»Und wie glaubt er das möglich zu machen?« frug René.
»Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh stattfindenden Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den Eigenthümlichkeiten des Termins begründet sein. Sind Sie mit den Bergen hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?«
»So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer hier ansässiger und jetzt wieder in Französischen Diensten stehender Landsmann, Lefévre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nächsten Bergen. Vielleicht wäre es zeitsparend ihn ebenfalls rufen zu lassen, seine Meinung mit zu hören.«
Der Gouverneur klingelte, und die Ordonnanz wurde beschieden Herrn Lefévre zu ersuchen augenblicklich sich hier einzufinden. René stattete indessen mit leiser Stimme dem Gouverneur Bericht ab, über seine Abenteuer sowohl, als den Erfolg den ein Friedensvorschlag auf die Häuptlinge gehabt, und wie er in der That selber glaube, daß alle freundlichen Vorstellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen unfruchtbaren Boden fallen würden. Danach erschien es also ebenfalls nur noch wünschenswerther die einflußreichsten Häuptlinge, da sie keinem gütlichen Vergleich lauschen wollten, womöglich gefangen zu nehmen, und ihnen den Frieden dann selber diktiren zu können.
Lefévre kam endlich, und als er das Zimmer betrat flog sein Blick rasch und wie scheu von Einem der Männer zum Andern, als ob er im Voraus zu errathen wünsche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des Gouverneurs setzte ihn aber darüber bald außer Zweifel und nach den nöthigsten Vorbemerkungen begann der Examen des Gefangenen.
»Woher weißt Du, Gesell, überhaupt, daß die Häuptlinge an dem Tag und zu der Stunde eine Zusammenkunft halten wollen, was hattest Du mit ihnen zu thun?« frug der Gouverneur.
»Ein weißer Mann, der mit einem Gewehr umzugehen versteht, ist ihnen in jetziger Zeit soviel als ein Häuptling« erwiederte mürrisch der Ire, dem die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu sein schienen, »ich bin zu allen ihren Berathungen gezogen.«
»Hm, das klingt wahrscheinlich – aber weshalb wurde diese Berathung auf so viele Tage hinausgeschoben – weshalb findet sie gerade morgen statt?«
»Am Freitag faßte man den Beschluß« erwiederte Jim, »am Sonnabend, als an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Gesetzen nach, keine Boten abgeschickt werden. Heute sind die erst nach dem Süden der Insel hinübergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, können die aufgeforderten Häuptlinge den Platz der Zusammenkunft nicht erreicht haben.«
»Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager selber statt?«
»Sie wollen dem Einfluß der Missionaire entgehn« erwiederte der Ire – »ich selber habe den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzröcke hasse und sie den Eingeborenen, wo sie nur ihre Nase in deren innere Angelegenheiten stecken, noch nichts wie Unheil gebracht. Utami, Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo sie können, und Aonui wie Potowai sind nur ihre Posaunen.«
»Und wo ist der Sammelplatz?«
»Hier im oberen Thal, etwa eine englische Meile von Papetee dicht unter dem Felsenhang auf dem oben die drei Cocospalmen stehen.«
»Kennen Sie den Platz?« wandte sich der Gouverneur jetzt zu den beiden jungen Leuten, und Beide bestätigten es.
»Aber in welcher Schlucht?« frug Lefévre jetzt – »es kommen da drei von oben herunter.«
»In der mittleren« lautete die Antwort.
»Das ist die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden sind von steilen Hängen abgeschlossen; und wo da?«
»Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Hütte steht?« frug der Ire den Franzosen.
»Allerdings; der Ort wäre nicht übel gewählt – und wie viel Häuptlinge sollen dort zusammen kommen?«
»Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer, dessen Namen ich vergessen habe, von Tairabu der Eine, und vom südlichen Theil der Insel der Andere, auch wurde davon gesprochen daß von dorther ein Abgesandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man vermuthete daß sie zusammen eintreffen würden.«
»Ha, das wäre nicht übel« rief der Gouverneur, »aber auf welche Art wären sie da zu fangen?«
»An dem Platz leichter als irgend wo anders« bestätigte jedoch Lefévre die Angabe des Gefangenen – »auf dem Rückweg ließe sich leicht ein Vorposten hinschieben dem die Umstellten weder rechts noch links auszuweichen vermöchten, wenn sie eben nicht fliegen können, und der Eingang des schmalen Thales ist mit zwölf Mann vollständig zu schließen. Wenn sich das Alles so verhält, wie es der Bursche angiebt und das Ganze rasch und richtig angelegt und ausgeführt würde, ließe sich ein günstiger Erfolg da schon hoffen. Keinenfalls hätte man viel zu riskiren, da man sich rasch wieder auf die Stadt zurückziehen könnte und es nicht anzunehmen ist daß die Eingeborenen, nach der heutigen Niederlage, morgen schon sich so nahe heranwagen sollten. Im Gegentheil hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns ergebenen Indianer gehört, daß die feindlichen Krieger eine weiter zurückgelegene feste Stellung im Hautauethal einnehmen würden, sich dort sicher verschanzt zu halten und die von England versprochene Hülfe zu erwarten.«
»Das Sicherste wird dann jedenfalls sein« entgegnete der Gouverneur, »ein starkes Detachement im Rücken aufzustellen, und dadurch selbst jeder möglichen Ueberraschung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den Burschen was er dazu sagt?«
Jim schüttelte aber dazu mit dem Kopf.
»Dann wirds Nichts« brummte er finster – »sobald hier nur zwanzig Soldaten auf einmal aus der Stadt marschiren, wissen sie's auch oben schon in den Bergen und rüsten sich auf einen Angriff; kleine Patrouillen sind aber bis jetzt täglich ausgezogen und selten belästigt worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen. Diese auch allein dürfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszuführen, eine größere Abtheilung Militair nie.«
»Und wer bürgt uns für die Sicherheit solcher schwachen Patrouillen?« frug der Gouverneur.
»Bin ich nicht selber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit?« sagte Jim.
»Schlechte Guarantie das« meinte René kopfschüttelnd, »der Bursche hat nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig gesagt, möchte ich nicht einem einzigen Menschen an seine Versicherungen wagen; das Ganze scheint mir wenigstens, ein abenteuerliches Märchen, seinen Hals noch eine Zeitlang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in Sicherheit zu bringen; ich würde ungemein vorsichtig zu Werke gehen.«
Die Franzosen unterhielten sich untereinander natürlich in ihrer eigenen Sprache, und der Gefangene schaute dabei mistrauisch von Einem zum Anderen, in dem Ausdruck ihrer Züge vielleicht die unverstandenen Worte zu lesen.
Lefévre übrigens war für den Plan; mit jenem Theil des Berges genau bekannt, schien ihm ein solcher Ueberfall ziemlich leicht auszuführen, dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Officier in die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bis jetzt immer noch aus verschiedenen Ursachen verweigert worden, ihm aber dann, wenn er sich bei einer solchen Expedition auszeichnete, kaum entgehen konnte. Außerdem war, Jim's Aussage nach, der alte Häuptling Fanue ebenfalls gegenwärtig, den er noch von Tairabu her aus ganzem Herzen haßte. Hier bot sich ihm also nicht allein die Möglichkeit einer vortheilhafteren Stellung, nein auch zugleich die Aussicht sich an einem Feind zu rächen, und er war fest entschlossen die Gelegenheit nicht ungenützt entschlüpfen zu lassen.
Jim sollte übrigens heute Abend nichts Bestimmteres weiter über Annahme oder Nichtannahme seines Planes erfahren; auf einen Wink des Gouverneurs wurde er, als er all die nöthig scheinende Auskunft gegeben, wieder abgeführt, und Lefévre erklärte sich jetzt bereit die Führung einer Patrouille zu übernehmen, die, wie der Gefangene allerdings recht habe, nur schwach sein dürfe, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der wachsamen Eingeborenen erregen wolle, aber keineswegs möchte er sich auch ganz allein mit wenigen Mann in den Wald hinein wagen, wo es doch immer ungewiß wäre ob sie nicht auf eine stärkere Abtheilung der Feinde stoßen könnten. Deshalb sollten mehre kleine Trupps nach einander und nach verschiedenen Richtungen hin, wie eben zum Recognosciren, die Stadt verlassen, und sich nach jenem Thal hinüber ziehn. Die zuerst gefeuerten Schüsse mochten sie dann herbeirufen, denn nachdem geschossen war, blieb es doch unmöglich ihren Plan länger geheim zu halten und dann brauchten sie Hülfe, sich wieder zur Stadt zurück durchschlagen zu können.
