12.
Das Wiedersehen.

Das war eine schwere Nacht für Jeremias gewesen, eine ruhelosere wenigstens, wie er seit langen, langen Jahren gehabt, und rastlos warf er sich auf seinem Lager umher, bis sich der Himmel schon wieder im Osten zu färben begann und er jetzt erst in einen kurzen, traumgequälten Schlaf fiel. Aber sonderbarer Weise hatte der Traum nicht die mindeste Beziehung auf das, was ihn den ganzen Tag beschäftigt und seine Seele erfüllt hatte. – Er war wieder in Brasilien und Nordamerika, und alle fatalen Lagen, in denen er sich je in seinem Leben befunden, spiegelten sich ihm mit tollen, verzerrten Bildern vor seinem innern Geiste ab, bis er endlich mit einem lauten Aufschrei in seinem Bette emporfuhr und dadurch den armen Hausknecht, der gerade gekommen war, um seine Kleider zum Reinigen abzuholen, bis zum Tod erschreckte.

»Herr Du meine Güte,« sagte der Mann, indem er ordentlich zusammenfuhr, »was schreien Sie denn nur so; es thut Ihnen ja Niemand 'was – nur die Kleider will ich auskloppen!«

»Guten Morgen!« sagte Jeremias, der sich verdutzt und noch immer halb im Schlaf umsah – »wie viel Uhr ist's denn?«

»Sieben Uhr vorbei – Sie haben wohl geträumt?«

»Ja, ein bischen,« gestand Jeremias, der sich jetzt vor dem Hausknecht schämte und nur verstohlen unter sein Kopfkissen griff, ob seine Brieftasche noch da wäre. Dann legte er sich wieder auf die andere Seite, als ob er noch einmal schlafen wolle. Aber er schlief nicht mehr; jetzt wäre es ihm nicht möglich gewesen, und um acht Uhr stand er auf, trank seinen Kaffee und lief dann mit schnellen Schritten in seinem etwas langen, aber schmalen Zimmer auf und ab.

So schnell er aber auch lief, so langsam verging ihm trotzdem die Zeit; hundertmal sah er nach der Uhr und hielt diese dann an's Ohr, weil er glaubte, sie müsse stehen geblieben sein, so wenig wollte der Zeiger von der Stelle.

Endlich, endlich war es halb zehn Uhr und er begann sich anzukleiden, was ihm aber auch nicht viel Minuten wegnahm, und noch fehlten zehn Minuten an der bestimmten Zeit, als er schon in Sicht des Hauses war, dem er aber noch nicht zu nahen wagte.

Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner Schwester fertig angezogen, denn er mußte wieder hinüber in die Probe.

Die Kranke fühlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast überirdischen Glanz verliehen.

»Höre 'mal, Guste,« sagte Pfeffer, während er sie kopfschüttelnd betrachtete, »Du gefällst mir heute gar nicht, und wenn ich wüßte, daß der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch kränker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber noch ein klein bischen da draußen auf dem Gang und schmiß ihn dann, wenn er sich oben blicken ließe, einfach die Treppe hinunter – steil genug ist sie.«

»Mir ist viel besser heute, Fürchtegott,« sagte lächelnd die Frau; »ich sehe nur ein bischen angegriffen aus.«

»Das weiß Gott!« brummte Pfeffer – »und wenn ich nur eigentlich wüßte, was er wollte? Geschieden seid Ihr und müßt geschieden bleiben...«

»Und kannst Du es ihm verdenken, daß er Sehnsucht nach seinem Kinde hat?«

»Hm,« knurrte ihr Bruder ärgerlich in den Bart, »hat dann verdammt lange Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!«

»Fürchtegott...«

»Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab – ich muß in die Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel lieber wär's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal hätte auf den Zahn fühlen dürfen – Windbeutel der – Herr Gott, jetzt ist's schon in drei Minuten Zehn, und ich fange an... – na also, halt' Dich tapfer, Alte,« sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte – »reg' Dich nicht zu sehr auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele – na, das wird ein bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, daß ich nicht dabei zu sein brauche,« – und seinen Hut aufstülpend, verließ er rasch das Zimmer.

Unten auf der Straße ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte vorn in den zugeknöpften Rock gesteckt, rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ältlichen Herrn begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal stehen blieb und an den Häusern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.

Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mißtrauisch über die Brille an. War das etwa der Schwager – so dicht am Hause und unmittelbar vor zehn Uhr?

Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie sich gegenseitig noch einmal um.

Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thür vorbei. Pfeffer hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen Moment Zeit mehr zu verlieren, um darüber nachzudenken, eben schlug es vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets außerordentlich pünktlich war, haßte er nichts so sehr auf der Welt – außer einem schlechten Glas Bier – als Strafe wegen Versäumnis zu zahlen.

Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser hatte ebenfalls einen starken Verdacht, daß der Herr, der ihn so aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wußte, als ihm augenblicklich angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei – richtig, er sah sich nach ihm um – immer noch ein Stück die Straße hinab, bis jener um die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurück. Es schlug gerade zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen, den er ersehnt und gefürchtet, Jahre lang – und auf den Hacken drehte er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.

Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach Stufe rasch empor, ja, er zählte die Stufen, während er sie betrat, vergaß aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz erreichte, mußte er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei das Herz schlug – er hätte es nicht für möglich gehalten, daß es im Leben so klopfen könnte. Aber was half es – er war angemeldet, die Zeit verstrichen, und je länger er hier zögerte... – die Zähne zusammenbeißend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben. Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehört. Jetzt stand er an der Thür und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in der Stirn, als ob sie ihr zähes Gewebe zersprengen wollten – es mußte sein.

»Herein!«

Langsam öffnete er die Thür – mitten im Zimmer stand bleich und zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha saß eine ernste und doch freundliche Frauengestalt – er sah aber ihre Umrisse nur, die düster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrändern zusammenflossen.

Er trat in's Zimmer und drückte die Thür wieder hinter sich in's Schloß, und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.

»Und bist Du das wirklich, Jeremias – bist Du wirklich endlich zurückgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen?« sagte die Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.

Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden nieder; mit beiden Händen deckte er sein Gesicht, und Thränen, heiße, brennende Thränen quollen ihm aus den Augen.

Aber da hielt sich Henriette nicht länger. –

»Vater!« rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn – »Vater, lieber, lieber Vater! oh, daß ich den Namen endlich gefunden habe – nun darfst Du nicht wieder fort von uns – nie, nie, darfst die Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!«

Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hände von den Augen, und sein Kind umfassend und an sich drückend, schluchzte er unter Thränen: »Jettchen, Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?«

»Mein lieber Vater – und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick gefreut! Komm zur Mutter!« und ihn leise führend, zog sie ihn zum Sopha, wo die Frau, ihre Augen von Thränen überströmend, saß – aber es waren Freudenthränen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.

Jetzt hatte er die Stelle erreicht – sehen konnte er kaum, denn wie ein Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen, aber er fühlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber recht wußte, wie ihm geschehen, saß er auf dem Sopha neben der Gattin, die ihr Haupt wie müde an seine Brust lehnte und leise weinte.

»Meine gute, gute Auguste – und kannst Du wirklich dem schlechten Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen, und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?«

»Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!«

»Das weiß Gott, das weiß Gott!« stöhnte der kleine Mann, indem er zum ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen – »recht viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen Begriff von dem, was zum Leben gehörte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld sühnen.«

Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen und Wiedergewonnenen, und Jeremias küßte ihre Stirn, und rascher als je rollten ihm die Thränen über die Wangen nieder.

Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefühlseindrücken lange gutwillig hingegeben hätte. Thränen – er wußte sich der Zeit nicht zu erinnern, daß ihm eine Thräne in's Auge gekommen wäre, und jetzt weinte er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie faßte er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich entschieden die Augen ab und sagte:

»Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend zurückdenke, wo ich dem Kind den letzten Kuß gab – aber nein, das ist jetzt vorbei, das ist überstanden! Ich bin wieder bei Euch – ich war damals ein schlechter – nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun, als das wieder gut zu machen, so viel es nämlich in meinen Kräften steht...«

»Mein lieber Vater...«

»Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind?« rief Jeremias gerührt. »Guter Gott, es ist so lange her, daß ich mich kaum noch erinnern kann, es hätte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!«

»Jeremias...«

»Ja, Auguste, Du!« sagte er herzlich – »und das einzige Wesen, das mich wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!«

»Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?«

»Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen – sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut für mich, und erst draußen mußte ich's einsehen, mußte ich's fühlen lernen, draußen unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stießen! Liebe – wer hat da draußen Liebe zu einem Andern!«

»Armer Vater!«

»Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: »armer Vater«, denn nicht allein, daß mir's so schlecht ging, daß ich Hunger und Noth zu leiden hatte – das geschah mir recht, und manchmal hätte ich mich ordentlich darüber freuen können, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, daß ich schlecht an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Möglichkeit sah, daß ich das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen könnte, wurde es besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden Reïs gespart und zurückgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen wohl, da wurde ich wieder froh und glücklich, und jetzt – Gott sei ewig Lob und Dank! – jetzt ist auch das überstanden, und Ihr sollt nun keine Noth mehr leiden!«

»Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias,« sagte die Mutter freundlich.

»Doch, Auguste, doch!« rief Jeremias, indem er noch einmal seine Augen abwischte und sich dann im Zimmer umsah – »ich seh' es an Allem – kümmerlich habt Ihr Euch bis jetzt behelfen müssen – und der Tisch da drüben? Wovon hat denn das Kind da so blasse Wangen und so rothe Ränder um die Augen?«

»Vom Weinen, Vater – vor lauter Freudenthränen, daß wir Dich wieder haben!«

»Und ich glaub's doch nicht – Graf Rottack hat mir's schon erzählt, und wenn ich mir auch nichts merken ließ, wollt' es mir doch fast das Herz abdrücken!«

»Es ist nicht so schlimm,« lächelte Henriette, »arbeiten muß ein Jeder, und ich möchte gar nicht ohne Arbeit leben.«

»Gott lohn' es Dir, was Du an Deiner Mutter gethan hast, Kind – und er wird's auch, er wird's auch – hab' jetzt guten Muth, und wenn Euch der junge Jeremias auch davongelaufen ist, so hat er Euch doch jetzt den alten hergeschickt, daß der die Geschichte wieder in Ordnung bringt. – Aber jetzt müssen wir auch die übrige Familie herbeiholen. Wo steckt denn der Schwager?«

»Onkel hatte um zehn Uhr Probe, Vater, und ging kurz vorher weg, ehe Du kamst.«

»Ob ich es mir nicht beinahe gedacht habe,« nickte Jeremias vor sich hin – »darum guckte er mich so an! Den hätt' ich aber nicht wiedergekannt...«

»Hast Du ihn gesehen, Jeremias?«

»Ich glaube ja, unten am Hause – und wann kehrt er zurück?«

»Er kann nicht lange bleiben; es ist nur Probe von einem einactigen Lustspiele. Er wird bald wiederkommen.«

Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet, und ein eigenes, wehes Gefühl zuckte ihm durch's Herz, als er in die bleichen, abgehärmten Züge schaute, auf denen ihn das augenblickliche Roth der Erregung nicht täuschen konnte. – »Aber, Auguste,« sagte er leise, »Du bist wirklich krank – was fehlt Dir nur? Hast Du keinen Arzt?«

»Ja Jeremias,« nickte lächelnd die Frau, »ich habe einen Arzt, aber er kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefühl, daß Du uns doch nicht ganz vergessen hattest und daß ich, wenn ich einmal von hier scheide, das arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurücklasse.«

»Meine Mutter...«

»Laß, mein Kind – wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und an dem Onkel hättest Du ja auch wohl eine Stütze gehabt; es wird jetzt gewiß wieder besser gehen.«

»Du bist recht krank, Auguste...«

Die Frau schüttelte lächelnd mit dem Kopf. – »Lange nicht so krank, als Du denkst. Aber nun erzähle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, daß wir neugierig sind, das zu hören.«

Jeremias fühlte recht gut, daß sie seine Aufmerksamkeit nur von sich selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in deren Augen wieder Thränen standen; aber wenn sie es selber wünschte, mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrängte Übersicht seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief manchmal ein Lächeln auf die Züge von Frau und Tochter. Je weiter er aber darin kam, desto wärmer wurde er selber, und wie er erst von der Zeit erzählen konnte, wo sich seine Umstände besserten, wo er anfing, Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde näher rücken sah, in der er zu den Seinen zurückkehren konnte, da glühte sein dickes, gutmüthiges Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzählen, was er verdient hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, »Hand über Hand«, wie er sich ausdrückte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzählen war, ging plötzlich die Thür auf und Pfeffer stand auf der Schwelle.

