenn Rebe denn für eine solche Lumpengage bleiben soll, wo er in Berlin und Wien das Doppelte bekommen könnte...«

»Wenn nicht dort alle Stellen besetzt wären, Herr Pfeffer...«

»So habe ich auch nichts dagegen,« fuhr Pfeffer fort, »aber in Einer Sache müßt Ihr mir folgen – Rebe muß ihm einen derben Brief schreiben, in dem er den Contract allerdings annimmt, aber diesem Blutegel, diesem Krüger, auch zu verstehen giebt, daß er ihn durchschaut und sich seines Werthes vollkommen bewußt ist.«

»Aber, bester Herr Pfeffer,« sagte Rebe, »ich bin nicht im Stande einen Brief zu schreiben, in dem ich etwas Anderes sagen soll, als ich wirklich denke.«

»Dann werde ich Ihnen dictiren,« rief Pfeffer.

»Aber, Fürchtegott...« bat die Frau.

»Mach' mich nicht böse,« rief aber Pfeffer jetzt gereizt, »setzen Sie sich dahin, Rebe, dort liegt ein Briefbogen und Feder und Tinte, und fangen Sie an!«

»Aber willst Du das nicht lieber mir dictiren, Onkelchen?« bat Henriette, »Horatius kennt doch noch nicht so genau Deine Art und Weise.«

»Ach was, Art und Weise – er muß sich hinein finden, und so viel Verstand wird er doch wohl haben! Schreiben Sie, Rebe!«

Seine Schwester Auguste saß dabei und schüttelte lächelnd den Kopf, aber sie sagte kein Wort; ja, als Jeremias auch dagegen reden wollte, faßte sie nur seinen Arm und flüsterte: »Laß ihn nur machen! Er will nun einmal seinen Willen haben; das Jettchen wird schon Alles wieder in die Reihe bringen!«

Rebe schien nicht halb damit einverstanden, aber er mochte Pfeffer auch nicht böse machen, setzte sich also an den Schreibtisch, rückte sich den Bogen zurecht, tunkte die Feder ein und sagte: »Also, Herr Pfeffer?«

Fürchtegott Pfeffer ging noch immer – eine höchst possirliche Gestalt – mit seinem Frack und den grüngestickten Pantoffeln, wie der langen Pfeife – in der Stube auf und ab und blies den Rauch in kleinen hellen Wolken von sich.

»Sind Sie so weit?«

»Ja!«

»Gut! so fangen Sie an. Überschrift: Herrn Director Krüger hier, – Mohrengasse 42, erste Etage, rechts, – erste Etage, rechts. Haben Sie rechts?«

»Nur weiter, ich komme schon mit!«

»Also – Schafskopf...«

»Aber, Herr Pfeffer,« sagte Rebe und sah verwundert zu ihm auf.

»So schreiben Sie doch nur, ich verliere ja sonst den Faden.«

Rebe schüttelte mit dem Kopf, und Henriette stand, mit der Hand seine Stuhllehne gefaßt, und sah ihm lächelnd über die Schulter.

»Schreibe nur – schreibe,« flüsterte sie, und ein eigener Zug von Muthwillen zuckte ihr dabei über das liebe Antlitz.

»Haben Sie Schafskopf?«

»Ja, Herr Pfeffer!«

»Haben Sie endlich eingesehen, was ich Ihnen hier bin und leiste...«

»Aber,« wollte Rebe wieder remonstriren, Jettchen hielt ihm jedoch rasch den Mund zu und flüsterte wieder: »Schreibe nur!« Er wurde gar nicht klug aus ihr. Den Brief konnte er doch nicht dem Director schicken, das ging ja unmöglich an.

»Was ich Ihnen hier bin und leiste – haben Sie das?«

»Leiste,« wiederholte Rebe kopfschüttelnd.

»Das Lumpengeld, was Sie mir bieten, ist freilich kaum die Hälfte dessen, was ich verdiene...«

Rebe schrieb jetzt – er wollte wenigstens einmal sehen, was daraus würde, war aber fest entschlossen, nie in dieser Weise selber zu antworten.

»Haben Sie verdiene?«

»Verdiene...«

»Und in den zwei Monaten Urlaub, die Sie vernünftiger Weise eingeschoben...«

»Eingeschoben,« sagte Rebe.

»Werde ich das Dreifache herausschlagen – aber ich komme doch in der Zeit...«

»In der Zeit...«

»Aus der Schmiere hier fort...«

Rebe lachte, aber er schrieb weiter.

»Ich fühle, daß Sie mir mit dem Contract das Fell über die Ohren ziehen – über die Ohren ziehen – aber ich hoffe doch mit – dem Gelde auszukommen – Hol' Sie der Deubel – so, und nun Ihren Namen darunter.«

»Und den Brief soll ich fortschicken?«

»Gewiß!« nickte Pfeffer. – »Aber nun lesen Sie mir erst einmal vor, was Sie geschrieben haben.«

Rebe las: »Sie Schafskopf!«

»Ach, Donnerwetter – Unsinn!« rief Pfeffer.

»Ja, aber das haben Sie mir doch dictirt!«

»Aber Sie müssen doch,« brummte Pfeffer, – »den Teufel auch, Sie haben ja gar keinen Begriff vom Briefschreiben – da weiß Jettchen besser mit umzugehen – na, lesen Sie nur weiter!«

»Haben Sie endlich eingesehen,« las Rebe, »was ich hier bin und leiste? Das Lumpengeld, das Sie mir bieten...«

»Schwerenoth,« schrie Pfeffer und riß ihm das Blatt aus der Hand, »das wollen Sie doch nicht an den Director schreiben! Jettchen, setze Du Dich einmal hin – der Mensch ist so kindlich, als ob er gerade aus der Schule käme – Sie möchte ich zum Secretär haben!«

»Ja, lieber Onkel,« lachte Jettchen, und nahm Rebe's Platz ein, »nun dictire Du mir einmal.«

»Also, bist Du fertig?«

»Alles bereit.«

Pfeffer, Rebe's Brief in der Hand, dictirte nun dem jungen Mädchen genau dasselbe, was auf dem Blatte stand, und Jettchen schrieb. Als er wieder mit »Hol' Sie der Deubel« schloß, nickte Jettchen und stand auf.

