Jetzt hatte er den Fichtenstreifen erreicht und kroch vorsichtig darin hinauf; aber er war zu dicht, er kam nicht fort, und wieder in das offene Holz hineinbiegend, glitt er unmittelbar am innern Rand der Stelle zu, wo er seine Schlinge wußte.

Halt, was für ein Geräusch war das? Er hielt und horchte; es schlug etwas den Boden.

»Hurrah,« jubelte er in sich hinein, »da steckt mein Sonntagsbraten, dem auch die Flasche Wein nicht fehlen soll!« und wie ein Indianer fast, rasch und geräuschlos, floh er über die trockenen Nadeln hin, mit denen hier eine Anzahl mehr einzeln stehender Kiefern den Boden bestreut. Jetzt erreichte er den Platz. Die Anstrengungen des gefangenen Wildes, da es den Feind nahen hörte, wurden stärker; es riß und zerrte an den Büschen und schnellte sich vom Boden empor. Aber die Schlinge, an die elastischen Zweige der nächsten jungen Bäume befestigt, hielt, und wenige Minuten später hatte der Maulwurfsfänger seine Beute, ein feistes Schmalthier, gefaßt, zu Boden gerissen und ihm mit seinem scharfen Genickfänger den Todesstoß gegeben.


Die Gäste waren alle versammelt, und während ein Theil von ihnen, den wundervollen Abend noch genießend, vorn auf der Terrasse spazieren ging, bildeten sich auch in dem Saal selber, dessen Thüren und hohe Fensterflügel weit geöffnet standen und die balsamische Luft wie den Duft der Blumen überall herein ließen, einzelne Gruppen von Bekannten untereinander. Und jetzt kam auch George, der sich aber Einzelne unter den Gästen aussuchte, um ein paar Worte mit ihnen zu flüstern. Auch zu Rottacks ging er hinüber.

»Meine Herrschaften,« sagte er rasch und fröhlich, »gleich nach dem Souper beginnt unser Wirken; thun Sie mir also den Gefallen und machen Sie sich, sobald Sie möglicher Weise können, von der Tafel los, damit es keinen Aufenthalt giebt. Ich darf doch auf Sie zählen?«

»Sicher,« sagte Rottack.

»Und Paula hat noch nichts gemerkt? Sie sprachen vorhin mit ihr angelegentlich, Frau Gräfin.«

»Sie hat keine Ahnung und, ich fürchte, auch fast keinen Gedanken für die Festlichkeit,« seufzte Helene; »das arme Kind kommt mir recht angegriffen und so unnatürlich aufgeregt vor.«

»Desto besser, desto besser!« lachte George vergnügt vor sich hin, denn er selber sah, hörte und dachte heute an nichts Anderes, als eben seine beabsichtigte Überraschung.

»George, wo bist Du so lange geblieben?« rief in diesem Augenblick Paula und eilte auf ihn zu; »ich habe Dich so ersehnt.«

»Mein liebes Herz, ich hatte zu thun und wußte Dich ja hier so gut aufgehoben. Wie geht es Dir, Schatz?«

Paula antwortete ihm nicht. Sie sah ihn mit ihren großen Augen fest an, und dann seinen Arm ergreifend und ihn leise ein paar Schritte mit sich zur Seite führend, flüsterte sie:

»Bleibe mir immer gut, George; behalte Deine Schwester lieb.«

»Aber, Paula, was fehlt Dir? Du gehst ja doch noch nicht von uns, wenn Du auch von jetzt an einem Andern angehören wirst; mache Dir doch keine thörichten Sorgen.«

»Mein guter George!«

»Komm, Kind, da beginnt die Tafelmusik; um Gottes willen, was hast Du, Paula, wir sind ja nicht allein!«

Paula hatte mit der Hand fast krampfhaft seinen Arm gefaßt, zog ihn an sich und drückte einen heißen Kuß auf seine Schulter. Dann ließ sie ihn plötzlich los und schritt der Thür der Terrasse zu.

Eine Weile noch wogten die Gäste durcheinander, hier sich begrüßend, dort mitsammen plaudernd, bis der Haushofmeister endlich feierlich auf den Grafen Monford zuschritt und ihm meldete, daß die Suppe servirt werden könne.

»Meine Herrschaften, zur Tafel!« rief der Graf fröhlich; »meine Herren, nehmen Sie sich Ihre Damen. Wo ist Hubert?«

»Er sprach eben im andern Zimmer mit der Mama,« sagte George.

»Rufe ihn einmal. Wo ist denn Paula? Sie war ja eben noch da.«

»Sie wird draußen auf der Terrasse sein; ich werde nachsehen.«

George ging hinaus, um die Schwester zu suchen; aber auf der Terrasse war sie nicht, und von dort herein zogen jetzt die Gäste, dem willkommenen Ruf zur Tafel folgend.

Langsam schritt Paar nach Paar in den zu Tageshelle erleuchteten Saal und ordnete sich nach ihren, ihnen bestimmten Plätzen um die Tafel, deren Pracht das Auge ordentlich blendete.

Riesige silberne Candelaber streckten ihre breitästigen Arme aus und hielten zahllose flammende Wachskerzen. Prachtvoll gearbeitete Frucht- und Blumenkörbe standen dazwischen, und den mittleren Theil deckten sogar noch niedere Aufsätze von blank polirtem Silber, die wie eben so viele Spiegel das Licht tausendfältig zurückstrahlten.

Was Deutschland nicht allein, nein, was die Welt an Blumen und Früchten bot, war auf der Tafel angehäuft, von der saftigen Kirsche bis zur goldgelben Banane und Ananas, und damit harmonirte der Saal selber, der, so einfach auch decorirt, doch in jedem einzelnen Stück den Reichthum sowohl wie den Geschmack des Besitzers verrieth.

Abgeschieden von den Gästen durch einen hohen, schwerseidenen Vorhang, wie man ihn auf dem Theater wohl gemalt sieht, saß das Musikcorps, das mit dem Wagner'schen Marsche aus »Tannhäuser« begonnen hatte, und nach dem Tacte desselben ordneten sich unwillkürlich die Gäste; aber man wollte sich setzen, und ungeduldig sah der Graf umher, denn Paula, Hubert und George fehlten noch. Hatten sie den Ruf zur Tafel nicht gehört?

Der Haushofmeister wurde hinausgeschickt, um nach ihnen zu sehen. Er kehrte ebenfalls nicht wieder.

»Um Gottes willen,« flüsterte Helene ihrem Begleiter zu, »die Comtesse wird doch nicht unwohl geworden sein; sie sah vorhin so bleich aus!«

»Das ist mir auch aufgefallen,« erwiderte dieser; »Graf Monford scheint unruhig zu werden.«

»Eine kleine Störung,« lächelte der Staatsrath seiner Nachbarin, einem gelben, aber sehr reichen Stiftsfräulein von Wurmholz, zu, »die Elisabeth hat ihr Stichwort versäumt und der Festmarsch wird noch einmal von vorn anfangen müssen.«

»Das junge Brautpaar,« sagte die Gnädige achselzuckend, »wird draußen auf der Terrasse schwärmen und nicht bedenken, daß wir Hunger haben; es ist schon ein Viertel nach Neun.«

»Grausame Liebe!« stöhnte der Staatsrath.

Der Graf wurde in der That unruhig, denn solch ein Verstoß gegen die Etiquette gehörte mit zu den unangenehmsten Dingen, die ihm, wie er glaubte, überhaupt passiren konnten.

Ein anderer Diener wurde hinausgeschickt, um den Haushofmeister zu suchen. Er kehrte nach einigen Minuten zurück und flüsterte dem Grafen einige Worte zu.

»Entschuldigen Sie einen Augenblick, meine verehrtesten Herrschaften,« sagte der Graf ruhig, »ich glaube, meine arme Paula ist unwohl geworden; aber es wird nichts zu sagen haben.«

Er verließ mit festen, langsamen Schritten den Saal. Draußen am Eingang stand George.

