René befand sich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht in völliger Dunkelheit zu marschiren, wo man am hellen Tage seine Bahn kaum finden konnte. Die Guiaven wurden hier auch wirklich so dicht, daß die Insulaner selber nicht mehr darin fortkamen, wenigstens ihren Gefangenen nicht weiter bringen konnten, und deshalb beschlossen, da, wo sie sich gerade befanden zu lagern; erst am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ihr Lager in den Bergen zu erreichen. Sie schienen auch keineswegs zu befürchten hier von Feinden überrascht zu werden, denn sie rieben sich Feuer an, räumten bei dessen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo sie sich ordentlich ausstrecken konnten, und während Einzelne zum Fouragiren abgeschickt waren, und etwas später mit allen möglichen Früchten und sogar einem Ferkel zurückkamen das sie, Gott weiß wie, im Dickicht überrascht hatten, wurden Steine glühend gemacht und Einer ihrer gewöhnlichen Bratofen gegraben, um den sie sich bald, rings von kleinen Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, sammelten, und nun an zu lachen und zu erzählen fingen, als ob sie sich mitten im Frieden und nicht auf einem Streifzug befänden, der ihnen jeden Augenblick wieder Speer oder Musketen die Hand drücken konnte.
René hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigstens einen oder den anderen Bekannten finden, es schienen aber lauter Eingeborene von der anderen Seite der Insel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo schon einzelne Canoes mit Kriegern heimlicher Weise gelandet waren, den Brüdern auf Tahiti im Kampf gegen ihre Feinde beizustehn, was auf keiner Insel so wirksam ausgeführt werden konnte, wie gerade hier.
Mit lauter fremden Gesichtern um sich her, machte er dann auch gar keinen Versuch die Leute zu überzeugen, wie er gerade mit der ganzen Sache am wenigsten zu thun gehabt, suchte sich einen warmen Platz an einem der Feuer, wo er sich unter den Rauch legen konnte, und bat dann Einen der Eingeborenen ihm die Hände los zu binden da er schlafen wolle, und das auf diese Weise nicht möglich machen könne.
Der Insulaner sah ihn erst erstaunt an; er hatte wahrscheinlich gar nicht geahnt, daß der Wi Wi so fertig ihre Sprache spräche, willfahrte ihm dann aber, da keine Gefahr war daß er sich ihnen durch die Flucht entziehen könne, und nachdem René noch gesehen, wie Wachen in verschiedenen Richtungen ausgestellt wurden, einem wenn auch nicht wahrscheinlichen, doch möglichen Ueberfall zu begegnen, schob er sich einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf sich auf die rechte Seite und war bald, unbekümmert um das Lachen und Lärmen um ihn her und die Gefahr in der er sich vielleicht selber befand, sanft und süß eingeschlafen.
Am nächsten Morgen weckte ihn in der That erst der Morgenschuß der Fregatte, der voll und dröhnend zu ihnen herüberbrach, und sein schmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dämmerung existirt in diesen Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktisch erst mit der Sonne, und Phöbus überrascht die Nacht, wenn er mit seinem leuchtenden Gespann dem Meer entsteigt.
Die Insulaner hatten sich indeß schon zum Aufbruch gerüstet, man gab ihm ein Stück kalte geröstete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der kleine Trupp setzte sich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend, wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager sich befand, und wo sie einen schmalen Fußpfad trafen, dem sie mit geringerer Anstrengung folgen konnten. Seine Hände hatte man ihm übrigens nicht wieder gebunden – er hätte auch den flüchtigen Söhnen dieser Wälder im Leben nicht hier entspringen können.
Nach stündigem Marsch etwa, bei dem sie sich übrigens langsam fortbewegten, erreichten sie die ersten ausgestellten Vorposten der Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die sich eifrig nach den Vorgängen des verflossenen Abends, von denen sie schon gehört zu haben schienen, erkundigten. Sie hielten sich aber nicht bei ihnen auf, sondern stiegen jetzt mit schnelleren Schritten das schmale Thal hinan, hie und da von einzelnen, rings an den steilen Wänden und hinter Felsstücken wohl verdeckten Posten angerufen, die auch durch Zeichen und einen eigenthümlich ausgestoßenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten.
Endlich öffnete sich das Thal etwas, die Bergwand lief hier weniger steil zum Wasser nieder und bildete eine Art Kessel, in dem René einfach aufgeworfene Schanzen zu finden erwartete, sich aber hier zu seinem Erstaunen plötzlich in einer förmlichen kleinen Colonie sah, in der Hütten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht sehr hohe, aber sicherlich sehr feste und schwer zu überwindende Barrieren errichtet waren. Kanonen hatten sie hier nicht zu fürchten, für die zuerst eine vollständige Straße hätte ausgehauen werden müssen, und einem Angriff von kleinem Gewehrfeuer, gegen das sie auch noch überdies ein im Inneren aufgeworfener niederer Erddamm schützte, konnten sie hoffen mit Erfolg zu begegnen.
Was aber René vor allem Anderen überraschte war die vollkommene Ruhe die in dem kleinen Lager herrschte – man hörte weder Singen noch Schreien, sah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da standen einzelne kleine Trupps zusammen, sich leise mit einander unterhaltend. Das Rauschen der mächtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feierliche Stille.
Es war Sabbath – der Sabbath der Eingeborenen wenigstens, und selber der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden, hätte nicht René Viele der hier Versammelten gekannt und auf sie zugehend sie begrüßt. Die aber, die ihm sonst freundlich die Hand geschüttelt und ihm das herzliche Joranna entgegengerufen, wandten sich theils ab, ihn nicht zu sehen, theils nickten sie einfach mit dem Kopf und drückten sich dann langsam aus seiner Nähe, nicht weiter mit ihm in Berührung zu kommen. Es war augenscheinlich daß sie ihn vermeiden wollten, und René fühlte das kaum, als ihm das Blut auch schon in Zorn und Unmuth in die Schläfe stieg und er sich finster, die Arme auf der Brust verschränkt, an einen mächtigen Mapebaum lehnte, das Resultat seiner Gefangennahme ruhig abzuwarten.
