»Und was nun,« sagte Felix, als sie mitsammen die Straße hinabschritten und Jeremias noch einen scheuen Blick hinter sich warf, als ob er fürchte, daß ihnen diese entsetzliche orangefarbene Dame folgen könne – »wollen wir zu Pfeffers?«
»Herr Graf,« stöhnte der kleine Mann, »ich bin nicht im Stande – ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe in der Viertelstunde da oben bei dem schrecklichen Frauenzimmer, meiner Fräulein Schwägerin, mehr ausgestanden, als ob ich die ganze Zeit über auf einer Folterbank gesessen hätte!«
»Aber wußten Sie denn nichts von dieser Schwester?«
»Ich wußte, daß meine Frau eine Schwester hatte, habe sie aber nie gesehen, denn sie war damals schon lange beim Theater und irgendwo im Preußischen an einer kleinen Bühne engagirt, hatte sich auch nie mit ihrer jüngeren Schwester vertragen können.«
»Und der Bruder?«
»War Komiker an unserem Theater, entzweite sich aber ebenfalls mit meiner damaligen Frau, weil er gegen unsere Heirath gerathen, und hielt keinen Verkehr mit uns.«
»Sie müssen damals ein sauberer Zeisig gewesen sein, Jeremias?«
»Reden wir nicht davon,« sagte der kleine Mann mit einem aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »aber es ist ja nun vorbei und ich brauche doch wenigstens nicht mit einer Schwägerin gestraft zu werden, wenn ich nicht einmal eine Frau habe.«
»Aber was wollen Sie jetzt thun? Jene Dame wird unfehlbar ohne weiteren Zeitverlust zu ihrer kranken Schwester laufen und sie alarmiren.«
»Die wär's im Stande.«
»Darauf können Sie sich fest verlassen,« sagte Felix, »und ich bin überzeugt, daß sie selbst in diesem Augenblick in aller Hast ihre Toilette macht. Was dann?«
»Und wenn ich selber hingehe, jage ich der armen Frau vielleicht den Tod vor Schrecken ein, denn – hübscher bin ich nicht geworden.«
»Hören Sie, Jeremias,« sagte Graf Rottack, nach seiner Uhr sehend, »ich habe etwa noch eine halbe Stunde Zeit und die Sache einmal begonnen. Ich werde allein zu jenem Herrn Pfeffer hinaufgehen und sehen, wie Alles steht.«
»Ach, mein bester, herrlichster Herr Graf, wenn Sie das für mich thun wollten – sehen Sie, schicken Sie mich nachher durch die Hölle, wie den seligen Tamino durch Feuer und Wasser, wohin Sie wollen, ich springe mitten hinein!«
»Aber Alles kann ich doch nicht thun, Jeremias,« sagte Rottack, »ja, im Gegentheil würde meine Gegenwart später nur störend sein – nachher müssen Sie allein gehen.«
»Ja gewiß, mit dem größten Vergnügen!« rief der kleine Mann, dem der Angstschweiß auf der Stirn stand – »erzählen Sie nur vorher die Geschichte; sagen Sie ihr, wie ich geschafft und gearbeitet habe und ein ordentlicher Kerl geworden bin, und bitten Sie, daß sie – nicht mehr böse auf mich ist. und mir wenigstens erlaubt, ihr zu helfen.«
»Sie hatten ein Kind, Jeremias?«
»Ja, ein Mädchen,« sagte dieser kleinlaut.
»Sie wird herangewachsen sein – und kennt den Vater nicht einmal.«
»Lieber, bester Herr Graf, thun Sie mir den einzigen Gefallen und reden Sie nichts weiter, ich verliere sonst das kleine bischen Verstand – es ist wahrhaftig nicht viel, was mir noch übrig geblieben ist – gehen Sie hinauf, ich werde indessen hier unten auf und ab laufen.«
»Aber wo ist denn das Haus?«
»Hier muß es irgendwo sein, dies ist wenigstens die Straße, und – holla, sehen Sie wohl, Sie hatten Recht – da brennt meine orangefarbene Schwägerin eben hinein – ich kenne sie an der Haartour – glücklicher Weise hat sie uns nicht gesehen.«
»Gut, dann will ich ihr wenigstens Zeit lassen, das Eis zu brechen,« lächelte Rottack; »kommen Sie, wir wollen erst noch einmal die Straße hinab und wieder zurück gehen, und nachher besuche ich Ihre Verwandten.«
»Und ich laufe unterdessen hier Spießruthen.«
»Das fällt zu sehr auf. Dort drüben ist ein Bierlocal, gehen Sie da hinein und setzen Sie sich an's Fenster, daß Sie die Thür im Auge behalten.«
»Das ist recht,« sagte Jeremias, mit Allem einverstanden, was ihm nur das erste Bahnbrechen seines schweren Schrittes ersparte, und als sie Fräulein Bassini hinlänglich Zeit gelassen zu haben glaubten, ihre Neuigkeit anzubringen, und zu dem Eingang des Hauses zurückkehrten, trat Graf Rottack seinen nicht eben leichten Gang an. Jeremias aber, dem erlassenen Rath zufolge, postirte sich an das innere Fenster des benachbarten Wirthshauses und trank in Gedanken und Herzensangst ein Glas Bier nach dem andern.
Der junge Graf stieg indessen langsam die Treppe hinauf. Unten im Hause hatte er schon erfahren, daß Herr Pfeffer im zweiten Stock wohne, und wie er dort oben den Vorsaal erreichte, wußte er augenblicklich, wohin er sich zu wenden habe, als er das überraschte Gesicht und die orangefarbene Gestalt der Dame in der freilich gleich wieder zugeschlagenen Thür entdeckte.
Rottack war aber nicht der Mann, um schüchtern eine Einladung abzuwarten. Er ging ohne Weiteres auf die Thür zu, klopfte an und öffnete dieselbe auf das laute, etwas barsche »Herein!« Pfeffer's. Dieser hatte nämlich keine Zeit gehabt, in sein Zimmer zu gehen und den alten Schlafrock auszuziehen, da er vorher erst den Vorsaal hätte passiren müssen, und drückte sich nun, als der Fremde eintrat, vorsichtig an der Wand hin, um diesen Fehler so rasch als möglich zu verbessern. Der Schlafrock war wirklich in gar zu desolaten Umständen.
»Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Pfeffer zu sprechen? Ah, mein Fräulein, ich hatte schon vorher die Ehre...«
»Ja, mein Herr,« sagte Pfeffer, der sich hier keine Blöße geben durfte, »mein Name ist Pfeffer – Fürchtegott Pfeffer.«
»Und Ihre Frau Gemahlin? – Bitte, bleiben Sie liegen, Madame, ich möchte um Alles in der Welt Sie nicht derangiren, und muß so schon um Verzeihung bitten, so ohne Weiteres eingetreten zu sein!«
»Bitte – nein, nicht meine Frau, meine Schwester Auguste – dies meine Schwester Lise – Elise wollt' ich sagen – dort meine Nichte Henriette – mit wem hab' ich die Ehre?«
»Mein Name ist Rottack, und wenn ich mich hier in eine Familienangelegenheit dränge – denn ich darf wohl annehmen, daß Ihnen das Fräulein hier schon die Ursache meines Besuches mitgetheilt hat – so mag mich das entschuldigen, daß ich es in bester Absicht und in der Hoffnung thue, einen günstigen Erfolg für beide Theile zu erzielen.«
»Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Graf?« rief Fräulein Bassini und schritt nach dem Fenster zu, um dort einen leeren Stuhl zu holen.
»Pardon, mein gnädiges Fräulein!« rief Rottack und sprang ihr zuvor, während Pfeffer ein sauer-komisches Gesicht bei dem Worte »gnädiges« zog, den Moment aber auch benutzte, zur Thür hinaus zu fahren – »Sie erlauben mir wohl...«
Er hatte den Stuhl erfaßt, als sein Blick auf die Arbeit Henriettens fiel, die neben ihrem Arbeitstisch in ängstlicher Spannung aufgestanden war.
»Ah, mein liebes Fräulein, wie reizend und geschmackvoll Sie arbeiten! Die Blumen könnten wahrhaftig eben so gut in Paris gemacht sein – der Kranz ist prachtvoll!«
»Sie sind zu gütig, Herr – Graf,« flüsterte Henriette beschämt und tief erröthend – »ich habe sehr rasch daran arbeiten müssen.«
»Wirklich vortrefflich,« fuhr Rottack fort, den Schmuck aufnehmend und gegen das Licht haltend.
