Kommt Ihr Feranis her –
Habt Ihr den Muth nicht mehr?
Kommt –
Hei wie Ihr laufen könnt
Hei wie Ihr –

Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehörender Schrei endete das kecke Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten, kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geschütze ganz in der Nähe herüberschmetterte und die überraschten Eingeborenen erschreckt aufschauen machte nach dem neuen Gegner – flog der von einer Kartätsche zerrissene Körper der jungen Tänzerin – ein furchtbarer Anblick – über den inneren Wall herunter in die Verschanzung.

Einzelne Kugeln schlugen noch außerdem hie und da ein, und zum ersten Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels jedenfalls, eine bessere und höher gelegene Position für ihre Geschütze eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie die Feranis den fast unzugänglichen schmalen Pfad dort hinauf allein gefunden haben konnten, ließ sich doch die Thatsache selber, die ihnen Kugel nach Kugel herüber sandte, nicht verleugnen.

Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath genommen, und zwar von einem »Capitain Henry«, wie behauptet wird dem Sohn eines englischen Missionairs, selber geführt, der dem französischen Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeschlagen worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, daß er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschütze günstiger placiren und damit zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen zu können. Durch den Nebel begünstigt, als abgeschickte Boten den wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschütze an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, von dort herübergefeuerte erste Salve.

»Damn it!« schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraschten Blick dort hinüber geworfen – »wir stürmen das Nest da oben, und werfen ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?«

Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser kannte und die Unmöglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand zu den Kanonen hinaufzulaufen, während sie noch dazu von der Artillerie vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück.

Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vortheilhaften Stand ihrer Geschütze erkennen, und die Hörner riefen seine Leute, die Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum erneuten Angriff des Forts herbei.

Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fuß an Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten, als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen Rückzug in die Berge beschloß, theils von einer anderen Bergspitze aus die dort stationirte Artillerie im Rücken zu fassen, theils die Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann, von den Guiaven geschützt zu umzingeln und abzuschneiden, während ihnen die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.

Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er fürchtete, daß sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen möchten, wo sie dann gezwungen gewesen wären den Platz, den sie jetzt behaupteten, wieder zu erstürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen wegzunehmen oder zu verjagen, überstimmten den Führer, und die Frauen voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung für den Augenblick den Feinden vollkommen überlassend.

Unten von den Schiffen aus, und während die Soldaten mit Jubelruf von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden, als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die Eingeborenen fanden sich plötzlich in einem eisernen Regen, der rechts und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die Flüchtigen niederhagelnd.

Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht überwerfend, griffen sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, völlig damit zufrieden den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch zurück auf die Schiffe.

Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkühnen Angriff der Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurück, hatte aber ebenfalls, da sie das Fort geräumt sah, keine weitere Veranlassung dort oben zu bleiben und folgte, auf dem Rückzug noch von einzelnen Trupps der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belästigt, der übrigen Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf die Fregatte gebracht, und wenige Stunden später lichteten die beiden Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer nur einigermaßen verdächtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee zurück.

Capitel 2.
Alte Abrechnungen.

Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die günstige Seebrise benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als Sieger zurückgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet kräftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen, die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte, der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf einen düsteren Schatten über den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewähren hoffte, gemildert werden.

Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt – dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn, wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.

René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen, denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.

Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von Tahiti schmerzte ihn desto weniger.

Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise einzuholen.

Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem Hauptschauplatz zu entfernen.

Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand nicht das Mindeste mehr im Weg.

»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«

»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte, freigesprochen?« frug René.

»Lieber Delavigne, ich habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen, hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«

»Eine Anklage gegen mich?« frug René erstaunt.

Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.

»Von einem Landsmann?« frug der junge Mann weiter.

»Wohl schwerlich – der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls verstellt und hie und da mit orthographischen – vielleicht übrigens absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er rasch ab, »die Sache ist vorbei und jeder Form genügt; außer dem haben wir auch seit einigen Tagen ziemlich gegründete Ursache einen Engländer selber der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Empörern gesehen ist. Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.«

»Das glaub' ich schwerlich« sagte René kopfschüttelnd, »den Dienst hat mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des verdächtigen Engländers?«

»Jim O'Flannagan.«

»Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.«

»So? – möglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich denn bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen Sie selber jetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine Gelegenheit?«

»Im Augenblick nicht« entgegnete René, »doch wird sich die schon finden, die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und hinüber.«

»Die Missionaire entwickeln überhaupt eine wunderbare Thätigkeit in dieser Zeit« entgegnete finster der Gouverneur – »und sie sollten sich doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen. Ich werde sie scharf überwachen lassen, und dann unnachsichtlich das an ihnen zur Ausführung bringen, was sie selber, ohne sogar Veranlassung dazu gehabt zu haben, an unseren eigenen Priestern ausgeübt. Daß diese Herren immer das geistliche und weltliche Regiment mit einander verwechseln, und gar so gern aus dem einen in das andere hinüberpfuschen wollen. Doch dem sei wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wissen, und sie haben es sich selber zuzuschreiben wenn sie nachher vielleicht etwas rauher behandelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zusagt.«

»Ich glaube daß hie und da ein freundliches Wort zwischen den Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglück vermeiden könnte« sagte René nachdenkend – »den Insulanern sind eine Menge falscher Begriffe beigebracht, und mit unsern Sitten und Gebräuchen nicht bekannt, erscheint ihnen theils Manches schroffer als es im Anfang gemeint war, theils haben wir selber Vieles was sie gethan zu streng und ernst genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin z. B. hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral gab; es muß zu Misverständnissen führen, wenn wir denselben Maßstab unserer Handlungen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin fest überzeugt daß Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glänzendes Spielzeug sah.«

»Pomare vielleicht« sagte der Gouverneur, »aber nicht die sie ihr gaben – der Insulanerin gegenüber hätte es vielleicht kaum einer Gegendemonstration bedurft, das geb ich zu, aber die Missionaire wußten recht gut um was es sich handelte, und deren Auslegung wäre allein nach England und Frankreich hinüber berichtet worden.«

»Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.«

Der Gouverneur zuckte mit den Achseln.

»In einer Hinsicht haben Sie übrigens recht« sagte er nach einer kleinen Pause, in der er einige Mal mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war; »ich glaube selber daß ein Wort der Verständigung zu seiner Zeit weit mehr wirken würde, als die aufgepflanzten Kanonen und Bayonnette unserer Soldaten. Mir liegt besonders daran weiteres Blutvergießen zu vermeiden, auch sind wir hier gar nicht so stark, viele Siege wie der gestrige gewinnen zu können, der uns vier unserer besten Officiere und – und sehr viel gute Soldaten und Leute gekostet hat. Um so mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den Eingeborenen, im Stande wären manches Gute zu wirken, manchen Conflict zu vermeiden. Wir würden Ihnen auch sehr dankbar sein, wenn Sie sich entschließen könnten uns, wenigstens einen kleinen Theil Ihrer Zeit zu widmen. Nicht allein daß sie dadurch den Insulanern selber einen ungemein großen Dienst erweisen, denn auf die Länge der Zeit können sie ja nun doch einmal unseren Waffen nicht Stand halten, während sie von jeder weiteren Hülfe durch unsere Schiffe abgeschnitten sind, Sie würden auch vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.«

»Aber in welcher Art glauben Sie, daß ich das im Stande wäre?« frug René, zu ihm aufschauend.