Er hatte noch nicht lange so gestanden, als eine kleine Glocke läutete und die Insulaner, die wie René zu seinem Erstaunen jetzt sah, gar keine Waffen zu haben schienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen, wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerstand aufgerichtet und ein schlanker danebenstehender schwacher Baum abgekappt und mit einem Bret darauf befestigt war, gewissermaßen zur Kanzel zu dienen.
»Auch eine Predigt?« murmelte René erstaunt vor sich hin – »Wetter nocheinmal, die Burschen haben sich hier so häuslich eingerichtet, als ob sie gar nicht wieder zum Wasser hinunter zu ziehn gedächten, und kein Gewehr zu sehn, kein Degen, kein Speer, womit, zum Henker, wollen sie sich denn vertheidigen, wenn sie hier angegriffen werden? – Ha, Mr. Rowe« unterbrach er sich aber wirklich überrascht, als der finstere Mann aus einer kleinen, gar nicht so weit von ihm entfernten Hütte trat, und fast dicht an ihm vorüber, ohne den Blick aber nur ein einziges Mal zu ihm aufzuheben, der wunderlichen Kanzel zuschritt.
Die Insulaner hatten sich indessen Alle um ihn versammelt, nur vier ausgenommen, die dem jungen Franzosen augenscheinlich als Wache beigegeben waren. Es dauerte auch nur wenige Minuten länger, so begann der religiöse Gesang, irgend eine von den Missionairen in's Tahitische übersetzte Hymne nach der Melodie eines alten Englischen Volksliedes, deren sie sich wunderbarer Weise am meisten bedienten[5] und Vers nach Vers zog sich monoton und bleiern durch eine volle Stunde tödtend hin.
»Das wird langweilig, meine Burschen« sagte René endlich, der jetzt wohl einsah daß ihm nichts anderes übrig blieb, als den Gottesdienst ruhig und geduldig auszuhalten, und der sich indessen die Zeit durch ein Gespräch mit seinen Wächtern zu kürzen hoffte, »treibt Ihr's hier alle Tage so, oder blos am Sabbath?«
»Bst!« sagte aber der älteste der Eingeborenen mit einem verdrießlichen Kopfschütteln – »bst – nicht sprechen, Ferani; heute ist Sabbath, heute darf Nichts gethan werden wie beten. Du mußt still sein.«
»Das hat mir noch gefehlt« brummte René mit einem tief aufgeholten Seufzer – »Hunger und Beten – heut' werd ich ein richtiger Büßer und kann einen Theil meiner Sünden los werden.« Wohl wissend aber daß mit den Wilden in dieser Hinsicht nichts anzufangen war, und auch nicht gesonnen sich hier oben, nun doch einmal in ihrer Gewalt, vielleicht noch mehr Feinde zu machen, wenn er ihre Andacht auf eine oder die andere Art störte, warf er sich unter den Baum, drehte der frommen Versammlung den Rücken zu, und versuchte zu schlafen.
»Könnte Dir auch nichts schaden wenn Du ein Bischen zuhörtest und was lerntest« sagte der Eine wieder leise zu ihm – »Miti Aue ist ein tüchtiger Mann und weiß Alles ganz genau was einmal geschehen wird.«
»Ich wollte er könnte mir dann sagen wo ich morgen um diese Zeit bin« lachte René.
»Bst« sagte der Eingeborene wieder rasch und erschreckt – »nicht so laut – wenn Du auch kein Christ bist, kannst Du doch Frieden halten.«
René biß sich auf die Lippen, aber er erwiederte Nichts weiter und lehnte sich zurück zum Schlafen. Der Gesang hatte jetzt aufgehört und die Predigt begonnen, und der junge Mann hörte in einer Art Halbtraum die scharfe gellende Stimme des ehrwürdigen Mr. Rowe, die in klappernder monotoner Weise, die einzelnen Sätze schroff von einander gerissen, diesen Kindern des Südens die starren Dogmen der christlichen Religion erklärte, und sie vor dem Antichrist warnte, der mit scharfen Krallen vor ihrer Thüre läge und sie drohe zu verschlingen, wie sie die Schwelle überträten.
»Christen nannten sie sich, jene Menschen, die das Volk verführten, ihre Religion und ihren Sabbath mit Füßen traten, ihre Regierung stürzten, ihre Männer erschlugen, ihre Frauen entehrten, und von den sicheren Schiffen aus die tödtlichen Kugeln in friedliche Wohnungen und Hütten schleuderten. Christen nannten sie sich, aber sie verleugneten den Herrn, sie verleugneten sein Wort und ihre Priester; anstatt im Sack und in der Asche Buße zu thun, gingen in Gold und Silber blitzenden Gewändern einher, ein Greuel dem Herrn und jedem frommen Christen. Aber Gottes Donner schlief nicht, seiner Rache Blitz lag gerichtet schon in der gehobenen Hand, und seine unendliche Langmuth nur verzögerte noch den Wurf, der Verderben niederschleudern sollte und mußte auf die Verräther und Feinde dieses Insellands. Wehe den Strafbaren, wehe den Meineidigen – wehe den Mördern – wehe den Gotteslästern und Bibelschändern – wehe allen die sich schuldig wußten in der letzten Stunde des Gerichts, denn des Herren Rache würde sie treffen in das siebente und zehnte Glied, und ihren Saamen vertilgen von der Erde!«
Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes Lippen, seine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; sie machte das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand suchte unwillkürlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen zu lassen zu Haß und Blut.
René konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er sprang auf von seinem Lager und ging mit raschen Schritten und fest über die Brust geschränkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von seinen Wächtern mistrauisch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienst dieses Volkes als Katholik zu stören, und dem Missionair noch mehr Ursache zu geben wider ihn und seine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche Predigt hinein zu springen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug seiner Rede in's Gesicht zu schleudern.
Die Predigt hatte sich endlich mühsam und krampfhaft dem Schluß zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten sich, der Sitte der Methodisten nach, ab von dem Geistlichen, ihr Gebet zu verrichten, und ein stiller heiliger Friede schien, mit dem Verhallen der rauhen feindlichen Worte, über den Betenden zu ruhen.
Ein Schuß!
