»Nun,« lachte der Buschrähndscher, »gelt ich nicht als Besuch? Aber das ist brav – rückt den Theetopf zum Feuer, und laßt mich 'was Warmes haben. Ich bin so ein wenig in Eile und möchte wieder fort.«
Er war wieder zur Thür gegangen, neben der er seine Muskete an die Wand lehnte, und sah durch die Spalten derselben in's Freie.
»Doppelte Portionen?« sagte Jim, der sich indessen wieder gesammelt hatte. »Erst laßt Ihr Euch Euer Essen in den Busch tragen, weil's Euch nicht gefällig ist, es hier zu verzehren, und dann kommt Ihr auch noch hierher um eine andere Mahlzeit. Zum Henker auch, Mate, Ihr wißt doch eben so gut wie ich, daß wir hier im Busch nicht aus dem großen Sack leben, sondern vom Master unsere bestimmten Rationen bekommen, mit denen wir haushalten müssen. Sind die verzehrt, wo hernehmen und nicht stehlen?«
»Nur nicht hitzig, Mate,« sagte der Buschrähndscher, während er sich ruhig an den Tisch setzte, ein Stück von dem frischen Damper abschnitt und sich den Teller herüberzog, auf dem noch einige Scheiben kaltes Hammelfleisch lagen. »Ihr habt doch nicht heute schon das Brod hinausgeschafft?«
»Gewiß hab' ich,« sagte der Hutkeeper. »Es liegt an der Stelle, die Ihr mir gestern angegeben, und Fleisch dazu und ein Becher Thee.«
»Hm,« meinte der Buschrähndscher, mit vollen Backen dabei kauend – »das mit dem Thee ist unbequem. Da, füllt mir einmal das kleine Säckchen mit trockenem Thee – einen Becher hab' ich selbst, und will ihn mir dann lieber draußen kochen. Hier ist auch ein Beutel für Zucker, bin gerade jetzt ein wenig knapp mit Provisionen.«
»Und die Provisionen draußen?« frug Jim Riddle, der unschlüssig die ihm überreichten kleinen Leinwandsäcke in der Hand behielt.
»Die nehme ich auf dem Rückweg mit,« sagte Mulligan vollkommen kaltblütig, »macht Euch keine Sorge deshalb, Mate, gegessen wird's und ich weiß, Ihr gebt's gern, wenn Ihr auch jetzt ein verdammt albernes Gesicht dazu schneidet. Aber eilt Euch ein wenig, ich habe weder Lust noch Zeit, mich hier eine Stunde zu Euch herzusetzen.«
Jim wußte wirklich nicht gleich, was er thun sollte. Draußen lagen die Polizeileute auf der Lauer und hier saß der Bursche bei ihm in der Hütte so behaglich und daheim, als ob er der Stations-Eigenthümer wäre und nur eben einmal, auf Besuch, seine Heerden revidiren wolle. Böse durfte er ihn aber auch nicht machen, und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab, was that's? ging er doch dann hinaus, sich die anderen Lebensmittel abzuholen, und mußte dann jedenfalls der Polizei in die Hände fallen – nachher bekam er Alles wieder. Zeit war's aber in der That, daß dem frechen Gesellen das Handwerk einmal gelegt würde.
Der Buschrähndscher blieb indessen nicht ruhig am Tische sitzen, sondern warf immer dann und wann einmal wieder einen Blick hinaus, ob die Luft noch rein sei, beendete aber nichtsdestoweniger in aller Ruhe seine Mahlzeit und erst, als Jim ihm das Verlangte in die Leinwandbeutel gegeben hatte, sagte er:
»So, dank' Euch Mate, und zum Beweis, daß ich es gut mit Euch meine, noch eine Warnung. Es sind nämlich von drüben eine Anzahl von Spionen herübergekommen, die sich hier um lauter Sachen bekümmern, die sie nichts angehen. Wenn sie hier zu Euch kommen sollten, versteht Ihr mich, so wißt Ihr nicht, daß ich auf der Welt bin. Soll ich Euch deutlicher sagen, was ich meine?«
»Dank' Euch, das thut's,« entgegnete mürrisch der junge Bursch.
»Es freut mich, daß Ihr so rasch begreift,« sagte Mulligan. »Ihr seid gefällig gegen mich gewesen, und es wäre mir unangenehm, wenn ich Euch ein Leides thun müßte. Fangen thun sie mich doch nicht, und wenn sie die Insel wieder verlassen haben, sind wir Beide immer noch zusammen.«
Er war wieder aufgestanden, steckte das Erhaltene ohne Weiteres vorn in sein Buschhemd, nahm seine Muskete auf und trat in die Thür.
»Merkwürdig schwüle Luft heute,« sagte er, indem er erst nach dem Himmel hinauf und dann auf den Hutkeeper sah. »Ihr seid auch verdammt still heute, Mate. Ich glaube beinahe, Ihr seid krank, denn Ihr seht käseweiß im Gesicht aus.«
»Ich? – mir fehlt nichts,« erwiderte der Hutkeeper, der um Alles in der Welt den Buschrähndscher nicht mochte merken lassen, was in ihm vorging.
»Ich will Euch was sagen, Mate,« bemerkte dieser nach einer kleinen Weile, in der er ihn scharf und mißtrauisch beobachtet hatte, »ein kurzer Spaziergang wird Euch gut thun. Wie wär's, wenn Ihr mich ein Stück begleitetet, nur bis dorthin, wo das Essen liegt?«
»Ich kann die Hütte nicht verlassen,« rief der junge Bursch, unwillkürlich drehte er sich aber nach dem Buschrähndscher um – hatte dieser Verdacht geschöpft?
John Mulligan fing den Blick auf und fühlte im Nu, daß hier nicht Alles in Ordnung sei. Gewohnt aber, jeder Gefahr kaltblütig zu begegnen, und neu gestärkt von der tüchtigen Mahlzeit, die er gehalten, ließ er sich nichts merken, sondern sagte nur gleichgültig:
»Ich weiß jetzt wahrhaftig gar nicht mehr, welchen Platz ich Euch für die Provisionen bestimmt hatte. Zeigt mir nur die Stelle; die Verantwortlichkeit, Euere Hütte verlassen zu haben, nehm' ich auf mich.«
»Ihr habt gut auf Euch nehmen,« brummte Jim.
»Weshalb ist es Euch denn auf einmal so fatal, mit mir zu gehen, he?« frug da der Buschrähndscher, ihn scharf fixirend.
»Fatal? – gar nicht,« sagte Jim, anscheinend gleichgültig, denn er durfte den Menschen nicht mißtrauisch machen. »Meinetwegen, wenn Euch ein Gefalle damit geschieht. Aber dann kommt auch, daß ich bald wieder zurück sein kann.«
»Erwartet Ihr Besuch?«
»Ja, den Schäfer und seinen Hund,« brummte Jim, »das ist der ganze blutige Besuch, den man hier in der Wildniß erwarten kann.« Und mit den Worten seinen alten Strohhut aufgreifend, schritt er der Thür zu, den Buschrähndscher, wie er es verlangte, zu begleiten.
Jim hatte dabei aber auch seinen eigenen Plan entworfen. Die Sache war zu einer Krisis gediehen, und in wenigen Minuten wußte der Räuber, daß er von ihm verrathen worden. Jetzt galt es deshalb, ihn unschädlich zu machen, und selber von derber Körperkraft, wenn auch John Mulligan im Einzelkampfe vielleicht nicht gewachsen, wollte er jedenfalls das Seinige dazu beitragen, ihn fest zu bekommen. Dicht neben dem Buschrähndscher schritt er deshalb hin, sobald sie den im Hinterhalte liegenden Polizeileuten nahe genug kämen, ihn zu fassen. So lange, bis er Hülfe bekam, wußte er recht gut, daß er ihn halten konnte. John Mulligan hatte aber einmal Verdacht geschöpft und war nicht so leicht überlistet. Wie sie deshalb ein Stück vom Hause fort sich dem Busche näherten, sagte er.
»Wißt Ihr was, Mate, geht Ihr voran. Ihr kennt den Weg besser.«
»Und Ihr mit dem geladenen Gewehre hinterdrein?« entgegnete der Hutkeeper, dem der Vorschlag nicht im Mindesten gefiel.
»Ich thu' Euch nichts, habt keine Angst,« lachte der Buschrähndscher, aber jetzt schon mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Ihr seid ja mein Freund, versteht Ihr, und bis ich nicht Beweise vom Gegentheil erhalte, habt Ihr nichts zu fürchten. – Nun? – wird's bald?«
Jim Riddle mochte sich nicht widersetzen, denn sie waren noch zu weit von Hülfe entfernt. Mürrisch steckte er deshalb die Hände in die Taschen und schlenderte voraus. Aufmerksam aber spähte er dabei überall umher, ob er noch keinen der ausgelegten Posten erkennen könne – sie mußten jetzt in deren Nähe sein.
John Mulligan gebrauchte indessen ebenfalls seine Augen, denn das ganze Benehmen seines Führers fiel ihm auf. Er konnte aber nirgends etwas Verdächtiges oder Außergewöhnliches erkennen – und doch lag einer der Polizisten jetzt kaum etwa funfzig Schritt von ihm entfernt auf dem Bauche, horchte den nahenden Schritten und wunderte sich, wer in aller Welt von der Richtung her zu ihnen kommen könne.