»Sie wissen daß sich die Insulaner, Mahaena nicht für so sicher haltend, an anderen Orten wieder festgesetzt haben, ja noch in diesem Augenblick in Begriff sind zu verschanzen; die steilen Thäler, Schluchten könnte man sie eher nennen, dieses Landes, bieten den Eingeborenen dabei in der Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Positionen werden immer nur mit großem Verlust an Menschenleben genommen werden können; aber sie werden doch genommen und die Erbitterung muß natürlich nach jeder geschlagenen Schlacht soviel höher steigen, der Riß soviel unheilbarer werden. Jetzt ist dabei vielleicht noch eine Aussöhnung möglich, Pomare mag zurückkehren und unter dem französischen Protectorat nominell, wenigstens den Eingeborenen gegenüber, fortregieren und wir ersparen eine Masse gutes Blut der einen wie anderen Parthei.«

»Die Missionaire werden aber nie in einen Frieden willigen« sagte René, »der die Gewalt ganz in die Hände ihrer Feinde giebt, und sie förmlich aus dem Land verjagt.«

»Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun« rief der Gouverneur, »als eben ihre eigene starre Unduldsamkeit, die nun einmal keine andere Religion neben sich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung verlangen wir für unsere Religion, wozu wir ein Recht hätten, selbst wenn es uns unsere Kanonen hier nicht sicherten, und wenn sie von der Vortrefflichkeit ihres Glaubens so vollkommen überzeugt sind, wie sie vorgeben, weshalb fürchten sie denn unter gleichen Verhältnissen mit ihm in die Schranken zu treten?«

»Und glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich im Stande wäre bei einem derartigen Versuch etwas Gutes zu wirken?« frug René – »darf ich den Insulanern wirklich die Versicherungen Ihrer friedlichen Gesinnung bringen und daß Pomare nach Tahiti zurückkehren mag, zwischen ihnen zu leben – ihnen ihre Königin, wie daß ferner keinem in der Ausübung seiner Religion die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden soll?«

»Das Alles, auf mein Ehrenwort,« erwiederte der Gouverneur – »noch mehr – es soll Alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Theilen, was bis jetzt geschehn – den einen Burschen natürlich ausgenommen, der noch alte Rechnung hat – es liegt mir ja nicht daran die Insulaner zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen – zum Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben, und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrüche und Revolutionen ausgesetzt sein. Es ist auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem solchen Sieg zu gewinnen, wo uns die ganze civilisirte Welt nachher anschreit, wir hätten einen Haufen nackter Wilden mit hölzernen Speeren und Schwertern durch unsere Kanonen zusammengeschossen, während die Burschen in der That ganz verständig selber schießen können, und viel mehr Gewehre und Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte.«

»Gebe Gott daß ich dann einen günstigen Erfolg bringe« sagte rasch René – »gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich die Eingeborenen kenne, werden sie gern und willig zu ihren Hütten zurückkehren, dort in Frieden zu leben. Sie sind gut und friedlich von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Betragen auch schon, selbst nach der Besitzergreifung, bewiesen haben muß, und wären sie nicht gar so arg gereizt, sie würden selbst jetzt nicht daran gedacht haben die Waffen aufzugreifen.«

»Die Waffen waren einmal da« sagte der Gouverneur finster »und mußten gebraucht werden. Es ist auch möglich daß das Einführen derselben eine kaufmännische Speculation gewesen, es sollte mir wenigstens lieb sein das zu glauben; fast aber fürchte ich, daß da auch noch eine andere Hand mit im Spiel gewesen, und war das wirklich, so dürfen wir auch nicht zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdestoweniger will ich jedenfalls, mir selber später keine Vorwürfe machen zu können, die Sache versucht haben – ich weiß auch daß ich dadurch im Sinn meiner Regierung handele, die um Alles einen ausgedehnteren Kampf um diese Besitzung zu vermeiden wünscht. Sind Sie also im Stande ein derartiges Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nennen wollen in Wirklichkeit zu ermöglichen, so rechnen Sie dabei ganz auf meine Unterstützung sowohl, wie wärmste Dankbarkeit.«

»Und wann wünschen Sie daß ich da aufbrechen soll?« frug René.

»Sobald Sie wollen; am Besten gleich morgen früh, denn jeder neue Tag führt dem Feind auch neue Hülfstruppen über die Berge zu, und macht ihn immer nur noch starrköpfiger auf der einmal eingeschlagenen Bahn beharren. Jetzt haben wir auch noch eine Anzahl Kriegsschiffe in der Bai, unter deren Kanonen sich ein Friedensabschluß weit anders ausnimmt, als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unserer Landtruppen, und vielleicht überall vom Feind umgeben, in die Stadt eingeschlossen sind. Sobald Sie zurückkehren statten Sie mir gleich Bericht ab. Gedenken Sie allein zu gehn, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?«

»Ich glaube ich gehe besser ohne das Alles« sagte René, »die französische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug eine Empfehlung zu sein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt erst eigentlich begriffene Demüthigung liegt noch zu frisch in ihrem Gedächtniß. Allein hab' ich weniger zu fürchten, da mich Manche von ihnen kennen, ja mit mir befreundet sind.«

»Wie Sie denken« erwiederte Mr. Bruat sich die Lippe beißend, »und dann noch eins. – Sind Sie einmal oben, können Sie vielleicht auch etwas über den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monsieur Bertrand, der sich eben so warm für Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund von Ihnen ist, hat mit diesem Burschen ein ganz besonderes Capitel abzumachen, und will ihn gestern über die Stirn gehauen haben, so daß er sogar leicht an seiner Wunde zu erkennen wäre. Außerdem habe ich einen nicht unbedeutenden Preis auf seinen Fang gesetzt; vielleicht sind Sie im Stand, in den Bergen etwas Näheres über ihn zu hören.«

»Ich spreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend« erwiederte René, »auch hat er mir schon selber von dem Iren und seinem früheren Leben erzählt; er scheint eine Art von Land- und Seepirat gewesen zu sein, und soll sich hier besonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituosen befassen.«

»Ein gefährlicher Charakter, besonders in jetziger Zeit« sagte Mr. Bruat – »aber wer kommt da unten? was ist das für ein wunderlicher Kauz – kennen Sie den Burschen, Delavigne?«

René war rasch an's Fenster getreten, dem ausgestreckten Arme des Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die Gestalt, als er auch lächelnd wieder zurück trat und sagte:

»Das ist Einer unserer originellsten Charaktere in Papetee, und trotzdem dies das erste Mal, daß ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er ist Schuster und wohnt draußen in den Guiaven in einer gewöhnlichen Bambushütte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie »Mütterchen Tot« nennen, und ihre beiderseitige Hauptbeschäftigung soll sein – wenn das Gerücht nicht lügt – Spirituosen an die Eingeborenen auszuschenken.«

»Und hat man das bis jetzt geduldet?« frug der Gouverneur rasch.