»So, nun lies einmal vor.«

Jettchen las: »Hochverehrter Herr!«

Pfeffer nickte, »das klingt schon besser!«

»Recht herzlich freue ich mich, daß Sie Ihre Zweifel endlich besiegt haben und mir vertrauen. Ich nehme den mir gebotenen Contract mit Dank an und bin Ihnen besonders für den zweimonatlichen Urlaub verpflichtet, den ich nicht allein dazu benutzen kann, andere Bühnen zu sehen und dort mein Glück zu versuchen, sondern mich auch noch weiter auszubilden. Ich fühle, daß Sie mir mit dem Contract...«

»Das Fell über die Ohren ziehen,« sagte Pfeffer.

»... ein ehrendes Zeugnis meiner bisherigen Leistungen geben,« las Jettchen, »und hoffe auf ein recht freundliches künftiges Zusammenleben mit Ihnen und meinen Collegen.«

»Hol' Sie der Deubel,« nickte Pfeffer vergnügt.

»Hochachtungsvoll,« las Jettchen, »Ihr ergebenster Horatius Rebe.«

»Bravo!« rief Pfeffer, »der Brief hat Hand und Fuß. Sehen Sie, Rebe, von dem Mädel können Sie noch 'was lernen!«

»Ja, aber mein bester Herr Pfeffer,« lachte Rebe, »wenn Sie sagen: Hol' Sie der Deubel...«

»Meine ich immer »hochachtungsvoll«,« rief Pfeffer – »das versteht sich doch von selbst und sieht ein Kind ein!«

Jeremias hatte ruhig dabei gesessen und sich vortrefflich über Pfeffer's Briefdictiren amüsirt, als es plötzlich anklopfte und auf sein »Herein« ein Bedienter in Livrée auf der Schwelle erschien. Jeremias kannte übrigens die Livrée, es war die des Grafen Rottack.

»Sie entschuldigen – ist Herr Stelzhammer hier zu – ah,« unterbrach er sich, als er den kleinen Mann erkannte und ihm einen Brief überreichte – »wären Sie so freundlich, mir Antwort zu sagen?«

Jeremias brach den Brief auf. Er enthielt nur wenige Zeilen, in denen ihn Graf Rottack bat, sie doch, sobald es irgend anging, zu besuchen, da er dringend weitere Auskunft wünsche.

»Ist der Herr Graf jetzt zu Hause?«

»Allerdings, und wartet jedenfalls, bis ich ihm Antwort bringe.«

»Schön – dann sagen Sie ihm, ich würde gleich kommen.«

»Sehr wohl, Herr Stelzhammer,« und der Diener entfernte sich.

»Wegen der Geschichte?« fragte Pfeffer, als er fort war.

»Jedenfalls,« nickte Jeremias – »und hast Du nichts weiter von der Sache gehört?«

»Nichts weiter, als was die Lise erzählt hat.«

»Mit Handor?« meinte diese, »das ist sicher; die Ronelli, die vor einiger Zeit in Prag gastirte, jetzt aber schon lange wieder von da fort ist, hat mir selber geschrieben, daß er unter einem andern Namen dort aufgetreten, aber durchgefallen wäre. Wo er aber jetzt stecken mag, weiß Gott!«

»Und wie lange ist das her?«

»Ja, das schreibt sie nicht.«

»Kennen Sie denn Niemanden in Prag?«

»Keine Seele – wenn nur der Mauser noch hier wäre – der hat Verwandte in Prag und könnte es von dort gewiß leicht erfahren.«

»Der Mauser? – der Souffleur? Ist denn der fort?«

»Oh, schon über sechs Wochen – er hatte ja einen Zank mit dem Director und ging damals ab. Natürlich aber hat Keiner von uns je wieder etwas von ihm gehört.«

»Wenn ich den Brief nur einmal bekommen könnte,« sagte Jeremias.

»Es steht weiter nichts davon drin,« versicherte Fräulein Bassini. »Die Ronelli ist ja in Prag nur dreimal aufgetreten und dann nach Schwerin gegangen, und schrieb mir auch das Wenige nur, weil sie glaubte, daß es mich interessiren könne. Wenn nur der Mauser noch da wäre, der könnte uns gewiß weitere Auskunft verschaffen. Doch was liegt daran, wo sich der Lump, dieser Handor, jetzt aufhält, und ich möchte wirklich wissen, was der Graf mit dem zu schaffen hat.«

»Ich will wenigstens hören, was er verlangt,« sagte Jeremias, seinen Hut aufgreifend. »Sobald ich kann, komme ich zurück.«

Er fand den jungen Grafen Rottack schon seiner harrend, und dieser kam auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und rief: »Mein lieber Jeremias, ich bin Ihnen unendlich dankbar für Ihre Freundlichkeit. Wir haben Sie sehnsüchtig erwartet!«

»Mein bester Herr Graf!«

»Kommen Sie herein – Helene ist auch drin und will Sie sprechen – wir müssen zusammen berathen, was zu thun ist.«

Helene begrüßte den alten Freund in der That auf das Herzlichste – aber wie bleich und leidend sah sie aus – wo war das Feuer und Leben geblieben, das sonst aus ihren guten Augen sprühte – wie wehmüthig lächelnd reichte sie ihm die Hand, und wie ängstlich drängte sie danach, die Sache erledigt zu sehen, die jetzt ihre ganze Seele in Anspruch nahm: das Schicksal der armen Paula.

Rottack unterstützte sie darin. »Die Nachricht, die Sie uns neulich gaben, Jeremias,« rief er aus, »hat Bestätigung erhalten. Ich habe augenblicklich nach Prag an einen Freund geschrieben, und heute Morgen kam die Antwort. Ein Schauspieler, der sich dort Boslaw nannte und in Prag auftrat, scheint allerdings dieser unglückselige Handor zu sein, der jene Gegend jetzt unter einem falschen Namen bereist, möglicher Weise, um seinen Gläubigern keine Spur seines Aufenthalts zu geben. Das Gerücht nannte dort wenigstens jenen Namen.«

»Und wo steckt er jetzt? Ist er noch in Prag?«

»Das weiß Gott,« seufzte Felix – »von Prag scheint er fort zu sein.«

»Er kann es nicht gewesen sein,« rief Helene, »die Beschreibung jener Person, die er bei sich hatte, paßt doch wahrhaftig nicht auf Paula.«

»Hatte er Jemanden bei sich?« sagte Jeremias.

»Allerdings,« nickte Felix, »dieser Boslaw soll mit einem Frauenzimmer gereist sein, das er für seine Frau ausgab – eine kleine dicke Person, anscheinend eine Böhmin – aber Gott weiß, was da vorgegangen ist!«

»Es ist nicht möglich!« rief Helene unter vorquellenden Thränen.