»Nun, was ist? Was habt Ihr? Wo ist Paula?«

»Fort, Vater!« stöhnte George, der leichenblaß aussah.

»Fort?«

»Ihr Kammermädchen hat vorhin einen kleinen Koffer fortgetragen; mein Jean will sie gesehen haben, und der Gärtner behauptet, hinten am Drahtthor habe ein Wagen gehalten.«

»Wo ist Hubert?« sagte der alte Graf tonlos und hielt sich an dem nächsten Sessel fest.

»Er läßt meinen Rappen satteln.«

Der alte Herr sah seinen Sohn stier an, dann drehte er sich langsam um, als ob er in den Saal zurückschreiten wollte; aber hier verließen ihn die Kräfte. George konnte eben noch zuspringen, um ihn in seinen Armen aufzufangen.

20.
Hamlet, Prinz von Dänemark.

Director Krüger, den wir verlassen haben, als er im Conversationszimmer von all' der Angst und Aufregung wie gerädert zusammenknickte, sollte aber noch nicht zu Ruhe kommen, denn wieder mußte das Orchester Nachricht haben, was es jetzt spielen sollte, da es den Trauermarsch doch nicht noch einmal beginnen konnte. Außerdem kam Fräulein Bellachini eben, von rauschendem Applaus und einer erneuten Blumensalve verfolgt, athemlos und erhitzt, aber mit einem ganz seligen Gesicht in das Conversationszimmer und warf dem Director lachend einen Blumenregen vor die Füße. Der mußte er etwas Angenehmes sagen, sonst gab sie ihm das zehnfach in allerlei Ärgerniß wieder zurück, denn genau so stolz wie eine Sängerin auf ihre Kehle, ist eine Tänzerin natürlich auf ihre Füße.

»Mein liebes, verehrtes Fräulein,« sagte er, sich mit einem innerlichen Seufzer von dem Sopha emporrichtend, »Sie haben getanzt wie ein junger Gott, wie eine Sylphide, eine Bajadere, eine Triade oder Gott weiß, wie die Dinger heißen – Sie haben getanzt wirklich zum – zum Küssen. – Erlauben Sie, daß ich Ihnen im Namen Deutschlands um den Hals falle...

»Mein bester Herr Director...«

Der Director fiel; während er sie aber etwas tragisch umarmte, sah er an der Thür Sulzer stehen und rief zugleich aus:

»Schicken Sie doch zum Donnerwetter zum Kapellmeister, daß er irgend etwas Schwermüthiges spielt – aber kurz! – Ist denn der Rebe fertig?«

»Er läßt eben sagen, es könne angehen.«

»Mein liebes Fräulein, der Erbprinz wird entzückt sein,« sagte Krüger, sie bei Seite schiebend. – »Jetzt müssen Sie aber hinaus, Sulzer, und die Veränderung anzeigen.«

»Mit der Krone?«

»Meinetwegen mit dem Reichsapfel – das ist ja alles Ein Deubel! Haben Sie in's Orchester geschickt?«

»Ja – was soll ich denn anzeigen?«

»Sagen Sie nichts von Rebe!« rief Krüger rasch – »wegen plötzlich eingetretener Heiserkeit des Herrn Handor hätte eins der Mitglieder die Rolle des Hamlet gleich und ohne Vorbereitung übernommen – Direction bäte um Nachsicht.«

»Soll ich Meier's dicken Backen auch gleich anzeigen?«

»Den werden sie selber sehen – na, wenn das heut Abend gut geht...«

»Wär' es nicht eigentlich passend, Herr Director, wenn Sie selber vorher hinauf in die Loge zum Erbprinzen gingen und ihm...«

»Mit meiner großcarrirten Hose?« rief Krüger, »auf die mir noch der Esel, der Schulze, vorher die Lampe gegossen hat? Sehen Sie einmal den Ölflecken – machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

»Da fängt die Ouvertüre schon wieder an.«

»Na, dann warten Sie, bis sie fertig ist – nachher aber gleich – der Vorhang braucht gar nicht wieder zu fallen – Sie gehen nur ab.«

Es war jetzt in der That weiter nichts zu thun. Unten im Orchester spielten sie eins jener monotonen Stücke, die gewöhnlich in Schauspielen die Zwischenacte ausfüllen und nichts sind, als ein musikalisches Geräusch, bei dem sich das Publikum ungestört unterhalten kann, und Aus- und Eingehende die Thüren werfen.

»Ist denn Rebe noch nicht unten?« fragte der Director ungeduldig – »wenn wir jetzt noch einmal eine Pause machen müssen...«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Director,« sagte aber dieser selber, indem er in vollem Costüm auf seinen Chef zutrat.

Er hatte die vorher aufgetragene Schminke abgenommen und sah eigentlich bei Lampenlicht geisterhaft bleich aus – aber zu der Rolle paßte es. Das Costüm saß seiner schlanken, edlen Gestalt ebenfalls wie angegossen, und Krüger sah ihn ordentlich überrascht an.

»Und Sie haben wirklich noch Courage?«

»Sie sehen mich vollständig bereit, meinen Platz auszufüllen.«

»Na, Gott gebe seinen Segen dazu – Sie haben es selber gewollt.«

Die Musik schwieg; Sulzer gab das Zeichen zum Aufziehen des Vorhanges und trat dann rasch hinaus.

»Wer da?« schrie ihm Mauser aus dem Souffleurkasten, als ersten Ausruf Bernardo's, entgegen, denn er hatte mit Schmerzen auf den Beginn gewartet und glaubte natürlich, es sollte jetzt losgehen. Sulzer stutzte, und im Parket, wo man den Ruf deutlich gehört hatte, lachten Einige. König Claudius sammelte sich aber rasch wieder, und vortretend und zuerst den Erbprinzen, dann das Publikum mit einer ehrerbietigen Verbeugung begrüßend, brachte er die Anzeige der stattfindenden Veränderung.

Das Publikum nahm dieselbe ruhig hin, und nur ein leises Flüstern lief durch's Parterre, denn kein Name war genannt und Niemand wußte, wer jetzt den Hamlet spielen solle. König Claudius ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein, und Mauser selber unten im Souffleurkasten war in der äußersten Spannung, wer von Allen die Hauptrolle im Stücke so rasch übernommen haben konnte, daß er selber keine Ahnung davon hatte.

König Claudius aber war abgegangen. Aus der Coulisse trat der wachthabende Posten, Francisco, vor und schulterte seine Hellebarde, und Bernardo trat von der andern Seite auf.

Die erste Scene ging auch ruhig vorüber, und nur die Spannung des Publikums wurde mit der Verwandlung gesteigert.

Jetzt traten der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes und die Hofleute mit Gefolge auf, und Aller Augen hingen an dem Prinzen, aber jetzt nicht an dem Erbprinzen, sondern an dem von Dänemark, den man mit seinem bleichen Antlitz nicht einmal gleich erkannte. Aber plötzlich – Niemand wußte, woher er gekommen – flog der Ruf in einem hörbaren Zischeln durch das Theater:

»Rebe – Rebe spielt den Hamlet!«

Auf einer der vordersten Bänke saß Jeremias, der heute Rebe, wenn auch in einer kleinen Rolle, auf dem Zettel gefunden hatte und, ohne daheim etwas davon zu sagen, in's Theater gegangen war, um ihn selber einmal spielen zu sehen. War es überhaupt die letzte Rolle, in der er hier auftreten sollte. Sein Nachbar rief jetzt ebenfalls: »Rebe spielt den Hamlet!«, und es gab ihm einen ordentlichen Stich in's Herz, als er den Ausruf hörte.

»Rebe den Hamlet – na, wenn das gut geht!« stöhnte er, gleich dem Director – »was ist denn da vorgefallen und dem unseligen, verzweifelten Menschen in den Kopf gestiegen? Wenn er sich da blamirt – und natürlich wird er –, ist er für immer verloren!« – Jeremias wäre auch jetzt mit Vergnügen fortgegangen, denn er glaubte zu ahnen, was geschehen würde, und mochte das Elend nicht mit ansehen; aber es war unmöglich. Er saß gerade in der Mitte im Parquet, und die Sitze waren so eng, daß die ganze eine Reihe hätte aufstehen müssen, um ihn hinaus zu lassen, und was für Aufsehen würde das mitten im Act erregt haben! Er mußte schon bleiben, wo er war, und geduldig still halten. Was auch geschah, er konnte es doch nicht mehr ändern.