»Noch hat ihnen Nichts bewiesen werden können« lachte René, »denn die Alte ist zu schlau sich leicht erwischen zu lassen. Die Sache muß aber auch noch einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionaire dulden sie dort im Busch, trotz dem ziemlich allgemein ausgesprochenen Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das muß denn etwas ungemein Wichtiges sein, was ihn hierher führt. So viel ich weiß haßt er uns Franzosen wie die Sünde, und soll fast den ganzen ausgeschlagenen Tag in der Bibel lesen.«

»Sie empfehlen mir den Mann immer mehr« lachte der Gouverneur – »er scheint mir übrigens mehr Carricatur als Original, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er sich nicht vielleicht bei den französischen Behörden über seine englische Gattin beklagen und sich mit unter das Protectorat stellen wollte – hahaha, da hätten wir gleich einen praktischen Nutzen für Englische Bürger, die doch im Anfang solches Geschrei darüber erhoben. Aber wahrhaftig, ich glaube er will zu mir.«

Eine Ordonanz trat in diesem Augenblick in's Zimmer und meldete daß ein verdächtig aussehendes Individuum, das halb englisch halb insulanisch spräche, vorgelassen zu werden verlange und in größter Eile zu sein behaupte, auch etwas sehr Wichtiges mitzutheilen habe.

»Dann Herr Gouverneur« sagte René, »erlauben Sie vielleicht daß ich mich entferne.«

»Nein, das erlaube ich nicht« lachte dieser, »dann brauche ich Sie zum Dollmetscher; für ein Gemisch von Englisch und Indianisch halte ich mich nicht sattelfest genug. Oder haben Sie irgend etwas anderes, besonderes vor?«

»Nicht das entfernteste« entgegnete der junge Mann, »es wird mir das größte Vergnügen machen Ihnen dienen zu können.«

»Ich wollte ich dürfte Sie vollständig beim Wort nehmen, Delavigne« sagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwischen ein einfaches »er soll herein kommen« zurufend. »Wir brauchen jetzt Leute, tüchtige Leute, und für solche ist gerade auch wieder der jetzige Zeitpunkt vortrefflich, ihr Glück zu machen. Was haben Sie drüben in Atiu? das läuft Ihnen nicht weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder. – Aber ich will Ihnen nicht zureden« unterbrach er sich rasch, »Sie mögen sich das noch mit sich selber überlegen; da kommt auch eben unser dringender Besuch – wie heißt der Bursche?«

»Murphy, wenn ich nicht irre.«

»Ein ächt irischer Name, dem das Gesicht keine Schande macht. Sehn Sie nur was für tückisch blitzende Augen der Bursche im Kopfe trägt; etwas Gutes hat den nicht zu mir geführt, soviel ist sicher. Und was wollt Ihr? – ach ich vergaß, bitte Delavigne fragen Sie einmal den Feuerbrand was er von mir will – Peste, wie er aussieht.«

Murphy hatte sich indessen langsam und scheu zur Thür herein geschoben, und stand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Männer, die französisch mit einander sprachen, mistrauisch betrachtend. Ein finster drohender Ausdruck legte sich aber in seine Züge und schien sich dort in die Falten und Pockennarben ordentlich festzuhängen, als beide Männer, nicht im Stande beim Anblick der Gestalt ernsthaft zu bleiben, erst an zu lächeln fingen, und dann endlich in ein laut schallendes und anhaltendes Lachen ausbrachen.

Murphy hatte übrigens dazu gar gegründete Ursache gegeben. Zuerst trug er wieder, als die einzig mögliche Zeit, und vielleicht auch andere Mängel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an den Hals zugeknöpft, mit den Schößen unten an seine nackten Waden, oder wenigstens an einen Klumpen von Sehnen und Muskeln schlagend, der hinter dem Wadenbeine irgendwie befestigt schien. Die Beine staken in sehr defekten, unten wenigstens ausgefranzten Hosen; seine Extremitäten vom Hals ab, Kopf Hände und Füße waren bloß, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz, und nur um den linken Fuß, mit dem er vielleicht in eine Glasscherbe oder sonst etwas getreten, hatte er sich ein Stück gelbbrauner Tapa geschlagen und mit Bast befestigt. Nahm man nun noch das wunderlich zusammengezogene, halb boshafte halb komische, von Blatternarben zerrissene Gesicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen struppigen Haar und den kleinen hellgrauen stechenden Augen, so war die Fröhlichkeit der beiden Männer zu entschuldigen, die durch den verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhöht als vermindert wurde.

Murphy schien aber nicht in der Stimmung vielen Spaß mit sich machen zu lassen, und mit einem mürrischen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden und einem halblaut gemurmelten »damned fools ye«[1] wollte er sich eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlassen, als ihn René in Englisch anrief und ihn frug was er vom Gouverneur Bruat wünsche.

Bei der Englischen Anrede stutzte der Ire, und sah erst René, dann den Gouverneur ein paar Secunden mit seinen stechenden Augen forschend an, dann aber, wie sich besinnend um was er eigentlich hier hergekommen, sagte er im breitesten irischen Dialekte:

»Seid Ihr der Misther Gouverneur?«

»Nicht ich – dieser Herr da.«

»Und kann der nicht für sich selber sprechen?«

»Ich werde dollmetschen, Murphy« erwiederte René lächelnd – »was führt Euch her?«

»Murphy?« wiederholte der Ire erstaunt seinen Namen, »wo bei Jäsus, habt Ihr den Namen her, Sirrah? – aber s'ist einerlei« fuhr er dann rascher fort. »Ihr Franzosen spionirt ja doch überall herum – aber Ihr habt eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann gesetzt – wollt Ihr die zahlen?«

»Ha – wer ist das?« rief der Gouverneur rasch, der den ungefähren Sinn der letzten Worte verstanden hatte.

»Jäsus mein Herzchen – ob er nicht blos so thut als ob er keine Ohren hätte« sagte Murphy mit einem breiten Grinsen, »aber was sagt er jetzt?«

René wechselte rasch einige Worte mit dem Gouverneur und wandte sich dann wieder an den Iren.