»Ob ich mir's denn nicht gedacht habe,« sagte er, mit dem Kopf nickend – »also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz häuslich niedergelassen...«

»Herzonkel!« rief Henriette und flog auf ihn zu – »ach, wir sind so glücklich, daß er wieder da ist!«

»Ih, seh'n Sie einmal an,« meinte Pfeffer, indem er über Henriettens Schulter wegzusehen suchte, »also eine glückliche Familie – auch eine komische Manier, eine Familie glücklich zu...«

Er kam nicht weiter. Henriette hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt und ließ ihn nichts mehr sagen, und Jeremias war aufgestanden, ging auf den Mann zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte er gutmüthig:

»Schwager – Schwager Pfeffer, wollen wir nicht auch Freunde werden?«

Fürchtegott Pfeffer legte vorsichtiger Weise seine beiden Hände auf den Rücken, und als ihn Henriette losließ, betrachtete er sich aufmerksam von Kopf bis zu Füßen seinen neuen Schwager und seine Schwester, die, wohl bleich und angegriffen, aber doch mit einem lange vermißten Zug von Glück in ihren milden Zügen auf dem Sopha saß.

»Und sehen Sie da, Herr Stelzhammer, was Sie angerichtet?« sagte er endlich.

»Schwager Pfeffer, gieb mir Deine Hand,« drängte Jeremias.

»Sehen Sie, wie es hier anderen Leuten gegangen, während Sie sich ganz vergnügt in Brasilien und bei der Königin Pomare und Gott weiß wo sonst noch herumgetrieben haben?« fuhr Pfeffer unerbittlich fort.

»Bester Schwager Pfeffer – Bruder – Onkel!« baten jetzt aber Alle miteinander – »gieb ihm die Hand – sei gut mit ihm – er hat ja versprochen, daß er uns Alle lieb haben will!«

»Das dank' ihm der Deubel!« brummte Pfeffer, immer noch in seiner alten Stellung – »und jetzt will er hier bleiben?«

»Er geht nicht wieder fort, Schwager,« sagte Jeremias, »er ist herzensfroh, daß er wieder da ist, und will auch, so weit das nur irgend angeht, gut machen, was er früher einmal schlecht gemacht hat – es thut ihm in der Seele weh!«

»Thut's ihm – so?« sagte Pfeffer – »und das geschieht ihm recht; verdient hätt' er 'was Anderes; aber da die Guste heute wieder einmal ein glückliches Gesicht macht, was ihr in langen, langen Jahren nicht vorgekommen, so... na, da ist meine Hand auch, Jeremias, und – sei willkommen in Deutschland.«

»Schwager Pfeffer!« rief Jeremias gerührt, indem er die Hand nahm und herzlich drückte, dann aber seine Gefühle nicht mehr bewältigen konnte und den Mann beim Kopfe faßte und herzhaft abküßte, was sich Pfeffer mit einer wahrhaft stoischen Ruhe gefallen ließ. Wie er aber glauben mochte, daß es nun genug sei, sagte er:

»So – und nun setz' Dich hin und betrag' Dich vernünftig – weiß es Gott, jetzt flennt der auch – na, da will ich nur hinübergehen und meine Wasserstiefeln anziehen.«

»Du darfst nicht fort, Onkelchen!« rief Henriette, rasch seinen Arm fassend – »Du mußt jetzt bei uns bleiben, und Deine Wasserstiefeln brauchst Du auch nicht – siehst Du, es ist Alles wieder trocken!«

»Hm – na da meinetwegen,« brummte Pfeffer, der sich noch immer nicht ganz behaglich zu fühlen schien, denn das Neue der Situation gefiel ihm nicht – »drüben ist's freilich gemüthlicher, und bei einer Pfeife... – rauchst Du, Jeremias?«

»Ja gewiß, Schwager!«

»Das ist wenigstens vernünftig – bespricht sich so Manches doch besser, was – wir gerade miteinander zu besprechen haben.«

»Heute dürft Ihr auch hier rauchen,« sagte die Frau freundlich; »die Brust ist mir heute viel leichter.«

»Na, das wollen wir doch nicht gleich am ersten Tag einführen,« sagte ihr Bruder, »daß wir Dir hier das Zimmer vollqualmen; der Mensch ist ja kein Schornstein, und... – aber, Jeremias, Jeremias!« rief er plötzlich, indem er seinen neuen Schwager oder vielmehr alten Schwager betrachtete und sich dabei bedenklich hinter dem rechten Ohr kratzte – »Junge, Junge, wo sind Deine Haare geblieben? Du hast Dir ja in dem Brasilien eine Staatsglatze stehen lassen!«

»Ja, mein bester Pfeffer...«

»Alle Wetter,« rief dieser rasch, »Warst Du denn schon gestern bei der Lise drüben – mit dem Grafen?«

»Bei der Lise?«

»Nun, bei meiner andern Schwester, der Bassini.«

»Ja, allerdings,« lächelte Jeremias verlegen – »wir glaubten... – aber wo willst Du hin, Jettchen?«

»In die Küche, Vater, und das Essen besorgen – Du bleibst doch bei uns?«

»Na, er soll wohl in's Wirthshaus gehen?« rief Pfeffer.