»Frau Gräfin,« sagte Jeremias, »es ist Alles möglich auf der Welt, besonders das; denn daß sich eine anständige Dame nicht lange mit diesem – Lump glücklich fühlen konnte, war vorauszusehen. Aber was wollen Sie jetzt thun?«

»Sie sollen uns helfen, Jeremias!« rief Graf Rottack.

»Ich? – Aber wie?«

»Sie sind mit den Verhältnissen am Theater bekannt. Sie haben hier eine Menge von Leuten kennen gelernt und können dort rasch neue Bekanntschaften anknüpfen. Ich würde selber reisen, aber ich darf jetzt meine arme Helene nicht allein lassen; so thun Sie uns die Liebe und machen Sie den Versuch, ob Sie nicht an Ort und Stelle etwas Näheres erfahren können. Daß Sie praktisch sind, weiß ich – Sie werden nichts versäumen, und an Geld steht Ihnen zu Gebot, was Sie brauchen.«

»Mein lieber Herr Graf,« sagte Jeremias verlegen, »das ist eine ganz eigenthümliche Sache, und ob ich gerade zu so etwas passe, weiß ich wahrhaftig nicht. Wirklich den Fall gesetzt, daß ich sie finde, was kann ich thun? Wenn die junge Gräfin bei ihrem jetzigen Manne bleiben will, wie kann ich als ein vollkommen fremder Mensch sie daran hindern, und ihr Mann würde mich erst recht ansehen, wollte ich sie nur danach fragen. Ich glaube, ich geriethe da in eine höchst unglückliche Situation und müßte jedenfalls wieder unverrichteter Sache abziehen.«

»Sie sollen nichts thun, Jeremias,« rief Helene bittend, »als den Thatbestand erforschen – nur uns Gewisses über dort berichten, denn wir kennen keinen Menschen, auf den wir uns so fest verlassen könnten, als auf Sie.«

»Hm, das ließe sich schon eher hören,« nickte Jeremias, »abkommen könnte ich jetzt hier; was ich zu thun hatte, ist besorgt, und wenn ich wüßte, daß Ihnen damit ein Gefallen geschähe...«

»Ich würde Ihnen ewig dankbar dafür sein,« rief Helene.

»Topp! ich reise,« sagte Jeremias entschlossen – »Ihnen, Frau Gräfin, habe ich noch nie 'was abschlagen können, das wissen Sie wohl von alten Zeiten her – Apropos nichts wieder von Santa Clara gehört?«

»Wir haben Briefe erhalten,« sagte Felix, »aber es steht nichts darin, was Sie interessiren könnte – ausgenommen, daß die Colonie unter Sarno's Führung blüht und gedeiht und – ja, doch das Eine – daß Baron Jeorgy plötzlich verschwunden ist!«

»Durchgebrannt,« lachte Jeremias, – »nur ein Wunder, daß er sich so lange gehalten hat.«

»Und Director Sarno hat sich verheirathet,« sagte Helene.

»Hurrjeh!« rief Jeremias voller Erstaunen, indem er blitzschnell herumfuhr – »ob ich's ihm nicht immer prophezeit habe! Aber wen?«

»Ein junges, braves Mädchen, die Tochter eines Colonisten, die mit ihren Eltern einen der furchtbaren Parcerie-Verträge im Norden durchgemacht hatte,« sagte Felix.

»Und es geht ihm gut?«

»Vortrefflich – aber jetzt, Jeremias, ist keine Zeit mehr zu versäumen. Wenn Sie uns wirklich die Liebe erzeigen wollen, so müssen Sie unverweilt aufbrechen. Sind Sie mit warmen Kleidern versehen?«

»Hinlänglich – ich habe mich noch immer nicht wieder an die Kälte gewöhnen können und friere mordmäßig.«

»Und bei Ihnen zu Hause geht Alles gut?«

»Danke, ja! Meine selige Frau ist wieder ganz auf dem Zeug.«

»Ihre selige Frau?« lachte Helene.

»Ach ja so,« sagte Jeremias erschreckt; »weiß der liebe Gott, wie es kommt, aber das Wort fährt mir immer heraus. Es ist mir in einem fort, als ob mir die Frau schon einmal gestorben und jetzt erst wieder neu geboren wäre. Aber was kann's helfen,« setzte er seufzend hinzu, »geschehen ist nun einmal geschehen, und das einzige Glück, daß ich doch jetzt im Stande bin, Manches gut zu machen, was ich früher verdorben. Nachher gehe ich wieder nach Brasilien.«

»Sie wollen zurück?« rief Helene erstaunt.

»Es wird sich nicht anders machen – was soll ich hier, wenn ich das Mädel versorgt weiß – aber jetzt haben wir Anderes zu denken,« brach er kurz ab, »und, wie gesagt, wenn ich Ihnen damit dienen kann, brech' ich die Nacht noch auf – viele Vorbereitungen habe ich überdies nicht nöthig.«

»Und tausend Dank im Voraus,« rief Rottack, ihm die Hand herzlich schüttelnd, »Sie glauben nicht, welche Last Sie mir dadurch von der Seele nehmen.«

»Und wie heißt der Herr, der Ihnen von dort geschrieben?«

»Kommen Sie jetzt mit in mein Zimmer, Jeremias,« sagte der junge Graf, »dort gebe ich Ihnen alle in meinem Besitz befindlichen Notizen, und sobald Sie dort etwas Näheres erfahren, telegraphiren Sie augenblicklich.«

Jeremias bedurfte keiner großen Unterweisung, denn er fand sich außerordentlich leicht in Alles, also auch in das, was hier von ihm verlangt wurde. Dann ging er noch einmal zu Pfeffers, um diesen anzuzeigen, daß er auf acht oder zehn Tage verreisen werde, packte nachher seinen Koffer und erwartete dann unten auf dem Bahnhof den Abendzug, der zwischen neun und zehn Uhr durchkam.

31.
Jeremias auf Reisen.

Es war bitterkalt die Nacht, und obgleich der März schon seit ein paar Tagen begonnen hatte, schien es doch fast, als ob der Winter noch gar nicht daran dächte, Abschied zu nehmen, oder doch wenigstens noch einmal zu guter Letzt zeigen wolle, was er könne.