Und wie unbefangen der Mensch dabei aussah, und wie blaß aber auch! Während der König mit Polonius sprach, unterhielt er sich mit den Hofleuten, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge. Im Hause selber herrschte dabei noch immer einige Unruhe, und das flüsterte und zischelte an allen Ecken und Enden. In dem Augenblick aber, wo sich der König an Hamlet wandte:

»Doch nun, mein Vetter Hamlet, und mein Sohn...«

herrschte Todtenstille, und man hätte ein Blatt Papier können fallen hören.

Hamlet sprach aber seine kurzen Sätze einfach und verständig, die ersten Worte nur noch etwas leise – er war noch zu befangen. Trotzdem verstand man jede Silbe, denn das Publikum wagte kaum zu athmen, und schon bei der Anrede an die Mutter:

»Scheint, gnäd'ge Frau? Nein – ist! Mir gilt kein Scheint...«

schien er seine ganze Fassung erlangt zu haben oder hatte vielmehr das Publikum so vergessen, daß er nur Auge und Ohr für seine Rolle hatte, und nach dem Abgange der Übrigen, bei den heftigen Worten:

»Zerschmölze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und löst' in einen Thau sich auf!
Oh, hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! Gott, oh Gott,
Wie ekel, schal und flach, wie unersprießlich
Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt...«

sprach er sie mit einer solchen edlen und auch in keiner Bewegung übertriebenen Leidenschaft, daß der Director, der indessen hinter der Coulisse wie auf glühenden Kohlen stand, fast unwillkürlich in sich hineinmurmelte: »Gut, bei Gott, recht gut! Verfluchter Kerl, der Rebe, wenn er nur so fortführe! Am Ende käme er noch unausgepfiffen durch.«

Rebe schien aber nichts Derartiges zu fürchten, denn in der nächsten Scene mit Horatio, Bernardo und Marcellus benahm er sich mit so edlem Anstand und sprach, was er zu sprechen hatte, so durchaus im Geist der Rolle, daß das Staunen im Zuschauerraume wuchs, während er die Damen durch seine wie für den Hamlet geschaffene Gestalt schon halb gewonnen hatte. Aber trotzdem regte sich keine Hand, Alles saß lautlos und still, wie erwartungsvoll, daß plötzlich irgend etwas Außerordentliches geschehen solle, bis zu der Scene mit dem Geist, wo er diesem folgt und ihn endlich stellt.

Barthel war schauerlich als Geist. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß ein im Fegfeuer leidendes Gespenst, wenn es einmal über der Erde erscheine, auch seine dort unten erlittenen Qualen deutlich kund geben müsse, und wimmerte seine Rolle kläglich ab. Die Haßburger hatten sich aber an ihn gewöhnt; sie wußten es nicht anders, als daß der Geist wimmern muß, und nur die Fremden im Theater schüttelten mit dem Kopf, wagten aber kein Urtheil kund zu geben.

Desto besser war Rebe, der in dieser Scene ordentlich aus sich herausging, ohne aber eine einzige unnatürliche Bewegung zu machen oder im Geringsten stark aufzutragen. Das Grausen, das ihn erfaßte, als er den Geist erblickte, theilte sich dem Publikum mit, und wie der Geist mit dem »Ade, ade, gedenke mein!« abwimmerte und Hamlet in die Worte ausbrach:

»Oh Herr des Himmels! Erde! Was noch sonst?
Nenn' ich die Hölle mit? –«

hörte man hier und da einzelne leise Ausrufe von: »Gut! Recht brav!« Aber keine Hand rührte sich.

Der Erbprinz selber schien ganz ergriffen von dem Spiel und gab unwillkürlich wieder das vorher so gut eingeschlagene Zeichen zum Applaudiren, indem er die Fingerspitzen der weißen Glacéhandschuhe vorn zusammenbrachte – aber es half nichts.

Bei der Tänzerin war es etwas Anderes gewesen und diese eine berühmte Notabilität; sie mußte beklatscht werden, oder ganz Haßburg hätte sich blamirt. Ihren Rebe aber, den kannten sie besser als irgend jemand Anders, und da hinein ließen sie sich nicht reden, und wenn es vom Erbprinzen selber gewesen wäre.

Der Vorhang fiel, und schweigend wie das Grab saß das ganze Haus, bis plötzlich wieder das Zischeln und Flüstern begann und Einer dem Andern seine Bemerkungen leise mittheilte, oder erst vorsichtig dessen Ansichten hören wollte.

Jeremias athmete tief auf. Wie der Vorhang fiel, war ordentlich, als ob ein Alp von seiner Brust genommen wäre, in einer solchen, fast fieberhaften Spannung hatte er in den vorigen Scenen gesessen und zugesehen. Jetzt war es vorbei, er konnte wenigstens einmal wieder ordentlich Luft schöpfen, und ein eigenes, merkwürdiges Gefühl durchzuckte ihn, als er dabei die verschiedenen, aber fast sämmtlich günstigen Urtheile über den neuen Hamlet hörte.

»Na, nu seh' einmal ein Mensch an; wer hätte das dem Rebe zugetraut? Nicht gemuckst hat er bis jetzt, und gethan, als ob er nicht Drei zählen könnte, und nun rückt er auf einmal mit dem Hamlet heraus.«

»Na, aber der Handor hätt' ihn doch besser gespielt...«

»Nicht so viel, nicht die Probe; geschrieen hätt' er mehr, ja – aber der verfluchte Kerl sah ordentlich wie ein Prinz aus!«

»Ja, das war nichts,« sagte da ein Anderer, »die Scene mit dem Geist kann ein Jeder spielen, die spielt sich von selber – aber nachher wollen wir einmal sehen! Mein Hamlet wär's nicht.«

»Ach was, er macht's so gut er kann,« meinte Einer auf einer hintern Bank, »und wer weiß denn auch, wann er die Rolle übernommen hat? Der Handor steht ja noch auf dem Zettel.«

»Was nur dem heute fehlt?«

»Fehlen? Er hat wieder 'was zu viel – der Champagner wird heute gut geschmeckt haben!«

»Daß ihm nur noch Jemand 'was borgt! Mir ist er auch noch hundertfünfzig Thaler schuldig – das ist ein leichtfertiger Patron.«

»Da ist der Rebe ordentlicher, der bezahlt Alles, was er kauft.«

»Ja, aber er kauft nichts,« lachte ein kleiner dicker Mann; »der arme Teufel hat immer kein Geld...«

»Bst, es geht wieder an!« – Das Gespräch war abgeschnitten.