»Und wer ist's den Du zu vergeben hast, mein Bursche? – wenn's der rechte ist kannst Du einen schönen Thaler Geld verdienen – wie heißt er?«

»Jim O'Flannagan – damn his eyes[2] und Jack irgend noch sonst was.«

»Alle Beide?«

»Sitzen jetzt in der Falle.«

»Und wo ist das?«

Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten halb pfiffigen halb höhnischen Grinsen und er knurrte:

»Soll Euch Murphy das Nest nennen eh' er das Silber hat?«

»Das Nest wird Mütterchen Tots Hotel sein« sagte René gleichgültig während der Mann einen überraschten tückischen Blick auf ihn warf – »doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burschen in des Gouverneurs Hände lieferst, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber – wie ist mir denn?« frug er sich besinnend und gegen den Gouverneur gewandt – »der eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen verübt, nicht wahr?«

»Der andere ist ein entsprungener Matrose« sagte Mr. Bruat.

»Hm« murmelte René vor sich hin – »doch es liegt Ihnen daran nur den einen zu fassen?«

»Nein, nein alle Beide – sind Sie alle Beide im Haus? – bitte fragen Sie den Burschen einmal.«

»Habt Ihr sie alle Beide im Haus – auf den einen sind fünfhundert, auf den andern nur zwei gesetzt!«

»Alle Beide« bestätigte Murphy, »aber rasch müssen Sie machen, wenn Sie die Vögel noch erwischen wollen – die Sonne ist nicht weit mehr vom Untergehn und jetzt ist die Zeit – später steh ich für Nichts, denn fort wollen sie auch.«

»Fort? – wohin?«

»Wohin? – weiß ich's?« sagte der Kleine mürrisch – »nur ihre Bündel haben sie bei sich, und ihre Waffen, und ein Canoe ist nicht schwer zu finden am Strande, wer Lust dazu hat!«

»Nicht unwahrscheinlich« sagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur, der aufmerksam dem Gespräch gefolgt war, und jedenfalls so viel Englisch verstand, den ungefähren Sinn zu begreifen. »Dann haben wir keine Zeit zu verlieren, und Sie können den Spaß mit ansehn Delavigne.«

Er klingelte und sagte, als die Ordonanz gleich darauf in militärischer Stellung eintrat:

»Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc lasse ich ersuchen augenblicklich zu mir zu kommen – er ist an Land, Du wirst ihn drüben im Café bei Victor finden – es ist eilig.«

Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thür und vielleicht zehn Minuten später, während der Gouverneur mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy ungeduldig von einem Fuß auf den andern schaukelte und bald nach der Thür bald nach dem Fenster sah, hörten sie die raschen Schritte des jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; wenige Secunden später betrat er das Zimmer, das Nöthigste jetzt über die rasch auszuführende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch auszuführen.


Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußersten und jetzt von Gräben und Wällen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen versteckt, und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europäischen Gästen, den Matrosen der Englischen oder Französischen Schiffe, vollkommen abgeschnitten. Französische Matrosen hatten sich überhaupt bei ihr sehr selten, und nur dann und wann einmal von den Mädchen selber dorthin gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein kleiner Transport ächten holländischen Genevres, eine Parthie versetzten Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch außerdem erst an dem gestrigen Tage von einer französischen Patrouille entdeckt und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden ausgestoßen.

Die Hütte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen, denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen in ihren Schanzen gewissermaßen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht überrascht und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder für diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haßten als die Feranis selber, zu überraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen ausgeschlagenen Tag ungestört in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot saß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden auszuspritzen.

Es war spät am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den schmalen aus den Bergen niederführenden Pfad herunter kamen und sich der Hütte näherten. Es waren zwei Weiße und ein Insulaner – drei alte Bekannte von uns, Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältnisse hier viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer wurde voran in die Hütte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine Gefahr zu fürchten sei.

»Nun was giebt's?« knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in die Thür steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand – »die Pest auf Deinen Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter Nichts? daß Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fuß wieder in Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy säufst. Ha? – wer kommt da? – auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort, oder ich stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren herum, das ich Dir tausendmal schon hätte verbrennen sollen, wenn meine verfluchte alberne Gutmüthigkeit nicht wäre. Auf mit Dir, sag' ich, und sieh nach – daß ich Dir Beine mache« knurrte sie dann leiser hinterher, als Murphy, innerlich Verwünschungen ausstoßend, denen er sich nur scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig gehorsam, aufstand, und durch die Stäbe der Bambuswand schaute.

Sie sollten jedoch über den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon wenige Secunden später riß Jim O'Flannagan selber die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot mit einem halb erstaunten halb mürrischen Gesicht empfing.

»Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus« kreischte sie aber, als sie einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst wieder erkannte. »Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den Krallen gehabt, daß sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im Gesicht gelassen? – wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen Gestalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Physionomie hätte ich Euch im Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?«

»Verdammt gastliche Frage« knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett gehend und sich dort, todesmatt und erschöpft, nieder werfend – »hol mir vor allen Dingen eine Cocosnuß, Murphy, – heh – hörst Du Schuft, da in der Ecke, und laß das verdammte Buch liegen – eine Cocosnuß will ich haben zum Trinken.«

»Und ist es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft sagt?« knurrte der kleine Schuhmacher mit einem giftigen Blick nach dem so gefürchteten wie gehaßten Manne – »holt sie Euch selber.«

Jim wollte sich, mit einem wild ausgestoßenen Fluch wieder von seinem Lager emporrichten, den Iren zu zwingen seinem Befehl Folge zu leisten, Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gast zu Gefallen als indignirt daß Mr. Murphy überhaupt Jemandem wagen konnte zu widersprechen, hinkte auf den kleinen, in seinen warmen Rock eingeknöpften Mann zu, riß dem, trotzig seinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt, aus der Hand und es hinter sich schleudernd fuhr sie mit einer solchen Fluth von Schimpfwörtern über ihn her, denen die immer heftiger werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten, daß sich Murphy endlich, wie ein bissiger Hund der gefürchteten Peitsche gegenüber, langsam und rückwärts von seinem Stuhl hinunter und der Thüre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leisten, verschwand.

»Hol die unnütze tagdiebische Bestie der Henker« geiferte die Alte aber noch hinter ihm her – »sitzt da den lieben ausgeschlagenen Tag auf seinen faulen Knochen und –«

»Na laß das Knurren Alte!« rief sie aber der Ire jetzt ungeduldig an, »ich bin gerade nicht in einer Stimmung Dein Geschwätz anzuhören – Du mein Bursche da springst indessen nach dem Wasser hinunter, und siehst ob unser Canoe in Ordnung ist, daß wir mit Dunkelwerden hier fortkommen, denn nach dem Abendschuß patrouilliren die Boote in der Bai, und Du Mütterchen schaffst uns schnell etwas zu essen herbei, ich bin fast verhungert und brauche Stärke.«

»Mensch, wie seht Ihr aus und wo wollt Ihr hin?« rief aber die Alte dagegen, sich vor ihn hinstellend und ihn aufmerksam betrachtend, »Ihr habt eher Pflaster in Euer Gesicht wie in den Magen nöthig; wer hat Euch denn so zugerichtet.«

»Ein Schuft, dem ich's vielleicht später noch einmal gedenken kann« fluchte der Ire, »jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich muß machen daß ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann sich doch nicht auf die Länge der Zeit gegen die Franzosen halten, und nachher, wenn sie Alle leer ausgehn, möchte die Geschichte auf mir hängen bleiben. Ich habe überdies mein Theil ab, und könnte auch doch nicht mehr mit schlagen und da oben in den feuchten Bergen sitzen zu bleiben und Feis[3] zu fressen, dazu gebricht mir die Lust. Ich will wieder in See!«

»In See? an Bord eines Kriegsschiffs?« frug die Alte erstaunt.