»Ja – wenn Ihr mich haben wollt...«

»Haben wollt – Unsinn – aber die wird Augen machen, wenn sie kommt und Dich hier sieht! Das war die Glatze, die wie eine Tischplatte groß sein sollte!«

»Aber wo ist die Elise?« fragte die Frau lächelnd – »es wundert mich, daß sie noch nicht da ist...«

»Lauter Unsinn hat sie heute auf der Probe geschwatzt,« lachte Pfeffer, »den ganzen Schädel hatte sie voll vom neuen Schwager, und mich nannte sie sogar ein paar Mal Jeremias. Jetzt muß sie ihre Scene noch einmal durchprobiren, denn so wär's heut Abend eine Heidenwirthschaft geworden – aber noch Eins, da Jettchen gerade draußen ist – mit dem Rebe hat's wieder was' gesetzt!«

»Mit dem Rebe?« sagte die Frau bestürzt.

»Rebe? – Wer ist das?«

»Hm,« brummte Pfeffer, »ein vierter und fünfter Liebhaber, der aus lauter Leidenschaft zur Kunst, weil er auf der Bühne keine Liebhaberin bekommen kann und immer abfährt, unserem Jettchen Schrullen in den Kopf gesetzt hat.«

»Dem Jettchen?«

Pfeffer nickte und summte leise ein Lied vor sich hin.

»Der Rebe,« sagte die Frau, »ist ein braver, anständiger Mensch und ordentlicher Leute Kind, aber blutarm und dabei Feuer und Flamme für's Theater.«

»Hat er denn Talent?«

»Ih nu,« meinte Pfeffer, »so ganz ungeschickt stellt er sich gerade nicht an, und manchmal macht er seine Sache gar nicht so schlecht – verderben thut er wenigstens nie etwas; aber was will das sagen? Eine große Rolle können sie ihm nicht anvertrauen und thun es nicht – Handor spielt sie auch alle allein, – und wenn er's im Leben nicht weiter bringen kann als zu einem so unglückseligen Fach, so hätte er zehntausendmal lieber Schuster oder Schneider werden sollen!«

»Und Jettchen hat ihn gern?«

»Ich fürchte ja,« nickte die Frau, »sie – spricht nicht darüber.«

»Das ist gerade das Schlimmste!« rief Pfeffer – »wenn sie viel davon erzählte, wär's nicht so arg; aber so hockt sie Tag und Nacht an dem verdammten Blumentisch und grübelt und denkt und seufzt, und nachher frißt sich so eine Geschichte noch viel tiefer in's Herz hinein. – Deshalb hat sich die Lise nie ordentlich verliebt, weil sie's gleich allen Menschen erzählen mußte.«

»Und ließe sich nicht doch vielleicht etwas Anderes für ihn finden,« sagte Jeremias, »womit er sein Brod ehrlich verdienen könnte? Was ich dabei thun kann...«

»Ja wohl, der auch,« schüttelte Pfeffer mit dem Kopf; »er hat ja studirt und, ich glaube sogar, sein Examen gemacht – aber Gott bewahre, Komödie müssen wir spielen, »die Kunst hat ihn gerufen«, und eher richtet er sich und Jettchen zu Grunde, ehe er davon abgeht!«

»Und was war heute wieder mit ihm?« fragte die Frau.

»Ach, die ewigen Häkeleien mit dem eitlen Laffen, dem Handor!« rief ihr Bruder – »der Mensch kann ihn nicht leiden und chicanirt ihn, wo sich Gelegenheit bietet; da hat denn unser sauberer Director – ein Lump, wie er im Buche steht – weil er den Handor nicht entbehren kann, dem Rebe gekündigt.«

»Du lieber Gott,« seufzte die Frau – »das arme Jettchen!«

»Aber vielleicht ist das ein Glück,« sagte Jeremias, »und bringt ihn möglicher Weise dazu, wozu mir ihn haben wollen, daß er ganz vom Theater abgeht. Wenn ich nur einmal mit ihm sprechen könnte!«

»Der nicht, der wahrhaftig nicht!« rief Pfeffer – »dem hat's der Souffleurkasten angethan, und der ruht nicht eher, bis sie ihn einmal erst mit faulen Äpfeln und anderen Vegetabilien von den Brettern hinuntergepfiffen haben. Dann kommt er in das Stadium, wo er über die Undankbarkeit des Publikums und den schlechten Geschmack unseres jetzigen Zeitalters schimpft, und nachher wär's vielleicht möglich, ihn zur Vernunft zu bringen – früher nicht.«

Die Frau seufzte recht tief auf, und Jeremias, der kein Auge von ihr wandte, sagte herzlich:

»Na, laß nur sein, Auguste, vielleicht wird ja noch Alles gut; ich bin ja jetzt da, und Du sollst sehen, ich halte Dir, was ich versprochen habe.«

»Aber daß das Jettchen einen schlechten Schauspieler heirathet,« rief Pfeffer, »dazu gebe ich meine Einwilligung nicht – lieber, bei Gott, einen Tagelöhner, denn da wissen sie doch vorher, daß sie hungern müssen, und faseln nicht in einem fort von Lorbeern und »Rufen«! Jeremias, sei vernünftig – Du weißt, wie Du's getrieben hast.«

»Ja, Bruder Pfeffer, Du hast Recht,« sagte Jeremias kleinlaut; »es ist freilich ein bitterböses Ding...«

»Ist er da?« rief draußen eine schrille Stimme – »ist er gekommen, Jettchen?«

»Gott sei uns gnädig!« sagte Pfeffer – »jetzt tritt Fräulein Bassini auf, jetzt Acht gegeben – ich müßte meine leibliche Schwester nicht kennen!«

In dem Augenblick wurde die Thür aufgerissen und Fräulein Bassini trat wirklich auf, aber nicht, wie ihr Bruder vielleicht erwartet haben mochte, in aller ungeduldigen Hast, sondern mit Würde. Langsam den Kopf erhoben, fast zurückgebeugt, trat sie in's Zimmer. Kaum aber traf ihr Blick den Gesuchten, als sie vollständig aus ihrer Rolle fiel, denn zu ihrem Erstaunen kannte sie ihn augenblicklich als den Nämlichen, den sie damals für den »Kammerdiener« des Grafen gehalten und deshalb mit gründlicher Nichtachtung behandelt hatte.

