»Die Sonne blitzt auf Dich herab,
Und Du bist todt.
Sie scheint Dir in das offne Grab
Und Du bist todt.
Die Vögel singen rings im Laub –
– Du hörst sie nicht – Dein Ohr ist taub
Joranna, Lieb, Joranna.
Ich ruhte einst in diesem Arm,
Und Du bist todt.
Ich lag an diesem Herzen warm,
Und Du bist todt.
Du hast mich schwer, ach schwer betrübt,
Doch heißer hab ich Dich geliebt
Joranna, Lieb, Joranna.«

Capitel 6.
Der Angriff auf Papetee.

Durch das Absegeln zweier Kriegsschiffe nach den Marquesas-Inseln war die französische Macht in Papetee sehr geschwächt worden, und in der That fingen auch an Provisionen zu fehlen, da die feindlich gesinnten Eingeborenen nicht allein keine Produkte mehr einbrachten, sondern auch die den Feranis freundlich gesinnten daran verhinderten, und nicht selten Einfälle selbst in die Stadt machten, ihre Häuser zu zerstören und ihre Fruchtbäume nieder zu schlagen oder zu tödten. Die Befestigung von Papetee selber war ziemlich gut und stark, aber zu ausgedehnt für die jetzt schwache Besatzung; die verschiedenen Bastionen konnten nicht alle gleich stark vertheidigt werden und es war hier wirklich mehr die Furcht die der Eingeborene vor den Kanonen der Feranis hatte, auf die sich der kecke Leichtsinn, ja die Tollkühnheit derselben verließ, mit wenigen hundert Mann, nicht einmal aller Bewohner in Papetee sicher, dem Angriff der ganzen Insel begegnen und ihren keineswegs so unbedeutenden Waffen Trotz bieten zu wollen.

Ein Handstreich war möglich, und zwar durch die Gefangennahme der Häuptlinge, denn in dem Volke selber lag kein rechter Trieb zum Widerstand, – wie sie gleichgültig die fremde Religion angenommen, würden sie es auch mit der Regierung gethan haben, wären die Eroberer in den einzelnen Stellen nicht eben zu schroff aufgetreten, und hätte die zugleich bedrohte Religion nicht durch ihre Priester stacheln helfen, dem sich der Häuptlingsstolz dann beigesellte. Eine wirkliche Schlacht, wo sie nicht unbedingt nöthig war, mußten die Franzosen aber jetzt sorgfältig vermeiden, denn jeder Mann den sie verloren schwächte ihre kleine Garnison um einen wichtigen Theil, und gab den Feinden größeren Muth und Selbstgefühl; ja der Gouverneur bereute schon fast die Expedition hinaus gesandt zu haben, selbst solchen Zweckes wegen, und sandte in einer Zeit, wo er glauben konnte daß sie ihr Ziel erreicht haben mußten, und die Aufmerksamkeit der Insulaner vielleicht noch mehr dadurch von ihnen abgelenkt wurde, zwei stärkere Trupps nach, die Patrouillen in ihren Bewegungen zu unterstützen, oder ihren Rückzug wenigstens zu decken.

Die erste, so ausgesandte Colonne traf, wie schon erzählt, auf die retirirenden Landsleute und zog sich mit diesen, nicht weiter als durch einzelne harmlose Schüsse behindert, auf Papetee zurück, die andere aber kam wenig über die nächste Umgebung der Stadt hinaus, denn ein dort im Hinterhalt liegender Schwarm von Eingeborenen, der jedenfalls schon von ihren Bewegungen vorher Kunde gehabt, griff sie in wilder ungebändigter Wuth an und zwang sie, von dem Terrain und seiner Ortskenntniß begünstigt, sich mit dem Verlust einzelner ihrer Leute, die sie nicht einmal im Stande waren mit fortzunehmen, auf die Stadt zurück zu ziehen.

Die kleine Garnison wurde natürlich durch diesen halben Angriff vollständig alarmirt. Die Wälle waren besetzt, die Kanonen geladen und gerichtet, und marschfertige Patrouillen zogen hin und wieder, die verschiedenen Punkte zu revidiren und Hülfe zu bringen wo sie Noth thun sollte.

In dem Caffeehaus des Franzosen Victor waren eine Anzahl Officiere versammelt, die von den verschiedenen Punkten eben Nachricht eingeholt und ihr frugales Mittagbrod mit einem, schon selten gewordenen Glase Claret würzen wollten. Auch René hatte sich hier eingefunden, saß aber still und allein, die Arme auf der Brust verschränkt, das kaum berührte Glas vor sich, und schien nur halb der lebendigen Beschreibung Adolphes zu lauschen, der seine Abenteuer an dem Tage, das Ende des Piraten und den von den Feinden so oft und hartnäckig bestrittenen Rückzug erzählte.

»Diable!« rief da Einer der älteren Officiere, »die Burschen machen bei Gott Ernst, und wir mögen nur immer unseren Wein austrinken, denn wer weiß ob uns nicht in der nächsten Minute die Lärmtrompete schon wieder an unsern Posten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber mit den Officieren gehts noch knapper, und wenn sie noch ein paar von uns wegputzen, können wir uns nur Unterofficiere zu dem Geschäft abrichten.«

»Wißt Ihr schon daß die Jeanne d'Arc in diesen Tagen, wenigstens in nächster Zeit, ebenfalls segeln wird?« frug Bertrand.

»Das fehlt auch noch« riefen Andere, »dann doch sicher nicht, bis sie uns andere Schiffe zum Ersatz geschickt; wenn man nicht hier sich wenigstens den Rücken frei wüßte, möchte der Teufel einer ganzen Insel voll gut bewaffneter Indianer die Stirn bieten. Springen sie uns einmal über die Wälle und wir haben kein Schiff hier das ein paar Kugeln herüber werfen und uns im schlimmsten Fall an Bord nehmen kann, so sind wir alle zusammen verloren.«

»Wein her, Victor, Wein! aber rasch – es wird uns nicht mehr viel Zeit bleiben der Ruhe zu pflegen« rief ein junger Artillerie-Officier, der eben das Zimmer betrat, seine Mütze auf den Tisch und sich selber in einen Stuhl warf, »Tod und Teufel, ich glaube die Burschen machen Ernst.«

»Was giebt's Luçon?« frugen fünf, sechs Stimmen auf einmal – »neue Nachrichten? – ist Lefévre zurück?«

»Nichts zu hören von ihm und zu sehen, möchte nicht in seiner Haut stecken« rief der Neugekommene, sich ein Wasserglas rasch voll Wein schenkend, daß es über und auf den Tisch spritzte – »aber einen Gefangenen haben sie eben eingebracht, der hier in Papetee herum spionirte und von Rüstungen spricht, die an Point Venus wie an der östlichen Seite von hier statt finden sollen. Wir selber haben jetzt Spione nach beiden Richtungen abgeschickt und sobald die zurückkommen und das Ausgesagte betätigen giebt's jedenfalls Arbeit.«

»Was fehlt Dir nur heute, René?« sagte Adolphe, der sich jetzt zu ihm gesetzt hatte und seine Hand ergriff – »Donnerwetter Kamerad reiß Dich heraus aus den Grillen und sei endlich einmal wieder ein Mann, denn seit ich Dir heute von Belards erzählt, kommst Du mir wahrhaftig vor wie ein liebesieches Mädchen. Warum hast Du überhaupt das Haus gemieden? – sie scheinen Dich dort lieb zu haben und es würde Dich zerstreuen.«

»Es ist vergebene Mühe, Kamerad« lachte Bertrand jetzt, der zu ihnen an den Tisch trat, und wahrscheinlich glaubte, Adolphe habe ihm wieder zugeredet französische Dienste zu nehmen – »er hat den Geschmack am Handwerk verloren, das wenigste zu sagen, und wird hier ruhig sitzen und zusehn, während wir uns draußen mit dem Feind herumschlagen müssen, nur unser Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir schlafen.«

»So weit wird's nicht kommen« lächelte René – froh dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können – »die Eingeborenen sind gutmüthiger Natur, und wenn Ihr ihnen nur selber Raum zum Athmen gestattet, lassen sie Euch gern in Frieden.«

