Die Gräfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehört; nicht ein Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten bleicher geworden wären, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte ihn täuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang geschwiegen, als ob sie erwartete, daß er noch einmal fortfahren würde. Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:

»Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, daß Sie mir solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft mittheilen: ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun.«

»Frau Gräfin,« rief Felix, »ist des denn möglich, daß ein menschliches Wesen solche Selbstbeherrschung zu üben vermag, wenn – aber jetzt kann es nichts helfen,« unterbrach er sich rasch, »wir verlieren die kostbare Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie müssen Alles wissen: so vernehmen Sie denn, daß Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer Vermählung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist – daß sie dabei fühlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht verlangt. Das Geheimniß soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen – aber Helenens Seele drängt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wüßten, was das arme Kind gelitten,« fuhr der junge Mann lebendig fort, als die Gräfin schwieg und leise mit dem Kopf schüttelte – »wenn Sie ahnen könnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr müdes Haupt an ihre Brust legen zu dürfen, Sie würden Mitleid mit ihr haben...!«

»Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn die Gräfin, »denn irgend ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, das Sie im Begriff sind, einer völlig unbetheiligten und demselben fernstehenden Person zu enthüllen. Hier muß ein Irrthum obwalten, und ich – will nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen; daß es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.«

»Kein Wort mehr davon?« wiederholte Rottack staunend; »und ist es möglich, daß – aber nein,« unterbrach er sich rasch, »Sie glauben sicherlich, daß nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt getrieben. Sehen Sie her, Frau Gräfin – kennen Sie diesen Brief? Kennen Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie heute Morgen die Güte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen Kommens zu senden – kennen Sie diesen Brief?«

Die Gräfin hatte einen flüchtigen Blick über die Zeilen geworfen, und so riesenstark sie bis jetzt Alles zurückgehalten, was ihre Seele bewegen oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefühl verrathen konnte – dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte – aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen; ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund umzuckte Trotz und Ärger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen fester Stimme sagte sie:

»Also die Ähnlichkeit einer Handschrift soll hier gemißbraucht werden...«

»Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Gräfin,« rief Felix rasch und erschreckt, »auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wäre furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten Gotteswelt, den wir gegen Sie haben – sehen Sie hier!« – Noch während er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzündet; er hielt den Brief darüber – er flackerte auf, und nachdem er ihn zwischen den Fingern hatte vollständig verbrennen lassen, warf er die Asche auf den leeren Rost. – »Glauben Sie jetzt noch, daß hier von einem Mißbrauch die Rede sein kann?«

Die Gräfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf und forschend auf den edlen Zügen des jungen Mannes. Mit vollkommen wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:

»Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die Handschrift war allerdings täuschend ähnlich; aber Sie werden auch fühlen, daß ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand nur für beide Theile peinlich werden müßte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.«

»Mutter!« sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die Frau fast unwillkürlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen in Thränen gebadet, die Hände gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf der Schwelle.

Fast unwillkürlich wandte sich die Gräfin halb ab, als ob sie den Platz rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte doch ihr besseres Gefühl.

»Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf,« sagte sie; »es thut mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Täuschung gewesen zu sein, aber ich hoffe und wünsche nicht, daß das unsern weitern Verkehr stören möge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.«

Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Füße selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie ohne eigenen Willen, und ihre Hand faßte die der Gräfin und zog sie an ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau. Aber ehe sie dazu kam, hatte Gräfin Monford ihren Arm gefaßt, und sich an Felix wendend, rief sie:

»Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie – geistige Überreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich; erklären Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen – ich werde morgen nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert, die arme Frau – Sie dürfen sich nicht so aufregen, liebes Kind – ich hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf!« Und sich leicht, aber stolz verneigend, während Felix zu Helenen gesprungen war und sie unterstützt hatte, verließ sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwenden.

Draußen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten später hörten sie das Knirschen der Räder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:

»Verloren – auf immer verloren!«

16.
Vornehme Welt.

Gräfin Monford war draußen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich nur mit dem einen kleinen Wort »Nach Hause!« zu dem Bedienten, der den Schlag für sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und der Kutscher hielt draußen rechts ab, um das Gewirr der Schützenwiese zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das Gedränge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder einzügelte, und als die Gräfin, unzufrieden damit, den Kopf hob, erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke hielten und sie begrüßten.

»Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben?« rief George, indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. »Nicht wahr, es sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht übel Lust, mit Hubert einmal vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.«

»Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter?« sagte die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend – »thue das heute lieber nicht, George; die junge Gräfin hat heftige Kopfschmerzen bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.«

»Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?«

»Migräne.«

»Fährst Du direct nach Hause, Mama?«

»Ja; kommt nicht zu spät und laßt mich nicht so lange allein.«

»Nein, gewiß nicht; in einer halben Stunde hole ich Paula ab. Aber die Pferde wollen nicht länger stehen – guten Abend!«

Die Gräfin nickte Beiden freundlich zu, und die Droschke rollte weiter, während die jungen Leute ihre Pferde wieder wandten, um ihren Ritt zu beenden. Die Thiere waren aber durch das Halten ungeduldig geworden, und Hubert's Fuchs besonders, ein englischer Vollbluthengst, stieg und tanzte auf den Hinterbeinen und konnte nur mit Mühe von seinem gerade auch nicht sanftmüthigen Herrn gebändigt werden.

Eben hatte er ihn wieder fest im Zügel, als ein armer Teufel, ein junger Bursch mit einem Schiebkarren voll Töpferwaaren, die er irgendwo zum Verkauf ausstellen oder herumfahren wollte, auf der Straße herabkam und, durch das unruhige Pferd irre gemacht, nicht gleich wußte, nach welcher Seite er ausbiegen sollte. Dadurch that er das Verkehrteste: er blieb dicht vor dem hochgeladenen Karren halten, und als dieses halb davor scheute und, von dem Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an den Karren hinantrat, klapperten die Töpfe, und das Pferd schlug erschreckt danach und mitten in die zerbrechlichen Waaren hinein.

Der junge Graf riß es allerdings wieder herum; es begann aber sein Tanzen jetzt von Neuem, und Hubert, irritirt, setzte ihm die Sporen ein, daß es wild zusammen- und an dem Karren vorbeifuhr. Der Reiter aber, der es fest im Zügel hatte, nun er an dem unglücklichen Topf-Fuhrmanne vorüberflog, hieb diesen mit der Reitpeitsche über den Kopf und hatte dann alle Hände voll zu thun, daß der Hengst nicht mitten in die Menschen hinein- und mit ihm durchging. Die Leute hatten aber vor dem scheuen Pferde Platz genug gemacht, und ihm jetzt halb den Zügel lassend, flog er mit ihm die Allee hinab.

»Oh mein Gott, meine Töpfe, mein Kopf!« klagte indeß der arme Karrenführer, der im ersten Augenblick gar nicht wußte, was ihm weher that, der Hieb oder die Vernichtung seiner Waare.

Hubert's Reitknecht sprengte an ihm vorüber, seinem Herrn nach. George aber, dem der arme Bursche leid that, zügelte sein Pferd ein und hielt neben ihm.

»Wie groß ist der Schade?« rief er freundlich. »Ich mache es gut – der Herr da vorn konnte sein Pferd nicht halten...«

»Ach, und wie hart er mich geschlagen hat – ich war doch gewiß nicht schuld daran!«

»Wie groß ist der Schade, wie viel Töpfe sind Dir zerbrochen? Sag' rasch, mein Junge, denn mein Pferd wird auch ungeduldig.«

»Ach, Du lieber Gott,« klagte der arme Teufel, »ich weiß es ja nicht – gewiß über einen Thaler, und der große Topf da unten ist auch entzwei!«

»Da,« rief George, indem er in die Tasche griff und ihm ein Goldstück hinüberwarf, – »so behalte das Andere als Schmerzensgeld!« Und ehe ihm der Bursche danken konnte, ließ er seinem Thier den Zügel und trabte rasch die Allee hinab.

Um die Biegung derselben hatte Hubert seinen Hengst endlich wieder zum Stehen gebracht und erwartete ihn.