»Nein, hinüber nach – übrigens wird's wohl einerlei sein ob Ihr's wißt oder nicht – Schwatzen hat schon Manchen gereut, Schweigen selten. Wo der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocosnuß – gieb mir einen Schluck Brandy indessen Alte, den Aerger hinunter zu spülen.«

»Mit den Wunden auf Euch?« rief Mrs. Tot kopfschüttelnd, »wenn Ihr jetzt Brandy tränkt, trocknete Euch das Fieber die Adern aus, und schnürte Euch das Herz zusammen.«

»Herz – pah – nur nicht den Hals, Mütterchen, nur nicht den Hals – weiß der Teufel, seit mich gestern der Schuft am Kragen hatte und mich mit fortschleifen wollte, bin ich auf einmal so furchtbar besorgt um meine Luftröhre geworden – s'ist auch eine nichtswürdige Erfindung einen Menschen daran aufhängen zu wollen – Brandy, Alte, Brandy; zum Teufel was geht Dich mein Fieber an.«

»Schrei doch nicht so« sagte Jack jetzt, während Mrs. Tot kopfschüttelnd und innerlich murrend und schimpfend dem Befehle Folge leistete – »Du wirst uns noch einen Besuch auf den Hals ziehn, ehe wir wieder Salzwasser unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch unheimlich an Land jetzt, und das zerschossene Gesicht von dem Officier will mir nicht aus dem Sinn; nun, ich hatt's ihm lange zugeschworen und er hat's tausendmal an mir verdient.«

»Ich wollte Du hättest den – Anderen so getroffen, das wär für uns Beide besser.«

»Seh ich nicht ein« brummte Jack, – »für Dich vielleicht – aber bis es für uns Beide gut würde, könnten wir noch manche Ladung Pulver gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben satt, und gäbe jetzt Gott weiß was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt hätte, gerade auf dieser vermaledeiten Insel zu entwischen, wo sie uns beinah gefangen hätten wie die Ratte in der Falle. – Entwischen, als ob ich überhaupt schon entwischt wäre; wer konnte sich aber auch denken daß die Eingeborenen solchen Skandal anfingen.«

»Hah, das thut gut« sagte Jim, sich den Mund wischend, nachdem er das ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar Bissen der hinzugelegten Brodfrüchte förmlich verschlang, von der er sich auch zugleich einen Theil in die Tasche steckte – »das gießt ordentlich wieder Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue Stärke.«

»Weißer Mann!« sagte in diesem Augenblick die vorsichtig gedämpfte Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thür herein steckte – »ist Alles in Ordnung – Canoe flott und dunkel wird's auch bald – in kleiner Zeit können wir auf Wasser sein – kein Boot in Sicht.«

»Gut – komme gleich« sagte Jim, der sich das Glas noch einmal voll geschenkt hatte, aufstehend und es wieder leerend – »bleib draußen am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weißt Du das Zeichen.«

»Alles fertig« sagte Raiteo erstaunt – »weshalb warten?«

»Weiß schon – weiß schon, komme gleich – mach schnell« erwiederte aber der Ire ungeduldig und der Indianer zog sich zurück.

Jack war indessen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm wechselnd, griff er seine Waffe auf und ging zur Thür, während Jim, den Mütterchen Tot indeß etwas mistrauisch beobachtet hatte, sich zu dieser wandte und mit freundlicher Stimme – wenn in den rauhen Laut überhaupt ein freundlicher Ton gelegt werden konnte – sagte:

»Hör, Mütterchen – ich habe noch eine rechte Bitte an Dich, ehe wir gehn – wirst Du sie erfüllen?«

»Bitte? – Bitte?« knurrte aber die Alte – »was hab' ich mit Bitten zu thun – hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menschen erbeten – Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuster jetzt bleibt bis spät in die Nacht hinein – na komm Du mir zu Hause – und meinen Rock hat er auch mit – heh Murphy – Mur-phy!« Sie betonte die letzte Sylbe des Wortes mit ihrer scharfen kreischenden Stimme, und der Laut drang gellend durch den Wald.

»Alle Wetter, Mütterchen, was Du noch für eine helle Stimme hast« sagte Jim, unruhig nach Jack zurück schauend, »aber laß das Schreien einmal sein jetzt und beantworte mir eine Frage – ich werde Dich sobald nicht wieder incommodiren.«

»Und was giebt's? – was wollt Ihr von mir?« rief die Alte mürrisch – »Eueren Brandy habt Ihr auch noch nicht bezahlt.«

»So? nun, wir machen das dann zusammen ab« sagte Jim, während ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte; »aber um wieder auf meine Bitte zu kommen, Mütterchen, so bin ich wahrhaftig für den Augenblick in Geldverlegenheit, und Du mußt mir auf ein paar Monat zweihundert Dollar borgen?«

»Zweihundert Dollar? – mußt?« rief aber die Alte, mehr erzürnt fast als erschreckt über die Forderung – »ist das etwa Euere Bitte, heh? – mußt zweihundert Dollar borgen, als ob ich die hundert Dollars nur so unter den Matten herumliegen hätte, und sie vorzuholen brauchte, wenn es irgend einem Vagabunden einfiele zu mir zu kommen und danach zu fragen. Mußt mir zweihundert Dollar borgen – heh Murphy, ob ich den Schuft nicht bei den Beinen aufhänge, wenn er wieder zurückkommt, die feige, nichtsnutzige faule Canaille, die sich in den Wald und unter einen Busch draußen drückt, wenn sie zu irgend einer Arbeit aufgerufen wird – Murphy!«

»Mütterchen Du mußt sie mir borgen« sagte aber Jim jetzt, ihr näher tretend mit unterdrückter Stimme, der man es jedoch wohl anhörte, wie er sich nur gewaltsam Mühe gab den in ihm auflodernden Zorn noch zu dämpfen. »Ich habe Alles Geld was ich bei mir führte bei unserem letzten Kampf verloren, und nicht einen Franc mehr im Vermögen, und an der Stelle, wo ich ein kleines Capital früher einmal vergraben, haben mir die verfluchten Franzosen gerade ein Fort darauf gebaut daß ich jetzt auch nicht dazu kann. Ich muß später wieder hierher zurück, das zu heben, und Dein Geld ist Dir sicher.«