Wie durch Zauberei änderte sich das Bild – die Schaar der Frommen, auf die Knie niedergeworfen in brünstigem Gebet – keine Waffe zu sehn, die den feindlichen Charakter dieses Lagers in der Wildniß hätte verrathen können, kein Laut zu hören wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott erhobenen Stimmen. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung abgefeuerten Gewehrs, die Männer schnellten im Nu empor, und nach allen Seiten auseinander stiebend enthüllte jeder Stein fast, und jeder Busch, jede wie nachlässig hingeworfene Matte, jeder Streifen zusammengereihter Pandanusblätter, der zum Bedachen irgend einer neuen Hütte verwandt werden sollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Haufen Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaschen, Säbel, Messer und Beile, und die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren, schon vorher bestimmten Sammelplätzen, den Feind zurück zu weisen, der es wagen sollte, sie in dieser festen Stellung anzugreifen.
René war mit staunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle gewesen, mit der sich die Kirche hier vor seinen Augen, und wie nach der Berührung eines Zauberstabes, in ein trotziges Kriegslager verwandelte, und der ehrwürdige Mr. Rowe allein schien regungslos bei dieser plötzlichen Metamorphose seine Stelle behauptet zu haben. Nur mit erhobenen Händen und Augen stand er da, Vergebung niederflehend von dem Herrn der Heerschaaren für das Häufchen der Gläubigen, die durch den rücksichtslosen Feind gezwungen wurden doppelte Sünde zu begehen, den Sabbath zu brechen und vielleicht noch gar Bruderblut zu vergießen, und die Frauen und Mädchen schaarten sich in ängstlicher Erwartung um ihn her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefürchtete Pfeifen der Kugeln und das Prasseln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder Viele der ihrigen, vielleicht Väter, Brüder und Gatten niederschmettern sollte in ihr frühes, freudloses Grab.
Aber es kam nicht – Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten standen die Krieger in gespannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langsam den Pfad herauf kam und mit seinem Tuche winkte. Die Posten kannten ihn, René aber konnte einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, als er in dem Boten, denn als solcher wies er sich aus, seinen alten Freund oder Feind, wie die Sache gerade stand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte.
Raiteo hatte auch ihn jedenfalls gesehn und erkannt, denn ein eignes zweideutiges Lächeln zuckte um seine Lippen, aber er drehte weder den Kopf nach ihm um, noch kümmerte er sich im mindesten um ihn, sondern schritt gerade hindurch durch die ihm bereitwillig Platz machenden Krieger, direkt auf den Missionair zu, der sein Gebet jetzt ebenfalls beendet zu haben schien und ihn mit fragenden finsteren Blicken erwartete.
»Wer hat geschossen? – wer hat den Frieden unsers Sabbaths gestört?« – frug der Geistliche streng, als ihm der Indianer gegenüber stand, und eine derartige Anrede erst wirklich erwartet zu haben schien – »sind unsere Gesetze, die Gesetze Gottes nicht streng genug solchen Frevel zu verhüten oder, wenn geschehen, zu bestrafen? – wo kommst Du her jetzt, Bruder Raiteo und was bringst Du? – antworte wenn ich Dich frage, denn meine Zeit ist kostbar, und jede Minute wird dem Heiligsten, Höchsten dieser sündhaften Erde abgezogen und ist unwiederbringlich verloren.«
»Wer geschossen hat weiß ich nicht,« entgegnete Raiteo vollkommen ruhig, und wenig bekümmert wie es schien um die harten Worte seines Vorgesetzten – »es wird wahrscheinlich einer von den Schildwachen gewesen sein, die das Signal gaben, als sie die Franzosen den Berg herauf kommen sahen.«
»Die Wi Wis?« riefen die ihm nächst stehenden Indianer rasch – »wo sind sie – wie viel – haben sie Kanonen mit.«
»Sie bringen eine Botschaft von Papetee« fuhr Raiteo aber, gegen den Geistlichen gewandt, fort.
»Was wollen sie von uns?« frug dieser finster – »heute ist kein Tag mit ihnen zu verhandeln – der Sabbath ist heilig und darf nicht ihretwegen gebrochen werden.«
»Wenn Du eine Botschaft von den Feranis bringst, Bursche, so hast Du Dich damit an mich zu wenden und an Niemand anders!« unterbrach in diesem Augenblick eine ernste tiefe Stimme das Gespräch der beiden, und der alte wackere Häuptling Utami, einen Tapamantel um seine Schulter geschlagen, der nur den rechten mit einem langen Europäischen Pallasch bewehrten Arm frei und nackt ließ, trat aus einer Gruppe von Eingeborenen vor und dem Boten gegenüber.
»Bruder Utami« sagte Mr. Rowe mit etwas scharfer zurechtweisender Stimme, »ich verkündete in diesem Augenblick das Wort des Herrn an heiliger Stätte, und es war richtig, glaub ich, meiner schwachen Meinung nach, daß sich der Bote, noch dazu ein junger Diener des Höchsten durch unsern schwachen Beistand, an mich wandte, die Entweihung des Sabbaths zu entschuldigen.«
»Bringst Du Botschaft über irgend etwas das mit Gottes Wort in Verbindung steht?« frug der Häuptling finster, ohne auf den Einwurf weiter zu achten.
»Botschaft von den Feranis unten, Utami.«
»Dann hast Du das Wort auch an mich zu richten, als den Häuptling und an niemand Anders« lautete die barsche Antwort, die das Blut in die Wangen des Priesters jagte, aber er wagte doch nicht dem ernsten Mann entgegen zu treten, und die Finger falteten sich wieder wie unwillkürlich in einander und die Augen suchten den Himmel – es war ein Blick der Versöhnung, der aber an Utami leider total verloren ging.
»Wer feuerte den Schuß?« frug jetzt der Häuptling wieder und sah den Insulaner forschend an.