Jim Riddle sah jetzt den umgestürzten Gumbaum, an dessen Wurzel er den Anführer der Polizei versteckt wußte. Weiter durfte er nicht vor dem geladenen Gewehre des gefährlichen Burschen an die Fremden herangehen, denn wer wußte, ob er ihn nicht gerade aus Wuth und Rache am allerersten niedergeschossen hätte. Er blieb stehen und sich halb trotzig, halb mürrisch gegen den Buschrähndscher wendend, sagte er:
»Da, dort drüben ist der Platz; jetzt könnt Ihr ihn allein finden; überhaupt denk' ich, daß Ihr im Busche besser Bescheid wißt, wie ich.«
»Das könnte sein, mein Bursche,« flüsterte der Buschrähndscher, die Worte aber, die er sprach, selber nicht beachtend. Sein Blick hing an einem Gumbusche, der so nicht gewachsen war, wie er da halb umgefallen stand, und dicht daneben lag ein dunkler Fleck, aus dem er ebenfalls nicht klug werden konnte. So nur den Arm gegen den Hutkeeper ausstreckend, ohne sein Auge von dem verdächtigen Gegenstande abzuwenden, fuhr er fort: »Halt, bleibt einen Augenblick hier, Jimmy. Seht einmal, was ist das dort drüben, Camerad?«
Jim Riddle warf einen Blick dort hinüber. Der Buschrähndscher hatte Verdacht geschöpft, und das war vielleicht der letzte ihm gegebene Moment, den Verbrecher zu fassen und sich selbst vor seiner Rache zu schützen.
»Wo?« fragte er und trat dicht an den Räuber heran.
»Dort drü–«
Er beendete seine Worte nicht, denn Jim, im Triebe der Selbsterhaltung, warf sich auf ihn, ergriff mit der einen Hand die Muskete, mit dem anderen Arme umschlang er den von ihm Abprallenden und stieß dazu ein gellendes Hülfegeschrei aus.
Tolmer hatte indessen von da, wo er lag, die Beiden kommen sehen und ahnte leicht den Zusammenhang, war aber auch nicht im Stande, irgend etwas Anderes zu thun, als still und regungslos liegen zu bleiben. Er wußte recht gut, daß der Buschrähndscher augenblicklich einen Hinterhalt vermuthen würde, so wie er das Geringste sich bewegen sähe, und seine einzige Aussicht auf Erfolg war, ihn so nahe als irgend möglich herankommen zu lassen. Einmal erst nur an den Außenposten vorbei, und er konnte ihnen doch nicht mehr entgehen.
Der schlaue Buschrähndscher ließ sich aber nicht so leicht überlisten, und nur erst der drohende und verzweifelte Angriff des Hutkeeper's schien alle seine Vorsicht unnütz gemacht zu haben.
Bei dem Hülfeschreien desselben sprangen nämlich die versteckten Polizeisoldaten fast zugleich aus ihrem Hinterhalte in die Höhe. Tolmer selbst lief, was er laufen konnte, der Stelle zu, wo Jim Riddle sich an den Buschrähndscher angeklammert hatte und dieser ihn vergebens von seinen Füßen und auf die Erde zu bringen suchte. Dem Sträfling lag vor allen Dingen daran, sein Gewehr frei zu bekommen, und in der ersten Ueberraschung des Angriffs hatte er nicht einmal die von allen Seiten auftauchenden Feinde bemerkt. Ein einziger Blick auf die herbeispringenden Gestalten genügte aber, ihm die ganze Gefahr seiner Lage zu verrathen, und mit einem wilden Fluge den Hutkeeper mit der Faust gegen die Stirn schlagend, daß dieser halb betäubt in seinem Griffe nachließ, gelang es ihm wenigstens, sich von dem ihn umklammernden Arme für einen Augenblick frei zu machen – aber das Gewehr ließ Jim nicht los.
Wieder führte der Buschrähndscher einen wilden Hieb nach den Schläfen des jungen Burschen, der ihm hätte verderblich werden können. Jim aber verstand genug von der edeln Kunst der »Selbstvertheidigung«, den Schlag zu pariren, und rechts und links sprangen jetzt die Feinde herbei, ihm den Weg nach beiden Seiten abzuschneiden. Er mußte fliehen, und während er die Muskete losließ und Jim, der mit aller Kraft daran zog, hinten überstürzte, sprang der Buschrähndscher schräg ab den nächsten Bäumen zu, die er in wenigen Sätzen erreichte und nun zwischen sich und seinen Verfolgern behielt, um vor ihren Kugeln geschützt zu sein.
»Feuer!« schrie Tolmer, der für einen erfolgreichen Schrotschuß noch zu weit entfernt war, »Feuer!«
Die Polizeisoldaten hatten bis jetzt nicht schießen dürfen, da sie eben so leicht den Buschrähndscher, wie den Hutkeeper treffen konnten. Jetzt, da sie Beide getrennt sahen, sprangen sie zur Seite, freies Ziel auf den Flüchtigen zu bekommen, und zwei oder drei Kugeln knallten hinter ihm drein. Einmal war es, als ob er getroffen wäre. Er »zeichnete«, wie die Jäger sagen, aber es war nur ein Moment; im nächsten Augenblicke warf er sich in ein dickes Gebüsch, das ihn vollständig verbarg, und alles weitere Suchen dort nach ihm blieb erfolglos. Er war und blieb verschwunden.
Wohl hatte ihn Jim, da er ihm die Waffe entrissen, für den Augenblick unschädlich gemacht, aber wie leicht konnte sich der verwegene Mensch eine andere Flinte verschaffen, und daß er dann an dem armen Teufel von Hutkeeper Rache nehmen würde, war gewiß. Jim Riddle stand auch, wie er das Resultat erfuhr, rathlos und sich hinter dem Ohr kratzend neben dem erbeuteten Gewehr und meinte:
»Na ja, da haben wir die Geschichte, gerade wie ich's mir gedacht. Ich sollt' Euch die Kastanien aus dem Feuer holen und verbrenne mir die Pfoten dabei, und jetzt sitz' ich da und kann mich freuen. Gehangen will ich aber werden, wenn ich eine einzige blutige Stunde in dem Neste hier noch allein sitzen bleibe, daß mich der Hallunke eines Morgens an meinem eigenen Feuer über den Haufen schießt, wie ein Opossum, und entweder laßt Ihr mir Wache hier, bis Ihr ihn fest habt, oder ich bin mit von der Partie und fahre nach Adelaide hinüber.«
Jim Riddle beharrte auch auf seinem Vorsatz, und da Tolmer selbst einsah, daß es gut sein würde, die Hütte bewacht zu halten, da Mulligan, wenn sie ihn wirklich nicht fänden, recht gut hierher zurückkommen könne, sich zu rächen, so beschloß er, einen Mann hier zu lassen. Sehr erwünscht kam ihm dabei das Anerbieten des Matrosen, bei dem Hutkeeper auszuhalten, bis sie ihn wieder abholen würden. Der Seemann hatte das Herumkriechen im Busche schon lange satt bekommen und die Ruhe war ihm ganz erwünscht. Durch das Gewehr des Buschrähndschers waren sie auch bewaffnet; Tolmer ließ ihnen Pulver und Blei dazu da und ging dann mit seinem kleinen Trupp ernstlich daran, die Verfolgung des Flüchtlings mit allen Kräften aufzunehmen.
Eine Strecke konnten sie ihn dort, wo er in die Dornen hineingebrochen war, spüren und an den grünen Stachelblättern fanden sie sogar an zwei Stellen ein paar Tropfen Blut, aber nichts weiter. So wie er den mehr offenen Wald erreicht hatte, war auf dem harten Boden kein Eindruck mehr zu erkennen und vergebens suchten sie den Busch bis zur völligen Dunkelheit nach allen Richtungen hin ab.
Todesmüde lagerte die kleine Schaar endlich an einem Wasserloche, das sie mitten in einem Dickicht fanden, und zehrte von den mitgebrachten Provisionen, am nächsten Morgen die Jagd von Neuem aufzunehmen. Aber auch der nächste Tag brachte kein besseres Resultat und Tolmer behielt jetzt nur die Hoffnung, daß sie den Buschrähndscher vielleicht dem anderen Trupp unter Borris in die Hände trieben. Mulligan konnte natürlich nicht wissen, daß er zwei Parteien auf seinen Fersen habe.
Die Leute bekamen den entsetzlichen Busch an dem Tage herzlich satt und Einer oder der Andere versuchte schon die Andeutung, daß der Schooner wahrscheinlich jetzt von Adelaide zurück sein und auf sie warten würde. Tolmer blieb aber unerbittlich und wollte von dem Schooner und einem Aufgeben seines Planes nichts wissen.
Am dritten Tage Morgens passirten sie, einem kleinen Buschpfade folgend, der nach der Küste zuführte, wieder ein Wasserloch, und hier fanden sie die ersten Spuren des flüchtigen Sträflings wieder. Er hatte dort getrunken. Deutlich konnten sie am Rande der Pfütze die Eindrücke seiner Kniee und Hände erkennen, und dicht daneben lag ein kleiner blutbenetzter baumwollener Lappen. Er war also jedenfalls, wenn auch nur leicht, von einer der ihm nachgesandten Kugeln verwundet worden, und wenn sie ihn jetzt ohne Gewehr wieder antrafen, konnte er ihnen kaum mehr entgehen.
So sehr sie das ermuthigte, in ihren Nachforschungen nicht zu ermatten, so sehr fühlte sich Tolmer selber bald gehindert, die Verfolgung mit dem alten Eifer fortzusetzen. Er hatte nämlich am Morgen in einen scharfen Dorn getreten, und wenn er es auch im Anfange nicht besonders achtete, verschlimmerte sich die Wunde durch die Anstrengung und den Staub mit jeder Stunde dermaßen, daß er zuletzt kaum noch von der Stelle konnte.