»Ob Einem das Lumpenvolk wohl je mit seinem Karren und Fuhrwerk ausweicht!« rief er ihm entgegen – »ich denke, der wird aber das nächste Mal vorsichtiger sein!«

»Der arme Junge konnte nichts dafür, Hubert; Dein Hengst nahm ja die ganze Straße ein – Du bist zu rasch gewesen.«

»Ach was – der Hieb wird ihm gut thun, und seine Töpfe mag er sich wieder zusammenleimen!«

George schwieg, und die beiden jungen Leute setzten jetzt, aus dem Menschengewirr heraus, ihren Spazierritt ruhiger fort, bis sie in die Nähe des Hauses kamen, in dem Paula heute zum Besuch war. George wollte dort absteigen und mit seiner Schwester zurückfahren.

Noch ehe sie das Haus erreichten, kam Handor die Straße herunter und grüßte. George zügelte sein Pferd ein.

»Reite voran, Hubert – ich habe mit dem Herrn dort etwas zu sprechen.«

»Mit dem?« sagte Hubert verwundert – »das ist ja der Schauspieler...«

»Ja – Handor – ich komme gleich nach. – Hier, Karl, nimm mein Pferd, laß ihm aber den Zügel etwas weit; es geht ganz ruhig nebenher, und halte Dich nirgends mehr auf. Du reitest gerade nach Hause.«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

Der Reitknecht griff den Zügel des Thieres auf und George, der indessen abgestiegen war, schritt auf den ihn erwartenden Handor zu, dem er die Hand reichte und mit ihm langsam die Straße hinaufging.

Hubert, der sich nicht denken konnte, was Graf Monford mit dem Schauspieler zu verkehren habe, schüttelte den Kopf, trabte aber dann bis zu dem Thorweg des Hauses, mit dessen Insassen er ebenfalls bekannt war, um dort wenigstens Paula begrüßen zu können und George's Rückkehr zu erwarten. – –

Die kleine Zwischenscene mit dem übermüthigen jungen Grafen und dem Töpferjungen hatte sich gerade vor Pfeffer's Fenster abgespielt.

Seine Schwester war kränker geworden – möglich, daß die neuliche Aufregung mit dazu beigetragen hatte, aber der Arzt, welcher jetzt täglich und manchmal zweimal am Tage kam, hatte angeordnet, daß ihr Bett in die luftigere Stube geschafft werden und sie dasselbe nicht verlassen sollte. Auch verbot er jedes Rauchen im Zimmer; der scharfe Dampf that der Brust der Kranken weh.

Jeremias wich fast nicht von ihrem Bett, und wenn er ausging, brachte er gewiß irgend etwas mit, von dem er glaubte, daß es ihren Zustand erleichtern oder ihr angenehm sein könne – und wie Vieles gab es da, denn die bisherige Einrichtung der Familie war ja nur auf das Nothdürftigste beschränkt worden und hatte selten oder nie auf eine selbst einfache Bequemlichkeit ausgedehnt werden können!

Und Jettchen sah fast noch kränker aus, als ihre Mutter, denn der Vater hatte ihr seine Unterredung mit Rebe erzählt, und wenn sie ihm auch Recht geben mußte, wenn sie auch fühlte, daß er gehandelt habe, wie er als ehrlicher und selbstständiger Mann handeln sollte, so konnte sie sich doch auch der Überzeugung nicht verschließen, daß damit ihre letzte Hoffnung zerknickt und der Geliebte für sie verloren sei. – Und die Mutter fühlte das mit ihr, und deshalb besonders war ihr Geist so niedergedrückt, der Körper so jeder Lebensthätigkeit beraubt worden, weil die Sorge um das liebe Kind ihr Herz und Sinn erfüllte.

Pfeffer selbst war in einer ganz verzweifelten Stimmung. Die Angst um die Schwester, deren Zustand er vielleicht noch für viel bedenklicher hielt, als er wirklich war, litt ihn nicht in seinem Zimmer, und drüben durfte er nicht rauchen – Haß und Ingrimm erfüllten ihn dabei gegen seinen Director und die Ursache alles dieses Unheil, den »aufgeblasenen Handor«, wie er ihn nannte, ohne daß er irgend ein Mittel wußte, einem von ihnen beizukommen.

Hundertmal im Tage, nachdem er im Krankenzimmer auf und ab gelaufen war und die Kranke ordentlich nervös gemacht hatte, schoß er in seine Stube hinüber, griff eine Pfeife auf, ging damit zum Tabakskasten, fand dort, daß sie schon gestopft sei, und stellte sie unwillig wieder bei Seite. Nachher fing er an seine Dose zu suchen, die er aber in der ewigen Unruhe nie finden konnte und dadurch nur immer irritirter wurde.

Und dabei mußte er Komödie spielen, erst den Schuster in Lumpaci Vagabundus und dann, zwei Abende später, den Grafen in Aschenbrödel – und daheim den Familienjammer; denn wenn er es sich auch nicht merken ließ, ging ihm Jettchen's Herzenskummer fast eben so nahe, wie der Schwester Krankheit. Es war rein zum Tollwerden, und Pfeffer, der überhaupt nicht zu den geduldigsten Naturen gehörte, hätte heute Brunnen vergiften können.

Jetzt stand er wieder am Fenster und sah, wie die Reiter die Allee herabgesprengt kamen, wie das Pferd des einen scheu wurde und dieser den armen Teufel von Schiebkärrner mißhandelte. Und wie fing er da oben am Fenster jetzt an zu schimpfen, und zwar laut hinaus und mit der geballten Faust nach der Allee hinüber drohend, daß Jeremias gar nicht wußte, was er hatte, und zu ihm trat.

»Nun seh' Einer das vornehme Gesindel an!« schrie er – »Sie Lump, Sie! Sie Baron, Sie Junge – na, wenn ich nur unten wäre!«

Übrigens war es sehr gut für ihn, daß er nicht unten war und überhaupt Niemand in der Allee hören konnte, was er rief, denn jedes einzelne Wort hätte Anlaß zu einer Injurienklage geben können.

»Aber was hast Du nur, Fürchtegott?«

»Was ich habe? Ist es denn nicht zum Halsabschneiden, wenn man zusehen muß, wie dieses übermüthige Gesindel den armen Arbeiter behandelt? – Haut ihn mit der Peitsche über den Kopf! Hätt' ich eine Flinte gehabt, vom Pferde hätt' ich den Cujon heruntergeschossen!«

»Aber schrei doch nicht so, die Schwester ängstigt sich ja – sie zittert so schon an allen Gliedern...«

»Und ich wohl nicht? – Aber vor Wuth!«

»Aber der Herr da unten giebt dem Mann ja Geld!«

»Der Andere war's – sein sauberer Compagnon – und das ist nun die »bevorzugte Klasse«, die höhere Schicht der Gesellschaft; das sind die Repräsentanten von Bildung und Intelligenz! Gott straf' mich, wenn man nicht manchmal verrückt werden möchte, nur ein solches Komödienspiel außer der Bühne anzusehen!«

»Wer war es denn?«

»Kenn' ich die Laffen alle, die mit Glacéhandschuhen und einem Titel und Orden in der Welt herumlaufen? Irgend einer der Gesellschaft, ob er nun Herr von so oder Herr von so heißt!«

»Aber, lieber Schwager, wir können die Welt nicht ändern...«

»Und wozu spielen wir denn Komödie?« rief Pfeffer, immer noch in voller Wuth – »weshalb führen wir ihnen denn auf der Bühne immer auf's Neue ihre Albernheiten und Schwachheiten, ihren Stolz und Dünkel, ihre Sünden und Laster vor, als um sie zu bessern? Aber Gott bewahre, da sitzt das verstockte Volk selber im ersten Rang, hört und sieht zu und applaudirt sogar noch mit, wenn man ihnen mit Gift und Galle einmal ordentlich die Wahrheit gegeigt hat! – Aber Gott bewahre, das geht sie ja nichts an, die Canaille, die da gemeint ist, heißt ja Franz Moor oder Präsident so und so – das sind sie ja nicht – sie sind Cavaliere von reinem Blut und Stammbaum – Herrgott von Danzig!« und seine Hausmütze auf's linke Ohr schiebend, rannte er aus dem Zimmer, zog sich drüben an und lief dann direct hinaus in's Freie und weit in den Wald hinein, nur um seinem Ärger und Ingrimm Luft zu machen. – –

Handor war eben von seinem Spaziergang in die eigene Wohnung zurückgekehrt. Unten im Hause traf er auf den Theaterdiener, der gerade bei ihm gewesen war, aber wieder fort wollte, da er einen Geldbrief abzugeben hatte. Er nahm ihn mit hinauf in die Stube, da er quittiren mußte.