Als er den Gouverneur damit einverstanden fand, beurlaubte er sich, die noch nöthigen Vorbereitungen zu treffen, wie sich auch seine, ihm passensten Leute selber zur Begleitung auszusuchen, und nur noch beschlossen wurde daß Jim, natürlich gut verwahrt und bewacht, den Trupp führen solle, dem nicht unmittelbar der Angriff galt, und der nur hinten die etwaige Flucht der Häuptlinge abzuschneiden hatte.
»Und wollen Sie den Zug begleiten, Delavigne?« frug der Gouverneur, als Lefévre das Zimmer verlassen und er ebenfalls im Begriff war sich zu empfehlen.
Der junge Mann schüttelte mit dem Kopf.
»Ich will auf den Inseln leben« sagte er, und es war fast, als ob er sich Gewalt anthun müsse für diese Antwort – »und – möchte Alles vermeiden in zu feindselige Berührung mit den Bewohnern zu kommen – wenn auch nicht meinet, doch meiner Frau wegen.«
»Aber Lefévre lebt auch hier« lachte der Gouverneur, »und genirt sich nicht, wie Sie sehn – er nahm die Sache mit einem ordentlichen Feuereifer auf, und ich bin fest überzeugt, er wird sein Möglichstes thun seinen Zweck zu erreichen.«
»Wir Menschen haben verschiedene Charaktere« erwiederte René ausweichend – »Lefévre denkt darin wahrscheinlich, wie in manchem Anderen auch anders wie ich. Außerdem verspreche ich mir nicht den geringsten Erfolg von dieser Mission – ich fürchte die Insulaner sitzen uns näher als wir glauben.«
»Bah« lachte der Gouverneur, »die Burschen wagen sich nicht wieder in den Bereich unserer Kanonen, und werden sich jedenfalls mit Plänkeleien begnügen, bis sie's satt bekommen, oder wir im Stande sind ihnen die Rädelsführer wegzufangen; der Indianer selber ist viel zu indolent einen Krieg aus Grundsatz zu führen. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er plötzlich kurz ab, »ich möchte Ihnen nicht zureden, wünsche es aber Ihrer selbst wegen, daß Sie noch von dem unglückseligen Gedanken zurückkommen, auf einer wüsten Insel Ihr Leben zu beschließen.«
»Wüsten Insel« sagte René, lächelnd den Kopf schüttelnd.
»Wüst für uns, und wenn es ein Paradies an Scenerie wäre – wo wohnen Sie jetzt, Delavigne?«
»Nirgend« lachte der junge Mann, »mein Haus draußen haben sie mir abgebrannt, so hab' ich mich derweil bei Vater Conet einquartirt, der mir ein Zimmer freundlich zur Verfügung stellte.«
»Ah, dort sind Sie gut aufgehoben, sonst hätt' ich selber Rath für Sie geschafft; unser Krieg hat Sie geschädigt und es wird an uns sein, Ihnen das später wieder zu vergüten. So, jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie morgen wieder zu sehn.«
Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen langsamen abgemessenen Schrittes die Stadt; die den Franzosen freundlich gesinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingeborenen waren aber viel zu sehr daran gewöhnt, darin Außerordentliches vermuthen zu können. Die verschiedenen Posten wurden gewöhnlich durch solche Patrouillen abgelöst oder auch nur revidirt, und außerdem sandte der Gouverneur sogar nicht selten kleine Trupps über die Verschanzungen hinaus, zu untersuchen ob sich nicht feindliche Schwärme der Stadt näherten, kleine Ueberfälle zu versuchen, in denen sie es dann selten gegen die Feranis selber, sondern fast nur gegen die ihrer Landsleute abgesehn hatten, die es mit den Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn sie in ihre Hände fielen, und der Feuerbrand wurde in manche solche Hütte geschleudert, trotz den rings aufgestellten Posten und Pikets der sie schützenden Soldaten.
Eine dieser Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener sich durfte in den Straßen der Stadt sehen lassen, an den oberen Theil der Stadt marschirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach oder Fluß, über den die Brücke abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarschirend sich rechts in das Dickicht geschlagen, wo sie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer Mitte aber führte sie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rücken gebundenen Händen, während Lefévre den Trupp anführte, der, außer drei von ihm selber ausgesuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei Matrosen des Jeanne d'Arc bestand, welchen letzteren besonders die Bewachung des Gefangenen anvertraut worden. Ein anderer, ihm beigegebener Officier, Adolphe, sollte die zweite Patrouille erwarten, ihre Führung zu übernehmen.
Jim ging mürrisch zwischen ihnen, und schien mit der Rolle die er dabei zu spielen hatte nicht recht einverstanden zu sein, nichtsdestoweniger war ihm sein Leben gesichert worden, wenn er die Häupter der Rebellen, todt oder lebendig in die Hände der Franzosen lieferte.
Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten; Marinesoldaten, wie sie zum gewöhnlichen Dienst gebraucht wurden, und um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fähndrich angeführt. Auf einer besprochenen Stelle vereinigten sich die beiden und wurden jetzt so vertheilt, daß Adolphe den Iren und seine Wache bekam, der ihn hinter die Schlucht und dorthin führen sollte, wo sie den umstellten Häuptlingen den Weg in die Berge abschneiden konnten, und dafür die Hälfte der zweiten Patrouille, sechzehn Mann mit dem Fähndrich, zu Lefévres Unterstützung zurückließ.
Dieser mußte übrigens Adolphe mit seinen Leuten größeren Vorsprung lassen, da sie einen weit längeren Weg zurückzulegen hatten, und Jim verlangte jetzt von seinen Wächtern sie sollten ihn losbinden, oder ihm doch wenigstens die Hände so weit frei machen, daß er seine Arme zum Schutz gegen die überall vorstehenden Zweige gebrauchen könne. Adolphe wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem Burschen nicht recht, und erst nach einigem Hin- und Herreden, und besonders dadurch bestimmt, daß Jim behauptete sie würden den bezeichneten Platz zu spät erreichen und Alles damit versäumen, wenn er selber nicht ein klein wenig rascher aus der Stelle rücken könne, wurden ihm die Hände gelöst; um den oberen Theil seiner Arme aber blieb das Tau befestigt, und der Seemann selber hielt das wie eine Art Zügel in seiner linken Hand.
So rückten sie zwar langsam, aber vollkommen geräuschlos durch einen Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nähe der Stadt ihre Hütten fast sämmtlich verlassen hatten, nur höchst selten betreten wurde, und sie also auch nicht so leicht Entdeckung zu fürchten brauchten. Jim schien übrigens hier mit dem Wald vollkommen vertraut, denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, denen sie einmal eine Strecke folgen konnten, und warnte sie immer auf das sorgsamste, wenn sie in die Nähe irgend einer Ansiedlung kamen, die oft wie eine Oase in der Sandwüste, so hier in dem dichtverschlungenen Guiavendickicht lag. Da endlich weit genug vorgerückt, schlugen sie jetzt wieder eine mehr Südwestliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in fast abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum ersten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem sie nun so weit rascher folgen konnten.
»Wo führt der Pfad hin, Kamerad?« frug der Bootsmann da leise, als sie ihn eine Zeitlang schweigend und bergauf verfolgt hatten.
»Pst« war aber die einzige etwas mürrische Antwort die er erhielt, und da der Ausdruck in des Gefangenen Zügen ebenfalls die höchste Aufmerksamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend etwas Außerordentliches zu finden oder hören erwarte, begnügte sich der Seemann auch für jetzt damit, und spannte seine Sinne nur selber schärfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch rascher begegnen zu können.
Der Weg war indessen so steil geworden, daß der Bootsmann, auf den ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlängern mußte das er in der Hand hielt, um diesen im Fortschreiten nicht zu sehr aufzuhalten. Wenn Jim übrigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte er sich geirrt, denn der Seemann trug es fest und doppelt um die Hand geschlungen, wie man einen Spürhund etwa an langer Leine auf der Schweißfährte hinziehen läßt, willens ihm jeden Raum eben zu lassen das Wild zu verfolgen – aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer, und manchmal eben nicht ganz geräuschloser Linie, Adolphe dicht hinter dem Bootsmann und die beiden Matrosen dicht hinter ihm, von den Soldaten gefolgt. Die Seeleute zeigten sich auch ziemlich behend, besonders im Vermeiden des so häufigen trockenen Gestrüpps und übergeworfener Aeste, das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen dürren Ast, und machten den Führer oft mit finsterem warnenden Blick auf sie zurückschauen. In der That benutzte Jim auch solche Gelegenheit nur zu gern, sich von dem Stand und Verhalten seiner Begleiter zu überzeugen.
Der Bootsmann, als das beste und einfachste Mittel ihm anzuzeigen daß er mit ihm zu reden wünsche, zupfte den Iren jetzt, durch ein leises Zucken der Hand, am Tau, und dieser drehte rasch den Kopf zurück.
»Halt!« kommandirte flüsternd der Seemann.
»Was giebts« frug jener eben so zurück.