In dem Pfade, den sie jetzt verfolgten, hatten sie noch mehrmals des Buschrähndschers Fußspur gefunden, und Tolmer hinkte, auf den Arm eines seiner Leute gestützt, mit, so gut er konnte, bis sie endlich in Sicht der Küste kamen und hier eine kleine, ordentlich von Stämmen hergerichtete Hütte, eine Art Blockhaus, fanden. Sie war allerdings nicht bewohnt; Tolmer konnte aber nicht mehr weiter, und wie er von seinen danach ausgeschickten Leuten hörte, daß Mulligan's Spur hier und da im Sande zu erkennen sei und der Sträfling sich jedenfalls, um den bösen Dornen des Inneren zu entgehen, hierher gewandt habe, seine Flucht desto rascher nach einem entfernteren Theile der Insel fortsetzen zu können, beschloß er, hier ein paar Stunden zu rasten und seine Leute allein nach ihm auszuschicken.
Hatten sie bis Nachmittag um drei Uhr nichts weiter von ihm gefunden, so sollte Einer von ihnen dem Strande folgen, um Borris und die Uebrigen anzutreffen und herbeizuholen, und die Anderen zu ihm zurückkehren.
Die Leute wollten Tolmer mit dem bösen Fuße nicht allein lassen, er schickte sie aber fort. Wasser floß in der Nähe und er konnte die Zeit dann benutzen, seinen Fuß ordentlich auszuwaschen und zu verbinden. – Er hatte sich aber zu viel zugemuthet. Als er in die Hütte trat und seine Decke dort auf ein leeres Bettgestell warf, überkam ihn eine ganz ungewohnte Schwäche; der Kopf schwindelte ihm und er behielt eben noch Zeit, seine Flinte an die Wand zu lehnen und sich auf der Decke auszustrecken – dann vergingen ihm die Sinne und er fiel in einen bewußtlosen Zustand, der mehrere Stunden gedauert haben mußte.
Wie er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und er ging jetzt ernstlich daran, nach seinem Fuß zu sehen und ihn zu verbinden. Dann wollte er sich einen Becher Thee kochen, aber er fühlte sich noch zu matt, legte sich deshalb wieder auf das Lager und sah träumend zu dem Dach der Hütte hinauf, bis ihm die Augenlider zusanken und er in einen leichten, stärkenden Schlaf fiel. Bei seinem Erwachen stand ihm eine Ueberraschung bevor.
Es war ihm, als ob er seinen Namen aussprechen höre, und wie er, die Augen halb geöffnet, unwillkürlich und ohne den Kopf zu wenden, einen Blick nach der Thür warf, erkannte er dort die Gestalt eines Mannes, die den Eingang verdunkelte.
Das Herz hörte ihm auf zu schlagen, aber der nächste Augenblick rief ihn auch schon wieder zu voller Thätigkeit.
»Mr. Tolmer,« sagte die Stimme, und während er sich jetzt ganz langsam, keinen Schreck zu verrathen, emporrichtete, sah er den Buschrähndscher John Mulligan in der Thür stehen, seine eigene scharf geladene Doppelflinte in der Hand, die Hähne gespannt und die Läufe auf ihn gerichtet. Er hatte leichtsinniger Weise, als er sich wieder auf's Bett warf, die Waffe neben der Thür stehen lassen, und sein Leben war in diesem Augenblick in den Händen des Verbrechers und hing an dem Druck seines Zeigefingers.
»So, Mulligan,« sagte Tolmer, mit voller Geistesgegenwart die Gefahr überschauend, in der er sich befand, indem er die Beine von dem Bettgestell herunterließ, ohne jedoch aufzustehen – »haben wir Euch endlich? Den langen Marsch im Busch hättet Ihr Euch und uns ersparen können, denn das Ihr nicht fortkämt, sobald wir nur erst einmal auf Eurer warmen Fährte waren, mußtet Ihr wissen.«
»Ihr habt mich?« sagte der Flüchtling, indem ein hämisches Lächeln über seine bleichen Züge flog, »wäre nicht übel. Ihr seid in meiner Gewalt, Tolmer, und was hindert mich, mit einem Fingerdruck Euch Alles abzuzahlen, was Ihr mir schon in diesem Leben angethan?«
»Die Furcht vor dem Galgen, Mulligan,« sagte Tolmer, ohne eine Miene zu verziehen, »obgleich Ihr dem doch schwerlich entlaufen werdet. Aber habt Ihr mich wirklich für so blödsinnig gehalten, Euch ein geladenes Gewehr dort an die Thür zu stellen, und mich in die andere Ecke auf's Bett zu legen? Die List war plump genug, aber sie ist doch geglückt.«
»Was meint Ihr damit?« rief der Buschrähndscher, das Gewehr fester packend und einen scheuen Blick zurück über die Schulter werfend.
»Was ich damit meine?« sagte Tolmer ruhig, indem er ein Bein über das andere legte, »daß Ihr umstellt seid, und ich hier nur auf dieser Pfeife einen einzigen Pfiff zu thun brauche, um meine neun Mann da zu haben. Fort könnt Ihr nicht mehr. Herein haben sie Euch gelassen, hinaus kommt Ihr nicht, und ich hatte mich doch nicht geirrt, als ich mir dachte, Ihr würdet der Lockung nicht widerstehen können, ein Gewehr auf einen schlafenden Menschen anzulegen.«
»Mr. Tolmer,« sagte Mulligan finster, »Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Euch geweckt habe. Es lag in meiner Macht, Euch eine Kugel durch's Hirn zu schießen.«
»Aus dem leeren Gewehr?« lachte Tolmer. »Es stecken nur Zündhütchen darauf, daß es besser aussieht. Aber hört mich, Mulligan,« fuhr er plötzlich, als der Buschrähndscher das Gewehr mißtrauisch betrachtete und nicht übel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen, ernster und mit einem mehr theilnehmenden Ton fort: »Noch sind wir unter uns. So viel ich weiß, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur Last gelegt worden, als die gelegentliche Erpressung von Provisionen, die mit der Noth entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein Blut vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschrähndscher, steht Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahr geschärfte Ueberwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und ich werde Euch durch meine Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, so lange Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.«
Mulligan sah ihn an und zögerte.
»Soll ich das Zeichen geben?« frug Tolmer, »daß meine Leute Euch mit der Waffe in der Hand ertappen?«
»Sie haben Recht, Mr. Tolmer,« sagte der Mann, dem die Ruhe des Polizeioffiziers imponirte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in seiner Gewalt geglaubt, mußte wirklich Hülfe in seiner unmittelbaren Nähe haben, er wäre sonst wenigstens vor seinem Erscheinen erschreckt, oder hätte sich in anderer Weise verrathen – und mit den Worten lehnte er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber brachte jetzt seine Hand langsam unter den Rock, der Brusttasche zu, wo er ein geladenes Pistol stecken hatte. Jetzt fühlte er sich sicher, denn er war im Stande, dieses zu ziehen und abzudrücken, ehe der Buschrähndscher das Gewehr wieder aufgreifen konnte.
»So – ich sehe, Ihr seid vernünftig,« sagte er ruhig, ohne jedoch die Waffe hervorzuziehen oder im Mindesten zu verrathen, daß er sich nicht vollkommen sicher fühle, »aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan. War denn das nun der Mühe werth, daß Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um ein solches Hundeleben im Busch zu führen?«
»Es ist ein Hundeleben,« knirschte der Mann leise vor sich hin, »und ein Hund möcht's nicht länger führen. Gehetzt wie ein Dingo,[7] von den Cameraden verrathen, fortwährend nur auf der Wacht, das elende Leben in Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht länger führen; nehmen Sie mich mit nach der Colonie hinüber; Mr. Tolmer. Ich habe das wilde Treiben satt und übersatt.«
»Jetzt sprecht Ihr wie ein vernünftiger Mensch,« sagte Tolmer, von seinem Bett aufstehend. Er vergaß fast, daß er einen wunden Fuß hatte, in solcher Aufregung befand er sich, sein Gewehr nur erst wieder einmal in Händen zu haben. Wer stand ihm dafür, daß den Buschrähndscher nicht in der nächsten Minute schon seine Unterwerfung gereute? »Ihr sollt auch unterwegs ordentlich behandelt werden – wenn Ihr mir nämlich versprecht, Euch auch ordentlich zu betragen.«
Er ging dicht zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie aber zu berühren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wußte er, daß der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, seinen Vortheil rasch genug benutzen würde. Außerdem konnte er nicht einmal hart auf seinen Fuß auftreten, und wäre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich unterlegen. Nicht ein Laut rührte sich draußen; seine Leute waren vielleicht noch meilenweit entfernt.
»Aber die – Anderen sind noch draußen im Busch,« sagte der Sträfling endlich nach einigem Zögern.
»Keiner mehr, Mulligan,« erwiderte Tolmer ruhig, »wir haben sie Alle.«
»Alle?« rief Mulligan erstaunt aus.
»Alle mit einander – d. h. fünf und den Matrosen, der noch bei Euch war – ich weiß nicht, ob noch mehr im Busch herum liegen.«
»Nicht mehr wie die,« sagte kopfschüttelnd der Sträfling, »es müßten denn ganz kürzlich frische herüber gekommen sein, die ich noch nicht gesehen hätte.«
»Also habt Ihr mir weiter nichts zu sagen,« frug jetzt Tolmer, indem er die Pfeife in die Hand nahm, als ob er das Zeichen geben wolle, »und kann ich meine Leute jetzt rufen?«
»Nichts weiter, Mr. Tolmer,« sagte Mulligan fast demüthig, »aber Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht das geringste Böse gegen Sie im Sinne gehabt.«
»Darauf gebe ich Euch mein Wort,« versprach ihm der Polizeimann, indem er jetzt langsam den Arm nach dem Gewehr ausstreckte und es an sich nahm. Ein Blick auf das Schloß versicherte ihn, daß die Zündhütchen noch darauf und zum Gebrauch bereit seien, und jetzt erst, als er ein paar Schritte von dem Flüchtling sich entfernte und das Gewehr gegen ihn hielt, war es, als ob eine Centnerlast von seinem Herzen gewälzt wäre. Er holte aus voller Brust Athem und sagte dann, während ihn Mulligan erstaunt betrachtete:
»Jetzt seid so gut, Mate, und geht einmal dort in die Ecke des Hauses – dort hinüber, meine ich, ein Stück von der Thür fort.«
Der Buschrähndscher zögerte – eine Ahnung, daß er sich habe überlisten lassen, schien in ihm aufzusteigen.