Er wohnte in der Hauptstraße in der ersten Etage eines nicht großen, aber sehr freundlichen und netten Hauses chambre garnie. Die Einrichtung war elegant: Mahagoni-, mit rothem Plüsch gepolsterte Möbel, großer Spiegel in Goldrahmen, Kupferstiche und Ölbilder an den Wänden. Bücher standen nirgends. Nur auf dem Secretär lagen zwei oder drei ziemlich neue Bände und auf dem Tisch ein paar illustrirte und fünf oder sechs verschiedene Theater-Zeitungen – einige von diesen unter Kreuzband, wie sie von der Post gekommen, und noch nicht einmal geöffnet.

»Bitte, lieber Peters, kommen Sie hier mit herein,« sagte Handor, indem er, von dem Theaterdiener gefolgt, voran in sein Zimmer schritt und noch im Eintreten den Brief erbrach; »ich gebe Ihnen die Quittung gleich wieder mit. Hat der Director nichts weiter gesagt?«

»Gestöhnt hat er,« sagte der Mann, indem er, obwohl schon in der offenen Thür, trotzdem noch gewissenhaft vorher anklopfte – »wie er immer thut, wenn er Geld hergeben soll. Zäh ist er wie der Deubel.«

»Wenn er es nur hergiebt, Peters,« lachte Handor, indem er die Banknoten nachzählte – »das ist die Hauptsache.«

»Ja und er hat's doch, beim Deubel, nicht nöthig,« bemerkte Peters, »denn was für Einnahmen haben wir jetzt gehabt! Beim Lumpaci Vagabundus war das Haus gerappelte voll, und ebenso beim Goldonkel und dem Aschenbrödel, und daß neulich in der Ifagenia Niemand drin war – lieber Gott, das weiß er einmal, daß ihm in den Schäksbier seine Stücke Niemand 'nein will!«

»Das wäre nicht übel, Peters – der Hamlet nächstens soll hoffentlich ein volles Haus machen.«

»Ist er auch von dem?«

»Von Shakespeare? Gewiß!«

Peters zuckte die Achseln und hielt mit seiner Meinung zurück. – »Sagen Sie 'mal, Herr Handor,« fuhr er nach einer Weile fort, »ist es denn wahr, daß Herr Rebe abgeht?«

»Ich glaube, ja; ich weiß es nicht, Peters,« erwiderte Handor, die Noten noch einmal überzählend.

»Schade um das junge Blut,« meinte der Theaterdiener, mit dem Kopf schüttelnd, »ist ein recht ordentlicher Mensch – da hätten wir lieber den Nüßler fortschicken sollen, mit dem ist's nichts, und er lernt nicht einmal. Über den sollten Sie den Mauser reden hören! Wenn der ihm seine Rolle nicht laut vorschrie', gäb's jeden Abend ein Unglück!«

»Ja, mein lieber Peters, das sind Sachen, die mich nichts angehen und um die ich mich nicht bekümmere. Alle Wetter, jetzt ist mir die Dinte wieder eingetrocknet – ach, bitte, springen Sie doch einmal zum Hausmann hinunter, daß der Ihnen ein wenig in das Dintenfaß gießt!«

»Ih, lassen Sie einmal sehen,« sagte Peters, das Dintenfaß schräg gegen das Fenster haltend, denn es dämmerte schon stark – »da gießen wir ein bischen Wasser darauf und dann thut's es noch einmal.«

»Ja, das wird gehen – da steht noch ein Rest Rothwein, nehmen Sie etwas von dem.«

»Würde mich der Sünde scheuen, Herr Handor,« sagte Peters, »die Gottesgabe in die Dinte zu gießen – der Wein erfreut des Menschen Herz.«

»Na, dann trinken Sie ihn und nehmen Wasser,« lachte Handor – »dort auf dem Schränkchen steht die Caraffe.«

»Danke schön, wollen Beides besorgen – es kommt nur immer auf die richtige Eintheilung an, wie ich unserem Secretär wohl zehnmal am Tage sage!« Damit hatte er seine alte Mütze, die er auf der Straße immer keck auf dem linken Ohr trug, abgelegt und die Dinte in wenigen Minuten so verdünnt, daß Handor doch seinen Namen damit unterschreiben konnte und ihm jetzt die Quittung reichte.

»Danke gehorsamst. – Wollen wir den Wein wieder wegstellen?« sagte dann Peters zurückhaltend.

»Den sollten Sie ja trinken!«

»Der Wohlthätigkeit keine Schranken gesetzt, wie auf den Zetteln des Kirchenconcerts steht,« bemerkte Peters, indem er sich selber ein Glas herbeiholte, den Wein hineingoß und den Rest auf einen Zug leerte. »Donnerwetter, das ist guter Stoff, Herr Handor!« fuhr er, sich den Mund wischend, fort – »so etwas kommt eigentlich selten an einen Theaterdiener, immer nur Haßburger Dünnbier, mit Respect zu melden – Fußbad, wie wir's in der »Krone« nennen. Nu, danke auch recht schön!«

»Und das für Botenlohn,« sagte Handor, indem er ihm ein Geldstück in die Hand drückte.

»Auch noch?« bemerkte Peters – »ja, da sieht man gleich, was ein erster Liebhaber ist – ein erster Tenorist zahlt nie ein Trinkgeld, wenn er Vorschuß kriegt; sie meinen immer, es käme zu oft und liefe zu viel in's Geld. Also 'pfehle mich Ihnen, Herr Handor – morgen haben Sie doch nichts zu thun, nicht wahr? Ach so, es ist ja Oper – also vergnügten Abend – nun, mit dem kleinen Paketchen da kann man sich schon einen vergnügten Abend machen, und es reicht auch ein Stück in die Nacht hinein.«

Und damit schoß der gesprächige Diener der Musen wieder zur Thür hinaus, während Handor, der sich indessen Licht angezündet hatte, den Brief des Directors mit den Augen überflog. Bei dem Abschiedsgruß des Burschen nickte er nur mit dem Kopfe.

Der Brief war kurz und lautete:

»Mein lieber Herr Handor! Es ist eigentlich vollkommen gegen meine Grundsätze, irgend einem Mitglied zweimal im Monat Vorschuß oder sogar die erst zum Ersten fällige Gage voraus zu zahlen. Ich will dieses Mal eine Ausnahme machen, da der Erste ja bald ist, und um Sie auch bei guter Laune zu erhalten. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.

Ihr ergebenster Krüger, Director.«

Noch während er las und ein leichtes, spöttisches Lächeln über seine Züge blitzte, klopfte es stark an die Thür. Fast unwillkürlich nahm er das Paket Banknoten, schob sie in die Tasche und rief dann: »Herein!«

Der Anklopfende ließ sich nicht lange bitten.

»Guten Abend, Herr Handor! Das freut mich ja sehr, daß ich Sie endlich einmal zu Hause treffe – ich bin heute schon viermal da gewesen und immer umsonst!«

»Ah, Meister Seilitz,« sagte Handor, der seine Augen mit der Hand gegen das Licht schützen mußte, um ihn zu erkennen – wenn er ihn nicht schon an der Stimme erkannt hatte, denn er schien eben nicht angenehm überrascht von der Entdeckung, – »und was verschafft mir die Ehre Ihres fünfmaligen Besuches?«

»Ja, mein bester Herr Handor, Sie wissen ja wohl – die Rechnung. Dem Fabrikanten muß ich vierteljährlich seine Tuche bezahlen, die Gesellen wöchentlich, und ich bin nicht mehr im Stande, die Auslagen zu bestreiten, wenn mich meine Kunden so im Stich lassen. Ich möchte Sie dringend bitten, mir wenigstens einen Theil meiner Rechnung abzubezahlen!«

»Mein guter Herr Seilitz,« sagte Handor lächelnd, »Sie wissen aber doch, daß ein Schauspieler nie vor dem Ersten Geld hat, und mit dem besten Willen wär' ich jetzt nicht im Stande –«

»Aber Sie erinnern sich doch, Herr Handor, daß ich Ihnen das letzte Jahr hindurch regelmäßig am Ersten meine Aufwartung gemacht habe, und der Himmel weiß, wie es kommt, ich konnte nie den günstigen Moment treffen, denn einmal kam ich eine Stunde zu früh und das andere Mal eine Stunde zu spät – aber es war immer nichts.«