Jeremias versuchte zu schlafen, aber es ging nicht; jede Viertelstunde stiegen Passagiere aus und ein, und die Schaffner schlugen dann jedesmal mit den Thüren, daß er immer wieder erschrocken emporfuhr. Und was ging ihm auch nicht Alles im Kopf herum! Brasilien, ja, in Brasilien war's jetzt freilich wärmer, und dort hätte er nicht so zu frieren brauchen – aber wieder dahin zurück? Früher hatte er sich dort allerdings wohl befunden, aber die deutschen freundlichen Verhältnisse auch fast vergessen gehabt. Jetzt, da er sie wiedergefunden, da er sich wohl darin fühlte, sollte er sie wieder verlassen und allein in die Fremde hinausziehen? Aber was wollte er hier? Sein Kind war jetzt bald versorgt und glücklich, und seine Frau – war es denn noch seine Frau, und er nicht rechtskräftig und für immer von ihr geschieden? Ja, so lange sie krank lag, konnte er sie besuchen und mit ihr verkehren; jetzt, da sie gesund und kräftig geworden und sich von Tag zu Tag mehr erholte, mußte das aufhören, das fühlte er selber, oder er brachte sie in das Gerede der Leute, die sich nicht leicht eine Gelegenheit entschlüpfen lassen, Übles von ihren Nebenmenschen zu denken und zu reden. Und sollte er in derselben Stadt mit ihr als Fremder leben? Das ging nicht, und es war das Allergescheidteste, er schiffte sich ruhig wieder nach Brasilien ein – Brasilien – Hundeleben dort, was ein Mensch nur aushalten mochte, wenn er nicht mehr in Deutschland existiren konnte.

Er wickelte sich fester in seine dicke Reisedecke, zog die Pelzstiefel noch höher herauf und drückte sich wieder in die Ecke. Er wollte schlafen. Das Grübeln und Nachdenken sollte der Teufel holen.

So verging die Nacht und der Morgen dämmerte endlich durch die fest und dick zugefrorenen Fenster des Coupés.

Jeremias beschäftigte sich jetzt eine Weile damit, sie mit Anhauchen wieder aufzuthauen, und brachte endlich glücklich ein kleines Loch zu Stande, durch das er hinaus in's Freie sehen konnte, gab es aber in Verzweiflung wieder auf, als er die trostlose, monotone Gegend entdeckte, durch die der Zug brauste. Schneefelder, so weit das Auge reichte; einzelne Züge von schwarzen Raben und dann und wann eine kleine, magere Kieferndickung; und dort drüben lag ein Dorf, ärmliche Hütten mit Strohdächern, aus denen der blaue Rauch in's Freie quoll. Die Aussicht lohnte nicht der Mühe, um sich fast die Seele aus dem Leib zu hauchen. Er ließ die Öffnung wieder zufrieren und bekümmerte sich nicht weiter um die Landschaft, bis der Zug endlich, etwa gegen Mittag, in Prag selber anhielt.

Er brauchte, dort angekommen, den halben Nachmittag, um sich erst wieder zu restauriren und ordentlich aufzuthauen, und benutzte indessen die Zeit, um sich aus dem Adreßbuch eine Anzahl Namen und Wohnungen abzuschreiben.

Gegen Abend ging er auf seine erste Wanderung aus, und zwar um zuerst jenen Herrn, einen Baron von Toggenburg, aufzusuchen, der dem Grafen Rottack geschrieben und an welchen ihm dieser einen Empfehlungsbrief mitgegeben. Dort aber, wie später beim Director des Theaters, erhielt er nur ganz unbestimmte, vage Nachrichten, die allein darin übereinstimmten, daß jener Boslaw, der wahrscheinliche Handor, Prag vor einiger Zeit wieder verlassen und sich nach Schlesien gewandt habe.

Was nun? Schlesien war groß, und auf ein solches Gerücht hin konnte er doch wahrhaftig nicht nach Schlesien reisen, um dort seine Nachforschung fortzusetzen.

Eine andere Sache, die ihn förmlich verwirrt machte, war die genaue Beschreibung der Person, die Boslaw bei sich gehabt: eine volle, üppige Gestalt, aber mit einem gemeinen sinnlichen Ausdruck in den Zügen, die besonders gern Champagner trank und in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts hier eine Masse Schulden machte.

Das war auf keinen Fall die junge, bildschöne Comtesse Monford gewesen, und hatte wirklich Handor seinen Namen in Boslaw umgeändert, wo konnte er dann das junge, unglückliche Geschöpf zurückgelassen haben, das er aus seiner Eltern Haus entführt?

Jeremias ließ sich übrigens keine Mühe verdrießen und besuchte sogar verschiedene Mitglieder des dortigen Theaters, um von diesen Näheres über jenen Boslaw zu hören – vergeblich. Die Leute wußten ebenfalls nichts weiter, als daß der Herr Boslaw ein einziges Mal aufgetreten und, da er total mißfiel, schon am nächsten Morgen wieder abgereist sei – wohin? Lieber Gott, wer fragte hier danach! Vielleicht erfuhr er das auf der Polizei.

Das war ein neuer Anhaltspunkt – an die Polizei hatte Jeremias noch nicht einmal gedacht. Spornstreichs lief er dorthin, und wenn es auch einige Schwierigkeiten hatte, unter all' den Beamten endlich den richtigen aufzufinden, der ihm über derartige Fremde Auskunft geben konnte, so ließ er sich doch keine Mühe verdrießen, ja, saß selbst anderthalb Stunden mit einer wahren Engelsgeduld auf einer Bank im Vorsaal, zwischen lauter Galgengesichtern und Dienstmädchen, immer von der Seite angesehen und beflüstert, was er wohl ausgefressen haben mochte, daß er hier sitzen mußte, bis die Reihe an ihn kam – und dann auch umsonst.

Der betreffende Beamte brachte wirklich heraus, daß sich ein Schauspieler Boslaw vor einiger Zeit hier in Prag drei Tage mit seiner Frau, Kathi Boslaw, aufgehalten und im »König Wenzel« logirt habe, dann aber wieder abgereist sei. Sein Paß war jedenfalls in Ordnung gewesen; was kümmerten sich die Leute darum, wohin »derartiges Volk« zog, wenn es ihnen hier nicht zur Last fiel!

»König Wenzel« – dort war vielleicht noch eine Möglichkeit, etwas Näheres zu erfahren, und Jeremias versäumte auch diese nicht – und wieder vergebens. Der Wirth wußte von dem jetzigen Aufenthalt des Herrn Boslaw gar nichts; er wollte aber, er wüßte es, daß er den Herrn noch fassen könnte, der nach bezahlter Rechnung seinem Kellner noch eine Flasche Champagner abgeschwindelt und, ehe er es erfuhr, das Weite gesucht hatte. Er schimpfte dabei entsetzlich auf die Schauspieler, die seiner Meinung nach nur allein deshalb in der Welt herumzögen, um arme Wirthe zu betrügen und sich nachher in's Fäustchen zu lachen.