»Einer der Posten glaub ich, als sie die Wi Wis den Berg heraufkommen sahen, und wahrscheinlich glaubten es kämen mehr hinterdrein.«
»Wie viele sind es ihrer?«
»Drei blos, als Abgeschickte.«
»Und was wollen sie von uns?«
»Daß Du den gestern gefangengenommenen Wi-Wi frei gebest und mit ihnen zurückgehen lassest in's Lager. Er gehörte nicht mit zu den Soldaten und wäre ganz aus Versehn gestern gefangen genommen.«
»Und ist das ein Grund unsere Sabbathfeier zu unterbrechen?« rief aber jetzt Bruder Rowe die Hände in Staunen und Entrüstung zum Himmel gehoben – »sollen wir, eines gefangenen Katholiken wegen, der gastlich an dieser Küste aufgenommen, sein Weib von sich gestoßen und die Hand gegen die Kinder dieses Bodens, ein zweiter Kain, aufgehoben hat, den Gottesdienst so vieler frommer Christen unterbrechen, denen vielleicht nur der heutige Tag noch gegeben ist ihre Sünden zu bereuen und zu Gott umzukehren, während sie vielleicht morgen schon vor ihrem Richter stehen?«
»Singe Du weiter, Mi-to-na-re« sagte der Häuptling ernst – »wir Führer dieser Schaar wollen berathen was zu thun – Raiteo, Du magst hier meiner Antwort harren« – und mit langsamen Schritten, den ihm nächsten Häuptlingen winkend ihm zu folgen, schritt er der am entferntesten Theil des Lagers errichteten Berathungshütte zu, wo er sich, bald von den andern umgeben, auf einer der dort überall ausgebreiteten Matten niederließ.
Die Hauptführer der Eingeborenen waren aber leider nicht Alle hier versammelt; Tati, der mächtigste derselben fehlte, mit ihm Paofai und Paraita – die letzteren beiden lebten sogar in Papetee, unter französischem Einfluß und wie es hieß, von ihm gewonnen, während sich Tati, den Missionairen und ihrer Parthei wie den Feranis in ihrem Uebermuth zürnend, nach Papara zurückgezogen hatte. Nur Utami – von denen die den Vertrag unterschrieben der Einzige, der edel und kühn genug war den begangenen Fehler einzusehn und dem Volk mit dem Schwert in der Faust bewies, daß er nie daran gedacht es zu verrathen und sich geirrt als er nach dem Feind des Vaterlands die Hand um Hülfe ausstreckte – hatte sich mit den Seinen in die Berge zurückgezogen, fest entschlossen ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu wahren, so lange ihnen Gott die Kräfte dazu lassen würde.
Außerdem waren hier oben versammelt Aonui, der rechte Arm der Missionaire, und Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri, die von den Franzosen als Rebellen erklärten Führer der Eingeborenen, mit vielen Anderen vom südlichen Theil der Insel, und dem östlichen, und auch Fanue wurde mit seinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er herüberkommen und sich dem Hauptstamme anschließen sollte, wenn es Noth that einen gemeinschaftlichen, und Hauptschlag gegen die in Papetee jetzt ziemlich zusammengedrängten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg dadurch vielleicht ein Ende zu machen.
Die Berathung der Häuptlinge dauerte nicht lange, schien aber gegen Utamis Willen entschieden zu haben – der alte Häuptling sprach finster und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und seine Stimme drang manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Versammlung herüber. Diese wurde indeß durch den Geistlichen in ununterbrochenem aber schwerlich andächtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen nicht mehr passen wollten, und das sie stören mußten, hätte nicht das eigene Interesse an den Verhandlungen schon ohnehin ihren Geist dort hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt.
Utami blieb, als die Uebrigen aufstanden, in düsterem Brüten auf seiner Matte zurück, während Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in den Zügen, einem Theil der Uebrigen voran, von denen sich die meisten gleich wieder unter die Betenden mischten, zu Bruder Rowe halb, halb zu Raiteo gewandt sagte:
»Wir wollen fortfahren unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue – Raiteo, Du magst den Feranis melden daß sie uns morgen früh mit Sonnenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Untersuchung des Gefangenen finden sollen. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag und nichts Irdisches, vielweniger die Privatverhältnisse eines Papisten, sollen uns abhalten von unserer Pflicht, die wir zuerst dem Höchsten, dann erst unseren eigenen Zuständen schulden.«
»Und die Feranis sollen wieder nach Papetee zurückgehn?« frug Raiteo, halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten.
»Ich habe es gesagt« erwiederte Bruder Aonui.
»Und der Wi Wi soll hier oben bleiben?« setzte Raiteo mit demselben Blick hinzu.
»Störe uns nicht weiter durch Deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo« sagte der Geistliche da mit freundlicher doch zurechtweisender Stimme, »Du hast Deine Antwort, melde sie den Feranis, obgleich ich nicht recht weiß wie Du dazu kommst ihr Bote zu sein.«
»Ich war gestern –«
»Ruhig – ich will heute keine Erzählung irdischer Dinge mit anhören, wir haben genug unserer kostbaren Zeit auf leichtsinnige Weise vergeudet – weshalb gehst Du nicht?«
»Ich?« sagte Raiteo – und es war fast unmöglich bei den Worten einen bestimmten Ausdruck für seine Züge zu finden, in denen es zuckte und zog als er sich dazu zwang ernst und ehrbar auszusehn – »ich? – was hab ich weiter mit den Wi Wis zu thun – ich habe sie den Berg heraufgebracht weil ich mußte – unten, wo sie nicht weiter dürfen, stehn sie – Jemand Anders kann sie hinunter bringen.«
»Möge sie Gott erleuchten« sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick nach oben, und in die schrillen Töne eines Psalms einbiegend, dem der Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede Verhandlung über den Gegenstand vollkommen abgeschnitten und aus dem Bereich weiterer Besprechung gebracht. Raiteo aber kauerte sich, gleich wo er stand, auf den Boden nieder und erhob seine Stimme vor dem Herrn, lauter und andächtiger, wenn man seinem äußeren Menschen glauben wollte, als irgend eines der übrigen Mitglieder der Gemeinde.
Teraitane allein, der keineswegs beabsichtigte die Feranis auf solche Weise zu behandeln, und nur noch mehr und unnützer Weise zu reizen, verließ das Lager und stieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung selber zu bringen, daß die Häuptlinge beschlossen hätten heute, als an einem Sabbath, sich in keine weltlichen Dinge zu mischen, und das Verhör und die Untersuchung des Gefangenen auf morgen früh verschieben wollten.
Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den Gefangenen zurückzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.
»Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt« sagte er finster, »oder wenn Ihr glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen. Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu schicken.«
»Du stehst mir für sein Leben!« rief da Bertrand rasch zuspringend, in der Absicht den Häuptling als Geisel für den Freund, unter dem Lager der Insulaner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden Läufe der Musketen fest und zürnend auf ihn gerichtet. Bertrand riß unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der Häuptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:
»Ruhe heute am Sabbath! – ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun – weniger vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal in ihrer Sabbathfeier zu stören. Gehe zurück – Du siehst, Du bist nicht im Stande Deinen bösen Vorsatz auszuführen, gehe zurück und schicke morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen beschließen werden.«
Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch aufmerksam und mistrauisch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde, schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während sich Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut einsehend daß er durch weiteres Vordringen René und sich nur schaden aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder, wandte.
René hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte. Daß ihn übrigens der Bursche keines Blickes würdigte, als er an ihm vorüber ging, beruhigte ihn wenigstens über dessen Gesinnung gegen sich selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der Gefangene gleichgültig gewesen wäre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm gewechselt hätte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wäre, vor den Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber hätte, meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung gegenseitigen Verständnisses führen und sie mistrauisch machen können, während er dagegen, durch ein völliges Ignoriren des Fremden, Raum zu keinem derartigen Verdacht geben konnte.
Daß der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? – was konnten sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen er sonst auf einem ganz friedlichen Fuß gestanden? Alle die Fragen gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig lange gleichgültige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott in seinem Unmuth und machte ihn die Zähne fest auf einander beißen, bittere Zornesworte zurück zu halten.
Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestörten Fortgang; dem Singen folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen wurde, schieden sich die Zuhörer in ihre verschiedenen Gruppen oder Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte, ihre Mahlzeit zu halten, und sich für neue Bet-Uebungen auf den Nachmittag vorzubereiten.
Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm – sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und saß nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitästigen stehengelassenen Orangenbusches, und ließ den Blick oft lange und ernst auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wächter daß er das nicht dürfe – er sei hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerstand gegen die Uebermacht geholfen – der konnte seine Lage nur verschlimmern.
Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häuptling Utami zu sprechen, den er gesehen hatte und mit dem er früher schon manches freundliche Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wächtern sagte, Wichtiges mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: »es sei Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntäglichen Feier befassen – er müsse bis morgen warten.«
»Bis morgen warten – Tod und Teufel!« die Ungeduld hätte ihn verzehren mögen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen, die Bet- und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm, war, daß ihm etwas kalte geröstete Brodfrucht und eine Cocosnuß gebracht wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie Stunden an seiner Seele vorüber. So wurde es Nacht – das südliche Kreuz über ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um seine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der inneren Aufregung vielleicht, schüttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.
Endlich brach der Morgen an – im Osten zeigte sich ein heller Schein der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der Uranie, der selbst bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entstiegene Sonne.
Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thätig gewesen; ihre Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.
»Utami will Dich haben« kündete da endlich ein junger Bursch dem Gefangenen den Willen des Häuptlings – »komm mit mir!« und voranschreitend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Insulaner hin, deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf ihn, und René, ärgerlich über den Hochmuth der »rothhäutigen Schufte« wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschränkten Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin – hie und da einen auf ihn gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend. Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben daß sie ihn einschüchtern konnten.
Der alte Häuptling saß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die übrigen Häupter und Aeltesten des Lagers, während sich die Eingeborenen, obgleich in Gehörweite, doch in anständiger und ehrerbietiger Ferne von den Richtern hielten, die über den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen sollten.
René schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch über den Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der sich die Frauen und Mädchen in dicht gedrängter Masse neugierig hielten, mit einem flüchtigen Blick überfliegend sagte er lächelnd:
»Nun, was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht sitzt wie über einen Missethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden liegen lassen? – Ist das Euere gerühmte Gastlichkeit? – Ich wäre heute selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch seine Vorschläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Busch in die Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?«
Ein leises Murmeln des Erstaunens über die kecke Rede lief durch die Versammlung, und die meisten der Häuptlinge, besonders Aonui, Potowai und andere schüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüsterten mit einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Haß im Ton.
»Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher beschieden – sei aufrichtig, es ist das Beste für Dich.«
»Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten« entgegnete René kurz.
»Was brachte Euch Feranis vorgestern Abend aus der widerrechtlich in Besitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unsere Männer an und erschluget zwei und führtet Andere gefangen fort?«
»Zuerst« erwiederte René, »gehörte ich gar nicht mit zu der Patrouille, der ich mich nur anschloß halb müßiger Zeit wegen, halb der Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, dessen Nähe dem Gouverneur gemeldet worden, und den er zu fangen und unschädlich zu machen wünschte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Insulaner überfielen sie zuerst, die Gefangenen wieder zu befreien.«
»So hatten unsere Kundschafter doch recht und O'Fa-na-ga ist gefangen« sagte der Häuptling, »aber was hatte er gethan?«
»Gemordet und geraubt in früherer Zeit« entgegnete René; »er ist ein böser Mensch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.«
»Ihr bringt da Anschuldigungen von denen wir nichts wissen« sagte aber Utami – »oft hätten wir können Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber wir haben es nicht gethan, wir führten keinen Krieg mit Einzelnen und wir erwarteten dasselbe von Euch. O'Fanaga kämpfte in unseren Reihen und stand unter unserem Schutz.«
»Dann hätte er darunter bleiben sollen« lachte René, »jetzt wird ihm schwerlich viel Zeit mehr gegeben werden den zu beanspruchen.«
»Dann schlimm für Dich!« rief Aonui hier, zornig den Arm gegen ihn ausstreckend – »dasselbe Schicksal des O'Fa-na-ga unten von Deinen Landsleuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.«
»Möcht' ich mir nicht wünschen« lachte René, noch immer fest entschlossen den Insulanern gegenüber auch keinen Schein von Furcht zu zeigen – »haben sie ihn gefangen, so erwartet ihn der Strick – wenn er nicht schon hängt.«
»Dann hängst auch Du!« schrie Potowai, den Arm wild gegen ihn ausstreckend – »O'Fa-na-ga war mein Freund.«
»Schlechte Empfehlung für Dich« sagte der unerschütterliche Franzose.