»Nicht wahr, Jettchen arbeitet hübsch?« sagte Fräulein Bassini, die ebenfalls zum Tisch getreten war und sich in dem Lobe der Nichte mit geschmeichelt fühlte – »ja, das macht ihr Keine hier nach – und so rasch, Sie glauben es gar nicht!«
»Dürfte ich da Ihre Zeit wohl auch einmal in Anspruch nehmen, mein liebes Fräulein,« sagte der junge Mann, »und Sie um einen Kranz von diesen Veilchen und solchen Maiblumen bitten? Ich weiß, daß ich große Freude damit anrichten würde.«
»Ja, Herr Graf,« sagte in dem Augenblick Pfeffer, der mit einer noch nie entwickelten Schnelligkeit seinen drüben mitten in's Zimmer geschleuderten Schlafrock abgeworfen und den langen braunen Rock angezogen hatte – »aber nur jetzt nicht; das Mädel hat sich schon halb caput zu dem verdammten Ball gearbeitet...«
»Ich werde Sie nicht drängen,« lächelte Rottack, »und wenn ich den Kranz erst in vier oder sechs Wochen bekomme.«
»Sie sollen ihn noch früher haben,« lächelte Henriette freundlich; »nur die nächsten Tage bin ich so sehr beschäftigt.«
»Und was war es nun, Herr Graf, was Sie uns zu sagen wünschten?« platzte Fräulein Bassini heraus, die ihre Ungeduld, das erwartete Geheimniß zu hören, nicht länger bezähmen konnte.
»Sie haben Recht, mein Fräulein,« sagte Rottack ernst. »Herr Pfeffer, ich habe Ihrer Frau Schwester eine wichtige Mittheilung zu machen, was eigentlich unter vier Augen geschehen sollte; da aber die arme Dame leidend ist, so erbitte ich mir Fräulein Henriettens – nicht wahr, das war der Name der jungen Dame? – Fräulein Henriettens Gegenwart dazu aus, da sie ja selber mit interessirt dabei ist.«
»Sehr wohl, Herr Graf,« sagte Pfeffer, der die Andeutung nicht mißverstehen konnte – »na, komm so lange mit zu mir hinüber, Lise.«
»Aber wir gehören doch eigentlich mit zur Familie!« rief Fräulein Bassini, von dem Gedanken empört, daß sie schon wieder nichts erfahren sollte.
»Na, komm nur, Alte,« lachte Pfeffer, »das hilft Dir nichts, ich lasse Dich drüben nicht einmal horchen – aber noch Eins, Herr Graf – bitte, machen Sie's kurz und regen Sie mir die Guste nicht zu sehr auf; sie zittert jetzt schon am ganzen Leibe!«
»Ich habe ihr nichts Trauriges mitzutheilen, mein lieber Herr,« sagte Rottack freundlich – »seien Sie versichert, daß Alles, was ich zu sagen habe, auf die schonendste Weise gesagt werden wird.«
»Bon,« sagte Pfeffer, und Fräulein Bassini – die doch nicht mit Gewalt da bleiben konnte, obgleich sie einmal nicht übel Lust dazu zu haben schien – bei der Hand nehmend, verließ er mit ihr das Zimmer.
»Jettchen!« rief die Frau.
»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Henriette, flog an ihre Seite und kniete vor ihr am Sopha nieder.
»Beruhigen Sie sich, verehrte Frau,« sagte Rottack herzlich, »ich habe Ihnen eine recht gute Mittheilung zu machen. So erfahren Sie denn vor allen Dingen, daß ich Ihre Familienverhältnisse genau kenne und sogar persönlich befreundet mit ihrem geschiedenen Manne bin...«
»Und er lebt?« sagte die Frau zitternd.
»Er lebt,« nickte Rottack freundlich, »und hat nicht allein seine frühere übereilte Handlung tief und aufrichtig bereut, sondern auch Alles gethan, was in seinen Kräften steht, um sie, so weit es irgend möglich ist, wieder gut zu machen.«
»Und so lange Jahre habe ich nichts von ihm gehört – hat er nicht ein einziges Mal nach seinem Kind gefragt?«
»Meine liebe, gute Mutter, rege Dich nur nicht auf!«
»Aber wo ist er?« fragte die Frau – »wird er nie wieder nach Deutschland zurückkommen?«
»Würden Sie ihm verzeihen, wenn er wiederkehrte?«
»Was kann ich ihm verzeihen,« sagte die Frau traurig – »wir waren Beide damals jung und unerfahren, trugen Beide wohl vielleicht gleichviel Schuld – ich – hatte mir nur nie gedacht, daß er mich so ganz vergessen könnte.«
»Und wenn ich Ihnen sage, daß er Sie nicht vergessen, daß er da drüben im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher Mann, daß es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, daß er sich aber keine Mühe verdrießen ließ, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte und nicht allein durch eisernen Fleiß, sondern auch glückliche Speculation und Umsicht ein Vermögen erwarb, mit dem er anständig hier in Deutschland leben könnte?...«
»Und in seinem Glück hat er unserer gedacht?« sagte die Frau leise und faltete wie unwillkürlich die Hände.
»Mehr als das,« fuhr Rottack herzlich fort; »es ließ ihm drüben in Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhängiger Mann wußte, verließ er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurück.«
»Er ist hier?« rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches Antlitz mit den Händen.
»Er ist hier,« sagte Rottack leise, »hier in der Stadt, und hat mich, der ihn drüben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen – ob er sein Kind wiedersehen darf.«
Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die großen, hellen Thränen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schläfen nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.
»Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter?« bat das Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang – »hast Das nicht manche lange Nacht in Thränen zugebracht, daß er fort war, und mir oft gesagt, wie er sich freuen würde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen könnte? – Und dann wird es Dir auch besser gehen,« flüsterte sie ihr leise zu, »Du wirst gesund und kräftig werden und brauchst keine Sorge mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher...«
Die Frau nahm die Hände von den Augen, öffnete ihre Arme, umschloß ihr Kind damit und preßte die Lippen auf ihre heiße Stirn.
»Ja, mein Kind,« sagte sie dabei leise, »er darf wiederkommen – wir haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine mehr, der Andere weniger – aber wir haben uns doch einmal geliebt, und es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.«
»Meine liebe, gute, gute Mutter!«
»Aber nicht heute,« fuhr die Mutter fort, »nicht heute – die Nachricht hat mich doch zu sehr angegriffen – ich würde es vielleicht nicht ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so elend fände – heute nicht, aber morgen früh. Es ist besser so für uns Beide – wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten – nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?«
»Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau,« sagte Rottack, der mit inniger Rührung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte, aber Zartgefühl genug besaß, um kein Wort da hinein zu reden. »Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch versichert, daß Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias ist ein braver, tüchtiger Mann geworden, älter zwar und ziemlich wohlbeleibt – wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung tragen –, aber durchaus brav und ehrlich, und er könnte glücklich sein, wenn ihn die Reue über das Vergangene nicht bis jetzt hätte zu keinem Frieden kommen lassen.«
Henriette hatte, während er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige Dankbarkeit über die guten Worte glänzte dabei in ihren Zügen.
»Und wie sollen wir Ihnen je dafür danken, daß Sie sich fremder, armer Leute mit solcher Liebe und Güte annehmen?« sagte sie herzlich.
»Mir, mein liebes Fräulein, haben Sie gar nicht zu danken,« lächelte Rottack; »es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich um lauter Sachen zu bekümmern, die mich gar nichts angehen, und um so mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog. Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gruß von Ihnen bringen?«
»Oh, einen recht herzlichen!« rief Henriette.
»Er mag kommen,« nickte die Frau, »morgen früh um zehn Uhr – nicht früher – ich will ihn dann erwarten. Grüßen Sie ihn auch von mir, lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die junge Frau, die er verlassen hat, wiedergefunden haben – er soll nicht erschrecken – ich bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.«
»Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mütterchen.«
»Wir wollen's hoffen, Kind,« sagte die Frau leise.
»Und jetzt überlasse ich Sie sich selber,« rief Rottack, »und wenn Sie mir erlauben, komme ich später noch einmal mit Freund Jeremias her, um zu sehen, wie es Ihnen geht, und – um mich nach dem Kranze zu erkundigen, mein liebes Fräulein.«
»Und den Vater?«
»Schicke ich Ihnen morgen früh um zehn Uhr mit dem Glockenschlage.«
Und damit hatte er seinen Hut aufgegriffen und das Zimmer schon verlassen, ehe die Frau noch einmal recht wußte, daß er gegangen war.
Kaum trat er aber unten aus dem Hause auf die Straße, so sah er auch, wie Jeremias am Fenster drin in die Höhe fuhr, und er schritt jetzt, um nicht von oben aus noch vielleicht beobachtet zu werden, rasch die Straße hinab, wo ihn der ihn Erwartende schon leicht einholen konnte.
Dieser kam aber noch nicht so rasch aus dem Haus hinaus. Wie er den jungen Grafen nur aus der Thür kommen sah, von welcher er die ganze Zeit kein Auge verwandt, sprang er in die Höhe, griff seinen Hut auf und wollte, alles Andere vergessend, aus der Thür hinausfahren.
