18.
Leiden eines Theater-Directors.

Der Abend rückte heran und das Theater prangte im Festesschmuck. Director Krüger hatte sich nämlich nicht damit begnügt, eine außergewöhnliche Anzahl von Gasflammen zu öffnen und überhaupt Alles anzuzünden, was leuchten wollte, sondern auch schon seit zwei Tagen den benachbarten Eichenwald plündern und dicke Guirlanden binden lassen, die den ganzen ersten Rang schmücken sollten. In der herrschaftlichen Loge waren sogar zwei Lehnsessel neu gepolstert, kurz, das Außerordentlichste geleistet, und wer Krüger kannte, behauptete, er lebe nicht mehr lange, denn es sei kurz vor seinem Ende.

Natürlich war heute Abonnement suspendu – nicht des Hamlet wegen, oh nein, denn in die classischen Stücke brachte er sonst, selbst im Abonnement, kaum das Nothwendigste von Zuschauern hinein! Aber daß keiner der Haßburger morgen sagen wollte, er habe den Erbprinzen noch nicht gesehen, wußte er, und die Neugierde mußte ihm heute das Haus füllen. Das Stück selber hätte deshalb auch recht gut »Der Erbprinz« heißen können und würde dann nach beiden Seiten hin gepaßt haben.

Es war noch früh und die Kasse eben erst geöffnet worden, aber trotzdem fingen die Räume schon langsam an sich zu füllen. Einzelne Damen mit stattlichen Crinolinen arbeiteten sich über die Bänke weg, Herren kamen herein, den Hut noch auf dem Kopf, und begannen sich langsam ihre weißen Glacéhandschuhe anzuziehen, und nur oben in die Gallerie drängten sich die Massen ein, um heute einen guten Platz – das heißt, eine Aussicht nach der herrschaftlichen Loge – zu gewinnen, wo sie recht genau zuschauen konnten, was der Erbprinz für ein Gesicht machen und ob er recht applaudiren würde.

Auf dem Theater selber sah es noch leer und dunkel aus. Die Arbeitsleute waren allerdings schon beschäftigt, Lampenwerk u. s. w. in Ordnung zu bringen und die verschiedenen Requisiten nach den Richtungen hin zu tragen, wohin sie der Requisiteur beorderte, aber von Schauspielern selber ließ sich noch Niemand sehen, denn die staken noch alle in der Garderobe, und nur dann und wann kam noch ein verspätetes Dienstmädchen, das einen großen, breiten Korb mit irgend einem Anzug trug, und verschämt damit vor der Herrengarderobe stehen blieb, bis Jemand herauskam, um ihn ihr abzunehmen. Hinein wäre sie um die Welt nicht gegangen – das hatte sie Einmal gethan, das erste Mal, als sie auf's Theater geschickt wurde, und den Schreck würde sie im Leben nicht vergessen.

Der Director stand vorn auf der Bühne und betrachtete sich durch eins der kleinen im Vorhang angebrachten Löcher das anwachsende Publikum.

Der Theaterdiener Peters schoß ein paar Mal über die Bühne herüber und war außerordentlich beschäftigt, aber der Director achtete gar nicht auf ihn. Es schien ein volles Haus zu werden, und er amüsirte sich vortrefflich am Vorhangloch.

Jetzt kam Peters wieder zurück; er war eine Zeit lang verschwunden gewesen und ging gerade auf seinen Chef zu.

»Herr Director!«

»Ja, Peters,« sagte dieser, ohne seine Stellung zu verändern, denn er erkannte ihn an der Stimme – »was giebt's?«

»Herr Handor ist noch nicht da.«

»Was?« rief der Director und fuhr wie der Blitz herum – »und kommt schon in der zweiten Scene – Herr Du mein Gott, wo steckt der unglückselige Mensch nur wieder? Laufen Sie doch einmal schnell zu ihm hinüber, Peters, und sagen Sie ihm, es wäre...«

»Ich komme eben von drüben, Herr Director, es ist aber Niemand zu Hause und der Schlüssel liegt unter dem Schrank draußen, wo er ihn immer hinlegt, wenn er ausgegangen ist.«

»Dann sitzt er vielleicht in der »Hölle« – na, weiter fehlte mir heut Abend gar nichts – laufen Sie einmal schnell in die »Hölle«, Peters – springen Sie ein bischen; es wäre doch schauderhaft, wenn der Mensch nicht so viel Interesse an der Sache nehmen sollte, daß er nicht einmal seine bestimmte Zeit einhielte!«

»Herr Gott, meine Beine!« seufzte Peters, als er sich wieder umwandte und in einem kleinen Hundetrab seiner neuen Bestimmung zueilte; »das ist ein Leben, Theaterdiener – wenn ich mich einmal zur Ruhe setze, werde ich Briefträger.«

Der Director hatte indessen das Publikum ganz vergessen, und wenn er einmal einen raschen Blick durch den Vorhang warf, so kamen ihm jetzt die Zuschauer, die ihm früher zu langsam eintrafen, viel zu rasch. Wieder und wieder lief er nach der Garderobe, um sich selber zu überzeugen, ob denn sein unglückseliger Prinz von Dänemark noch nicht eingetroffen sei.

Und wie rasch die Zeit vorrückte, seit er auf ihn wartete! Es war ordentlich, als ob der große Zeiger an der Uhr im Conversationszimmer durchgegangen sei und auf den Moment loshetzte, wo sich Director Krüger mit seinem Hamlet unsterblich blamiren sollte. – Wahrhaftig, da traf das Orchester schon ein, und in der Hofloge – Krüger hätte durch eine Versenkung abgehen mögen – erschien ein mit Orden vorn ganz bedeckter Kammerherr, sah nach, ob die Stühle vorschriftsmäßig standen, und entzückte dann, indem er sich mit seinem weißen Glacéhandschuhen vorn auf den rothen Plüsch der Balustrade stützte und sich das Publikum betrachtete, die Gallerie, wo der Ruf schon von Lippe zu Lippe ging: »Da is er!«

Peters kam im Sturmschritt zurück. Handor war nicht in der »Hölle«, aber vor etwa einer Stunde dort gewesen und hatte ganz allein eine Flasche Champagner getrunken; wo er jetzt sei, konnte ihm Niemand sagen – im »Paradies« wußten sie's auch nicht.

»Ist er denn noch nicht hier?« fragte Peters. Der Director gab ihm gar keine Antwort, und nur mit einem verzweifelten Griff fuhr er sich in die Haare und hob sich die Perrücke halb vom Kopfe.

Jetzt kam der Oberregisseur Sulzer im Costüm aus der Garderobe – er gab heute den König. Er hatte ein schwarzes Sammetbarett auf, mit einem Kronenreif darum, trug natürlich einen Hermelinmantel und gelbe, hohe Stiefel, und sah für einen König sehr bestürzt aus.

»Ist er denn noch nicht da, Herr Director?«

»Haben Sie ihn gesehen?«

»Ich? Nein – aber wo steckt der entsetzliche Mensch? Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!«

»Uns wird eins zustoßen, Sulzer!« rief der Director – »uns wird eins zustoßen – passen Sie auf – wenn er nicht bald kommt, rührt mich der Schlag, denn die Schande überlebe ich nicht!«

»Aber er muß ja kommen, er kann ja nicht ausbleiben! Ist denn der Prinz schon da?«

»Das fehlte auch noch – aber er muß jeden Augenblick eintreffen, und wahrhaftig, da steht der Kapellmeister schon unten mit seiner verfluchten weißen Halsbinde, und die Eichenkränze hängen um den ersten Rang herum, und alle Gasflammen brennen – es ist rein zum Rasendwerden!«

»Wenn wir nun erst die Mamsell Bollo – Badelli – oder Bodellichini – ich kann den verdammten Namen nicht behalten! – tanzen ließen?«

»Das ist eine Galgenfrist, Sulzer; aber es wird uns nichts Anderes übrig bleiben – mir ahnt Schreckliches!«

»Die wird aber auch noch nicht fertig sein, da sie eigentlich erst nach dem zweiten Act kommen sollte.«

»Bitte, springen Sie einmal hin, Sulzer – ich lasse sie um Gottes willen bitten, sich ein wenig zu beeilen! – Peters, ist er noch nicht da?«

»Nein, Herr Director, und jetzt kommt er auch nicht mehr.«

»Du giebst mir einen Dolchstich!« citirte Sulzer im Abgehen, um die Tänzerin in Gang zu bringen.

Die junge Dame war auch in der That ausnahmsweise früh gekommen, aber natürlich mit ihrer Toilette noch nicht fertig. Die Conversation wurde durch das Schlüsselloch geführt – sie erklärte, vor dem Beginn des Stückes nicht fertig werden zu können, und kein Mensch werde von ihr verlangen, daß sie wie eine »Schlumpe« (der Name war für eine Italienerin außerordentlich deutsch) an einem solchen Abend auf den Brettern erscheine.

»Na ja, das fehlte auch noch, daß sich die auf die Hinterbeine setzt!« rief Krüger wüthend und sprang selber nach der Garderobe.

»Aber dafür ist sie doch engagirt,« lachte Pfeffer, der als Todtengräber hinten mit Hilgen als Horatio auf und ab ging und sich über die Verzweiflung seines Directors und das Ausbleiben des einen Prinzen, während der andere jeden Augenblick eintreffen konnte, auf das Köstlichste zu amüsiren schien.

