»Wie hieß die Colonie, wo Sie gewohnt haben, Herr Graf?«

»Santa Clara, gnädige Gräfin,« erwiderte Felix, sich leicht verbeugend; »meine Helene ist die Tochter der dort ansässigen Gräfin Baulen.«

»In der That?« hauchte die Gräfin und blieb einen Moment mit der Hand auf den Stuhl gestützt, an dem sie eben vorüber wollte, stehen; aber es war auch nur ein Moment. »Ah, da kommen meine Kinder,« sagte sie; »bitte, Herr Graf, wollen Sie nicht hinaus auf die Terrasse treten?«

Sie ging langsam voran hinaus, und Rottack ließ ihr hier absichtlich Zeit, um sich vollständig zu sammeln, indem er vorher dem jungen Grafen George und dessen Schwester Paula vorgestellt wurde und sich freundlich mit ihnen unterhielt.

Und Helene stand Paula gegenüber, die mit ihren treuen, kindlichen Augen fast scheu zu ihr aufsah. Oh wie gern hätte sie das liebe, holde Kind an sich gezogen, fest, fest in ihre Arme, und mit dem theuren, noch nie gebrauchten Schwesternamen genannt! Wie lieb und gut sie aussah, und wie traurig doch und ernst – war denn auch schon in dieses junge Herz die Sorge, der Kummer eingekehrt? Sie vermochte auch nicht, es hier bei der kalten üblichen Form zu lassen, und auf das junge, sich schüchtern vor der hohen, edlen Gestalt neigende Mädchen zugehend, schloß sie Paula halb in die Arme und küßte sie auf die Stirne.

Und die Gräfin?

Felix hatte mit den beiden Grafen Monford an der Terrasse gestanden, über das Land hinausgesehen und das Treiben in der unter ihnen liegenden Stadt beobachtet. Jetzt wandte er sich wieder der Gräfin zu und ertappte sie gerade, wie ihr Blick ernst und forschend, aber ohne das geringste Zeichen innerer Bewegung an Helenen hing. Kaum fühlte sie aber, daß des jungen Grafen Auge auf ihr haftete, als sie sich diesem zuwandte und, mit zu der Terrasse tretend, ihn in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise auf die einzelnen Schönheiten der Scenerie aufmerksam machte.

Keine Spur von Befangenheit war dabei in ihr zu entdecken, kein Zeichen einer innern heftigen Bewegung, wie eine solche Entdeckung, als die eben gemachte, sie eigentlich doch hervorgerufen haben sollte. Sie war vornehm, wie immer, wenn auch gesprächiger, als sie sich bis jetzt gezeigt, und Graf Rottack konnte und wollte seinen Besuch auch nicht über die gewöhnliche Zeit hinausdehnen. Der Same war jedenfalls geworfen und das Korn mußte Früchte treiben.

Nicht lange danach empfahlen sich die jungen Leute der gräflichen Familie, wobei der alte Herr noch den Wunsch aussprach, daß sie öfter zusammenkommen möchten; die junge Frau hatte jedenfalls einen sehr günstigen Eindruck auf ihn gemacht, wie sie sich im Sturm schon Paula's Herz erobert. – Der Wagen fuhr vor, und bald rollte das leichte Fuhrwerk mit ihnen wieder in die Stadt zurück.

8.
Fräulein Bassini.

Eine lange Weile saßen die beiden Gatten schweigend neben einander im Wagen. Es war ordentlich, als ob sich beide scheuten, ein Gespräch zu beginnen. Endlich sagte doch Helene mit leiser Stimme:

»Sie ist eine recht, recht stolze Frau – oh, es wird schwer halten, dieses Herz zu bezwingen!«

»Meine arme Helene!«

»Ob sie nicht ahnte, daß ich ihr näher stehen könnte, als sie erfuhr, daß wir aus Brasilien kämen?«

»Liebes Herz,« sagte Felix leise, »sie weiß jetzt, daß Du ihre Tochter bist...«

»Sie weiß es?« rief Helene erschreckt.

»Ich habe ihr den Namen jener Frau genannt.«

»Und doch so kalt, doch so hart!«

»Beruhige Dich darüber, Helene,« sagte Felix freundlich; »Anderes konnten wir für diese erste Zusammenkunft kaum erwarten. Die Überraschung war zu groß – ich sah ihr an, daß sie Mühe hatte, ihre Fassung zu bewahren, was sie allerdings mit einer mir selber unerklärlichen Seelenstärke möglich machte. Laß ihr jetzt Zeit, das Gehörte still und allein, und von keinen äußeren Eindrücken gestört, zu überdenken. Laß sie erst mit sich selber in's Reine kommen, und sie selber wird Dich dann aufsuchen – sie muß es ja thun, wenn sie nicht jedes Gefühls bar sein sollte!«

»Und wenn sie es nicht thut, Felix?«

»Wozu uns jetzt mit einer Unmöglichkeit absorgen? Sie wird es sicherlich, mein Kind.«

»Und wenn sie es nicht thut?«

»Dann versuchen wir das Letzte, dann fordere ich für Dich eine Unterredung mit ihr – eine Ausrede, dem alten Herrn gegenüber, ist bald gefunden – und die kann und wird sie Dir nicht weigern. Dann aber ist sie auch nicht im Stande, Dir zu widerstehen, deß bin ich fest überzeugt. Liegst Du erst einmal an ihrem Herzen, dann läßt sie Dich auch nicht wieder, noch dazu, wenn sie erfährt, daß ihr Geheimniß in sicheren und treuen Händen ruht; daß Du nichts, nichts auf der weiten Gotteswelt von ihr verlangst, als ihre Liebe...«

Der Wagen hatte indessen die kurze Entfernung zurückgelegt, und während er in den Garten einfuhr und vor dem Hause hielt, sahen sie, daß sich Jeremias schon eingefunden und mittlerweile mit den Kindern beschäftigt hatte. Er spielte Kutsche und Pferd mit ihnen, und während er die vor Vergnügen zappelnde kleine Helene auf dem Arme trug und dabei den Kiesweg entlang galoppirte, hatte ihn Günther hinten an beiden Rockschößen und rief Jüh! und Hoh! und suchte ihn bald links, bald rechts einzulenken.

Nur wie die Eltern in den Garten einfuhren, ließ der Kleine los und sprang dem Portale zu, um der Erste zu sein, der sie begrüßte, und Helenchen streckte ihnen ebenfalls, in lautem Jubel aufkreischend, die Ärmchen entgegen, so daß Jeremias jetzt wohl oder übel seinen noch nicht unterbrochenen Galopp dorthin lenken mußte.

»Haben Sie lange auf mich gewartet, Jeremias?« rief ihm der junge Graf entgegen.

»Eben im Augenblick hat es erst Zwei geschlagen,« sagte Jeremias, der indessen die Kleine der Mutter hinreichen mußte, »und das wilde Völkchen hier hat mich tüchtig in Athem gehalten.«

»Und sind Sie jetzt bereit?«

»Wollen Sie wirklich noch mit mir gehen?«

»Gewiß, das ist ja eine verabredete Sache – haben Sie denn die Wohnung indessen aufgefunden?«

»Sie ist gar nicht weit von hier, gleich in der nächsten Straße.«

»Schön, Jeremias – ich will nur meinen Überrock anziehen, und dann gehen wir zusammen.«

Er war auch in wenigen Minuten wieder im Garten und schritt mit Jeremias, der sich unterdessen Helenen empfohlen, auf die Straße hinaus und dem bezeichneten Hause zu.

Unterwegs wurde wenig gesprochen, Felix war noch mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt – er arbeitete gegen die Furcht an, welche heute das kalte, gefaßte Benehmen von Helenens Mutter in ihm wach gerufen, seiner armen Frau wegen, und Jeremias fühlte sich noch viel mehr von dem Gedanken dieses ersten Begegnens niedergedrückt; denn wenn es auch ein schönes und erhebendes Gefühl sein mag, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen, eine alte, langjährige Schuld abzutragen, ist doch auch das Bewußtsein drückend, dabei einzugestehen, daß man eben schlecht und leichtsinnig gehandelt und Reue über das Vergangene fühle.

So hatten sie, rascher als Beide selber geglaubt, die Strecke zurückgelegt, die sie von dem von Jeremias bezeichneten Hause trennte, und hier blieb der kleine Mann plötzlich stehen, drückte sich unter die Thür und sagte:

»Mir ist genau so zu Muthe, als ob ich mir einen Zahn wollte ausreißen lassen – Hurrjeh, ich wollte, die Geschichte wäre erst vorüber!«

»Wohnt sie hier?«

»Ja, zwei Treppen hoch; ich habe mich genau erkundigt, bin auch gestern hier schon ein paar Mal vorbeigegangen, habe aber nichts gesehen, als einen orangefarbenen Shawl oder Morgenrock, der da oben an dem einen Fenster mehrere Male hin und wieder fuhr.«

»Also gehen wir hinauf.«

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Herr Graf, und warten Sie noch einen Augenblick,« bat der kleine Mann, »daß ich erst noch Luft schnappen kann – mir ist die Kehle wie zugeschnürt.«

Felix lächelte und blieb, während sich Jeremias den hellen Schweiß von der Stirn trocknete, neben ihm stehen. Endlich faßte sich dieser doch ein Herz – was half es auch, wenn er länger zögerte, geschehen mußte es doch – also vorwärts!