»Hier mein Officier wünscht zu wissen wie weit wir noch etwa haben, damit er seine Leute danach rüsten kann.«
»Er soll ihnen sagen daß sie nicht einen solchen Heidenlärm machen« brummte dieser – »das ist alle Rüstung die sie jetzt brauchen; sonst noch was?«
»Und wie weit haben wir noch?«
»Weit genug den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gerade gehört würden, und nahe genug in kaum zehn Minuten vielleicht schon in Sicht des Feindes, oder doch in Rufes Nähe zu sein.«
Der Matrose nickte zufrieden und Jim setzte seinen Weg wieder fort, war aber noch nicht zehn Schritt höher geklettert, als er seinem Führer winkte in dem Laube noch vorsichtiger zu sein, und sich jetzt links gerade in das Dickicht hinein hielt. Der Bootsmann wollte ihn erst daran verhindern und in dem offenen Pfade selber halten, es war ihm aber fast, als ob er das Geräusch von Stimmen höre, und die ängstliche Vorsicht sehend, mit der der Ire hier selber weiter schritt, ließ er ihn gewähren.
Adolphe selber war mit dieser Art des Fortrückens am wenigsten einverstanden; der Dritte in der Reihe konnte er fast Nichts hören oder sehn, und wurden sie gerade an einer solchen buschigen Stelle von einem Feind überrascht, so waren sie, in der Verteidigung vereinzelt, der größten Gefahr ausgesetzt aufgerieben zu werden, und weit genug hatten sie sich in die Berge hineingewagt, die Begegnung eines Feindes wohl erwarten zu dürfen. Es ließ sich aber Nichts dagegen thun, und weit konnten sie von der bestimmten Stelle ebenfalls nicht mehr sein, so fügte er sich dann, Flüche leise in den Bart murmelnd, in das Unabwendbare, nur jetzt bemüht seine Leute, die jeden Augenblick fast mit den Fußspitzen in dürren Aesten hängen blieben, oder an Steinen, auf denen sie nicht festen Halt genug genommen, ausrutschten, in Ordnung und ruhig zu halten.
Da endlich erreichten sie eine scheinbar offene Stelle im Wald, wo die Sonne wenigstens licht und voll durch die sonst fast für sie undurchdringlichen Guiaven fiel, und der Seemann fand, daß sie sich einer steilen oder wenigstens sehr abschüssigen – er konnte das von da wo er stand noch nicht recht erkennen – Bergwand genähert hatten, von der aus sie jedenfalls einen Ueberblick in das vor ihnen liegende Thal bekommen mußten. Jim hatte sich dahinaus auch schon vollkommen orientirt, und den Bootsmann und Officier vorsichtig zu sich heranwinkend, zeigte er durch einen kleinen Busch, der sie nach unten zu verdeckte, in das Thal nieder, wo Beide zu ihrem, keineswegs freudigen Erstaunen, und auf einer Stelle wo sie Niemand erwartet hatten, einen Trupp von etwa zwanzig oder fünfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen lagern fanden. Die ganze Entfernung von diesen betrug kaum zweihundert und funfzig Schritt, und das laute Knacken eines dürren Astes hätte fast dort gehört werden müssen – ein lautes Wort konnte sie verrathen.
»Pest und Tod!« zischte aber Adolphe zwischen den Zähnen durch, als er mit einem Blick die Gefahr übersehen hatte, in der sie sich befanden – »Hund verdammter, Du hast uns auf die falsche Fährte und absichtlich von dem Wege ab, hierher geführt. Ist das hier die Stelle eine kleine Zahl Indianer durch einen Hohlweg oder auf einem schmalen Damme abzuschneiden, wo eine ganze Armee rechts und links von uns durchpassiren könnte ohne daß wir etwas von ihr zu hören oder zu sehn bekämen?«
»Bst!« sagte Jim mit unzerstörbarem Gleichmuth aber das Gesicht jetzt von Todtenblässe, doch mit einem Ausdruck fester tödtlicher Entschlossenheit darin, überzogen – »bst Mounsier, nicht so laut, denn die Burschen da unten könnten uns hören und uns zu Gaste bitten, wogegen ich nun allerdings nicht das mindeste einzuwenden hätte, was für die angenehme Gesellschaft hier aber nichts weniger als wünschenswerth wäre.«
»Wo ist die Stelle zu der Du uns zu führen versprochen?« frug Adolphe rasch und finster, aber mit vorsichtig unterdrückter Stimme:
Jim lachte leise vor sich hin, und es lag etwas Teuflisches in dem Lächeln das Adolphe fast unwillkürlich nach dem Griff seiner Pistolen suchen machte; aber der Ire sagte jetzt, noch immer mit leiser, aber fester bestimmter und wie es schien zum Aeußersten entschlossener Stimme.
»Wenn Ihr nicht schon lange gemerkt habt, daß ich meinen Weg verfehlt, ist das nicht meine Schuld – laßt Euere Pistolen im Gürtel, Kamerad, mit denen könnt Ihr keinen Menschen schrecken der den Strick um den Hals trägt; aber hört mich jetzt an und entschließt Euch dann rasch, denn meine wie Euere Zeit ist kostbar. Mein gutes Glück hat uns in Rufs Nähe einer Schaar von Eingeborenen gebracht –«
»Dein gutes Glück, Schuft?« knirschte der Bootsmann mit den Zähnen, »wage es einen Laut auszustoßen und soll mich Gott strafen, wenn ich Dir nicht beide Hackensehnen durchschneide, oder Dich an den nächsten Ast hänge, ehe die Schufte da unten selbst in Schußnähe sein könnten.«
»Dazu hast Du Deinen eignen Hals zu lieb, Kamerad« lachte der Gefangene, »ich selber aber hätte nichts Besseres verdient, wenn ich eine so kostbare und nie im Leben wiederkehrende Gelegenheit jetzt unbenutzt vorübergehen ließe. Noch bin ich in Euerer Gewalt und Ihr könnt mich, ehe meine Beschützer herankommen, tödten, soll das aber Jemand fürchten, der jetzt die Wahl hat zwischen einem raschen Tod und dem Galgen? – bah, soviel für Euere Macht –« und er schnalzte mit dem Finger. »Doch Dienst gegen Dienst« fuhr er dann fort, als er sah daß der Bootsmann das Tau das ihn hielt nur rascher und entschlossener packte – »Ihr seht daß Ihr, wenn entdeckt, diesem hier vor uns lagernden Trupp nicht entgehen könnt, während ein einziger Schuß, hier abgefeuert, neue Feinde vielleicht noch von jeder anderen Seite herbeiruft, die Euch den Weg nach Papetee zurück mit leichter Mühe abschneiden und Euch ohne große Gefahr für sich selber, aus dem Dickicht heraus einzeln wegschießen könnten.«
»Und wenn sie mir die Glieder stückweis vom Leibe rissen« knirschte der Bootsmann zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch – »erst seh ich Dich hängen Bestie, und dann mögen sie machen mit mir was sie wollen.«
»Noch habt Ihr einen Ausweg« sagte Jim ohne sich im Mindesten aus seiner Fassung bringen zu lassen – »Dienst um Dienst; laßt mich frei, und ich verspreche Euch, daß ich hier still und regungslos liegen bleiben will, bis Ihr außer jeder Gefahr die Wälle von Papetee sicher und unbelästigt wieder gewonnen haben könnt.«
»Daß sie nachher in Papetee mit Fingern auf uns wiesen« zischte Adolphe mit fest zusammengezogenen Brauen – »thue Dein Schlimmstes Schuft, aber beim ewigen Gott, ehe ich Dich lebendig aus meinen Händen ließ, hing ich Dich selber an die nächste Guiave hier. Und nun zurück von da oben, wir haben ohnedies schon Zeit genug versäumt, und hältst Du Dich ruhig, will ich Dir versprechen mein Möglichstes in Papetee zu versuchen Deinen Hals frei zu bekommen; aber kein Wort weiter und jetzt marsch.«
»Das Anerbieten ist freundlich genug« sagte Jim, »aber da weiß ich ein Besseres –« und ehe der Bootsmann, der das Tau noch fest in der Hand hielt, nur eine Ahnung davon hatte, warf sich der Gefangene, das ganze Gewicht seines Körpers in den Sprung legend, durch den Busch hindurch, den steilen Abhang, an dessen Rand er stand, hinunter. Er würde auch jedenfalls seinen Zweck und den Boden unten erreicht haben, wo er höchstens von den kaum sehr gefährlichen und ihm sicher gleichgültigen Kugeln auf kurze Zeit bedroht blieb, denn der Seemann, der einen Sprung dort hinunter für ganz unmöglich gehalten, stand keineswegs fest genug sich dagegen zu stemmen und wurde im Nu von dem Gewicht des schweren Mannes zu Boden gerissen; aber das Tau das er um die Hand trug hakte glücklicher Weise in eine der dort gerade vorragenden starren und zähen Guiavenwurzeln, und der Ire fand sich im nächsten Augenblick, an den Armen aufgehangen, schwebend an der Klippe.