»Ruhe – Frieden!« gebot aber Utami – »und Du Ferani thust nicht wohl daran die Männer noch zu reizen, die über Dich zu Gericht sitzen sollen.«
»Dazu habt Ihr kein Recht!« rief aber, sich hoch emporrichtend der junge Mann – »und wehe Euch wenn Ihr es wagen solltet Hand an mich zu legen.«
»Kein Recht? – und wer sonst?« sagte Utami ruhig zu ihm aufschauend – »wer anders als wir, ist der rechtmäßige Eigenthümer dieses Bodens, seit Pomare feige den Schutz bei dem Fremden suchte? Glaubst Du daß Ihr das Recht erworben habt auf dieser Insel zu herrschen, weil die Kanonen Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer stehenden Fischerhütten schleudern können? Deine Landsleute haben den Krieg in dieses stille harmlose Land gebracht, den Namen Gottes haben sie zur Decke gebraucht, unter der sie ihre bösen Absichten und Pläne verbargen; ihre Landsleute, dieselben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben sie vor wollten sie schützen, weil sie noch ein Stück von einem Gewissen hatten, und sich schämten mit ihren eigennützigen, verbrecherischen Absichten so frei zu Tag zu kommen, und hätten wir ihnen den Schutz eingeräumt, so breiteten sie ihre Macht aus über das Land, und schon während sie ihrer Aussage nach für ihren Gott arbeiteten, füllten sie sich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme über das Eigenthum eines andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Priestern die Erlaubniß gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit den unsrigen zu haben, aber nur den Schutz zurückweisen den sie uns angedeihen lassen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes bedeuten muß als in der unseren, denn in der unseren heißt das, was Ihr darunter zu verstehen scheint, Diebstahl, nun kommt Ihr mit Eueren wahren Absichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine Maske vor Euerem wahren Gesicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da sie Euch nicht mehr verbirgt – stützt Euch auf Verträge, die Ihr anders auslegtet und benutztet als sie gemeint waren, sendet Euere Spione und Priester in unser Land unser Volk zu verderben und abtrünnig zu machen, und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unsere Heimath, zerstört unsere Häuser, verwüstet unsere Felder, zerschmettert mit Eueren Kanonenkugeln unsere Cocospalmen und Brodfruchtbäume, die Stämme die uns und unseren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in die Berge und Haine ein, unsere Männer zu erschlagen, unsere Weiber mit fortzuschleppen oder zu entehren.«
»Und was hab ich mit alle dem zu thun?« entgegnete René ausweichend einer allerdings nur zu wohl begründeten Anklage gegenüber – »gehörte ich zu den Eroberern? – gehöre ich jetzt dazu? kam ich nicht, ein Fremder, auf Euere Inseln und wurde heimisch darauf aus freiem Willen und mit der Zustimmung eines Euerer Häuptlinge? – nahm ich mir nicht ein Weib aus Euerem Stamme?«
»Und wo ist die jetzt?« unterbrach ihn ruhig Utami.
»Jetzt? – in unserer früheren Heimath hoffentlich, zu der sie mit Einem Euerer Priester hinüberging, mich zu erwarten.«
»Dich zu erwarten« – wiederholte leise und ernst mit dem Kopf nickend der Häuptling – »willst Du das ein Anrecht auf unsern Schutz machen, daß Du die Frau wieder von Dir schickst, die an Deiner Seite bleiben sollte, bis zu ihrem Tode? –«
René wollte heftig darauf antworten, aber er besann sich, biß die Unterlippe und sagte finster:
»Was meine Familienverhältnisse betrifft bin ich, denk' ich, nur mir selber die Rechenschaft schuldig.«
»Haß und Elend säet Ihr« sagte Utami ernst, fast traurig, »und verlangt Freundschaft, verlangt Liebe dafür.«
»Nicht ich, Utami« rief René aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch – »nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und hätte meine Stimme ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen Inselreichs zu stören. Aber zu spät kommt solch ein frommer Wunsch« setzte er ruhiger hinzu – »die Gier der Fremden, wie Euer eigener Unfriede – der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in Hand gegangen, dem Fremden das Recht, das scheinbare Recht wenigstens zu geben, auf das er jetzt sich stützt und das er mit dem Uebergewicht seiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert werden – nur die Möglichkeit ist noch da weitere Kämpfe zu vermeiden, die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend über Euere Familien bringen müssen, und das zu vermitteln wäre ich gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den Frieden zu bieten von seiner Hand.«
»Was braucht er Frieden zu bieten« rief Teraitane finster – »er soll unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind wir es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?«
»Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts« sagte René ruhig – »der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Besitz von den Inseln ergriffen, und nur jene lügnerischen Versprechungen, die Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch zu dem verzweifeltsten aller Entschlüsse treiben, Euch dem Mächtigeren zu widersetzen. So nehmt Vernunft an – bleibt thatsächlich im Besitz Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt dann nicht daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch geschützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.«
»Wir kämpfen nicht für unseren Glauben!« rief jetzt Utami zornig und die Hand geballt – »wir kämpfen für unser Land, für unsere Heimath. Der Glaube liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er sich das eigene Herz. Wir wollen für uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt Ihr sagen »wir wollen Euer Land – Euere Brodfruchtbäume, Euere Palmen, Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere Häuser, Euere Frauen – Euere Männer sollen für uns arbeiten und wir wollen ihre Herren sein.« Was Glauben – wenn Euer Gott die Macht besäße uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Priester zuerst gekommen wären uns ihren Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spät. Macht die wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen – ruft die wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen, todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Fürsten hingen, und dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen Unheils zu verhindern; jetzt nicht.«
»Die Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn sein Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert sind, die mit halfen unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.«
»Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig – »er hat Menschen ermordet und beraubt – wollt Ihr mich mit einem solchen gleich stellen?«
»Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet« rief Aonui heftig – »und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben – selbst unsere Bibel – das Heil unserer Seelen.«
»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte auch Teraitane – »jeden Gefangenen tauschen wir ein, Mann um Mann – für jeden Bruder den sie uns erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück – und ehe wir die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie uns.«
»Peste!« rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße stampfend – »was hab ich mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen Landsleuten nicht gutwillig Euer Land – ich könnte fast sagen das unsrige, überlassen wollt – und verdenken mag ich's Euch nicht, was kümmert das mich? Ich gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr, meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber, so finster er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im Verdacht hatten, mit Euch gegen sie mich verschworen zu haben, und mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwürdige Herr da ist mein Freund gerade nicht, aber er wird eine Thatsache für mich bestätigen müssen.«
Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Häuptlingen näher getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth, für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen Zurückweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet, ja gewissermaßen zum Zeugen für ihn angerufen, hatte er ein volles, und wahrscheinlich längst erwünschtes Recht zum Reden bekommen und sagte rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer:
»Der Ferani hätte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der günstiger für ihn sprechen könnte als ich.«
»Sie können nicht leugnen daß Sie bei unserem Abschied zugegen waren« rief René mit blitzenden Augen.
»Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt« – sagte der Geistliche ausweichend. »Ich weiß nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen Inseln sein Leben zu beschließen – Gott allein prüfet das Herz und die Nieren – aber ich weiß daß er sie nie hätte betreten sollen und daß die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Thränen bis jetzt geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammniß.«
»Sie wissen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!« rief René.
»Ich weiß Nichts« sagte Mr. Rowe finster mit dem Kopf schüttelnd, »als daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen – ich habe all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben, wie es einem Christen geziemt – ich begreife nur nicht wie ein Bürger des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp seiner »Landsleute« wenn er ein Bürger des Landes war, überfiel, zwei tödtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte – ich sage ich weiß das nicht« setzte er rasch hinzu, als er sah daß ihm René darauf entgegnen wollte, »kümmere mich auch nicht um die weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge und Richter des Landes.« Und langsam sich abwendend schritt er der kleinen, für ihn besonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren Thürmatte er verschwand.
René wollte in der That anfänglich, und in heftigen Worten darauf erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, sah er dem frommen Mann mit einem finstern verächtlichen Lächeln nach und schien jetzt kein Wort weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.
Die Häuptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit einander, waren aber noch zu keinem Beschluß gekommen, als ein Läufer von draußen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden Häuptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Französischer Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager beabsichtigten.
Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünschten, beschloß man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest entschlossen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauschen, von deren beabsichtigten Flucht sie natürlich Nichts wußten, und von denen sie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußersten entschlossen, nicht fürchteten.
René befand sich übrigens durch solchen Entschluß der Insulaner in einer höchst gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hülfe entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Küste auf eine Gelegenheit zu entkommen paßte, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestärkten Insulaner nicht doch am Ende hinreißen lassen ihre Drohung wahr zu machen? – von Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu fürchten, so viel wußte er recht gut, und er verdachte es dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch ergriffen hätte.
Flucht wäre das einzige Mittel gewesen und die war unausführbar, denn den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an verschiedenen Stellen besetzt, während andere Schleichwege durch den Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände aufgehalten, die es ihm Tage gekostet hätte zu umgehn, und wie leicht war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder eingeholt.
Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten Gesandten – von dem erwarteten Angriff wußte er noch Nichts – schlug deren Botschaft fehl dann – doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? – Ob sie ihn nur einschüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen, was lag daran? – sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden, und mußte es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen als je –
Als je? – ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz; – als je? In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm so lieb – so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tückisches Geschick ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was er erhofft in seinen schönsten, kühnsten Träumen – den Gipfel seiner Wünsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn umgab – und jetzt? – Was war es, das ihn jetzt gleichgültig machte gegen den Tod? was war geschehn – verloren daß er sich der tödtlichen Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? – und Sadie? – Er barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt – nicht jetzt sollten sie nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem Pfeil – Sadie – wie ein Traum lag die Zeit, die schöne Zeit hinter ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der Tod? – sollte ihn davon trennen? – Nein, nein fort mit dem verführerischen Bild das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte – er war nicht schuldig – rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. – Hinweg mit allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die sich ihm leise in's Auge stehlen wollte – er war nicht schuldig – und weshalb wünschte er sich da den Tod?
Schüsse knallten und Trompeten schmetterten – hoch empor aus seinen Träumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken der Vergangenheit gelebt, daß er erschrak als er aufsah und die bewaffneten Wächter neben sich erkannte.
Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Häuptling, und grimmigste Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf den Inseln hatten, und das tückische Blitzen seines Auges verrieth was in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit einem ernsten, aber ziemlich gleichgültigen Gesicht, hielt sich Raiteo, der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszuführen. Aonui galt als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bösem.
»Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien« sagte er finster, »aber sie werden zu spät den Hügel erreichen – wir hatten ihnen die Möglichkeit Deiner Auslieferung gestellt – sie haben sie verworfen und wollen uns jetzt mit frechen Drohungen einschüchtern – wende Deine Seele noch zu Gott, denn Dir sind die Minuten zugezählt.«
Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches Blinken schien ihn ängstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu stören. Aonui sah daß sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige gleichgültig kalte Antlitz seines Begleiters und René, jetzt fest überzeugt daß er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte finster doch leidenschaftslos:
»Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten könnt, aber bedenkt daß Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht mehr der freundlose Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch – die Regierung eines mächtigen Staates hält ihre Hand schützend über mich, und wehe Euch, wenn Ihr die mächtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schütztet und vertheidigtet Ihr nur Euer Land – Ihr hattet recht – entweiht die gute Sache nicht durch Mord!«
»Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, sondern Dich zu richten« sagte der Häuptling finster und mürrisch, und horchte einen Moment dem jetzt wieder beginnenden Schießen, das, der Richtung nach, den aufgestellten und an verschiedenen Plätzen stationirten Vorposten galt, auch näher und näher kam. »Bete zu Deinem Gott« sagte er dann, sich wieder zu dem Gefangenen wendend, »denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.«
»Beten« – rief René – unwillig mit dem Fuße stampfend – »beten – Nichts als beten; – den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt dabei an Haß und Mord – beten!«
»Du willst nicht beten?« sagte Aonui rasch.
René sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:
»Wie lange Zeit ist mir noch gewährt?«
»Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen« erwiederte der fanatische Häuptling – »die Schläge Deines Herzens sind gezählt.«
»Es ist gut« erwiederte René aber seine Hände waren frei, und nicht gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte.
»Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?« sagte jetzt Raiteo leise zu dem Häuptling gewandt – »die Feranis beten nie im Freien.«
Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm ergreifend sagte laut:
»Komm Wi Wi – Du sollst nicht sagen daß wir Dich gezwungen haben Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist – komm« flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu, während seine Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten Befehl bekamen, ihm zögernd, und rasch und leise mit einander redend, folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen Platzes, die Bayonnette gefällt, ihren Posten wieder einnahmen.