Oben auf der Bühne hatte indessen eine andere Scene gespielt, und kaum fiel der Vorhang, als der Director, ordentlich verlegen, auf Rebe zukam und, sich die Hände reibend, sagte:

»Nun, Herr Rebe, ich gratulire! Es – es geht ja recht gut. Ich – ich muß Ihnen gestehen, ich – habe das nicht erwartet.«

»Sie glaubten, ich würde durchfallen, Herr Director?«

»Aufrichtig gesagt, ja; das Schwierigste haben Sie freilich noch immer vor sich, aber bei einer so plötzlichen Übernahme einer Rolle ist das Publikum auch immer rücksichtsvoll genug, ein Auge zuzudrücken. Ich hoffe doch jetzt wenigstens, daß wir das Stück zu Ende bringen.«

»Woran Sie bis dahin gezweifelt haben. Es freut mich wenigstens, Herr Director, daß Sie, wenn ich morgen Haßburg verlasse, kein so hartes Urtheil über mich fällen werden, als das bisher vielleicht der Fall war. Ich habe Ihnen doch wenigstens bewiesen, daß ich nicht blos zum Stühlehinaustragen zu verwenden bin, und daß Sie mir die Rolle des Güldenstern mit recht gutem Gewissen hätten anvertrauen können.«

»Mein lieber Herr Rebe« (»lieber« Herr Rebe hatte er ihn noch nie genannt), sagte der Director wirklich etwas verlegen, »es – es thut mir in der Seele leid, daß wir es nicht früher einmal mit einer etwas bedeutenderen Rolle versucht haben! Halten Sie sich nur heut Abend tapfer; das Publikum ist noch merkwürdig still, aber verlieren Sie den Muth nicht, es geht doch vielleicht noch gut.«

»Mit ein klein wenig Nachsicht hoffe ich mein Versprechen zu lösen,« sagte Rebe; »aber das Orchester beginnt schon wieder. Entschuldigen Sie, Herr Director, ich komme nachher von der andern Seite, und möchte noch einen Blick in meine Rolle werfen.«

»Bitte, lassen Sie sich um Gottes willen nicht stören!«

Der Director war die übertriebene Höflichkeit. Er kannte sich selber nicht wieder, und Peters ging immer hinten auf dem Theater auf und ab und schüttelte mit dem Kopf. So etwas war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.

Hinter der Scene stand Pfeffer als Todtengräber mit dem Geist.

»Wißt Ihr 'was Neues, Barthel?«

»Nichts, mein Prinz,« erwiderte Barthel mit den Worten des Güldenstern, »außer daß die Welt ehrlich geworden...«

»So will ich's Euch sagen,« rief Pfeffer, »in dem Rebe steckt ein Schauspieler!«

»Es brauchte kein Todtengräber vom Grabe herzukommen,« citirte Barthel weiter, nur mit einer Veränderung des Textes, »uns das zu sagen – aber was für einer, ist die Frage.«

»Ein tüchtiger, wackerer Schauspieler!« rief Pfeffer in Eifer. »Hol' mich der Teufel, der Handor reicht ihm das Wasser nicht in der Scene.«

»Bah,« sagte Barthel, der von der Schauspielkunst ganz eigene Ideen hatte, »er sprach den Hamlet etwa gerade so, als ob Sie oder ich einen Geist gesehen hätten und außer sich wären – von Kothurn keine Spur – man darf doch nie vergessen, daß man auf dem Theater ist!«

»Ich will Ihnen 'was sagen, Barthel,« meinte Pfeffer, »Sie sind ein Esel und verstehen vom Hamlet gerade so viel wie der Peters!«

»Ich will Ihnen 'was sagen, Pfeffer,« erwiderte Barthel, »wir sind gute Freunde, aber Sie brauchen deshalb nicht gleich so grob zu werden...«

»Ruhe da hinten, es geht an!« rief der Inspector aus der Coulisse heraus, und im nächsten Augenblick ging der Vorhang wieder in die Höhe.

In der zweiten Scene erregte der neugeworbene Güldenstern mit seinem dicken Backen einige Heiterkeit, denn der Regisseur hatte ihn nicht mit angemeldet; aber das Publikum beruhigte sich bald darüber, denn Meier, als welcher er bald erkannt wurde, war eine zu beliebte und allbekannte Persönlichkeit in der Stadt, für deren bestes Bier er als Orakel galt, als daß man ihn irgend hätte kränken mögen. Außerdem lag es auf der Hand, daß er nur aus Gefälligkeit in Rebe's Rolle eingetreten sei. Der Erbprinz lachte aber, daß er sich zurückbeugen und sein Gesicht mit dem Tuch bedecken mußte, und Meier warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Der zweite Act ging wieder so ruhig vorüber, als der erste. Nicht einen einzigen Applaus bekam Hamlet, obgleich die Zuschauer doch bei Fräulein Bellachini bewiesen hatten, daß sie applaudiren konnten. Peters ging um den Director herum. –

»Herr Director!«

»Ja, Peters.«

»Der Rebe macht seine Sache gar nicht so schlecht; soll ich einmal wieder in's Parterre hinunter und vielleicht mit einer Kleinigkeit...« – er zeigte dabei seine zwei hornharten Fäuste.

»Um Gottes willen, Peters!« rief der Director erschreckt. »Rebe ist in dem Act viel schwächer, als im ersten – ein einziges verkehrtes Beifallszeichen, und der Teufel geht am Ende los! Wir wollen Gott danken, wenn wir die Sache ruhig zu Ende bringen!«

»Wie Sie meinen; manchmal hängt's aber nur an einer Kleinigkeit...«

»Ja wohl thut's das,« rief der Director, »und wir wollen es selber nicht muthwillig heraufbeschwören! Die Heidenangst, die ich heut Abend ausstehe, werde ich überhaupt im Leben nicht vergessen!«

Als der Vorhang fiel, regte sich Niemand. Selbst der Erbprinz hütete sich, einen zweiten Versuch zu machen, da der erste so gründlich mißglückt war. Rebe schien etwas befangen, denn die übrigen Schauspieler wichen ihm aus, aber er suchte seiner Furcht Herr zu werden.

Fräulein Bellachini tanzte wieder in diesem Zwischenact, und Rebe benutzte die Zeit, um indessen hinter der Bühne mit dem Laertes, einem jungen, ganz geschickten Schauspieler, die Zweikampf-Scene ein wenig einzuüben, da diese in der Ausführung besondere Schwierigkeiten hat und leicht lächerlich wird. Rebe selber wußte übrigens vortrefflich mit der Stoßwaffe umzugehen, und da sich sein Gegner auch alle Mühe damit gegeben hatte, ging es recht gut.

Jetzt kam der dritte Act – kam die Scene mit der Mutter, und Rebe entwickelte da eine so volle Kraft und schöne, edle Sprache, daß sich im Publikum immer mehr ein Gefühl zu regen begann, er habe doch am Ende wohl einen Beifall verdient, aber Jeder scheute sich den Anfang zu machen.

Die Scene spielte er durch, von Anfang bis zu Ende ganz vortrefflich, und todtenstill saß das Parterre dabei, denn der erste Rang hält es gewöhnlich für unter seiner Würde, zu applaudiren. Es greift auch die Glacéhandschuhe zu sehr an, und wie darf da der Schauspieler in Betracht kommen, der all' seine Kräfte darangesetzt hat, seiner Aufgabe zu genügen, und dem das Publikum durch nichts, nichts weiter auf der Welt lohnen kann, als augenblicklichen Beifall!

So kamen die letzten Worte:

»Nun, Mutter, gute Nacht – der Rathsherr da
Ist jetzt sehr still, geheim und ernst fürwahr,
Der sonst ein schelm'scher alter Schwätzer war.
Kommt, Herr – ich muß mit Euch ein Ende machen –
Gute Nacht, Mutter...«

Aber das letzte »Gute Nacht, Mutter« sprach er so ergreifend, so wunderbar wahr, daß dem kleinen Jeremias die Thränen in die Augen traten.

Und keine Hand regte sich. Jetzt aber hielt sich Jeremias nicht länger. Seine Handschuhe hatte er schon lange ausgezogen, um zu augenblicklichem Dienst bereit zu sein – jetzt hieb er ein, und wie der erste Schall durch das Haus flog, war es, als ob ein Zauber gebrochen wäre, der bis jetzt Alle befangen gehalten hätte.

Einen solchen Applaus hatte selber die berühmte Tänzerin nicht bekommen: das ganze Haus dröhnte förmlich vom Klatschen und Beifallssturm, in das der Erbprinz jetzt mit augenscheinlicher Freude und mit gutem Willen einstimmte.

»Rebe 'raus!« gellte da zwischendurch eine Stimme, und: »Rebe 'raus!« schrie das Publikum wie aus Einem Munde und als ob es das Versäumte jetzt mit Lärmen und Toben wieder nachholen wollte.