»Aber ich habe kein Geld zum Verborgen« schrie die Alte, vielleicht absichtlich mit lauter Stimme und mehr von seiner Annäherung zurückweichend – »was Ihr für mich gearbeitet, hab' ich Euch baar bezahlt, höher bezahlt wie ich es eigentlich vor Gott und meinem Gewissen verantworten konnte, und das Bischen Nutzen was ich durch den Verkauf der Sachen hätte haben können, lief in Euere Taschen, eh' ich den Spunt geöffnet.«

»Wenn Du nicht aufhörst zu schreien« zürnte sie der Ire jetzt mit tödtlich blitzenden Augen an, »so sag' ich Dir, wo Du Dein Geld hast – hörst Du mich? – wirst Du jetzt Vernunft annehmen und schweigen?«

»Sagt Ihr mir wo ich mein Geld habe?« rief aber die Alte, die todtenbleich wurde und sich erschreckt umschaute – »was wollt Ihr von mir, Mensch? von einer alten schwachen Frau, die kaum ihr Leben noch fristen kann in Noth und Dürftigkeit, bei diesen entsetzlichen Zeiten?«

»Ihr werdet da herum trödeln bis die Alte uns die ganze Nachbarschaft über den Hals geschrieen hat« knurrte aber jetzt Jack von der Thür aus – »es wird dunkel Jim, wir müssen wahrhaftig machen daß wir fortkommen.«

»Was habt Ihr – was wollt Ihr?« rief aber jetzt die Alte, der zum ersten Mal die wirkliche Absicht der beiden Buben klar zu werden schien – »ich habe nicht einen Franc im Hause, so wahr ich selig zu werden hoffe – Murphy – Murphy!«

»Schreist Du jetzt noch einmal nach dem verdammten Schuft« zischte ihr Jim aber da, ihren Arm ergreifend, den sie ihm vergebens wieder zu entreißen suchte, in's Ohr – »so thu ich etwas, das mich nachher gereuen könnte; und nun genug Firlefanz um eine so einfache Sache. Ich muß 200 Dollar haben, und wenn Du die so rasch und willig als möglich herausgiebst, so schwör ich Dir hier, daß wir Dir nichts thun, Dir nichts weiter anrühren werden, und das Geld sollst Du, sobald ich es irgend wieder erschwingen kann, oder im Stande bin das hier auf der Insel vergrabene auszuheben, wiederbekommen.«

»Ich habe kein Geld – nicht einen Penny.«

»Daß Dich die Lüge ersticke, Bestie« schrie aber Jim jetzt, selber die Geduld verlierend – »soll ich die Calabasse unter der Lampe dort ausgraben, und Dir die vier oder fünf andern Stellen zeigen an denen Du noch Geld eingescharrt? heh? – oder willst Du selber Rath schaffen? Schnell jetzt denn wir haben nicht fünf Minuten Zeit mehr und schon viel zu lange getrödelt.«

»Die Calabasse unter der Lampe?« schrie aber die Alte jetzt in Schreck und Entsetzen laut auf – »ha, Teufel die Ihr seid – Hülfe! Mörder!« –

Die eiserne Faust des Iren lag an ihrer Kehle und erstickte jeden weiteren Laut.

»Hier Jack« sagte der Räuber dann ruhig zu dem herbeispringenden Genossen – »nimm mir einmal die Alte ab, halt sie aber ruhig, indeß ich das Geld heraufhole.« –

»Na das hätten wir vor einer Viertelstunde schon eben so bequem haben können« fluchte der Matrose, den Mund der Alten, die sich in des Iren Griff wand, mit einem Tuch bedeckend und verschließend – »so Madame, nur für ein klein Weilchen, wenn der Herr Gemahl zurück kommt, kannst Du ihm dann die ganze Geschichte weitläufig auseinander setzen – wird sich unmenschlich freuen wenn er es hört. Hast Du's, Jim?«

»Noch nicht« sagte sein Kamerad, der die Lampe ohne weiteres bei Seite geworfen hatte und die darunter befindliche lockere Erde mit seinem großen Messer aufstach und mit den Händen hinauswarf – »Teufel noch einmal, das Ding steckt tiefer wie ich glaubte.«

»Weißt Du aber auch gewiß daß das der Platz ist?«

Jim lachte ohne darauf zu erwiedern und grub eifrig weiter, die Frau aber, die sich jetzt wieder zu erholen anfing, verdoppelte ihre Anstrengungen los zu kommen, und Jack hatte wirklich Mühe sie unter zu halten.

»Hol der Teufel die Alte« brummte er dabei – »sie wird es sich selber zuzuschreiben haben, wenn sie zu Schaden kommt.«

»Da ist er« rief aber auch in diesem Augenblick Jim, die aufgestochene Erde rasch und freudig auswerfend – »ich hab' ihn schon mit dem Messer gefühlt; so, jetzt wird unsere Reisecasse gleich in Ordnung sein.«

»Mach schnell Jim, ich kann die Alte wahrhaftig nicht länger halten« rief aber auch Jack, »ich muß ihr sonst die Kehle allen Ernstes zuschnüren – was auch eben kein großer Verlust wäre.«

»Nein – halt!« rief aber Jim, ohne jedoch seine Arbeit zu unterbrechen – »thu' ihr Nichts zu Leide, Jack, Mütterchen Tot und ich sind viel zu gute alte Bekannte, als daß ich die Ursache ihres Todes sein möchte – kannst Du ihr nicht die Arme und Füße binden?«

»Ich habe alle beide Hände voll zu thun, ihr nur eben den Mund zuzuhalten« knurrte Jack.

»Hier ist der Beutel!« rief Jim und das Klirren des Geldes, das auch wahrscheinlich an das Ohr der Eigenthümerin drang, trieb diese zu neuen rasenden, aber doch vergebenen Anstrengungen.

»So komm wenigstens her daß Du mir sie binden hilfst« rief Jack jetzt zwischen den, fest aufeinander gebissenen Zähnen durch – »allein bring' ich's nicht zu Stande.«

»Kann nicht einmal ein altes Weib bändigen« lachte der Ire, dem Rufe jedoch nichtsdestoweniger Folge leistend. Jack hatte, wie fast jeder Matrose, die Taschen voll dünner Seilen und kurzen Enden Tau und die Alte lag bald, unfähig sich weiter zu bewegen, gebunden und geknebelt auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergerissenen Mosquitonetz.

»So, nun aber fort« rief Jim, »denn Murphy kann jeden Augenblick wieder zurück kommen und besser ist besser. Da Jack, vergiß Dein Gewehr nicht und nimm unsere beiden Bündel, ich trage das Geld – wir haben genug!« und mit heiserem Lachen sprang er, von dem Kameraden gefolgt, aus der Thür, den schmalen Pfad entlang der nach dem Wasser führte, und sich eben noch in dem dunklen Schatten erkennen ließ. Kaum aber hatten sie die Hütte zehn Schritt hinter sich, als das gellende Angstgeschrei der Alten, die sich gewußt hatte von ihrem Knebel zu befreien, an ihr Ohr schlug, und beide erschreckt halten machte.

»Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebellisch machen« rief Jim mit dem Fuße stampfend – »weißt Du denn noch nicht einmal einen Knebel einzudrehn?«

»Ach laß sie schreien« brummte Jack, »in zehn Minuten sind wir auf dem Wasser und in der Dunkelheit finden sie doch unsere Spur nicht.«

»Nein, nein« rief aber Jim ängstlich, »wir können nicht gerade im See halten und müssen erst lange Strecke an den Riffen hin – wenn der Alarm gegeben wird, kommen uns doch am Ende die Boote in den Weg. Spring zurück und drück ihr den Knebel wieder ein, aber mach rasch, ich bringe indeß das Geld in Sicherheit – Du kennst ja mein Zeichen.«

»Wart lieber hier, ich könnte mich verirren« rief aber der, mit dem Walde gar nicht vertraute Jack, »hol der Teufel die Bäume, einer sieht wie der andere aus.«

»So mach rasch« rief Jim – »Raiteo wird auf uns warten.«

Jack sprang in das Haus zurück und Jim horchte einen Augenblick, bis der Kamerad hinter den Guiaven verschwunden war, sprang aber dann mit flüchtigen Sätzen dem Strande zu, Raiteo zu treffen.

Dieser befand sich jedoch keineswegs auf der bezeichneten Stelle, sondern war ein sowohl sehr überraschter, als erstaunter Zeuge der letzten Scene gewesen. Stutzig gemacht nämlich, durch den barschen Befehl das Haus zu verlassen, und mistrauisch gegen die beiden Männer, fiel ihm auch zugleich wieder das unter den Insulanern bestehende Gerücht ein, Mütterchen Tot sei steinreich und habe ihre ganze Hütte mit Silberstücken gepflastert, über die nur eben wieder dünne Erde gestreut wäre. Vor der Habgier der Eingeborenen schützte sie freilich auch der Ruf ihres Einverständnisses mit bösen Geistern (Murphy las deshalb auch nur immer in der Bibel, diese von sich abzuhalten), aber mit den Weißen war das etwas anderes und er fand denn auch, wie er sich nur vorsichtig hinter die Bambusstäbe gedrückt, seinen schlimmsten Verdacht gar bald bestätigt.

Als Jack nach dem Hause zurücksprang, lag der Insulaner, nicht fünf Schritt von den beiden versteckt, in dem dichten Unterbusch, unschlüssig was zu thun, und erst als er den einen, mit dem geraubten Gelde dem Strande zu fliehen sah, folgte er diesem – sein Vortheil lag da, wo er das Geld wußte.

Einen Augenblick hielt aber selbst Jim in seinem Lauf ein als ein gellender wilder Angstschrei von der Hütte her an sein Ohr schlug. Dann war Alles ruhig – todtenstill, und nur einen Fluch in den Bart murmelnd, setzte er seinen Weg fort und hatte eben den Rand des kleinen Flusses und damit eine schmale offene Lichtung erreicht, wo gerade Raiteo seiner harren sollte, als er es rechts und links in den Büschen rascheln hörte und bestürzt stehen blieb, des Geräusches sicher zu sein, ehe er sich dem offenen Platz anvertraute.

»Raiteo!« rief er dabei mit leiser, vorsichtig gedämpfter Stimme, und gab das verabredete Signal – aber kein Raiteo antwortete, denn dieser, obgleich dicht hinter ihm, hatte ebenfalls etwas vernommen das da nicht hingehörte, und wollte jedenfalls erst wissen was es sei, ehe er selber durch irgend eine Antwort seine Gegenwart verriethe.

Alles war todtenstill, als plötzlich ein wilder, wirrer Lärm von der Richtung wo er hergekommen zu ihnen herübertönte, und gleich darauf ein Schuß fiel.

»Tod und Teufel, das war Zeit« lachte Jim in sich hinein – »sollte mich gar nicht wundern wenn Jack in einen warmen Platz gerathen ist; jetzt aber auch fort –« und mit ein paar Sätzen die Lichtung überfliegend, begrüßte er mit einem Freudenruf das dort versteckt gehaltene Canoe. – Noch aber hatte sein Fuß es nicht berührt als es wieder an beiden Seiten in dem Dickicht raschelte und brach, und zwei dunkle Gestalten plötzlich daraus vorsprangen.

»Hell and damnation!« schrie der Verbrecher, der kaum Zeit behielt das geraubte Geld in einen Busch hinein fallen zu lassen und sein Gewehr aufzugreifen, als sich auch der Eine der Männer gegen ihn anwarf, dessen Gesicht er nur zu wohl erkannte.

»Haben wir Dich, Kamerad!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, als er, den kurzen Cutlaß[4] in der Faust, unerschrocken gegen die vorgehaltene Waffe des Iren ansprang – »ergieb Dich, denn Du bist mein Gefangener.«

»Noch nicht« zischte aber der zur Verzweiflung getriebene zwischen den Zähnen durch, und die abgefeuerte Kugel riß dem Feind die linke Backe in demselben Moment auf, als sein Cutlaß das Bayonnett zur Seite schlug. Im nächsten Moment war aber auch der andere Matrose an seiner Seite, und sich auf den Iren werfend, umfaßte er diesen mit seinen sehnigen Armen und riß ihn mit sich zu Boden. Jim O'Flannagan lag, wenige Minuten später, überwunden und gebunden in der Gewalt seiner Feinde.

»So – das war abgemacht« sagte der Bootsmann ruhig, der sich jetzt die verwundete Backe hielt, und das Blut zu stillen sucht. – »Peste, wie mich der Schuft jetzt zugerichtet hat, und es war gut gemeint – aber den Andern werden sie wohl auch erwischt haben. Der kleine rothhaarige Schuft hatte doch recht, daß er uns hier herum zu Wasser schickte, und wie ich nur das Canoe sah wußt' ich daß wir ihn abfangen würden. Aber hallo, was ist das?«

»Indianer, bei Gott!« sagte der andere Matrose, nachdem sie eine kurze Weile einem neu beginnenden Lärm und Schreien gelauscht, dem gleich darauf das Knattern eines förmlichen Kleingewehrfeuers folgte.

Jim horchte hoch auf – da war Hülfe möglich – wenn ihn die Insulaner hier entdeckten hätten sie ihn jedenfalls befreit, und er stieß jetzt plötzlich mit lauter gellender Stimme den oft gehörten Schlachtschrei derselben aus!

»Brav gemacht mein Junge« lachte aber der Bootsmann, mit dem Kopfe nickend – »recht brav für Dein Alter, schade nur, daß Du deine Lunge so ganz umsonst anstrengst« – und dann seine Pfeife an die Lippen bringend, that er einen kurzen scharfen Pfiff, dem gleich darauf durch die regelmäßigen Ruderschläge eines heranschäumenden Bootes geantwortet wurde.