»Ja das hast Du wohl auch gemerkt?« lachte Bertrand – »die Eingeborenen sind gut genug, dagegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit denen auch zu thun hätten; die aber, die hinter ihnen stecken, die ihnen fortwährend in die Ohren schreien daß der liebe Gott in Gefahr wäre von den verdammten Baptisten geschändet zu werden, und ihnen schreckliche Geschichten vorerzählen von den Gräueln, denen ihre Seelen entgegen gingen, wenn sie dem Feind das »Feld des Glaubens« überließen, das sind die Hetzer, das die Feuerbrände, die die Gluth immer und immer wieder auf's Neue schüren. Und wenn es Männer wären, denen man mit dem Schwert entgegengehen könnte, sollte es gehn, aber es sind Weiber in langen Röcken, straf mich Gott, die mit den salbungsvollen langweiligen Gesichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn herumlaufen, und ihr fades nüchternes Gewäsch wie eine Sündfluth um sich her ausgießen, daß Einem ordentlichen Kerle schwach und weh wird. Demüthig und erbärmlich thun sie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände, und sehen so weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge, aber gieb ihnen einmal die Gewalt, laß sie sich nur oben schwimmend glauben mit einer »gläubigen Schaafheerde« unter sich, und sieh wie ihnen der Kamm wächst. »Christliches Bewußtsein« nennen sie's dann und noch anders, und Gesetze schreiben sie vor und Befehle; keine Kirche ist prächtig, keine Pfründe reich genug, keine weltliche Herrschaft soll über sie gebieten können, und keine weltliche Herrschaft giebt es dabei in die sie nicht hinein reden möchten in all ihrer christlichen Demuth. – Giftkröten!« rief er mit einem leise gemurmelten Fluch, und leerte das gefüllte Glas auf einen Zug.

»Hahahaha!« lachte ein Anderer, »Bertrand hat sich in die frommen Männer ordentlich verliebt – Dir haben sie's angetan mit ihrer unverbesserlichen Liebenswürdigkeit.«

Bertrand murmelte eine Antwort zwischen den Zähnen, indeß er sich sein Glas wieder füllte, und ging dann mit raschen ärgerlichen Schritten im Zimmer auf und ab.

»Sie sind es auch, die die Eingeborenen immer in böse Händel verwickeln« rief Adolphe, »und hast Du mir nicht selber erzählt, René, daß ohne Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hülfe, von dem ich immer noch nicht herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl ist – der Häuptling Aonui Dein Blut vergossen hätte? – wie man aber hier überall hört, ist gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Missionaire, den weit milderen und vernünftigeren Rathschlägen Utamis gerade entgegenarbeitend.«

»Zum Teufel, ja!« sagte René, die Stirne runzelnd in der Erinnerung an die, so knapp gemiedene Gefahr, »des Schuftes Aonui Schuld war's wahrlich nicht, daß ich jetzt hier noch bei einem kühlen Glas Claret sitze, und ich glaube er war wüthend genug über meine Flucht. Wenn eins mir auch den Degen noch einmal in die Hand drücken könnte gegen die Indianer, wär' es die Hoffnung dem schleichenden Hallunken zu begegnen, und ihm die Todesangst zurück zu zahlen.«

»Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hülfe noch früher in Anspruch nehmen« sagte der junge Artillerielieutnant – »wir sind so schwach an Mannschaft, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen die Wälle gar nicht ordentlich besetzen, die Geschütze nicht gehörig bemannen können, und Sie werden sich wahrlich nicht ruhig in's Kaffeehaus setzen und ihren Wein trinken wollen, während wir draußen nicht Arme und Köpfe genug finden können die Stadt und die Weiber und Kinder vor dem Einbruch der wilden, und dann auch gewiß blutdürstigen Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute Morgen, von unserem prekären Stand und der Gefahr in der wir schweben in Kenntniß gesetzt, dem Gouverneur ihre Hülfe anbieten und ihn bitten lassen, über sie ganz zu disponiren, wie er es für gut finden würde. Sie werden sich nicht wollen von Monsieur Brouard ausstechen lassen.«

»Ist es denn wirklich so arg?« rief René – »ich habe nur immer geglaubt, Bertrand und Adolphe redeten mir so zu mich wieder zum Dienst zu bringen. Es versteht sich von selbst daß ich mich der Vertheidigung der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, selbst wenn es nicht gälte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es da nöthig sein mich erst beim Gouverneur zu melden?«

»Gewiß« sagte der Artillerielieutnant, »aber wenn Sie das wollen kommen Sie mit mir, ich gehe in diesem Augenblick zu ihm, und weiß daß wir ihm Freude damit machen.«

»Dann laß Dich nur mit zu mir einrangiren!« rief Adolphe, »und wär' es nur der alten Zeiten wegen.«

»Und Atiu?« flüsterte René leise.

»Läuft Dir nicht fort« lachte der Freund, der die Worte gehört – »Mensch, danke Gott daß er Dir die Gelegenheit förmlich in den Schoos wirft Dich auszuzeichnen, und Dir eine Stellung hier auf den Inseln, wenn Du denn nun einmal Dein Leben darauf beschließen willst, zu erringen. Frankreich braucht solche Männer wie Dich zu seinen Colonieen, aber suche den Zweck Deines Lebens dann auch nicht blos in einer Bambushütte und in den Armen einer hübschen Dirne – ich bin auch kein Kostverächter, aber ich will ein Ziel haben zu dem ich aufschauen muß, eines das mir die Nerven und Adern mit Stolz und Freude füllt, dann freut mich auch ein häuslich Glück daheim, und wahrlich nur in solchen Verhältnissen kann ich es mir denken.«

»Ich kenne René gar nicht mehr« sagte Bertrand, »und glaube doch am Ende die Missionaire haben's ihm angethan.«

»Hahahaha« lachten Andere, »das wäre kein übler Spaß, wenn Delavigne Mitonare auf einer der Inseln drüben würde, und die Heidenkinder mit dem heiligen Wasser wüsche.«

»Gar nichts so Unmögliches« sagte Bertrand, »da sind schlimmere und wunderbarere Sachen vorgekommen in der Welt, und wenn er so fortliefe im alten Gleis, ständ ich ihm bei Gott für Nichts.«

»Er wird Euch zeigen ob er noch fechten kann« rief aber René jetzt, dem das Blut in Schaam und Aerger in die Schläfe stieg – »daß ich nicht muthwillig gegen die Eingeborenen fechten wollte, dafür hat ich den guten und mir selber genügenden Grund, ich bin in anderen Verhältnissen an diese Küsten geworfen als Ihr; aber treiben sie mich dazu, wie's mir jetzt fast scheint, denn ihrer Güte verdank ich's nicht daß ich noch athme, ei, dann bin ich auch meiner Verbindlichkeiten quitt und ledig, gegen die Herren von Tahiti, und so lange ich hier noch auf der Insel wohnen bleibe, will ich sie mir wenigstens mit helfen vom Leibe halten. Ob ich mich dabei wie ein Mitonare oder wie ein Franzose benehmen werde, mögen die Herren mir nachher bezeugen.«

»Bravo Delavigne – bravo!« rief es von allen Seiten und die meisten der jungen Offiziere sprangen auf ihn zu und schüttelten ihm die Hand; in dem Augenblick aber tönte draußen ein Horn – das Alarmsignal, das die beurlaubten Officiere zurück auf ihre Posten rief, und Mützen und Waffen aufgreifend, wurden die Gläser noch rasch voll geschenkt und geleert, und fort stürmten sie Alle mit flüchtigem Gruß neuen Kämpfen, neuen Gefahren, aber so sorglos entgegen, als ob sie zu irgend einem fröhlichen Feste den lustigen Reihen, und nicht schon arg zusammenschmolzene Schaaren dem unermüdlichen und ihnen an Zahl so weit überlegenen Feind entgegenführen sollten.

Der Aufstand der Eingeborenen war aber in der That nicht bloßes Gerücht gewesen, und René behielt kaum Zeit dem Gouverneur, der ihn freudig begrüßte, als Freiwilliger vorgestellt und bestätigt zu werden, als von Point Venus her die neue Botschaft kam, daß sich die Insulaner dort in einer Verschanzung festgesetzt und von da hereinbrechend einzelne Häuser der den Franzosen freundlich gesinnten Indianer niedergerissen, und die sich ihnen entgegenstellende Patrouille zurückgeworfen hätten.

Selbst auf die Gefahr hin Papetee für den Augenblick zu sehr von Truppen zu entblößen, mußten die Feinde aus dieser Stellung, die sie in der unmittelbaren Nähe der Stadt hielt, vertrieben werden, und mit wirbelndem Trommelschlag und schmetternden Trompeten sammelten sich die Franzosen in der Nähe des Missionsgebäudes, und rückten dann in dichten Colonnen dem Feind entgegen.