»Herr Du meine Güte,« rief sie, »das ist ja...«

»Der Mann mit der tischplattengroßen Glatze,« ergänzte Pfeffer – »ja wohl, Fräulein Bassini – bitte, setzen Sie sich, es kommen gleich Stühle, – habe die Ehre, Ihnen hier einen, eine Zeit lang verloren gegangenen Schwager vorzustellen, der sich neuerdings wiedergefunden hat: Herr Jeremias Stelzhammer.«

»Liebe Schwägerin,« sagte Jeremias, der mit gutmüthigem Gesicht auf sie zuging und ihr die Hand entgegenstreckte.

»Herr Stelzhammer,« sagte Fräulein Bassini vornehm, »es ist mir sehr angenehm...«

»Ach, Papperlapapp,« rief Pfeffer, »Du kommst um einen Posttag zu spät – wir haben die ganze Geschichte schon untereinander abgemacht – gieb ihm die Hand und einen Kuß und seid gute Freunde!«

»Aber, Fürchtegott...«

»Wird schon nicht anders werden, Schwägerin,« lachte jetzt auch Jeremias, indem er auf sie zuging und die Arme ausbreitete.

»Aber so geschwind geht es denn doch nicht,« rief Fräulein Bassini, noch zurückweichend, – »das nehmen Sie mir nicht übel, Schwager, das war doch...« – aber sie kam nicht weiter. Jeremias war nicht der Mann, sich auf solche Art zurückweisen zu lassen, und als Jettchen eben die Thür aufmachte, um dem Vater zu helfen, wenn die Tante vielleicht – wie sie das gar zu gern that – noch etwa Einwendungen zu machen hätte, faßte er sie schon beim Kopfe und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf den Mund.

»Aber, Schwager,« rief Fräulein Bassini, »meine Locken...«

»Donnerwetter ja, Junge,« rief Pfeffer, »nimm Dich in Acht; die gehen ab!«

»Du bist ein Grobian, Fürchtegott...«

»Und nun Friede und Freundschaft,« sagte Pfeffer – »komm, sei vernünftig, Lise – der Jeremias war früher ein Leichtfuß und ist jetzt ein ordentlicher Kerl geworden, die Auguste freut sich, daß er wieder da ist, Jettchen auch; also haben wir Beide doch nichts hineinzureden, denn das ist eine Familien-Angelegenheit.«

»Und gehören wir nicht etwa mit zur Familie?«

»Beiläufig ja, aber nie mehr wie nöthig – und nun, Jettchen, wie ist es mit Deinem Essen?«

»Gleich fertig, Onkelchen, ich will nur den Tisch decken – aber mit Tellern wird's heute knapp hergehen; auf so viel Gäste sind wir freilich nicht eingerichtet.«

»Bah, da behelfen wir uns – nicht wahr, Jeremias?«

»Du lieber Gott,« sagte dieser, »mir ist heute gar nicht wie essen! Ich bin so froh, so glücklich, ich könnte auf Einem Beine tanzen...«

»Müßte famos aussehen,« lachte Pfeffer – »und jetzt Platz da, daß das Mädel den Tisch decken kann – heute wollen wir einmal en famille speisen!«

13.
Verschiedene Kunstinteressen.

Graf Rottack war an diesem Morgen in der Stadt gewesen, um noch einige Einkäufe zu machen. Als er zurückkehrte, fand er Helene allein in ihrer Stube, den Kopf in die Hand gestützt und eine helle Thräne im Auge, während die Kinder um sie her lustig und guter Dinge am Boden spielten.

»Und wieder so traurig, Herz?« sagte er, indem er auf sie zuging, sie leise umfaßte und ihre Stirn küßte; »kann ich denn gar kein Lächeln mehr auf Deine Wangen rufen?«

»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, indem sie ihr Haupt an ihn lehnte, »sei nur nicht böse, ich weiß, daß ich Unrecht thue, Dir Unrecht thue vor allen Anderen, denn kein Wesen in der Welt hätte mehr Ursache, sich glücklich zu fühlen, als ich; aber – der gestrige Morgen will mir noch immer nicht aus dem Kopf. Sie wußte, daß ich ihr Kind war, sie mußte es wissen, da Du ihr den Namen jener Frau genannt, und doch, wie kalt, wie stolz blieb sie gegen mich, wie verrieth kein Zug in ihrem Antlitz, daß ihr Herz nur den tausendsten Theil jener Sehnsucht fühlte, in meine Arme zu fliegen, wie sie mich fast verzehrt und aufreibt!«

»Sie mußte sich Gewalt anthun, Herz,« beruhigte sie Felix; »wer von uns weiß denn, was sie dabei gelitten?«

Helene schüttelte leise und traurig mit dem Kopf. »Jene eisernen Züge,« flüsterte sie, »sahen nicht aus, als ob je ihr Herz irgend eine Pein darauf hervorgerufen; sie war kalt wie Eis, und ihr Blick haftete neugierig, aber wahrlich nicht liebend auf mir.«

»Und doch hast Du Dich vielleicht geirrt, Helene!« rief Felix; »mußte nicht zuerst bei Deinem Anblick auch das Eine erste Gefühl die Oberhand gewinnen: die Angst, ihr Geheimniß verrathen zu sehen? Laß sie einmal mit Dir allein sein, laß sie Dich selber sprechen und Dir dabei in die lieben, treuen Augen sehen, und ihr Mutterherz wird schmelzen; sie wird das Kind in ihre Arme drücken!«

»Ach, und weiter verlange ich ja auch nichts auf der Welt, Felix, als nur einmal, ein einziges Mal an ihrem Herzen zu ruhen und den süßen Namen Mutter auszusprechen. Dann will ich ihren Frieden nie, nie wieder stören; ich ziehe fort mit Dir, wohin Du mich führst, und will selig sein – schwelgen in der Erinnerung an den einen Augenblick!«