»Hülfe – Hülfe!« gellte dabei, jetzt zum Aeußersten getrieben, sein wilder Schrei durch den Wald, und die dort gelagerten Eingeborenen sprangen, ihre Waffen aufgreifend, rasch in die Höh' und heran – »Hülfe! Hülfe!«
»Teufel verdammter!« schrie aber Adolphe, sein Pistol aus dem Gürtel reißend und an den Rand der Schlucht springend, während der Bootsmann, der durch das Gewicht des Gefangenen niedergeworfen war, das Tau aber immer noch fest um die linke Hand hielt, es mit der rechten jetzt ebenfalls zu erreichen suchte, dem fast ausgerenkten Arm Erleichterung zu verschaffen. Dieser sah aber kaum die Absicht seines Officiers als er, unbekümmert um sich selber ausrief:
»Nein, nein Monsieur – halt – hier Jean, hier Petit – faßt das hier – weiter vorn – so – haltet fest – sacrrrr, ob mir der Hallunke nicht bald den Arm mit der Wurzel herausgerissen hat, und nun herauf mit ihm, daß ich seinen Hals bekommen kann.«
»Dort stürmen die Eingeborenen schon herbei!« rief Adolphe.
»S'ist nun doch einmal einerlei« rief der Bootsmann trotzig, »ob sie uns hier oder funfzig Schritt weiter unten einholen, ja im Gegentheil, hier können wir ihnen erst eine Salve geben; aber ich gehe nicht eher vom Fleck bis ich den Schuft nicht gehangen habe.«
»Hülfe – Hülfe – Hülfe« gellte der Schrei des Gefangenen, der vielleicht kaum sechs Schritt von der Erde entfernt, seine Kräfte in wilder Verzweiflung anstrengte dem Tau zu entgehn, oder die oben Stehenden mit sich nieder zu reißen. War es ihm aber mit dem ersten Wurf nicht gelungen, so blieb es nachher für ihn ganz unmöglich, denn die beiden Matrosen hatten, unbekümmert um den rohen Feind und nur dem Befehl ihres Bootsmanns gehorchend, rasch die Gewehre nieder geworfen und das Tau gefaßt, an dem sie den sich mächtig aber umsonst dagegen Sträubenden mit einem lauten und trotzigen »Ahoyho – ahoy-y« emporzogen – es war eine neue fast fingerstarke Hanfleine und hätte zwei solche Burschen getragen.
»Top! – avast da!« rief der Bootsmann jetzt, als er den Kragen des Iren erreichen konnte, indem er ganz kaltblütig aus dem anderen Ende des Taues das er in der Hand hielt, eine Schlinge machte – »haltet einen Augenblick, und Einer von Euch schnüre ihm einmal wieder die Hände auf den Rücken – oh hol der Teufel die Kugel, kehr Dich nicht daran Jean, so –«
»Hülfe – Hülfe!« tobte der Gefangene indessen in Todesangst, der jetzt eine Ahnung von dem bekommen mochte, was seine Henker mit ihm beabsichtigten, »Hülfe – Hülfe!«
»Strample nur Bestie – wirst gleich fertig sein« brummte der Bootsmann zwischen den Zähnen durch, zwischen denen er jetzt sein Messer hielt.
Wilde Ausrufe tönten nun von rechts und links herüber, und die ersten der Insulaner erkannten kaum die Gestalten von Europäern auf dem Abhang als sie auch schon, – unbekümmert ob Freund ob Feind dadurch getroffen würde, ihre Gewehre dorthin abfeuerten. Eine der Kugeln schlug an den Fels an, an dem der Gefangene sich sträubend hing, eine andere zischte dicht an des Bootsmanns Kopf vorbei; vollkommen ruhig aber legte der Seemann die fertige Schleife um den Hals des jetzt laut aufkreischenden Iren, und einen Theil des Taues dann mit seinem Messer trennend, das Ende mit der Schlinge gleich darauf mit einem Seeknoten um den nächsten Guiavenstamm zu schlagen, rief er, indem er das Messer in die Scheide zurückstieß:
»Jetzt bete, Schuft, Deine Zeit ist abgelaufen, bis ich zwölf zähle bist Du eine Leiche.«
»Laßt mich los – nein, zieht mich hinauf!« schrie der Unglückliche in Todesangst – »ich will Euch zurückführen – sicher nach Papetee – ich weiß Schleichwege dorthin – ich muß – ich muß dort – gehangen sein.«
»Bete während ich zähle!« rief der Seemann – »eins, zwei, drei, vier, fünf.«
»Ich will Alles gestehen – ich habe noch einen Mord verübt den ich bekennen muß! um Gotteswillen.«
»Sechs, sieben, acht, neun, zehn.«
»Hülfe – Hülfe!« kreischte mit gellender Stimme der Mann und der Angstschweiß troff ihm in schweren Tropfen von der Stirn nieder. – Wieder wurden dabei zwei Schüsse auf sie abgefeuert, und die eine Kugel traf sogar den Stamm, der bestimmt war den Verurteilten zu tragen.
»Elf, zwölf! –« zählte aber der Bootsmann, unbekümmert um Alles was um ihn her vorging, weiter – »so mein Bursche, die Zeit war vorüber, und was Deine Morde betrifft, die Du auf dem Gewissen hast, so zweifle ich gar nicht daran, daß Du Dir mit dem Erzählen derselben eine ganze Woche Frist gewinnen könntest – aber das ist zu spät jetzt – so nieder mit ihm, meine Jungen, und dann vielleicht eine Salve über sein Grab auf die rothen Schufte da unten, wenns Ihnen recht ist, Monsieur. – Laßt los!«
Ein gellender Aufschrei folgte dem Befehl, aber der Todeskampf des Verbrechers machte dem rasch ein Ende, und während die Matrosen ihre Gewehre wieder aufgriffen, kommandirte Adolphe, der sich schaudernd von der Execution abgewandt hatte, sie aber auch nicht verhindern wollte, Feuer.
Einzelne der Eingeborenen hatten sich indessen schon ziemlich nahe herangewagt, zu sehen was es eigentlich hier mitten im Dickicht gebe, und was die tollkühnen Wi Wis so keck und zuversichtlich sowohl in den Wald geführt, als auch was der furchtbare Hülferuf Eins der ihren bedeute; die ziemlich sicher gezielten Kugeln trieben sie aber rasch wieder zurück, ihre Schaar zu sammeln und zu einem ernstlichen Angriff auf die Feinde zu ordnen.
Für den kleinen Trupp war es jedoch ebenfalls die höchste Zeit sich zurückzuziehn, und den Kamm des Abhangs rasch zwischen sich und die Feinde bringend, wenigstens für jetzt vor ihren Kugeln geschützt zu sein, machte der Bootsmann den Vorschlag, den vor kurzer Zeit erst verlassenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen Patrouille wieder zusammenzustoßen und sich zu verstärken. Adolphe aber, von seinen früheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er im Walde folgte, wollte davon Nichts hören; sie kamen auf dem Pfad nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das Schießen aufmerksam gemacht, durften sie jetzt wohl erwarten noch mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen, ehe sie Papetee wieder erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um sich sammelnd, ließ er sie wieder gegen den Abhang vorrücken, die Gegner wenigstens auf kurze Zeit vielleicht damit zu täuschen, daß sie diese Position behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu sehen. Während sich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten nieder bog, zu untersuchen ob der Bursche da unten todt sei, rief das Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als sich der Seemann wieder, völlig befriedigt, emporrichtete, marschirte der kleine Trupp, zu dem die Matrosen den Nachtrab bildeten, über den schmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der sie den Pfad wußten, brach sich dort durch die Büsche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen Weg endlich in einem kurzen Trab, aus der Nähe der Feinde zu kommen.
Diese waren indessen aber auch nicht müßig gewesen, und mit dem Wald vertraut, den gehaßten Fremden schon weit genug vorgeeilt sie zu belästigen und in ihrem Marsch aufzuhalten. Einzelne Schüsse fielen aus dem Dickicht, von denen eine Kugel sogar Adolphe in der Seite streifte, und einige Mal brach und raschelte es in den Büschen nach allen Richtungen, daß der Officier schon, einen allgemeinen Angriff gewärtigend, die Seinen halten und sich sammeln ließ. Augenscheinlich wollte der Feind dabei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren sicher schon nach Verstärkung abgesandt, den kleinen Trupp der Fremden förmlich aufzuheben, und erst als sie sahen daß diese sich eben nicht aufhalten ließen und näher und näher wieder der Stadt zurückten, tönte plötzlich von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeschrei und wie ein Rudel Wölfe fielen sie, dem Tod trotzend über die sie ruhig erwartenden Europäer her.