Der Platz wo sich die Eingeborenen diesmal festgesetzt, hieß Harpape und es schien fast, als ob sie durch diese Stellung die verhaßten Feranis nur eben aus ihren festen Verschanzungen herauslocken wollten, um sie desto wirksamer auf ihrem eigenen Terrain bekämpfen zu können. So hatten die Franzosen gerade die Missionsstation von Harpape erreicht und passirt, und die ersten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu, verschwunden, als überall aus dem Dickicht heraus das Feuern der Eingeborenen begann, deren Absicht jedenfalls gewesen war, die Feinde hier zu trennen und zu zerstreuen, und dann gemeinsam zu überfallen und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; ein scharfes Feuer wurde auf den Busch gerichtet, der den schlauen Feind verbarg, und von See aus warf ebenfalls ein kleiner Französischer Dampfer, der dort auf und nieder fuhr, die Bewegungen des Militairs zu unterstützen, Kugeln in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen schienen. Wild fuhren diese dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von einem ungesehenen, ungeahnten Feind geschleudert, eine Kugel hinein schmetterte, mitten zwischen sie, oder wie das nicht selten geschah, den Stamm einer gewaltigen Palme traf und splitterte, und der fruchtschwere riesige Wipfel dann prasselnd und krachend niederbrach über die Entsetzten.

Das Missionsgebäude lag hier mitten im Feuer, und war besonders den Kugeln des Dampfers ausgesetzt; zwei der Missionaire deshalb, die sich zu dieser Zeit gerade im Inneren desselben befanden, die Brüder Brower und Mac Kean traten auf die Verandah hinaus, um die Leute an Bord wenigstens wissen zu lassen wer sich hier aufhalte. Der Dampfer respektirte auch das Haus der Missionaire und glitt geräuschlos vorbei, erst auf der anderen Seite wieder sein Feuer eröffnend.

Gefährlicher schien für die beiden Männer, die in einer merkwürdigen Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil sie hofften dadurch die Kugeln am sichersten von sich abzulenken, nicht allein in dem gefährdeten Haus, sondern auch auf der Verandah desselben blieben, das Kleingewehrfeuer der Truppen zu werden, die sich zuerst vor den Gebäuden gesammelt hatten und nun zu einem förmlichen Angriff rüsteten. Kaum hatten sie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch von dort aufs Neue ein scharfes Feuer auf sie eröffnet wurde, und ein Theil der Truppen sprang in die Umzäunung der Kapelle oder des Bethauses, aus dieser, die aus aufgerichteten Cocosplanken bestand, eine zeitweilige Brustwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der Eingeborenen besser und nachdrücklicher abweisen zu können. Diese kamen aber nicht, sondern begnügten sich nur mit der Vertheidigung des Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gönnen, und die Franzosen, des Plänkelns müde, bei dem sie nur Leute einbüßten und dem Feind auch nicht den geringsten, wenigstens sichtbaren Schaden zufügten, sammelten sich wieder in kleinen Colonnen, die versteckten Insulaner jetzt ernstlich aus ihren grünen Bollwerken heraus zu treiben, und auf ihr Hauptlager in Harpape zurückzuwerfen.

Gouverneur Bruat selber, der indessen am Missionshaus stillgehalten, hatte die beiden Missionaire gewarnt sich dem Zufall einer schlechtgezielten Kugel solcher Art auszusetzen, und sie zogen sich demnach in die Hinterzimmer des Gebäudes zurück; Rufen und Schreien draußen und das schärfere Schießen lockte sie aber auf's Neue vor, und erst als mehre Kugeln in das Dach und die Fenster des Gebäudes selber schlugen, wollten sie sich wieder zurückziehn – aber zu spät. Mr. Mac Kean hatte sich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den Insulanern selber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn Mr. Brower taumeln und sinken sah und zuspringen wollte ihn zu halten, stürzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn allerdings nun in das Gemach hinein und versuchte Alles ihn wieder in's Leben zurückzurufen, aber die Kugel war tödtlich gewesen – er athmete noch ein paar Mal leise und – war nicht mehr.

Die Soldaten indessen, sich wenig darum kümmernd was in der Verandah des Missionsgebäudes vorging, warfen sich in kalter Entschlossenheit auf den versteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Büsche hinaus und stürmten seine Schanzen, daß er, seine Todten und Verwundeten aufraffend, in wilder Flucht sein Heil suchen mußte. Gern hätte der Gouverneur sie nun auch weiter verfolgt, wären ihnen nicht zu gleicher Zeit die von Papetee herüber donnernden Kanonenschläge eine ernste Mahnung gewesen dorthin zurück zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder hatten nämlich die Eingeborenen, nachdem sie Lefévre mit seiner kleinen Schaar erschlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff gewagt, und als das Commando von Point Venus zurückkehrte, kam es eben nur noch zur rechten Zeit, die schon zum Aeußersten erschöpfte Besatzung von den immer und immer wiederkehrenden wüthenden Angriffen der Insulaner zu befreien, die nur zurückgeschlagen schienen, um mit doppelter Wuth und ungeschwächten Kräften ihre Ueberfälle zu erneuern.

Selbst der Untergang der Sonne setzte dem erbitterten Kampfe noch kein Ziel, und die Indianer suchten besonders unter dem Schutz der Dunkelheit einige der am schwächsten besetzten Punkte zu überrumpeln, bis ein paar zwischen sie abgefeuerte Raketen und über sie geworfene Leuchtkugeln sie erschreckt zurücktrieb in ihren sicheren Wald.

René hatte sich mehrfach an diesem Tag ausgezeichnet, auch ein paar leichte Streifwunden bekommen, aber ungeschwächt dadurch dem Kampfe Stand gehalten. Das herzliche Betragen seiner neuen Kameraden dabei that ihm wohl; es erweckte wieder die alten fröhlichen Erinnerungen aus früheren Tagen, früheren Zeiten, und mit dem Bewußtsein dazu, wie er den Kampf nicht muthwillig gesucht, und eben sein eigenes Leben nur mit vertheidigen helfe, das ihm noch gefährdet sein mußte, wäre er wieder in die Gewalt Aonuis oder jener fanatischen Parthei gefallen, kam wieder all der fröhliche Jugendübermuth in seine Seele, und er horchte mit blitzenden Augen den Plaudereien der Erzählenden, von Kampf und Sieg, Avancement und Orden – Orden in blutiger Schlacht mit dem Säbel in der Faust gewonnen, und nicht im Frieden behaglich eingeknöpft.

Die strengsten Patrouillen mußten aber die ganze Nacht hindurch die Außenwerke begehn; die Posten wurden unaufhörlich revidirt, und die Truppen warfen sich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raschen Dienst bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzustehlen, und zum frischen Kampf am nächsten Morgen, an dessen Beginn keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu sein.

Sie hatten sich auch nicht geirrt; mit dem dämmernden Morgen schmetterten die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln, das Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenüberliegenden Dickichten begann schon wieder, und der Donner des schweren Geschützes von den Wällen brach prasselnd hinein in Guiavenbusch und Orangenhain, und trieb den Rauch in schwerfälligen Massen in der Niederung hin, sie mit dichten Schwaden füllend.

Die Franzosen hatten die Wälle so gleichmäßig als möglich besetzt, und der kleine Dampfer unterstützte sie dabei nach besten Kräften von der Seeseite.

Nichtsdestoweniger gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps bis in das Innere der Verschanzungen zu brechen, wo sie manche der den Franzosen ergebenen Häuptlinge und andere Insulaner erschlugen, und das Französische Missionshaus zu stürmen suchten. In wildem unerschrockenem Trupp, das Feuer der Geschütze wie die in ihren Reihen angerichtete Verwüstung nicht achtend, warfen sie sich dem ihnen an Kriegskunst und Waffen weit überlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmsignale der Französischen Truppen mußten in solchen Fällen Hülfe herbeirufen nach den am meisten bedrohten Punkte. Glücklicher Weise für die Besatzung versäumte der Feind solche Angriffe, obgleich zehnmal zurückgeworfen, weil sie fast die ganze Macht der Gegner im Widerstand fanden, an mehren Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wäre sonst unrettbar verloren gewesen; hartnäckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des Angriffs und – konnten ihr Ziel nicht erreichen.

Aber auch hierdurch wurde die kleine Besatzung mehr und mehr entkräftet; die ewigen Stürme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth geführt, während die Insulaner, Tod und Wunden nicht scheuend immer nur danach zu trachten schienen den Feind zu treffen und zu schwächen, rieben sie nicht allein auf, sondern verminderten auch schon merklich ihre vertheidigungsfähige Mannschaft, und hie und da war schon der Wunsch unter den zum Tod erschöpften Leuten, den die Officiere Mühe genug hatten zu unterdrücken, aufgetaucht, daß sie den Dampfer heranrufen und an seinen Bord wenigstens ihr Leben sichern sollten, bis französische Schiffe mit Mannschaft und Provisionen ankämen und so nöthige Hülfe brächten. Lauter wurde der Wunsch, je wilder der unermüdliche Feind ihre Wälle stürmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod erschöpften Truppen suchten den fernen Horizont nach so heiß ersehnter nöthiger Hülfe.