Wilder Lärm tobte indessen im Lager – die Franzosen hatten die Vorposten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, über den Damm hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen Seiten fast schmetternden Trompeten, die überall den Feind vermuthen ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu führen, kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt, das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein die Besatzung und schüchterten sie ein, da sie den Feind viel stärker vermuthen mußten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der jetzt überall hin vertheilten Besatzung zu befürchten, und konnten eher dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr begünstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rückzug in die dicht bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden sie doch aus der zu großen Nähe von Papetee, auf das sie von hier aus immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben, und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder gedrückt.
Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu thun die Insulaner für etwas zu züchtigen, dessen Recht er ihnen unter keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nämlich zu halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen mußten den Kampf entscheiden.
Um René wäre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher auf Hülfe hätte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte ihn nicht schützen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie wandte – wie er nicht anders glauben konnte – verdiente härtere Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit Füßen, der andere auch ihre Herzen.
Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben würde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in früheren Jahren von dem Wallfischfänger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten sich ihm dazu, wie er recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht säumig dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu geboten. Als er aber die Verhältnisse in Tahiti näher kennen lernte und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm auf der Ausführbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die Vortheile zu überschlagen die der Segen der Katholischen Religion vielleicht auf sein geistiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschluß gekommen einen entscheidenden Schritt zu thun und – ein anderer Mensch zu werden.
Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er begünstigte und die, so schlecht für den andern Theil, so vortrefflich für ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, daß er es treu und ehrlich mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten Officier als Führer und Unterhändler. Der ungünstige Erfolg dieser Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wußte, beschloß er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen neuen Gönnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.
Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewußt, reich, und ihm, wie er sich fest überzeugt fühlte, auch noch von früherher verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti konnten auf die Länge der Zeit nicht siegen – als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben kein besonderes Interesse für sie – und wer weiß was dann aus den Protestantischen Missionairen wurde – deshalb schien es ihm weit zweckmäßiger das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen – und danach handelte er.
Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der Außenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht von Pandanusblättern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesäbel den Blicken des jungen Mannes enthüllte. René that keine Frage, aber er mußte an sich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und rasch die eine Waffe aufgreifend, während sein Führer die andere nahm, sah er nur noch eben wie dieser die Blätter der Rückwand von einander schob und hindurch schlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu thun.
Die Hütte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn. Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze sprangen, und eine Eidechse hätte kaum ungesehn darüber kommen können, ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schuß fertig waren, oder sich überhaupt von dem Erstaunen über den kecken Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten sie schon im nächsten Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlüpfrigen Hang hinunter in ein Dickicht niederen Grases, von hochstämmigen Guiaven, die hier gar gedeihlichen Boden gefunden, überwachsen.
Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht allein wurden ihnen von oben mehre Schüsse nachgefeuert, und sie hörten die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fünf oder sechs Indianer, und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne weiteres Säumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das Dickicht aufgehalten wäre René gar nicht im Stande gewesen ihnen so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als möglich zu verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner tönten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu fallen.
Den Moment benutzten die Flüchtigen der Richtung zuzuspringen, in der sie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als möglich wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weise nachdrängenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben übrigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, beschleunigte.
Das Feuern sowohl, wie der Lärm den sie in den Büschen machten, hatte aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angeführt, bestand, ihnen in den Weg gebracht, und René, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschließen, das Lager mit gewaffneter Hand erstürmen zu helfen; Raiteo aber merkte das kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn zu können, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schuß erhalten, jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu lassen, daß er vielleicht gar wieder in die Hände der Tahitier fiele.
René konnte und wollte das allerdings nicht und wünschte den Verwundeten von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn, der erstlich seine Sprache nicht verstünde, dann keine Verbindlichkeit gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weise hinter dem nächsten Dickicht sitzen ließ. René durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als möglich dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, daß er der Gefangenschaft glücklich entkommen sei, führte er den jetzt immer erschöpfter werdenden Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten Papetee zu, fest entschlossen so rasch er könne zurück zu kehren und an dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen.
Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug genirt haben würde, wenn er eben allein hätte gehen wollen; erstlich aber mußte er in Papetee einen Zeugen für sich haben, wenn er auf einen günstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück, und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war für ihn jeder von seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair, ohne den geringsten Vortheil davon für sich selber zu haben, auf das grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern war jetzt seine Aufgabe, und er stöhnte und ächzte so langsam den Berg nieder und mußte sich so oft setzen und ausruhen, daß sie eben den Wall von Papetee erreichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit darauf die schmetternden Hörner der rückkehrenden Franzosen diese als Sieger kündete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt, und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefahren wären, zogen sie sich zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch nicht gerade mit zu viel Verlust.
René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen könne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militärärzte untersuchte und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das beendet aber suchte er auch ungesäumt den Gouverneur auf, ihm Bericht zu erstatten über sein Abenteuer sowohl, wie über den sehr ungewissen Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe.
Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wäre, mit Jim O'Flannagan und ließ sich nur anmelden, um seine glückliche Rückkunft anzuzeigen und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.
»Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon von weitem entgegen – »Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher erzählen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten möchte einmal auf den Zahn fühlen lassen.«
Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt: mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwischen zwei Marine-Soldaten mit gezogenen Säbeln und eines Verbrechens überführt, das ihm die Raanocke vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen lagen ihm tief und düster in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster und mistrauisch auf den neuen Ankömmling, gleich aus seinem ersten Erscheinen zu errathen ob er ihm nützen oder schaden könne.
»Hier der Bursche« fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann herzlich die Hand gedrückt, »thut Alles in seinen Kräften stehende, das muß man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weise hat er uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hände geliefert.«
»Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt.
»Ja, er war mehr als das,« lachte der Gouverneur, »er war auch der Helfershelfer des Gesellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer selbst des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben, wobei noch der stärkste Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten übrigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend sein dieses werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun, er verspricht uns die Anführer der Indianer – jene Häuptlinge die in diesem Augenblick den meisten Einfluß auf die Eingeborenen ausüben, zu überantworten, und das wäre allerdings seinen Hals werth, denn es würde Ströme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten, sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte ist ein paar Tage länger athmen zu können, was ich allerdings vermuthe.«