»Holla,« rief da der Kellner, ihm rasch in den Weg springend, »erst bezahlen und dann fortlaufen!«
»Ja so,« sagte Jeremias ganz bestürzt, »das hätte ich beinahe vergessen.«
»Ja wohl, kennen wir schon,« lächelte der unverschämte Bursche – »merkwürdig, was die Leute jetzt beim Jahrmarkt für ein kurzes Gedächtniß – na, aber,« brach er kurz und erstaunt ab, als ihm Jeremias, ohne sich weiter mit ihm aufzuhalten, ein Zehngroschenstück in die Hand drückte, ihn bei Seite schob und aus der Thür schoß – »er wird doch nicht...« – und mißtrauisch sah er sich überall an der Stelle, wo der Fremde gesessen hatte, nach den verschiedenen Gegenständen um, ob er nicht vielleicht »in der Eile« etwas mitgenommen hatte – aber es war noch Alles in Ordnung: das Feuerzeug stand, die Zeitung lag auf dem Tisch, ein Stuhl fehlte auch nicht, Röcke und Hüte hingen dort nicht am Fenster. Der Kellner schüttelte mit dem Kopf, war aber doch vorsichtig genug, das Zehngroschenstück, welches sich ebenfalls als ächt erwies, zu wechseln und nur den wirklich verzehrten Betrag des sonderbaren Fremden an der Kasse abzuliefern.
Jeremias hatte sich indeß kaum losgemacht, als er schon wie ein Wetter hinter dem davoneilenden Rottack herschoß.
»Waren Sie oben?«
»Allerdings – kommen Sie erst mit um diese Ecke, Jeremias, daß wir vom Hause aus nicht mehr gesehen werden können – so, jetzt dürfen wir langsam gehen. Ich war oben, Freund, und habe Ihre Frau – und Tochter gesprochen.«
»Meine Tochter!« seufzte der kleine Mann aus tiefster Brust – »wie – wie merkwürdig das klingt – meine Tochter – und darf ich hinauf?«
»Ja – aber nicht heute.«
»Gott sei Dank!« stöhnte Jeremias, dem damit ein ordentlicher Stein von der Brust fiel – »heute hätte ich's auch nicht ausgehalten, die Aufregung war zu groß. Aber wie sah sie aus, lieber, bester Herr Graf?«
»Recht leidend, Jeremias, recht krank und elend, wozu auch vielleicht die Erregung des Augenblicks mit beigetragen hat. Aber sie freute sich darauf, Sie wiederzusehen.«
»Sie freute sich?«
»Ja, und Ihre Tochter ist ein liebes, herziges Kind, das heißt, kein Kind mehr, sondern ein großes, erwachsenes, hübsches Mädchen.«
»Ein hübsches,« sagte Jeremias kleinlaut.
»Ja, gewiß,« lächelte Rottack, »und außerordentlich geschickt im Blumenmachen, womit sie sich ernährt zu haben scheint. In ihrem Zimmer sah es dabei so nett und sauber aus, wie in einem Puppenstübchen, ärmlich zwar, aber deshalb nicht minder freundlich.«
»Und morgen?«
»Punkt zehn Uhr morgen früh sind Sie oben – ich habe ihnen das versprochen, denn ich kann bei der Sache nun nichts weiter thun, und um zwei oder drei Uhr kommen Sie dann bei mir vor und sagen mir Antwort, wie Alles abgelaufen.«
»Ach, Du lieber Gott,« seufzte Jeremias, »wenn es doch erst zwei oder drei Uhr wäre, und – was ich noch gleich fragen wollte, die orangefarbene Schwägerin war auch da?«
»Ja, aber ich schickte sie aus dem Zimmer.«
»Und was sagte Pfeffer?«
»Herr Pfeffer scheint ein komischer Kauz zu sein, aber ich glaube, daß Sie sich mit ihm vertragen werden – und nun Ade, Jeremias, ich habe selber zu Hause zu thun und schon zu viel Zeit hier versäumt.«
»Lieber Herr Graf, wenn Sie einmal in ähnliche Verlegenheit...«
»Ich hoffe nicht, Jeremias,« lachte der Graf Rottack laut auf, »wenn aber, so sollen Sie mein Vermittler sein, das verspreche ich Ihnen,« und dem kleinen Mann die Hand zum Abschied reichend, schritt er rasch die Straße hinab.
Jeremias folgte der andern Richtung, um in das Hotel zurückzukehren, wo er augenblicklich wohnte, als ihm plötzlich Jemand in die Ohren schrie:
»Nun, haben Sie die Dame gefunden?«
»Hurrjeh,« sagte der kleine Mann zusammenfahrend, »haben Sie mich erschreckt – ja so, Sie sind der Herr von heute Morgen mit dem Ballanzuge.«
»Ja,« schrie der Mann wieder – »haben Sie die Dame getroffen?«
»Allerdings, mein lieber Herr,« sagte Jeremias schüchtern, denn die Leute blieben schon stehen, weil sie glaubten, daß sich dort ein paar zankten, »aber ich muß Ihnen bemerken, daß ich gar nicht taub bin; ich höre vortrefflich, Sie brauchen deshalb nicht so laut zu reden.«
»Thu' ich auch nicht Ihretwegen,« schrie der Mann wieder, »sondern meinetwegen!«
»Ihretwegen?«
»Nein, meinetwegen!« brüllte der entsetzliche Mensch jetzt ordentlich – »ich bin der Souffleur beim hiesigen Theater!«
»Na, das nehmen Sie mir aber nicht übel,« sagte Jeremias – »wenn Sie da auch so schreien...«
»Das ist ja eben der Teufel,« rief der Mann wieder – »wenn man den ganzen Tag Probe und Abends Aufführung hat und nun in einem fort flüstern und zischeln muß, dann thut's Einem nachher um so wohler, wenn man einmal ordentlich schreien darf! Ich kriegte eine Gemüthskrankheit, wenn ich mich über Tag nicht manchmal ausschreien könnte!«
»So,« sagte Jeremias, »also deshalb?«
»Wo gehen Sie denn hin? – können vielleicht ein Glas Bier zusammen trinken.«
»Danke Ihnen sehr!« rief Jeremias, von der Idee erschreckt, seinen Nachmittag mit dem Schreier zuzubringen – »ich bin augenblicklich gerade beschäftigt.«
»So?« schrie der Mann wieder – »na, dann – leben Sie recht wohl!« und mit den Worten nickte er ihm zu und trat in das nächste Eckhaus, das auf einem Schilde draußen »Baierisch Bier« versprach.
An dem Nachmittag war es recht still im Monford'schen Park. Graf und Gräfin hatten eine Einladung in die Stadt angenommen, der sich Paula durch vorgeschützte Kopfschmerzen entzog, und Georg ritt schon gleich nach dem Diner auf ein benachbartes Gut – angeblich um ein dort neugekauftes Pferd zu sehen, in Wirklichkeit aber, um die Mitwirkung des ihm befreundeten Gutsherrn zu der theatralischen Vorstellung am Verlobungsabend zu erbitten.
Die Verlobung war nämlich fest bestimmt worden. Paula hatte allerdings noch, selbst an dem Morgen, einen Versuch gemacht, die Eltern wenigstens um Aufschub eines so entscheidenden Schrittes zu bitten, aber umsonst. Die Mutter – heute finsterer und unnahbarer als je – hatte sie kurz abgewiesen, und der Vater sie einfach gefragt, welchen Grund sie für einen solchen Aufschub angeben könne, und sie dann nicht gewagt, Handor's Namen zu nennen. Wußte sie doch auch nur zu gut, mit welcher Entrüstung, mit welchem Zorn nur die Andeutung eines solchen Eidams von den stolzen Eltern zurückgewiesen worden wäre. Ließen ja doch Beide die Ansprüche des Herzens nicht gelten, wo die Ehre ihrer Familie, wie sie meinten, auf dem Spiele stand.
Nicht einmal ein Bürgerlicher hätte wagen dürfen, um die Hand der reichsten Grafentochter des Landes zu werben, viel weniger denn ein Schauspieler, die der Graf selber – so wenig er sich sonst auch dem Fortschritt der Zeit verschlossen zeigte – noch immer als eine untergeordnete Menschenklasse betrachtete, so daß es sogar damals Schwierigkeiten gehabt hatte, seine Erlaubniß zu erhalten, wirkliche Schauspieler zu den Proben ihres kleinen Liebhabertheaters heranzuziehen. An den betreffenden Abenden durften sie aber nie eingeladen werden.
Paula war recht unglücklich und erwartete unter Zittern und Bangen den Abend; wußte sie doch schon im Voraus, in welcher Verzweiflung ihr Rudolph sein würde – und was konnte sie ihm sagen, wie ihn trösten.