Der Vorhang stieg in die Höhe, aber Rebe kam nicht. Die Ungeduld wuchs, die Leute geberdeten sich wie toll und pochten, stampften, klatschten und schrieen: »'Raus, 'raus! Rebe, Hamlet, Hamlet! Rebe, 'raus, 'raus, 'raus!«

Ein schützender Engel waltet über Allem – Fräulein Rottenhöfer glaubte oder hoffte, ihren Namen mitzuhören.

»Aber, Herr Rebe, so kommen Sie doch, wir werden ja gerufen!«

»Aber, mein bestes Fräulein...«

»Sind Sie ein wunderlicher Heiliger! So kommen Sie doch!« und seine Hand ergreifend, zog sie den schüchternen Hamlet unter einem neuen Ausbruch von Jubel und Beifall auf die Bühne hinaus.

Rebe stand wie betäubt, und Pfeffer ging immer um ihn herum, als ob er ihn anreden wollte, änderte aber eben so oft seine Absicht wieder und machte fortwährend und in Gedanken vergebliche Versuche, seine Hände in die gewohnten Seitentaschen seines alten Rockes zu bringen. Das Costüm hatte leider keine.

Fräulein Bellachini zürnte. Sie war auch gerufen, aber nicht so, und beim zweiten Mal hatte man sogar – da es Peters nicht mehr für nöthig fand – ihren Tanz nicht einmal da capo verlangt.

»Sie schreien wie verrückt,« sagte sie, als sie sich in ihre Garderobe zurückzog; »ich bin froh, daß ich mich nur für diesen einen Abend engagirt habe.«

Jetzt war aber Bahn für Rebe gebrochen. Schon im vierten Act, bei den kleinen Scenen, wurde jede einigermaßen passende Stelle lebhaft applaudirt, und im fünften Act, in der Scene mit dem Todtengräber, brach der Sturm auf's Neue aus. Es war gut, daß Fräulein Bellachini das Theater verlassen hatte. Nicht enden wollte aber der Beifall in der Fechtscene, die auch wirklich vortrefflich von Beiden gegeben wurde, und als der Vorhang endlich zum Schlusse fiel, ging es von Frischem an.

Erst mußten Alle heraus, nur Meier mit seinem dicken Backen fehlte, und Fräulein Rottenhöfer erschien im Mantel und ohne Stroh in den Haaren. Dann wurde Rebe noch besonders gerufen, und wie der Vorhang kaum wieder herunter war, mußte er noch einmal heraus.

Etwas Derartiges war in Haßburg noch nicht geschehen, so lange die alte Stadt stand.

Jetzt endlich beruhigte sich der See – er hatte sein Opfer, und der Director wollte eben auf Rebe zugehen, um ihm seine Anerkennung auszusprechen, als der Hofmarschall aus der Loge des Erbprinzen auf die Bühne kam und den Director ersuchte, einen Augenblick zu dem gnädigsten Herrn heraufzukommen, der ihn zu sprechen wünsche.

»Mich? Heiland der Welt!« sagte Director Krüger erschreckt; »aber ich – ich bin ja nicht – entschuldigen Sie einen Augenblick!« und wie ein Wetter schoß er in das Conversationszimmer, wo er wild nach Peters schrie.

»Peters, Peters! Verfluchter Kerl, wo steckt der nur wieder?«

»Aber, Herr Director, hier bin ich ja – ich habe vor Verzückung auf Einem Bein gestanden!«

»Haben Sie meinen Frack mitgebracht? Ob ich es mir denn nicht immer dachte, daß noch ein Unglück passiren würde! Meinen Frack will ich – hören Sie denn nicht?«

»Aber da liegt er ja auf dem Sopha! Wo wollen Sie denn noch hin?«

»Zum Erbprinzen – er hat ja nach mir verlangt!«

»Mit dem Fettfleck?«

»Herr Du mein Gott, an den Fettfleck habe ich gar nicht gedacht! Oh, daß diesen Schulze der Teufel holte!«

»Glaube nur nicht, daß er unter den vielen Schulzes den richtigen findet,« meinte Peters. »Aber warum nehmen Sie nicht Herrn Rebe's dunkle Hosen? Er ist noch in der Garderobe.«

»Die sind mir ja um einen Fuß zu lang!«

»Krempeln wir auf,« sagte Peters.

»Es geht nicht mehr, er wartet!« ächzte der Director, der seinen alten Rock schon abgeworfen hatte und sich in den etwas engen Frack hineinzwängte – »wo ist mein Hut? Ich halte meinen Hut vor!«

»Da sieht der Fettfleck beinah' noch besser aus,« sagte Peters; »Sie haben den alten erwischt.«

»Na, dann kann's nichts mehr helfen; ein Unglück kommt nie allein, und wenn ich jetzt in Öl eingekocht wäre wie eine Sardine, warten kann ich ihn nicht länger lassen!«

»Das Schnupftuch hängt Ihnen hinten heraus,« sagte Peters.

Der Director steckte es in wilder Hast wieder ein, und sich unterwegs die in Unordnung gerathenen Haare ein wenig zurecht drückend, schoß er in voller Flucht zurück auf die Bühne, um sich dem übermäßig besternten und beordenten Hofmarschall zur Verfügung zu stellen.

Dieser führte ihn auch ohne Weiteres der fürstlichen Loge zu, und Krüger, etwa mit einem Gefühl wie ein Subalternbeamter, der vor einen Vorgesetzten citirt ist und die Gewißheit hat, einen tüchtigen Rüffel zu bekommen, folgte ihm so rasch er konnte.

Der Erbprinz erwartete ihn oben. Der Wagen stand schon lange unten, seiner harrend, aber er blieb trotzdem zurück und sah indessen zu, wie sich das Haus leerte.

»Herr Director Krüger, Königliche Hoheit.«

»Ah, lieber Director, es freut mich, Sie kennen zu lernen – ich bin Ihnen dankbar für Ihre Aufmerksamkeit!«

»Königliche Hoheit,« stotterte Krügen

»Heut Abend aber,« fuhr der Prinz fort, »bitte ich Sie, Ihrem Herrn Rebe in meinem Namen für den Genuß zu danken, den er mir durch sein vortreffliches Spiel bereitet hat. Er ist jetzt noch in Costüm, sonst hätte ich ihn selber heraufrufen lassen, und so ersuche ich Sie denn, ihm in meinem Namen diese Tuchnadel zu überreichen, die er mir zum Andenken tragen mag,« und mit den Worten nahm er seine eigene Brillantnadel aus der Cravatte und überreichte sie dem Director.

»Königliche Hoheit,« stammelte dieser wieder, »sind so gnädig...«

»Guten Abend, Herr Director, nochmals, ich bin Ihnen sehr dankbar!« und fort war er, und in einer solchen Aufregung befand sich der Director, daß er selbst seinen Fettfleck vergessen hatte, und in einem Zustand, von dem er sich selber später keine Rechenschaft ablegen konnte, zurück auf die jetzt leere und fast dunkle Bühne schoß. Er schüttelte dabei fortwährend mit dem Kopf und murmelte in einem fort: »Noch gar nicht dagewesen, noch gar nicht dagewesen!«

Rebe war noch in seiner Garderobe; Krüger folgte ihm dahin fast willenlos.

»Herr Rebe, der Erbprinz läßt Ihnen in meinem Namen sagen...«

»In Ihrem Namen, Herr Director?«

»In seinem Namen, wollte ich sagen, daß er Ihnen unendlich dankbar für den Genuß des heutigen Abends ist und Sie bittet, diese Tuchnadel – Mensch, Sie haben ein Heidenglück! – zu seinem Andenken zu tragen.«

»Herr Director!« sagte Rebe erschrocken.