»Geht dort in die Ecke, John,« sagte Tolmer, aber mit fester Stimme, »ich möchte Euch nicht gern ein Leides thun, aber ich muß es, wenn Ihr die geringste Bewegung zur Flucht oder zum Widerstande macht.«
»Teufel,« zischte der Buschrähndscher leise vor sich hin, »so war das Alles nicht wahr, was Ihr mir da gesagt?«
»Kein Wort davon, John,« lachte Tolmer, das Gewehr fest dabei im Anschlag, »nur das Versprechen, das ich Euch gegeben, halt' ich. Was ich zu Eueren Gunsten aussagen kann, soll geschehen.«
»Und Ihre Leute?«
»Suchen Euch draußen am Strande oder in den Känguruhdornen, Gott weiß, wo – aber sie kommen hierher zurück, und bis dahin muß ich freilich Posten bei Euch stehen.«
Der Buschrähndscher drehte sich ab, ging in die Ecke, setzte sich auf den Boden nieder und drückte sein Gesicht in Scham und Ingrimm auf die Kniee.
Tolmer dauerte der arme Teufel, und er sagte freundlich:
»Seid guten Muthes, John, die Sache kann noch besser werden, wie Ihr jetzt glaubt. Wenn Ihr Euch vollkommen ruhig verhaltet, bis meine Leute kommen, und nicht den geringsten Widerstand leistet, will ich annehmen, daß Ihr Alles gewußt und Euch mir freiwillig gestellt habt. Ihr werdet verstehen, daß Euch das beim Gouverneur hoch angerechnet würde.«
»Und wollten Sie das wirklich thun, Mr. Tolmer?« sagte Mulligan, rasch den Kopf hebend.
»Ich habe es Euch freiwillig zugesagt.«
»Dank Ihnen, Sir,« sagte der Mann aus vollem Herzen, »Menschenkräfte hätten's auch nicht länger ausgehalten. Seit zwei Tagen habe ich keinen Bissen, einen Trunk Wasser ausgenommen, über die Lippen gebracht, und mit einem Streifschuß an der Schulter, gestern den ganzen Tag im Wundfieber durch die Dornen brechen müssen. Das Gefängniß selber ist eine Wohlthat gegen ein solches Dasein.«
»Aber warum habt Ihr Euch nicht lange wieder gestellt?«
»Die Freiheit,« stöhnte der Mann, »die Freiheit! Ihr, die Ihr da draußen noch nie hinter den Eisenstäben gesessen, noch nie gehört habt, wie es klingt, wenn die Riegel hinter Einem zugeschoben werden, wißt gar nicht, was es ist, ein freier Mensch zu sein.«
Er sank mit den Worten wieder in seine frühere Stellung zurück, und Tolmer, der sich jetzt ziemlich sicher fühlte, daß er für den Augenblick keinen weiteren Fluchtversuch von seinem Gefangenen zu fürchten habe, ging an das Bettgestell, nahm das Brod und Fleisch, das er noch dort liegen hatte, und brachte es Mulligan.
Im Anfang wollte er es nicht anrühren; aber nicht lange konnte er es neben sich liegen sehen. Sein kräftiger und jetzt bis zum Tod erschöpfter Körper forderte Nahrung, und wie er nur einmal den ersten Bissen gekostet, schlang er das Uebrige rasch und gierig hinunter.
Eine volle Stunde mußte Tolmer noch warten, ehe die Seinen von ihrem natürlich erfolglosen Streifzug zurückkehrten. Sie hatten aber dabei ihre übrigen Gefährten getroffen, die eben im Begriff gewesen waren, den Schooner, als den ihnen von Tolmer selber bezeichneten Sammelplatz, wieder aufzusuchen.
Borris war übrigens nicht wenig erstaunt, John Mulligan in Tolmer's Gesellschaft zu finden, und das Unwahrscheinlichste von Allem war ihm, daß sich der Buschrähndscher freiwillig gestellt haben sollte. Tolmer aber erklärte es in Mulligan's Gegenwart, und als er noch die Wunde des Gefangenen hatte sehen lassen und indessen von der nächsten Station ein Pferd für ihn selber herbeigeholt war, denn mit seinem wunden Fuß hätte er die Strecke nicht mehr marschiren können, setzte sich der kleine Zug in Bewegung.
Ein nach Jim Riddle's Hütte geschickter Bote holte indessen den Matrosen von dort ab, brachte aber auch Jim mit, der sich selber überzeugen wollte, ob sein »Freund«, der Buschrähndscher, wirklich in sicherem Gewahrsam sei und ihm keinen unverhofften Besuch mehr abstatten könne. Nur unter dieser Bedingung wollte er länger auf Känguruh-Eiland bleiben.
Gerade der Stelle gegenüber, wo der Schooner, der Polizeimannschaft harrend, vor Anker lag, stieg Tolmer vom Pferde. Sie hatten das Zeichen gegeben, daß das Boot herüber kommen solle, sie abzuholen, und Tolmer, der noch die alten Schüsse in seinem Gewehr stecken hatte, wollte diese herausschießen, es frisch zu laden. Er trat einem dickstämmigen Gumbaum gegenüber – John Mulligan, von vier Polizeileuten bewacht, stand neben ihm – zielte bedächtig und drückte ab. Klapp, versagte das rechte – klapp, das linke Rohr.
Tolmer drehte sich langsam nach John Mulligan um, und Beider Blicke begegneten sich, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort. Der Polizeisergeant setzte ruhig frische Zündhütchen auf, drehte sich wieder dem Baume zu und feuerte beide Rohre scharf hintereinander in den alten Gumstamm hinein, daß die Rehposten klappernd darauf schlugen.
Eine Stunde später hatte der Schooner seine sämmtlichen Passagiere an Bord; der Anker wurde gelichtet, und das kleine Fahrzeug segelte mit günstigem Winde nach dem nicht fernen australischen Continent hinüber.
In Lyndock Valley, nördlich von Adelaide, arbeitete ein Gang von Sträflingen in Ketten.
Rechts an der Straße, wenn man dem damals noch wenig begangenen Weg von Adelaide aus folgte, stand ein hoher Pallisadenzaun, fest eingerammt mit scharfen Spitzen und oben noch mit drohend umgeschlagenen Nägeln verwahrt, über den nur hie und da einzelne aus unbehauenen Steinen zusammengesetzte Schornsteine emporragten. Diese gehörten zu gewöhnlichen Rindenhütten, in denen die Deportirten, wenn sie ihr Tagwerk vollbracht und Abends ihr Mahl gekocht und verzehrt hatten, Nachts unter strenger Wacht gehalten wurden, bis sie die Sonne zu neuer Arbeit rief.
Es war das eine Abtheilung von Leuten, die unter verschärfter Strafe stand. Theils hatten sie sich Widersetzlichkeit, theils andere Vergehen zu Schulden kommen lassen, theils waren sie sogar entwichen und wieder eingefangen worden, und die Letzteren besonders büßten ihr Verlangen nach Freiheit durch massive Ketten, an denen sie schwere Kugeln bei jedem Schritt nachschleppen mußten.
Wüstes verwildertes Volk waren die Meisten; in Sünden und Verbrechen aufgewachsen und seit ihrer Strafzeit noch außerdem dem Abschaum der Menschheit beigesellt, in dem sie sich auch nur wohl und behaglich fühlen konnten. Jetzt freilich war der alte Trotz gebrochen und so zügelloser, gotteslästerlicher und obscöner Sprache sie sich auch untereinander bedienen mochten, sobald ihnen Einer der Wächter nahe kam, krochen sie scheu in sich zusammen, und ließen ihren Grimm höchstens an dem harten Erdboden aus, den sie mit Schaufel und Spitzhacke angreifen und ebnen mußten.
Und wahrlich sie wußten, daß sie ihren Wächtern keine Ursache zu Strafe geben durften, denn erbarmungslos wäre die Peitsche auf ihre Rücken herabgekommen, bis ihnen das blutige Fleisch in Streifen niederhing. Wenig genug Rücksicht wurde in jener Zeit schon auf die Deportirten überhaupt genommen, mit was sie sich auch im alten Vaterland vergangen haben mochten. Wehe aber den Unglücklichen, die unter verschärfter Strafe standen, denn diese waren der Willkür ihrer rohen Wächter vollständig preisgegeben und nur in höchst seltenen Fällen drang eine Klage zu höheren Beamten durch, irgend eine ungerecht vollzogene Strafe zu untersuchen.
Solche Strafgänger wurden dabei (und waren es auch eigentlich meist) als zum Tod verurtheilte und nur halb begnadigte Verbrecher betrachtet. Der Tod drohte ihnen noch aus jedem Gewehrlauf der Wachen, die sie umstellten, denn diese hatten ausgedehnte Vollmacht, bei der geringsten verdächtigen Bewegung Eines der Gefangenen, von ihren Feuerwaffen beliebigen Gebrauch zu machen.
Dabei trug fast jedes Vergehen, was sie sich jetzt wieder zu Schulden kommen ließen, verschärfte und doppelt verschärfte Strafen, und auf Widersetzlichkeit gegen die Wächter oder erneute Flucht stand der Tod.