»Und der Wunsch wird Dir erfüllt werden, Helene,« sagte Felix freundlich, »glaube mir; sie wird vielleicht noch Widerstand leisten, weil sie nicht weiß und wissen kann, wie weit Deine Ansprüche an sie gehen. Sie wird bis dahin ihrem eigenen Herzen Gewalt anthun, aber nicht weiter, und dann später die Stunde segnen, welche Dich wieder in ihre Arme führte. Glaubst Du mir?«

»Oh, ich glaube Dir ja so gern, mein Felix,« rief Helene, ihn an sich ziehend, »weiß ich ja doch, wie treu und gut Du es mit mir meinst!«

»Und nun auch nicht mehr traurig, mein Schatz,« lachte der junge Graf; »jetzt mußt Du Dich zerstreuen; Du darfst mir nicht länger grübeln und denken. Sieh nur das kleine fröhliche Völkchen, das sich dort am Boden balgt, oder noch besser, komm, wir wollen ein wenig musiciren, das verjagt Dir am besten alle häßlichen Gedanken; komm.« Und seine Geige, die unter dem Flügel stand, herausnehmend, stimmte er sie, während die Kinder ebenfalls ihr bisheriges Tollen aufgaben und Günther jubelnd ausrief:

»Das ist recht, nun können wir zusammen tanzen, Lenchen!«

Die Mutter mußte sich wohl fügen. Noch lag ein Zug von Wehmuth um die zarten Lippen, aber sie lächelte doch schon wieder, und bald übte die Musik ihren vollen Zauber auf sie aus, der sie rasch alles Andere vergessen ließ. Mitten in einer jener Weisen waren sie auch schon, die Felix damals in stiller Nacht unter dem Fenster der Geliebten gespielt, und die Kinder, rücksichtslos auf Tact und Tonstück, nur in der Lust, Musik zu hören, hatten sich dabei umfaßt und tanzten und jubelten im Zimmer umher, als einer der Diener die Thür öffnete und anfragte, ob Graf George Monford die Ehre haben könne, die Herrschaften zu sprechen. Er übergab dabei zugleich dessen Karte.

»Graf Monford?« Helene fühlte, wie sie erbleichte.

»Es ist der junge Graf,« flüsterte ihr Felix leise zu; »fasse Dich, Herz, ein Höflichkeitsbesuch. – Es wird uns angenehm sein.«

Wenige Secunden später öffnete sich die Thür und Graf George trat ein, aber nicht als förmlicher Besuch, wie Felix gedacht, sondern in seiner liebenswürdigen, offenen Weise, und schon in der Thür rief er freundlich:

»Ich kann es mir nicht vergeben, Sie gestört zu haben, und es ist unendlich liebenswürdig von Ihnen, gnädige Gräfin, daß Sie einem, doch eigentlich vollkommen fremden Menschen eine Ihrer liebsten Stunden zum Opfer bringen! Mein lieber Herr Graf, ich muß ernstlich um Entschuldigung bitten!«

»Seien Sie uns herzlich willkommen!« sagte Rottack freundlich, der sich schon lange zu dem offenen, ehrlichen Gesicht des jungen Mannes hingezogen gefühlt hatte; »bitte, legen Sie ab und setzen wir uns – keine Förmlichkeiten weiter – wir freuen uns aufrichtig, Sie bei uns zu sehen!«

»Und selbst, wenn ich gleich mit einer Bitte käme?«

»Vielleicht noch viel mehr, wenn Sie uns gleich Gelegenheit geben, Ihnen gefällig zu sein,« lächelte Rottack.

»Ich halte Sie beim Wort,« lachte George; »so will ich denn, wie man so sagt, gleich mit der Thür in's Haus fallen, damit ich Sie nicht zu lange von Ihren Instrumenten entfernt halte, denn dann ersuche ich Sie dringend, fortzufahren.«

»Und womit können wir Ihnen dienen?«

»Es ist ein Scherz. In acht Tagen soll die Verlobung meiner Schwester Paula gefeiert werden, und zwar mit dem jungen Grafen Bolten, und da Paula so außerordentlich für's Theater schwärmt und sich besonders auf unseren Liebhabertheatern selber ausgezeichnet hat, so habe ich mir für den Abend eine kleine Überraschung ausgedacht. Wir wollen nämlich unter uns ein kleines, allerliebstes Lustspiel aufführen, das ich heute Morgen zugeschickt bekommen habe. Unglücklicher Weise kommen aber mehr Personen darin vor, als ich an »Künstlern« stellen kann, und da hat mir – da die Zeit überdies drängt – die Verzweiflung den kühnen Entschluß eingegeben, Sie und Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin um Hülfe und Beistand anzuflehen.«

»Das ist allerdings sehr liebenswürdig von Ihnen, mein bester Graf,« lächelte Rottack, während Helene leicht erbleichte; »aber erstlich gerathen wir da auf ein Feld, das wir Beide wohl noch nie betreten haben – nicht wahr, Helene?«

»Noch nie,« hauchte leise die junge Frau.

»Und dann ist die Zeit zu einer solchen Vorbereitung doch auch wohl ein wenig sehr kurz. Haben Sie das Stück bei sich?«

»Nein, da wir nur Ein Exemplar besitzen, läuft mein Commissionär eben damit in der Stadt herum und läßt die wenigen Bogen in drei verschiedenen Druckereien zu gleicher Zeit setzen. Aber bis spätestens morgen in aller Frühe haben wir genügende Exemplare und bis zehn Uhr ist es längstens in Ihren Händen. Ihre Rollen sind klein, das Lernen wird Ihnen keine Schwierigkeit machen. Meine gute Mutter will selber so freundlich sein, die Leitung der Leseprobe zu übernehmen. Haben Sie Mitleid mit einem armen, unglückseligen Theaterunternehmer!«

Rottack sah sinnend vor sich nieder. So plötzlich bot sich da eine ja lange ersehnte Gelegenheit, in freundlichere und nähere Beziehung zu der sonst so schwer zugänglichen Monford'schen Familie zu treten – und Helene?