»Es ist so, Rebe, bei Gott! Seine Königliche Hoheit war unendlich gnädig und hat sich bei mir auch bedankt.«

»In der That?«

»Rebe,« fuhr der Director gerührt fort, »ich habe Ihnen Unrecht gethan, Sie sind zurückgesetzt worden, ungerechter Weise zurückgesetzt worden – Sie hätten eigentlich besser beschäftigt werden müssen, und ich sehe ein, daß Ihnen Unrecht geschehen ist.«

»Herr Director,« sagte Rebe ruhig, »es freut mich wenigstens, daß Sie das noch im letzten Augenblick erkannt haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß das mein schönster Lohn heut Abend ist. Wir werden also wenigstens in Frieden und Freundschaft scheiden.«

»Wir wissen noch gar nicht, ob wir scheiden, Rebe,« platzte der Director heraus, »das wissen wir noch gar nicht! Kein Mensch weiß überhaupt, was am nächsten Tag geschieht, ja, an dem nämlichen, und wenn mir heute Morgen Jemand erklärt hätte, daß Sie heut Abend den Hamlet spielen würden, so...« er schwieg erschrocken still, weil er sich beinahe verschnappt hatte. Rebe aber fuhr lächelnd fort:

»Würden Sie ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt haben.«

»Lieber Herr Rebe, ich bitte Sie um Gottes willen...«

»Ich danke Ihnen für Ihre bessere Meinung heut Abend, Herr Director, aber Sie entschuldigen jetzt. Ich fühle mich doch etwas angegriffen und will machen, daß ich nach Hause komme.«

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?«

Rebe lächelte. – »Tausend Dank, nein – ich wohne gar nicht so weit von hier und bin gewohnt, den Weg im schlechtesten Wetter zu Fuß zu gehen. Gute Nacht, Herr Director.«

»Gute Nacht, lieber Rebe, schlafen Sie recht wohl – Sie können heute auf Ihren Lorbeern ausruhen.«

Rebe knöpfte sich seinen Rock bis oben zu und verließ rasch die Garderobe. Unten an der Treppe ging ein Mann in einem braunen Überrock auf und ab – es war Pfeffer. Rebe wollte mit einem Gruß an ihm vorübergehen.

»Herr Rebe!« rief ihn Pfeffer an.

»Mein bester Herr Pfeffer...«

»Geben Sie mir Ihre Hand.«

Rebe schüttelte die dargebotene aus allen Kräften.

»Sie sind ein ganzer Kerl!« sagte Pfeffer, drehte sich ab und verschwand hinter einer der Coulissen.

Rebe verließ das Theater; er schöpfte tief und anhaltend Athem, als er die frische Nachtluft draußen erreichte. Es war ihm so leicht, so froh zu Sinn, er fühlte den Boden kaum, auf den er trat. Mit raschen Schritten eilte er nach Hause – Essen und Trinken? Er dachte gar nicht daran. Seine Glieder zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und als er sein kleines, ärmliches Zimmer im vierten Stock erreichte, schob er den Riegel hinter sich zu, warf sich auf das Sopha, barg sein Gesicht in den Händen und weinte wie ein Kind.

21.
Der Wilddieb.

Unten im Stübchen des Haushofmeisters, im Monford'schen Schlosse saß der alte Förster behaglich hinter einer Flasche Wein und einem großen Stück Kuchen, fest entschlossen, es sich den heutigen Abend einmal gut sein zu lassen – kam es doch überhaupt nicht häufig vor – als der Wiesenmüller, der auf der Stadtseite an das Gut stieß und häufigen Verkehr mit dem Haushofmeister hielt, das Zimmer betrat und sich mit zum Tisch setzte.

Natürlich wurde ihm ebenfalls sogleich ein Glas vorgesetzt, und das Gespräch drehte sich gerade um all' die verschiedenen Persönlichkeiten, welche sich heute zu dem Freibier eingefunden, während Jonas, der zwischen ihnen saß und immer noch glaubte, andere Leute merkten nicht, daß er taub sei, mit hineinsprach und oft die verkehrtesten Dinge vorbrachte.

»Der alte Fritz hat sich auch richtig eingefunden,« sagte der Müller; »das ist ein durchtriebener Halunke und weiß seine Zeit vortrefflich abzupassen.«

»Der Lump!« brummte der Förster in sein Glas hinein. »Der Graf hat ihm ja verboten, sich nach Dunkelwerden auf dem Grund und Boden hier wieder sehen zu lassen.«

»Ja, heute ist aber eine Ausnahme,« lachte der Holzhändler, »denn wenn er bei hellem Tag erst käme, wär' die Geschichte vorbei und er kriegte nichts mehr.«

»Schadete ihm auch nichts,« meinte der Müller, »und ich wollte, er hätte die hiesige Gegend nie gesehen, denn seit er da ist, spür' ich's an meinen Fischen.«

»Er stiehlt, wo er 'was kriegen kann,« nickte der Förster, »und meine Fasanen wissen davon zu erzählen.«

»Und Eure Forellen auch,« lachte der Müller; »meinem Gevatter, dem Mehlberg, hat er neulich sieben Pfund verkauft.«

»Der Cujon!« rief der Förster; »aber ich kann doch hier, Gott straf' mich, nicht den ganzen Tag im Park stecken, wo ich da drüben das große Revier und die Stadt in der Nähe habe, in der das Gesindel Alles brauchen kann, was vorkommt. Wenn er sich aber hier am Fischwasser herumtriebe, müßte ihn Jonas doch über Tag bemerkt haben. Habt Ihr den Fritz schon einmal angeln sehen, Jonas?«

»Du lieber Gott,« sagte der alte Mann, der indessen seinen eigenen Gedanken gefolgt war und jetzt merkte, daß er angeredet wurde, »als kleines Kind hab' ich sie ja schon auf den Armen getragen!«

»Wen?« schrie der Müller.

»Die liebe Comtesse, und wenn mich Gott leben läßt, kann ich jetzt auch vielleicht ihre Kindchen sehen.«

»Ob Ihr den alten Fritz nicht habt fischen sehen, fragt der Förster,« schrie ihm jetzt der Müller in's Ohr.

Jonas sah ihn ganz erstaunt an, denn er begriff die Frage nicht einmal gleich; endlich aber nickte er lächelnd mit dem Kopf und sagte:

»Den alten Fritz? Oh, gewiß, nach Maulwürfen. Seine Angelruthen stecken ja über die ganze Wiese, und er ist darin ein tüchtiger Kerl, das muß man ihm lassen; es macht's ihm Keiner nach.«

»Mit dem Alten ist ja nicht zu reden,« sagte der Förster halblaut, »und wenn wir so schreien, hört's am Ende der Halunke da draußen und lacht uns noch obendrein aus.«

»Hört einmal, Förster,« sagte der Müller leise, »der Maulwurfsfänger ist mit allen Hunden gehetzt, und so hält es verdammt schwer, hinter seine Schliche zu kommen; bei einem Glase Wein hat aber schon Mancher ausgeplaudert, wovor er sich sonst wohl gehütet und sich lieber die eigene Zunge abgebissen hätte. Wenn wir ihn nun einmal hereinriefen und ihm ein bischen zusetzten?«

»Der trinkt uns Beide unter den Tisch,« brummte der Förster.

»Der noch lange nicht,« rief der Müller; »eine bessere Gelegenheit finden wir auch im Leben nicht wieder. Merken kann er nichts, denn alle Arten von Leuten sind heut Abend hier versammelt. Wollen wir's nicht einmal versuchen?«

»Aber am Ende ist's dem Haushofmeister nicht recht, wenn wir den Vagabonden hier in sein Zimmer bringen.«

»Ach was, zu dem Zweck hat er gewiß nichts dagegen, denn er mag ihn auch nicht leiden, weil ihn der Lump immer so vornehm grüßt; und dann kommt der auch nicht vor den nächsten zwei Stunden wieder herein, denn er ist jetzt mit der Tafel beschäftigt, und nachher wird gespeist, wo er ebenfalls dabei sein muß.«

»Na, meinetwegen, dann holt ihn; ich stehe mit ihm nicht so grün, daß ich ihn einladen könnte, und er röche gleich Lunte.«

»Den wollen wir uns einmal langen,« lachte der Müller vergnügt vor sich hin, indem er von seinem Sitz aufstand; »paßt auf, den kaufen wir uns.«

»Wollt Ihr schon fort?« fragte Jonas erstaunt.