Draußen im Park schaffte und arbeitete der alte Gärtner Jonas, der als Knabe, ja, fast als Kind in den Dienst des Vaters der Gräfin gekommen und dann später mit ihr hierher übergesiedelt war. Er galt als eine Art von altem Inventar im Hause, und so stolz die Gräfin selber auch nur die geringste Unterhaltung mit ihren Dienstboten vermied, mit dem alten Jonas plauderte sie oft, wenn sie in den Park kam und ihn bei seiner Arbeit traf, fragte ihn, wie es ihm ginge und was er treibe, und gab ihm auch wohl manchmal ein Stück Geld, um sich eine Extragüte daran zu thun. Der alte Mann hing deshalb auch mit großer Liebe und Verehrung an ihr.
Jonas war heute beschäftigt, die aufgeblühten Blumentrauben von den verschiedenen Büschen und Rosensträuchen abzuschneiden und die Wege unmittelbar um das Schloß herum wieder auszurechen, denn die Aufsicht im Park selber hatte sein Untergebener, ein Gärtnerbursche. Wie er noch daran war, kam der Förster Mäder, die Flinte auf dem Rücken, die kurze Pfeife im Mund, mitten durch die Büsche heraufgestiegen und sah sich hier, ehe er den Alten bemerkte, überall in den Wegen selber aufmerksam um. Aber da war schon jede, sonst vielleicht mögliche Spur durch den Rechen des alten Mannes verwischt und ausgeglichen worden, und der Förster zerbiß einen Fluch über seiner Pfeifenspitze. Eben wollte er sich auch wenden und den Weg hinuntergehen, als er den Alten entdeckte, der mit seiner kurzen Leiter oben in einem Busche emsig beschäftigt war.
»Heh, Jonas,« redete er diesen an, »Ihr kriecht doch manchmal noch nach Dunkelwerden im Park herum, habt Ihr denn nie etwas bemerkt, daß sich hier noch Gesindel nach der Zeit in den Büschen aufhielt?«
»Guten Abend, Herr Förster!« nickte ihm der Alte zu; »ja, ein recht schöner Abend heute.«
»Tauber Esel!« brummte der Förster ergrimmt in den Bart, denn er schien eben nicht besonders guter Laune, und wiederholte dann die Frage mit lauter, fast schreiender Stimme, wobei er dicht unter die Leiter trat.
Der Alte schüttelte mit dem Kopf. »Nein, mein guter Herr Förster,« sagte er ruhig, »Gesindel darf hier schon gar nicht in den Park hinein, die wollten wir bald wieder hinaus haben. Der Einzige, der manchmal noch Abends, wenn ich hier durch ging, herumkroch, war der alte Fritz, welcher nach seinen Fallen sah.«
»Ja, das ist gerade der Rechte.«
»Ja, der hatte das Recht dazu,« nickte der alte Gärtner, »und weiter weiß ich Niemand. Dem hat es aber der Herr Graf auch heute verboten, wie er mir mitgetheilt, ehe er fortfuhr. Er soll nach Sonnenuntergang nicht mehr auf herrschaftliche Grundstücke, was den Maulwürfen wahrscheinlich sehr angenehm sein wird; wie es nachher aber den Wiesen ergeht, ist eine andere Sache.«
»Das ist aber gerade der Lump, der mir meine Fasanen wegfängt!« rief der Förster.
Der alte Mann schüttelte mit dem Kopf.
»Nein,« sagte er, »die Fasanen thun den Wiesen nichts; im Gegentheil fangen sie die Grashüpfer weg und sind auch sonst artige Thiere.«
»Herr Gott von Danzig,« fluchte der Forstmann still vor sich hin, »ob das nicht gerade genug ist, um den Verstand zu verlieren!« – Und um sich nur nicht länger zu ärgern, fuhr er wieder zurück in das Gebüsch und schritt an dem Bergabhang hin der Wiese zu.
Der Förster hatte in der That heute einen ganz ingrimmigen Zorn, und auch vielleicht mit Recht, denn er konnte es sich nicht verhehlen, daß auf seinem Revier gewildert wurde, und war doch auch nicht im Stande, den Frevler zu erwischen, so viel Mühe er sich deshalb schon gegeben.
Er wohnte freilich auch dazu entsetzlich unbequem, denn die eigentliche Jagd des Grafen, ein großes, sehr bedeutendes Waldgehege, stieß nicht einmal an die Stadt, sondern begann erst an dem nächsten Dorf, dessen Gemarkung allerdings an die Stadtflur grenzte. Dort befand sich ein sehr bedeutender Rehstand und ein Thiergarten mit Roth- und Damwild. Nur eine kleine Fasanerie war unmittelbar am Schloß in einem Kieferndickicht angelegt, und die Fasanen machten dem Förster mehr Mühe und Arbeit, als sein ganzer übriger Wildstand zusammen; denn der Fasan ist ein zutraulich dummer Vogel, der leicht dem vierbeinigen wie zweibeinigen Raubzeug zum Opfer fällt.
Heute aber hatte er wieder einmal ganz unleugbare Beweise gefunden, daß ihm irgend Jemand mußte einen Besuch bei den Fasanen abgestattet haben; denn nicht allein daß er schon seit einiger Zeit bedenklich viel Federn in dem kleinen Dickicht gefunden, wo sie hauptsächlich Abends aufbäumten, nein, heute traf er sogar einen augenscheinlich kranken Isabellenhahn, der nicht mehr fort konnte und den ihm sein Hund apportirte, und als er ihn untersuchte, hatte er eine große Fischangel im Körper sitzen, an der noch ein abgerissenes Stück Bindfaden befestigt war.
Wenn er sich nun auch vergebens den Kopf zerbrach, wie um Gottes willen Jemand Fasanen mit der Angelruthe fangen könnte, so blieb es doch keinem Zweifel unterworfen, daß irgend ein nichtsnutziger Geselle hier die Hand im Spiel habe. – Und nun gerade einen Isabellenhahn, von denen der Graf nur drei Stück um theures Geld gekauft und die ihm selber auf die Seele gebunden waren, weil die Frau Gräfin sie so gern hatte! Aber was, um's Himmels willen, ließ sich bei der Sache thun?
Er suchte allerdings das ganze Gehölz auf das Sorgfältigste ab, ob er nicht irgend etwas finden könne, was ihm einen Anhalt geben mochte – denn daß der nichtswürdige Maulwurfsfänger dazwischen stecke, glaubte er sicher –, aber umsonst. War der es gewesen, so fing er die Sache auch überhaupt viel zu schlau an, um sich so leicht zu verrathen, und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als von jetzt an seine Wachsamkeit zu verdoppeln und doch vielleicht einmal den Frevler auf frischer That zu ertappen. – »Aber nachher freu' Dich!« dachte er bei sich und ballte dazu in Gedanken die Faust nach der Wiese zu, auf welcher der Mann gewöhnlich wirthschaftete und wo er ihn auch noch vor kaum einer Stunde gesehen hatte.
Den Weg herüber vom Schlosse kam Paula, langsam und das liebe, sonst so fröhliche Antlitz in recht ernste, schmerzliche Falten gelegt. Sie betrat die kleine Terrasse, ohne den alten Gärtner, der noch immer da oben in seinem Busche steckte, nur zu sehen, und schritt auf die niedere Mauer zu, als dessen freundliches: »Gott grüße Sie, gnädige Comtesse!« sie ordentlich zusammenfahren machte.
»Ach, Jonas, wie habt Ihr mich erschreckt!« sagte sie lächelnd. »Was macht Ihr denn da oben?«
»Ja, ich bin gleich fertig, gnädige Comtesse,« sagte der Alte, freundlich sein Mützchen dabei rückend; »das Übrige mag bis morgen bleiben, denn ich muß auch noch die Blumenstöcke am Schlosse nachsehen und die abgeblühten fortnehmen.«
Dabei stieg er von seiner Leiter herunter und hob sich diese auf die Schulter, um nach vorn zu gehen; aber er blieb doch noch einmal neben der jungen Dame stehen, für die er all' die Zärtlichkeit empfand, welche nur ein alter Diener eines Hauses für ein Kind empfinden kann, das unter seinen Augen aufgewachsen ist.
»Und wie geht es sonst, Jonas?« fragte Paula freundlich.
»Ach ja, zu thun giebt's immer, gnädige Comtesse,« nickte ihr der alte Mann lächelnd zu; »in einem so großen Garten reißt's nicht ab das ganze Jahr lang Winter und Sommer.«
»Aber ich dächte, mit dem Gehör ging es recht schlecht, Jonas,« sagte Paula, indem sie sich dicht zu seinem Ohr bog und sehr laut sprach.