»Ein Heidenglück ist's, daß Sie bei mir sind,« flüsterte er dem jungen Grafen zu, »denn allein hätt' ich's nicht zuwege gebracht. Ich wäre, hol' mich Dieser und Jener, wieder fort und erst noch einmal um die ganze Stadt gelaufen!«

»Sie hätten vorher ein Glas Wein trinken sollen!«

»Ich habe eine ganze Flasche getrunken,« sagte Jeremias, »nur um Courage zu kriegen, aber es hilft ja nichts – es war, als ob man Wasser auf einen heißen Stein gösse, es zischte ordentlich. Na, meinethalben, jetzt muß die Bombe platzen, und nun kommen Sie, Herr Graf, jetzt wollen wir Sturm laufen!«

Damit öffnete er entschlossen die Hausthür und betrat den innern Raum.

Es war ein kleines, unansehnliches Haus, altmodisch gebaut wie die meisten der älteren Häuser von Haßburg, unten mit einem mit Steinplatten belegten schmalen Vorplatz, auf dem noch eine dort aufgestellte Wäschrolle den größten Theil des Raumes in Anspruch nahm. Rechts unten wohnte ein Schuster; die Thür der Werkstatt stand, des warmen Tages wegen, offen, und man konnte den Meister mit einem Gesellen und einem Lehrling drinnen arbeiten sehen, während ein ungesunder, warmer Dunst von dort auf den kühleren Vorplatz herausdrang.

»Wie hieß die Dame gleich?« fragte Rottack leise seinen Begleiter.

»Bassini,« flüsterte dieser zurück.

»Können Sie uns sagen, ob hier eine Dame Namens Bassini im Hause wohnt?« fragte der junge Graf, artig seinen Hut lüftend, in die Stube hinein.

»Eine vom Theater?« nickte der Meister – »ja, oben, zwei Treppen hoch.«

»Sein Sie aber so gut und putzen Sie sich erst die Stiefeln ab,« sagte eine Frau, die von der Seite her, mit einem großen Topf in der Hand, wie aus einer Coulisse heraus zum Vorschein kam, – »ich habe gerade die Treppe gescheuert.«

Felix machte lächelnd eine zustimmende Verbeugung, nahm dann die befohlene Operation auf das Ängstlichste an einem dort liegenden, schon sehr abgetretenen Strohteller vor, und stieg nun, während Jeremias unten seinem Beispiel folgte, langsam die noch feuchten, dunstenden Stufen hinauf.

Jeremias würde sich mit Vergnügen den ganzen Nachmittag da unten die Stiefel abgetreten haben, wenn er nur nicht mitgemußt hätte – aber es ging doch zuletzt nicht anders.

Auf dem niedern Vorsaal der ersten Etage befanden sich zwei Thüren; an einer war mit vier Nägeln ein Papier befestigt, das die deutlich geschriebene Aufschrift trug: »G. Borsig, Schneidermeister«; an der andern befand sich ein kleines Messingschild – dort wohnte ein Graveur.

Die alte hölzerne Treppe knarrte entsetzlich, aber sie stiegen auch jetzt die zweite hinan und fanden hier, gerade wie unten, wieder zwei Thüren, ohne daß die Inwohnenden es jedoch der Mühe werth gehalten, ihren Namen außen kund zu geben. Bewohnte Fräulein Bassini die ganze zweite Etage? Jeremias wußte es nicht, und es blieb nichts weiter übrig, als an die erste beste Thür zu klopfen und sich dort zu erkundigen.

Graf Rottack hatte einmal die Leitung übernommen, Jeremias war für den Augenblick vollkommen willenlos, und deshalb, wie er sich nur einen Moment in dem beengten Raum umgesehen, klopfte er auch an die nächste Thür herzhaft an.

»Herein!« rief eine laute Stimme.

Der junge Graf öffnete die Thür – »Können Sie mir vielleicht sagen...«

»Ja wohl – bitte, treten Sie näher,« schrie ihn eine kleine, schmächtige Gestalt an, die in einem mock-türkischen, aber entsetzlich schmutzigen Schlafrock, mit einer langen Pfeife, aus der sie keinen Kanaster rauchte, und in rothen Schlapp-Pantoffeln im Zimmer spazieren ging – »treten Sie nur näher.«

»Sie entschuldigen,« sagte Felix, der die Überzeugung hatte, daß Fräulein Bassini hier nicht wohnen könne.

»Alles in Ordnung, bitte, kommen Sie nur herein, ich kann den verdammten Zug nicht vertragen!« schrie der Türke.

Rottack hätte am liebsten die Thür gleich wieder zugemacht und die andere versucht, welche jedenfalls die richtige war, aber sein Zartgefühl ließ ihn keine Unart begehen – er mochte den Mann nicht beleidigen und war auch wirklich neugierig geworden, einen Blick in das Heiligthum dieses merkwürdigen Menschen zu werfen, aus dem er von da draußen doch nicht klug werden konnte.

Jeremias folgte willenlos, wie ein Opfer, das man zur Schlachtbank führt und das sich in sein Geschick ergeben hat.

»So, das ist recht,« schrie der kleine Mann jetzt wieder, indem er seine Pfeifenspitze gegen sie schwenkte; »ich habe schon den ganzen Morgen auf Sie gewartet, es ist Alles bereit – hier,« fuhr er fort, indem er einen riesigen, fast die halbe Wand einnehmenden Kleiderschrank aufriß und dabei eine etwas sehr getragene Harlequinsjacke und irgend ein anderes phantastisches Maskencostüm hervorzog, das einen furchtbaren Kamphergeruch im Zimmer verbreitete – »die werden ihnen wie angegossen sitzen, fast noch ganz neu, nur höchstens ein- oder zweimal getragen – Graf Ruchofski hatte den Harlequin auf der letzten Maskerade.«

»Aber, mein sehr werther Herr,« lächelte Rottack, der mit dem besten Willen jetzt erst zu Worte kam, »ich zweifle gar nicht an der Güte Ihrer Anzüge, aber...«

»Na, dann stecken Sie sie weg,« sagte der kleine Türke gemüthlich, aber mit einer so lauten Stimme, als ob er über einen Fluß hinüberschriee, indem er die beiden außerdem schon mehr als zerknitterten Gegenstände in ein ziemlich compactes Bündel zusammenrollte, »können sie ja gleich selber mitnehmen, ich habe Niemanden zum Schicken.«

»Wohnt Fräulein Bassini hier in dieser Etage?« fragte jetzt Rottack, der wohl sah, daß er auf keine andere Weise zum Ziele kam.

»Ja, gleich da drüben die Thür!« rief der Mann, indem er, während er die Pfeife mit den Zähnen hielt, das Paket beendete und sich nach einem Bindfaden in der Stube umsah.

»Sie sind wahrscheinlich im Irrthum,« fuhr Rottack jetzt, die Zwischenpause benutzend, fort, »wir brauchen gar keine Masken-Anzüge und sind auch deshalb gar nicht hiehergekommen, wir wollten blos Fräulein Bassini sprechen.«

»Fräulein Bassini?« rief der Türke verdutzt.

»Sie müssen schon entschuldigen, daß wir Sie gestört haben...«

»Ja, aber hatten Sie denn nicht den Harlequin und den Sultan Saladin bestellt?«

»Nicht wir, verehrter Herr,« sagte Rottack freundlich, »ich habe überhaupt noch nie davon gehört, daß Jemand mitten im Sommer eine Maskerade abhalten könnte!«

»Na, das ist aber merkwürdig,« rief der kleine Mann verwundert, indem er das Bündel in Gedanken immer fester zusammenschnürte – »aber die beiden Herren wollten doch heute Morgen zu mir kommen!«

»Jedenfalls jemand Anders – Sie entschuldigen wohl, daß wir Sie gestört haben...«

»Bütte, bütte,« sagte der Mann mit einer Miene, als ob schon der Verdacht einer solchen Vermuthung sein innerstes Ehrgefühl verletze – »das ist aber wirklich merkwürdig – nun, warten Sie, ich will gleich einmal nachsehen, ob der Schlüssel steckt,« und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf er das Paket ziemlich rücksichtslos in die Ecke und glitt an Beiden vorüber zur Thür hinaus.

Rottack warf den Blick im Zimmer umher und mußte sich gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein tolleres Conglomerat von Kunst und Natur gesehen zu haben, als in diesem Raume.