Der Müller schüttelte nur mit dem Kopf und verließ langsam das Zimmer, und der Förster qualmte indessen stärker aus seiner Pfeife, trank aber nicht mehr, weil er sich das auf nachher aufsparen wollte! Der Müller blieb aber entsetzlich lange; der alte schlaue Bursche wollte gewiß nicht mit. Endlich kam er wieder herein.

»Na, das ist merkwürdig,« sagte er, »die ganze Zeit hat der Fritz da an dem einen Baum gelehnt; der eine von meinen Burschen hat ihn deutlich gesehen, und der Hund war auch bei ihm, und jetzt ist er fort und nirgends mehr zu finden.«

»Er wird irgendwo an einem der Tische sitzen.«

»Gott bewahre; überall habe ich ihn gesucht, kein Mensch weiß etwas von ihm, und der Berthold, der die Getränke zu vertheilen hat, will ihn noch mit keinem Auge gesehen haben, und den hätte er sich gewiß gemerkt.«

»Dann hat die Canaille wieder 'was im Werk,« sagte der Förster, mit der Faust auf den Tisch schlagend, »und glaubt, weil ich hier fest hinter der Flasche sitze, daß ich ihm die Nacht nicht auf den Dienst passe. Ei Du heiliger Kreuzhimmelschwerenöther Du!« Und mit den Worten stand er von seinem Stuhle auf.

»Unmöglich wär's nicht,« lachte der Müller, »und dick genug hat er's dazu hinter den Ohren. Aber was will er in der stockfinstern Nacht machen? Der Mond geht erst um Mitternacht herum auf; da ist's nichts mit dem Angeln und Wildern.«

»Und mit dem Netzfischen auch nicht, wie?« sagte der Förster, indem er seine Flinte vom Nagel nahm. »Ne, Müller, wenn er nicht mehr da draußen steckt, dann ist er auch im Park auf irgend eine Lumperei aus, und da schmeckt mir doch hier kein Tropfen mehr, bis ich mich wenigstens überzeugt habe. Wo ist denn mein Forstgehülfe?«

»Ja, der steht bei den Böllern und kann nicht fort, bis die abgefeuert sind. Wartet lieber so lange, das wird nicht mehr so ewig dauern, und Zwei sind besser als Einer.«

»Die Böller werden nicht eher abgefeuert, bis die Tafel fast vorüber ist,« sagte einer der Diener, der sich einen Augenblick weggestohlen hatte, um hier rasch ein Glas Wein zu trinken; »dann wird erst die Gesundheit auf das Brautpaar ausgebracht.«

»So lange kann ich nicht warten,« brummte der Förster, indem er seinen Hut aufstülpte; »brauche auch wahrlich keinen Gehülfen und werde mit dem Lump schon allein fertig werden!«

»Was ist denn?« fragte der Lakai.

»Oh, ein Fuchs holt mir die Fasanen weg, und dem hab' ich ein Eisen gestellt,« sagte der Förster; »will nur einmal nachsehen, ob er drin sitzt.«

»Na, viel Glück!« rief ihm der Mann nach.

»Esel!« brummte der Waidmann vor sich hin, als er die Thür zudrückte und sich durch das Gedränge der draußen herumschwärmenden Gäste Bahn brach. Er hatte Gift und Galle im Herzen und erwiderte nicht einmal manchen ihm hier und da gebotenen Gruß.

Es trieb ihn auch, aus der Nähe des Schlosses fortzukommen, und rasch schritt er den Weg entlang nach dem Fluß hinüber, um dort vielleicht den »alten Cujon«, wie er ihn nannte, auf frischer That bei verbotenem Fischfang zu ertappen, und ihn dann den Gerichten ausliefern oder doch wenigstens die Anzeige machen zu können, denn eher wurden sie den frechen Gesellen nicht aus der Gegend los. Konnte er aber erst einmal eines Vergehens überwiesen werden, dann verstand es sich auch von selbst, daß man ihn hier erst abstrafte und nachher als Ausländer einfach über die Grenze schaffte.

Am Fluß selber kannte er genau jede Stelle, an der sich ein Fischdieb einigen Erfolg versprechen durfte, und am Strom hinauf hielt er sich ein Stück davon entfernt auf dem dunkeln und weichen Rasen, bis er einen solchen Platz erreichte und dann mit aller Umsicht dort hinüberschlich – aber immer vergebens. Da, wo er den Wasserrand erreichte, flog ein aufgescheuchter Vogel aus den Büschen, dort sprang ein Frosch in's Wasser, lauter Zeichen, daß sie kürzlich von keinem Menschen belästigt oder gestört worden, und er hatte den Drahtzaun schon fast erreicht, als er draußen vor dem Thor ein Pferd schnauben hörte.

»Na?« sagte der Förster und blieb erstaunt stehen, »wer hält denn jetzt da draußen vor dem Gitter? Die Gäste haben doch die Auffahrt alle vorn.« – Er wäre auch gern einmal vorgegangen, um den Kutscher zu fragen, was er da zu thun habe, denn Stadtwagen durften den Weg gar nicht fahren; knüpfte er aber hier ein Gespräch an, so verrieth er sich vielleicht dem möglicher Weise ganz in der Nähe befindlichen Fischdieb. Nicht einmal über das Gitter konnte er hier; ohne von dem Kutscher bemerkt und dann jedenfalls angerufen zu werden, und da der Maulwurfsfänger nicht innerhalb der Umzäunung stak, mußte er doch jedenfalls draußen sein, wo er auch noch weniger eine Entdeckung zu fürchten brauchte.

Der Förster also, dem nicht so viel daran lag, zu wissen, wer hier unbefugt fahre, da das auch eigentlich Sache des Haushofmeisters oder des Gärtners war, als vielmehr dem Maulwurfsfänger nachzuspüren, zog sich wieder in den Schutz der dichten Erlenschatten zurück und kreuzte, da er hier nicht durch den Fluß konnte, die Wiese. Weiter oben brauchte er dann nur dicht unter dem Holz über den Drahtzaun zu steigen und einen kleinen Bogen zu machen, und kam dann immer wieder, und zwar an einem der besten und bequemsten Fischplätze, an's Wasser.

Wie er den Waldrand erreichte und daran hinschlich, hörte er plötzlich ein Geräusch im Gehölz, als ob Jemand mit einem Stock auf den Boden schlüge. Er stutzte und horchte – jetzt war Alles ruhig. – Sollte denn der verteufelte Kerl selbst in dieser Nacht seinen Fasanen wieder nachstellen? Aber das war ja gar nicht möglich! Was hätte er denn in der Dunkelheit mit ihnen ausrichten können? Wenn man gegen die Bäume hinaufsah, war nichts als ein dunkler, undurchdringlicher Fleck zu erkennen, in dem man nicht einmal einen weißen Vogel so groß wie ein Truthahn unterschieden haben würde, viel weniger einen dunkeln Fasan, der sich an einen der gleichfarbigen und dichtbelaubten Äste schmiegte. Das war vollkommen unmöglich, und wenn – da wieder – wieder das nämliche Geräusch in den Büschen, genau so, als ob ein Rehbock den Grund mit den Vorderläufen schlägt.

Der Förster horchte noch gespannt, um sich der genauen Richtung zu vergewissern, als er hinter sich nach der Wiese zu ein Geräusch hörte und den Kopf rasch dorthin drehte.

Er selber stand hier vollständig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im Schatten der Bäume; ihn konnte Niemand sehen, das wußte er gut genug, so lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam dem neuen Geräusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten auf dem hier mitten durch die Wiese führenden Kiesweg entlang und eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte schnauben hören.

»Das ist doch merkwürdig,« dachte er, indem er mit dem Kopf schüttelte, »da drinnen im Schloß fängt die Geschichte gerade an, und da sind zwei Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt können sie auch nicht sein, denn wie kämen die mit ihrem Wagen da hinten an das Gitter? Muß doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging' ich nicht lieber gleich selber hin und sähe zu? Die Sache kommt mir beinahe verdächtig vor und 'was Heimliches muß jedenfalls dahinter stecken.«

Der Förster stand noch unschlüssig, was er thun sollte, als sich der Lärm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als vorher. Es schlug in den Büschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein Dickicht brechen wolle und nicht hindurch könne, oder an einem Busch risse, der nicht nachgeben wollte.

Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Geräusch gehört zu haben, denn wie der Förster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er, daß sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, während die andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und eine Strecke zurückblieb. Zu jeder andern Zeit würde dem Förster diese nächtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen verdächtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versäumt haben, der Sache näher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stück Wild irgendwo gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Läufen austräte. Was kümmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin, und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, daß er ihm nicht in der Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde, tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese von dem Kiefernwäldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blüthenbüschen, um mit diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstämmigen Kiefern bildeten.

Der Förster hütete sich dabei viel Geräusch zu machen. Während er aber selber durch die Büsche kroch, konnte er natürlich nichts hören, denn die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da drüben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er ein Geräusch zu hören, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.

So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch nicht zu fürchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig aus dem Gebüsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln vollständig geräuschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die Schritte und jetzt auch noch das immer stärker werdende Rascheln in den Büschen hörte.

Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, ließ sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Förster hatte noch nicht einmal die Gestalt erkennen können; aber das blieb sich gleich. Wer sich auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger am Bügel, um rasch damit nach dem Drücker herunterfahren zu können, glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er möglicher Weise konnte, weiter auf seiner Bahn.

Das Geräusch der Schritte hörte er dabei, als er einen Moment anhielt, um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt ließ es sich nicht mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das stärker und heftiger wurde, aber genau auf der nämlichen Stelle blieb. Der Förster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, daß es aus dem schmalen Fichtenstreifen herrührte, der an dem jetzt draußen angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur los? Hatte sich ein Stück Wild gefangen – Schlingen? Zum ersten Mal zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.

Der Maulwurfsfänger indessen, mit keiner Ahnung, daß ihm sein grimmigster und gefährlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den Läufen schlagen hörte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Geräusch in der Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.

Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wußte recht gut, daß es nicht laut werden durfte – der Maulwurfsfänger hatte es schon seit langen Jahren darauf dressirt, – aber sein Herr hörte nicht. Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte stärker, aber mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfänger, von der Leidenschaft ergriffen, hörte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Förster saß, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters hinter einer Flasche Wein; der Forstgehülfe war mit den Böllern beschäftigt, weiter hatte er Niemanden zu fürchten, und es blieb ihm da übrig Zeit, den Lohn für seine Mühen zu nehmen und fortzuschaffen. Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen Schmalthier und genickte es ab.

Jetzt war Alles todtenstill – nein, da drinnen regte sich 'was, und sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte lauter.

»Was giebt's, Spitz?« rief der Alte erschreckt. »Kommt Jemand?«

Der Spitz knurrte noch einmal und schlug plötzlich laut an; der Wilddieb erschrak, denn das war ein untrügliches Zeichen, daß ihm Gefahr in unmittelbarer Nähe drohe. Fast unwillkürlich griff er freilich nach der Schlinge, um diese zu lösen und seine Beute frei zu bekommen; aber die Hände zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern hinüber.

Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Förster schon überhaupt in nächster Nähe, durch den Todeskampf des Thieres der richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es hier zu thun hatte.

»Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhäutige Canaille?« schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, während er mit der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Büsche schützte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt. »Steh, Schuft, oder ich schieße Dich wie einen tollen Hund über den Haufen!«

Der Maulwurfsfänger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine Besinnung nicht. Der Förster durfte nicht schießen, das wußte er recht gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit drei Schritten Vorsprung hätte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mußte er freilich im Stich lassen, aber für sich selber fürchtete er auch keinen Moment, und mit einem leisen, eigenthümlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug kannte, richtete er sich empor und sprang über das erlegte Stück hinweg, um das Freie zu gewinnen – aber hier fing er sich im wahren Sinne des Worts in seiner eigenen Schlinge.

Der starke Messingdraht war nämlich hoch genug gespannt, um den Kopf eines Stück Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losriß, damit die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrängend, seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im Todeskampfe zusammenbrach, drückte es hier den Messingdraht mit sich nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch an jener Seite höher gespannt, was der Mann natürlich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Als er deshalb über das Wildkalb hinwegsprang, hakte sein einer Fuß darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich zu stützen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Länge nach auf den Boden nieder.

Der Förster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt, und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rüstig, zögerte er keinen Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei, in die Beine durfte er ihn schießen, das war erlaubt, das wollte er wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nöthig sei. Nur erst einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der Flüchtling auf den Boden niederschlug, er hörte den Fall und setzte mit einem Jubelruf hinterdrein.

Hier aber störte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgekläff nach den Beinen fuhr, so daß er unwillkürlich erschreckt zur rechten Seite hinüberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stieß. Das aber war kein Hinderniß. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick Luft; den Draht hielt er in der Hand und bückte sich geschwind darunter durch, und so rasch war das Alles gegangen, daß er dem zu Boden Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld hinausfliehen wollte.

Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Förster hatte ihn wie mit eisernem Griff am Rock, und fühlte jetzt nicht einmal, daß ihm der Köter wieder nach den Beinen fuhr.

»Steh, Hund!« schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend, »oder, Gott straf' mich, ich schieß' Dich zusammen!«

»Alter Tropf,« zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen den Zähnen durch, »Du hältst mich noch nicht!« Und den Arm herumwerfend, schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfänger, den er noch immer in der Hand hielt, quer durch das Gesicht hinüber. In demselben Moment that er einen Ruck, und während der Förster, durch Schmerz und Schreck übermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachließ, riß er sich los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht folgen konnte.

Der Förster fühlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast rasend vor Wuth, riß er die Flinte an die Backe und drückte ab. Sehen konnte er nichts, denn die Gestalt des Flüchtigen war schon im Dickicht verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkürlich tief, um keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, daß er ihm morgen seine Thäterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt hätte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen dürfen.

Erst mit dem Schuß selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und horchte jetzt in den Wald hinein, während er sich mit der linken Hand in's Gesicht fühlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft für einen Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze Hand war naß, und er fühlte, wie ihm der warme Strom in den Bart hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebüsch; war der Bursche doch in's freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinüber, aber er konnte nichts sehen. Das rechte Auge war schon völlig zugeklebt, und vor dem linken flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.

Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas hätte rascheln hören; jetzt Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein – oder hatte er den Menschen todtgeschossen?

Es fing an ihm unheimlich da draußen allein im Walde zu werden – und wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier thun? Es blieb am besten, er ging zurück in's Schloß, um dort seinen Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm überhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern. Das war ein schöner Festabend, wo er einmal hatte recht vergnügt sein wollen; Jesus, wie mußte er jetzt aussehen und die Leute erschrecken, wenn er dort zurück zu den fröhlichen Menschen kam – und heute gerade Verlobung! Aber allein wäre er nicht mehr im Stande gewesen, sein eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er wollte, daß er erst die kurze Strecke nach dem Schloß zurückgelegt, so schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.

Draußen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer Graben, über den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das Kieferwäldchen zurück, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem Schlosse. Jetzt erreichte er die Büsche, die ihn noch vom Wege trennten; dort hindurch führte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den jetzt finden? Er mußte gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Füßen schwanke; aber weiter, nur weiter, daß er wieder zu Menschen, zu Hülfe kam und dort seine Geschichte erzählen konnte.

Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich – da war auch der Weg – Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd laufen wollte; war das der Maulwurfsfänger? Aber wo hatte der so schnell das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwächer zu Sinn; seine Gedanken verwirrten sich, weite, glänzende Regenbogen flimmerten ihm vor den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schloß dorthin zu oder dort drüben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der nächsten kleinen Büsche.

Noch that er einige Schritte vorwärts über den Weg hinüber auf den Rasen; er fühlte, daß er umsinken müsse – dann schwanden ihm die Sinne und er brach ohnmächtig, wo er stand, zusammen.