»Sie haben wirklich Unglück gehabt, Meister Seilitz,« sagte Handor, »aber diesmal soll ihnen das nicht wieder so begegnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir diesmal am Ersten meine Rechnung abschließen – vielleicht noch früher.«

»Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, Herr Handor,« sagte der Schneidermeister, »und da es nur noch ein paar Tage bis zum Ersten sind, so will ich auch nichts weiter dagegen sagen. Dann aber müßte ich wirklich – so leid es mir thun sollte – die Gerichte zu Hülfe rufen, denn ich kann nicht länger warten.«

»Nun, Meister Seilitz, wenn Sie mir auch nicht gerade gleich mit den Gerichten drohen...«

»Es thut mir wirklich leid, Herr Handor, denn ich behandle meine Kunden gern mit Achtung, aber...«

»Jetzt werden Sie doch so freundlich sein und mich verlassen, Herr Seilitz,« sagte Handor, der auch anfing ärgerlich zu werden. »Wenn Sie bis zum Ersten Ihr Geld nicht haben, »so thun Sie nachher, was Ihnen – angenehm ist.«

»Sehr wohl, Herr Handor – Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und ich verlasse mich darauf. Sie wissen, wenn ich Ihnen einmal etwas versprochen, habe ich es auch gehalten.«

»Das haben Sie – also für den Augenblick...«

»Ich will Ihnen nicht länger lästig fallen – am Ersten, Morgens zwischen zehn und elf Uhr, werde ich mir wieder erlauben nachzufragen.«

»Sehr wohl, Herr Seilitz.«

»Guten Abend, Herr Handor.«

Handor stand, als ihn der Mann verließ, mit dem rechten Arm auf den Tisch gestützt, die Linke in der Tasche, in die er die Banknoten gesteckt, und blieb in der Stellung noch lange, nachdem sein Gläubiger schon die Stube und das Haus verlassen hatte. Leise nickte er dabei mit dem Kopf und murmelte:

»Das geht nicht mehr länger so – das geht bei Gott nicht mehr! Das ist ein Hundeleben, und keine Existenz – aber bah,« rief er, den Kopf zurückwerfend, daß ihm das lange, lockige Haar aus der Stirn flog, »steh' ich denn nicht am Vorabend großer Ereignisse? Bis zum Ersten? – Bis zum Ersten sind die Würfel gefallen, und Sie bekommen Ihr Geld, Herr Seilitz, oder – Sie bekommen es nicht,« setzte er gleichgültig hinzu, ging zum Secretär, in dem er das eben vom Director erhaltene Geld, den Rest seiner ganzen Gage für diesen Monat, verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Dann klingelte er und nahm Hut und Mantel um, blieb aber noch mitten in der Stube, so fertig angezogen zum Ausgehen, stehen, bis die Thür aufging und sein kleiner Laufbursche, der aber eine dünne Goldlitze als Ansatz einer Livrée um den Rockkragen trug, in der Thür erschien.

»Ich gehe aus, Fritz.«

»Sehr wohl, Herr Handor.«

»Weißt Du, wohin ich gehe?«

»In die »Hölle«, Herr Handor.«

»Allerdings, mein Bursche – wenn Dich aber Jemand danach fragen sollte?«

»Bis dahin werd' ich's wohl wieder vergessen haben, Herr Handor.«

»Gute Nacht, mein Bursche,« sagte der junge Mann, ihm mit dem Kopf zunickend, und stieg langsam und leise vor sich hin pfeifend die Treppe hinunter.

17.
Festvorkehrungen.

Die nächsten Tage brachten in Haßburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und Vogelschießen waren vorbei, und die gewöhnliche Erschlaffung nach allen solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haßburger Jugend amüsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden, um einen Blick in die oft sehnsüchtig, jedenfalls neugierig umlagerten Heiligthümer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg gekrönt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre Sehenswürdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld für das Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden, zahlte ihnen doch keiner mehr Entrée, und das »Aufladen« wurde ziemlich öffentlich betrieben.

Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wißbegierigen Jugend, um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen Persönlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Öllampen und im bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.

»Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den Degen bis in den Magen stieß,« rief einer der Jungen seinem Nachbar zu, indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.

»Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grünen Jacke!«

»Der mit der langen Troddel an der Mütze, gewiß; ich sag' Dir, ich kenn' ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein – das ist er.«

»Und Du, das ist das kleine Mädchen, das auf dem Seil tanzte – na, sieht die aber heute aus!«

Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in großcarrirten Hosen, trug eine gestickte Mütze mit einer wohl eine halbe Elle langen Troddel von unächter Quaste, und war in eine grüne, abgeschabte Pikesche gekleidet. Das Mädchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darüber ein altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch – und wie unbeschreiblich prächtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.

Der Jugend blieb aber nicht lange Zeit, sich mit dem Studium der verschiedenen Charaktere zu befassen, denn Einer rief es in diesem Augenblick dem Andern zu, daß die Thierbude ausgeräumt würde, und Alles drängte dorthin, um einen Blick auf die wilden Bestien gratis zu bekommen.

Boshafter Weise hatten die Wärter allerdings die verschiedenen Kästen mit Matten und alten Decken verhangen, so daß nichts frei blieb, als einige Affen und ostindische Arras, die aber von keinem Interesse waren, da sie den ganzen Markt über außen an der Bude der Schaulust des Publikums preisgegeben gewesen. Hier und da rutschte aber doch einmal ein oder der andere Vorhang bei Seite oder war nicht gut genug befestigt und glitt, das Innere des Käfigs enthüllend, nieder.

»Der Eisbär!« ging dann der Ruf durch die ein Hurrah ausstoßende Jugend. »Hast Du ihn gesehen? Und das war der eine Löwe!«

»Ach bewahre, das war ein Leopard.«

»Ja, Du weißt's – ich habe den Schwanz und das ganze Hinterbein gesehen.«

»Du, da ist der Seehund – hurrah!« schrieen die Jungen, als das fragliche Thier, durch die ungewohnte Bewegung vielleicht, aus seinem Faß oder Kübel hinausschnellte und von dem zuspringenden Eigenthümer wieder zurück in sein nasses Element geworfen wurde.

Es gab so viel zu sehen, das kleine Volk wußte gar nicht, wohin es sich zuerst wenden, was es zuerst anstaunen sollte, und doch starrte das nackte Elend fast aus all' diesen halbzerrissenen Schaubuden dem Sonnenlicht entgegen. Bleiche, überwachte Gesichter, schlecht und ärmlich gekleidete, aber trotzdem mit unächtem Schmuck bedeckte Gestalten, widerliche rohe Kerle, die brennende Cigarre im Munde; abgelebte, verdrossene Frauen oder freche Dirnen, die mit den Vorbeipassirenden ihre nichts weniger als zarten Scherze trieben. Und dabei hämmerten die Zimmerleute, warfen die Dächer der Buden hinab, wo die bisherigen Inhaber derselben sie noch nicht einmal vollständig geräumt hatten, und allerlei wunderliches Fuhrwerk hielt dabei mitten zwischen den verschiedenen Haufen von »Künstlern«, Kindern, Hunden, Ponies und Affen, um ihre bunte Fracht aufzunehmen und dann einen andern Platz, eine andere Stadt zu suchen, wo sie ihr trauriges Geschäft fortsetzen und ihr Leben fristen konnten.

Und wie froh waren die Insassen der benachbarten Häuser, daß dieses wüste Toben und Treiben, dem sie eine volle Woche hatten still halten müssen, nun doch endlich einmal seinen Abschluß gefunden! Wie weggefegt waren die Drehorgelspieler und Mordgeschichten-Ausschreier, die Fleckenreinigungs- und Glasdiamanten-Männer, die blinden Bergwerksbesitzer und Luftballon-Jungen. Kein Kameel drückte mehr der nordischen Promenade seine Fährten ein, kein Bärenpaar balgte sich unterwegs zum Entsetzen harmloser Kindermädchen. Es war vorbei, das Vogelschießen beendet, und die Stadt lag wieder still und ruhig wie immer, die Bewohner derselben gingen auf's Neue ihren gewohnten Beschäftigungen nach.