»Das wird ein Hauptskandal werden, wenn Handor nicht kommt,« meinte Hilgen; »so 'was ist noch gar nicht da gewesen – ich begreife den Menschen nicht; er weiß doch, was davon abhängt.«

»Nur immer zu,« lachte Pfeffer, sich vergnügt die Hände reibend; »ich freue mich wie ein Kind auf die Geschichte. Da ist doch endlich einmal eine Abwechselung in dem verdammten Theaterleben!«

»Lassen Sie das den Alten hören...«

»Bah, ich spiele meine Rolle und damit Basta – meine Ansichten sind mein eigen – und dem eingebildeten Laffen, dem Handor, gönne ich ebenso den Rüffel, den er kriegen wird, und den Strafabzug – vielleicht werden wir ihn ganz los damit, denn er ist doch weiter nichts, als ein erbärmlicher Coulissenreißer.«

»Strafabzug?« sagte Hilgen – »er hat schon seine ganze Monatsgage voraus – vom Peters weiß ich's.«

»Alle Teufel,« rief Pfeffer, sich rasch gegen Horatio umdrehend, »ist das gewiß?«

»Ganz gewiß!«

»Soll ich Ihnen etwas sagen, Hilgen?«

»Nun?«

»Dann ist der Musjö auch durchgebrannt und wir sehen ihn nicht wieder.«

»Unsinn – heute, am Abend der Vorstellung – vor einer Stunde bin ich ihm noch begegnet.«

»Na, wir wollen's abwarten – in Schulden sitzt er bis über die Ohren, das weiß jedes Kind – bezahlen kann er sie nicht, so viel ist auch sicher – übermorgen ist der Erste, wo ihm nachher wieder Alles über den Hals kommt...«

»Das wäre ein verfluchter Streich.«

»Abwarten und Thee trinken,« bemerkte Pfeffer, der in diesem Augenblick an Rebe und seine erneuten Aussichten dachte – »sind schon wunderlichere Dinge in der Welt passirt.«

Indessen klopfte der Director an Fräulein Bellachini's Thür und bat mit den höflichsten Worten, »wenn irgend möglich«, um Einlaß.

Drinnen fand noch eine kurze Debatte statt, dann wurde der Riegel zurückgeschoben, und Director Krüger sah sich der fast schon vollständig costümirten gefeierten Tänzerin gegenüber, während ihre Begleiterin oder Ehrendame oder Kammerjungfer eine Anzahl abgeworfener Stücke Damengarderobe rasch zusammen- und in die Ecke schob.

Der Director zeigte sich aber hier nicht wüthend, sondern war die Liebenswürdigkeit selber, und mit dem Hut in der Hand bat er die junge, wunderhübsche und deshalb auch natürlich gerade wundercapriciöse Tänzerin, ihn aus seiner grimmigsten Noth zu erretten und – ihre Toilette ein wenig zu beeilen. Sie sei jetzt schon so zauberschön – wie er in seiner Todesangst hinzusetzte, – daß sie eigentlich gar nichts mehr verbessern, sondern wieder zerstören könne, und sie möge doch ein klein wenig Erbarmen mit dem jungen Prinzen haben, der sicher nicht geahnt hätte, daß er nach Haßburg gekommen wäre, um hier rettungslos sein Herz zu verlieren.

Fräulein Bellachini sträubte sich erst und berief sich auf ihr Engagement und den Zettel. Krüger gab Alles zu; er war um den Finger zu wickeln. Dann wollte sie Bedingungen machen; er ergab sich auf Gnade und Ungnade. Endlich schien sie gerührt zu werden, und dem Director zuckte es wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, denn draußen begann in diesem Augenblick als Ouverture zum Hamlet, Beethoven's Trauermarsch.

Der Prinz war angekommen und der Hamlet fehlte noch immer.

»Wenn Sie ein Fünkchen von Erbarmen haben, so helfen Sie mir wenigstens aus der größten Noth!« rief er in Todesangst – »denken Sie, daß der Hamlet beginnen soll und daß ich keinen Hamlet habe – die ganze Vorstellung ist ruinirt!«

»Aber was geht das mich an? Ich tanze nur in den Zwischenacten...«

»Aber, zuckersüße Terpsichore,« rief Krüger mit einem Gesicht, als ob er sie hätte vergiften können, »sehen Sie denn nicht ein, daß wir ohne Hamlet auch keine Zwischenacte haben können? Das Stück ist ja aus, ehe es angefangen hat, und ich muß hinaus und das Publikum bitten, mir die Ehre an einem andern Abend zu schenken!«

»Keine Zwischenacte?«

»Natürlich nicht.«

»Und dann könnte ich gar nicht tanzen?«

»Der Erbprinz verläßt augenblicklich seine Loge, sowie er hört, daß das Stück gar nicht gegeben werden kann. Benutzen Sie also doch wenigstens diesen einen möglichen Moment, sich ihm zu zeigen, daß er Ihre Kunst bewundern kann.«

Das half. – »Also Sie glauben, daß der Hamlet wirklich heut Abend gar nicht sein kann?« fragte sie rasch.

»Ohne Prinzen von Dänemark? Ich kann ihn nicht spielen.«

»Gut, dann werde ich tanzen – rasch, Toni, meine Schuh', und hier die Blume noch ein wenig fester, sie schwankt zu sehr – ich werde Angst haben, Herr Director!«

»Angst? Ich habe Angst,« sagte der unglückliche Mann – »Sie werden mit Jubel empfangen werden und den alleinigen Triumph des ganzen Abends ernten – tausend, tausend Dank, mein bestes Fräulein!« und sich den Schweiß von der Stirn trocknend, stürzte er wieder hinaus auf das Theater.

»Ist er noch nicht da?«

»Herr Director,« sagte der Requisiteur, der aber auch Mitglied war und heute den Rosenkranz spielte, »ich glaube, Herr Handor kommt heute gar nicht. Ich habe in seinem Hause nachfragen lassen und dort erfahren, daß er heute Nachmittag einen kleinen Koffer weggeschickt habe – aber Niemand wußte, wohin.«

»Dann kann's nichts helfen, dann müssen wir zum Äußersten schreiten!« rief der Director, in dem plötzlich ein großer Entschluß gereift war – »Peters, springen Sie zu Meier hinüber – er soll augenblicklich kommen!«

»Er hat sich aber heute krank melden lassen...«

»Und wenn er auf dem Todtenbett läge, er muß spielen – und, halt – noch Eins – bringen Sie nebenan aus der Blumenhandlung einen Arm voll Kränze mit!«

»Kränze?«

»Kränze und Bouquets – was vorräthig ist – für die Direction, rasch; in zehn Minuten müssen Sie wieder da sein!«

Peters fuhr ab wie aus einer Pistole geschossen, denn heute war mit dem Director nicht zu spaßen.

»Herr Hilgen!«

»Sie befehlen, Herr Director...«

»Sie müssen heut Abend den Hamlet spielen.«

»Ich bitte Sie um Gottes willen!« rief der Mann erschreckt – »den Hamlet? – Dann verlangen Sie vielleicht auch, daß ich im Theater herumfliegen oder die Violine spielen soll?«

»Sie haben mir selber gesagt, Sie hätten ihn schon gespielt...«

»Ja, vor sieben oder acht Jahren – aber seit ich hier engagirt bin, hab' ich ihn nicht mehr angesehen. Ich weiß kein Wort mehr von der Rolle.«

»Sie können noch rasch in den Zwischenacten memoriren.«

»Ich bitte Sie um Alles in der Welt: Sie wissen, daß ich Ihnen gefällig bin, wo ich nur irgend kann, aber verlangen Sie nicht das Unmögliche – ich würde mich und Sie blamiren!«

»Aber Einer muß ihn spielen!« schrie der Director mit trotzdem vorsichtig gedämpfter Stimme, daß man ihn nicht unten hören konnte, denn das Orchester setzte gerade zu einem Adagio ein.

»Ich hätte nicht einmal Garderobe,« sagte Hilgen; »denn mit meiner kleinen, dicken Figur werden Sie doch einsehen, daß mir Herrn Handor's Anzug nicht paßte. Wollen Sie die ganze Geschichte lächerlich machen?«

Der Director lief in halber Verzweiflung mit nach unten gerungenen Händen auf der Bühne auf und ab.

Rebe als Güldenstern stand mit auf der Bühne – er hatte die Unterhaltung mit angehört. Jetzt trat er zu dem Director vor und sagte: »Herr Director!«

»Ja – Herr Rebe – nun, sind Sie vielleicht auch krank geworden?«

»Im Gegentheil,« lächelte Rebe, der aber in einer ungewöhnlichen Aufregung schien und unter der Schminke fast unheimlich aussah – »vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Sie? – Mit was, wenn ich fragen darf.«

»Ich will den Hamlet übernehmen...«

»Sie?« rief der Director fast sprachlos vor Staunen.