Wohlgezielte Schüsse empfingen sie aber hier, und die kleine Schaar wies den Angriff so muthig zurück, daß der Feind, seine Todten und Verwundeten aufgreifend, wieder im Dickicht verschwand und die Feranis eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen ließ. Diese aber hatten auch einen schwer Verwundeten, der eine Matrose war durch den Leib getroffen und mußte jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechselten unverdrossen mit einander ab, sich zur Vertheidigung stellend so wie sie die Feinde kommen hörten und ihre Flucht fortsetzend, sobald ihnen ein Augenblick Zeit gelassen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und auch schon ziemlich in der Nähe der Stadt, ein französisches Signalhorn neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn Minuten später rückte eine starke Colonne Marinesoldaten, zur Hülfe nachgesandt als ausgeschickte Spione die Kunde von dem gehörten Schießen nach Papetee gebracht, auf der Straße heran.
Von der, unter Lefévre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schießen gehört und eine andere Compagnie war ihr zur Hülfe nachgesandt, der Erfolg jedoch natürlich noch nicht bekannt.
Lefévre hatte indessen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich sicher daß sie gerade nach der gestrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen Angriff von ihnen befürchten durften, seinen Weg sehr rasch, aber auch etwas unvorsichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den Inseln mußte ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Wesen der Eingeborenen vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt sich ihnen an Schlauheit im Walde noch für überlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie kennen lernen wie sie sich jetzt zeigten – gereizt und tapfer, dem eroberungssüchtigen Feind gegenüber, und vertraute dabei vielleicht zu viel auf das Uebergewicht, was ihm die bessere Führung der Schießwaffe jedenfalls geben sollte.
Wenig sich deshalb an das Geräusch kehrend, das sie etwa machten, rückten sie vorerst, so schnell ihnen das Dickicht den Fortgang erlaubte, durch die schon mehrfach erwähnte Guiavenniederung, in der sie sich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit seinem Trupp, bis sie mit dem Fuß der Berge auch die Grenze der Guiaven oder diese doch hier so vereinzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderniß mehr in den Weg legen zu können. Hochstämmige Mape- und Wibäume, Aitos, die Tiairis, mit einzelnen Brodfruchtbäumen, den prächtigen Tamanu oder Ati, der immergrünen callophyllum inophyllum und der Beringtonia Speciosa bildeten hier den herrlichsten Hochwald, den nur hie und da kleine Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen füllten, während da und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten Kronen selbst über die höchsten Wipfel dieser mächtigen Stämme hinausragten – die Könige der Wälder.
Hier hielten sie einen Augenblick; Lefévre selber, ehe sie das Thal betraten, wollte erst recognosciren ob sich vielleicht in dem, darin niederführenden und sonst sehr betretenen Pfad frische Spuren erkennen ließen und wohin sie gingen; es war aber Nichts zu sehn und nach dem, in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fuß wieder bergab gekommen – ihre Bahn lag frei. So wieder zurück zu den Seinen gehend, ermahnte er sie jetzt, da sie doch gewissermaßen feindliches Gebiet beträten, zu Vorsicht, besonders nicht mehr Geräusch im Gehn zu machen, als unumgänglich nöthig war, und setzte sich dann mit dem kleinen Zug wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes, der hier klar und rauschend aus den Bergen nieder kam, folgend.
Eine Viertelstunde mochten sie so langsam in dem schmalen Thale fortgeschritten sein, dann und wann den Bergbach, der sich herüber und hinüber warf in seinem Bett, kreuzend, weil schroffe Felswand oder schlüpfriger steiler Hang ein Fortrücken an ein und demselben Ufer unmöglich machte, als der Seecadet, ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurück geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen seiner Stiefeln beim Wasserdurchwaten nicht so rasch fertig werden konnte, eilig, und jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar vorbeiglitt und dem Führer mit etwas ängstlicher und erschreckter Miene meldete, daß er eben ziemlich fest überzeugt zu sein glaube, die Gestalt eines Eingeborenen in dem von den hohen Laubbäumen dicht überschatteten Thalgrund gesehn zu haben.
»Ein Gespenst haben Sie gesehn« lachte aber Lefévre, »Sie sehen ja todtenbleich aus, mein junger Herr – und die Hosen und Stiefel bis hoch hinauf naß – die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?«
»Ich gebe Ihnen mein Wort daß es ein Indianer war – Mann oder Frau konnte ich natürlich nicht erkennen, denn sie gehen Beide ziemlich gleich gekleidet« erwiederte aber der junge Bursch jetzt mit fester und etwas beleidigter Stimme – er war nicht feige und die halbe Anschuldigung solcher Schwachheit machte ihn hoch erröthen.
»Und was that er dort, mon enfant?« lächelte der Führer.
»Das weiß ich nicht, Monsieur; als ich ihn zuerst sah, stand er aufrecht an einem Baume, im nächsten Augenblick aber, ob er nun bemerkt haben mochte daß er entdeckt sei oder aus sonst einem Grund, schien es mir als ob er sich auf den Boden niederdrücke, oder sich bücke, aber er blieb verschwunden, und ich stand etwa fünf Minuten vergebens da, sein Emporrichten wieder zu erwarten.«
»Er wird Lichtnüsse gesammelt haben« lachte Lefévre, »die liegen dort in Masse im Wald herum; oder er hat sich zum Schlafen niedergekauert. Und sind Sie hingegangen um zuzusehn was aus ihm geworden?«
»Nein, Monsieur,« sagte der junge Mann, »ich wollte nicht ohne Ordre den Pfad verlassen, und Ihnen vor allen Dingen die Meldung machen.«
»Es ist gut – haltet hier einen Augenblick – ich will selber mit zurückgehn und sehn was es war – wir sind gleich wieder da« und dem Cadetten einen Wink gebend, der ihm rasch voranschritt, suchte er mit ihm die vielleicht zweihundert Schritt entfernte Stelle wieder auf, wo der junge Mann behauptete den Insulaner gesehn zu haben. Dieser fand auch die Stelle ohne Schwierigkeit wieder, bezeichnete dem Führer ihrer kleinen Schaar den Platz, und kroch dann selbst voran durch die Büsche dem Stamm zu, an dem die Gestalt gestanden haben sollte. Lefévre folgte ihm, vorsichtig dabei rings umhorchend, ob sie nicht doch vielleicht den schlauen Feind in der Nähe hätten, und auf dem Boden zugleich nach frisch eingedrückten Spuren suchend. Der Grund war hier weich und dicht mit Laub und Moos bedeckt, und an manchen Stellen von den silbergrauen Tutuinüssen[6], der Frucht welche die Eingeborenen als Lichter brennen, wie überstreut. Hier ließen sich auch in der That die Eindrücke eines Fußes erkennen, ein Verfolgen derselben war aber, noch dazu in dem düsteren Schatten des Hochwaldes, wenn nicht unmöglich, doch sehr schwierig, und würde ihnen hier nutzlos viel Zeit gekostet haben; davon glaubte aber Lefévre überzeugt zu sein, daß die Fährten gerade dorthin zurückliefen, von wo sie herkamen und es blieb deshalb viel wahrscheinlicher daß der einzelne Wilde, den sie hier vielleicht überrascht hatten, scheu und erschreckt Bewaffneten zu begegnen, sein Heil in der Flucht gesucht und ihnen dann schwerlich mehr lästig fallen würde, als daß es ein ihnen auflauernder Spion gewesen. Keinenfalls ließ sich jetzt etwas an ihrem einmal gefaßten Plan ändern, und der Zwischenfall hatte wenigstens das Gute, Lefévre aufmerksam auf die doch möglichen Gefahren gemacht zu haben, die ihrer noch hier warteten.
Rasch holten sie jetzt den kleinen Trupp wieder ein, der sich indessen in dem kühlen Schatten eines mächtigen Mapebaumes gelagert, und aufsprang, als die Officiere zurückkehrten. Die Entfernung zu der bezeichneten Schlucht war aber nun auch gar nicht mehr so weit, und die zur Landmark dienenden Palmen konnten sie schon deutlich auf dem Felsenkamm erkennen.