Daß sie aber auch gar nicht an erneute Flucht denken durften, dafür sorgte schon die vortrefflich eingerichtete und bewaffnete Polizeimannschaft, die mit der blanken und scharfgeschliffenen Wehr an der Seite, die mit Ketten beladenen Verbrecher schon im Zaum halten konnten. Nachts blieb dazu der ganze, mit festen Pallisaden eingeschlossene Platz, während die einzelnen Trupps wieder ihre besonderen Wächter hatten, von Militair umstellt und Flucht war von dort mit einem Wort unmöglich.
Unter den Gefangenen befand sich Einer, der sich nicht allein durch seine reinlicher gehaltene Kleidung, sondern auch durch sein ganzes Benehmen vor den Uebrigen auszeichnete.
Es war ein muskulös gebauter kräftiger und breitschultriger Gesell, der sich aber nicht so hatte gehen lassen wie die Uebrigen, und wohl den Stempel der Sünde, doch nicht den der Gemeinheit auf seiner Stirn trug. In seinem ganzen Wesen hatte er überhaupt etwas, das für ihn interessirte, denn es schien fast, als ob er nicht in diese traurige Umgebung, in der er sich befand, gehöre. Möglich vielleicht, daß dazu gerade diese traurige Umgebung die Schuld trug, aus der er sich, so viel dies anging, zurückzog. Man sagt ja: im Lande der Blinden ist der Einäugige König, und es bedurfte hier allerdings nur einer sehr geringen Anstrengung, sich über diese Masse emporzuarbeiten.
Selbst aber durch solche geringe Anstrengung fühlte sich diese Masse beleidigt, die nun einmal Keinem von ihr gestatten wollte, daß er sich aus dem allgemeinen Schlamm erhob. John Mulligan, der durch Tolmers Fürsprache seine Strafe so hatte gemildert erhalten, daß er dieser Abtheilung nur auf ein Jahr eingereiht war, hieß deshalb auch sehr bald gar nicht anders wie »der Gentleman«, oder auch »Gentleman John«, der sich sogar den Haß einer großen Zahl der Gefangenen zuzog, weil er an einem trotz aller Gefahren verabredeten Fluchtversuch nicht Theil nehmen wollte.
Allerdings hatte er damals den Kameraden vorgestellt, daß sie auf solche Art gar nicht entkommen könnten und ihr Loos nur dadurch, ohne das Geringste zu erreichen, verschlimmern würden. Sie nannten ihn dafür einen feigen Patron, der keinen Muth mehr habe, etwas für seine Freiheit zu wagen und fanden noch in derselben Nacht, daß »Gentleman John« vollkommen Recht gehabt.
Ihr Plan wurde nämlich vereitelt ehe sie nur einmal die Ausführung ordentlich begonnen hatten. Drei fielen dabei durch die Schüsse der Wachen, zwei Andere wurden schwer verwundet und diese Beiden, mit einem sechsten, der sich betheiligte, vierzehn Tage später gehangen – als Beispiel den Uebrigen.
So verging wieder ein Monat, und John Mulligan, der nur selten mit irgend Einem seiner Kameraden Verkehr hielt, weil er keinen von ihnen kannte, arbeitete fleißiger wie je, betrug sich dabei bescheiden gegen die Wächter und war, mit einem Worte, das Muster eines Kettengefangenen, den man den Uebrigen fortwährend als Beispiel ausstellte. – Aber hätten sie nur sein Herz sehen, nur die Gedanken lesen können, die Tag und Nacht in seinem Hirne brannten, und ihn fast zur Verzweiflung trieben.
Freiheit! – Freiheit! das war das einzige Gefühl, das ihn noch am Leben hielt, das ihm Herz und Seele erfüllte, und wenn er nicht schon lange einen Versuch gemacht hatte, dies höchste Gut wieder zu erringen, trug die Schuld nur seine Vorsicht und Schlauheit, die nicht zugab, daß er sich in ein nur halbweg unsicheres Unternehmen einließ. Er wußte, welche Strafe seiner diesmal wartete, sobald es mißlang, und selbst der Gefahr durfte er sich nicht aussetzen.
Dadurch übrigens, daß er mit fast allen seinen Mitgefangenen verfeindet war, gewann er sich mehr und mehr das Vertrauen der Aufseher und es geschah jetzt schon gar nicht selten, daß John Mulligan da oder dort die Aufsicht über die Arbeit irgend einer kleinen Abtheilung der Kameraden übergeben wurde. Allerdings trug er deshalb nicht leichter an der Kette und Kugel, und war eben so wie alle Anderen von den scharfgeladenen Gewehren der Wache bedroht, aber es zeigte doch, daß die Wächter sein Bestreben sich gut zu betragen, anerkannten, während es die Mitgefangenen nur noch immer mehr von ihm entfernte.
Natürlich spotteten diese über ihn. »Gentleman John«, hieß es, »wird nächstens eine blaue Jacke mit blanken Knöpfen bekommen, und »lieb Kind« beim Lieutenant werden. Zum Teufel mit dem Schuft, und uns hat er vorgelogen, daß er auf Känguruh-Eiland der Anführer einer ganzen Bande Buschrähndscher gewesen wäre.«
John Mulligan hörte es, und achtete nicht darauf.
Nur ein Einziger von Allen schien sich mit John befreundet zu halten, und das war ein Irländer, dessen brennendrothe Haare ihm den Beinamen Rothkopf verschafft hatten. Ueberhaupt wurde fast keiner der Sträflinge von den Mitgefangenen bei seinem wirklichen Namen genannt, weil sich sonst Niemand aus den ewigen Jacks und Johns und Jims herausgefunden hätte.
Rothkopf aß mit Gentleman John aus einer Schüssel, und so häufig ihn sonst die Peitsche der Wächter, besonders seiner bösen Zunge wegen, getroffen, so war jetzt, seit er mit John Mulligan näher befreundet worden, eine auffallende Besserung bei ihm eingetreten.
Natürlich schrieben die Beamten das einzig und allein dem wohlthätigen Einfluß zu, den John auf ihn ausgeübt, und dieser stieg dadurch nur noch mehr in ihrer Achtung.
Das ging eine Weile so fort, bis der Oberwächter, unter dessen Aufsicht sie bis jetzt gestanden, abberufen wurde, irgend eine andere Stellung auszufüllen. An seiner Statt trat ein Schotte ein, der, von einem andern Gang hierher versetzt, die Ueberzeugung mitbrachte, an Kettengefangenen sei jedes Wort verschwendet, und man thue am Besten, sich, wie bei eingeschirrten Stieren, nur durch die Peitsche mit ihnen zu unterhalten.
John Mulligan oder Gentleman John, wie er jetzt allgemein hieß, arbeitete heute mit Rothkopf zusammen an einem mächtigen Stringybarkbaum, der mitten in dem ausgesteckten Weg stand, und deshalb ausgerodet werden sollte. Sechs oder acht ihrer Kameraden mühten sich ein kleines Stück weiter unten mit Brecheisen ab, einen riesigen Felsblock von der Stelle zu rücken, den sie in der halben Zeit mit Pulver hätten sprengen und aufräumen können.
Um sie her, mit geladenen Gewehren, standen die dazu bestimmten Polizeisoldaten, und der neue Oberwächter, statt des Spazierstocks eine tüchtige Knute von ungegerbtem Leder in der Hand, ging von Gruppe zu Gruppe, um die Lässigen nur durch seine Gegenwart schon zu äußerster Anstrengung anzutreiben.
In diesem Augenblick stand er bei denen, die an dem Stein wühlten, nichts destoweniger den Blick nach allen Seiten werfend.
»Du, John, ich halte es jetzt nicht länger aus. Deinem Zureden nach hab' ich mich gestellt, als ob ich unterduckte, und von Tag zu Tag hast Du mir versprochen, daß wir ausbrechen sollten. Ich habe immer noch auf Dich gewartet, nun ist's aber vorbei, denn mit dem neuen cove als Wächter und Einpeitscher will ich verdammt sein, wenn ich mich länger halten lasse. Sie sollen mich meinetwegen todtschießen oder hängen, wenn die Sache schief geht, aber für jeden gesegneten Tag todtgeschossen und gehangen zu werden, das ist mehr, als Menschennatur ertragen kann.«
»Hast Du Dich unter Deinem Fußring etwas wund gerieben, wie ich Dir's gestern Abend sagte?« frug John vorsichtig.
»Das hab ich, aber was soll das nützen?« lautete die mürrische Gegenfrage. »Zum Henker auch, wenn Du glaubst, daß sie dadurch Mitleid für Einen fühlen, so bist Du verdammt auf dem Holzweg.«
»So wie wir den Baum hier umgeworfen haben,« fuhr aber John ruhig fort, denn der Wächter wandte sich jetzt und kam auf sie zu, »so werden wir oben auf den Hügelkamm geschickt. Dort fang an zu hinken und zu winseln, und thu', als ob Du große Schmerzen hättest; das Weitere überlaß mir. Ich will schon dafür sorgen, daß Dir der Ring abgenommen wird.«
»Aber Deine Kette?« sagte Rothkopf erstaunt – »willst Du nicht mit?«
»Es ist ein Hundeleben im Busch,« knirrschte John vor sich hin, »und ich kenne es leider schon zu gut, aber – den Teufel auch – es ist doch Freiheit, und diesmal sollen sie mich nicht überlisten wie das letze Mal, wo ich ein Esel war und meine Strafe verdiente.«
»Und Du gehst also mit?«
»Mein Ring ist durchgefeilt,« sagte John rasch, »der geringste Schlag mit einem Stein darauf, und ich bin frei.«
»Aber die verfluchten Musketen.«
»Vor denen müssen wir uns schon sichern – aber jetzt still – da kommt unser Aufseher!« und mit wuchtigen Schlägen hieb er die Axt in die ziemlich weichen Wurzeln des schon fast unterminirten und vom Boden losgetrennten Gumbaums ein, daß dieser bis zum Gipfel hinauf erzitterte.