»Ich kenne jedes Wort der Rolle und könnte ihn ohne Souffleur spielen.«

»Aber um des Himmels willen, Menschenkind!« rief der Director – »Sie haben bis jetzt nichts als kleine, erbärmliche Rollen gehabt, und das Publikum...«

»Das war nicht meine Schuld, Herr Director, und zum Theil auch nicht Ihre, sondern eher Herrn Handor's, der mich nicht leiden kann und mit Gewalt unterdrücken will. Hätten Sie mir schon früher dazu Gelegenheit gegeben,so würden Sie vielleicht gefunden haben, daß ich doch zu etwas Besserem zu gebrauchen bin – also wagen Sie es...«

»Aber gleich mit dem Hamlet...«

»Wenn ich mich blamire, geschieht das auf meine eigene Gefahr,« sagte Rebe ruhig – »Sie sind, durch die Noth gezwungen, vollkommen entschuldigt, und dem Publikum können Sie vor Aufgang des Vorhanges mittheilen, daß wegen Ausbleibens des Herrn Handor ein anderes der Mitglieder die Rolle hätte rasch übernehmen müssen. Am besten nennen Sie meinen Namen gar nicht.«

Der Director konnte sich von seinem Staunen noch immer nicht erholen. Hier bot sich allerdings eine Aussicht auf Rettung aus der größten Noth, in der er sich in seinem ganzen Leben befunden; aber war es wirklich eine Rettung und steigerte sich nicht am Ende noch die Blamage dadurch, wenn sein Hamlet ausgepfiffen wurde? Lieber ehrenvoll sterben, als sich lächerlich machen! – Aber Rebe stand so entschlossen vor ihm, er schien seiner Sache so gewiß – Rebe – Rebe, dem er eigentlich kaum gewagt hatte die kleine, erbärmliche Rolle des Güldenstern anzuvertrauen, den Hamlet – seinen Hamlet! Aber was blieb ihm übrig? – er hatte keine Wahl mehr, und wenn Peters gekommen wäre und sich erboten hätte, den Hamlet oder die Ophelia zu spielen, es wäre ihm am Ende nicht wunderbarer oder außerordentlicher vorgekommen, und er hätte zugegriffen.

»Mensch, und wissen Sie, was Sie unternehmen? Vor dem Erbprinzen?« rief er aus.

»Ich fürchte mich weniger vor dem Erbprinzen, als vor mir selber,« lächelte Rebe, »aber ich weiß, daß ich den Hamlet spielen kann.«

»Na, dann in Gottes Namen!« rief Krüger – »Unglück, hab' deinen Lauf! – Courage scheinen Sie zu besitzen, aber wenn das gut geht, will ich's loben!«

»Und darf ich Herrn Handor's Garderobe nehmen?«

»Alles, was Sie finden – Alles – ich übernehme jede Verantwortung! Machen Sie nur um des Himmels willen rasch!«

Rebe antwortete gar nicht – er flog der Garderobe zu.

»Und ist das Vorspiel zu meinem Auftreten, Herr Director?« sagte die reizende Bellachini, die jetzt neben ihm, in vollem Costüm, die Dehnbarkeit ihrer Tricots prüfte – »das klingt genau so, als ob eine Leiche zu Grabe getragen würde.«

»Herr Gott, an den verdammten Trauermarsch hab' ich gar nicht gedacht!« rief Krüger – »Sulzer, springen Sie doch einmal hinunter...«

»Als König?«

»Ja so – schicken Sie Jemanden, daß sie einen Rutscher oder Galopp oder Polka – zum Teufel, es ist mir Alles einerlei! – hintennach schicken – der Rebe spielt den Hamlet.«

»Rebe?« rief Sulzer und blieb vor Schrecken stehen.

»Daß mir nur Jemand zum Kapellmeister springt – rasch – Herr Du meine Güte, sie sind ja schon fertig unten!«

Die Musik hatte aufgehört; oben auf der Gallerie wurden sie schon unruhig, denn die erste Neugierde war befriedigt, der junge Erbprinz begafft worden, und nun wollten sie etwas für ihr Geld haben; den Vorhang selber kannten sie schon auswendig.

An dem einen Loche im Vorhang stand Pfeffer und betrachtete sich das Publikum. »Donnerwetter,« sagte er zu dem neben ihm stehenden Barthel, der den Geist spielte und sich völlig aschgrau gemalt hatte, »heute wird's voll! Was so ein Prinz ziehen kann – den werde ich mir zu meinem Benefiz engagiren. Aber auf dem ersten Rang sieht's noch bös aus; da geht noch verdammt viel Luft durch.«

»Heute ist ja ein großes Fest bei Monfords draußen,« sagte der Geist, »von ich weiß nicht wie viel Personen, und alle aus der haute volée. So viel Derartige haben wir nicht, daß wir sie im Theater nicht spüren sollten. Was hat denn der Rebe mit dem Director?«

»Was weiß ich,« meinte Pfeffer, »wird wahrscheinlich den Hamlet spielen wollen.«

»Na, so gut wie der Handor, glaub' ich, spielt er ihn auch...«

»Wißt Ihr's schon? Rebe spielt den Hamlet,« zischelte in diesem Augenblick Höfken, der den Polonius gab, indem er Pfeffer an der Schulter faßte.

»Der Teufel wird ihn doch nicht plagen!« rief dieser, ordentlich erschreckt.

»Bei Gott, da stürzt er schon nach der Garderobe!«

In dem Augenblick kam, während unten im Orchester, sehr zum Erstaunen des Publikums, ein lustiger Tanz gespielt wurde, Peters hinter den Coulissen mit einem ganzen Arm voll Blumen und Kränzen vorgestürzt.

»Meine Herren, Bühne frei!« rief der Regisseur – »der Vorhang geht auf!« – Alles stob rasch auf die Seite und hinter die Coulissen.

Mauser saß unten im Souffleurkasten und wußte von alledem, was oben auf dem Theater vorging, gar nichts, war aber sehr erstaunt, als auf einmal Fräulein Bellachini herausschwebte und mit unbeschreiblicher Grazie ihre zarten Glieder nach seinem Kasten hinüberwarf. Aber Krüger, der Director, ohne dieser ersten Größe auch nur einen Blick zu schenken, hatte den Theaterdiener an einem Knopf gefaßt, und ihn mit sich nach dem Conversationszimmer ziehend, fragte er hastig:

»Nun, wie ist's, kommt der Meier?«

»Er wollte erst nicht und meinte, er hätte ein Attest eingeschickt, Herr Director, und die Nachtluft thäte ihm weh, und im Beine zwickte es ihn auch; aber ich ließ nicht locker, und wie ich fortstürzte, zog er sich gerade die Stiebeln an.«

»Gut – vortrefflich!«

»Und wo soll ich jetzt mit der Bescheerung hin?«

»Die Kränze und Bouquets tragen Sie in den zweiten Rang zum Logenschließer hinauf – irgend Jemand soll sie werfen, wenn die Dings da fertig ist; wenn er Niemanden findet, soll er sie selber werfen, aber nicht wieder in's Orchester und auf den Baß, wie neulich...«

»Schön, Herr Director...«

»Halt, noch Eins, Peters, sowie Sie das Blumenzeug untergebracht haben, springen Sie hinunter in's Parterre, und sobald der Vorhang fällt, schreien Sie da capo

»Ich?«

»Sie und wen Sie dazu bringen können. Links hinten steht ein ganzer Haufen Freibillets, die Kerle sollen alle da capo schreien, was sie schreien können, oder kein einziger bekommt wieder frei Entrée! Nehmen Sie mit hinein, wen Sie draußen finden! Sagen Sie dem Logenschließer nur, ich hätte Sie beauftragt! Aber da capo brüllen, was Sie können. Sie muß noch einmal springen, daß mir der Rebe fertig wird.«

»Der Rebe?«

»Er spielt den Hamlet.«

»Daß Dich die Milz sticht!« rief Peters – »der Rebe?...«

»Fort mit Ihnen, fort! Wenn die da fertig mit Hopsen ist, ehe Sie unten im Parterre sind, ziehe ich Ihnen eine halbe Monatsgage ab.«

»Dös a noch!« sagte Peters, indem er seinen Blumenflor aufpackte und wie ein Pfeil damit dem Ausgang zuschoß. Dabei murmelte er: »Ob er mir nur je im Leben damit gedroht hätte, er wollte mir eine halbe Monatsgage zulegen – Gott bewahre! Nicht einmal ein Paar neue Stiebeln setzt's, und die hab' ich mir schon heute durchgelaufen! 's doch 'was Schönes um's Theater, besonders wenn man nur die Laufereien zu besorgen hat und Allerwelts-Packträger ist – Blumenwerfen, da capo-Schreien – es ist erstaunlich, was nicht Alles von einem Theaterdiener verlangt wird! Und der Rebe den Hamlet!« setzte er hinzu, indem er die jetzt vollkommen leeren Treppen bis zum zweiten Rang emporflog – »da werd' ich nachher wohl auch noch zu der Hökerin hinüber und einen Korb voll fauler Äpfel zum Einkaufspreis besorgen müssen.«

Peters war übrigens ein durchaus brauchbarer Mensch in jeder Branche und entledigte sich seines Auftrages vollkommen. Während er da oben noch Ordre gegeben hatte, auch von dort aus einen energischen da capo-Ruf erschallen zu lassen, wofür sogar der Logenschließer gewonnen worden, stürzte er hinunter in's Parterre, um die nöthigen Hülfstruppen zusammen zu bringen.

Das Publikum indessen, das zum Anfang eine ernste Tragödie erwartet hatte, war im Beginn des Tanzes überrascht und verhielt sich ziemlich passiv, trotzdem daß die junge Dame einige ganz verzweifelte Sprünge ausführte und eine Fertigkeit im Drehen und Beinwerfen entwickelte, die in Haßburg in dieser Gewandtheit noch nicht gesehen worden. Noch immer hatte sich aber keine Hand gerührt, bis endlich der Erbprinz selber, wenn auch kaum durch das Zusammenklopfen seiner Fingerspitzen, ein wenigstens sichtbares Zeichen der Zufriedenheit gab. Jetzt legte sich das Parterre in's Geschirr, das auf diesen Anfang nur gewartet zu haben schien, und Fräulein Bellachini warf einen halb schmachtenden, halb dankenden Blick nach der Hofloge hinauf.