Hier lag das Thal noch ziemlich breit; über losgerissene und schon wild genug umhergeworfene und oft rund und glatt gearbeitete und gewaschene Felsstücken hin kam der Waldbach wohl funfzehn bis achtzehn Schritt breit, toll und sprudelnd hernieder gesetzt in gewaltigen Sprüngen, den weißen Schaum aufwühlend aus cristallenem Grund, und nach dem Moos aufspritzend und daran zerrend, das sich der felsige Uferdamm wohl seit langen langen Jahren aufgesetzt, und die Schulter jetzt gegenstemmt gegen den muthwilligen, seinen Hauptschmuck zu wahren. Hier an einer steilen, schroffen Wand niederwaschend, von deren verwitterten Seiten bunte Farn- und Schlingpflanzen niederhingen und ihre Spitzen in der Fluth kühlten und tränkten, brach er sich wieder, als ob des Spieles müde, durch den felsigen Thalboden freien Weg zu dem anderen Hügelhang, hier sich eine mächtige Wurzel losspühlend und hin- und herreißend in seinem Strom, dorten sich selber einen Stein in das Bett rollend, den kecken Sprung hinüber zu thun, von dem sich die kleinen Wellen dann plätschernd und lachend erzählten, wenn sie die wieder frei gewordene Bahn blitzesschnell und das Sonnenlicht mit ihren Armen fangend, niederglitten, bis drüben ein anderer Fels ihrem Ansprung die breite Stirn bot und sie auf's Neue dem finsteren Nachbar hinüberschickte. Und Blumen und Früchte aus einem kälteren Klima nieder, weit oben aus den starren wild zerrissenen Schluchten trugen sie in's sonnige Thal, und spühlten sie leise an die moosige Uferbank; seltsam geformte, mit faserigem Netz überzogene Nüsse, phantastisch gezeichnete und gezackte Blätter und Blumen, von wunderbarem Farbenschmelz und Duft, sonderbar gewundene farbige Schlinggewächse, wie sie das wärmere Thal nicht erzeugte, und das badende Mädchen unten am Meeresstrand fing sie auf, schmückte sich damit, und dankte heimlich, aber ganz heimlich daß es um Gott die finsteren Mi-to-na-res nicht erfuhren, den freundlichen Geistern dafür, die ihm die Blumen oben von unwegsamer Klippe gepflückt und niedergesandt, in dem murmelnden Strom.
Und hoch und gewaltig thürmten sich die Bergmassen an beiden Seiten in steilen, von einander gerissenen Wänden[7] empor, als ob ein Gott den Berg gefaßt und zersplittert mit Riesenfaust, und dann seinen grünenden wehenden, blüthendurchwebten Mantel darüber geworfen hätte. Rankige Lianen flochten sich da von Klippe zu Klippe hin, in schwingenden Festons die Brücke bildend zwischen Baum und Wand und buschige Blumentrauben nieder schaukelnd in Moos und Farrenkraut. Palmen gediehen hier oben fast gar nicht mehr, oder standen nur spärlich und zerstreut; hoch aber auf der einen Wand, die sich viel hundert Fuß ein einziger schroffer aber dicht mit Moos und Kraut überzogener Fels gen Himmel streckte, standen am äußersten Rand, schüchtern in die schwindelnde Tiefe schauend, über der ihre Wipfel hingen, drei einzelne schlanke Palmen, an deren zähen Stämmen schon mancher wilde Sturm seine Kraft versucht, aber die mächtigen Bäume, je toller er an ihnen gerüttelt, nur um so tiefer und fester in den Boden gewurzelt hatte. Grad' an ihnen vorüber aber, und selbst aus ihrer Mitte heraus, sprang mit einem kecken Satz, sein moosiges Bett hinter sich lassend, wie der Wanderbursch die stille freundliche Heimath, ein wilder funkelnder schäumender Bergquell, mitten hinein in das helle rosige Licht, das ihn mit seinen buntesten schimmernsten Farben übergoß, während die Luft ihn in ihren Armen fing und den tobenden wilden Gesell in tausend und tausend blitzenden Perlen faßte und ein funkelnder Regen in das Thal hernieder sprühte.
Es war ein wunderherrlicher Morgen und der Thau, der noch im kühlen schattigen Thal in glitzernden Perlen auf der dichten Moosdecke lag, spiegelte in einzelnen zuckenden schillernden Lichtern den Sonnenstrahl wieder, der sich mühsam seinen Weg durch dichtbelaubte, eng in einander gereckte Zweige gebrochen, und wunderliche Schatten über das gelbe feuchte Laub am Boden warf. Und die kleine blaue Eidechse mit den klaren klugen Augen schaukelte sich auf dem schwanken Halm herüber und hinüber, und hei wie rasch sie sich in das raschelnde Laub hinunter fallen ließ und mit blitzschnellen Füßen über das weiche thauige Moos hinschoß, als sie die Menschen in ihrer Nähe gewahrte, eine schmale dunkelgrüne Spur auf die, mit schimmernden Tropfen besetzte Moosdecke ziehend. Hoch oben aber in den Lüften, still und wie fest gebannt in der klaren ätherreinen Luft mit den scharf und kühn geschnittenen Flügeln stand einer jener schlanken prächtigen Fischadler, den die Seeleute den man of wars bird, oder den Kriegsschiffvogel mit wirklich bezeichnendem Ausdruck nennen, als ob er verlangend in das sonnige Thal hernieder sähe und doch nicht wage, so keck und zuversichtlich er auch da oben durch die Lüfte strich und sich seine Beute mit kühnem Stoß selbst aus der klaren Fluth heraus holte, in das ihm fremde Element von Busch und Baum und Felsgestein einzutauchen.
Lefévre hatte seinen kleinen Trupp hier wieder halten lassen; er schien noch nicht ganz fest davon überzeugt zu sein, daß die andere Patrouille auch den Rückwechsel erreicht habe, und die ganze Expedition hätte in dem Fall ja scheitern können. Nach einer Viertelstunde endlich, selber ungeduldig sein Ziel zu gewinnen, brachen sie wieder auf, ohne auch nur dem mindesten Verdächtigen zu begegnen, und erreichten so den Eingang des von Jim bezeichneten schmalen Thales, das hier gewissermaßen die Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf dieser wie jener Seite ausmündete. Oben darin, und gegen den hier durch ziehenden Passat durch einen breiten Felsvorsprung, wie ein vollkommen verwachsenes und kaum durchdringbares Orangendickicht geschützt, stand eine kleine Hütte und es hieß daß sie sich in letzterer Zeit, seit er Papetee und die Französische Sache verlassen, Utami zu seinem Aufenthalt gewählt habe, um von hier aus gewissermaßen die Operationen in beiden Thälern überwachen und leiten zu können.
Hier, als sie den Bergstrom wieder durchschritten, ließ Lefévre seine Leute auf den rollenden Felsmassen hin, die keine Spur bewahrten, einen Theil noch weiter aufwärts rücken den Eingang zum Thal vollkommen zu beherrschen und, falls ja ein einzelner Indianer oder ein Trupp hier vorüber ziehen sollte, sie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, sich abseits vom Pfad so lange still und verborgen zu halten, bis er entweder selber wieder zurückkehre oder ihnen das Zeichen zum raschen Vordringen durch einen abgefeuerten Pistolenschuß gebe. Die größte Vorsicht, denn sie hatten es mit einem schlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei zur Pflicht, und er selber schlich sich dann, dem Fähndrich indessen das Commando überlassend, auf ihm vollkommen gut bekannten Pfaden, am Berge aufwärts, oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort aus den verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maßregeln konnte er dann leichter und sicherer danach nehmen.
Den steilen Hang der die Thäler von einander trennte, kletterte er so, mit dem gespannten Pistol in der Faust, einem etwa gelegten Hinterhalt nicht allein gerüstet entgegentreten zu können, sondern auch zugleich das Zeichen zum Herbeistürmen der Seinen zu geben, langsam und vorsichtig hinan; aber nicht das Mindeste ließ sich hören – der Omaomao flötete hier im Blüthenbusch so ruhig und ungestört, als ob noch nie der Fuß des Fremden seinen Frieden gestört, das Heiligthum seines stillen Waldes entweiht habe, und die schnelle raschelnde Eidechse im Laub, mit dem Summen der Grillen oder eines einzelnen schimmernden Käfers, war der einzige Laut, der sein Ohr traf, sein Auge aber immer rasch und vorsichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den ersten Abhang, der wie eine Art Terrasse an dem jetzt steil und unersteigbaren Felsen hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit bröckliger Lavamasse gefüllter Pfad schlängelte sich hier entlang, der die Verbindung des Hauptthals mit dem Osten der Insel unterhielt.
Rasch folgte er diesem, von keinem hindernden Dickicht mehr belästigt, um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrückter Schrei seine Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden Felsen, an dem sie gelehnt, gedeckt, stand die Gestalt einer Frau – stand Aumama – sein Weib und auch sie preßte erschreckt und todtenbleich beide Hände auf das, oh wohl so ängstlich pochende Herz als sie den Mann erkannte, der ihr das größte, schwerste Leid gethan.
»Aumama« flüsterte Lefévre bestürzt, und das Blut schoß ihm in vollen Strömen in Stirn und Wangen, »was, zum Henker, treibst Du hier, Mädchen, daß Du im Wald Versteckens spielst? – wo kommst Du her und was thust Du hier allein? oder ist noch Jemand bei Dir?« setzte er rasch, einen forschenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu.