»Ihr trödelt hier auch eine Ewigkeit mit der Stange,« sagte der Aufseher, der eben zu ihnen trat. »Zwei baumstarke Kerle und einen ganzen Vormittag an einem solchen »Schößling« herum zu spielen. Ich glaube, ich habe mit meiner Lederhacke gefehlt, Euch ein wenig dabei zu helfen. Nun – wird's bald?«
»Ay, Ay, Sir,« sagte John demüthig, indem er aus Leibeskräften auf die Wurzeln einschlug. Rothkopf unterstützte ihn dabei nach Kräften, und es dauerte nicht lange, so neigte sich der Wipfel des riesigen Baumes – erst langsam, dann immer schneller, bis er zuletzt mit einem gewaltigen Schlage, seine ganzen Aeste fast dabei in Stücken schmetternd, zu Boden krachte.
»So – nun rasch das Holz aus dem Wege,« befahl der Aufseher, »dann die Zacken noch weggeschlagen; ich werde gleich zwei Andere von unten heraufschicken, die ihn ein paar Mal durchsägen. Kommt Ihr nachher Alle zusammen, so rollt ihn gleich aus der Bahn. Bis Mittag darf keine Spur mehr davon im Wege sein.«
»Ay, ay, Sir,« klang wieder die einzige Antwort der beiden Leute zurück, als Zeichen, daß der Befehl gehört sei und erfüllt werden solle, und der Wächter stand mit einem finsteren Blick, und seine Peitsche wie im Spiel auf- und abschwingend, daneben, als ob es ihm leid sei, daß er bei den beiden Gesellen auch nicht die geringste Ursache zur Strafe hatte; – aber er fand nun einmal Nichts zu strafen, und mußte sich endlich einem andern Trupp zuwenden, der vielleicht lässiger in seiner Arbeit gewesen war.
Rothkopf sah ihm, als er sie verließ, mit einem tückischen Blick nach, und zischte vor sich hin:
»Daß solch eine Spinne von einem Menschen solche Kerle, wie wir sind, prügeln darf! John, den kleinen Finger von meiner linken Hand gäb' ich noch drum, wenn ich dem Burschen vorher, eh' wir abgehen, den Schädel einschlagen dürfte.«
»Du würdest den Hals auch dazu geben müssen,« sagte John trocken.
»Bah, der ist doch verfallen, sobald wir den ersten Versuch machen und erwischt werden,« rief Rothkopf trotzig, »aber was thuts – einmal werden wir doch gehangen, früher oder später, und bis dahin wollen wir das Leben noch genießen.«
»Im Busch?« fragte John kopfschüttelnd.
»Bah, Kamerad,« lachte dieser, »Du denkst immer noch an Deine verbrannte Känguruh-Insel, wo Du Hunger und Kummer leiden mußtest, weil Ihr die Sache eben ungeschickt anfingt. Paß einmal auf, ob ich Dich nicht an eine Stelle bringe, wo wir ein fideles Leben führen können.«
»Im Busch?« wiederholte John noch einmal ungläubig.
»Ja, im Busch,« betätigte der Ire, »aber freilich dürfen wir nicht wie die Einsiedler in einer Rindenhütte hocken, und nur eben ausbrechen, wenn wir am Verhungern sind. Finden wir aber den Stamm der Schwarzen, mit dem ich befreundet bin, dann sollst Du einmal sehen, ob ich Dir etwas vorgelogen habe.«
»Und halten die sich hier in der Nähe auf?«
»Wir sind nicht zehn Miles von ihrem Jagdrevier, und nur erst einmal dort, auch außer aller Gefahr. Mach' also jetzt Anstalt, daß wir die verdammten Eisen von den Beinen bekommen, oder ich begehe einen tollen Streich allein.«
»Still, dort kommen die Säger,« flüsterte John, »nachher beim Essen verabreden wir unsern Plan.«
»Vielleicht gingen die mit?«
»Sie mögen nachkommen, wenn sie Lust haben,« sagte der vorsichtigere John, »zu Viele in einem Geheimniß, haben es noch jedes Mal verdorben, und ich darf mich diesmal nicht der Gefahr aussetzen, entdeckt oder verrathen zu werden.«
»Weil Du so lang den Frommen gespielt?« lachte Rothkopf.
»Allerdings, und die Uebrigen mich deshalb hassen. Holzköpfe, die sie sind, daß sie glauben konnten, John Mulligan wäre im Ernst ein solcher Tropf, vor einem schurkischen Wächter im Staub zu kriechen.«
»Nachher – die da dürfen nichts merken.«
Das Mittagsessen war vorüber – eine einfache aber doch reichliche und auch nahrhafte Mahlzeit für die Leute, die aus in der Asche gebackenem Waizenbrod und Hammelfleisch bestand.
Von solchem Brod oder Damper hatte sich John auch in den letzten Wochen aus abgesparten kleinen Stücken einen Vorrath gebildet, an dem er immer ein paar Tage zehren mochte. Bei seiner Mahlzeit gelang es ihm heute, diese Hülfsration mit Rothkopf zu theilen, daß sie es Beide leichter in ihrer Jacke verbergen konnten.
Während dem Essen, das innerhalb der Pallisaden verzehrt wurde, nahmen die Soldaten allerdings auch ihr Mittagsmahl ein, aber eine Flucht war in der Zeit doch unmöglich, da der einzige Ausgang mit doppelten Wachen besetzt stand. Irgend Einer, der außerdem am hellen Tage hätte versuchen wollen, die Pallisaden zu überklettern, wäre augenblicklich herunter geschossen, oder doch dabei ertappt, und wenigstens halb todt gepeitscht worden. John's Plan lag auch nicht darin, ein solches Wagstück in einer Weise zu unternehmen, wie sie von den Beamten schon vorbedacht und durch Maßregeln verhindert war. Er wußte recht gut, daß ihre Flucht nur durch Ueberraschung gelingen konnte.
Nach dem Essen bildete sich wieder die Colonne, in der sie zu ihrer Arbeit, von Soldaten umgeben, hinaus marschirten. Rothkopf hinkte dabei bedeutend, und stützte sich auf Johns Arm, der ihn führte.
Auch John schien nicht ganz fest auf den Füßen, und hatte sich in das linke Eisen ein paar baumwollene Lappen hineingesteckt, von denen der eine Blut zeigte. Rothkopf hatte sein Bein fest umwunden, und arbeitete sich nur mit großer Schwierigkeit vorwärts, um in der Reihe Schritt zu halten.
Sie wurden, wie es John vorher gewußt, heute Nachmittag auf den Kamm des Hügelrückens geschickt, um hier passende Steine für die Straße loszubrechen. Der Hügelkamm dachte an der Seite, an der die Straße lag, ziemlich steil ab, und die oben gelösten Steine rollten von selber zu Thal. An der andern Seite zog sich ein weniger schräger Abhang in den Busch hinein, der oben mit einzelnen Bäumen, tiefer unten aber mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Auf dem Kamm selber aber, mitten zwischen den Arbeitern, standen die Wachen mit ihren geladenen Gewehren, und wenn die Sträflinge, mit ihren Ketten überhaupt, hätten an Flucht denken können, würden sie die Kugeln der Soldaten bald eingeholt und unschädlich gemacht haben.
»Was zum Teufel hast Du nun wieder?« sagte der Oberaufseher, als er dort oben die verschiedenen Arbeitsplätze angewiesen hatte und zu Rothkopf trat – »was ist mit Deinem Bein?«
»Ich kann nicht mehr, Sir,« stöhnte der Mann – »bis hier herauf hab' ich mich geschleppt, aber jetzt bin ich's nicht mehr im Stande. Das Bein ist entzündet und geschwollen; wie mit Messern sticht's mich bis hier herauf. Wenn Sie mir die Kette nur wollten an das andere legen lassen, vielleicht könnt' ich dann doch noch weiter arbeiten, sonst bin ich nicht einmal im Stande, wieder allein hinunter zu gehen.«
»Das weiß der Henker, was mit Euch Schuften immer los ist,« brummte der Oberaufseher verdrüßlich vor sich hin – »konntest wohl nicht das Maul aufthun, wie wir unten waren, daß Dir der Wundarzt den Schaden nachsah, heh?«
»S'ist weiter nichts, Euer Gnaden, als die Kette drückt ihn auf eine wunde Stelle,« sagte John ehrerbietig – »wenn Sie's erlaubten, wollt' ich ihn bald wieder auf den Füßen haben.«
»Machen ihm blos die Kette, wie er's verlangt, an's andere Bein, das hilft jedesmal – wenigstens bis das wieder heil ist. Es sind ja Soldaten genug hier, die es ihm umschließen könnten.«
»Zum Henker auch,« rief der Oberaufseher – »ich glaube, der Bursche drückt sich nur von der Arbeit und spielt den Lahmen. Auf mein Herz, das hilft Dir bei mir Nichts,« und mit den Worten zog er ihm ein paar tüchtige Peitschenhiebe über. Rothkopf krümmte sich unter den Schlägen, und suchte dem Befehl nachzukommen, indem er sich aufrichten wollte, aber es ging nicht. Er vermochte nicht auf den Beinen zu stehen, brach wieder zusammen, und fiel gegen einen Baum, an dem er sich die Stirn blutig riß.