Krüger sah von alledem nichts, denn eben hatte er den eintreffenden Meier erspäht, den er mit ungeduldigen Geberden in's Conversationszimmer winkte.

Meier sah wirklich kläglich aus; er trug, trotz der warmen Witterung, einen alten, sehr abgenutzten und an den Ärmeln sogar beschädigten Flausrock. Dabei hatte er sich den Backen mit einem dicken weißen Tuch verbunden, in dem sogar möglicher Weise noch ein Umschlag lag, und um vielleicht seinen Zustand noch etwas bedenklicher darzustellen, hielt er sich sogar den Backen, als er zu seinem Vorgesetzten in das Conversationszimmer trat.

Dieser aber schien auf seine Verfassung nicht die mindeste Rücksicht zu nehmen, und kaum hatte er ihn im Zimmer, so rief er ihn an:

»Meier, das ist ein Glück, daß Sie zu Hause waren – Sie müssen heut Abend den Güldenstern spielen!«

»Nicht um eine Million!« rief Meier tragisch.

»Ich gebe Ihnen zehn Thaler Spielhonorar!«

»Baar oder Abzug vom Vorschuß?«

»Baar – in die Hand – heut Abend noch!«

»Es geht nicht, Herr Director – ich kenne die Rolle gar nicht...«

»Die paar Worte lernen Sie im ersten Acte – Sie kommen erst im zweiten vor, und werden nachher gleich in England umgebracht.«

»Da bringen Sie mich lieber gleich um – mit den Zahnschmerzen kann ich nicht Komödie spielen.«

»Ich lasse Ihnen den Zahn ausreißen...«

»Danke Ihnen, das kann ich selber, und in der Rolle steht doch wahrhaftig nicht, daß der Güldenstern einen dicken Backen hatt.«

»Es ist ein Hofmann – warum soll ein Hofmann nicht eben so gut einen dicken Backen haben, wie ein anderer Mensch?« rief der Director.

»Aber der Rebe spielt ja den Güldenstern – was ist denn mit dem los?«

»Der Rebe spielt den Hamlet – Handor ist fort, Gott weiß wohin, hat sich wenigstens heut Abend nicht sehen lassen...«

»Der Rebe spielt den Hamlet?«

»Schreien Sie nicht so, man hört ja jedes Wort draußen – und wenn der die Rolle übernommen hat, werden Sie doch wahrhaftig die paar Worte sprechen können!«

»Jetzt bitt' ich aber zu grüßen, Rebe den Hamlet, da wird Mauser wohl als Geist debutiren.«

»Also Sie spielen?«

»Aber, bester Herr Director, der Rheumatismus ist mir in das Kreuz geschlagen und ich kann das linke Hinterbein nicht mit fortbringen; ich hinke wie ein Invalide.«

»Es steht nirgends in der Rolle, daß Güldenstern nicht hinkt; hinken Sie in Gottes Namen, aber machen Sie, daß Sie in die Garderobe kommen und sich anziehen.«

»Na, das wird gut gehen, aber ich habe noch nicht einmal meine Rolle, und da fällt der Vorhang schon wieder.«

»Rebe hat sie, in Handor's Garderobe, lieber, bester Meier. Zehn Thaler baar! so viel Spielhonorar haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt!«

»Das weiß Gott! Na, meinetwegen;« stöhnte Meier, »wenn es denn einmal auf meinen Ruin abgesehen ist, mir kann's recht sein!« Und mit dem Kopf schüttelnd, begab sich der unglückliche, frisch geworbene Güldenstern nach hinten und brummte unverständliche Verwünschungen über das verdammte »Mimen« in den Bart.

Und draußen wirkte Peters.

Kaum war der Vorhang gefallen, als ein Paar riesige Hände zusammenschlugen und eine scharfe Stimme da capo! brüllte, Andere stimmten bei, und das Parterre, leicht geneigt, einem solchen Beispiel zu folgen, fiel endlich, wenn auch nicht gleich in Übereinstimmung, in den Beifall ein. Auch auf der rechten Seite des zweiten Ranges wurde der Ruf da capo laut, aber noch vereinzelt und von einer ganz unsichtbaren Stimme; aber der Vorhang zögerte noch wieder aufzugehen, und nun wurde das Publikum ungeduldig.

»Bellachini 'raus, Bellachini 'raus!« schrieen Einzelne – »da capo!« tönte der Ruf wieder, »da capo!« ging das Echo von da und dort, und als der Vorhang jetzt rasch in die Höhe rollte und das junge, reizende Mädchen mit einem wilden Sprung noch einmal auf der Bühne erschien, brach der Beifall stürmisch aus.

»Musik, Musik!« schrie der Director, der selber hinunter an die Orchesterthür gelaufen war – »noch einmal anfangen – rasch!«

Alle Musici wiederholten die Worte – der Kapellmeister sah sich nach der Thür um und bemerkte das erhitzte Gesicht seines Directors, der Tactstock hob sich, und die Tänzerin, von der Musik überhaupt hingerissen, begann noch einmal, während es jetzt von oben Kränze und Bouquets ordentlich niederregnete.

Krüger aber brach im Conversationszimmer auf dem Sopha zusammen und stöhnte:

»Und wenn ich so alt würde wie Methusalem, an den Abend will ich denken!«

19.
Der Verlobungsabend.

Und wo war Handor indessen?

Er hatte den Nachmittag dieses Tages in fieberhafter Unruhe und Ungeduld verbracht, denn er stand an einem Wendepunkt seines Lebens, und die nächsten Stunden mußten entscheiden, ob es zum Guten oder zum Bösen neigen würde.

Liebte er Paula wirklich und aufrichtig? Er hatte an sein eigenes Herz noch nie die Frage ernst gestellt, denn er wußte, daß es keiner solchen Neigung fähig sei. Er liebte nur sich selbst; nur sein eigener Ehrgeiz, sein eigenes Wohlbefinden stachelte ihn an, und das liebliche Grafenkind mit einer halben Million im Hintergrunde reizte natürlich seine Begierden. Er merkte bald, daß er einen Eindruck auf sie gemacht; die Aufstellung eines Liebhabertheaters bot ihm erwünschte Gelegenheit, ihr in einer Weise zu nahen, die ihm unter anderen Verhältnissen unmöglich gewesen wäre, und Paula, überhaupt sinniger und schwärmerischer Natur, glaubte in ihm das Ideal ihres Lebens gefunden zu haben.

Daß er an Rang, Vermögen und Bildung tief unter ihr stand, achtete oder sah sie nicht; die Klagen des routinirten Liebhabers rührten ihr Herz und machten ihr Mitleid mit seinen erheuchelten Leiden rege. Die übermäßige und unvernünftige Strenge dabei, mit der sie von einer hartgesottenen Gouvernante bewacht wurde, reizte sie zum Widerstande, und sie vergaß sich zuletzt so weit, dem Geliebten heimlich Zusammenkünfte zu gestatten.

Sie allerdings sah darin nichts Arges; ihr Herz hatte sich ihm so rein und voll hingegeben, so gut und lieb und brav erschien er ihr in allen Stücken, daß sie ihm auch mit ihrer Liebe ihre Ehre anvertraute und selig träumend Monden lang an einem Abgrund stand.

So verschlossen aber ihr dabei sein wahres und inneres Gemüth geblieben, so vollkommen hatte ihr Handor in das, keines falschen Gedankens fähige Herz gesehen und bald gefunden, daß sie an ihm mit der ganzen Kraft ihrer Seele hange. Er war ihre erste heilige Liebe; sie fühlte das Bedürfniß einer Brust, in die sie die Gefühle der ihrigen ausgoß, sie fühlte das Bedürfniß, zu lieben und zu vertrauen, und da ihre eigene Mutter wohl stets freundlich, aber nie, nie herzlich mit ihr war, ihr nie gestattete, ihr so zu nahen, wie ein Kind der Mutter nahen soll, und besonders alle Gemüthsbewegungen als mit ihren Nerven nicht verträglich auf das Sorgfältigste mied und von sich hielt, wuchs diese Liebe Paula's zu dem einzigen Wesen, dem sie sich ganz und ungetheilt hingeben konnte, endlich zu einer Leidenschaft an, die sie selbst erschreckt haben müßte, wenn sie sich je derselben klar geworden wäre.

Handor benutzte das mit kalter Berechnung. Er wußte recht gut, daß der stolze Graf nie seine Einwilligung zu der Verbindung seiner einzigen Tochter mit einem bürgerlichen, pfenniglosen Schauspieler geben würde, so lange er nicht mußte, aber er zweifelte auch keinen Augenblick, daß er sich endlich, dazu gezwungen, fügen und sein Kind nicht verstoßen oder ihm doch jedenfalls eine Summe zur Verfügung stellen würde, die dem Rang der jungen Gräfin entsprechend war – und mehr verlangte er nicht. Damit hatte er Alles erreicht, was er wollte, und dahin arbeitete er jetzt.

In Haßburg konnte er sich doch nicht länger halten. Seine Schulden waren zu einer Höhe angewachsen, die selbst des Versuches spottete, sie zu decken, und die Geduld seiner Gläubiger hatte sich erschöpft. Der nächste Monat schon konnte deshalb eine Katastrophe herbeiführen, die Alles vernichtete, was er bis dahin aufgebaut, und so scheu er den entscheidenden Schritt bis jetzt noch immer hinausgeschoben, so wurde er selber nun dazu gedrängt.