War der Mann ein Schriftsteller? Eine Unmasse von überall aufgehäuften Broschüren, ganze Schichten von Manuscripten und gedruckten Heften, die Tisch und Boden deckten, schienen das fast zu bestätigen, und über dem Sopha prangten auch auf Gips-Consolen, und aus demselben werthvollen Material gefertigt, rechts und links zwei Büsten von Göthe und Schiller, die letztere bekränzt. Weshalb fehlten aber Beiden die Nasen?

An der einen Thür öffnete ein Waschtisch gastlich seine Klappe, etwas indiscret den ganzen Inhalt verrathend, und mitten im Zimmer stand ein Stiefelknecht, die beiden Hörner wie ein Paar gespitzte Ohren nach dem Fenster zu gerichtet, rechts und links daran aber ein Stiefel, wie der glückliche Besitzer dieses Gemaches sie wahrscheinlich gestern Abend bei später Nachhausekunft ausgezogen hatte.

An den Wänden hingen Bilder von Napoleonischen Schlachten – erbärmliche Lithographien natürlich und jedenfalls Eigenthum des Vermiethers; nur ein Ölgemälde über dem Schreibtisch schien dem Bewohner selber zu gehören, denn es war wahrscheinlich – oder sollte es wenigstens sein – ein Brustbild von ihm selber in »Frack und Asche«, mit einer furchtbaren goldenen Kette, sehr weißer und breiter Cravatte und einer Normalfrisur, auffällig dabei die rechte Hand mit einer Rose hebend, um einen großen goldenen Siegelring zu zeigen.

Rottack hätte sich gern noch länger im Zimmer umgesehen, denn der Mann fing an ihn zu interessiren; aber da der Türke jetzt mit der Nachricht zurückkam oder dieselbe vielmehr in's Zimmer hineinschrie, daß der Schlüssel stecke, so war ihnen jeder Vorwand genommen, sich länger hier aufzuhalten.

Mit einer dankenden Verbeugung empfahlen sie sich; der Eigenthümer des Zimmers, wahrscheinlich doch etwas ärgerlich, daß er seine Ballanzüge nicht los geworden, warf die Thür hinter ihnen heftig in's Schloß, und Graf Rottack schritt jetzt ohne Weiteres auf den nächsten Vorsaal-Eingang zu, wo er etwas schüchtern anklopfte.

Drinnen im Zimmer wurde Musik gemacht. Irgend Jemand spielte Clavier und eine Dame sang dazu – das Klopfen war keinesfalls gehört worden.

Der junge Mann, während Jeremias hülf- und rathlos dabei stand, klopfte etwas stärker, aber mit dem nämlichen Erfolg. Da drinnen wurde weiter gespielt, und da Rottack nicht Lust hatte, noch weitere Zeit mit nutzlosen Anmeldungen zu versäumen, öffnete er die Thür.

Am Clavier saß eine Dame in einem grell orangefarbenen seidenen Morgenrock, den Kopf wie von einem Heiligenschein von einer Unzahl von Papilloten umgeben. Weiter konnte er aber in dem Moment nichts erkennen, denn mit einem ordentlichen Aufkreisch fuhr die überraschte Schöne von ihrem Sitz am Clavier in die Höh' und schoß wie ein orangefarbener Lichtstreif in die nächste Kammer.

»Da haben wir's,« lachte Graf Felix, indem er sich nach Jeremias umdrehte – »bemerkten Sie die Dame?«

»Sie standen ja davor – schreien aber hab ich's gehört!« erwiderte Jeremias, sich den Kopf kratzend.

»Zu wem wollen Sie denn?« fragte in diesem Augenblick eine Art von »Aufwartung«, ein Mittelding zwischen Scheuerfrau und Mädchen für Alles, die gerade von der Arbeit weg aus einer kleinen, dunkeln Küche vortauchte.

»Zu Fräulein Bassini,« sagte Rottack – »wir sind doch hier recht?«

»Ja, recht ist's schon, aber das Fräule ist noch nicht angezogen.«

»Ist sie krank?«

»Ne, aber wenn sie keine Probe hat, da pressirt's immer nich, und nachens schreit se, wenn Jemand kommt. Wer sind Sie denn und was wollen Sie?«

Die Frage war zu direct gestellt, um ein Mißverstehen möglich zu machen, und da Jeremias den jungen Grafen am Rock zupfte, weil er seinen Namen nicht genannt habe wollte, so erwiderte dieser:

»Bitte, sagen Sie doch dem Fräulein, Graf Rottack wäre hier, um sich Auskunft in einer Familienangelegenheit zu erbitten – hier, seien Sie so gut und geben Sie der Dame meine Karte. Ich lasse fragen, um welche Zeit ich etwa wieder vorsprechen dürfte, da uns die Dame jetzt doch wahrscheinlich nicht empfangen wird.«

»Hm,« brummte die Alte, welche nicht die Hälfte von dem verstanden hatte, was ihr der junge Mann sagte, »warten Sie einmal einen Augenblick, ich werde dem Fräule das Ding da hineintragen.«

Damit machte sie ihnen die Thür vor der Nase zu und ließ die beiden Herren auf dem Vorplatz stehen. Es dauerte aber nur ganz kurze Zeit, so kam sie wieder zurück, öffnete die Thür und sagte: »Sie möchten nur hereintreten, das Fräule kommt gleich,« und mit dem Bewußtsein wahrscheinlich, Alles gethan zu haben, was sie anging, verschwand sie wieder in ihrer Küche, in der sie im Halbdunkel wie ein unheimliches Gespenst herumwirthschaftete.

Rottack und Jeremias hatten aber kaum, der Einladung folgend, das Zimmer betreten, als sich die Kammerthür ein wenig öffnete und eine Stimme herausrief: »Dürfte ich den Herrn Grafen ersuchen, einen Augenblick Platz zu nehmen – ich komme gleich!« und die Kammerthür flog wieder zu.

»Da wären wir,« lachte Rottack, indem er Jeremias die Hand auf die Schulter legte. »Wie ist Ihnen jetzt zu Muthe?«

»Hundeschlecht,« versicherte der kleine Mann flüsternd – »aber das sieht hier ganz nett aus. Gott sei Dank, da ist es ihr doch nicht so schlecht ergangen – ich wollte, es wäre erst vorbei!«

Dieses Zimmer hier sah allerdings anders aus, wie das gegenüberliegende, und es ließ sich nicht verkennen, daß hier eine Frau ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Große Ordnung herrschte aber hier eben so wenig wie dort, denn fast auf allen Stühlen lagen verschiedene Toilettengegenstände, während auf dem Tisch, neben dem eben erst verlassenen Kaffeegeschirr und einer Tabaksdose, ein paar Spiele Karten zu einer noch nicht vollendeten Patience geordnet waren.

Dennoch zeigten sich die Spuren sorgender Frauenhand. Überall war ordentlich abgewischt und auf dem Tisch lag eine ziemlich weißgewaschene, gehäkelte Decke. Auch die Vorhänge sahen, wenn auch ziemlich dürftig, doch rein aus, und an der Wand hingen ein paar Abbildungen in Steindruck aus der biblischen Geschichte, wie die schauerliche Caricatur einer Maria Magdalena in Öl gemalt.

Selbst die Commode war nicht ohne Schmuck und bildete eine Art von Nipptisch, auf dem eine Anzahl bescheidener Porzellanfiguren standen, mit einigen kleinen Statuetten alter, eingetrockneter Chocolade, die vielleicht im vorigen oder vorvorigen Jahre einen Christbaum geziert. Auch eine bildliche Darstellung der heiligen drei Könige in Wachs und in einem Glaskästchen, wie sie das Kind an der Krippe besuchen, stand in der Mitte, und rechts und links davon ein Glasleuchter mit halb abgebrannten Stearinkerzen.

»Hurrjeh,« flüsterte Jeremias, der indessen auf den Fußspitzen im Zimmer umhergegangen war, um den status quo zu untersuchen, indem er mit zwei Fingern eine Partie brennend rother falscher Locken emporhob – »ob das wohl ein Stück von meiner Frau ist?«

Felix mußte wirklich an sich halten, um nicht gerade heraus zu lachen, und an Jeremias hinantretend, sagte er leise:

»Das wäre ein unverkennbares Zeichen von Sympathie, denn so viel ich mich erinnere, trugen Sie früher eine eben solche Perrücke.«

»Ja, aber – wie ist mir denn,« sagte Jeremias ganz verdutzt, »das – das ist doch ganz unmöglich – meine Frau hatte braune Haare!«

»Sie haben sich doch nicht etwa im Namen geirrt? Das wäre ein schöner Spaß!« lachte Felix.