»Ach nein, gnädige Comtesse,« lächelte der alte Mann, mit dem Kopf schüttelnd; »ich habe mich vorher mit dem Förster eine ganze Weile unterhalten und jedes Wort verstanden; es macht sich doch noch immer. Freilich, so gut ist's nicht mehr, wie früher. Aber mit Ihnen geht's desto besser. Lieber Gott, wenn ich dran denke, wie Sie hier an der nämlichen Stelle manchmal um mich her im Sand herumkrochen und mit dem großen Neufundländer Hund spielten, den der gnädige Herr Graf damals hatte – armer Tyras, dort drüben unter dem Goldregenbusch haben wir ihn begraben! Ja, wie die Zeit vergeht, und jetzt sind Sie so groß und hübsch herangewachsen und eine vornehme Dame geworden; aber ich sehe Sie immer noch, was Sie für ein liebes, herziges Kindchen waren, mit den langen, blonden Locken, und manches gesegnete Mal hab' ich Sie auf den Armen gehabt und bin dann hier mit Ihnen um den alten Thurm herumgaloppirt.«
»Mein alter, guter Jonas!« sagte Paula gerührt; »ja, ich weiß mich selber noch recht gut auf Tyras zu besinnen.«
»Na,« lachte der alte Mann, »die gnädige Frau Mama hatte es freilich manchmal nicht gern, wenn wir zu sehr mitsammen tollten, aber dann hat sie doch auch wieder darüber gelacht.«
Paula sah wohl, daß mit dem alten Mann kein Gespräch mehr zu führen war, mochte ihm aber auch nicht weh thun, nickte ihm freundlich zu und schritt dann zu der Mauer, an der sie stehen blieb und sinnend nach der Stadt hinuntersah. Nur manchmal drehte sie sich nach dem Alten um, der noch immer mit seinem Handwerksgeräth herumwirthschaftete, bis er die Leiter endlich wieder schulterte und mit einem: »Na, Gott behüt' Sie, gnädige Comtesse!« den Kiesweg hinabschritt.
Kaum war er fort, als sie wieder ein kleines Zettelchen aus ihrer Tasche nahm, dasselbe zusammenfaltete, sich vorsichtig noch einmal überall umschaute, und es dann an dieselbe Stelle schob, von der sie heute Morgen das rosafarbene Papier genommen. Dann schritt sie langsam wieder und recht schwer aufseufzend in das Haus zurück.
Der Nachmittag verging so, der Abend dämmerte und um das Haus im Park begannen die Vögel sich zu ihrer Nachtruhe vorzubereiten. Die Amsel, welche den ganzen Tag geschwiegen und mit eisernem Fleiße Futter für sich und die junge Brut zusammengesucht, begann ihr reizendes, melodisches Lied, das sie noch, wie ein Nachtgebet, schmetternd von der höchsten Spitze eines Blüthenbusches hinausjubelte. Hier und da zwitscherte ein Rothkehlchen, um die Gefährtin herbeizurufen und mit ihr gemeinsam den geschützten Platz in irgend einem Gesträuch aufzusuchen, wo sie Nachts nicht von einer gefräßigen und lichtscheuen Eule gefunden werden konnten. Jetzt flatterte ein großer, schwerer Vogel, es war ein Fasanenhahn, der sich in einen der jungen Bäume hinaufschwang und dann mit thörichtem Spectakel, Schreien und Glucksen der Nachbarschaft verkündete, daß er glücklich oben angekommen wäre, und wo er die Nacht schlafen würde. Er hörte auch nicht eher mit Lärmmachen auf, bis er sich ordentlich zurecht gerückt und seine Federn gehörig aufgeblustert hatte.
Dann kam ein anderer und noch ein anderer, wie es dunkler wurde, und die Fledermäuse fingen schon an, ihre Zickzacklinien zu ziehen, während noch hoch in der Luft, und in dem dämmernden Abend selbst unsichtbar, ein Volk Krähen mit lautem Gekreisch nach ihrem Ruheplatz, zu dem fichtenbesetzten Bergabhange hinüberstrich.
Dann wurde es still, ganz still. Nur die Grillen zirpten noch in den Bäumen und unten vom Schloßteiche herauf tönte das monotone, schläfrige Quaken der Frösche. Drüben am östlichen Himmel aber hob sich voll und majestätisch die rothglühende Mondscheibe herauf, und während sich unten im Thal der Nebel sammelte, goß sie hier oben, als sie höher stieg, voll und klar ihr mildes Licht über die Höhen.
Aber anderes Leben regte sich.
Den Kiesweg herauf, der durch den Park führt, trabte ein Reiter. Es war der junge Graf George, welcher von seinem Besuch zurückkehrte, sein Pferd dem herzuspringenden Stallknecht übergab und dann hinauf in sein Zimmer ging.
Zu gleicher Zeit belebte sich auch der Platz am alten Thurm. Zuerst schüttelte sich in geheimnißvoller Weise einer der Wipfel junger Bäume, die dicht an der Mauer standen; dann wurde über dieser ein vorsichtig gehobener Kopf sichtbar, der aber viele Minuten lang aufmerksam in seiner Stellung verharrte und in dem Schatten der dichten Wipfel auch kaum, selbst von der Terrasse aus, hätte erkannt werden können. Erst als Alles ruhig blieb, regte sich die Gestalt auf's Neue, und der Maulwurfsfänger – dem der Graf so ernstlich den Besuch des Grundstücks nach Dunkelwerden verboten hatte – kroch vorsichtig über die niedere Mauer und sprang auf den Rasenrand nieder, der die Büsche umschloß, damit in dem aufgerechten Kiesweg seine Fußstapfen nicht sichtbar wurden.
Irgend etwas Nichtsnutziges hatte der alte Bursche im Werk, das war sicher, er hätte sonst nicht so scheu den dunkelsten Schatten der Bäume gesucht und jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, um nicht entdeckt zu werden. So düster der kleine, baumumschlossene Platz hier auch lag, er hielt sich nicht lange dort auf, horchte noch einmal, ob Alles sicher war, und tauchte dann in das dichte Strauchwerk einer kleinen Tujagruppe ein, das sich wie eine Mauer wieder hinter ihm schloß.
Und es war die höchste Zeit gewesen, daß er sich entfernt hatte, denn kaum konnte er den Platz fünf Minuten verlassen haben, als auf dem kleinen Pfad, der hier vom Park heraufführte, ein anderer scheuer Besuch heranschlich, der eben so vorsichtig, wie der ihm vorausgegangene, nach allen Seiten horchte und dann langsam den kleinen Hügel erstieg, auf welchem der alte Thurm lag.
Der jetzige Besuch trug einen dunkeln Mantel und eine ebensolche Mütze, und blieb, als er den obern Raum erreichte, vorsichtig stehen und horchte wieder; aber nichts regte sich, todtenstill lag der Platz, und nur rechts im Dickicht – er drehte erschreckt den Kopf danach um – flatterte ein kleiner Vogel und strich, aufgeschreckt von seinem Ruheplatze, ängstlich zwitschernd über die Hügelgruppe und in das nächste Dickicht hinein.
Handor – denn niemand Anders war der späte und heimliche Besuch – dachte aber nicht daran, daß irgend eine Ursache das kleine Thier erschreckt haben mußte, und daß das möglicher Weise ein Mensch sein könne, dem er hier gerade nicht gern begegnet wäre. Er fühlte sich vollkommen beruhigt, als er sah, daß die Ursache des Geräusches nur ein kleiner, unschuldiger Vogel gewesen. Am Wartthurm war Niemand, und als er sich überzeugt hatte, glitt er zu der nämlichen Stelle der Mauer, wo Paula an jenem Nachmittag erst das kleine Zettelchen verborgen hatte. Das fand er auch und öffnete es, aber es war nicht möglich, bei dem ungewissen Schein des Mondes die noch dazu auf dunkles Papier geschriebenen feinen Schriftzüge zu lesen; er schob den Zettel deshalb in die Tasche, hüllte sich wieder in seinen Mantel und trat dann, um seine Zeit abzuwarten, halb in das nämliche Tujagebüsch hinein, in welchem vorher der Maulwurfsfänger verschwunden war. Aber doch nicht so weit, daß er den freien Platz hier oben nicht vollständig hätte übersehen können, während er beim Nahen irgend einer Gefahr im Stande war, in dem Dickicht zu verschwinden.
So mochte er etwa eine Viertelstunde regungslos, und dem geringsten Geräusch horchend, gestanden haben, als er plötzlich einen großen Vogel weiter drin im Dickicht und etwas mehr den Hang hinunter flattern und mit den Flügeln schlagen hörte. Er horchte hoch auf; das dauerte aber kaum zehn oder zwölf Secunden, dann war wieder Alles todtenstill.
»Was nur mit den verdammten Vögeln heut Abend ist!« flüsterte Handor leise und ärgerlich vor sich hin; »mich können sie doch wahrhaftig nicht gehört haben.«
Aber ihm blieb auch keine lange Zeit, darauf zu achten, denn im Knirschen des Kieses hörte er einen leichten Schritt und erkannte gleich darauf eine dunkle Gestalt, die rasch und scheu den Weg heraufkam. Jetzt fiel das Mondlicht auf sie – es war Paula, und im nächsten Augenblick hielt er die Geliebte in den Armen.