Und doch bereitete sich schon wieder eine neue Aufregung für die Stadt vor, die aber dieses Mal nur in bestimmten und bevorzugten Kreisen blieb: die Ankunft des Erbprinzen, die am ersten Abend eine Festvorstellung im Theater eröffnen und am zweiten ein Ball beschließen sollte, zu dem der größte Theil der haute volée und sogar auch sehr viele bürgerliche Familien geladen waren. Wie viele Hände setzt aber ein solcher Ball in Bewegung, denn was für eine Masse von Putz und Staat wird für einen solchen Abend aufgespart und zur Schau gestellt, und wie viel unsagbare Mühe kostet es, bis alle die nothwendigen Ingredienzen, vom weißen Atlasschuh bis hinauf zum dominirenden Haarschmuck, ausgewählt, geprüft, verworfen, verändert und endlich für brauchbar befunden, zusammengetragen und zur wirklichen Benutzung hergestellt sind!

Und wie wird da geschneidert und gestärkt, gewaschen, aufgeputzt und abgemessen, und was für große Berathungen finden – bei geschlossenen Thüren und im Corset – statt, und mit welcher Wichtigkeit wird das Alles betrieben, als ob das Wohl der einzelnen Familienglieder davon abhange – und wie wünschen sich die Töchter, daß der Abend schon da – und Vater und Mutter, daß er erst vorüber wäre!

Dieser Hast des Zusammenbauens stand aber das Theater nicht nach, denn es hatte sich herausgestellt, daß »Hamlet« als Festvorstellung nicht genügen würde. Der junge Prinz – oder der alte Hofmeister vielleicht – liebte nämlich auch Ballet, und da es sich doch nicht gut in den »Hamlet« einlegen ließ (obgleich einige Directoren doch vielleicht einen Geistertanz in der Kirchhofsscene möglich gemacht haben würden), so war beschlossen worden, in den Zwischenacten, und zwar nach dem ersten und dritten Act, eine besonders zu dem Zweck herbeigerufene Balletgröße springen zu lassen.

Das gab jetzt Proben. Der Theaterdiener kam gar nicht mehr von den Füßen, ausgenommen wenn er unterwegs einmal aus Versehen in ein Bierhaus hineinfiel, wo er dann wunderbarer Weise fast jedesmal den Souffleur Mauser traf. Dieser benutzte nämlich die verschiedenen Zwischenpausen auf das Geschickteste, um sowohl seinen Durst wie Ärger mit einem oder verschiedenen Gläsern Bier hinunter zu waschen. Jede Probe und Vorstellung erfüllte ihn aber auch mit neuem Gift, denn er konnte noch immer nicht die Zeit vergessen, wo er selber da oben auf den Brettern gestanden und seiner Lunge freien Lauf gelassen hatte. Aber es war nicht gegangen – Chicane natürlich arbeitete dagegen an: das Publikum zeigte sich in den ernstesten Scenen heiter, und der Director behauptete, daß er seine Rolle zu Schanden schriee. Da wurde er aus Rache Souffleur, und der Ingrimm kochte mit ihm im Kasten drin.

Und heute erst – heute war der Erbprinz angekommen, und Alles drängte auf den Straßen zusammen, um ihn vorüberfahren zu sehen; nur in den düsteren Theaterräumen hatte man keine Zeit dazu, denn dort wurde die Generalprobe für den heutigen Abend abgehalten, und Handor wußte kein Wort mehr von seiner Rolle.

Zehnmal wenigstens mußte er den »Hamlet« schon gespielt haben, aber so zerstreut wie heute war der unglückselige Mensch noch in seinem ganzen Leben nicht gewesen, und Mauser hätte ihn erwürgen können.

Der Director selber ging in Todesangst hinten auf der Bühne auf und ab, denn Handor ließ sich nie etwas sagen und war im Stande, wenn er irgendwie geärgert wurde, heut Abend statt seiner Garderobe ein ärztliches Zeugniß auf die Bühne zu schicken, daß er nicht spielen könne. Er wollte wie ein rohes Ei behandelt werden, und wenn er heute stecken blieb – und nach der Generalprobe mußte er stecken bleiben –: der Director trug eine Perrücke, aber er hätte sich mögen die Haare ausreißen.

Rebe hatte die Rolle des Güldenstern, und in der Scene mit ihm und Rosenkranz wußte Handor in der That kein einziges Wort mehr; er mußte vor dem Souffleurkasten stehen bleiben und dem Souffleur nur eben nachsprechen, was er ihm vorsagte. Es war eine peinliche Situation für die übrigen Schauspieler, und nach der Scene, als Handor in das Conversationszimmer ging, wo er eine Flasche Wein stehen hatte, folgte ihm der Director.

»Mein bester Herr Handor!«

»Herr Director?«

»Nicht wahr, Sie memoriren heute noch tüchtig? Es – es haperte ein wenig; denn wenn wir uns heut Abend blamiren sollten...«

»Glauben Sie, daß ich mich blamiren werde, Herr Director?« sagte Handor.

»Sie – oh Gott, nein, gewiß nicht, lieber Handor! Aber schon ein Zögern im Dialog – der Erbprinz kennt den »Hamlet« durch und durch, und Sie können sich doch denken, daß ich eine Art von Stolz darein setzen würde, wenn Sie ihn so recht packten und hinrissen!«

»Haben Sie keine Furcht,« sagte Handor gleichgültig – »ich – bin heute Morgen etwas zerstreut – ich erhielt gerade vor der Probe einen unangenehmen Brief – die Todesnachricht eines Verwandten; ich kann meine Rolle, Sie werden heut Abend sehen.«

»Das gebe Gott!« sagte der geplagte Director mit einem recht aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »Sie wissen ja auch, Herr Handor, daß ich Ihnen überall gern gefällig bin, wo ich nur irgend kann.«

»Ich weiß es, mein lieber Director; Sie werden heut Abend keine Ursache haben, sich über mich zu beklagen. Mauser soll mir kein einziges Wort souffliren.«

»Mein lieber Herr Handor!«

»Gewiß, mein bester Director; kommen, Sie, nehmen Sie ein Glas Wein mit mir. Mir ist die Kehle wie ausgebrannt.«

»Ja, mir auch,« stöhnte der Director, indem er der Einladung Folge leistete, »und hier wollen wir auf eine gute und zusammengreifende Vorstellung anstoßen – Hamlet lebe!«

»Hamlet der Däne lebe,« lachte Handor, »wenn Sie ihn auch heut Abend umbringen lassen!«

»Ach, Du lieber Gott, wenn nur der Abend erst vorüber wäre!« sagte der Director, wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff dann seinen Strohhut auf, um nach Hause zu gehen. –


Draußen im Schlosse des Grafen Monford ging es fast noch unruhiger zu, als im Theater, denn einige dreißig Gäste waren auf heut Abend angesagt, und die Vorbereitungen dazu wurden im großartigsten Maßstabe getroffen.

Allerdings genirte den Grafen die Festvorstellung im Theater, und er würde die Verlobung seiner einzigen Tochter gern verlegt haben, wenn sich nicht gerade an diesen Tag eine besondere Erinnerung knüpfte. Aber eben heute vor achtundzwanzig Jahren hatte er sich mit seiner eigenen Frau verlobt, und es war schon seit langer Zeit sein Lieblingswunsch gewesen, Paula's und später George's Verlobung an dem nämlichen Tag zu feiern. Selbst die Ankunft des Erbprinzen konnte deshalb keine Änderung in seinem ursprünglichen Plan hervorrufen, hätte er sich selbst mit dem regierenden Hause besser gestanden, als er wirklich stand. Aber das war eine alte Geschichte, und der regierende Herr ihm einmal in einer Rangsache zu nahe getreten, was ihm Graf Monford nie vergab; weshalb also sollte er jetzt auch Rücksicht auf den Thronfolger nehmen! Es geschah ihm ganz recht, wenn er den ersten Rang nur spärlich besetzt fand, denn die Herrschaften hatten den Adel überhaupt vernachlässigt und mochten es sich selber zuschreiben, wenn der Adel ein Gleiches mit ihnen that.

Um so mehr fühlte sich aber der Graf Monford dafür verpflichtet, heute jeden Glanz zu entfalten, den sein Haus bot, und während das ganze Schloß von oben bis unten in einen blühenden Garten verwandelt worden war, brach die Tafel fast unter der Last des Silbers, die sie zu tragen hatte, und immer noch schleppten die Diener Kisten und Ballen herbei, deren Inhalt die hier schon ausgestreute Pracht vermehren sollte. Dadurch aber glich das Haus trotz der Blumen und der ausgestellten Herrlichkeit mehr einer Packkammer, als einer Festhalle.