»Gott bewahre – Alles trifft...«

»Auch der Vorname?«

»Ja, den habe ich noch gar nicht erfahren können, denn auf dem Zettel steht er nicht mit, aber es ist ja auch gar nicht möglich! es stimmt Alles wie eine Kirchenrechnung, und ich bin ja von Regensburg aus ihrer Spur bis hierher gefolgt.«

»Dann hilft es nichts, dann müssen wir's abwarten. Da sind wir überdies einmal und können jetzt gar nicht wieder fort, ohne vorher die Dame gesprochen zu haben. Sie macht übrigens lange mit ihrer Toilette.«

»Ich muß unterthänigst um Entschuldigung bitten!« sagte in diesem Augenblick eine Stimme hinter ihnen, und als sich Beide ordentlich erschreckt umwandten, stand die Dame in dem orangefarbenen Morgenkleide, die Haare jedoch ihrer Papilloten entledigt, auf der Schwelle und fuhr mit einem tiefen Knix fort: »Sie haben mich noch im vollen Negligé überrascht, Herr Graf.«

Jeremias hatte wieder, wie ein Versinkender, der nach Allem greift, was ihm in den Weg kommt, Rottack's Rockzipfel erwischt und flüsterte ihm mit angstgepreßter Stimme zu: »Das ist sie nicht!«

Rottack gerieth in die größte Verlegenheit, denn die Dame mußte fast die Worte verstanden haben, und was nun? – »Gnädiges Fräulein!« sagte er stotternd.

»Oh, bitte – aber wollen die Herren nicht Platz nehmen?« unterbrach ihn, wieder mit einem Knix, der dieses Mal jedenfalls dem »gnädigen« galt, die Dame – »es ist nur bei mir noch nicht aufgeräumt. Wir Künstler sind eigentlich recht nachlässiges Volk.«

»Gnädiges Fräulein,« nahm aber Rottack noch einmal das Wort, »gestatten Sie uns vielmehr, uns zu entschuldigen, daß wir Sie so unberufen gestört haben – eine ganz eigene Angelegenheit führt uns hierher, über die Sie vielleicht allein im Stande sind, uns Auskunft zu geben.«

»Aber wollen die Herren denn nicht Platz nehmen? Ich bitte sehr darum!«

Es war der Einladung nicht länger auszuweichen, und während Rottack einen der Stühle heranschob und sich darauf niederließ, setzte sich Jeremias auf die äußerste Spitze eines andern, daß es ordentlich gefährlich aussah, denn er konnte jeden Augenblick herunterrutschen.

Die Dame hatte, sich fest in ihren grellfarbenen Morgenrock einhüllend, ihnen gegenüber auf dem Sopha Platz genommen und schien mit der gespanntesten Aufmerksamkeit die Eröffnung zu erwarten.

Jung war sie nicht mehr – sie mochte wohl im Anfang der Vierzig sein – hübsch war sie gerade auch nicht, und ihr Gesicht ein wenig zu sehr markirt, obgleich sie lebendige Augen und besonders weiße Zähne hatte. Nur ihr Teint war weiß, wie das gewöhnlich bei rothen Haaren der Fall ist, und diese Haare störten auch Rottack besonders, denn er mußte immer wieder unwillkürlich zu den zahllosen, scharf durch die Papilloten gekräuselten Locken aufsehen, die besonders gegen die grelle Orangenfarbe des Überwurfs gar nicht zu ihrem Vortheil abstachen. Jeremias dagegen, der mit dem nämlichen Wohlbefinden seinen Platz auf jeder Armensünderbank eingenommen haben würde, sah gar nichts. Ihm schwamm Alles vor den Augen zu einem rothen, blitzenden, unbestimmten Schein zusammen, und nur des Einen Gefühls war er sich bewußt: Fort möcht' ich!

»Also in was könnte ich Ihnen Auskunft geben?« sagte Fräulein Bassini endlich, der die Pause etwas zu lange dauerte, indem sie wie unwillkürlich einen Griff nach ihrer Dose machte, die Hand aber wieder erschreckt zurückzog.

Rottack stak fest – es war eine verwünschte Geschichte, denn er wußte nicht, wie er beginnen sollte, und Jeremias selber that den Mund nicht auf. Er konnte doch die Dame nicht direct fragen, ob sie schon einmal verheirathet gewesen wäre. Etwas mußte aber auch geschehen, denn stumm konnten sie einander nicht gegenüber sitzen bleiben. Mit einem fast gewaltsamen Ansatze sagte er endlich:

»Haben Sie vielleicht eine Schwester oder Verwandte, die den nämlichen Namen führt, wie Sie, und ebenfalls beim Theater ist?«

»Nein,« lächelte Fräulein Bassini, diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorüber lassend, ihre Zähne zu zeigen, »nicht daß ich wüßte.«

Es war wieder nichts.

»Das ist wunderbar,« sagte der junge Graf nach einer Pause; »ich erhielt nämlich vor einiger Zeit einen Auftrag von einem Freund in – Amerika, mich genau nach der Familie zu erkundigen und ihren Wohnort zu erfahren, und – da ihm – da meinem Freunde sehr viel daran gelegen scheint, so würde es mir aufrichtig leid thun, seine Bitte nicht erfüllen zu können.«

»Darf ich fragen, wie Ihr Freund heißt?« sagte Fräulein Bassini mit liebenswürdiger Unbefangenheit und brachte Rottack dadurch in eine noch viel größere Verlegenheit, denn wie hieß Jeremias eigentlich? Er hatte ihn nie unter einem andern Namen als seinem Vornamen gekannt, ja, bis jetzt auch wirklich noch gar nicht daran gedacht, daß er möglicher Weise anders heißen könne, und jetzt, in Gegenwart der Dame, durfte er ihn doch nicht um seinen Namen fragen.

»Es – ist eine Familien-Angelegenheit,« stotterte er endlich nach einer Pause, und hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so unbehaglich gefühlt, wie hier, wo er nicht gerade mit der Wahrheit heraus konnte und durfte. Aber das ging nicht länger; er mußte, wenn er keinen Namen nannte, die Dame doch wenigstens davon überzeugen, daß irgend ein ernster Grund seinen Besuch veranlaßt habe, und fuhr deshalb entschlossen fort: »Mein gnädiges Fräulein, ich will ganz aufrichtig sein – mein Freund in Amerika war früher hier in Deutschland an eine Dame, die Ihren Namen trug, verheirathet...«

»Meinen Namen?«

»Zerwürfnisse im ehelichen Leben, bei denen er wohl der Hauptschuldige war, führten zu einer Trennung, und er verließ Europa...«

»Auguste!« rief Fräulein Bassini plötzlich, während sie die Hände zusammenschlug, und Rottack fühlte einen entschiedenen und kräftigen Ruck an seinem Rockschoß.

»Das ist der Name,« flüsterte ihm Jeremias dabei zu.

»Und hat sich der Lump wirklich noch einmal nach seiner armen, verlassenen Frau erkundigt?« rief Fräulein Bassini, jetzt keinen Augenblick mehr in Zweifel, um was es sich handle, aber auch ganz vergessend, daß der Herr Graf eben noch jenen »Lump« seinen »Freund« genannt. »Der hat es nöthig, denn seinetwegen hätte meine arme Schwester in Jammer und Elend längst vergehen können!«

Jeremias sah sich nach einer Versenkung um.

»Ihre Schwester?« rief Rottack, das Wort rasch auffassend, denn es war die erste Spur, die er in der ganzen Geschichte fand – »und wo ist sie jetzt?«

»Wo sie ist, Herr Graf? – Hier in Haßburg ist sie und wohnt bei ihrem Bruder, kümmerlich und ärmlich genug, das weiß Gott, denn das Nothwendigste müssen sie sich oft am Munde abdarben, und wenn sie das Kind, die Henriette, nicht hätte, das brave Mädel, die Tag und Nacht arbeitet, um ein paar Groschen zu verdienen, so wär's längst aus mit ihr, denn sie ist ewig krank und kann selber nichts mehr schaffen!«

»Aber wie heißt denn Ihr Bruder, liebes, bestes Fräulein?« rief Rottack – »auch Bassini? Sie sagten doch vorher, daß Keine des Namens mehr...«

»Pfeffer heißt er, Schauspieler Pfeffer – er ist Komiker hier beim Theater, und ein tüchtiger Komiker, das muß ihm der Neid lassen.«

»Aber, verehrtes Fräulein,« sagte Rottack, der aus der Verwandtschaft nicht klug werden konnte, »wenn Herr Pfeffer der Bruder jener Dame und jene Dame ihre Schwester ist, so wäre Herr Pfeffer doch eigentlich auch Ihr Bruder?«

»Ja, das ist er auch,« versicherte Fräulein Bassini.