Der Erste des Monats nahte, für den er die volle Gage theils schon verschleudert hatte, theils noch in der Tasche trug; Rebe hatte ihm schon seinen Secundanten geschickt, er konnte ihm nicht ausweichen, die Verlobung kam dazu, und Paula hatte ihm gesagt, daß Vater und Mutter ganz im Stillen ihre Vorbereitungen träfen, um gleich am andern Morgen Haßburg auf längere Zeit mit ihr zu verlassen. Da erhielt er noch von Paula durch die Post einen Brief, den sie der Terrasse nicht hatte anvertrauen mögen, und er erhielt die wenigen, inhaltschweren Worte:

»Wir müssen fliehen. Das Schrecklichste ist geschehen – ich bin elend mein ganzes Leben. Sei heute Abend vor neun Uhr mit einem Wagen am Drahtthor des Parks. Jetzt auf ewig die Deine.«

Und heute Abend »Hamlet«! Handor lachte bitter vor sich hin, doch sein Director machte ihm wenig Sorge. Mit dem Brief war aber die Entscheidung seines eigenen Geschickes unmittelbar in seine Hand gelegt, und es blieb ihm keine Wahl mehr.

Den Brief verbrannte er augenblicklich, dann ging er wohl eine halbe Stunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Das Ob kam nicht mehr in Frage, nur das Wie, und darüber brütete er jetzt. Daß er ein Wesen elend gemacht, zu dem er wie zu einer Heiligen hätte aufschauen sollen, trübte nicht einen seiner Gedanken. Sie war jetzt sein, und nur mit Umsicht mußten die Schritte geschehen, eine Vereitelung ihrer Flucht zu vermeiden, und dann, wenn er sich in Sicherheit wußte, den alten Starrkopf von Vater zu beugen – oder zu brechen – es galt ihm ziemlich gleich. – –

Der Abend dämmerte; im Schloß des Grafen Monford waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen, und die Gäste konnten jetzt jeden Augenblick eintreffen. Die Gräfin selber stand schon fertig angezogen unten im Empfangssaal, von dem aus links eine Reihe prachtvoller Zimmer lag, deren Flügelthüren alle weit offen standen, während sich rechts der große Salon befand, in dem gewöhnlich gespeist wurde.

Paula war noch nicht da, und ihre Mutter ging ein paar Mal auf und ab. Endlich betrat Mademoiselle Beautemps das Zimmer.

»Ist meine Tochter noch nicht fertig?«

»Ich bedauere, Ihnen nichts Bestimmtes darüber sagen zu können, Frau Gräfin,« bemerkte die Französin achselzuckend; »die Comtesse hat sich so vollständig von mir losgesagt, daß ich nicht einmal mehr ihr Boudoir betreten darf. Ich hatte mir auch vorgenommen, Sie zu bitten, mich, obgleich meine Verpflichtung eigentlich noch einige Monate länger dauert, schon morgen zu entlassen, da ich sehe, daß ich hier nicht allein vollkommen nutzlos, sondern auch ein – Gegenstand steigender Unzufriedenheit bin. Sie werden selber begreifen, daß unter solchen Verhältnissen meine Stellung keine angenehme sein kann.«

»Liebe Beautemps, Sie sehen die Sachen mit zu schwarzen Farben.«

»Ich sehe sie leider, wie sie wirklich sind, und die gnädige Gräfin würden mich – und ich glaube, auch die Comtesse – sehr verpflichten, wenn Sie meiner Bitte Gehör schenken wollten.«

»Nun gut, ich werde mit dem Grafen Monford darüber sprechen.«

»Dann erlauben Sie mir noch, Frau Gräfin, Sie auf eine Entdeckung aufmerksam zu machen, zu der mich heute der Zufall brachte; sie betrifft die Comtesse.«

»Eine Entdeckung?«

»Als ich heute Morgen die Comtesse auf der Terrasse suchte, überraschte ich sie, wie sie einen kleinen, rosafarbenen Brief las. Sie erschrak, als sie mich hörte, und drückte das Papier so fest in der Hand zusammen, daß ich es nicht wieder zu sehen bekam.«

»Und was glauben Sie, daß es war?«

»Was es war? Ein Liebesbrief, sans doute

»Und von wem? Doch jedenfalls von ihrem Verlobten?«

»Weshalb dann das Geheimnißvolle gegen mich? Warum erschrak sie, wenn sie ein reines Gewissen hatte?«

»Das ist nicht möglich!« rief die Gräfin rasch.

»Nicht möglich?« sagte achselzuckend die Gouvernante; »glauben Sie mir, Frau Gräfin, Sie wissen noch gar nicht, was bei einem so jungen, unerfahrenen Mädchen unmöglich ist. Ich kenne das, und so lange ich die Aufsicht über die Comtesse und die Überwachung der jungen Dame in meinen Händen hatte, konnte ich Ihnen für Alles, was geschah, gut stehen. Da mich aber der Herr Graf durch einen Machtspruch derselben enthoben, darf ich auch nicht mehr für die Folgen verantwortlich gemacht werden.«

Die Gräfin hatte still und schweigend vor sich niedergesehen. Die Französin wollte morgen ihr Haus verlassen, und sie wußte, daß sie auf deren Verschwiegenheit in einer so zarten Sache, die ihre Familie betraf, nicht rechnen konnte. Es mußte deshalb auf dieser Seite jeder Verdacht zerstört werden, und sie sagte jetzt, die Gouvernante forschend ansehend:

»Ein grünfarbiges Papier hatte sie in der Hand?«

»Nein, Frau Gräfin, ein rosafarbenes, ich habe es deutlich erkannt.«

»Rosafarben? Dann, liebe Beautemps,« lächelte die Gräfin, »war es der nämliche Zettel, den ich ihr heute Morgen gegeben und der weiter nichts enthielt, als das Verzeichniß einiger Sachen, die wir zu unserer in nächster Zeit beabsichtigten Reise mitnehmen wollten. Ich habe es Paula aufgeschrieben, damit nicht immer etwas vergessen wird.«

»Gnädige Gräfin, das Papier sah nicht aus wie ein Verzeichniß,« rief die Gouvernante, die sich an ihren Verdacht klammerte.

»Es war auf meinem Rosabriefpapier geschrieben.«

»Es sah dunkler aus.«

»Wollen Sie eine Schattirung draußen im Freien und in einem solchen Moment erkennen?« lächelte die Gräfin. »Nein, liebe Beautemps, dieses Mal haben Sie einen falschen Verdacht, denn ich gab es Paula ein paar Minuten vorher, ehe ich fortfuhr, und sie wird es dort gelesen haben. Übrigens danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und ich würde selber auf Paula strenge Obacht haben, wenn nicht mit dem heutigen Abend ein jeder solcher Verdacht von selber aufhören müßte. Sie werden begreifen, daß man ihn nachher nicht einmal mehr äußern dürfte, ohne das Kind aus das Tödtlichste zu beleidigen.«

»Aber, Frau Gräfin,« rief die Französin, »ich kenne Beispiele, wo nach der Verlobung, ja, sogar nach der Trauung...«

»Lassen wir das,« wehrte die Gräfin ab, der das Gespräch unangenehm wurde; »hier mit Paula haben Sie sich geirrt, und ich werde, um Sie selber zu überzeugen, mir nachher den Zettel von ihr geben lassen.«

»Wie die Frau Gräfin befehlen,« sagte die Gouvernante kalt, aber höflich, und ordnete die Lichter auf den verschiedenen Tischen, wegen deren sie hereingekommen war.

Und Paula kam noch immer nicht. Die Gräfin stand einige Minuten ungeduldig in der offenen Thür, drehte sich dann um und schritt langsam in das nächste Zimmer hinein, von dem ein Ausgang zu Paula's Boudoir führte. Dort klopfte sie leise an, und Paula öffnete selber.

»Meine Mutter!« rief sie erstaunt.

»Bist Du fertig, mein Kind? Das ist recht; es wird auch in der That die höchste Zeit, denn es hat schon geschlagen und unsere Gäste müssen jeden Augenblick eintreffen. Aber Du siehst recht bleich aus, Paula; Du hättest wahrhaftig ein klein wenig rouge auflegen sollen.«

»Meine Mutter!« rief Paula und wollte sich in überströmendem Gefühl an ihre Brust werfen.

»Ma fille,« rief aber die Mutter, erschreckt zurücktretend, »Du zerdrückst mir den ganzen Kragen, ich bin ja in voller Toilette, Kind! Komm, komm, das geht nicht, diese Aufregung paßt nicht für einen Moment, wo man eben Gäste empfangen will. Und Thränen – um Gottes willen, Du wirst im Saal mit rothen Augen erscheinen, und was soll dann Dein Verlobter von Dir denken?«

Paula faßte ihr Herz mit der Hand, als ob es zerspringen wollte, – sie vermochte kein Wort darauf zu erwidern.

»Keine Aufregung heut Abend, liebes Kind,« fuhr die Mutter fort, indem sie den in der That schon etwas derangirten Kragen vor dem Spiegel wieder in Ordnung brachte; »morgen früh halten wir einen großen Familienrath, wir Beide zusammen, und da sollst Du mir Dein Herz ausschütten nach Herzenslust – ich bin schon in der That hinter ein paar von Deinen kleinen Geheimnissen gekommen; heute aber haben wir keine Zeit dazu.«

»Morgen, liebe Mutter, morgen? O Gott, was liegt Alles zwischen dieser kurzen Zeit!«

»Viel, in der That, mein Töchterchen: der erste entscheidende Schritt zu Deinem ganzen künftigen Lebensglück – geh ihn getrost, Du wirst es nie bereuen. – Aber da fährt wahrhaftig schon ein Wagen vor; rasch, Kind, die Thränen fort; bade die Augen ein wenig in kaltem Wasser, und bleib nicht lange, der Vater wird sonst böse!« Und mit den Worten rauschte sie mit ihrem schweren Stoffkleid aus dem Zimmer und in den Empfangssalon, um dort die zuerst eingetroffenen Gäste zu begrüßen.