»Ein Segel!« wie ein elektrischer Schlag ging der Ruf durch das ganze Lager – »ein Segel am Horizont« – ein Kriegsschiff das uns Hülfe – das Verstärkung bringt – ein Kriegsschiff das schon mit dem Namen den kecken und übermüthigen Feind einschüchtert und zurück in seine Berge jagt, der bis jetzt zu glauben schien die wenigen Truppen seien allein zurückgelassen, die Insel im Besitz zu halten, und wenn sie die wieder vertrieben oder erschlügen, wären sie auf's Neue die Herren ihres Landes. Die Europäer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzählt haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr, um die östliche Landspitze her, schon in gar nicht mehr so großer Entfernung sichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls für ein ihnen günstiges Omen, denn wenn die Franzosen hier wirklich allein zurückgelassen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes als ein englisches sein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde zu werfen und zu vertreiben, ehe fremde Hülfe selber gekommen sei.

Die beiden wichtigsten Anführer der Insulaner an diesem Tag waren aber der wilde Häuptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem seine prächtige Hautfarbe wie riesige Kraft diese Auszeichnung verschafft hatte. Pompey besonders, während der Indianer mehr eine stille, mehr hartnäckige Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit einem wahren Jubelschrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurückgeschlagen und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das Alles nur ein leichtes fröhliches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog.

Im Osten von Papetee hatte die schon zum Tod erschöpfte Mannschaft eben einen solchen Angriff zurückgeschlagen, bei dem in der That nur ein glücklicher Kartätschenschuß den Ausschlag gegeben, der den dicksten Haufen der Feinde traf, und furchtbare Verwüstung zwischen ihnen anrichtete. So vollständig waren sie dadurch überrascht worden, daß sie selbst ihre Todten auf dem Platze ließen, so schnell als möglich die Büsche wieder zu erreichen. René und Adolphe hatten hier zusammengekämpft, und der erstere besonders sich mit so kalter Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit so unübertroffener Tapferkeit gefochten, daß ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz zum anderen galoppirte die Vertheidiger anzufeuern und etwa nöthige Anordnungen zu treffen, selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die Brust heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle seines gefallenen Vorgesetzten, avancirte.

»Du bist nun einmal ein Glückskind, René« lachte Adolphe, ihm auf die Schulter klopfend, »und Fortuna scheint Dich besonders ausersehen zu haben.«

»Fortuna ist ein Weib, Adolphe, und unbeständig, wer kann sagen wie mich die nächste Stunde findet und – ich weiß wahrhaftig nicht ob ich mich über mein unverhofftes, ungesuchtes Avancement freuen oder – oder ärgern soll.«

»Aergern?« lachte Adolphe – »Gott sei Dank, das wär' eine Ursache vom Zaun gebrochen. Aber Du hast's auch verdient, denn ich schlage mein Leben auch nicht gerade so übermäßig hoch an, doch mich solcher Art mitten zwischen die tollsten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein – und ich bin nicht verheiratet.«

Am anderen Ende der Stadt begann in diesem Augenblick, und ehe René etwas erwiedern konnte, ein scharfes unregelmäßiges Schießen, dem die Französischen Signalhörner antworteten. – Der Gouverneur selber kam in diesem Augenblick zurückgesprengt, und den Platz erreichend wo die beiden Freunde standen, rief er schon von weitem:

»Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor so rasch Sie können; unser Missionshaus ist schon genommen und es gilt jetzt, den Feind wieder zurückzuwerfen, oder Papetee ist verloren!« – und an den Schanzen hinunter sprengte er, Hülfscorps noch abzuziehn, wo sie sich irgend entbehren ließen, den bedrängten Platz zu entsetzen, während René im Sturmschritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten Kampfplatz zueilte. Und es war die höchste Zeit, denn ein wilder Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen schon genommen, die Umzäunung des erst kürzlich errichteten Katholischen Missionshauses niedergerissen und dieses gestürmt und in Brand gesteckt.

Bertrand, der nach dem Tod des ersten Lieutenants der Jeanne d'Arc zu dessen Stelle avancirt war, kommandirte hier, war aber durch die wirkliche Todesverachtung der Masse, jeden Fußbreit Boden mit Schwert und Bayonnet vertheidigend, zurückgedrängt worden, denn die ganze Macht der Insulaner schien sie wieder auf diesen einen Punkt zusammengerafft zu haben, während der größte Theil der Französischen Besatzung noch von dem letzten Angriff her an der Ostseite Papetees stand.

Hoch auf loderte die Flamme aus dem, aus leichtem Fachwerk gebauten Missionshaus in die stille Luft, und leckte und nagte an den, wie ängstlich die langen Blattarme zurückwerfenden Palmen, deren Kronen sie dörrte; und hinein in das Prasseln des Holzes und das Wirbeln der Trommeln, hinein in das Knallen des Kleingewehrfeuers und Schmettern der Signalhörner, mischte sich das Jubelgeschrei der Eingeborenen, die hier von Pompey auf der rechten, von Fanue auf der linken Flanke geführt, während Utami selber das Centrum befehligte, in wildem Siegestaumel die Feinde aus einer Hecke der Gärten in die andere trieben, und wie es schien, sich zu dem Platz durchschlagen wollten, wo die Feranis eine Art Arsenal angelegt, und einen ziemlichen Vorrath von Munition und Waffen aufgestellt hatten.

Dicht vor dem Arsenal, in dem Grundstück eines der eingeborenen Richter, der sich auf Seiten der Feranis erklärt, hinter einem festen Zaun von gespaltenem Holz, der ihnen als Brustwehr diente, hielten die Franzosen wieder Stand und vertheidigten sich mit verzweifelter Tapferkeit gegen die Uebermacht. Viele der Eingeborenen, wie Ule der Richter selber, fochten in ihren Reihen, denn sie wußten recht gut daß gerade sie zuerst verloren gewesen wären, wenn die Insulaner die Feranis schlugen. Da brach Fanue von der Rechten zuerst durch den Zaun; von zwei Bayonnetten getroffen schlug er die Feinde trotzdem zu Boden, und auf Ule zuspringend, während die Seinen nachpreßten und die Aufmerksamkeit der Soldaten von ihm ablenkten, faßte er, seine Waffe fallen lassend, den verrätherischen Richter um den Leib, und trug den jetzt laut um Hülfe rufenden mit einem Triumphgeschrei in seinen Trupp hinein. Seine Absicht war dabei wohl gewesen ihn als Gefangenen mit in die Berge zu führen, aber die Wuth der Seinen dachte nicht an Aufschub ihrer Rache und sein Flehen nicht achtend warfen sie sich, selbst trotz der Einsprache des Häuptlings, in gellendem Jubelruf auf den Gestürzten, ordentlich wetteifernd, wer Beil oder Speer, Degen oder Bayonnet zuerst in seiner Brust begraben solle.

Dadurch war aber ihre Aufmerksamkeit zu sehr von dem Angriff selber abgelenkt worden; die Franzosen hatten sich wieder gesammelt und mit Bertrand an der Spitze räumten sie noch einmal die Umzäunung. Neue Massen preßten jedoch heran, und die wenige Mannschaft hätte den Platz nicht länger behaupten können, wäre nicht in diesem Augenblick René mit seiner kleinen Schaar dem schon siegestrunkenen Feind muthig in die Flanke gefallen.

Das neue Angriffsignal von einer anderen Seite machte sie stutzen und sie wichen dem jetzt erneuten Angriff Bertrands, nicht vielleicht im Rücken von einer stärkeren Macht umzingelt und abgeschnitten zu werden.

Der rechte, von Pompey geführte Flügel sammelte sich aber rasch, und der Neger erkannte kaum den Führer des kleinen Corps, als er sich ihm auch selber entgegenwarf, mit dessen Vernichtung dem Trupp das Haupt zu nehmen.