Graf George war den ganzen Tag abwesend, denn er hatte in der Stadt alle Hände voll mit der Inscenesetzung seines Stückes zu thun, welche auf der Privatbühne einer andern befreundeten Familie in Haßburg stattfand. Wie erschrak er freilich, als er hörte, daß die junge Gräfin Rottack gleich nach der Leseprobe unwohl geworden sei und einen ganzen Tag das Bett hüten mußte. Er fürchtete schon einen neuen Schlag für sein Theater. Glücklicher Weise war es aber nur ein leichtes Unwohlsein gewesen, und sie fühlte sich schon am nächsten Morgen wieder wohl genug, die einmal übernommene Pflicht auch zu erfüllen.

Aber wie viel gab es für den armen jungen, daran gar nicht gewöhnten Grafen noch dabei zu thun, und wie geheimnißvoll mußte das Alles betrieben werden! Was für Mühe hatte es außerdem gekostet, das kleine, schon lange nicht mehr benutzte Privattheater im Schlosse selber wieder in Stand zu setzen, ohne daß Paula etwas davon merkte – und nur der geringste Verdacht würde ja die ganze Überraschung zerstört haben. Paula schien ihm aber dabei ordentlich selber in die Hände zu arbeiten, denn sie sah nichts von Allem, was um sie her vorging, und war nie zufriedener, als wenn sie ungestört und allein in ihrem Zimmer bleiben oder im Garten auf und ab gehen konnte.

Recht bleich und angegriffen sah sie aus, das konnte selbst dem jungen, leichtherzigen Grafen nicht entgehen, und er hatte sie oft gefragt, ob sie sich unwohl fühle, aber immer eine entschieden verneinende Antwort erhalten. Sollte sie sich wirklich in der Verbindung unglücklich fühlen? Aber Hubert war solch ein herzensguter und tüchtiger Mensch, sie mußte glücklich an seiner Seite werden, noch dazu, wenn sie sah, wie glücklich sie die Eltern dadurch machte. Das gab sich auch gewiß schon nach den ersten Tagen: nur das Neue der Situation, nur der Gedanke, in ein vollkommen fremdes Leben selbstständig einzutreten, machte sie jetzt so befangen und zerstreut und raubte ihren Wangen die sonst so blühende Farbe, ihren Augen den gewohnten freundlichen Glanz. Damit beruhigte sich George vollkommen, und hatte auch in der That jetzt so viel und so Verschiedenes zu denken, daß er gar nicht recht zu Besinnung kommen konnte. Die Schwester hätte ihm auch wirklich gar keinen größeren Gefallen thun können, als daß sie sich still und abgeschlossen hielt.

Paula war in der Zeit viel im Garten und ihr liebster Spaziergang der nach dem alten Thurm, wo sie Stunden lang allein und träumend saß und nach den fernen Bergen hinüberschaute. War sie doch auch jetzt von ihrer Gouvernante oder Gesellschafterin vollständig erlöst, die sich allerdings noch im Hause befand, aber alle Macht über sie verloren hatte.

Graf Monford wollte, daß seine Tochter sich frei und unabhängig fühlen lernen sollte, ehe sie das elterliche Haus verließ, und Paula dankte ihm das wenigstens aus vollem Herzen.

Auch heute Morgen war das junge Mädchen erst langsam auf der Terrasse eine Zeit lang auf und ab und dann ihrer Lieblingsstelle zugegangen, und George hatte mit Schmerzen auf den Augenblick gewartet, wo er sie in den Büschen verschwinden sah, denn eine neue Decoration, mit deren Anfertigung sich der Maler verspätet hatte, lag schon seit zwei Stunden im Hinterhalt und konnte nicht in das Schloß geschafft werden, so lange er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, daß die Schwester plötzlich aus ihrem Zimmer treten und ihm die ganze Freude stören möchte.

Jetzt war sie fort, und eben wollte er den Befehl geben, die etwas unbehülflichen Versetzstücke rasch herbeizuschaffen, als Mademoiselle Beautemps auf dem Schauplatz erschien. Daß die nicht schweigen konnte, wo sie nur die Ahnung hatte, daß es ein Geheimniß galt, wußte er aus Erfahrung, und die mußte deshalb ebenfalls unter jeder Bedingung entfernt werden.

»Ah, Mademoiselle,« rief er ihr zu, »wo haben Sie denn gesteckt? Paula hat Sie schon seit einer Viertelstunde gesucht.«

»Die Comtesse mich?« rief die Französin, nicht ohne Grund erstaunt; »das wäre wunderbar.«

»Ja gewiß, sie ist in den Garten gegangen, um Sie dort zu suchen. Im Park oder am alten Thurm werden Sie sie finden.«

Mademoiselle schüttelte mit dem Kopf, folgte aber doch der Weisung und nahm ebenfalls die von Paula eingeschlagene Richtung.

»So, nun aber rasch,« lachte George fröhlich vor sich hin; »tummelt Euch, Ihr Leute, in zehn Minuten muß Alles im Hause und hinter verschlossenen Thüren sein, damit uns die Damen nicht wieder in den Weg kommen, denn das Fräulein wird bald wieder abgefertigt werden. Was Paula nur denken wird,« schmunzelte er dann leise vor sich hin, »daß ich ihr die alte Französin über den Hals schicke; aber heut Abend erzähl' ich ihr, weshalb.«

Die Leute sprangen mit gutem Willen zu, und die verschiedenen Coulissen und Versetzstücke wurden rasch in's Schloß und die Treppe hinauf gebracht. Nur der alte Jonas schüttelte den Kopf dazu, daß sie auch noch gemalte Bäume in das Haus schleppten, wo er selber schon Alles in einen blühenden Wald verwandelt hatte, und schimpfte auf die ungeschickten Träger, die ihm da und dort an den Ecken die aufgestellten Blumenstöcke umgeworfen und sogar ein paar Töpfe zerbrochen hatten. Nichts wie Ärger mit dem unnützen Volk, das nicht einmal eine Distel von einer Camellie unterscheiden konnte und so rücksichtslos mit der einen wie mit der andern umging.

Mademoiselle Beautemps wandelte indessen in majestätischer Haltung den Weg entlang, den vor ihr, leicht wie ein scheues Reh, Paula geschlüpft war, und wunderte sich im Stillen, was die Comtesse von ihr haben wolle, da sie sich in der letzten Woche kaum mit einem Blick um sie gekümmert hatte.

Ihre Stellung hier war überhaupt eine unhaltbare geworden, so strenge Gewalt sie auch bis noch vor ganz kurzer Zeit über die einzige Tochter des Hauses ausgeübt. Der alte Graf selber mochte sie dabei nicht leiden, wie sie recht gut fühlte, und sie war auch schon fest entschlossen, nicht, wie es vorher bestimmt, bis zur Vermählung der Comtesse hier auszuhalten, sondern gleich nach der Verlobung die Familie zu verlassen. Was sollte sie auch noch länger hier, wo sie doch nichts mehr befehlen durfte und von keiner Seite geliebt, nur von der Gräfin selber noch gehalten wurde? Die Comtesse haßte sie ja doch, das wußte sie genau, und das Gefühl war gegenseitig.

Albernes, eigenwilliges Ding, vom Glück verzogen, von ihren Eltern und ihrer ganzen Umgebung verwöhnt, nur nicht von ihr – beim Himmel, nicht von ihr! Hatte sie sich nicht aufgeopfert für das alberne Geschöpf und sogar eine Stelle bei der Fürstin Negitchow ausgeschlagen, und welchen Dank dafür gehabt, als stummen Gehorsam und ein verdrossenes Wesen? Und jetzt mußte sie auch noch erleben, daß sie die reichste und beste Partie im ganzen Lande machte und dann jedenfalls mit Stolz und Hochmuth auf sie herabgesehen hätte; dem wenigstens wollte sie entgehen, den Kelch sich ersparen und morgen – sie war fest dazu entschlossen – ihre Stellung aufgeben und dann auch ohne Weiteres Haßburg verlassen.