Über die Frau, als Jeremias diese erwähnte, wußte er nun gar kein Ende zu finden. Das sollte ein wahrer Drache gewesen sein, die mit seiner eigenen Frau schon in der ersten Stunde Skandal gehabt und sich bodenlos gemein betragen hätte.

»Und können Sie mir keine Spur angeben, wo ich den Menschen wieder auffinden möchte?«

»Aha, Ihnen ist er wohl auch durchgebrannt?« lachte der Wirth. »Ja, lieber Freund, und wenn Sie ihn träfen, was würd's Ihnen helfen? Das ist eine pauvre Wirthschaft bei dem Pärchen, wenn die Madame auch aufgedonnert genug geht; aber 's ist ja Alles falsch. Einen Brillantschmuck hat die Person, der eine sechstausend Gulden werth sein müßte, wenn er ächt wäre; aber wo sollte die solche ächte Steine herkriegen? Landsleute sind's.«

»Herr Boslaw?« sagte Jeremias.

»Nein, die Steine – böhmische, mein' ich. Wenn Sie meinem Rath folgen wollen, lassen Sie ihn laufen; 's kommt nichts bei der Sache heraus, und Sie verreisen mehr Geld und Zeit dabei, als die Lumperei werth ist.«

»Und wo sich Herr Boslaw früher aufgehalten hat, davon wissen Sie gar nichts?«

»Nein, ich bin auch nicht neugierig danach und weiß nur so viel, daß wir ihn hier nicht wieder zu sehen bekommen werden.«

Es war aus dem Mann nichts weiter heraus zu bekommen, und Jeremias begann einzusehen, daß er sich seine Winterreise nach Prag hätte sparen können, denn hier, an Ort und Stelle, erfuhr er nur einzig und allein die Bestätigung dessen, was sie schon in Haßburg über den Aufenthalt des Menschen in Prag gehört.

Und sollte er noch länger hier bleiben? Er wäre am liebsten gleich zurückgekehrt, aber dem Grafen Rottack lag die Sache so am Herzen, die liebe junge Gräfin hatte ihn so darum gebeten; er mußte jedenfalls noch ein paar Tage zugeben; möglich ja doch, daß er noch irgend Jemanden traf, der ihn auf eine bessere Spur bringen konnte. Er wollte es jedenfalls versuchen, denn er haßte nichts mehr, als so ganz nutz- und erfolglos in der Welt herumgefahren zu sein.

Nur allein von den Schauspielern selber konnte er aber hoffen, irgend etwas über diesen vermeintlichen Handor oder seine früheren Verhältnisse zu erfahren; er studirte deshalb einige Theaterzettel durch, um keinen zu übergehen, schlug die Wohnungen auf und trat dann seine Wanderung an, die ihn allerdings mit einigen sehr interessanten Persönlichkeiten zusammenbrachte, sonst aber auch nicht den geringsten Erfolg hatte. Einige behaupteten allerdings, jener Boslaw sei ihnen bekannt vorgekommen und jedenfalls ein routinirter Schauspieler, sein jetziger Name ihnen aber gänzlich fremd, und da er nie mit irgend Jemandem von ihnen, ausgenommen auf der einen Probe, verkehrt, habe man sich auch nicht weiter um ihn bekümmert.

Das war das nämliche Resultat überall, wohin er kam, bei den Herren wie bei den Damen, und die letzteren besonders verwahrten sich gleich von vornherein gegen die Möglichkeit, auch nur den entferntesten Umgang mit einem solchen »Paar« gehabt zu haben, wie jener Herr und Frau Boslaw.

Jeremias wurde dadurch immer unsicherer und zuletzt ganz fest überzeugt, daß er hier auf einer vollkommen falschen Fährte herumsuche, denn Handor selber – was er früher von ihm gesehen – hatte sich immer sehr anständig benommen, und seine junge Frau, die liebenswürdige Comtesse Paula, hätte ja alle Herzen im Sturm erobern müssen. Boslaw und Handor mußten also ganz entschieden zwei total verschiedene Persönlichkeiten sein, und unter solchen Umständen blieb es dann allerdings das Beste, nur wieder ruhig nach Haßburg zurückzukehren und von dort aus zu sehen, ob man nicht eine bessere Spur bekommen könne.

Einmal mit diesem Entschluß im Reinen und in dem vollen Bewußtsein, in dieser fremden Stadt sein Möglichstes gethan zu haben, um das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, packte er auch seinen Koffer wieder, zahlte seine Rechnung und ging hinaus auf den Bahnhof, um sein Billet zu lösen.

Das Wetter war bitter kalt, aber die Sonne schien hell und klar auf den knisternden Schnee nieder, und eine Menge Leute waren unterwegs, um den freundlichen Tag zu einem Spaziergang zu benutzen. Geputzte Menschen schritten überall an ihm vorüber oder er überholte sie; aber was kümmerten ihn die Fremden, er kannte doch keinen von ihnen, und eilte nur, ohne sich weiter umzusehen, dem Hausknecht nach, der in einem halben Trab, mit seinem Koffer aus der Schulter, vor ihm her lief.

»Herr Stelzhammer!« schrie ihm da plötzlich Jemand so laut und so nahe in die Ohren, daß er ordentlich zusammenfuhr und sich bestürzt umsah. Dicht neben ihm stand aber ein kleiner, schmächtiger Herr, etwas schäbig gekleidet, mit einer langen italienischen Cigarre im Munde, der ihn ganz erstaunt zu betrachten schien. »Ja, wo zum Teufel kommen Sie denn her?«

Jeremias würde das ausdruckslose Gesicht im Leben nicht wieder erkannt haben, wäre er nicht durch das unmäßige Schreien des Mannes an die Persönlichkeit erinnert worden.

»Herr Du meine Güte,« rief er aus, »habe ich nicht das Vergnügen, mit Herrn Mauser...?«

»Na versteht sich – kennen Sie mich noch?«

»Heh, Hausknecht! Heh, holla!« schrie Jeremias indessen hinter dem davongelaufenen Burschen her. »Entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder da – ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen!« Und wie ein Pfeil schoß er hinter dem vorangegangenen Hausknecht her, um diesen mit seinen Sachen wieder zurück in das Hotel zu dirigiren.