»Also Du – Du bist es« seufzte aber die Frau aus tiefster Brust, und wehmüthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine seiner Fragen zu beantworten, ja ohne sie vielleicht gehört zu haben, »Du, der sich mit der Waffe in der Mörderfaust in unsere Berge schleicht, neues Unheil zu bringen dem armen, schon überdies mishandelten Lande? – Oh was haben wir Dir denn gethan?« setzte sie rascher und bewegter hinzu, »daß Du uns so unablässig verfolgst – ist es nicht genug daß Du die Ueberzeugung mit Dir nimmst ein Wesen elend gemacht zu haben auf der Welt?«
»Unsinn, Unsinn Aumama« sagte Lefévre kopfschüttelnd, »was fehlt Dir heute Mädchen, daß Du so tolles Zeug schwatzest, Du wirst Dich ohne mich so wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan hast; aber sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und möchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; sind deren in der Nähe?«
»Was suchst Du hier? – was willst Du bei uns? –« frug aber jetzt das Weib, sich mit fester Hand die Locken aus der Stirn werfend und den dunklen, thränenschweren Blick forschend auf ihn geheftet – »was trieb Dich mit der gespannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein schwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furchtlos gehe? – war es das böse Gewissen das Dich hinaus jagte aus den sicheren Wällen Deiner Freunde? – ha dem entgehst Du nicht, und die Kugel, die sich tückisch und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt – schützt und rettet Dich nicht vor dem.«
»Ich habe mich verirrt, Aumama« sagte Lefévre, das Pistol dabei in Ruhe setzend und in seinen Gürtel zurückschiebend – »ich bin vom Wege abgekommen.«
»Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle« sagte die Frau ungläubig, ja fast zornig mit dem Kopf schüttelnd, »wo wir hundert Mal zusammen den Berg erstiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite sonnenblitzende See hinausgeschaut? – Es ist aber doch möglich daß Du den Weg vergessen« setzte sie dann mit leiserer weicher Stimme und fast wie traurig hinzu – »vergaßest Du doch alles Andere was Du damals gesprochen.«
»Und wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Hütte oben, Aumama?« frug Lefévre, der nicht allein jene Erinnerungen zu vermeiden wünschte, sondern dem auch daran lag, jetzt zu erfahren was er wissen mußte, wollte er nicht die Zeit hier leichtsinnig und nutzlos verstreichen lassen.
»Was hast Du mit dem alten Haus?« sagte Aumama aber finster – »was kümmerts Dich, ob es bewohnt ist oder leer steht. Nein, kehre zurück Mann in Deine Stadt – kehre zurück zu den Deinen – ich und die Kinder haben Dir verziehn – Gott hat es so gewollt, doch laß uns unseren Frieden. Ich wollte mich rächen einst an Dir – die Zeit ist jetzt vorbei, und während ich gerade dachte daß an solcher Stelle, die der Erinnerungen so viele und – so wehe für mich hat – der Zorn und Haß die Ueberhand gewinnen müsse, stimmt es mich weich und weibisch – gehe fort.«
»Utami wohnt jetzt in dem Haus – ich weiß es – ist er allein? – ich möchte ihn sprechen wenn es irgend geht –« sagte Lefévre, der dem Weibe wohl ansah daß sie mehr wußte als sie eigentlich sagen wollte.
»Du möchtest ihn sprechen? und weshalb?«
»Vielleicht bring ich ihm Frieden.«
»Oh, wer Dir trauen dürfte« sagte die Frau, tief aufseufzend – »aber« – setzte sie dann rascher hinzu – »willst Du allein zu ihm gehen?«
»Ich habe nur noch einen Knaben bei mir, den ich zurückließ und erst dann holen will.«
»Nur einen Knaben?« frug die Frau und ihre Augen hafteten scharf und forschend auf dem scheu sie meidenden Blick des Feranis. »Nur einen Knaben? und weshalb ließest Du den zurück? hattet Ihr nicht Beide Platz im Pfad?«
»Ist Utami allein?«
»Nein, noch ein anderer Häuptling ist bei ihm.«
»Kennst Du seinen Namen?«
»Fanue!«
»Von Tairabu« – rief Lefévre schnell, »und hat ihn Niemand hierher begleitet?«
»Wen wolltest Du noch?« frug Aumama lauernd, und die Augen blitzten Haß und Eifersucht auf den Verräther.
Wäre Lefévres Auge nicht dem Blick des Weibes ausgewichen, er hätte sich die Frage ersparen können, so aber sagte er mit erzwungener Gleichgültigkeit, und dabei mit dem Heft seines Pistols spielend.
»Ich meinte nur ob Nahuihua, das spröde wilde Ding von Tairabu vielleicht mit herüber gekommen wäre Dich zu besuchen.«
»Ja – sie ist da« hauchte Aumama, und die Unterlippe leicht zwischen die beiden Reihen ihrer perlenreinen Zähne gepreßt, die Augen fest und forschend auf den Fragenden geheftet, stand sie da, halb abgewandt von ihm, als ob sie fliehen wolle und doch nicht von der Stelle könne – dürfe.
»Sie ist da?« rief aber Lefévre rasch und unbedachtsam mit freudestrahlenden Blicken, und unwillkürlich fast machte er eine Bewegung nach vorwärts, aber sich besinnend setzte er hinzu – »doch einerlei – ich darf auch meinen Begleiter nicht im Stich lassen und muß den holen – leb wohl Aumama – doch vielleicht sehe ich Dich nachher noch wieder und – und Mädchen, wenn Du etwas brauchen solltest – wenn Dir irgend etwas fehlte, was ich Dir schaffen kann – laß mich's wissen in Papetee, und wenn's in meinen Kräften steht, sollst Du's haben.«
Aumama erwiederte Nichts, und sah ihn lange schweigend an; wie er ihr aber freundlich zunickte und sich wandte, den Pfad wieder zurück zu gehn, rief sie ihm nach und sagte leise:
»Bleib hier, Lefévre – gehe nicht wieder hinunter in's Thal. Willst Du wirklich mit Utami sprechen und will Dein Mund Frieden bringen und Freundschaft, so komm mit mir – allein, wie Du da stehst und gehst. Ich gebe Dir mein Wort, sicher sollst Du die Hütte betreten, sicher Papetee wieder erreichen – mit meinem eigenen Blute hafte ich Dir für das Deine. – Komm und ich will Dich führen, wie in früherer Zeit, und kein Groll soll in meinem Herzen Raum haben für Dich, kein Schlag desselben soll gegen Dich gerichtet sein.«
»Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorschlag jetzt nicht annehmen kann; ich weiß Du bist immer gut und freundlich gewesen« sagte Lefévre, »und es freut mich jetzt daß Du ruhig geworden und vernünftig. Sieh, wir haben das ja auf den Inseln auch in hundert anderen Beispielen und Fällen, daß ein Mann seine erste Frau verlassen und die jüngere Schwester derselben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr abredest, wird sie sich auch nicht länger sträuben, und vernünftig sein.«
»Wer?« sagte Aumama, aber so leise, daß Lefévre wirklich nur an der Bewegung ihrer Lippen errieth daß und was sie gesprochen.
»Nahuihua, närrisches Kind« lachte er, leise ihre Wange streichelnd, aber sie fuhr von der Berührung zurück, als ob er ein Messer auf sie gezückt hätte – »willst Du ihr zureden?«
»Ja« hauchte die Frau.
»Und es soll auch Dein Schade nicht sein, Aumama« flüsterte der Mann – »nun, nun, hab' keine Angst vor mir – fürchtetest Dich doch sonst nicht wenn ich Dir nahe kam. Aber ich muß fort« – setzte er rascher hinzu, »und meinen Kameraden holen – sage indessen nicht daß Du mich gesehen hast – ich will sie überraschen.« Und mit flüchtigen Sätzen, innerlich jubelnd über den leichten Doppelsieg dem er entgegenging, sprang er den Pfad zurück, den er gekommen, die Bewohner der Hütte noch nicht durch einen Schuß zu alarmiren, sondern seine kleine Schaar selber heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerstand gleich von vorn herein unmöglich zu machen. Es war viel besser wenn das Ganze friedlich und ohne Blutvergießen beendet werden konnte, denn die Insulaner kämpften manchmal, besonders wenn zum äußersten getrieben, wie Rasende.
Aumama blieb allein zurück, und als seine Schritte hinter der nächsten Felswand, um die sich der Pfad zog, verklungen waren, barg sie ihr Antlitz in den Händen und schien den Schmerz, der ihr in wilder Qual die Brust zu zerreißen drohte, zurückbannen zu wollen mit aller Kraft in seine alte Veste. Aber es ging nicht – zu viel – zu viel war dem armen Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thränen mußten sich Bahn brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwischen den zarten Fingern quollen sie hell und perlend vor und tropften heiß und brennend nieder auf das kühle Moos, das sie gierig auftrank, die Gramesboten.