Paula blieb, als die Mutter sie verlassen, mit gefalteten Händen, mit bleichem Antlitz in der Stube stehen. Endlich flüsterte sie leise:

»Und kein Mitleid, kein Gefühl für das eigene Kind – nicht einmal ausweinen an ihrem Herzen durfte ich meinen Gram! Oh, Mutter, Mutter, ahnst Du denn, wie furchtbar weh Du mir damit gethan? Aber nein, nein, sie kann nicht selber fühlen, was mir die Brust hier mit qualvoller Pein zerreißen will; ihr Gott ist der Ehrgeiz, dem selbst das eigene Kind geopfert werden soll – daß das selber einen Willen, ein Gefühl, ein Verlangen haben könnte, scheint ihr entweder nicht möglich oder ist so unbedeutend, daß es keine Beachtung verdient! So lebe wohl, Mutter! Wenn ich denn allein im Leben stehen soll, will ich mir auch die Bahn allein suchen! Gott schütze Euch und mich, aber Er weiß, ich kann nicht anders!«

Eine eigene, feste Entschlossenheit kam über das junge Mädchen, fast noch ein Kind. Ihr Auge blickte klarer, ihr Schritt wurde entschiedener, und rasch trat sie zum Waschtisch, badete ihre Augen in klarem Quellwasser, ordnete sich das Haar wieder ein wenig, festigte eine locker gewordene Blume in ihrem Schmuck und legte dann selber die kostbaren Brillanten um Nacken und Arme, die sie am letzten Weihnachten von ihrem Vater erhalten hatte. Das Alles nahm ihr auch nur wenige Minuten Zeit; rasch war sie damit fertig, und noch einen Blick in den durch zwei Girandolen erleuchteten Spiegel werfend, schritt sie in den Empfangssaal hinüber.

Der Mutterblick ruhte wohlgefällig auf ihr, als sie sah, in wie kurzer Zeit und wie vollkommen ihre Tochter alles Andere von sich abgeschüttelt, was ihr den heutigen Abend zu trüben drohte – ach, wenn sie hätte in ihr Herz sehen können!

Aber ein eigener unnatürlicher und starrer Trotz war über das sanfte, hingebende Kind gekommen: – der Entschluß, sich der Macht, die sie in Fesseln schlagen wollte, für Lebenszeit und gegen ihren Willen, nicht zu beugen, und nur ein einziges Mal schrak sie noch zusammen und fühlte, wie ihre Glieder zitterten. Es war der Moment, in dem der ihr bestimmte Bräutigam, Graf Bolten, den Saal betrat.

Und wie Glück und Freude strahlend sah Graf Bolten aus, als sein Blick ungeduldig im Saal umherflog, die ihm bestimmte Braut zu suchen, und sie jetzt erkannte! Wie rasch glitt er, nicht einmal die Eltern zuerst begrüßend, auf sie zu und flüsterte, ihre Hand ergreifend:

»Meine Paula, meine liebe, liebe Paula, wenn Sie wüßten, wie unaussprechlich glücklich mich der heutige Tag macht!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Graf!« stammelte Paula, tief erröthend, denn dem Manne gegenüber war sie sich einer Schuld bewußt.

»Herr Graf? Wie kalt das klingt!« rief Hubert vorwurfsvoll. »Hab' ich mir noch keinen besseren Titel verdient, als die fremde, kalte Form? Seien Sie freundlich mit mir, Paula; mein ganzes Lebensglück liegt ja in Ihren Händen. Lassen Sie es mich mit einem Lächeln, nicht mit einem Trauerblick empfangen!«

»Lebensglück, Du großer Gott,« sagte Paula mit einem Seufzer, »wer von uns armen Sterblichen weiß, was die nächste Stunde für ihn birgt? Hoffen Sie auf kein Glück, Herr Graf; die Enttäuschung wäre zu furchtbar und schmerzlich nachher!«

»Hoffen dürfen wir, liebe Paula,« sagte Hubert herzlich, »es ist das schönste Vorrecht des Menschen und sein Trost und Stab. Lassen Sie mir immer die Hoffnung, die mir Ihr lieber Anblick frisch und warm in's Herz gießt – aber was Plaudern wir da,« brach er lachend ab, »so ernst und feierlich, als ob wir zu einem Begräbniß und nicht zu einer Verlobung gingen. – Da kommt auch die Mama, die wird böse, wenn sie nicht freundliche Gesichter sieht.«

Die Gräfin kam in der That heran, und Hubert sah sich für die nächste Zeit überhaupt von allen Seiten in Anspruch genommen, da das Geheimniß der Verlobung ja doch nur ein öffentliches war und alle Welt ihm ihre Glückwünsche darbringen wollte.

»Und wo steckt George? Ich habe ihn noch mit keinem Blick gesehen.«

»Vorhin,« sagte Hauptmann von Seydlitz, der neben Hubert stand, »fuhr er an mir vorbei, aber mit einem Gesicht wie eine Wetterwolke. Er sah mich gar nicht – weiß der liebe Gott, was er hat!«

»George?« fragte die Gräfin erstaunt. »Was kann der haben, das ihn verdrießlich machen dürfte? Er ist ja doch sonst immer das Leben selber; aber er hat heute Mancherlei zu thun. Ich werde mich einmal nach ihm umsehen.«

Sie traf George, als sie das nächste Zimmer betrat, in Verzweiflung, und er winkte seiner Mutter, ihm über den Gang zu folgen.

»Aber was hast Du nur? Weshalb kommst Du nicht zur Gesellschaft?«

»Zur Gesellschaft? und was ich habe? Heiland der Welt, und dabei wird es nicht für anständig gehalten, zu fluchen!«

»Aber, George!«

»Denke Dir nur, dieses alte, verwünschte Burgfräulein, die genau so aussieht, als ob sie dreieckig geschnitten und dann aufgeklebt wäre, dieses Fräulein von Wünschel läßt mir vor einer halben Stunde absagen!«

»Das ist allerdings fatal!«

»Fatal? Göttlich! Das nennst Du fatal? Und ich bin mit meiner ganzen Geschichte, die mich die letzten acht Tage vollständig aufgerieben hat, heut Abend auch noch obendrein blamirt!«

»Und was willst Du jetzt thun?«

»Weiß ich's denn selber? Ich liege hier auf der Lauer, um irgend ein unglückliches, passendes Individuum abzufassen, das mir in den Weg läuft. Glücklicher Weise sind es nur ein paar Worte zu sprechen, aber es ist eine Hauptsache, die nicht wegbleiben kann.«

»Hast Du denn sonst Alle zusammen?«

»Rottacks fehlen noch; das wäre jetzt ein Hauptspaß, wenn die auch ausblieben – dann schösse ich mir eine Kugel über den Kopf weg...«

»Aber, George...!«

»Über den Kopf, Mama; ich würde außerordentlich vorsichtig zielen, daß ich kein Unglück anrichtete. – Aber, beim Himmel, da kommt Fräulein von Bazcow angefahren. Die entere ich, die thut mir auch den Gefallen!«

»Aber wir sind mit den Leuten erst so kurze Zeit bekannt!«

»Bah, zu Rottacks bin ich am nächsten Tag gegangen – da kommen auch Rottacks – Hurrah, nun bring' ich die Sache doch noch am Ende zu Stande!«

Und fort schoß er mit weiter nichts im Kopf, als der glücklichen Durchbringung seines Liebhabertheaters.

Rottacks fuhren in der That in dem Augenblick vor, und Helene sah bleich und erregt aus, hatte sie doch die stolze Gräfin seit jenem Abend nicht wieder gesehen, da diese den verschiedenen Proben nicht mehr beiwohnte und sie jetzt ein erneutes Begegnen ordentlich fürchtete. Aber es half nichts; der Verpflichtung gegen George konnten sie sich nicht entziehen. Er vor Allen war gerade immer so liebenswürdig und herzlich mit ihnen gewesen, und es hätte ihn zu sehr gekränkt; das durfte nicht sein. So mußten sie denn der Gesellschaft beiwohnen, und gerade die Gesellschaft schützte sie ja auch vor einem für beide Theile vielleicht peinlichen Zusammentreffen mit der Gräfin. In großen Gesellschaften wie in einer großen Stadt kann man, wenn man will, allein sein und sich von der übrigen Welt abschließen; in kleinen Cirkeln und Städten ist es unmöglich. In der Gesellschaft verdeckt die Form auch alles Andere, denn sie besteht nur aus vorgeschriebenen Bewegungen und Situationen, wie ein Schauspiel fast auf offener Bühne, wo sich die im gewöhnlichen Leben vielleicht feindseligsten Charaktere offen und herzlich in die Arme fallen. Auch in der Gesellschaft wird Haß und Liebe übertüncht, und nur die Höflichkeit und der gute Anstand regieren.

Helenens Befürchtung war deshalb auch ganz grundlos gewesen, denn an keinem andern Platz der Welt hätte sie nach der damaligen Scene besser mit ihrer Mutter wieder zusammentreffen können, als in diesem Kreise geputzter, fröhlicher Menschen. Und trotzdem schlug ihr das Herz ängstlich in der Brust, als sie den Saal betraten und die Gräfin auf sie zukam, um sie zu begrüßen. Aber die Gräfin war eine Weltdame; kein Zug ihres Antlitzes verrieth etwas Anderes, und durfte etwas Anderes verrathen, als Freude über das Erscheinen ihrer Gäste.