»Aber Bassini und Pfeffer...«

»Oh, die Namen meinen Sie – ja, lieber Gott,« sagte die Dame, »am Theater kann man da nicht immer genaue Ordnung halten, und Pfeffer klingt recht gut für einen Komiker, aber nicht für eine Dame oder gar eine Primadonna, die nun schon einmal in unserer Zeit eine italienische Endung haben muß. Unsere Mutter aber, eine geborene Bassenich, war Primadonna und nannte sich einfach Bassini – und nach ihrer Verheirathung Pfeffer-Bassini, wonach wir Töchter den Mutter- oder Mädchennamen der Mutter beibehielten und Fürchtegott Pfeffer blieb.«

»Fürchtegott?«

»Mein Bruder, der Komiker.«

»Und Ihre Frau Schwester wohnt also bei Ihrem Herrn Bruder?«

»Ja wohl, Neumarkstraße Nummer 23, der Eingang ist auch von der Promenade, ganz dicht am Theater – jedes Kind zeigt Ihnen das Haus. Aber nun, bitte, Herr Graf,« fuhr Fräulein Bassini fort, indem sie sich etwas zur Seite bog, um auch einmal einen vollen Blick auf den schweigsamen Begleiter des jungen Mannes zu erhalten, der sich, so weit das möglicher Weise anging, hinter diesen gedrückt hatte – »sagen Sie auch, was das für eine Bewandtniß mit jenem Menschen, jenem Stelzhammer, hat?«

»Stelzhammer, mein Fräulein?« sagte Rottack, der ganz verwirrt zwischen den vielen Namen wurde.

»Nun, Ihrem Freund in Amerika,« erwiderte die Dame.

»Stelzhammer, – ja so – Jeremias Stelzhammer – ganz recht,« sagte Rottack und fühlte wieder, wie er hinten am Rock gezupft wurde – »aber, verehrtes Fräulein, gestatten Sie mir, daß ich vorher nähere Erkundigungen bei Ihrem Bruder einziehe. Ich darf nicht indiscret sein, und habe meinem Freund fest versprechen müssen, nur an directer Stelle Nachforschungen anzustellen.«

»Nun, auf den Herrn brauchen Sie doch wahrhaftig keine Rücksicht zu nehmen!« rief Fräulein Bassini – »ein solcher Vagabond, der seine brave, redliche Frau schändlich verlassen hat!«

»Und wenn er nun willens wäre, alles Begangene wieder gut zu machen, wenn er nun Reue über das Geschehene fühlte?«

»Ja, der,« sagte Fräulein Bassini verächtlich – »hat er Geld geschickt?«

»Vor allen Dingen habe ich nur den speciellen Auftrag erhalten, mich zu erkundigen, ob seine Frau noch lebt und wie es ihr geht. Sowie ich das erfahren habe, versteht es sich von selbst, daß ich ihm genauen Bericht erstatte, und wenn er dann nicht selber herüberkommt, was sehr wahrscheinlich ist, so wird er doch jedenfalls Sorge tragen, daß sie von da an keinen Mangel mehr leidet. Also, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, indem er aufstand und Jeremias sich hinter ihm mit einer Schnelligkeit erhob, als ob er die ganze Zeit auf Nadeln gesessen hätte, »nehmen Sie vor der Hand meinen herzlichen Dank für Ihre freundlichen Mittheilungen, die uns hoffentlich zu einem guten Resultate führen, und seien Sie versichert, daß ich seiner Zeit nicht ermangeln werde, Ihnen getreuen Bericht über den Erfolg meines Briefes abzustatten.«

»Aber wo wohnt denn dieser Herr Stelzhammer jetzt eigentlich und was treibt er?« fragte Fräulein Bassini, sich ebenfalls erhebend – »man muß doch jedenfalls ein klein wenig wissen wie und wo, wenn man einmal gefragt wird.«

»Sie sollen Alles erfahren, mein gnädiges Fräulein, Alles, was Sie nur einigermaßen interessiren könnte,« wehrte Graf Rottack ab – »lassen Sie mich nur erst die Hauptsache in Ordnung bringen, und seien Sie versichert, daß ich Sie dann selber davon in Kenntniß setzen werde. Bin ich Ihnen doch auch zu großem Dank durch die Nachricht verpflichtet, die Sie mir gegeben.«

»Ja, aber,« wollte Fräulein Bassini sagen, da sie sich nicht mit dem Gedanken befreunden konnte, noch vor der Hand völlig im Dunkeln gelassen zu werden. Rottack brannte aber selber der Boden hier unter den Füßen, und mit einer sehr artigen Verbeugung, welche die Dame wieder mit einem tiefen Knix erwiderte, schritt er zur Thür, und Jeremias fuhr wie der Blitz hinter ihm her. Beide waren auch gleich sehr dabei interessirt, so rasch sie konnten wieder in's Freie zu kommen, Jeremias schien wirklich die ganze lange Zeit da oben den Athem angehalten zu haben, so aus voller Brust schöpfte er Luft, als er den blauen Himmel wieder über sich sah.

9.
Hinter den Coulissen.

In der nämlichen Zeit, in welcher an diesem Morgen Graf Rottack mit seiner jungen Frau zu dem Besuch nach Monford hinausfuhr, war im Theater Probe von den »Räubern«.

Überhaupt wurde das Schauspiel gerade in dieser Zeit sehr beschäftigt, denn in der nächsten Woche stand auch noch eine Festvorstellung des »Hamlet« bevor. Man erwartete nämlich in den nächsten Tagen den Erbprinzen zum Besuch, und der Director hatte angefragt, was Seine Königliche Hoheit im Theater zu sehen wünsche, worauf der »Hamlet« bezeichnet wurde. Am nächsten Tag sollte dann noch ein großer Ball arrangirt, kurz, Alles gethan werden, um dem jungen und hohen Herrn den Aufenthalt in der Stadt so angenehm als möglich zu machen.

»Hamlet« mußte aber neu einstudirt werden, und die Aufführung der ebenfalls lange nicht gegebenen »Räuber« kam da etwas in die Quere; aber es half eben nichts. Das Publikum wollte solche Stücke sehen, und die Schauspieler mußten sich fügen.

Auf dem Theater, das jetzt natürlich nicht erleuchtet sein konnte, herrschte ein düsteres Halbdunkel. Das Licht fiel dürftig durch die geöffneten Seitenfenster herein, und nur ein einzelner Sonnenstrahl stahl sich an einer Ecke vorüber und beschien eine der Coulissen, einen bemalten Leinwandbaum.

Nur vor dem Souffleurkasten brannten die beiden Lampen, und rechts auf der Bühne, wo ein Tisch und ein paar Stühle standen, saßen der Director in einem weiten Mantel und der etwas kränkliche Regisseur in großen Filzschuhen und einem Pelze, trotz der Wärme draußen, denn die Luft war hier drinnen kellerartig und es zog fortwährend.

Auf der Bühne gingen sehr anständig gekleidete Herren und Leute in Hemdsärmeln friedlich untereinander herum, und zwar beide Theile ihren Geschäften nach – die Einen die Darsteller, die Anderen Maschinisten, Coulissenschieber und Lampenputzer, während hinten auf der Bühne eine Dame in Hut und Schleier, ein Manuscript in der Hand, noch memorirend zwischen ihnen auf und ab wanderte und nur manchmal das Manuscript – ihre Rolle – gesticulirend ausstreckte und leise tragische Worte dazu murmelte.

Es war Amalia, Fräulein Rottenhöfer, erste tragische Liebhaberin im Theater zu Haßburg.

»Dritte Scene, meine Herren!« rief der Regisseur und klingelte.

Die Schauspieler traten zusammen; die Scenerie war gestellt: die böhmischen Wälder. Es begann die Scene im zweiten Acte, wo die Räuber, nachdem sie Roller befreit, wieder zusammenkommen, und ging so ziemlich.

Pfeffer gab den Spiegelberg; überhaupt hatten dieses Mal alle Kräfte am Theater aufgeboten werden müssen, um die zahlreichen Rollen so tüchtig als möglich zu besetzen, und die Leute gaben sich die größte Mühe. Nur wo Schwarz auftritt, mußte das Einspringen noch einmal gemacht werden.

Jetzt wurde Roller angemeldet, aber der Hauptmann, Karl Moor, war noch nicht da; das Pferd, welches gewissenhaft in Haßburg beibehalten wurde, stand hinten in der letzten Coulisse und schien selber ungeduldig zu werden.

Ratzmann: »Roller, Schweizer, Blitz, Donner, Hagel und Wetter!«

»Wo ist denn Karl Moor?« rief der Regisseur, von seinem Stuhl aufspringend.

»Eben war er noch im Conversations-Zimmer, Herr Regisseur,« sagte der Inspector, dem das Pferd vorher auf den Fuß getreten hatte und der jetzt mit gotteslästerlichen Verwünschungen hinter den Coulissen herumhinkte.

»Aber warum ruft ihn denn Niemand? – Herr Handor, nehmen Sie mir das nicht übel, bei einem so classischen Stück...«

»Bitte um Verzeihung!« sagte Handor, der mit finster zusammengezogenen Brauen aus der Coulisse kam und über die Bühne zu dem Pferd schritt. »Bitte, meine Herren, noch einmal das Stichwort!«

Ratzmann wieder: »Roller, Schweizer, Blitz, Donner, Hagel und Wetter!«

Handor hatte sich in den Sattel geschwungen und spornte sein Roß über die Bühne, das mit klappernden Hufschlägen, genau so, als ob es auf Eis ginge, vorsichtig weiter schritt.