Mauser blieb indessen ordentlich verblüfft mitten auf der Straße stehen. Der kleine Fremde aus Haßburg hatte ihm etwas Wichtiges zu sagen und brannte dabei durch, als ob er vor der Polizei davonliefe! Er sah ihm kopfschüttelnd nach und überdachte sich eben, was möglicher Weise die Ursache eines so wunderlichen Betragens sein könnte, als Jeremias mit dem glücklich eingeholten Hausknecht, dem er schon unterwegs seine Ordre gegeben, zurückkehrte, sich um diesen auch gar nicht weiter kümmerte, sondern ohne Umstände den Souffleur unter den Arm faßte und zu ihm sagte:

»Herr Mauser, Sie haben einen schmählichen Durst, wie? Hab' ich nicht Recht? Man sieht's Ihnen an, einen Durst, der unter Brüdern fünf Gulden werth ist und den es Sünde wäre, mit Wasser zu löschen. Sie sind doch kein Kostverächter?«

»Bitte,« schrie Mauser, »nie im Leben gewesen, und habe auch wissentlich nichts gethan, um einen solchen Verdacht zu rechtfertigen.«

»Schön, dann kommen Sie mit mir,« rief Jeremias, »oder wenn Sie einen Platz wissen, wo vorzüglicher Wein zu haben ist – denn das hiesige Bier soll der Teufel holen, wann er Lust hat –, so führen Sie mich, daß wir ein halbes Stündchen mit einander plaudern können.«

»Trinken Sie gern Ungarwein?« fragte Mauser, dem das Wasser schon im Munde zusammenlief.

»Leidenschaftlich.«

»Brav, dann kommen Sie, dann bringe ich Sie zu einem Platz, an dem Sie ein Glas Adelsberger kosten sollen, nach dem Sie alle zehn Finger lecken – bildlich gesprochen, natürlich.«

»Guter Mensch,« sagte Jeremias gerührt, während sich die Vorbeikommenden schon um die Beiden sammelten, weil sie glaubten, es beginne dort eine Prügelei, so furchtbar schrie Mauser. Jeremias faßte ihn aber ohne Weiteres unter den Arm, und da ihm Mauser die Richtung bezeichnete, schritten sie zusammen über die Brücke und betraten bald darauf eins jener alten Schenklocale mit gewölbten, kellerartigen Räumen, wie sie sich in vielen alten Städten, besonders aber in Österreich finden, wo dann ein höchst mittelmäßiges Bier, aber ein ganz ausgezeichneter Wein verzapft wird.

Dort, Jeder vor der Hand mit einem Seidel wackern Adelsberger vor sich, saßen die Beiden, und Jeremias ergab sich jetzt in das Unvermeidliche, von seinem Gefährten halb taub geschrieen zu werden, nur um aus ihm heraus zu bekommen, was er wußte. Glücklicher Weise befanden sich aber in diesem Augenblick gar keine Gäste weiter in dem niedern, halbdunkeln Raum, denn zum Abendbier war es noch zu früh und das schöne, klare Wetter hatte sie alle in's Freie hinausgelockt.

Jeremias brauchte mit seiner Sache nicht hinter dem Berg zu halten, und nachdem er vor allen Dingen Mauser's Neugierde in Betreff Haßburger Neuigkeiten befriedigt hatte, erzählte er ihm geradezu, weshalb er hierher gekommen sei, und sich so gefreut habe, ihn anzutreffen. War also jener Boslaw wirklich der vermuthete Handor?

»Na, versteht sich,« schrie Mauser, wie Jeremias nur die beiden Namen zusammen nannte. »Ich sage Ihnen, mein lieber Herr Stelzhammer, der Musjö kriegte keinen schlechten Schreck, wie er mich hier als Souffleur fand, denn davon hatte er keine Ahnung, und ich mußte ihm in die Hand versprechen, Keinem vom hiesigen Personal seinen wirklichen Namen zu verrathen. Er habe, wie er meinte, seine Gründe, hier nicht gekannt zu sein, und darin log er gewiß nicht. Ich versprach's ihm auch, und hab's bis jetzt gehalten; wenn Sie aber apart deshalb hierher gereist kommen, so sehe ich nicht ein, weshalb ich's Ihnen verheimlichen soll. Was schert mich der Musjö Handor oder seine saubere Mamsell!«

»Aber das konnte doch unmöglich die junge Comtesse Monford sein! Heh, Mamsell, bitte noch um ein paar frische Seidel für uns; der Wein ist wirklich ausgezeichnet.«

»Freut mi, daß er Ihna schmeckt,« sagte das dralle Schenkmädel und nahm die leeren Seidelflaschen mit fort.

»Die? Bah!« rief der Mauser, der dem Mädchen freundlich zugenickt hatte. »Gott bewahre, wenn sie auch jetzt ihre Brillanten trägt. Das arme Geschöpf hat er ja schon lange sitzen lassen, weil sie krank und elend wurde.«

»Sitzen lassen?« rief Jeremias, fast von seinem Stuhl emporfahrend.

»Ih versteht sich, das war doch klar, daß er sich mit der nicht lange herumschleppen würde. 's ist ein gewissenloser Halunke.«

»Aber wo, um Gottes willen, bester Mauser? Wissen Sie nicht, wo sie zu finden ist? Gerade ihretwegen bin ich ja hier, was schert mich der Schuft, der Handor!«

»So?« sagte Mauser. »Ja, ob sie noch jetzt da sitzt, weiß ich nicht, vor zwei Monaten aber traf ich sie zufällig in einem kleinen, erbärmlichen Dorf, ein paar Meilen von hier: Hrzib.

»Wohl bekomm's Ihnen!« sagte Jeremias. »Und wissen Sie nicht, wie das Dorf hieß?«

Mauser sah ihn erstaunt an. »Ich nannte es Ihnen ja eben: Hrzib.«

»Wie?« rief Jeremias verblüfft.

»Hrzib!« wiederholte noch einmal Mauser mit einem ganz entschiedenen Kopfschleudern.