»Meine liebe Gräfin Rottack, wie ich mich freue, Sie wieder begrüßen zu können. Wir hatten solche Sorge neulich, als wir hörten, daß Sie sich unwohl fühlten! Herr Graf, Sie sind uns herzlich willkommen – hoffentlich hatte es mit Ihrer lieben jungen Frau weiter nichts zu sagen!«

»Migräne, gnädige Gräfin.«

»Ach ja, das alte, häßliche Leiden, ich kenne es; in unserer Familie ist es ordentlich epidemisch.«

»Auch Helene hat es geerbt,« sagte Graf Rottack ruhig. Aber die Gräfin erwiderte freundlich:

»Dann muß sich Ihre liebe Frau recht in Acht nehmen und in Geduld fassen, denn es verliert sich erst mit den Jahren. Und nun bitte, legen Sie ab, lieber Graf. George hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt, er war selig, als er Sie kommen sah.«

»Er hat doch nicht etwa gefürchtet, daß wir ihn im Stich lassen würden?« sagte Felix.

»Er hat heute alle Hände voll zu thun,« lächelte die Gräfin, »und wirklich dabei das Unglaubliche geleistet, denn Paula ahnt noch gar nichts von der Überraschung – aber da kommt Paula, verrathen Sie sich nicht!«

Paula hatte die junge Gräfin gesehen und kam rasch auf sie zu; aber je mehr sie ihr nahte, desto mehr hemmte sie ihren Schritt, und wollte sie und ihren Gatten eben in der gewöhnlichen stummen und hergebrachten Form der vornehmen Welt begrüßen, als Helene auf sie zutrat, ihre beiden Hände ergriff und mit herzlicher Stimme sagte:

»Meine liebe Comtesse, wie freue ich mich, Sie wiederbegrüßen zu können!«

Die Worte klangen so gut, so lieb, so wahr – Paula traten, so sehr sie dagegen ankämpfte, die Thränen in die Augen, und unwillkürlich bog sie sich zu Helenen über, die einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte.

Die Mutter sah es, und freundlich sagte sie:

»Nehmen Sie sich der Kleinen ein wenig an, Frau Gräfin; sie macht ein viel traurigeres Gesicht heute, als es für den Tag paßt; sie ist mir auch immer zu viel allein und sinnt und grübelt; das taugt nicht für ein junges Mädchen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich, meine Pflichten als Hausfrau sind unerbittlich.«

»Wer ist denn dieser Graf Rottack eigentlich, und wo kommt er auf einmal her?« sagte ein alter Herr mit einem entschieden militärischen Anstrich, zu einem andern Herrn, der neben ihm stand und mit einem etwas verbissenen Gesicht bis jetzt die Gesellschaft betrachtet hatte, als ob er sich über jeden Einzelnen ärgere, daß er überhaupt auf der Welt wäre. »Wissen Sie es nicht, Herr Staatsrath?«

»Thut mir leid,« entgegnete der also Angeredete, »er war lange in Brasilien und hat sich auch seine Frau von dort mitgebracht.«

»Es ist ein reizendes Paar; wunderhübsches Frauchen.«

»Ja, passirt; er sieht mir aber eher wie ein Demokrat im Frack, als wie ein Graf aus, macht auch Besuche bei Schauspielern. Ich glaube nicht, daß viel dahinter ist. Apropos, Oberst, haben Sie denn schon diesen neuen Beitrag zu unserer chronique scandaleuse gehört mit dem Baron Beltine?«

»Mit Beltine? Nein. Da drüben steht er ja.«

»Ja, er ist wieder zurück. Vor acht Tagen machte er sich aber das kleine Vergnügen, eine Schneiderstochter von hier zu entführen. Die ganze Stadt war ja voll davon.«

»Ich habe kein Wort davon gehört; er ist ja aber verheirathet.«

»Eh bien, und was weiter – seine Frau fuhr indessen allein in's Theater.«

»Ach, das ist ja gar nicht möglich; das wäre ja eine Niederträchtigkeit und Graf Monford der Letzte, der ihn danach wieder einladen würde.«

»Lieber Oberst, Sie kennen die Welt noch nicht, obgleich Sie beinahe siebzig Jahre darin leben; der Baron ist außerordentlich reich.«

»Sind Sie auch mit ihm befreundet?«

»Befreundet,« sagte der Staatsrath, die Achseln zuckend; »mit wem ist man eigentlich in der Welt befreundet, und ich in meiner Stellung schon gar. Ich glaube nicht, daß es zwei Menschen in der Stadt giebt, die mich nicht hassen, aber merken Sie das Jemandem an, Oberst? Sie sind Alle die Höflichkeit selber, so lange sie mit mir verkehren, alles Andere geht mich nichts an, und wie sie hinter meinem Rücken schimpfen, was kümmert's mich? Ebenso halten es Andere. Der Baron kann mich auch nicht leiden, eingebildeter, fader Narr, der er ist; aber er und ich geben ausgezeichnete Dejeuners, und da brauchen wir einander.«

»Da kommt er gerade auf uns zu.«

»Ah, lieber Staatsrath! Herr Oberst, ich habe die Ehre!« »

»Mein bester Baron, wo haben Sie die ganze Woche gesteckt? Mir hat ordentlich etwas gefehlt, wenn ich Ihnen Morgens auf meinem gewöhnlichen Spaziergang nicht begegnete.«

»Sie sind sehr gütig, Herr Staatsrath; ich war auf einige Tage in der Residenz, wohin mich Geschäfte riefen. Die gewöhnlichen Plackereien des Lebens.«

»Über die ich Sie erhaben glaubte.«

»Keiner von uns, Keiner von uns, lieber Staatsrath; aber wo ist eigentlich unser junges Pärchen?«

»Die Braut steht da drüben, sie sieht auffallend blaß und gedrückt aus; Comtesse Monford ist sehr zart.«

»In der That, in der That. Sie entschuldigen, lieber Staatsrath, ich habe der Comtesse noch nicht einmal meine Huldigung dargebracht.«

»Aber, meine liebe Paula, was ist Ihnen?« sagte Helene liebevoll, indem sie ihren Arm um die schlanke Taille des jungen Mädchens legte; »Sie sind so furchtbar aufgeregt.«

»Ach, wenn ich Ihnen Alles sagen könnte,« flüsterte Paula, »wenn ich Sie früher gekannt hätte; Vieles, Vieles wäre vielleicht anders, besser, als es jetzt ist!«

»Es ist selbst jetzt noch nicht zu spät,« sagte Helene herzlich, »und ich hoffe, wir sollen recht gute Freunde werden!«

»Zu spät, zu spät!« hauchte Paula leise, daß der Schall der Worte kaum zu Helenens Ohr drang.

»Das ist recht, meine liebe Frau Gräfin,« sagte in diesem Augenblicke Graf Monford's Stimme, und der Graf grüßte freundlich die junge Dame, »daß Sie mein kleines Töchterchen ein wenig aus ihrer Lethargie emporrütteln – das Köpfchen hoch, Paula, bist ja mein gutes Kind.«

»Mein lieber, lieber Vater!« rief Paula, leidenschaftlich des Vaters Hand ergreifend.

»Bst, Kind, bst,« sagte der alte Herr, »ich habe mir vorgenommen, heut Abend recht lustig und vergnügt zu sein, und da mußt Du mir helfen, denn Du hast auch alle Ursache dazu. Es ist ein merkwürdiges Kind, Frau Gräfin, so außerordentlich weich, gar nicht wie ihre Mutter, die einen viel festeren und entschiedeneren Charakter hat. Aber ein gehorsames Töchterchen ist es doch, das seinen Eltern große, unendlich große Freude macht, und auf das sie wohl mit Recht stolz sein können.«

»Mein guter Vater!«

»Haben Sie nur Geduld mit ihr, Herr Graf,« sagte Helene; »es ist ja so natürlich, daß sie einer so gewaltigen Wendung ihres ganzen bisherigen Lebens nicht mit voller Ruhe und Sicherheit entgegengehen kann.«

»Ich habe auch Geduld mit ihr,« lächelte der Graf, »denn ich kenne meine Tochter, und sie wird mir noch einmal mit thränenden Augen danken –« und Paula freundlich zunickend und mit einer Verneigung gegen Helene schritt er zu dem andern Theil des Saales hinüber. – –

Unten in der Halle hatte der Haushofmeister eine Reihe von Bierfässern und Körbe voll Wein an die eine Wand reihen lassen, und nicht allein die Dienstleute des Gutes und die Forstbeamten und Holzhauer des benachbarten Waldes wurden dort frei gehalten, sondern wer von der Stadt heraufkam, erhielt, was er essen und trinken wollte, denn es sollte Keiner hungrig von der Schwelle gehen, auf der die Freude herrschte.

Das hatten sich denn auch eine Menge von Leuten zu Nutze gemacht, und der Platz hinter dem Schlosse, wohin sie sämmtlich gewiesen wurden, schwärmte von ihnen.

Auch der alte Maulwurfsfänger war mit heraufgekommen, aber er mischte sich nicht unter den Troß, ließ sich auch weder Getränk noch Speisen geben, und drückte sich eigentlich mehr in den Büschen herum, abseit von den Leuten. Es war fast, als ob er Jemanden suche oder erwarte.