Räuber Moor: »Freiheit, Freiheit...!« – »Aber so lassen Sie doch das Pferd los; ich werde doch nicht sollen auf die Bühne geführt werden!«

Die Zwischenrede galt einem der Maschinisten, der in seinem Diensteifer mit hinausgegangen war und jetzt zurücksprang.

»Noch einmal, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief der Regisseur; »das Pferd muß sich gewöhnen, allein heraus zu kommen.«

Räuber Moor lenkte mit einem halbverbissenen Fluch den alten, geduldigen und etwas kreuzlahmen Schimmel wieder um, und Ratzmann mußte zum dritten Mal das Stichwort geben.

Jetzt ging es; der Schimmel stakte, trotz allen Anspornens, sehr vorsichtig heraus, und mit den Worten: »Du bist im Trocknen, Roller; führ' meinen Rappen ab, Schweizer, und wasche ihn mit Wein!« sprang Karl Moor aus dem Sattel.

»Herr Handor,« rief der Regisseur, wieder aufstehend, »ich habe Sie früher darauf aufmerksam gemacht, daß Sie einen Schimmel reiten.«

»Der Rappe steht in der Rolle,« sagte Handor ärgerlich.

»Ja, allerdings, aber wir haben nun einmal keinen Rappen, und ich kann das Pferd doch nicht, nur des einen unwesentlichen Wortes wegen, schwarz anstreichen lassen.«

»Gut, so »führ' meinen Schimmel ab, Schweizer, und wasche ihn mit Wein«.«

»Hat sich auch mordmäßig angestrengt,« flüsterte der eine Lampenputzer, als Schweizer mit einiger Schwierigkeit das Thier zum Weitergehen bewog.

Die nächste Scene ging jetzt so ziemlich; Karl Moor schien aber in einer gereizten Stimmung und nahm, während die Räuber ihre Heldenthaten erzählten, gar keine Notiz von ihnen. Als aber Schufterle (Horatius Rebe) an zu sprechen fing, stampfte er ein paar Mal ungeduldig mit dem Fuß und brummte dann seine Zwischenrede so leise in den Bart, daß Schufterle kaum das Stichwort verstehen konnte.

»Etwas lauter, Herr Handor, wenn ich bitten darf,« sagte der Regisseur, indem er sein Buch gegen das auf dem Tisch stehende Licht hielt.

»Dann, bitte, sagen Sie auch Herrn Rebe, daß er seine Rolle mit einigem Verstand spielt,« bemerkte Handor; »das Publikum muß ja lachen!«

»Ich habe nichts Auffälliges bemerkt,« erwiderte der Regisseur; »bitte, Herr Rebe, sagen Sie Ihre Worte noch einmal.«

Rebe that so und kam zu dem Schlußsatze: »Armes Thierchen, sagt' ich, Du verfrierst ja hier, und warf's in die Flammen.«

»Ganz gut,« nickte der Regisseur.

»Es ist ja nicht zum Ansehen,« rief Handor gereizt; »bei den Worten: »und warf's in die Flammen« stehen Sie ja wie ein Stock!«

»Bitte um Entschuldigung, Herr Handor,« sagte Rebe ruhig, »erstlich markiren Sie gar nicht, und man weiß nicht, ob Sie mit uns oder mit dem Souffleur reden...«

»Herr, was unterstehen Sie sich!«

»Von Unterstehen kann hier gar keine Rede...«

»Meine Herren, bitte um keinen Zank auf der Probe; was wünschen Sie, Herr Handor, das Herr Rebe thun soll?«

»Sich regen, den Arm hinauswerfen, wenn er die Worte sagt: »und warf's in die Flammen«. Er muß seinem Mitspieler eine Andeutung geben.«

»Ich glaubte, Sie brauchten nur das Stichwort,« sagte Rebe ruhig; »zum Telegraphiren eignet sich die Rolle nicht.«

»Herr,« rief Handor gereizt, »für einen Menschen, der kaum einen Stuhl hinaustragen kann, ist diese Antwort einem Künstler gegenüber unverschämt!«

»Herr Handor...«

»Herr Handor,« rief auch der Regisseur, von seinem Stuhl aufspringend, »entweihen Sie die Kunst nicht durch solche Reden; Sie haben sich überhaupt gegen das Bühnenreglement vergangen, und ich muß Sie in Strafe nehmen!«

»Nennen Sie denn das eine Probe,« rief Handor heftig, »wenn ich nicht einmal Statisten zurechtweisen darf, wie sie sich zu benehmen haben?«

»Herr Handor,« rief aber jetzt auch Rebe gereizt, »ich werde Ihnen nach der Probe sagen, was ich von Ihnen denke – hier füge ich mich den Gesetzen!«

»Meine Herren,« bat der Regisseur, »Sie gehen mir zu sehr in den Charakter Ihrer Rollen ein, und es ist nur ein Glück, daß Ihnen der Requisiteur noch nicht die Dolche und Pistolen geliefert hat. Bitte, noch einmal das Stichwort – Herr Rebe, Ihres mein' ich – »und warf's in die Flammen«.«

Rebe gehorchte ziemlich mürrisch dem Befehle und Handor ärgerte ihn noch mehr dadurch, daß er die Worte: »Fort, Ungeheuer, laß dich nimmer unter meiner Bande sehen!« mit ganz besonderer Betonung sprach. Es war aber für den Augenblick nichts dagegen zu machen und er mußte abgehen, während Karl Moor seinen späteren Monolog mürrisch und in den Bart hinein sprach.

Schufterle kam von da an nur noch ein einziges Mal vor und hätte weggehen können; aber er blieb, um das Ende der Probe abzuwarten, wo aber noch einmal ein Streit vorfiel, und zwar mit der ersten tragischen Liebhaberin selber.

In der Scene zwischen Karl Moor und Amalia, wo Handor sehr zerstreut spielte – wie er denn überhaupt nach des sehr gewissenhaften Regisseurs Ausspruch heute gar nicht bei der Sache war –, hatte er bei den Worten: »Wie, mein Fräulein, wenn Ihr Geliebter Ihnen für jeden Kuß einen Mord aufzählen könnte?« den Arm von Fräulein Rottenhöfer so fest und plötzlich gefaßt, daß eine Schnur von imitirten Perlen, die sie am Handgelenk trug, zerriß und ein paar der zerdrückten Perlen ihr die Haut ritzten.

Die Dame wurde heftig und behauptete, daß er sie in der Scene gar nicht anfassen dürfe, und er erwiderte ihr ziemlich kurz, ob sie glaube, daß er den Charakter seiner Rolle nicht verstehe; übrigens wolle er ihr die Perlen bezahlen.

Es gab dann noch einen Auftritt, wo sich der Director selber in's Mittel legen mußte, denn Fräulein Rottenhöfer erklärte, nicht mit einem so rohen, ungebildeten Menschen spielen zu wollen.

Handor murmelte ein Wort zwischen den Zähnen durch, das wie »Gans« klang und keinesfalls in seiner Rolle stand, wonach die Dame denn nichts Besseres thun konnte, als in Ohnmacht zu fallen.

Daß Handor durch dies Alles nicht in die beste Laune gerieth, läßt sich denken, und die wurde nicht erhöht, als die Probe, welche heute fast bis zwei Uhr gedauert hatte, endlich vorüber war und er vor dem Theater auf Rebe traf, der ruhig zu ihm hinging und ihn anredete:

»Herr Handor, auf ein Wort.«

»Was wollen Sie?« fragte der erste Liebhaber kurz.

»Nichts weiter, als Genugthuung für Ihre Beleidigung heute.«

»Genugthuung?«

»Sie verstehen doch, was ich damit meine.«

»Sie sind ein Narr, Rebe!« sagte Handor und wollte sich von ihm abdrehen. So wohlfeilen Kaufes kam er aber nicht davon.

»Dann erkläre ich Sie für einen feigen Lump, Herr Handor!« sagte der junge Mann, der kreidebleich vor innerer Aufregung geworden war und vor Wuth zitterte.

Handor biß die Zähne zusammen.

»Gut, Sie sollen Ihre Genugthuung, wie Sie's nennen, haben, Sie verdienen eine Züchtigung, aber nicht jetzt. Sie wissen, was wir in nächster Woche vorhaben; die Vorstellung des »Hamlet« dürfen wir nicht stören, wenn Sie auch vielleicht entbehrt werden könnten. Nach dem »Hamlet« stehe ich Ihnen zu Diensten.«

»Gut denn, also nach der Vorstellung oder am nächsten Morgen.«

Handor nickte nur, drehte ihm den Rücken zu und ging die Straße hinunter.

Gerade am Theater vorüber war Pfeffer gekommen, und wenn auch noch nicht nahe genug, um die Worte zu verstehen, hatte ihm doch der Sinn nicht gut entgehen können.