»Hierher, Kanakas!« schrie er mit seinem kecken gellenden Lachen, die schwarzen nackten muskulösen Arme emporwerfend – »hierher und der Sieg ist unser!« und der gleich darauf gegen den jungen Franzosen mit einem riesigen Pallasch geführte Streich hätte diesem jedenfalls verderblich werden müssen, wenn René nicht mit einem raschen Seitensprung dem furchtbaren Hieb entgangen wäre. Ehe sich der Coloß aber zu einem neuen Schlage zusammenraffen konnte, und wie er eben den Arm dazu hob, fuhr ihm die scharfe Klinge des geübten Fechters durch die Achselhöhle in die Brust, und nachspringend faßte René in demselben Augenblick, die eigene Klinge fahren lassend, die Hand des tödtlich Verwundeten und entwand ihr den Pallasch, ihn jetzt blitzesschnell auf die Häupter der ihm nächsten Feinde richtend.

So rasch und gewandt war die That ausgeführt, daß die ihm nächsten Eingeborenen ihren Verlust erst begriffen, als der riesige schwarze Körper vor ihnen zusammenbrach, und das kleine Häufchen der Franzosen mit einem donnernden Hurrah und gefälltem Bayonnet wüthend auf sie einpreßte.

Der rechte Flügel wich, und fröhliches Jubelgeschrei der Franzosen füllte zugleich die Luft, denn aus der Bai herüber donnerte ein Kanonenschuß, die schwere mächtige Kugel schwirrte über ihre Köpfe und traf einen starken Brodfruchtbaum dicht unter den Wipfel, seine breiten gewichtigen Aeste auseinanderreißend, während zugleich der Ruf L'Uranie, L'Uranie! neue Hoffnung den Bedrohten brachte. Das fremde Schiff war in die Bai eingelaufen und von seinem Heck flatterte frisch und frei in der Brise die dreifarbige Fahne.

Nichtsdestoweniger konnte die Hülfe von dort noch immer zu spät kommen, denn wenn auch der rechte Flügel, durch den Tod des Führers bestürzt gemacht, dem muthigen Angriff des Feindes wich, hielt Utami noch wacker Stand und drängte sogar mit Fanue zu gleicher Zeit auf's Neue vor, jetzt Alles daran setzend, das Arsenal zu erreichen und ebenfalls anzuzünden. Bertrand kam hierbei zwischen die beiden Colonnen, und der alte tapfere Utami, seinen schweren Säbel fast eben so viel als Keule wie als scharfe Waffe brauchend, arbeitete sich, von dem Kern der Seinen und fünf oder sechs gut bewaffneten Europäern dabei unterstützt, mehr und mehr nach dem Führer der Feranis durch, dem Kampf durch dessen Niederlage mit einem Schlag ein Ende zu machen. Kleine Trupps der Franzosen langten indessen zu gleicher Zeit auf dem Kampfplatz an, aber einzelne zerstreute Trupps der Eingeborenen empfingen sie auch überall, ihr Vorrücken aufzuhalten und der Hauptmacht Zeit zu gönnen das beabsichtigte Ziel zu erreichen; René nur, jedes Hinderniß besiegend, hatte sich endlich bis zu dem arg bedrohten Französischen Picket Bahn gehauen, und entdeckte hier kaum den alten Häuptling, dessen Einfluß auf die Insulaner er gut genug kannte, als er das Aeußerste daran zu setzen beschloß, ihn gefangen zu nehmen. Kein wirksameres Mittel gab es dann, den Frieden von den Eingeborenen zu erzwingen.

Bertrand gewahrte ebenfalls den alten greisen Indianer, der den Seinen voran, todesmuthig seinen Weg sich freischlug, und in ihm jedenfalls eine vorragende Persönlichkeit vermuthend, preßte er ihm entgegen und war im Begriff einen Stoß nach ihm zu führen, als ein vor ihm liegender, gestürzter Indianer sein Bein ergriff und ihn mit sich in demselben Augenblick zu Boden riß, in dem der greise Utami vorsprang und den schweren Pallasch in der Luft schwingend einen Hieb nach ihm führen wollte.

René sah die Gefahr des Freundes, und noch während er einen der Insulaner, der sich ihm in den Weg stellen wollte, zu Boden schlug, schrie er in Todesangst:

»Halt Utami – hierher Deinen Schlag – hier der Feind!« und dem nach Bertrands Haupt geführten Hieb in demselben Moment parirend, warf er sich mit voller Gewalt gegen den Häuptling und schlang, seinen rechten Arm mit der Waffe empordrängend, den linken um seinen Körper.

Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn in dem Augenblick – er hörte dicht neben sich den Knall eines Pistols – er fühlte wie der Gefangene seinem Arm entglitt, sah, schon halb bewußtlos, die schützend über ihn gehaltenen Bayonnette der Seinen, und brach dann besinnungslos zusammen.

Capitel 7.
René und Susanna.

Als René wieder zum Bewußtsein kam und die Augen aufschlug, lag er unter einem hohen Mosquitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen Bett und hörte, – aber auch nur noch wie in einem Traum – daß sich Zwei in dem Gemach leise flüsternd mitsammen unterhielten. Er fühlte sich dabei merkwürdig schwach und wollte, wenigstens zu sehn wo er sich eigentlich befand, rasch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei Seite zu schieben, als ihn ein furchtbar stechender Schmerz durchzuckte, daß er mit einem halblauten Schrei fast besinnungslos wieder auf sein Lager zurücksank.

Das Netz wurde jetzt zurückgeschoben, Jemand nahm seine Hand, fühlte seinen Puls und sagte nach kleiner Pause:

»Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiselle; ich hoffe das Beste für unseren Freund.«

»Ist er erwacht?« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, die dem Kranken das Blut in Fieberschnelle durch die Adern jagte, daß der Arzt, der noch die Hand in der seinen hielt, bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und das Netz weiter zurück schob, die Gesichtszüge des Verwundeten erkennen zu können.

»Hallo« rief er aber, als er hier in die Augen des forschend zu ihm Aufschauenden blickte – »unser Patient hat wirklich ausgeschlafen, und sieht sich frisch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es, Monsieur Delavigne – wie ist Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?«

»Schmerzen? – nein – ja – hier in der Schulter – aber mir ist so wunderbar zu Muthe – wer ist noch im Zimmer?«

»Ihre Pflegerin, Monsieur, der Sie zu großem Dank verpflichtet sind, denn Sie haben uns die letzten elf Tage viele Sorge gemacht.«

»Letzten elf Tage?« wiederholte René erstaunt, »aber wer ist hier?«

»Halten Sie sich ruhig, Herr Delavigne« sagte da eine leise, oh ihm nur zu gut bekannte Stimme und wieder schoß ihm das Blut zum Herzen zurück und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zähne fest aufeinander beißen.

»Susanna« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme vor sich hin, und ein glückliches Lächeln legte sich über die bleichen Züge. Aber die Erregung war auch zu stark gewesen für den geschwächten Körper, und mit geschlossenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit seine Kräfte wieder zu sammeln, seine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herüber und hinüber zuckten, der Gegenwart fest zu halten.

Als er die Augen wieder aufschlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt, und dieser hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte und sagte freundlich:

»Sie müssen sich, wenigstens heute, noch Alles Redens enthalten, Monsieur Delavigne; Sie sind viel zu schwach und angegriffen und können sich durch jede Aufregung den größten Schaden thun –«

»Aber lieber Doktor –«

»Ruhe« lächelte dieser – »ich kann mir etwa denken was Sie fragen wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde zu befriedigen, einen kurzen Umriß alles dessen geben, was während den letzten elf Tagen, die Sie nun da eingeschachtelt liegen...«

»Elf Tagen?«

»Ja wohl, heut' ist der elfte Tag –, was also in dieser Zeit vorgegangen ist, und Sie werden manches Neue zu hören bekommen. Vor allen Dingen, und um Sie darüber zu beruhigen, ist unsere Position hier vollkommen gesichert und befestigt worden; noch an demselben Morgen, an dem Sie verwundet wurden, worauf Sie sich auch wohl noch besinnen können, kam die Uranie ein und schickte ihre Boote an Land, mit deren Hülfe wir den Feind bald wieder zurück in die Berge trieben. Am nächsten Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe, eins von den Marquesas, eins von Valparaiso kommend, ein und brachte Verstärkung, wie die so nöthigen Provisionen. Die Insulaner wurden dann aber auch ohne weiteres angegriffen und in die Berge, oder doch wenigstens aus der Nähe von Papetee gejagt, und sie haben sich jetzt in mehren entfernteren Orten wie Papeneeo und besonders im Hautauethale verschanzt, bis wir einmal Zeit bekommen sie auch von dort zu verjagen.«

»Und ist Utami gefangen?« frug René.