»Wenn Euer Gnaden befehlen,« sagte John demüthig, »so trag ich ihn lieber den Hang hinunter. Mein Bein ist auch wund, aber Einer der Herren Soldaten hilft mir vielleicht. Der arme Teufel hält's so nicht aus.«
»Ich will selber sehen, was an der Wunde ist,« sagte der Oberaufseher trotzig, obgleich ihn der letzte Fall des Gefangenen stutzig gemacht hatte. »Man darf Euch Schuften ja gar nicht mehr glauben, denn Ihr betrügt und hintergeht uns auf jede Weise. Da leg' Dich hin, Rother! – hast Du's gehört, oder soll ich Dich beweglich machen? –«
Rothkopf kroch zu der ihm bezeichneten Stelle, und der Oberaufseher nahm seinen Schlüssel heraus, winkte zweien der Soldaten, die näher heran kamen und neben ihnen stehen blieben, und bog sich dann nieder, den angeblichen Schaden des Gefangenen selber zu untersuchen.
John war ungemein geschäftig, ihn darin zu unterstützen; er schob selber einen Steinblock zurecht, auf dem sich der Herr Oberaufseher bequem niederlassen konnte. Nachdem er Rothkopf dann etwas weiter vor und sein rechtes Bein dabei in die Höhe gehoben hatte, daß der Beamte es bequem erreichen konnte, stemmte er das eigene darunter und stützte sich selber mit dem rechten Arm auf den Boden.
Der Beamte öffnete vorsichtig das Schloß der Kette, und der Gefangene stöhnte und winselte dazu; während aber die Kette oben klirrte, preßte unten John Mulligan in wahrer Todesangst das breite Eisen, das seinen eigenen Knöchel fest und umspannt hielt. Heimlich in der Nacht, seit langen, langen Monden, hatte er mit einem Stückchen Feile, das er sich zu verschaffen gewußt, an diesem Ring gefeilt – oft nur ein oder zwei Striche die ganze Nacht, weil er nicht wagen durfte, die Wächter durch das Geräusch aufmerksam zu machen. Die ausgefeilte Rinne brachte er zuletzt so dünn, als er glaubte, daß sie dem geringsten Druck nachgeben müsse; ja er fürchtete mehr daran zu arbeiten, weil ihm die Kette sonst am Ende einmal vor dem richtigen Moment vom Fuß abfallen konnte. Jetzt nun, im entscheidenden Augenblick, während er den Kameraden mit dem einen Arm angeblich unterstützte, preßte seine andere Hand unten gegen das fast vollkommen durchgefeilte Eisen, daß ihm das Blut unter den Nägeln vorzuspritzen drohte – aber vergebens.
»Na – jetzt pass' auf und halt' ihn fest,« sagte der Beamte, während er das Schloß aufbog und das Eisen von dem Bein des Gefangenen herunter fallen ließ – »wo ist denn nun die schreckliche Wunde? – Aber halt, Kamerad, erst wollen wir Dir den hübschen Ring doch lieber um den andern Knöchel legen, nachher können wir uns den hier mit Muße besehen.«
»Hat Nichts zu sagen, Sir,« stöhnte John – »der läuft nicht davon.«
»Wenn Du um Deine Meinung befragt wirst, magst Du antworten. – Laß das Bein einmal los und heb das andere herauf. Was zum Teufel? – wie siehst Du denn aus? Du hast ja einen Kopf wie ein Krebs so roth – herauf mit dem Bein.«
»Ay, ay, Sir!« rief John, und die Verzweiflung gab ihm Riesenkräfte. – Noch ein Moment, und ihr ganzer Plan war, vielleicht auf immer, vereitelt – doch wie er noch einmal seine Finger über den eisernen Ring preßte, fühlte er, daß sich dieser seinem Griffe bog.
»Nun, wird's bald?« rief der Aufseher.
»Einen Moment, Sir – ich bin mit meinen Ketten hier unten hängen geblieben – mach' es gleich wieder los.«
Er ließ das angeblich wunde Bein Rothkopfs herunter, und während er jetzt auch mit der andern Hand nach seiner Kette faßte, brach der breite Ring unter seinem Griff wie Glas entzwei. Im Nu hatte er ihn gepallt und ausgebogen, wenn auch die scharfe Kante ihm die Finger blutig riß, und der Aufseher, dem diese plötzliche Bewegung nicht entgehen konnte, rief erstaunt aus:
»Alle Wetter, was machst denn Du da, mein Junge.«
»Ich kurire mein Bein, Sir!« lachte in diesem Augenblick John, während Rothkopf mit Blitzesschnelle in die Höhe fuhr.
»Ist es Zeit?« rief dieser.
»Fass' ihn,« lautete die einzige Antwort, und »Verrath,« schrie auch schon in dem Moment der erschreckte Aufseher, »Hülfe! Hülfe!« Und wohl hatte er Grund dazu, denn vier stärkere Arme gab es nicht in den Colonien, wie die waren, die ihn jetzt gefaßt und im Nu auf ihren Rücken geworfen hatten. Rothkopf packte ihn um den Leib, John um die Knie, und während sie, nach früherer Unterredung, den leichten Burschen als Schutz gegen sonst etwa ihnen nachgeschickte Kugeln auf ihren Nacken hoben, sprangen sie dabei in wilden Sätzen den Hang hinab und direkt auf das nächste Dickicht zu.
»Hülfe! Hülfe!« schrie des Aufsehers Stimme, aber die Soldaten durften ihren Posten nicht verlassen, weil sie ja nie wissen konnten, ob das nicht vielleicht dem gemeinschaftlichen Plan der Gefangenen galt, eine allseitige Flucht zu versuchen. Nur ihre Gewehre spannten sie und hoben sie in alter Gewohnheit an den Backen – aber schießen durften sie eben so wenig, wenigstens nach diesen Flüchtigen. Die Kugeln mußten ja fast, wo sie auch einschlugen, den Körper ihres eigenen Befehlshabers treffen.
»Hülfe – Hülfe!« tönte dessen Ruf schon tief von unten herauf, und seine Rechte hatte sich indeß vergebens bemüht, in eine seiner Brusttaschen zu gelangen und die dort steckenden Pistolen herauszubringen. Rothkopf aber litt das nicht; wie in einem Schraubstock schnürte er ihm die Arme zusammen, und als ihm die Büsche jetzt noch ohnedies in's Gesicht schlugen, war er nicht mehr im Stande, sich zur Wehr zu setzen.
Im nächsten Moment hatte ihn aber schon der niederhängende Ast eines alten Gumbaums gefaßt und riß ihn gewaltsam aus den Armen der beiden Entflohenen, während ihm der Sturz einen lauten Schrei auspreßte.
»Hier mag er bleiben,« lachte Rothkopf, »denn durch das Dickicht können wir ihn doch nicht weiter schleppen, aber seine Pistolen wollen wir uns noch ausbitten.«
»Und das Pulverhorn mit den Kugeln nicht zu vergessen,« rief John.
»Nur rasch, denn die Teufel sind uns schon auf den Fersen.«
»In dem Dickicht vergebens,« lachte John, »her mit den Waffen, Canaille.«
»Gnade, Gnade!« flehte der Beamte auf den Knieen und in Todesangst.
»Das ist die Gnade, die Du verdienst,« rief Rothkopf, und in voller Kraft und Wuth, mit der geballten Faust zum Stoß ausholend, warf er den Unglücklichen leblos in das dürre Laub zurück. Im Nu hatten sie ihm dabei den Rock ausgezogen, die Uhr aus der Tasche gerissen, und flohen nun, als sie die Verfolger schon von oben herunter durch die Sträucher brechen hörten, gerade nach unten in den dicksten Busch hinein.
Wohl suchte eine rasch herbeigezogene Hülfstruppe noch an diesem Abend und die nächsten Tage den Wald nach allen Richtungen hin ab. Große Belohnungen wurden dabei von der Regierung ausgesetzt, und Polizeisoldaten wie Militair war Monate lang beschäftigt, diese frechen Flüchtlinge wieder einzubringen – galt es ja doch auch, an ihnen ein Beispiel zu statuiren – doch vergebens. Gentleman John wie Rothkopf waren und blieben verschwunden, und riefen sich nur dann erst wieder in die Erinnerung des Publikums zurück, als ein paar hinter einander verübte freche und kühne Raubanfälle ihre Namen von Neuem auf die Lippen der Buschbewohner und Reisenden brachten.
Die Poststraße zwischen der Hauptstadt der jetzigen Colonie Victoria, Melbourne, und der von Süd-Australien, Adelaide, war damals noch gar nicht so lange eröffnet, und einmal wöchentlich fuhr in jener ersten Zeit ein zweirädriger Karren (der eine Anzahl von Passagieren tragen konnte) mit den Postbeuteln betraut, die lange, öde, durch den dichten Busch nur nothdürftig ausgeschlagene Bahn. Die Fahrt selber war eine Marter für den Reisenden, und auf Bequemlichkeiten unterwegs durfte er eben so wenig rechnen. Nichts destoweniger wurde diese »Royal mail« doch stark benutzt, da sie die einzige zu einer bestimmten Zeit abgehende und eintreffende Verbindung zwischen den schon ziemlich bedeutenden Städten des australischen Continents bildete. Dampfschifffahrt war nämlich noch nicht eingerichtet, und die Passage auf einem gelegentlich abgehenden Segelschiffe viel zu ungewiß und langweilig, um sich ihrer zur Personenbeförderung gern zu bedienen.
Wie aber die Straße rauh und die »Postkutsche« selber nur ein höchst primitives Fuhrwerk war, so diente noch die Unsicherheit der Gegend damals bedeutend dazu, das »Romantische« einer solchen Fahrt zu erhöhen. Gar nicht etwa so selten kam es vor, daß die Reisenden von in den Busch entflohenen Sträflingen angefallen und geplündert wurden. Doch galt es dabei als Thatsache, daß sie für ihr Leben Nichts zu fürchten hatten, sobald sie sich gutwillig dem Unvermeidlichen fügten und – keine Waffen bei sich führten. Die sogenannten »Bushrangers« nahmen ihnen dann eben ab, was sie selber brauchen konnten, untersuchten die Postfelleisen nach Geld oder Geldeswerth und ließen die Passagiere meist ungehindert ziehen.