»Das ist recht, Herr Horatius Cocles,« sagte er, während er vor ihm stehen blieb und ihn starr ansah, »das wäre allerdings die leichteste Manier, Jemandes Rollen zu bekommen, wenn man ihn einfach todtschießt. Sind Sie denn ganz des Teufels, Mensch, und wollen Sie sich mit Gewalt Ihre Carrière verderben?«

»Herr Pfeffer!«

»Ach was, Pfeffer hin, Pfeffer her, es pfeffert sich was! Wo wollen Sie denn hin, wenn man Ihnen hier den Contract kündigt?«

»Meine Ehre gilt mir höher als mein Leben!« rief der junge Mann stolz.

»Puh, so viel dafür!« rief der alte Mann verächtlich; »wenn Ihnen so ein Lump Ihre Ehre nehmen kann, so wär's nicht der Mühe werth, sie aufzuheben! Und all' das andere Unheil, welches Sie nachher anrichten – heh?«

»Andere Unheil?« sagte Rebe traurig. »Haben Sie mir nicht selber Ihr Haus verboten, Herr Pfeffer, und glauben Sie, daß außerdem auch wohl ein einziges Auge naß würde in ganz Haßburg, wenn ich – von hier fortginge oder stürbe?«

»Puh!« sagte Pfeffer wieder, sah eine Weile vor sich nieder, schob dann beide Hände in seine Taschen und schritt der eigenen Wohnung zu.

Fürchtegott Pfeffer stieg auch direct hinauf in sein eigenes Zimmer und lief dort, ohne den Hut abzunehmen, die Hände auf den Rücken gelegt und aus Leibeskräften vor sich hin pfeifend, in dem kleinen Gemache mit einer wahren Vehemenz auf und ab. Sein Spaziergang war dabei ein keineswegs unbehinderter, denn überall lag bald ein Haufen Manuscripte, bald Bücher und Zeitungen, die ihm kein Mensch anrühren durfte, im Wege. Unverdrossen stieg er aber über das Alles weg, herüber und hinüber, und war so mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er gar nichts weiter hörte noch sah.

»Was mag nur der Onkel heute haben?« sagte Jettchen, die mit eisernem Fleiß an ihrer Arbeit saß. Zu jenem, zu Ehren des Erbprinzen bestimmten Balle hatte sie nämlich eine solche Masse von Aufträgen bekommen und Bestellungen auf Blumen waren so von allen Seiten eingelaufen, daß das arme Kind schon die ganze Nacht durcharbeiten mußte, um nur Alle zu befriedigen und ja keine Kunden zu verlieren. Du lieber Gott, im Sommer, wo der Schöpfer ja da draußen seine herrlichen, frischen und duftenden Blumen wachsen ließ, war die Arbeit überdies nur sehr spärlich und der Verdienst so klein – da durfte man sich schon eine so glückliche Gelegenheit nicht entgehen lassen!

Die Mutter lag wieder auf dem Sopha; sie befand sich etwas besser heute, war aber noch immer sehr schwach und angegriffen.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie leise; »wahrscheinlich wieder ein Ärger auf der Probe.«

»Wenn er so pfeift, ist er immer sehr böser Laune,« seufzte Jettchen; »aber jetzt kommt er ja gar nicht von der Probe; er war doch vorhin schon zum Essen da, und hat in den letzten Acten nichts zu thun.«

»Laß ihn nur, mein Kind,« lächelte die Frau wehmüthig; »bei solchen Gelegenheiten pfeift er sich gewöhnlich ordentlich aus, und nachher ist er wieder guter Laune; nur stören darf man ihn nicht darin.«

»Es ist doch auch wirklich ein leidiges Leben beim Theater,« sagte das arme Mädchen leise; »immer nur Ärger und Streit, als ob die Leute gar nicht friedlich neben einander leben könnten, und Abends, wenn dann die Lichter angezündet sind, merkt man gar nichts davon und Alles schwelgt in Glanz und Freude.«

»Es ist Alles falsch, mein Herz,« nickte die Mutter leise vor sich hin, »Alles; aber nicht allein auf dem Theater, Kind, wo sie sich draußen aus der Bühne vor dem Publikum in den Armen liegen und sich hinter den Coulissen nachher alles gebrannte Herzeleid anthun – im wirklichen Leben machen sie's auch nicht viel besser. Vor der Welt, die da das Publikum ist, ja, da glänzt und schimmert Alles, und hinter den Coulissen – das heißt im eigenen Hause, im eigenen Familienkreise, worin erst recht Liebe und Freundschaft, Friede und Eintracht herrschen sollten – da säet der böse Feind sein Unkraut aus, und Jammer und Elend sind die Folgen.«

»Aber bei uns doch nicht, Mama,« sagte herzlich das junge Mädchen.

»Nein, Kind, bei uns nicht,« seufzte die Frau, deren Erinnerungen weit zurückgeschweift waren. »Wir, mein Herz, erscheinen aber auch nicht mehr draußen vor dem Publikum, vor der Welt; wir haben uns hier unsere kleine Welt gegründet und – Erfahrung genug im Leben gesammelt, um uns die nicht selber muthwillig zu zerstören. Gebe nur Gott, daß uns die Welt da draußen eben so wenig beachtet, wie wir sie!«

Henriette schwieg und wandte langsam den Kopf zur Seite, daß die Mutter, wenn sie zufällig einmal herübersah, nicht die verrätherische Thräne bemerken sollte, die ihr im Auge blitzte; sie wäre ja sonst noch trauriger geworden.

»Na, Guste, wie geht's?« sagte plötzlich Pfeffer, der den Kopf in die Thür steckte. »Ein bischen besser?«

»Ich danke Dir, Fürchtegott; komm doch herein.«

»Ich rauche.«

»Die Fenster stehen ja auf, da thut mir der Rauch nicht weh.«

»Hm,« sagte Pfeffer, der jetzt in's Zimmer trat, die Thür hinter sich zuzog und dann zum Sopha ging. »Du siehst immer noch höllisch angegriffen aus – und der Heidenlärm da draußen! Wenn ich nur dem einen Kerl mit seiner Mordgeschichte den Hals umdrehen könnte, nachher wär' ich zufrieden.«

»Ja, Onkel,« lächelte Henriette, »Und dann würde die Polizei kommen und Dich einsperren und köpfen lassen, und nachher malte dann ein Anderer Deine Geschichte, und die würde dann auch abgesungen, von dem furchtbaren Halsabdreher Fürchtegott Pfeffer.«

»Was die Mamsell nicht weiß!« sagte der Onkel, indem es ihm aber doch wie ein Lächeln über das Antlitz zuckte; »hol' mich Dieser und Jener, Thierquälerei wird bestraft, aber Menschenquäler dürfen überall frei umherlaufen und haben sogar noch die Unverschämtheit, Geld dafür einzu– aber alle Teufel,« unterbrach er sich überrascht, als er, während er sprach, zu Jettchen's Tisch getreten war und dort ihre Arbeit erblickte, »den Kranz hast Du ja erst gestern Abend angefangen, als ich zu Bette ging, Mädel, was zum Henker, Du hast doch nicht die ganze Nacht daran gesessen?«

»Lieber Onkel,« sagte Henriette bittend, »sei nicht böse, aber – die Zeit drängte so – bis zu dem Balle, der in der nächsten Woche sein soll, ist noch so viel bestellt...«

»Und wie Du aussiehst, bleich und angegriffen; das geht nicht, Schatz, das geht wahrhaftig nicht, das darf ich nicht leiden!«

»Ich habe sie auch gebeten, zu Bett zu gehen,« sagte die Mutter, »aber der Trotzkopf wollte nicht.«

»Wenn der Ball erst vorüber ist, schlafe ich dafür eine ganze Woche,« lächelte Henriette; »denke nur, Onkel, was für hübsches Geld ich dabei verdiene.«

Pfeffer antwortete nichts. Er stand am Fenster, blies Ringe hinaus und klopfte dabei mit der Fußspitze den Boden, als die Thür plötzlich aufgerissen wurde, Fräulein Bassini den Kopf in's Zimmer steckte und hereinrief: »War er schon hier?«

»Wer?« rief Pfeffer, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend. »Was, zum Teufel, kommst Du denn so in's Zimmer gestürmt – weißt Du denn nicht, daß Deine Schwester krank ist? Wer soll hier gewesen sein?«

»Nun, der Graf,« sagte die Dame, die Thür hinter sich zuziehend.