Mit diesen Gedanken, die langen, mageren Arme vor sich fest in einander geschlagen, die Brauen zusammengezogen und die dünnen Lippen eingekniffen, schritt sie vorwärts und erreichte jetzt, den Windungen des mit Büschen besetzten Weges folgend, das kleine Plateau, auf welchem der alte Thurm stand.

Von hier aus konnte sie freilich noch nicht die ganze Terrasse überblicken; wie sie aber um den Thurm herumschritt, sah sie Paula, die dort, den Ellbogen auf die niedere Mauer gestützt, unter einer der Aloevasen lehnte und einen kleinen, rosafarbenen Zettel in der Hand hielt, der ihre Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch zu nehmen schien. So vertieft war sie in denselben, daß sie nicht einmal das Nahen der sonst so gefürchteten Gouvernante bemerkte, und erst als sie deren Schritt auf dem knisternden Kies hörte, hob sie rasch erschreckt den Kopf und knitterte zugleich das kleine Blatt wie unwillkürlich in ihrer Hand zusammen.

»Mademoiselle!«

»Gnädige Comtesse sind so angelegentlich beschäftigt, daß Sie mein Kommen nicht einmal gewahrten,« sagte die Französin mit einer fast spöttischen Höflichkeit, indem ihr Blick scharf und forschend bald auf den Zügen des jungen Mädchens haftete, bald zu der Hand hinflog, die noch immer das Blatt, aber jetzt verborgen, hielt.

»Und weshalb schleichen Sie hinter mir drein?« sagte Paula finster, denn zum ersten Mal erhob sich ihr Herz zum offenen Widerstand gegen die ihr lästige, widerliche Persönlichkeit.

»Schleichen, gnädige Comtesse?« lächelte die Mademoiselle. »Wie ein Grenadier bin ich aufgetreten, aber Sie hörten und sahen nicht. Es muß etwas sehr Interessantes sein, was Sie da studirten.«

»Und was wollen Sie?«

»Was ich will? Ich könnte Ihnen einfach sagen, daß ich spazieren ginge, wie Sie,« bemerkte die Gouvernante kalt; »aber Sie scheinen selbst vergessen zu haben, daß Sie mich gesucht und nach mir verlangt. Graf George schickt mich zu Ihnen.«

»Mein Bruder? Sie zu mir? Und weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Ich sage Ihnen ja, daß er behauptet, Sie hätten mich gesucht.«

»Das ist denn ein Irrthum,« erwiderte die Comtesse kalt, drehte sich ab und lehnte sich wieder auf die Terrassenmauer, ohne ihre frühere Gouvernante weiter eines Blickes oder einer Antwort zu würdigen.

Die Französin faßte ihre Unterlippe mit den Zähnen, und einen Augenblick war es fast, als ob sie ihrer Gereiztheit über solche augenscheinliche Mißachtung Worte leihen wolle; aber sie hatte das Terrain verloren. Ein Zank mit der jetzt gefeierten jungen Herrin konnte ihr nur schaden, und sich auf dem Absatz herumdrehend, schritt sie schweigend, aber in wahrlich nicht besserer Laune den Weg zurück, den sie vorher gekommen, und erreichte das Schloß eben wieder, als Jonas, leise dabei vor sich hinmurmelnd, die umgeworfenen Blumentöpfe auf's Neue ordnete.


Oben im Park, der Stelle gerade gegenüber, wo der Maulwurfsfänger an jenem Morgen seinem heimlichen Angeln oblag, kniete jetzt der nämliche Mann mitten auf der Wiese und war eifrig bemüht, die dort gefangenen Maulwürfe an ihrer Drahtschlinge aufzuheben, die Fallen wieder zu stellen und die ertappten Übelthäter an einer schwanken Ruthe aufzuhängen. Neben ihm saß sein Spitz.

Unten vom Drahtzaun her kam der Förster, die Flinte auf dem Rücken, den gescheckten Jagdhund neben sich. Wie er die freie Wiese betrat, bemerkte er augenblicklich die dort kauernde dunkle Gestalt des Mannes, und schritt quer über den Rasen auf den Burschen zu.

Der Spitz knurrte, sowie der Förster seine Richtung änderte, und Fritz sah erst seinen Hund an und dann nach der Gegend hinüber, die dieser andeutete.

»Ruhig, Spitz,« sagte er aber, wie er nur die Gestalt erkannt hatte; »der thut uns hier nichts und muß höchstens mit langer Nase wieder abziehen. Kommt mir gerade recht und bin eben in der Stimmung, ihm Audienz zu ertheilen.«

Ohne den Nahenden auch nur so weit zu beachten, den Kopf noch einmal nach ihm umzudrehen, fuhr er in seiner Arbeit fort; aber der Spitz knurrte stärker, denn der Jagdhund genirte ihn, und er rückte auch etwas näher zu seinem Herrn, als er bis jetzt gesessen.

Er und der Jagdhund schienen auch in der That keine großen Freunde zu sein, als ob sie die Antipathie theilten, die ihre beiden Herren gegen einander empfanden. Caro, wie der Hund des Jägers hieß, kam mit gesträubten Haaren und hochgehobenem Schwanze, an dem auch nicht die geringste Spur von Wedeln sichtbar war, langsam näher; er knurrte freilich nicht, aber seine oberen Lefzen zogen sich zusammen, daß die blanken und scharfen Zähne sichtbar wurden, und er sah den kleinen Köter dabei von der Seite mit einem Blick an, als ob er nur einen leisen Wink seines Herrn erwartete, um mit einem Sprung über den Eindringling herzufallen.

Der Spitz schien sich übrigens gar nicht so sehr vor dem ihm an Stärke vielleicht viermal überlegenen Gegner zu fürchten. Den Rücken deckte er freilich dicht an seinem Herrn, dort aber hielt er auch Stand und wies dem großen Hunde die Zähne so lebhaft und kampfesmuthig, und hob sein kleines Schwänzchen so keck und herausfordernd empor, daß man ihm ansah, er würde einem Angriff von der andern Seite keinen Zollbreit ohne Gegenwehr weichen.

»Na, mein Bursch, was treibst Du hier wieder?« redete der jetzt dicht herangekommene Förster den Maulwurfsfänger mit eben nicht freundlicher Stimme an. »Eine Woche fast bist Du ausgeblieben, und ich hatte schon im Stillen gehofft, daß wir Dich los wären; Du scheinst aber zäher zu sein, als Deine Maulwürfe.«

»Ein freundliches Waidmannsheil wäre wohl ein besserer Gruß für einen Collegen gewesen, Herr Förster,« lächelte der Angeredete spöttisch vor sich hin, »aber manche Menschen verstehen es nicht besser. Und wo ich gewesen bin? Auf einem andern Revier, Herr College, um dem Raubzeug nachzustellen, denn wenn ich von der Monford'schen Besitzung allein leben sollte, möcht' ich in der Woche wohl kaum ein Stück Fleisch in den Topf bekommen, und am Sonntag erst gar nicht.«

»Und wie haben die Fasanen geschmeckt?« fragte der Forstmann tückisch.

»Na, wenn's auch gerade keine Fasanen sind,« erwiderte gleichgültig der alte schlaue Bursche, der nicht auf solche Weise zu fangen war, »so ist's doch wenigstens ein gesundes Stück Rindfleisch oder eine Bratwurst. Übrigens thun Sie mir die Liebe und halten Sie Ihren Hund zurück, denn wenn er mit meinem Spitz anbindet, stehe ich Ihnen für nichts. Der verwünschte Köter hat mir erst gestern einen Metzgerhund todtgebissen.«

»Das Ding da!« lachte der Förster verächtlich; »wenn ich meinem Caro Ein Wort sagte, frißt er ihn mit Haut und Haaren!«

»Möchte eine verwünscht theure Mahlzeit werden!« erwiderte trocken der Maulwurfsfänger, indem er seine letzte Beute an der Ruthe befestigte; »aber wo wollen Sie hin, Herr Förster?«

»Wenn Dich Jemand darum fragen sollte, mein Bursche,« erwiderte der Forstmann, »so sag' ihm nur einfach, Du wüßtest es nicht – verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Förster,« lächelte der Mann, »werd' es ausrichten. Haben Sie vielleicht sonst noch etwas zu bestellen?«

»Komm, Caro,« sagte der Jäger, »das ist keine Gesellschaft für uns. Übrigens,« fuhr er fort, sich nochmals nach dem Manne umdrehend, »erwische ich Dich noch einmal Nachts zwischen meinen Fasanen, mein Bursche – und daß ich Dir jetzt aufpasse, darauf kannst Du Dich verlassen, – so will ich von Gott verdammt sein, wenn ich Dir nicht die Jacke voll Schrot schieße – und nun Gott befohlen!«

»Gott befohlen, Herr Förster, und viel Glück zur Jagd,« lächelte ihm der Alte stillvergnügt nach.