Endlich kam der Förster den Weg herauf, seine Flinte wie immer auf dem Rücken, und blieb erst eine Weile da, wo der Weg auf den freien Platz ausmündete, stehen, um sich das fröhliche Treiben zu betrachten. Gefallen that's ihm nicht; ein ächter Jäger mag keinen Lärm leiden, ob er nun auf der Jagd ist oder nicht, denn immer an Ruhe und Stille gewöhnt, stört es ihn. Aber der Förster trank gern ein Glas Wein, und da sein Gehalt ihm nur Bier verstattete, und selbst das mäßig, war er doch auch einmal herüber in's Schloß gekommen, um mit seinem alten Freund, dem Haushofmeister, eine Flasche zu leeren. Der Holzhändler aus der Stadt und der Müller vom Bache gleich unter dem Forsthaus, wie der Schulmeister von Eslich, dem nächsten Dorf, hatten sich auch schon eingefunden und saßen in des Haushofmeisters Stübchen um den runden Tisch am Fenster, während sein eigener, besonders zu dem Zweck herüber bestellter Forstgehülfe nicht weit davon beschäftigt war, ein paar kleine Böller in Ordnung zu bringen, die gelöst werden sollten, wenn drinnen im Saal zuerst die Gesundheit des Brautpaars ausgebracht wurde.

Eben kam auch die Militärmusik vom nächsten Ort auf einem Leiterwagen angefahren, denn die hiesige hatte nicht abkommen können, da sie gleich nach dem Theater nothwendig zu dem beabsichtigten Fackelzug und einem Ständchen für den Erbprinzen gebraucht wurde.

Dem Maulwurfsfänger entging nichts von alledem. Seine kleinen grauen Augen blitzten nach allen Seiten, ohne daß irgend einer der hier Versammelten auch nur die geringste Acht auf ihn gehabt hätte; die Wenigsten bemerkten ihn sogar, und die ihn bemerkten, fanden es natürlich und ganz in der Ordnung, daß er sich ebenfalls zu diesem Feste eingefunden; gehörte er doch mit zu den Arbeitern im Schlosse, in dessen Park er in jeder Woche ein paar Mal zu finden war.

Der alte Bursche betheiligte sich aber nicht an dem Trinken. Wohl eine halbe Stunde lang, als der Förster schon längst in der Stube war, stand er noch halb versteckt in dem Gebüsch an einen Baum gelehnt. Dann erst, als er sich vollständig überzeugt hatte, daß der Forstmann fest hinter seinem Tisch und seiner Flasche Wein saß, zog er sich vorsichtig in das Dickicht zurück und umging jetzt, immer durch das Buschwerk kriechend, das Schloß.

Einmal mußte er freilich noch eine ganze Weile warten, denn wie er den einen Weg kreuzen wollte, standen dort Leute aus dem Dorf und plauderten miteinander. Endlich – und wie lang ihm die Zeit dabei wurde – zogen sie sich ebenfalls zum Schlosse hin, und er glitt jetzt, immer die Büsche haltend und alle offenen Wege vermeidend, der nämlichen Gegend zu, in der ihn damals der Förster bei seiner nächtlichen Fasanenjagd entdeckt, wenn auch nicht erwischt hatte. Aber nicht zu den Fasanen zog ihn dieses Mal sein Trieb des Wilderns.

Der alte Förster war ein ganz ausgezeichneter Forstmann und es hätte kaum einen besseren für die Waldculturen geben können, aber er war kein Jäger, und das darf uns in unserer Zeit gar kein Wunder nehmen. – Allerdings hegte er das Wild, weil es ihm der Graf befohlen hatte, und er haßte und verfolgte alle Wilddiebe aus Leibeskräften, weil ihm das einmal in der Natur lag, daß er keinen Eingriff in seine Rechte dulden konnte. Aber eigentliche Liebe zum Wild hatte er nicht und konnte sie nicht haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihm schon seit vielleicht zwanzig Jahren verboten war, selber etwas zu schießen, was der Graf nur für ein Vorrecht der Cavaliere oder etwa eingeladener Gäste hielt.

Der Förster sollte den ganzen Tag in seinem Walde sein; er sollte abspüren und bestätigen, er sollte jeden Hirsch kennen, der auf den verschiedenen Revieren stand, jeden Rehbock sogar; aber der ächten Waidmannslust durfte er selber nie folgen.

In der Jagdzeit hatte der Graf immer eine Menge Gäste, zu deren Ehren Treibjagen veranstaltet oder die mit dem Förster oder einem der Forstgehülfen Bürschen geschickt wurden. Mußte aber Wild abgeschossen werden, so bekamen nie oder nur in höchst seltenen Fällen die Forstleute Auftrag dazu, sondern der junge Graf that es selber, oder lud sich ein paar von seinen Kameraden dazu ein, die dann vielleicht die nöthige Anzahl erlegten und noch außerdem drei oder vier andere Stück zu Holz schossen.

Im Anfange war der Förster außer sich darüber, zuletzt wurde er gleichgültig dagegen, und es dauerte nicht lange, so lag ihm die Forstcultur viel mehr am Herzen, als das Wild, ja, er fing an, sich zu ärgern, wenn der Wildstand zu sehr wuchs, da sie ihm in kalten Wintern seine Culturen schädigten.

Hirsche und Rehe, so weit war er schon gekommen, nannte er »das Viehzeug«, und wäre es dem Grafen einmal eingefallen, seinen ganzen Wildstand auszurotten, der alte Förster würde ihm mit Vergnügen dabei geholfen haben.

Solche Verhältnisse fanden übrigens nicht allein in Haßburg statt; sie sind ziemlich allgemein in ganz Deutschland geworden, und unsere Nachkommen dürfen sich nicht wundern, wenn sie in unserem Vaterland eben so vergebens nach einem wirklichen Jäger suchen werden, wie man jetzt bei uns noch nach einem Wolf, Luchs oder Bären sucht. Sie sind eben oder werden wenigstens ausgerottet.

Der alte Förster hatte, mit einem Wort, »keine Passion« für das edle Waidwerk; er züchtete das Wild, wie eine Hausfrau Hühner und Gänse züchtet, und deshalb war der alte Maulwurfsfänger ein so gefährlicher Kunde für sein Revier.

Dieser nämlich, durch seinen Beruf schon vollkommen berechtigt, überall im Park, in dem es einen sehr bedeutenden Damwildstand gab, umherzusuchen, um angeblich nach Maulwürfen und ihren Gängen zu forschen, hatte diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt verstreichen lassen und kannte alle Wechsel des überhaupt vollkommen vertrauten Wildes so genau, als ob er es hier seit seiner Jugendzeit beobachtet habe; aber das genügte ihm nicht allein.

Er wußte recht gut, daß er in dem umschlossenen und kleinen Park nicht schießen durfte, ohne im Augenblick die sämmtlichen Schloßbewohner auf seiner Fährte zu haben; an ein Wegschaffen irgend eines erlegten Stück Wildes wäre dann nicht zu denken gewesen. Der alte Bursche verstand aber mehr als Maulwürfe zu fangen, und mit dem Terrain erst einmal genau bekannt, hatte er auch bald seinen Plan entworfen.

Gleich hinter der Fasanerie lag ein schmales und langes Fichtendickicht, das den Park gewissermaßen gegen das daranstoßende Feld abschloß und absichtlich so dicht angesäet war, um besonders den jungen Fasanen genügenden Schutz gegen Raubvögel zu gewähren. Hier hindurch hatte sich das Damwild einen Wechsel angelegt, um zu dem Haferstück zu gelangen, und sobald der Maulwurfsfänger den ausspürte, legte er am äußersten Rand desselben auch noch eine Art von künstlicher Salzlecke an, indem er oben unter die Äste einer jenen Platz überragenden Eiche ein paar kleine Salzsäcke band. Bei Regen und nasser Witterung tropfte das aufgelöste Salz herunter, und das Wild hatte dann auch nach kaum drei Wochen den Platz schon aufgefunden und leckte dort ein tiefes Loch in den Boden, um den salzigen Geschmack der Erde zu bekommen.

Weiter wollte der Wilderer nichts; er ließ sie ruhig gewähren, bis seine Zeit gekommen war, und den heutigen Abend hielt er dazu passend. Der Förster saß oben bei der Flasche, der Forstgehülfe war mit den alten Böllern beschäftigt und außerdem ebenfalls durstig; von den Beiden hatte er also nichts zu befürchten. Aus dem Schloß selber kam Niemand heut Abend in den Park, davon war er fest überzeugt; eine bessere und günstigere Gelegenheit fand sich deshalb nicht wieder, und er war fest entschlossen, sie zu benutzen.

Aber er hatte auch schon vorgearbeitet. Daß er ohne Schußwaffe und in einer ziemlich dunkeln Nacht, da der Mond erst nach zwölf Uhr aufging, nichts würde ausrichten können, wußte er recht gut. Zu seinem Wilddiebstahl brauchte er aber kein Licht; ja, Dunkelheit war ihm eher noch günstig, denn schon mit der einbrechenden Dämmerung hatte er sich auf ihm vortrefflich bekannten Wegen in jenes Dickicht geschlichen und dort auf dem Wechsel eine feste Drahtschlinge aufgestellt. Gleich nach Dunkelwerden wechselte das Damwild gewöhnlich von der Parkwiese nach dem Haferfeld hinüber, und nahm es dann wirklich einen andern Weg, so hatte er weiter nichts zu thun, als außen am Park das Feld langsam abzugehen, und er konnte sicher sein, daß eins oder das andere der Thiere den kleinen Pfad annahm und sich dann fing.