»Der Graf – bei Dir rappelt's wohl? Was für ein Graf?«

»Also, so wißt Ihr noch gar nichts?«

»Na, jetzt hör' einmal mit Deinem Schnack auf,« brummte Pfeffer; »thu Deine Gartenanlage vom Kopf herunter und setze Dich auf Deinen – hätte bald 'was gesagt. Steckt in dem Frauenzimmer eine Unruhe – Apropos, hast Du mir meine Dose wieder mitgebracht?«

»Nein, die hab' ich heilig vergessen – aber Fürchtegott, Auguste, Jettchen, wißt Ihr denn, wer bei mir war?«

»Ach schnack' keinen Unsinn; wie können wir wissen, wer bei Dir gewesen ist,« rief Pfeffer – »vielleicht der Friseur mit einer neuen Perrücke?«

»Grobian! Ein Graf war bei mir, ein wirklicher, lebendiger Graf mit Orden – nein, Orden hat er nicht gehabt, das ist wahr; merkwürdig eigentlich, daß ein Graf blos so, ohne Orden herumgehen kann wie andere Menschen.«

»Ob das Frauenzimmer nicht einen Sparren hat wie ein Hebebaum,« knurrte ihr Bruder – »und was wollte er?«

»Das räthst Du nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit ließe.«

»Er wollte Dich wahrscheinlich bitten, auf der Bühne nicht so zu schreien, weil er eine Prosceniums-Loge hat.«

»Du bist heute unausstehlich.«

»Aber so sag' uns doch nur, was er wollte, Tante, rathen können wir's ja doch im Leben nicht,« bat Henriette.

»Das Kind ist viel vernünftiger als Du,« erwiderte Fräulein Bassini; »nein, Schatz, rathen könnt Ihr's allerdings nicht, aber er kam, um sich nach Augusten zu erkundigen.«

»Nach mir?« rief die Frau.

»Und zu Dir?« sagte Pfeffer.

»Ja, zu mir, Überklug, weil er mich für meine Schwester hielt.«

»Mit der Perrücke?«

»Herr Gott, der Mensch bringt mich noch zur Verzweiflung!«

»Aber so laß sie doch nur einmal erzählen, Fürchtegott.«

»Na, hindere ich sie etwa daran? Aber bringt sie denn etwas Anderes heraus wie Unsinn? Wenn es der kein Souffleur einbläst, wird sie nie fertig!«

»Du hast einmal wieder Deinen liebenswürdigen Tag, das muß wahr sein; aber ich will mich heute nicht ärgern.«

»Was wollte denn der Graf von mir?« sagte die Frau, ungläubig dazu mit dem Kopf schüttelnd.

»Ja, das ist ja eben das Wunderbare,« rief Fräulein Bassini, ganz entzückt, die Trägerin einer solchen Neuigkeit zu sein; »im Auftrag seines Freundes kam er, wie er sagte. Und weißt Du, wer der Freund war? Herr Stelzhammer.«

»Oh, Du mein Gott!« sagte die kranke Frau und wurde todtenbleich.

»Sein Freund?« rief Pfeffer ärgerlich; »das hab' ich mir etwa denken können, und das wird ein sauberer Graf gewesen sein, der Dich besucht hat; vielleicht ein Photo–graf oder ein Tele–graf – ein Freund von dem Lump – na, nun bitt' ich aber zu grüßen – Herr Jesus, was das für ein verrücktes Frauenzimmer ist!«

»Du redest, wie Du es verstehst!« rief Fräulein Bassini gereizt. »Der Stelzhammer ist in Amerika ein großer, reicher Herr geworden, und das Gewissen schlägt ihm jetzt; er hat den Herrn Grafen gebeten, sich hier nach Dir zu erkundigen, wie es Dir geht, was Du machst und ob es Dir an etwas fehlt.«

»Nein, was das für ein sorgsamer Gatte ist,« rief Herr Pfeffer, sich mit der rechten Hand auf sein Knie schlagend, »ist erst achtzehn Jahre abwesend und erkundigt sich wirklich schon einmal, wie es seiner Frau geht!«

»Und sind sie nicht vor Gericht geschieden?« rief Fräulein Bassini, die merkwürdiger Weise nun, da ihr Bruder die Partei nahm, welche sie selber bis jetzt gehalten, auf die entgegengesetzte Seite übersprang. »Ist er denn gesetzlich verpflichtet, sich überhaupt noch um sie zu bekümmern?«

»Jetzt hör' Einer das Frauenzimmer an!« rief Pfeffer entrüstet. »Hat es denn Jemand von ihm verlangt, heh? Hab' ich etwa Deinen Herrn Grafen ersucht, hierher zu kommen? Aber ist ein Mann, wenn er sich auch von seiner Frau scheiden läßt, nicht etwa doch verpflichtet, noch für sie zu sorgen? Oder glaubst Du etwa, daß da jeder Lump herkommen und heirathen, und sich dann wieder scheiden lassen kann und weglaufen darf wie die Sau vom Trog?«

»Du bist und bleibst ein Grobian – und wenn er es nun bereut?«

»Zeit wär's,« brummte Pfeffer; »aber nun erzähle einmal vernünftig, wenn Dir das irgend möglich ist, was der Fremde wollte und weshalb er zu Dir kam.«

»Eigentlich waren es Zwei,« berichtete Fräulein Bassini, »aber aus dem Zweiten bin ich nicht klug geworden; ich glaube, es muß der Kammerdiener gewesen sein. Er hat auch den Mund die ganze Zeit nicht aufgethan – ein kleiner, dicker Mensch mit einer Glatze wie der Tisch groß.«

»Na, so lüg' Du und der Teufel!«

»Und das Andere war ein Graf?« fragte Henriette.

»Was ich Dir sage, Kind, hier habe ich noch seine Karte,« fuhr Fräulein Bassini, in ihrer tiefen Tasche danach suchend, fort; »da, da steht's: Felix Randolph, Graf von Rottack – da steht's gedruckt, und nun wirst Du's doch glauben, Bruder Thomas?«

Pfeffer nahm die Karte, besah sie, schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann auf den Tisch. »Und was wollte er eigentlich?« fragte er hierauf.

»Weiter nichts, als sich nach Augusten erkundigen. Er hätte Auftrag, wie er sagte, von seinem Freunde Stelzhammer in Amerika, hier Nachforschungen anzustellen, und wie er erfuhr, daß ich nur die Schwester wäre – denn es scheint, daß er mich für Auguste hielt –, stand er auf und sagte, er würde selber hierher gehen.«

»Zu uns hierher?« fragte die Frau erschreckt.

»Na, er wird uns auch nicht beißen,« brummte Pfeffer; »neugierig wäre ich aber doch, was der Patron, Dein sauberer Mann, eigentlich will. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er Geld brauchte und uns anpumpen möchte.«

»Aber Onkel!«

»Liebes Kind,« brummte Pfeffer, »es sind schon närrischere Dinge in der Welt vorgekommen, das wäre nicht das Tollste; komisch wär's aber, so viel ist richtig, und ein Hauptspaß dabei, denn dem Grafen wollt' ich heimleuchten!«

»Wie kannst Du nur so reden, Fürchtegott,« bat die Frau, »weißt Du nicht, daß Du mir entsetzlich weh damit thust?«

»Ach was,« sagte der Mann, aber doch jetzt mit mehr Gutmüthigkeit im Ton, »ich weiß wohl, daß Du immer seine Partei genommen hast.«

»Er war auch von Herzen gut,« sagte die Frau, »recht gut und brav, nur entsetzlich leichtsinnig, und wir Beide noch damals so jung; Gott nur weiß, wie schlimm es ihm auch vielleicht in der Welt ergangen ist.«

»Nicht schlimmer, wie er's verdient hat!« polterte Pfeffer heraus. »Aber wann war denn der Graf eigentlich bei Dir, Lise?«

»Ach, vor kaum einer halben Stunde,« rief Fräulein Bassini, »und denke Dir nur, ich war noch gar nicht angezogen; ich hatte den ganzen Morgen studirt und noch keine Toilette gemacht, saß am Clavier und phantasirte ein wenig – auf einmal geht die Thür auf und der Graf guckt herein. Ich dachte, der Schlag sollte mich auf der Stelle rühren.«

»Ein Wunder nur, daß er den Grafen nicht gerührt hat, wenn er Dich im Negligé gesehen!« lachte Pfeffer.

»Aber, Onkel!«

»Dein Negligé ist freilich schöner,« rief Fräulein Bassini, »mit dem Schlafrock, der kleben bleibt, wenn man ihn an die Wand wirft, und Deinem alten, ekelhaften Tabaksgestank! Aber um mich ärgern zu lassen, bin ich nicht hergekommen,« rief sie, von ihrem Stuhl aufstehend; »nur Augusten wollte ich die Nachricht bringen – »mit Dir habe ich weiter nichts zu thun!« – Und wirklich böse gemacht, schoß sie der Thür zu.

»Vergiß das nächste Mal die Schnupftabaksdose nicht!« rief ihr der Bruder nach, und Fräulein Bassini riß, verächtlich den Kopf zurückwerfend, die Thür auf, als sie plötzlich einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix nach außen machte und dann flüsternd, aber deutlich genug in das Zimmer zurückrief:

»Der Graf!«