Mit süßen Schmeichelworten wollte er sie begrüßen; aber Paula hatte in diesem Moment nur Thränen, denn Angst und Aufregung, die ihre Nerven zum Äußersten gespannt, übertäubten bei diesem ersten Begegnen jedes andere Gefühl.
»Mein liebes Mädchen,« flüsterte Handor, »beruhige Dich doch, ich bin ja bei Dir, ich halte Dich ja wieder einmal in den Armen! – Was ist Dir denn nur, Deine ganze Gestalt zittert ja wie Espenlaub.«
»Die Angst, entdeckt zu werden, Rudolph,« bat das arme Mädchen; »oh, zürne mir nicht, aber nur mit schwerem Herzen wagte ich den Schritt – nur gezwungen von der Gewalt der Eltern, die mich ihren Standesvorurtheilen opfern wollen.«
»So ist das Furchtbare wahr?«
»Leider ja – morgen in acht Tagen soll ich dem jungen Grafen Bolten verlobt werden; ich habe gebeten und gefleht – umsonst, Vater und Mutter haben kein Erbarmen gegen ihr Kind, und mit Gewalt soll ich zum Altar geschleppt werden!«
»Das dürfen sie nicht, Herz,« rief Handor, »das ist gegen die Gesetze des Landes, und wenn Du Dich weigerst...«
»Aber wie darf ich, wie kann ich denn?« klagte das arme Mädchen. »Bin ich denn im Stande, ihnen zu sagen, daß ich Dich, nur Dich liebe und nie einem andern Manne meine Hand reichen, ihn mit einem schon vergebenen Herzen betrügen würde?«
»Meine Paula...!«
»Ich wage es nicht,« fuhr die Grafentochter fort; »ich kenne meinen Vater, kenne meine stolze Mutter, die mir schon den Gedanken, die Bitte nicht vergeben würden!«
»So flieh mit mir, Geliebte!« drängte Handor. »Was hält Dich hier, wo Du selber keine Hoffnung hast, einer gehaßten und verabscheuten Verbindung zu entgehen, ja, wo eine Aussicht eines öden, trostlosen Lebens vor Dir liegt? Oh, ich weiß,« fuhr er traurig fort, »daß ich Dir das nicht bieten kann, was in den Armen jenes Grafen Deiner wartet – kein stattliches Schloß, keine blendende Equipage, keinen Dienertroß; aber was die Liebe Dir zu bieten vermag, womit die Kunst Dich erfreuen kann, Paula, das ist Dir gewiß, und Deine Eltern – es müßten ja keine Menschen sein, wenn sie dem eigenen Kind entsagen, die einzig Tochter auf ewige Zeiten von sich stoßen würden. Dein Vater wird wüthen, ja, er wird uns verfolgen lassen, um Dich mir mit Gewalt zu entreißen; aber fürchte nichts: in meinem Schutze bist Du sicher, und hat der erste Ärger über einen zerstörten Plan sich ausgetobt, ist der erste Mißmuth vorüber, getäuschter Hoffnung wegen – er gerade am wenigsten wird grausam sein. Denke Dir dann, Herz,« fuhr er fort, während sie sich ängstlich und zitternd an ihn schmiegte, »denke Dir jene selige Zeit, wenn ich, mit Deinen Eltern versöhnt, Dich ihnen wieder zuführen kann, wenn wir vereint zu ihren Füßen liegen und ihr Segen dann die Bande heiligt, die uns des Himmels Seligkeit schon auf Erden gegeben haben!«
»Mein Rudolph, mein Rudolph, oh, wie glücklich, wie namenlos glücklich würde mich Dein Besitz machen!« rief das junge, leidenschaftliche Mädchen. »Ich kann ja nicht ohne Dich leben – Gott nur weiß es, Tag und Nacht sind meine Gedanken bei Dir, und wenn ich mir jetzt denke, daß ich von Deiner Seite gerissen, daß ich einem Manne überliefert werden soll, den ich nicht lieben kann, so liegt mein künftiges Leben kalt und dunkel vor mir wie eine ewige, endlose Winternacht!«
»Meine Paula!« rief Handor und preßte sie fest an sich; aber im nächsten Moment horchte er auch rasch und erschreckt empor. Drinnen im Busch flatterte wieder ein Vogel, aber jetzt weiter entfernt als vorhin, und es war ihm fast, als ob er den Schritt eines Menschen auf dem Kiesboden gehört hätte.
»Komm,« flüsterte er leise und zog die Erschreckte mit sich in das Dickicht hinein, »das Mondlicht ist hier viel zu hell; ein Verrätherauge könnte wachen.«
»Ich darf nicht so lange fortbleiben, wenn ich vermißt werde...«
»Komm nur jetzt; mir war, als ob ich etwas hörte.« Und er zog die nur halb Widerstrebende in den Schutz der Tujas, die ihnen Sicherheit und Deckung boten.
Handor hatte sich übrigens dieses Mal nicht geirrt, denn allerdings kreuzte gerade in diesem Augenblick ein Mann mit einem Gewehr auf dem Rücken den Kiesweg, der dicht unter dem Hügel wegführte. Es war der Förster, der schon seit Dunkelwerden im Park herumkroch und, nachdem er all' die entlegenen Stellen desselben vorsichtig abgesucht, um seinem Fasanendiebe auf die Spur zu kommen, jetzt auch dicht am Schlosse die Hölzer abspüren wollte: denn nirgend anders hatte er etwas Verdächtiges gefunden, während der heutige Abend wie gemacht zu einem derartigen Wilddiebstahl war.
Ein Fasanendieb konnte nämlich im Dunkeln gar nichts ausrichten, und selbst bei Mondschein war, wenn er nicht recht hell, wie gerade heut Abend, schien, die Sache schwierig, da die belaubten Bäume noch zu viel Schatten warfen. Daß aber trotzdem ein schlauer Dieb den Versuch, und zwar nicht erfolglos, gemacht, davon hatte er ja selber die Beweise im Holze – eine Anzahl von Federn und den kranken, mit einem Fischhaken gerissenen Fasanenhahn – gefunden, und der Gesell, welcher da einmal glücklich durchgekommen, würde diesen Abend kaum versäumt haben, um sein Diebeshandwerk fortzusetzen.
Gerade jetzt kreuzte er deshalb, im Schatten der Baumgruppen über die Wiese kommend, den Kiesweg. Es war ihm fast, als ob er ein Geräusch gehört hätte, und er zog sich nun unter dem Wartthurmhügel hin dem Gebüsche zu, wo ebenfalls jede Nacht einige zwanzig Fasanen besonders in einer kleinen Birkenlichtung aufbäumten und dort allerdings einiger Gefahr ausgesetzt waren.
Aber nichts wurde laut; wohl eine halbe Stunde stand er regungslos auf seinem Posten. Da plötzlich – ordentlich erschreckt zuckte er empor – hörte er das krampfhafte Flattern eines Fasans, das nämliche, was Handor schon zweimal vorher erschreckt hatte, ohne daß dieser freilich wußte, was es bedeute. Der alte Förster kannte den Laut aber viel zu gut, um auch nur einen Moment darüber in Zweifel zu sein.
Fast unwillkürlich fuhr er mit dem Gewehr in die Höhe; aber er wußte auch recht gut, daß ihm das für den Augenblick nichts helfen konnte. Noch einmal horchte er – der Vogel flatterte noch – jetzt wußte er genau die Richtung, und eine kurze Strecke auf dem Rasen hinspringend, wo sein Schritt geräuschlos verhallte, tauchte er gleich darauf in das die Anlage umgebende und nicht sehr dichte Buschwerk, genau der Richtung zu, wo die Birken standen. – –
Der alte Maulwurfsfänger hatte indessen kaum das Dickicht erreicht, als er auch den Hang, wo er jeden Fuß breit des Terrains kannte, vorsichtig hinunterschlich und der Stelle zuhielt, an der, wie er recht gut wußte, die Fasanen Nachts aufbäumten. Trotzdem trug er keine Waffe, mit der man hätte glauben sollen, daß er ihnen gefährlich werden konnte – nichts, als seinen alten Eichenstock. Überdies wußte er ja auch recht gut, daß er in solcher Nähe vom Schloß keinen Schuß wagen durfte, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, unmittelbar darauf von den Schloßleuten umstellt und gefangen zu werden.
Der alte Bursche wußte aber besseren Bescheid und war, allem Anschein nach, nicht zum ersten Mal auf einem solchen Fang.
Mit der größten Umsicht und Ruhe schlich er langsam vorwärts, bis er den lichteren Platz jenes kleinen Birkenwäldchens, etwas dürrer Boden mit Haidegrund, der weiter nichts Anderes hervorbrachte, erreichte, und hier spionirte er dann so lange herum und suchte die Mondesscheibe hinter die Bäume zu bekommen, bis er den Platz erreichte, wo die Fasanen standen. Aber auch das half ihm anfangs nichts, denn die ersten, welche er traf, waren zu hoch aufgebäumt, als daß er sie hätte erreichen können. Doch nicht alle schienen so vorsichtig gewesen zu sein. Nicht lange, so traf er einen dick aufgeblusterten Hahn, der, den Kopf unter die Flügel gesteckt, fest auf seinem Aste schlief und nicht einmal sein Nahen bemerkt haben konnte.