»So schicken Sie uns nur vorher wenigstens das Stück,« sagte er endlich lächelnd, »und bezeichnen Sie darin die uns zugedachten Rollen; wir wollen dann augenblicklich Kriegsrath mit einander halten, meine Frau und ich, und Sie keinesfalls lange in Ungewißheit lassen. Ist die Ausführung möglich, so sage ich, wenigstens für meine Person, zu.«

»Liebster, bester Graf, wie soll ich Ihnen danken?« rief George fröhlich. »Und Ihre Frau Gemahlin? – Aber ich will jetzt nicht drängen,« unterbrach er sich rasch, »und Ihnen vielleicht ein Versprechen abpressen, das Ihnen später unangenehm sein könnte. Nehmen Sie aber die Versicherung, daß Sie uns Allen eine große Freude damit machen würden, und besonders Paula, deren Herz Sie wahrhaft im Sturm erobert haben müssen, Frau Gräfin, denn sie konnte gestern gar nicht aufhören, von Ihnen zu reden.«

»Dann ist unser Gefühl ein vollständig gegenseitiges gewesen, Herr Graf,« lächelte Helene, »denn ich kann Ihnen versichern, daß auch ich Ihre Schwester bei dem ersten Begegnen herzlich lieb gewonnen habe, und mich also doppelt freue, das zu hören.«

»Wie gut Sie sind!« rief George. »Ist es aber nicht merkwürdig, daß sich Menschen oft so rasch zu einander hingezogen fühlen und, ohne mehr als ein paar gleichgültige Worte zu sprechen, mit einander Freundschaft schließen, während wir uns von Anderen, ohne daß sie uns je das Geringste zu Leide gethan, wieder eben so rasch und unerklärlich abgestoßen fühlen?«

»Es ist das eine Freimaurerei des Geistes,« lächelte Felix, »die sich an geheimen, oft unbewußten Zeichen versteht und erkennt, und sie übt, im Guten wie im Bösen, ihre Macht. Gute Menschen finden sich nicht rascher unter einander, wie ein paar richtige Gauner, die oft schon nach einem kaum flüchtig gewechselten Blick einander verstehen und Freundschaft, wenigstens Kameradschaft schließen.«

»Ich selber gebe außerordentlich viel auf den ersten Eindruck, den ein Fremder auf mich macht,« sagte George.

»Ich Alles,« rief Felix, »und kann wohl sagen, daß ich mich selten oder nie getäuscht. Ließ ich mich aber durch irgend welche Zufälligkeit bestimmen, von diesem ersten Eindruck abzusehen, dann durfte ich auch fest darauf rechnen, daß ich dafür büßen mußte.«

»Und sollte dieser Glaube an den ersten Eindruck, den ein Fremder auf uns macht, nicht oftmals auch die Ursache einer großen Ungerechtigkeit gegen ihn sein?« sagte Helene. »Was kann ein Mensch zum Beispiel für ein unschönes Gesicht, das uns doch nie gefallen wird, während er vielleicht das beste Herz darunter birgt?«

»Ein schönes Gesicht ist allerdings eine große Empfehlung im Leben,« sagte George, »und wer es erhalten, kann Gott nicht genug dankbar dafür sein; ein häßliches muß man eben hinnehmen, wie man Krankheit oder ein sonstiges Unglück hinnimmt.«

»Aber kann nicht ein unschönes Gesicht auch gut und freundlich sein?« sagte die junge Frau.

»Allerdings, Frau Gräfin, und wie oft finden wir das; aber der Charakter spricht sich gewiß darin aus.«

»Also wer von der Natur zum Beispiel einen boshaften Zug um den Mund bekommen hat,« meinte Helene kopfschüttelnd, »müßte deshalb auch entschieden boshaft sein und könnte nicht einmal dafür verantwortlich gemacht werden?«

»Umgekehrt, Schatz,« rief ihr Gatte. »Was Du da sagst, wäre ein Unglück für solche arme Menschen, nicht eine Eigenschaft, die uns sie meiden läßt. Nicht wer einen boshaften Zug um den Mund hat, wird dadurch boshaft, nein, wer boshaft ist, bekommt sicherlich diesen Zug. Das heißt: gerade der Charakter der Menschen prägt sich im Lauf der Jahre in dem Antlitz derselben aus: je älter sie werden, desto deutlicher, und wer das Verständniß dafür hat, liest die Schrift.«

»Aber manchmal irren wir uns doch,« sagte George. »So kenne ich hier einen jungen Schauspieler – unsern ersten Liebhaber – und einen tüchtigen Künstler, der auf mich bei seinem ersten Anblick, trotz seiner wirklich edlen Züge, jenen abstoßenden Eindruck gemacht hat, dessen Sie vorhin erwähnten, und der also auch deshalb für uns maßgebend sein sollte. Ich ließ mich aber dadurch nicht abschrecken und machte seine nähere Bekanntschaft, oder äußere Umstände ließen sie mich machen, und muß gestehen, daß sich bei diesem meine Menschenkenntniß nicht erprobte, denn er hat sich stets als einen liebenswürdigen, geistvollen und besonders fabelhaft gefälligen Mann gezeigt, dem ich schon unzählige Male verpflichtet bin.«

»Lieber Gott, wir können uns ja irren,« sagte Felix; »ich selber würde mich aber nach einer solchen erhaltenen Warnung – wie ich es nennen möchte – nur höchst vorsichtig mit ihm eingelassen und ihm – vielleicht – unrecht gethan haben.«

»Aber wir plaudern hier und ich halte Sie von Ihrer Musik ab.«

»Wir haben nur musicirt, um uns die Zeit zu vertreiben,« lächelte Helene; »der Grund ist jetzt vollständig weggefallen.«

»Und wenn ich Sie nun bäte, fortzufahren?«

»Wenn Sie Freude daran finden, von Herzen gern,« sagte Helene, ohne Weiteres von ihrem Stuhl sich erhebend, und sie wie Felix hatten bald wieder das vorhin unterbrochene Musikstück aufgenommen.