»Utami? – der Anführer der Rebellen? ah, das ist wohl derselbe den Sie gefaßt hatten, als sie den Schuß bekamen? – nein, Gott bewahre, der hat sich tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein Andenken über den Schädel hinterlassen, an dem er wohl noch ein paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer ist Lefévre weggekommen – von seinem kleinen Trupp ist nicht ein Mann zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen; nur von Lefévres Leiche war nicht die Spur zu finden, er müßte denn in einem frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmückten Grab liegen, das wir mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar überfallen worden, entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer sich die Mühe gegeben haben sollte, ihn gerade so sorgfältig zu bestatten, während die Uebrigen liegen geblieben waren, wie sie gefallen.«

»Aumama« flüsterte René und ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob seine Brust.

»Für heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt« sagte der Arzt, seinen Hut aufgreifend – »jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, sich wieder zu erholen und ich werde gegen Abend zurück kommen und den Verband erneuen.«

»Aber wo bin ich verwundet?« frug René mit schwacher Stimme.

»Fragen Sie wo Sie nicht verwundet sind« lachte der Arzt, »Schrammen und Beulen haben Sie am ganzen Körper, nur die Hauptsache ist der letzte Schuß in die Schulter; doch er hat Nichts zu sagen« fügte er lächelnd hinzu, »halten Sie sich nur ruhig und besonders fern von jeder geistigen Aufregung – denn körperlich bewegen können Sie sich ohnedies nicht – und wir werden Sie bald genug wieder zusammen flicken.«

Er verließ nach kurzem Gruß das Zimmer, während René in einen leichten unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht sah, die an seinem Lager ihm Kühlung zufächelte und seinen Schlummer bewachte.

Als er die Augen wieder aufschlug war es Nacht – ein mattes Licht brannte im Zimmer, und neben seinem Bett hörte er die schweren regelmäßigen Athemzüge eines schlafenden Wärters. Ihn dürstete aber sehr und er streckte seinen linken gesunden Arm aus den Schlummernden zu wecken.

»Hallo!« rief dieser von dem Lehnstuhl in dem er gesessen, emporspringend, als ihn die Hand kaum berührte, »René, bist Du munter – wie ist Dir, mein wackerer Bursch?«

»Adolphe!« rief der Kranke, »das ist freundlich von Dir bei mir zu wachen.«

»Wie mir scheint hab' ich geschlafen« lachte der Freund – »aber bedarfst Du etwas?«

»Ich bin durstig.«

»Hier ist Dein Trank – frische Cocosmilch und Himbeerwasser, das wird Dir gut thun; und wie fühlst Du Dich jetzt?«

»Gut, sehr gut« lächelte René, »und es freut mich herzlich Dich bei mir zu sehn.«

»Alle Deine Kameraden haben abwechselnd bei Dir gewacht« erwiederte Adolphe, »sie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten, deren Herzen gewannst Du Dir durch Deinen tollkühnen Muth. Mensch, Du hast ein Glück das in's Aschgraue geht, und ich glaube Du könntest von einem Kirchthurm herunter springen und kämst gesund auf Deine Füße.«

»Nennst Du den Schuß ein Glück?« frug René kopfschüttelnd.

»Wenn ich dadurch das schönste Mädchen das je mein Auge gesehn zur Krankenwärterin bekäme, ließ ich mich hinschießen wohin Du willst« lachte Adolphe, »und die kleine niedliche Madame Belard ist auch mehr in Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen gewesen.«

»So lieg' ich hier bei Belards?«

»Nun versteht sich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob Du ein Kind vom Hause wärest. Monsieur Belard hat übrigens selber mit gefochten« fuhr Adolphe mit mehr unterdrückter Stimme und heimlichem Lachen fort – »oh, da sind kostbare Sachen vorgefallen, doch das Alles erzähle ich Dir einmal später, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen und schütteln darfst; jetzt möcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine Wunde?«

»Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht regen – er ist doch nicht gebrochen?«

»Nein, darüber kannst Du Dich beruhigen; doch war's ein böser Schuß und hätte nicht dürfen einen Zoll tiefer kommen.«

»Wer weiß« seufzte René leise und schloß die Augen wieder.

Adolphe glaubte er wolle schlafen, schattete das Licht und setzte sich leise wieder auf den Stuhl nieder, als René seinen Namen rief.

»Bist Du fort, Adolphe?«

»Nein, sicher nicht – willst Du etwas?«

»Hast Du mit dem Arzt über meine Wunde gesprochen?« frug der junge Mann mit leiser Stimme.

»Allerdings; ich kann Dich fest versichern daß sie, wenn auch vielleicht ein wenig langwierig, keineswegs lebensgefährlich ist.«

René lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann langsam:

»Und wann glaubt er daß ich werde nach Atiu hinüber geschafft werden können?«

»Nach Atiu?« wiederholte Adolphe verwundert – »Mensch, hast Du ein Fieber daß Du jetzt an Atiu denkst, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts schadete, vorausgesetzt daß ruhiges Wetter bliebe, wie wolltest Du Dich dort ohne ärztliche Hülfe wieder erholen? – Atiu – ich begreife Dich nicht.«

»Aber Sadie wird sich um mich ängstigen« sagte René.

»Ich habe daran gedacht« erwiederte ihm Adolphe, »und wollte ein paar Zeilen hinüber schreiben, es ist aber noch keine Gelegenheit dazu gewesen, die ganze Zeit, und erst in acht Tagen, glaub' ich, soll der Missionscutter wieder hinüber gehn.«

»Ich danke Dir, Adolphe« nickte ihm der Freund zu – »und nun will ich schlafen – ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf schwindelt mir von all dem Denken.«


Die Sonne stand schon hoch am nächsten Morgen, als er erwachte, und einen inländischen Knaben an seinem Bett fand, ihm das Frühstück zu reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Bursche sagte, schon dagewesen, hatte ihn aber nicht stören wollen und versprochen, in einer Stunde etwa wieder zu kommen.

René fühlte sich heute viel wohler und frischer als gestern; der Schlaf hatte ihn gestärkt, und auch die Schulter schmerzte ihn nicht so sehr wie gestern Abend.

»Darf man herein?« rief da eine fröhliche klare Stimme, als er schon etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefühle schmerzloser Ruhe gelegen und die durch die offenen Fenster strömende kühle balsamische Morgenluft eingeathmet hatte.

»Madame Belard« rief René freudig, und die kleine muntere Frau kam mit leichten, immer noch vorsichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dankbaren Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Meine gute Madame Belard –«

»Ja, gute Madame Belard« lachte die kleine Frau halb besorgt halb zürnend, und doch auch wieder mit ihrem herzlichen Ausdruck im Ton – »das ist eine Wirthschaft die Einen freuen könnte. Zuerst nimmt der junge Herr Abschied, als ob es für's Leben wäre, und wenn man da ein paar Tage nachher noch ganz angegriffen und alterirt ist, läuft er so lange munter und vergnügt in der Stadt herum, ohne den Fuß noch einmal über die Schwelle zu setzen, bis er das Bischen Besinnung, was ihm eigentlich hätte sagen sollen wo seine besten Freunde wohnen, verliert, und leblos und zerhauen und zerschossen in's Haus getragen wird.«

»Sie haben recht, vollkommen recht, beste Frau« seufzte René – »und doch – wie gern wär' ich zu Ihnen gekommen – aber...«

»Ja, doch und aber, das sind Ihre Entschuldigungen – Sie sind übrigens jetzt in keinem Zustand, ordentlich ausgezankt zu werden, das verspar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn geschenkt ist es Ihnen nicht. – Aber was Sie uns wieder in dieser Zeit für Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht sagen; ich möchte nur wissen, was Sie noch einmal für ein Ende nehmen.«

»Liebe Madame Belard –«

»Und Susanna hat glühende Kohlen indessen auf Ihr Haupt gesammelt; dem Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht fast an Ihrem Bett.«

Ein stechender Schmerz zuckte durch Renés Schulter – er biß die Unterlippe zwischen die Zähne, und wurde leichenblaß.

»Um Gott, fehlt Ihnen etwas? – Sie haben wieder Schmerzen?« rief Madame Belard rasch, das Mosquitonetz mehr zurückwerfend, sein Gesicht deutlicher sehn zu können.