»Du meine Güte,« sagte Jeremias, »ich glaubte vorhin, Sie hätten geniest!«

»Ja, Sie müssen auch niesen, wenn Sie's aussprechen wollen,« versicherte Mauser; »ganz verfluchte Namen, die böhmischen, die Zunge geht Einem ordentlich entzwei.«

»Und wie weit von hier liegt das Dorf?«

»Ach, mit der Eisenbahn kommen Sie bald hin; aber garantiren kann ich Ihnen nicht, daß sie noch dort ist. Sie war damals krank im Wirthshause; ich sah sie in der Gaststube und hätte sie auch gern angeredet, aber sie zog sich so furchtsam vor mir zurück, daß sie mir leid that, und ich dachte mir auch, daß es ihr gerade nicht angenehm sein könnte, Jemanden aus Haßburg zu begegnen.«

»Und wie kommt man am besten dorthin?«

»Wie Sie hinkommen? Sie fahren bis Podiebrad mit der Bahn und nehmen sich dort einen Wagen oder Schlitten. Wo logiren Sie denn hier?«

»Im Schwarzen Roß.«

»Donnerwetter, Sie geben's fein; aber der Wirth dort kann Ihnen genau die Route beschreiben. Ich fürchte, Sie machen eine Metzgerfahrt, denn ich kann mir nicht denken, daß sich das arme Weibchen in dem Nest zwei Monate aufgehalten hat.«

»Und ihr Mann war damals bei ihr?«

»Gott bewahre, der bummelte in der Welt herum. Wie mir die Wirthsleute sagten, hatte er sie dort gelassen und versprochen, gleich zurückzukehren, war aber schon vierzehn Tage fort, und wie er jetzt hierher kam, trieb er sich mit einem so gemeinen Geschöpf herum – pfui Teufel!«

»Aber Sie nannten doch dort ihren Namen, daß die Leute in ihre Heimath schreiben konnten?« rief Jeremias.

»Wo's mich nicht juckt, kratz' ich mich nicht,« sagte Mauser; »wenn sie das wollte, konnte sie's selber thun. Werde mich hüten und mich in Familien-Angelegenheiten mischen – einmal gemacht, und nicht wieder.«

»Ob man wohl noch heut Abend hinkommen könnte?« sagte Jeremias, der keine Ruhe mehr hatte.

»Sie sind wohl toll!« rief Mauser; »es dämmert schon und die Nächte sind stockdunkel. Wenn Sie Nachts von Podiebrad fort wollten und bei dem Schnee vom Wege abkämen, könnten Sie Hals und Beine brechen. Wollen Sie absolut nachsehen, so fahren Sie morgen früh mit Tagesanbruch weg; nachher haben Sie den ganzen Tag vor sich. 's wird doch ein vergebener Gang sein, denn sie ist nicht mehr dort.«

»Und in welchem Wirthshause war sie?«

»In welchem? Glauben Sie, daß in dem Nest mehr wie eins ist? Ne, da können Sie nicht irre gehen.«

»Aber den Namen von dem verwünschten Ort behalt' ich in meinem Leben nicht. Wie hieß er?«

»Hrzib; na warten Sie, ich gehe nachher mit Ihnen in Ihr Hotel und beschreib' es dem Wirth selber. Das wird das Gescheidteste sein – wie?«

»Sie sind ein Goldmann, Herr Mauser; ich weiß nicht, wie ich es Ihnen danken soll.«

»Bitte,« schrie Mauser; »trinken wir noch ein Seidel?«

»Sechs, wenn Sie wollen,« rief Jeremias, »da ich heut Abend doch nicht mehr fahren kann; denn ich glaube selber, es ist am besten, ich warte bis morgen früh.«

»Denken Sie nur gar nicht daran.«

»Dann sind Sie auch heut Abend mein Gast, und Sie haben sich noch außerdem eine sehr wackere Familie zum höchsten Dank verpflichtet.«

»Reden wir nur gar nicht mehr davon,« schrie Mauser, äußerst vergnügt über die Aussicht eines fidelen Abends; »famoser Zufall, daß wir uns hier getroffen haben, und – Apropos, wie geht es denn Fräulein Bassini, Ihrer Fräulein Schwägerin? Sie soll leben, Herr Stelzhammer, Sie soll, hol' mich der Teufel, leben!«

Jeremias fand, daß dem kleinen Mann der starke Wein etwas zu Kopf gestiegen war, und da jetzt auch schon mit anbrechendem Abend einzelne Gäste eintrafen, schlug er ihm vor, noch einen kurzen Spaziergang zu machen und dann im »Schwarzen Roß« zu soupiren.

Das war nicht abzuschlagen, und Jeremias brachte später den kleinen fidelen Souffleur – der glücklicher Weise heut Abend nicht zu souffliren hatte, oder es wäre um das Stück geschehen gewesen – auf seine eigene Stube, wo sie bei einem delicaten Abendbrod und noch delicateren Weinen so lange zusammen saßen, bis Mauser selber erklärte, heute fände er den Heimweg nicht mehr, so viel sei sicher, und morgen früh würde ihn der Nachtwächter wohl halb oder dreiviertel erfroren an irgend einer Straßenecke treffen.

Dem wollte ihn Jeremias doch nicht aussetzen, ließ ihm also ein Zimmer im Hotel geben, brachte ihn selber zu Bett, und traf dann seine Vorbereitungen, um am nächsten Morgen mit dem Frühzug nach Podiebrad und von da ohne Säumen nach jenem bezeichneten Dorf mit dem entsetzlichen Namen hinüber zu fahren.

Am liebsten hätte er freilich gleich noch heut Abend nach Haßburg hinüber telegraphirt, daß er eine Spur gefunden habe und ihr jetzt folgen wolle, um Rottacks wenigstens einige Hoffnung zu machen. War aber das junge, unglückliche Wesen nicht mehr in jenem kleinen Nest und verlor er dort wieder ihre Spur – was dann? Es blieb immer besser, erst dort an Ort und Stelle seine Nachforschungen zu beginnen, was er auch mit der größten Sicherheit thun durfte, denn wenn er die Comtesse auch schon in Haßburg gesehen hatte, ihn kannte sie auf keinen Fall, selbst wenn er auch seinen Namen nannte.

Beim Portier ließ er jetzt nur noch auf die Tafel schreiben, daß er zur rechten Zeit geweckt sein wolle, und legte sich dann mit dem beruhigenden Bewußtsein schlafen, doch jetzt ein bestimmtes Ziel zu haben, dem er nachfahren könne, und nicht mehr länger in der Irre umhersuchen zu müssen.

Jeremias hatte am vorigen Abend wie Mauser ganz tüchtig gebechert, aber der kleine Mann konnte auch eine ordentliche Portion vertragen, und um halb sechs Uhr am nächsten Morgen saß er schon fertig angezogen und reisebereit vor seinem Kaffee, und unten klingelten auch gleich darauf die mit tönenden Schellen behangenen Pferde, als der Kutscher aus dem Thorweg heraus und vor das Haus fuhr, um dort seinen Passagier zu erwarten und nach dem Bahnhof zu bringen.

Und der Wind pfiff nicht schlecht am Fluß herauf, der Himmel hatte sich dabei umzogen, und es fing an gefrorenen Regen herunter zu werfen, der, wo er in's Gesicht traf, wie Nadeln stach. Aber was half's; der Weg mußte zurückgelegt werden, und mit einer Anzahl wollener Decken versehen, die er sich vom Wirthe geborgt hatte, um nachher von Podiebrad Fuhrgelegenheit zu nehmen und ordentlich eingepackt zu sein, warf er sich in sein Coupé und sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, die ihm Gewißheit über die Gesuchte bringen sollte.