Aber fort – fort mit den Gedanken – mit einem Wurf ihres Hauptes schleuderte sie die Locken aus der Stirn, die Thränen von den Wimpern, und sich hoch und stolz emporrichtend blickte sie wild und zornig umher. Er war fort – fort die Genossen zu holen in feiger Hinterlist, wie schon die ausgesandten Boten lang vorher gemeldet, und mit flüchtigem Fuß floh sie den Pfad hinauf, der Hütte zu, von der aus jetzt rechts und links bewaffnete Krieger hinausschlüpften – hier an dem Hang hin, hinter niedergestürzten Stämmen oder dichten Büschen sich bergend, dort den Orangenhain füllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit scharf geladener Waffe in die Felsen vertheilt und Klippen der Bergeswand – regungslos wie selber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb.
Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfüßig und rasch den weichen Berghang emporsprang, sicherem Sieg entgegen, und auf der Bergesspitze wieder wie vorher stand Aumama, die Hände fest und krampfhaft auf der Brust gekreuzt, das Auge stier und thränen-, die Wangen von Blute leer – und jetzt? – die Feranis stutzten und horchten dem fremden Laut.
»Uupa – uupa!« klang es leise von Kluft zu Kluft.
»Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen« lachte Lefévre, den Degen aus der Scheide reißend, »und dort auch steht Aumama, ihres Wortes getreu – ich bringe Besuch, mein Schatz.«
»Er ist willkommen« entgegnete das Weib mit eisiger Kälte, aber ihre Stimme drang kaum zu dem Ohr des Führers, als es ein anderer, herberer Laut begrüßte. Ein gellender Schrei brach aus Waldesschlucht und Berg – das ganze Thal schien einzustimmen in den furchtbaren Ton und mit scharfem tödtlichen Krach prasselte eine unregelmäßige Salve Kleingewehrfeuer drein.
»Verrath!« schrie Lefévre und sprang, die blanke Waffe in der Faust, auf Aumama zu; aber eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen splitterte an einem vorgehaltenen, seinen Hieb parirenden Büchsenlauf, und im nächsten Augenblick traf ihn selbst das schwere Eisen an die Stirn, daß er mit dumpfem Todesschrei zusammenbrach.
Ha, wie sie flohn – den Berg hinab durch Busch und Strauch, ihre Waffen lassend, wenn sie ein Busch faßte und hielt, blind und taub in den Strom hinein, dessen schlüpfriger Grund ihnen die Füße fortriß und sie gegen die schleimigen glatten Felsblöcke warf, bis sie sich halten konnten – halten, um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer stehn zu sehn, wie er den Speer mit gellendem Lachen in der Faust schwang und schüttelte, und zum Todeswurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz sandte, der Fluth die Leiche überlassend. Nach rechts und links stoben die wenigen Menschen, wie ein Volk aufgescheuchte Hühner auseinander – in Verzweiflung suchten sie an der steilen Wand emporzuklimmen, die sie zurückwarf in die Arme der Rächer, oder den Pfad entlang mit flüchtigen Sohlen dem flüchtigeren Feinde zu entgehn – umsonst; Speer oder Kugel traf sie ehe sie den dichteren Busch erreicht, oder wild tättowirte Gestalten tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und schlangen mit gellendem Jubelruf ihre Arme um sie, die Entsetzten niederreißend mit sich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit scharfer Wehr.
Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und stand, den Säbel in der schwachen Faust, die Linke drohend ein Pistol gespannt, den Rücken gegen einen Fels gepreßt, noch ernst und trotzig da, dem Schlachten, das er nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe, den Lefévre erst vorher gehöhnt, und zwar mit Zügen, aus denen jeder Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entschlossen blitzenden Augen, die nur zu deutlich eher den Tod als Schande suchten.
Drei der Eingeborenen sprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu entreißen und seine noch feine klare aber feste Stimme warf ihnen ein trotziges »zurück« entgegen.
»Schont ihn!« bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu schützen – »es ist nur ein Kind!«
»Aber ein ausgewachsenes!« schrie der eine Wilde, der schon Blut gekostet – »ergieb Dich!« und mit jähem Schwung hob er den gewichtigen Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag – da blitzte aus der aufgeworfenen Hand des jungen Burschen ein scharfer Strahl, dem der dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz fast knickte die riesige Gestalt vor ihm zusammen, die Waffe stürzte prasselnd auf den steinigen Boden nieder und der Körper taumelte schwerfällig – eine Leiche – den steilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren für die junge Hand; wohl schleuderte er dem nächsten mit glücklichem Wurf das Pistol gerade in's Gesicht, sich dessen auf kurze Frist erwehrend, wohl hieb die scharfe Klinge mit sicherer Hand geführt, tiefe Wunden in den nackten Leib des Anderen, und hätten sie Alle gefochten wie das Kind, manch Indianische Mutter würde an dem Abend ihre Wehklagen haben singen müssen über den Körpern der Erschlagenen; doch die Kräfte gaben aus, und wie Aumama vorsprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem eigenen Körper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von sicherer und gewaltiger Hand geführt, die Brust des Unglücklichen, der todt zusammenbrach, und nicht Einer von dem ganzen Trupp kehrte zurück, die Schrecken jener Stunde zu erzählen.
»A hi a nu!« ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge und die dunkle Schaar sammelte sich unten im Thal; von allen Seiten rannten sie nieder, die Waffen in der Faust, und hohe trotzige Gestalten führten sie an zum neuen Kampf. »Nach Papetee« jubelte ihr Kriegeslied in einer der alten heidnischen Weisen – »nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen mit scharfer Waffe – nach Papetee!« und die Erschlagenen zurücklassend wo sie ihr Geschick erreicht, zog die Schaar, anwachsend aus jeder Schlucht, wo andere Trupps in Versteck gelegen, das Thal hinab, dem einstmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind hinaus zu treiben oder zu vernichten.
Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leisem scheuen Gang schritt sie zwischen den Erschlagenen hin – schaudernd wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand bergend vor dem entsetzlichen Anblick – zu der Stelle zurück, wo der Mann lag der ihr einst Treue geschworen, und deren Bruch mit seinem Tod gezahlt.
Todt – allmächtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerschmettert, das sie auf ihrem Schoos so oft gewiegt – und diese Lippen, die sie tausend und tausend Mal geküßt, so blutig – so kalt und blutig. Arme, arme Aumama, mit dem Tod des Mannes war auch der Haß, die Rache hingestorben, und bitter klagend saß sie bei der Leiche – sich selbst beweinend und die armen, verlassenen Kinder.
Mit der gebrochenen Waffe des Geliebten grub sie dann ein Grab; sie stach die lockere Erde auf und warf sie, mühsam und beharrlich mit den Händen hinaus – Stunde nach Stunde, und ohne Klagelaut. Von duftigem Fern pflückte sie dann ein Lager, weich und reinlich, und breitete es aus in der schmalen Gruft, und ihre Thränen flossen heiß darauf, und wie die letzte Ruhestätte ihm, der sie so unsagbar elend gemacht, bereitet war, trug sie, die letzten Kräfte anspannend, allein die Leiche hinein in ihr einsam Bett, deckte das blutige entstellte Antlitz mit ihrem Schultertuch und breitete Blumen und Blüthen über den Entschlafenen.
Unten vom Strand aus donnerten die Feuerschlünde der Feranis, und der Schall brach sich dröhnend sein Echo aus den steilen Schluchten, aber sie hörte es nicht; an dem offenen Grab saß sie, in Schmerz versunken und dachte der schönen Zeit zurück, die sie mit dem Gerichteten verlebt – was er gefehlt, was er verbrochen – sein Tod hatte das Alles gesühnt; mit dem Blut war die Schuld fortgewaschen von seiner Seele und nur der Geliebte lag ihr noch da, der Hingeschiedene – der Vater ihrer Kinder, das Ein, das Alles des armen Weibes. Oh wie hatte sie ihn so glühend gehaßt als er sie verließ der eigenen Schwester wegen, wie hatte ihr Herz so heiß und wild nach Rache gedürstet, an dem Verräther – und jetzt? der Haß war hingeschmolzen wie der Brandung Welle am starren Riff, hoch drohend und Verderben sprühend in ihrem Anprall, und das Ziel erreicht – zerfließend wieder in klare ruhige Fluth mit tausend blitzenden Thränenperlen nur auf der glatten Fläche.
Arme, arme Aumama – und wie sie sich über das Grab hinüberbog sang sie mit leiser Stimme die Todtenweise ihres Stammes, das letzte Joranna dem Hingeschiedenen.