Der alte Maulwurfsfänger störte ihn auch nicht; leise kroch er zehn oder zwanzig Schritt zurück, bis unter einen dunkeln Busch, und begann hier seine Vorbereitungen.
Erst schraubte er seine Stockzwinge ab und steckte diese, damit sie ihm nicht verloren ginge, in die Westentasche; dann zog er die Angelruthe heraus und befestigte oben an der Spitze derselben einen mächtigen Angelhaken, wie sie bei den kleinen Fischen des innern Landes nie gebraucht werden. Diesen Haken band er so an die Ruthe, daß die Spitze mit dem Widerhaken nach unten zeigte, und als er dieselbe fest und sicher angeschnürt, daß sie ihm nicht wieder abriß, wie neulich einmal mit einem feisten, prächtigen Hahn, hob er sich langsam empor und glitt völlig geräuschlos zu dem Stamm des Baumes, auf dem seine Beute stand.
Ein ungeübtes Auge würde aber in dem belaubten Baum kaum im Stande gewesen sein, den Platz genau zu bestimmen, wo sich das Wild befand; der alte Bursche wußte das besser, und nachdem er nur ein paar Mal mit dem Kopf unter dem Baume hin und her gefahren, hielt er plötzlich still, brachte seine Ruthe vorsichtig in die Höhe und ließ die Angel langsam und geräuschlos an dem Stamm selber hinaufgleiten.
Der Fasan schlief fest; alle Bewegungen waren auch so vollständig geschickt ausgeführt, daß er kaum etwas davon merken konnte, da die Gestalt des Mannes unter dem Baume mit dem gleichfarbigen Untergrund zu einer ununterscheidbaren Masse zusammenschmolz. Jetzt aber hatte der Haken, ohne daß der Maulwurfsfänger von unten das Hinderniß bemerken konnte, gegen einen kleinen, trockenen Zweig gestoßen, und rasch und erschreckt richtete sich der Hahn mit einem leise gluckenden Laut empor.
Der Alte unter dem Baum rührte sich nicht. Wie an den Stamm gewachsen stand er da; nur seine rechte Hand dirigirte vorsichtig den Haken um das Hinderniß herum. Unten am Stocke hatte er sich dabei vorsichtiger Weise ein Zeichen gemacht, nach welcher Seite hin die Biegung des Hakens selber saß; jetzt mußte er damit über dem Hahn sein, und mit einem plötzlichen Ruck riß er den Stock zurück und den unglücklichen Fasan damit von seinem sicher geglaubten Stand herunter.
Dieser schlug allerdings aus Leibeskräften mit den Flügeln, aber nicht lange. Im Nu hatte ihn der Wilddieb gefaßt und ihm auch eben so rasch den Hals abgedreht, wonach er ihn in seine jetzt völlig leere Jagdtasche steckte und sich erst vorsichtiger Weise, ehe er auf neue Beute ausging, unter den nächsten Busch drückte, um abzuwarten, ob das nun einmal nicht zu vermeidende Geräusch nicht doch am Ende unberufene Zeugen herbeigelockt hätte.
Aber nichts ließ sich hören; der Wald war so still, wie je, und nur hier und da in den Bäumen regten sich die benachbarten Fasanen, die durch den Todeskampf des Kameraden munter geworden waren und von da und dort ein leises Glucksen hören ließen.
Jetzt glitt er wieder wie ein Schatten vor. Die schlanke Gestalt des Mannes kroch gebückt und schleichend über das durch den Nachtthau feucht gewordene Laub dahin, bis er unter den rege gewordenen Vögeln eine neue Beute ersehen hatte.
Was schadete es auch, daß sie munter geworden waren! Der Fasan streicht nach Dunkelwerden nur mit großem Widerwillen von seinem einmal eingenommenen Stande ab, weil er recht gut weiß, wie schwer es ihm wird, bei Nacht einen andern Platz zu finden, und sobald der Wilddieb nur die Vorsicht beobachtete, seinen Stock langsam und von dem Stamm wo möglich gedeckt in die Höhe zu bringen, hatte es mit dem Fange keine Schwierigkeit.
Auch den zweiten hatte er sich so gesichert, und wie er ihn herunterbrachte, entdeckte er dicht daneben auf einem ganz niedern Ast einen dritten.
Trotzdem wartete der Maulwurfsfänger wieder eine ganze Weile im Dickicht seine Zeit ab, ehe er sich auf's Neue in das lichtere Holz hineinwagte; wußte er doch recht gut, daß ihn der alte Förster schon lange in Verdacht hatte, und daß der eben so gut die Zeit kannte, in welcher er seinem Fang nachzugehen pflegte.
Eigentlich hatte er sich vorgenommen gehabt, an dem Abend mit zwei Hähnen zufrieden zu sein; der dritte Hahn saß aber zu verlockend da, fast auf dem untersten Ast der Birke, er hätte ihn beinahe mit der Hand erreichen können; so günstige Gelegenheit fand er nicht wieder, und wenn er einen Monat danach gegangen wäre. Nach einer guten Weile erhob er sich deshalb wieder und kroch langsam gegen den Baum vor; der alberne Vogel hatte den Kopf wieder eingesteckt, und bis dicht unter ihn kam er, ehe er durch das doch nicht zu vermeidende Geräusch geweckt wurde und rasch emporfuhr – aber das half ihm nichts mehr. Der verhängnißvolle Haken saß ihm dicht über dem Kragen, der Wilddieb zog an, und der gefangene Fasan stürzte von seinem Ast herunter.
So tief aber hatte er gesessen, daß der untere Theil des Stockes, als ihn der Maulwurfsfänger zurückriß, gegen den Boden stieß und der Fasan dadurch von dem Haken loskam. Ehe er aber die Flügel ordentlich gebrauchen konnte, war der Wilddieb schon mit einem Satz auf ihm, faßte ihn am Halse, drehte ihm den Kopf herum und schob ihn dann schnell in den alten Ranzen zu den übrigen. – Aber erschreckt fuhr er empor – das waren rasch springende Schritte im Laub. Noch einmal horchte er. War es vielleicht ein aufgescheuchtes Stück Damwild, das sich hier in der Nachbarschaft niedergethan und nun den Platz floh? Nein, die Schritte gehörten keinem Stück Wild, und seinen Stock aufgreifend, floh der Dieb, so rasch er konnte, dem schützenden Dickicht zu.
»Halt, Schuft! Canaille – hab' ich Dich – steh' oder ich schieße!« schrie eine Stimme, die der Maulwurfsfänger nur zu gut kannte, denn es war die seines alten Freundes, des Försters. Wenn dieser aber geglaubt hatte, ihn damit wirklich zum Stehen zu bringen, so irrte er sich, denn der alte schlaue Gesell dachte an nichts weniger. Befand er sich doch auch unmittelbar vor dem Dickicht, das ihm seinen Rückzug vollständig decken konnte! Unter dem Schatten der Bäume war überhaupt kein sicherer Schuß möglich, und ohne deshalb auch nur einen Moment zu versäumen, floh er auf den nächsten dicken Busch zu und sprang dort gerade hinein, als der alte Jäger sein Gewehr an die Backe riß.
Freilich wußte dieser, daß er einen Menschen eines solchen Vergehens halber nicht gleich todtschießen durfte, und zielte deshalb tief, um ihn in die Beine zu treffen; aber das Korn seiner Flinte konnte er überdies nicht sehen, ja, die ganze Gestalt des Flüchtigen glitt nur wie ein Schatten über den dunkeln Boden, und ehe er zum Abdrücken kommen konnte, war der Verbrecher in dem Busch verschwunden.
Aber darum war er noch nicht entwischt, denn gerade dorthin, wohin er floh, schloß die nach unten ziemlich hoch abfallende Mauer den Park ein. Dort hinüber konnte er nicht, des Försters Meinung nach; dann aber blieb ihm kein anderer Weg, als dicht unter dem kleinen Wartthurmhügel, unmittelbar am Schloß vorbei, und wenn er dort die Leute alarmirte, gelang es vielleicht doch noch, ihn zu erwischen.
Mit dem Gedanken feuerte er sein Gewehr in die Luft ab, schrie: »Halt ihn, halt ihn auf! Dieb! Dieb!« und lief dann, so rasch ihn seine Füße trugen, etwas mehr links zurück, wo er das größte Dickicht umging und dem Flüchtigen, sobald er auf offenes Terrain hinauskam, den Weg abschneiden konnte. Ließ er sich aber davon zurückschrecken und blieb im Dickicht, so nahm er all' die Bedienten und Leute im Schloß zusammen, umstellte mit ihnen das Dickicht und hatte ihn nachher sicher.