In Podiebrad hatte es auch keine Schwierigkeit, ein Fuhrwerk nach jenem Dorfe, dessen Namen er deutlich geschrieben auf einem Zettel bei sich trug, zu finden, und gegen Mittag etwa erreichte er den kleinen Ort und hielt bald darauf vor der Schenke – einem traurigen, wüsten Aufenthalt.

Und hier sollte er die junge, an jede Bequemlichkeit von Jugend auf gewöhnte Comtesse finden? Er schauderte ordentlich, als er sich die Möglichkeit dachte, daß sie hier Monate lang allein und freundlos gehaust habe. Das war auch gar nicht möglich, und er fürchtete jetzt fast ebenso, ihr hier zu begegnen, wie er sich früher danach gesehnt hatte, sie anzutreffen.

»Und was mache ich mit den Pferden, Herr?« fragte der Kutscher, als Jeremias vor der Schenke aus dem Schlitten stieg.

»Stellt sie ein, Freund,« lautete die Antwort, »ein Stall wird doch hier zu finden sein. Ich bleibe wahrscheinlich ein paar Stunden hier und fahre dann wieder zurück.«

Damit trat er in das Haus und in die niedere, furchtbar geheizte Gaststube, aus der ihm aber ein widerlicher Dunst entgegen schlug, daß er ordentlich erschreckt einen Moment in der Thür stehen blieb, um seine Lunge erst an diese Atmosphäre zu gewöhnen.

Gäste waren nicht im Zimmer, einen Fuhrknecht ausgenommen, der am Tisch saß, ein großes Glas Branntwein vor sich hatte und aus einer kurzen, schmutzigen Pfeife Wolken stinkenden Tabaksqualms ausstieß. Jeremias war in Brasilien gerade nicht mit sehr vorzüglichem Tabak verwöhnt worden, der hier roch ihm aber doch außer dem Spaß. Aber was half es; es mußte ertragen werden, und mit einem freundlichen Gruß gegen den Mann, der ihm nur kurz zunickte, wandte er sich an ein weibliches Individuum, möglicher Weise die Wirthin oder auch vielleicht eine Dienstmagd, die aber von Schmutz starrte, und fragte sie, ob hier im Hause eine Dame seit einiger Zeit logire.

Die Antwort, welche er bekam, war böhmisch; das Frauenzimmer verstand kein Wort Deutsch und zeigte nur dabei auf den Fuhrknecht, der ihr wahrscheinlich als Dolmetscher dienen sollte.

Er wandte sich jetzt an diesen und wiederholte seine Frage, bekam aber auch keine Antwort, denn der Mann unterhielt sich jetzt erst eine ganze Weile mit der Frau in einem Kauderwälsch, von dem Jeremias natürlich keine Sterbenssilbe verstand. Endlich drehte er wieder den Kopf nach ihm herum.

»Wen suchen Sie?« sagte er allerdings auf Deutsch, aber so gebrochen, daß Jeremias genau aufpassen mußte, wenn er die Worte verstehen wollte.

»Eine Dame,« sagte Jeremias, »die vor etwa zwei oder drei Monaten in dieses Dorf gekommen und allein hier geblieben ist.«

»Eine Dame?« wiederholte der Mann erstaunt und mit dem Kopf schüttelnd. »Was sollte die hier machen?«

»Ein junges Frauenzimmer,« lenkte Jeremias ein, der daran dachte, daß der Bursche unter Dame vielleicht etwas ganz Anderes verstand.

»Ja so!« rief der Fuhrknecht, und jetzt begann wieder ein langes Gespräch mit dem Weib hinter dem Ofen, das beschäftigt war, ein paar Suppennäpfe auszuwischen. Jeremias wartete auch geduldig seine Zeit ab, um die Beiden nicht zu stören.

»Sie kam mit einem Manne?« fragte endlich der Fuhrknecht wieder, und Jeremias nickte nur.

»Und der Mann ging nachher fort und kam nicht wieder?«

»Dieselbe. Ist sie noch hier im Hause?«

Der Fuhrknecht schüttelte mit dem Kopf. »Nein, die ist lange fort.«

»Fort? Aber wohin?« rief der kleine Mann in Verzweiflung. »Kann mir denn Niemand sagen, wo sie sich jetzt aufhält?«

»Bei Blshrad.«

»Herr Gott, wieder so ein Name!« stöhnte Jeremias. »Aber wo liegt das?«

»Wo das liegt?« sagte der Mann erstaunt.

»Ich meine, ob es weit von hier ist?«

»Ne,« sagte der Bursche.

»Aber wie komm' ich hin?«

»Wie Sie hinkommen? Na, ganz leicht; grad' über die Straße hinüber, das vierte oder fünfte Haus links.«

»Hier im Ort?« rief Jeremias und fuhr mit Blitzesschnelle von seinem Sitz empor.

»Nu ja, versteht sich,« nickte der Mann; »das Weibsen hatte kein Geld mehr, und der Wirth hier, mit nur einer ordentlichen Stube im Hause, wo sich Fremde unterbringen ließen, konnte die doch nicht Jemandem lassen, der nicht einmal mehr dafür bezahlte. Es war aber auch zu kalt, um sie auf die Straße zu setzen; sie wäre draußen erfroren, und da ist sie derweil bei Blshrads untergebracht.«

Die Frau fuhr aber wieder dazwischen und redete auf den Fuhrknecht ein, während dieser ihr beifällig zunickte.

»Was sagt sie?« fragte Jeremias.

»Wenn Ihr zu dem kranken Weibsen gehörtet,« meint sie, »so solltet Ihr auch das zahlen, was sie hier noch schuldig ist, denn die paar Lumpen, welche sie zurückbehalten hätte, wären nicht die Hälfte werth.«

»Oh Du mein großer Gott,« seufzte Jeremias vor sich hin, »zu welch' erschrecklichem Elend bin ich da gekommen!«

»Und wollen Sie's zahlen?« fragte der Mann.

»Ja, Alles – gewiß!« rief Jeremias in furchtbarer Aufregung; »führen Sie mich nur hinüber. – Hier, guter Mann, hier haben Sie Geld, kommen Sie mit hinüber und zeigen Sie mir das Haus; ich möchte keinen Augenblick mehr versäumen. Oh das arme, unglückliche Geschöpf!«