Am Markt, zwischen der Drachen-Apotheke und einem andern, sehr anständigen und hohen Gebäude, das einem Seidenhändler gehörte, stand ein schmales, vierstöckiges Haus mit nur zwei Fenstern Front und machte auf den Beschauer etwa den Eindruck, als ob sich ein Mensch mit angezogenen Armen in ein Uhrgehäuse geklemmt hätte und sich nicht regen und nicht rühren könne.

Dort residirte in der zweiten Etage Doctor Feodor Strohwisch, Dichter und Schriftsteller, oder vielmehr Privatgelehrter, wie er in dem Adreßbuch angegeben stand, der aber auch ein kleines Tageblatt redigirte und darin die Geißel über das Theater schwang. Und nicht über das Theater allein; Alles, was vorkam, jedes Fach, jede Kunst fand in ihm ihren unerbittlichen – oder eigentlich nicht ganz unerbittlichen Kritiker, denn es gab Mittel, ihn zu erweichen, und mit einer solch' liebenswürdigen Unverschämtheit drosch er auf Alles los, was sich unabhängig genug glaubte, ihn zu ignoriren, daß die Masse, welche selten ein eigenes Urtheil für sich selber hat, seine Kritiken endlich für baare Münze hinnahm und auch noch nebenbei seine Gelehrsamkeit bewunderte.

Von den Mitgliedern des Theaters, wenigstens von dem größten Theile derselben, war er gehaßt und gefürchtet zugleich, denn gegen sein Blatt gab es keine Appellation, da er ihm unbequeme Artikel nie aufnahm. Äußerlich behandelten ihn aber fast Alle sehr artig, und die boshaftesten Urtheile ließ man ruhig über sich ergehen, weil man nur dadurch noch boshafteren ausweichen konnte.

Strohwisch durfte in der That Alles sagen und sagte Alles, und im Laufe der Jahre hatte er sich eine Sicherheit und Unfehlbarkeit angeeignet, die wirklich nichts zu wünschen übrig ließ.

In seinem Zimmer sah es sehr gelehrt und sehr unordentlich aus. Ein großer Mahagoni-Schreibtisch, der seine eigene unquittirte Rechnung in dem einen Gefach sorgfältig versteckt hielt, als ob er sich selber darüber schäme, stand in der einen Ecke, unmittelbar am Fenster. Vier oder fünf Bücherregale mit einer neueren und viel benutzten Ausgabe des Brockhaus'schen Conversations-Lexikons füllten die eine Wand, ein sehr elegantes, aber etwas beschmutztes Sopha, mit einem Spiegel in Goldrahmen darüber, die andere.

Auf dem Sopha lagen vier oder fünf gestickte Rückenkissen, eine gestickte Cigarrentasche aber geöffnet auf dem Tisch; unter dem Spiegel befand sich ein sinniger Neujahrswunsch aus Menschenhaaren geflochten, und den Tisch bedeckte eine weiße gehäkelte Decke mit hellblauen Vergißmeinnicht darin; kurz, die Spuren weiblicher Arbeit waren überall, auf Fußbank, Briefhalter, Papierkorb, Briefbeschwerer u. s. w. anzutreffen.

Über dem Schreibtisch aber hingen zwei Lorbeerkränze, der eine mit hellblauem, der andere mit rosaseidenem Bande, und einem Spruch von zierlicher Frauenhand geschrieben, den man aber von unten aus auf dem überhaupt auch etwas rauchgeschwärzten Papier nicht lesen konnte.

An der Wand befanden sich ein paar an die äußerste Grenze des Schicklichen streifende französische Kupferstiche von badenden und nach dem Bade tanzenden Nymphen, und rechts und links vom Spiegel zwei ebenfalls französische Studienköpfe, bis an den untern Rand des Rahmens decolletirt.

Sämmtliche Stühle waren übrigens mit neuen, unaufgeschnittenen, in gelbem, grauem, grünem, blauem und rothem Papier broschirten Büchern bedeckt, und selbst auf dem Boden lag noch eine Anzahl von ihnen zwischen Cigarrenstummeln, Papierstreifen und zerschnittenen Zeitungen.

Feodor arbeitete. Er saß auf einem Drehstuhl und hatte eine Cigarre im Munde, die vorn brannte und die er hinten kaute, und dann und wann schrieb er eine Zeile und strich darauf das Geschriebene wieder durch.

Da klopfte es laut an die Thür, und mit seinem Herein! erschien Handor, den Hut nachlässig auf dem Kopf, einen Glacéhandschuh angezogen, den andern in der Hand.

»Guten Tag, Doctor! Stör' ich?«

»Nun, Sie verderben wenigstens nichts, denn ich quäle mich eben wieder mit so einem verfluchten Gelegenheitsgedicht.«

»Daß Sie's nicht satt kriegen!« lachte Handor.

»Es ist eine rein verzweifelte Arbeit,« rief der Doctor, »immer etwas Pikantes sagen zu sollen, wenn...«

»Einem nichts einfällt – trostlos!«

»Na, das wär' das Wenigste,« bemerkte Strohwisch; »aber man will doch auch nicht all' sein Pulver auf eine Sache verschießen, die Einem nichts einbringt, als vielleicht ein lumpiges Mittagessen.«

»Sonst ist wohl kein Honorar zu fürchten?«

»Gott bewahre; es ist für den Commerzienrath, der morgen sein commerzienräthliches fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert. Was das Alles für Ursachen zu Festen sind! Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen verdrießlich aus.«

»Ach was,« sagte Handor, indem er sich aus der offenen Cigarrentasche eine Cigarre nahm und sie anbrannte, »ich habe mich wieder einmal über den Lump, den Rebe, geärgert – eingebildeter Esel! Aber der Director hat ihm gekündigt, er muß fort. Da können Sie sich nachher eine Güte thun und ihm eine Grabschrift schreiben.«

»Werde ich ihm besorgen,« lachte der Doctor, sich vergnügt die Hände reibend, »werde ich ihm mit Vergnügen besorgen, und noch dazu in Versen unter »Eingesandt«-Rebe, bebe, lebe, strebe, gebe, hebe – es paßt nur eigentlich kein pikanter Reim auf den langweiligen Namen.