Der Schuß und das Schreien war allerdings im Schloß gehört worden, hatte aber auch noch andere Leute alarmirt.
»Rudolph, um aller Heiligen willen, wir sind verrathen!« flüsterte Paula, indem sie sich aus des Geliebten Armen wand. »Oh, Du mein großer Gott!«
»Noch nicht, mein Herz,« rief Handor, der wohl auch erschreckt emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, daß der weit in den Büschen drin abgefeuerte Schuß ihm gegolten habe. – »Flieh' – das ist etwas Anderes – Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen kann; fort – dort hinüber in den Busch – wir dürfen nicht zusammen gesehen werden – ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurück, den ich gekommen bin.«
Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwärts thun konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Büsche – aber nur eine dunkle Gestalt ließ sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor, der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, daß er wenigstens hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu – aber von da hatten sie nichts zu fürchten. Der Bursche, welcher selber auf der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien da einen Moment zu zögern – aber es war auch nur ein Moment, denn im nächsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden jungen Baumes und hinter der Mauer, während der Wipfel des Stammes, an dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.
»Jetzt fort,« flüsterte Handor, der natürlich glaubte, daß eine Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden könne, wo er ihn zuletzt gesehen; »rasch hier gerad' aus durch die niederen Büsche zum Schloß, ich halte mich links – fürchte nichts, mein süßes Leben!« – Und noch einen flüchtigen Kuß auf ihre Lippen drückend, schob er sie freundlich drängend über den Kiesweg hinüber, während er selber, wie er sie nur von dem dunkeln Schatten der Büsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa folgen könnten.
Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand heranspringenden alten Förster in den Weg, der plötzlich, wie ein Tiger auf seine Beute, auf ihn zustürzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die Backe riß und mit lauter, donnernder Stimme schrie:
»Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, daß Du in sechs Wochen keinen Schritt thun kannst!«
»Um Gottes willen, schießen Sie nicht, lieber Freund!« rief Handor, der allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber keinen Moment verlor. Er mußte den Mann auch hier aufhalten, desto sicherer konnte Paula das Schloß wieder erreichen.
»Wenn Du stehen bleibst, nein,« rief der alte Mann, der jetzt ganz bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; »aber bei der geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spaße nicht! Heh, hallo!« schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie mußten ihn von hier aus – wo im Sommer im Schloß alle Fenster offen standen – hören können. »Hierher! holla, holla!«
»Und wären Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier festhalten und einen so greulichen Spectakel machen?« fragte Handor ruhig.
»Heh, hallo! Hui, heh!« schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer Antwort zu würdigen, und vom Schloß aus antworteten jetzt einzelne Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schuß und den ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thür.
Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben darüber hin in ihr Zimmer flüchten, als sie oben ihren Bruder an seinem Fenster bemerkte, während unten in der Gartenthür der Koch mit seiner weißen Schürze und Mütze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr deshalb nichts übrig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten, die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren. Blieb sie aber länger hier, so mußte sie entdeckt werden, wenn man sie nicht überhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie thun konnte, war, daß sie sich selber zeigte.
Als ob sie dort gestanden hätte, trat sie jetzt vor in das volle Licht des Mondes hinein und rief zu ihrem Bruder hinauf:
»Was ist das für ein Lärm, George?«
»Bist Du das, Paula?« rief dieser zurück. »Warte, ich komme gleich hinunter.« – Und er verschwand vom Fenster. Wenige Secunden später stand er auch schon neben ihr mit seiner Flinte in der Hand. – »Was machst Du denn noch so spät hier unten im Garten, Schatz?«
»Mein Kopf schmerzt mich zum Zerspringen. Was bedeutet der Lärm?«
»Gott weiß es; geh in's Haus, Kind, ich werde selber nachsehen,« rief der junge Mann und sprang jetzt, von ein paar Bedienten gefolgt, der Richtung zu, in der der alte Förster noch immer sein Heh, holla! lustig in die stille Nacht hinausschrie.
»Alle Wetter,« lachte George, als er ihm, sein eigenes Gewehr im Anschlag, nahe kam, »was giebt es denn hier? Wer ist das?«
»Ich, Herr Graf,« rief der Förster, der ihn schon an der Stimme erkannt hatte; »ich habe den verfluchten Fasanendieb erwischt!«
»In der That? Also der Herr hier? Wer bist Du, mein Bursche?« rief der junge Graf, indem die Bedienten um den Gefangenen herumtraten, der allerdings keine Hoffnung mehr hatte, zu entkommen, aber auch nicht die geringste Neigung zu einem Fluchtversuch zeigte. Dabei trat George dicht an den Gefangenen hinan und erkannte überrascht das im Mondlicht lächelnd ihm zugekehrte Gesicht des Fremden. »Handor!« rief er ganz erstaunt aus.
»Also Sie kennen ihn auch noch?« sagte der Förster, der jetzt den Hahn seiner Flinte in Ruhe setzte. »Das ist ein sauberer Patron!«
»Sie entschuldigen, Herr Graf,« lächelte Handor mit der größten Ruhe, »daß ich Ihnen hier etwas sehr öffentlich als Fasanendieb vorgestellt werde! Weshalb der gute Mann da Verdacht auf mich hat, weiß ich nicht recht, denn ich pflege mich gewöhnlich nur dann mit Fasanen zu beschäftigen, wenn ich sie gebraten in der Schüssel finde.«
»Aber wie, um Gottes willen, kommen Sie hier Nachts in den Park?« fragte George.
»Nur, um Sie zu sprechen,« sagte Handor. »Ich wußte nicht,« fügte er leise, sich zu dem jungen Grafen überbiegend, hinzu, »ob die Überraschung des Verlobungsabends auch vielleicht auf Ihre Eltern ausgedehnt war, und da ich Ihnen darüber Bericht erstatten wollte...«
»Aber, mein lieber Handor, das ist wirklich zu freundlich von Ihnen! Bester Förster, der Herr ist kein Fasanendieb, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«
»Kein Fasanendieb?« rief der Förster ordentlich erschreckt. »Und habe ich denn nicht, nachdem ich vorher den ganzen Abend im Busch herumgekrochen und hier auf der Lauer gelegen, den Fasan flattern hören und, wie ich zusprang, den Dieb weg und in den Busch hinein flüchten sehen?«
»Diesen Herrn?«
»Ja, wie Viele sollen sich denn hier Nachts herumtreiben? Über die Mauer konnt' er nicht, und als ich hier vorsprang, kam er gerade den Weg herunter und wollte am Schlosse vorbei und durchbrennen.«
»Das nun gerade nicht,« lächelte Handor, der sich jetzt vollkommen sicher fühlte; »über die Mauer habe ich allerdings Jemanden springen oder doch an einem der Bäume hinabklettern sehen, einige Minuten später oder vielmehr unmittelbar danach, als ich in den gewundenen Gängen den Weg verfehlte und auf eine Art von Terrasse kam, auf der ein alter Thurm steht.«
»Ah, dort – also da ist Ihnen Ihr Vogel doch entflogen, Förster,« lachte George. »Und nun, Handor,« rief er, indem er den jungen Mann unter den Arm faßte und mit sich fort führte, »erzählen Sie mir, was Sie haben und ob wir's rechtzeitig zu Stande bringen. Kommen Sie einen Augenblick hier im Weg mit auf und ab, denn zum Schloß kann ich Sie jetzt nicht führen, meine Schwester war eben noch auf der Terrasse.«
Damit gingen die jungen Leute, ohne sich weiter um den Förster zu bekümmern, den Weg entlang und Handor berichtete jetzt, daß er ein reizendes Lustspiel gefunden habe, welches sich leicht würde besetzen lassen. Er hätte es gleich mitbringen wollen, aber auf seinem Tisch zu Hause liegen lassen, werde es jedoch morgen in aller Frühe herausschicken.
»Haben sie denn wieder Fasanen gestohlen, Förster?« fragte einer der Diener, als die beiden Herren den Rücken wandten, den Alten. Dieser antwortete aber nicht. Mit einem lästerlichen Fluch warf er sein Gewehr auf den Rücken und kehrte, sich umdrehend, nach der Stelle zurück, wo er den Wilddieb zuerst gesehen hatte, um dort noch nach Spuren zu suchen und Beweise für seine spätere Anklage zu finden.
Handor und George gingen wohl noch eine Viertelstunde im Park auf und ab, um das Nöthige über Proben und Eintheilung zu besprechen; dann kehrte der Erstere auf dem breiten Fahrweg in die Stadt zurück.
Als George wieder in's Schloß kam und nach Paula fragte, berichtete das Kammermädchen, die Comtesse habe sich in ihr Zimmer zurückgezogen und sei zu Bett gegangen.