»Hier den Burschen in's Boot und vier mit ihm zurück, so rasch Ihr könnt nach Papetee – Ihr Anderen mit Eueren Waffen her zu mir.«

Dem Befehl ward augenblicklich Folge geleistet, der sich aus allen Kräften sträubende Verbrecher in's Boot geworfen, und wie der größte Theil der Mannschaft an Land gesprungen war, glitt das scharfgebaute Fahrzeug geräuschlos wieder zurück in die Fluth und verschwand gleich darauf unter dem dichten Schatten der überhängenden Uferbäume; die Matrosen aber folgten still und schweigend dem ihnen rasch voranschreitenden Bootsmann dem Schauplatz des Kampfes zu, der jetzt wieder heißer zu entbrennen schien.

Ueber den Platz aber, als ihn Alle verlassen, glitt die dunkle Gestalt des Insulaners, des schlauen Raiteo, der in seinem Versteck ein stiller Zeuge des Ganzen gewesen. Das Boot mit seinem Gefangenen, übrigens wie der forteilende Trupp der Seeleute, schien ihn wenig zu interessiren – er horchte nur aufmerksam einen Augenblick nach beiden Seiten hin, ob auch wirklich Alle den Platz verlassen und keiner von ihnen zurückkehrte, ihn zu stören, und als er sich davon überzeugt, schlich er sich geräuschlos zu der Stelle hin wo das Canoe angehangen lag, und Jim O'Flannagan von den vorspringenden Seeleuten überrascht war. Die schon stark eingebrochene Dämmerung ließ ihn gerade noch erkennen was er suchte, den dort eingeworfenen Sack mit Geld, und während sich ein höchst selbstzufriednes vergnügtes Lächeln über seine Züge stahl, verschwand er mit seinem so ohne alle Anstrengung erbeuteten Schatz in der Dickung.


Jack hatte indessen seinen Auftrag rasch und vollständig ausgeführt, als er aber die Hütte wieder verließ sah er todtenbleich aus und sein stierer Blick starrte wild und mistrauisch umher.

»Jim!« rief er, als er mit flüchtigen Sätzen den Pfad hinabspringend den Kameraden nicht auf der alten Stelle fand. »Jim – wo zum Teufel steckst Du – ist das auch der rechte Weg?« rief er dann sich bestürzt und unsicher umschauend – »hier der Baum lag doch vorher hier nicht – na das fehlte mir jetzt« und mit ausbrechender Angst floh er die wenigen Schritte zum Haus zurück, dort zu sehn ob noch irgend ein anderer Pfad nach dem Wasser hin auszweige.

»Hier ist er – halt ihn – steh Schurke!« rief es in dem Moment von drei vier Seiten – Jack, mit einem Angstschrei zusammenfahrend, griff sein Gewehr auf, aber der Finger berührte zu früh den Drücker und der Schuß ging in die Luft, während sich von drei oder vier Seiten die Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und seine Hände banden.

»So mein Bursch'« sagte Bertrand, der an ihn hinangetreten war und ihn erkannt hatte – »haben wir Dich wieder? – wo ist Dein Kamerad?«

»Schenkt mir das Leben ich will Euch Alles gestehn!« schrie der Unglückliche in Verzweiflung in die Knie brechend.

»Untersucht das Haus erst ob Ihr nicht den Andern darin findet – der größte Hallunke fehlt noch immer« rief aber der Lieutenant ohne auf das Gewimmer des Mannes zu achten. »Tod und Teufel wenn er uns wieder entgangen sein sollte. Ha, was ist das da?«

Er hatte Ursache zu fragen, denn vier oder fünf Schüsse fielen in diesem Augenblick aus dem Dickicht, und wilde Zurufe antworteten sich herüber und hinüber.

»Die Insulaner!« rief René, das Gewehr aufgreifend, daß der Gefangene hatte fallen lassen – »alle Wetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der Burschen über uns bekommen, können wir uns gratuliren.«

»Bleib Du bei den Gefangenen René« – rief ihm der Freund zu – »wir haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben, wenn er drinnen steckt. Du magst zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen die Insulaner zurück und ziehen uns dann von hier nach dem nicht so fernen breiten Weg hinunter; sobald es dunkel wird können sie auch nichts machen.«

Der Officier rief seine Leute zusammen und rückte rasch zum Entsatz nach der Hütte hinauf, während René mit den beiden Seeleuten als Wache zurückblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefühl, einen wieder eingefangenen Matrosen zu bewachen – sein eignes Bild stieg ihm vor der Seele auf, und er hätte Gott weiß was darum gegeben, den Mann befreien zu dürfen.

»Was hast Du verbrochen, mein Bursche?« frug er, zu ihm hinantretend, »daß Du das Weite suchen mußtest?«

»Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gotteswelt, als Schiffs müde« – stöhnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen – »und ein armer Rücken wird's jetzt sein, der für die Beine bezahlen muß – oh armer Jack, armer Jack.«

René hatte sich die Patrontasche umgehangen, die man dem Gefangenen abgenommen und fing an sein Gewehr zu laden – er hatte dem Gebundenen den Rücken zugedreht, und hörte wie die Leute heimlich mit ihm flüsterten.

»Wenn sie klug sind« dachte er bei sich selber, »werden sie wissen was sie zu thun haben – ich sollte nicht an ihrer Stelle sein.«

Die regelmäßigen raschen Schritte von Europäern kamen vom Wasser herauf – es war der Bootsmann mit seinen Leuten der das Schießen gehört. Kaum hatten diese aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrscheinlich geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzosen den Rückzug abzuschneiden. Diese wurden aber warm von der Bootsmannschaft empfangen, und noch im Kampf sah René wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete.

»Lauf« dachte er bei sich selber, »wenn Du weiter nichts verbrochen hast« und nicht unmittelbarer Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er sich plötzlich gefaßt und zu Boden geworfen fühlte und gleich darauf gellte ein wilder Jubelruf an sein Ohr. Rings um ihn her brachen und rauschten die Büsche – Schüsse fielen und wilde halbnackte Gestalten sprangen über und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten sie sich gegen die Uebermacht – von dem Haus zurück stürmte jetzt Bertrand mit den Seinen, dem Kampfplatz zu, und René hörte wie die Insulaner sich ebenfalls zur Vertheidigung sammelten. Er wollte um Hülfe rufen, aber seine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lärm übertäubt – er wollte sich aufrichten, aber vier kräftige Arme umschlangen ihn, und während er die Kugeln der Freunde konnte um sich her einschlagen hören, trugen ihn die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europäer jetzt gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter entfernte sich der Lärm der Kämpfenden, denn die Insulaner folgten den sich jetzt nach Papetee zurück ziehenden Franzosen auf dem Fuß, sie wenigstens noch so viel als möglich zu belästigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erst dann ließen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er wurde jetzt mit ziemlich barscher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu folgen.