Der Förster murmelte einen gotteslästerlichen Fluch in den Bart, wußte aber, daß er mit Reden doch nichts bei dem da ausrichtete, und schritt so hochbeinig fort, wie sein Hund, der sich alle Mühe gab, dem verhaßten Spitz durch ärgerliche Stellung begreiflich zu machen, daß sein Rückzug kein freiwilliger wäre und er eben nur seinem Herrn folgen müsse.

Der Maulwurfsfänger nahm aber gar keine weitere Notiz von ihm, und wie er sich erst überzeugt hatte, daß der Waidmann wirklich eine andere Richtung eingeschlagen, lachte er still vor sich hin und brummte:

»Alter Esel, Du wärst der Rechte, mich zu fangen! Mein Spitz hat mehr Grütze im Kopfe, als Du, und wenn's mich nach Fasanen gelüstete, holte ich mir heut Abend noch meinen Theil. 's ist doch wunderbar in der Welt,« setzte er dann hinzu, indem er still mit dem Kopf schüttelte, »was unser Herrgott in all' seinen verschiedenen Fächern für Kerle herumlaufen hat. Wem er ein Amt giebt, giebt er auch Verstand, sagt man gewöhnlich; – ja Prosit! Wär' ich in Deiner Stelle, und Du in meiner, alter Schneesieber, verdammt will ich sein, wenn Du mir auch nur eine Feder vom Platz holen solltest, ohne daß ich Dich erwischte, und jetzt plündere ich dem albernen Strohkopf schon ein Vierteljahr lang in Wasser, Wald und Feld sein Revier aus, ohne daß er auch mehr wie einen Verdacht hat, wer der Thäter ist – Du wärst mir der Rechte, mich zu fangen!«

»Holla, Fritz, wie geht's?« rief den Alten eine Stimme vom Wege herüber an, und als der Maulwurfsfänger rasch den Kopf nach ihm drehte – denn der Spitz hatte den Nahenden in seinem Ärger über den Caro gar nicht beachtet, – erkannte er Einen von der Dienerschaft, der mit einem Korb am Arme durch den Park ging und, als er den Maulwurfsfänger nicht weit aus seinem Weg sah, ein Stück quer über die Wiese hinüberschritt, um ein paar Minuten mit ihm zu plaudern.

»Nun, Alter, wie geht's – immer so fleißig? Heute solltest Du aber den Maulwürfen doch auch Frieden geben,« redete er ihn an.

»Heute – so? Und wer giebt mir Frieden? Sollen's die Bestien etwa besser haben, als ich?«

»Wer Dir Frieden giebt?« lachte der Lakai; »komm nur heut Abend auf's Schloß, Du gehörst ja doch gewissermaßen mit zu den Gutsleuten und kannst da auf ein derb Stück Braten und eine Flasche Wein sicher rechnen.«

»Nun, weißt Du, Thomas,« sagte der Maulwurfsfänger, und sein kleines graues Auge blitzte ordentlich wie in Stolz auf den betreßten Diener, »wenn ich einmal eine Flasche Wein trinken will, so zahle ich sie mir auch und brauche mich nachher bei Niemandem dafür zu bedanken.«

»Jetzt blas mir aber den Staub weg!« lachte der Lakai. »Na, wenn Unsereiner sich nicht zu gut dafür dünkt und der Förster selber herüber kommt, dann wirst Du Dich doch auch wohl nicht wegwerfen, wenn Du mit von der Partie bist!«

Es war fast, als ob der Alte eine trotzige Antwort geben wolle; aber er verbiß die Worte und benutzte die Pause, um sich eine frische Pfeife zu stopfen. Endlich sagte er, während er die Pfeife mit den Zähnen hielt und sich mit Stahl und Schwamm Feuer schlug:

»Und was ist heute da oben los, daß der Alte so freigebig mit dem Stoff herausrückt? Habe doch kein Wort davon gehört!«

»Nun, Verlobung ist heute, die junge Comtesse heirathet den Sohn vom Grafen Bolten – die erste Familie im Lande nach unserer, und da kannst Du Dir doch wohl etwa denken, daß es da hoch hergeht.«

»Sieh, sieh, sieh,« sagte der Maulwurfsfänger, leise vor sich hin mit dem Kopf nickend, »was man doch nicht Alles erlebt, wenn man alt wird; die Comtesse Paula heirathet den Windbeutel, den jungen Grafen Bolten!«

»Windbeutel? Ich wollte Dir nicht rathen, daß der Graf das Wort gehört hätte,« rief der Lakai, »bei Gott, es ginge Dir schlecht!«

»Und hat sie ihn gern?« sagte der Maulwurfsfänger, der einem ganz andern Ideengang folgte.

»Wer – die Comtesse? Soll sie ihn nicht gern haben, einen jungen, hübschen, vornehmen und steinreichen Menschen?«

»Wie ich ihr aber heute nicht weit vom Schloß begegnete, kam's mir beinahe so vor, als ob sie recht bleich und elend aussähe, und so in Gedanken war sie, daß sie nicht einmal bemerkte, wie ich sie grüßte, und sonst dankt sie immer so freundlich.«

»Na ja, ein bischen elend sieht sie wirklich aus,« meinte der Lakai; »aber das haben die vornehmen Fräuleins alle, das gehört mit zum guten Ton.«

»So?« sagte der Maulwurfsfänger zerstreut, der augenscheinlich gar nicht die Worte verstanden hatte. »Merkwürdig, daß so ein Fluch von der Mutter auf die Tochter vererben kann!«

»Was für ein Fluch?«

»Oh, nichts,« sagte der Mann kopfschüttelnd; »und um welche Zeit geht die Festlichkeit an?«

»Um acht Uhr natürlich, früher paßt es sich nicht. Aber ich muß fort, heute weiß man wahrhaftig nicht, wohin man zuerst springen soll.«

»Wohin willst Du denn?«

»In's Dorf und noch Eier holen; eine zwanzig Schock hat der Koch schon heute verbraucht, und immer langt's noch nicht. Nu, komm heut Abend nur, ich werde schon Sorge dafür tragen, daß Du nicht leer ausgehst!« – Und mit den Worten nickte er ihm protegirend zu und schlenderte dann, als ob er dem Maulwurfsfänger beweisen wolle, daß er über seine Zeit verfügen könne, wie es ihm beliebe, langsam den Weg hinab, der zum nächsten und hinter den Bäumen versteckten Dorfe führte.

»Bedientenpack,« murmelte der Maulwurfsfänger in den Bart, als er dem davonschwenkenden Lakai nachsah, »serviles, lumpiges Gesindel, das hinter dem Rücken der Herrschaft die Nase unter dem Hutrand trägt und sie dann wieder vor lauter Unterthänigkeit bis in den Boden hineindrücken möchte – Bedientenpack, ob sie in einer gestickten Uniform oder in einer Livrée stecken! Da doch, bei Gott, lieber Holzhacker oder Tagelöhner, wenn ich mein freies Gewerbe einmal mit einer andern Branche vertauschen müßte! Unter Deiner Protection Wein saufen, Du Lump? Lieber faules Wasser aus einer Regenmulde! Aber nützlich sind die Kerle doch,« lachte er plötzlich still vor sich hin, »denn wie hätte ich ohne den Tagedieb jetzt erfahren, daß heut Abend großer Volksschmaus im Schlosse und der Förster ebenfalls geladen ist. Wart', Grünrock, für morgen früh will ich Dir wenigstens eine Überraschung bereiten, die Dich freuen soll! Aber da wird es Zeit, daß ich mich jetzt nach Hause mache. Komm, Spitz, heut Abend wollen wir auch hochleben und Braten essen und Wein trinken, wenn auch auf andere Weise, wie der Lump da denkt. Die Maulwürfe mögen heute Feierabend haben – Hurrah, die Verlobung soll leben!« – Und seine alte Waidtasche umwerfend und den Stock aufgreifend, schritt er rüstig den Weg entlang, der nach der Stadt hinunter führte.