Nur wenn sie dieselben gegen sich gerüstet oder gar Widerstand fanden, war es vorgekommen, daß der so verübte Raub auch in einen Raubmord ausartete, und es blieb bald kein Geheimniß mehr, daß der berüchtigte Führer dieser Schaar niemand Anderes sei als Gentleman John selber.
So keck und verwegen diese Bande nun aber auch sein mochte, so lehrten sie doch endlich zahlreiche, gegen sie ausgesandte Streifpatrouillen, daß sie einer disciplinirten und bewaffneten Macht nicht gewachsen waren, und wenn alle diese Expeditionen auch nicht von besonderem Erfolg gekrönt wurden, trieben sie die Strauchdiebe doch weiter in das Innere zurück und deckten einigermaßen die stark bedrohte Straße.
Es war im April, daß an einem ziemlich rauhen und unfreundlichen Herbsttage, diese Royal Mail ungewöhnlich stark mit Passagieren besetzt, die vom Regen aufgeweichte Straße entlang rasselte, während die wettermürrischen Reisenden, in ihre Mäntel gehüllt und von dem unbehülflichen Fuhrwerk schlammbespritzt und zerstoßen, erst wieder anfingen aufzuthauen, als sie eine der seltsamen Stationen erreichten, auf denen ihnen eine halbe Stunde Rast für ein flüchtiges Mittagsmahl gegönnt wurde.
Das Gebäude selber bestand aus kaum mehr als einer Rindenhütte, mit einer Art von Anbau, der zugleich als Küche und Vorrathskammer diente, und lag an einer der ödesten Stellen der Straße. Trotzdem enthielt es aber weit mehr Bequemlichkeiten und Genüsse, als sein etwas rauhes, ungelecktes Aeußere versprach, und die Passagiere befanden sich bald, zu ihrer höchst angenehmen Ueberraschung, an einem reinlich gedeckten Tisch, von dem ihnen ein sorgfältig hergerichtetes Mahl entgegen duftete. Auch die Getränke waren vortrefflich und in größter Auswahl vorhanden, und die Wirthin, eine echt englische Matrone, einfach aber sauber und nett gekleidet, präsidirte an der Tafel.
Der Wirth selber hatte sich noch nicht sehen lassen und draußen auch mit der Besorgung frischer Pferde und dem Kutscher zu thun.
Die Reisegesellschaft bestand aus lauter Männern, da sich Damen diesem rauhen Beförderungsmittel nur im höchsten Nothfall, und dann auch nur auf kurze Strecken und von einer Station zur andern anvertrauten. Allerdings mußten sie in dem Fall, wenn sie für solche Fahrt die Post benutzen wollten, warten, bis sich ein Platz für sie fand, da die Postverwaltung nicht daran dachte, einen Beiwagen zu geben, selbst wenn sich genug Passagiere dafür gefunden hätten. Was dem einmal vorhandenen Karren von Reisenden möglicher Weise aufgepackt werden konnte, wurde geladen, die Uebrigen mußten abwarten, ob sie vielleicht »in der nächsten Woche« mitgenommen werden könnten.
Wie aber nun in ganz Australien die Bevölkerung eine höchst wunderlich gemischte ist, so schien auch auf dieser Post fast jede Schicht der Colonial-Gesellschaft vertreten. Eine höchst anständig aussehende Persönlichkeit in schwarzen Tuchkleidern mit schwerer, goldener Kette, weißer Wäsche und Glacéhandschuhen, die eigentlich nicht recht in ihre ganze Umgebung zu passen schien, repräsentirte den Kaufmannsstand der Colonien. Es war ein Mr. Warrel aus Melbourne, der mittelst Post nach Adelaide ging, um eine kurz vorher von Melbourne per Segelschiff expedirte Ladung von Waaren selber an Ort und Stelle zu verkaufen.
Die zweite ansehnliche Persönlichkeit war ein Squatter aus dem Adelaide-District, mit vollem Bart, einen Kohlpalmenhut auf, mit Rock, Hose und Weste aus sogenanntem englischen Lederzeug, mit derben Buschschuhen und einem rothseidenen Halstuch, das, um den schneeweißen Hemdkragen geschlagen, den sonnverbrannten kräftigen Hals entblößt ließ.
Ganz gegen den Gebrauch der übrigen Passagiere schien es dieser aber zu verschmähen, sich waffenlos der Gnade und Ungnade des etwa dort umherstreifenden räuberischen Gesindels zu übergeben. In dem breiten, um den Leib geschnallten Gürtel, der ein kurzes schweres Buschmesser trug, staken ein paar kurze feingearbeitete Pistolen, und außerdem führte er auch noch eine, wie er sagte, mit Rehpfosten geladene englische Doppelflinte bei sich, die er unterwegs zwischen den Knien und ziemlich trotzig zum Gebrauch stets in Bereitschaft hielt.
Seinen Platz hatte er mit vorn auf dem Bock, und der dritte Passagier, der zwischen ihm und dem Kutscher eingeklemmt saß, war ein dürres, bleiches, kleines Männchen, ebenfalls ein Engländer, aber jedenfalls Israelit, der in ziemlich schäbigen Kleidern, mit einem alten abgetragenen Hut, bis dahin, trotz seiner anscheinenden Armuth, die entsetzlichste Angst vor einem möglichen Ueberfall gezeigt, und besonders seinen schwer bewaffneten Nachbar fortwährend mit mißtrauischen Blicken betrachtet hatte.
Die Post führte nur zwei Sitzbänke – die eine war die, auf welcher der Kutscher saß, und die neben ihm befindlichen Passagiere hatten die Aussicht nach vorn über die Pferde hin. Auf der zweiten, dicht hinter diesen angebrachten, nothdürftig gepolsterten und mit Leder überzogenen Bank saßen die übrigen Reisenden, jedoch mit dem Rücken nach vorn, und die niedere darum gezogene eiserne Lehne diente weit weniger zu ihrer Bequemlichkeit als zu ihrem Schutz, sich daran festzuklammern, wenn der Wagen einen steilen Hang hinaufgerissen wurde. Versäumten sie es, so wären sie rettungslos nach hinten zu übergestürzt.
Auf dieser hinteren Bank saß der schon vorher erwähnte Kaufmann aus Melbourne dicht hinter dem Kutscher. Den Mittelsitz hatte ein etwas ruppig aussehendes Individuum, schon von Melbourne her in Besitz. Es war dies dem Anschein nach einer der gewöhnlichen Arbeiter, in ordinären aber trotzdem ziemlich reinlich gehaltenen Kleidern und mit hoffentlich besseren Empfehlungen und Zeugnissen in der Tasche, als ihm das eigene Gesicht gewähren konnte. Der Bursche, der die ganze Fahrt hindurch verdrossen und störrisch auf seinem unbequemen Sitz kauerte und ununterbrochen Tabak kauete, hatte mit seinen Mitpassagieren auch noch keine drei Worte gewechselt, und alle an ihn gerichteten Fragen – wenn überhaupt – mit »Ja«, »Nein«, oder »weiß nicht«, beantwortet.
Den dritten Platz neben ihm und Rücken an Rücken mit dem Squatter nahm ein Mittelding zwischen Squatter und Arbeiter ein. Es war ein vierschrötiger, kräftiger Gesell, mit sonnverbrannten, nicht häßlichen Zügen und etwas Keckem, Drolligem in seinem ganzen Wesen. Er war erst in Manebat, bis wohin ein anderer Passagier mitgefahren, aufgestiegen, und bis jetzt eigentlich der Einzige gewesen, der durch seinen Humor, trotz Wetter und schlechtem Fuhrwerk einiges Leben in die träge Unterhaltung gebracht. Dem letzten Regenguß hatte freilich auch er schweigend und mürrisch die Wetterseite geboten. Jetzt aber im Trockenen, mit einer Flasche Sherry an der einen und einem Becher Porter an der anderen Seite, thaute er rasch wieder auf und es gelang ihm auch wirklich seine, sonst ziemlich schweigsamen Reisegefährten zu einer lebendigen Unterhaltung zu bringen.
Stoff hierzu gab vor Allem der kleine ängstliche Passagier, der unterwegs zwischen dem Kutscher und Squatter saß, und sich an jedem Anhaltspunkt jedesmal vor allen Dingen neue und meist immer entsetzliche Nachrichten über kürzlich erst verübte Gräuelthaten der Buschrähndscher sammelte. Auch hier hatte er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich mit seinen Erkundigungen an eine Art von Hausknecht zu wenden, der die angekommenen Pferde eben abschirrte, sie, zu beideseitiger Bequemlichkeit, frei im Busch ihrer Weide nachgehen zu lassen.
Dieser aber, ein verschmitzter Ire, und jedenfalls auch nur ein mit ticket of leave oder Urlaubschein freigegebener Sträfling, sah bald, mit welcher Classe von Menschen er es hier zu thun habe, und erzählte dem ihm ängstlich und bestürzt Zuhörenden in aller Geschwindigkeit ein paar so entsetzliche und schaudererregende Mordgeschichten, daß Mr. Moses, wie der kleine Mann hieß, mit bleichem Antlitz in das Passagierzimmer stürzte, seine furchtbaren Neuigkeiten so rasch als möglich den Uebrigen mitzutheilen.
»Lügen, Mr. Moses, Nichts als Lügen,« parirte übrigens Mr. Warrel, der sich eben mit den Anderen zu der gut besetzten Tafel niedergesetzt, ziemlich kaltblütig die schrecklichen Nachrichten. »Von wem haben Sie sich diese Geschichten aufbinden lassen?«