»Es ist Nichts – es geht gleich vorüber« sagte René, die Augen schließend und den Kopf halb abgewandt – »es zuckt mir nur manchmal in der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich – der Doktor kommt ja nachher.«

Madame Belard nickte tief aufseufzend mit dem Kopf, erwiederte aber Nichts und der Kranke lag mehre Minuten schweigend auf seinem Lager. Endlich sagte er leise:

»Ich habe Fräulein Lewis eigentlich noch gar nicht gesehn, nur gehört gestern, wie ich zu mir kam. Sie ist doch nicht krank? –«

»Krank? – nein, aber verreist.«

»Verreist?« frug René rasch, den Kopf nach der Redenden umwendend, »verreist? wohin?«

»Sie hat schon lange einmal wieder nach Imeo hinüber gehen wollen, wohin ihre Freunde von Papara, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen, zeitweilig übergesiedelt sind; aber sie mochte Sie auch nicht allein hier liegen lassen, so lange wir noch Nichts Gewisses über Ihren Zustand wußten, und darüber beruhigt, und da sich heute Morgen gerade eine Gelegenheit mit einem Französischen Dampfer bot, benutze sie dieselbe, und hat mir jetzt nur viel herzliche Grüße für Sie aufgetragen.«

René erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach längerer Pause mit lebendigerem Tone fort.

»Mein Mann hat auch mit gefochten, Monsieur, Sie hätten ihn nur sehn sollen, Delavigne, mit dem langen Schleppsäbel und der doppelläufigen Jagdflinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und soll sich sogar bei derselben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet haben. Selbst Monsieur Brouard hatte sich bewaffnet und wie ich jetzt höre, sind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller Tapferkeit, dem traurigen Schicksal entgangen, von den Insulanern besiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage hätten sie sicherlich keine Gnade geübt. Es ist eine seelensgute Nation, so lange man sie in Frieden läßt und in Freundschaft mit ihr lebt, aber furchtbar wenn gereizt, und blutdürstig glaub' ich, wie noch in den alten heidnischen Zeiten.«

»Und wird sie lange bleiben?« frug René, noch immer den Kopf der Wand zugedreht.

»Wer? – die Nation? – ah, Sie meinen Susanna?« fuhr Madame Belard, den Blick fest auf ihn geheftet, fort, als er schwieg und das Blut wieder in seine Wangen zurück kehrte; – »nein, ich glaube nicht. Sie darf sogar nicht sehr lange wegbleiben, denn sie hat noch manches vor ihrer Abreise zu besorgen.«

»Sie kehrt nach Europa zurück?« sagte René, aber so leise, daß sie die Worte kaum verstehen konnte.

»Mit dem ersten Französischen Kriegsschiff – Herr Brouard wird mit seiner Frau ebenfalls Tahiti verlassen und Susanna will sich ihnen anschließen; der Admiral hat ihnen schon früher die Erlaubniß dazu ertheilt – ich wollte ich könnte mit.«

»Und geht das so bald?«

»Das ist noch unbestimmt; es hieß zuerst die Uranie würde segeln, jetzt glaubt man übrigens daß die Jeanne d'Arc als ein schnelleres Fahrzeug den Vorzug bekommen soll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern. Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie sprechen so gedrückt? – haben Sie wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Lassen Sie das gut sein« fuhr sie lächelnd fort, als er langsam mit dem Kopf schüttelte, »ich bin gar kein so ungeschickter Chirurg, wie Sie bald finden sollten.«

»Ach beste Madame Belard« sagte René da seufzend – »wie tief bin ich nicht auch außerdem schon in Ihrer Schuld, und wie soll ich Ihnen das je danken können? – Sie haben mich hier aufgenommen und gepflegt –«

»Bst – bst – bst« rief aber Madame Belard erröthend und ihre kleine Hand auf seinen Mund legend – »erstlich sollen Sie eigentlich gar Nichts reden, und dann noch viel weniger solchen Unsinn. Sie sind mir in Nichts verpflichtet, denn es versteht sich von selbst, sogar in der Heimath, daß der Bürger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie viel mehr also in einem so wilden Land wie hier. Halten Sie sich nur recht ruhig, daß Sie uns bald wieder gesund werden, oder doch wenigstens aus dem Bett können, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den ersten Monaten noch nicht wieder brauchen können.«

»Wenn ich nur – wenn ich nur nach Atiu schreiben könnte« sagte René endlich zögernd, und mit einem kaum unterdrückten Seufzer.

»Hinüber dürfen Sie nicht, Delavigne« sagte Madame Belard ernst, »daran brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch schon mit Lieutnant Adolphe darüber gesprochen, denn wenn sich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich gut angelassen hat, verlangt sie noch immer, wie mir der Doktor gesagt, die sorgfältigste ärztliche Pflege, und so gut Sie Sadie, und vielleicht besser als wir hier, pflegen würde, so wenig ist sie im Stande dem zu genügen. Außerdem ist gar nicht mit dem Schuß zu spaßen, und wer weiß ob nicht selber schon der Transport die schlimmsten Folgen haben könnte.«

»Wenn es nur anginge« sagte René schüchtern und schwieg wieder, als ob er sich scheue auszureden, Madame Belard aber, die leicht seine Gedanken errieth, sagte freundlich. – »Sadie hier herüber zu bekommen? nicht wahr, das meinen Sie?«

»Aber nicht weil ich etwa glaube daß ich in Ihren Händen weniger gut aufgehoben wäre« rief der Verwundete schnell, »halten Sie mich nicht auch noch für undankbar, Madame Belard.«

»Nein, nein, lieber Delavigne« sagte die kleine Frau gerührt, »ich denke gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie soll herüber kommen, so bald wir sie nur herüber bekommen können, und ich will heute noch an sie schreiben, daß der Brief bei erster Gelegenheit fertig ist. Wo aber kann man sich nach einer solchen erkundigen?«

»Im Hauptquartier und im Missionsgebäude« sagte René, »ich glaube aber fast daß in dem letzteren die erste Gelegenheit sein wird, denn die Missionaire unterhalten eine ziemlich regelmäßige Verbindung mit jener Gruppe.«

»Mein Mann soll noch heute Morgen die genausten Erkundigungen einziehn – sind Sie nun beruhigt?«

René streckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lächeln die Hand entgegen, die sie nahm und herzlich drückte, dann aber sagte sie, sich gewaltsam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem sie nicht Worte geben konnte und wollte, schnürte ihr die Brust zusammen, »nachher schick ich Ihnen meinen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von dem Kampfe erzählen – er hat auch in der That von weiter noch Nichts gesprochen die ganze Zeit – das wird Sie unterhalten und zerstreuen und – regt Sie auch eben nicht so besonders auf. Aber da seh ich den Doktor kommen – nun erhalten Sie frischen Verband, und ich werde heute Susannas Stelle bei Ihnen vertreten.«

Der Doktor öffnete gleich darauf die Thür und grüßte Madame Belard freundlich.

»Ah Madame, sehr erfreut Sie hier zu sehn – und wie geht es unserem Kranken? – nun Monsieur? – guten Morgen, wie haben Sie geschlafen, und wie geht es unserem rechten Flügelknochen. Aber ha« – rief er etwas bestürzt aus, als er das Gesicht des jungen Mannes erblickte – »Sie sehn echauffirt aus, und haben sich jedenfalls, gegen meinen sehr strengen Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?«

»Ja – ein Stechen in der Wunde – ich fühle den Pulsschlag so deutlich –«

»Da haben wir's, das Blut in Wallung; nun lassen Sie uns einmal untersuchen wie die Sache heute Morgen aussieht – hoffentlich nicht schlechter als gestern – wir dürfen nun nicht wieder zurück gehn, wir müssen machen daß wir vorwärts kommen.« Und während er noch sprach den Verband vorsichtig ablösend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde geworfen, als er auch schon sehr bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und endlich seinem Unmuth in Worten Luft machte.

»Das ist nicht wie es sein sollte, die Entzündung ist eher schlimmer wie besser geworden, und wir müssen uns ungeheuer hüten daß wir keinen Rückfall bekommen. Ruhe ist aber dazu das Haupterforderniß, unbedingte, durch Nichts gestörte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf den Beinen sehn wollen, Madame, so müssen Sie mir dafür besonders mit Sorge tragen helfen. Ruhe ist ihm jetzt die beste Kur und je vollständiger er die genießen kann, desto eher wird sich seine jugendliche, kräftige Natur schon selber wieder Bahn brechen.«

Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen seiner Freunde, ohne Ausnahme welchen, wenn sie nicht unmittelbar bei der Verpflegung beschäftigt wären, zu ihm zu lassen, und versprach Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu sehn ob sich nicht vielleicht bessere Symptome eingestellt hätten.

Es vergingen übrigens volle acht Tage, ehe wirklich eine wesentliche Besserung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte sich in der ganzen Zeit musterhaft gehalten und Monsieur und Madame Belard waren fast die Einzigen gewesen die Zutritt zu ihm gehabt, während sich indeß der Gouverneur sowohl wie alle übrigen Officiere täglich nach ihm entweder selber erkundigten oder erkundigen ließen.

Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit gewesen, doch sollte jetzt in etwa drei Tagen der Missionscutter hinüber gehn, und Madame Belard wartete nur auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit längerer Zeit in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, diesem den Brief selber zu übergeben und seiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte René darüber beruhigt und ihm versichert, daß er seine Frau dann bald hier erwarten dürfe. Ein Zimmer für sie war schon hergerichtet worden.

Am andern Morgen kam Madame Belard früher als sonst zu dem Kranken, seinen Verband zu wechseln, was sie jetzt immer selbst besorgt, und sagte freundlich, aber mit einer gewissen ängstlichen Besorgniß im Blick:

»Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch – werden Sie sich kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.«

»Fräulein Lewis?« sagte René mit leiser fragender Stimme, und er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg.

»Susanna ist schon seit gestern wieder zurück – die Jeanne d'Arc sollte übermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und soll bis zur Ankunft der Reine blanche, die wir täglich von den Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen des Admirals mit nach Europa zu nehmen. Du Petit Thouars scheint zu Hause gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen, und das hartnäckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen, und hält sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren Position.«

»Und Fräulein Lewis?«

»Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben« fuhr Madame Belard mit einem freundlichen Lächeln fort, »ohne sich selber von Ihrer Besserung zu überzeugen – wollen Sie ihr erlauben?«

»Madame, wie können Sie so grausamen Spott mit mir treiben« rief René, »erlauben – drängt es mich denn nicht ihr selber für ihre Theilnahme danken zu können?«

»Gut, ich schicke sie Ihnen, ich muß überdieß einmal hinüber zu Brouats, die jetzt in einem prächtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das Nothdürftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen können.«

»Und Susanna?«

»Wird gleich erscheinen, aber – halten Sie sich hübsch ruhig – sprechen Sie so wenig wie möglich, und lassen Sie die junge Dame lieber erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas nach Europa zu schreiben haben, können Sie ihr diktiren – es wird jedenfalls die nächste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder bei Ihnen.«

Sie verließ rasch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und ängstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mädchens zu erwarten, das, er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr sehnlicher, heißer erhofft, je mehr er alle diese Gefühle in seinem Inneren verschließen mußte, ja fast gefürchtet, indem er sich nach und nach alles dessen bewußt wurde, was Pflicht und – Ehre – er wagte kaum noch die Liebe zu nennen – ihm entgegenstellten.

Sadie – oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut, die jetzt den vergifteten Pfeil in seiner Brust zurücklassen mußten, ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie – er barg das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das zauberschöne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu stürzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt. Sadie – arme Sadie; – aber noch war Rettung möglich; noch wenige Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn – die eigne Brust hatte da keinen Vorwurf – dem machtlos in die Bahn geschleudert, was er gefürchtet, was er meiden wollte – trennte ihn wieder von jenem kalten, schönen Bild und hob den Zauber – gab ihn wieder frei. Er kehrte dann zurück nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt, und in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, wollte er vergessen daß er ein Leben weggeworfen an einen Traum – so schön der auch gewesen. Und die Erinnerung? – doch was sich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit – die Erinnerung dann war Gegenwart jetzt, und wenn – ha, ein leichter Schritt auf der Verandah draußen – das klopfende Herz drohte ihm die Brust zu zersprengen, der Thürgriff drehte sich leise im Schloß – aber noch öffnete sich die Thür nicht und die Sekunden wurden zu Minuten. Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und als er die Augen schloß, und bleich und erschöpft auf sein Kissen zurücksank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer betrat, und sich fast geräuschlos seinem Bette näherte.

Es war Susanna – schüchtern und ängstlich nahte sie dem Lager, und ihr Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zügen des Leidenden.

»Er schläft« flüsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geräuschlos wie sie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und sein leises »Susanna« sie an die Stelle bannte auf der sie stand.

»Monsieur Delavigne.«

Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie reichte ihm die ihrige.

»Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen?« sagte er endlich, mit sanftem Vorwurf im Ton und mühsam den Seufzer zurückpressend, der ihm die Brust heben wollte, »war das recht von Ihnen?«

»Wie ist Ihnen jetzt, fühlen Sie sich leichter, wohler?« frug die Jungfrau ausweichend – »Sie sehen noch recht bleich und angegriffen aus!«

»Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl« rief der Kranke – »und doch auch wieder recht weh« setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu – »die Wunde sitzt zu tief.«

»Die Zeit wird sie heilen, René« hauchte Susanna, und wandte das Antlitz halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand zitterte in der seinen. René schüttelte langsam mit dem Kopf – er wollte reden, aber er fürchtete dem Gefühl Worte, Ausdruck zu geben. Noch hielt ein schwacher Damm die mächtig in ihm glühende Leidenschaft zurück, noch schlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen – den Damm einmal durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth dann nicht mehr zurück zu drängen.

Susanna fühlte das ebenfalls, und wenn sie auch früher in fast muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, für den sie kaum ein flüchtiges Interesse fühlte, an ein Wesen fesselte das schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres, besseres Gefühl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt – vollständiger als sie es je erwartet, sich je bewußt gewesen zu erstreben, aber auf das eigene Herz dabei vergessen, der eigenen Stärke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche.

»Sie sind Capitain geworden« lächelte das Mädchen endlich, das zuerst die Fassung wieder gewann, mit einer eigenen Mischung von Stolz und Schmerz, und fest entschlossen dem Gespräch jetzt eine andere, gleichgültigere Richtung zu geben. – »Sie müssen aber auch wirklich mit einer ordentlich rasenden Tapferkeit gefochten haben. Monsieur Bertrand konnte uns nicht genug davon erzählen.«

»Bertrand ist mein Freund« lächelte René, dem sich mit der Wendung des Gesprächs eine Centnerlast von der Brust wälzte – »es hat ihm selber Freude gemacht etwas Günstiges über mich zu sagen, und da mag er wohl übertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.«

»Dem ist doch wohl nicht so; man behauptet sogar, nur Ihrem ungestümen Angriff sei es zu danken, daß man im Stande gewesen wäre die Wilden von der Erstürmung des Arsenals abzuhalten, dessen Resultat dann furchtbar hätte sein müssen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der entsetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus trockenem Bambus bestehende Gebäude gefeuert hätten.«

»Toll genug wären sie dazu gewesen« lächelte René – »aber hat man keine weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder schießen hören – was bedeutet das?«

»Ihre Landsleute beabsichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre Befestigungen« erwiederte Susanna, »aber man verzweifelt hier selber an dem Erfolg, denn durch die früheren Verluste gewitzigt, haben die Insulaner jetzt eine Stellung eingenommen die fast unnehmbar scheint, und sicherlich noch viele Leben kosten wird, wenn nicht ein günstiger Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlüssel dazu in ihre Hände spielt. Sie sehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen Ruhe und ich fürchte ich habe Sie durch – mein Schwatzen nur mehr aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein, aber so lange ich noch hier bin – und bis nicht liebere Hände kommen mir das Amt abzunehmen« – setzte sie leiser hinzu – »gestatten Sie mir wohl wieder daß ich Ihre Pflege übernehmen darf. Es ist ja doch nur noch so kurze Zeit die wir zusammen sind, und ich möchte wenigstens mit der Beruhigung von hier scheiden, daß Sie Ihrer Genesung rasch entgegen gehn.«

»Die Fleischwunde wird heilen« sagte René düster.

»Und mit der erstarkt auch der Geist« fiel rasch Susanna ein; »glauben Sie mir, René, so lange der Körper nicht gesund ist, scheint uns die Sonne selbst matt und trüb, und das Leben oftmals eine Last; doch mit dem gesunderen Blut kehrt Muth und Freudigkeit in unser Herz zurück. So schlafen Sie wohl jetzt, und mögen freundliche Träume ihrem Geist die Stimmung geben die er braucht – wenn Sie sich gestärkt haben, kehr ich zu Ihnen zurück – gute Nacht!« und mit freundlichem Kopfnicken die Hand ihm entziehend, die sich leise wieder der seinen gefügt, glitt sie aus dem Zimmer, den Kranken sich selber und seinen Gedanken, seinen Träumen überlassend.

Susanna übernahm jetzt wieder das Amt als Renés Wärterin, jede Stunde fast die Ankunft der Reine-Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit die vollständig zum Auslaufen bereite Jeanne d'Arc entsenden konnte; aber sie vermied von da an allein mit dem Kranken zu sein, und was sie zusammen reden konnten betraf nur gleichgültige Gegenstände. Auch einen Brief hatte René mit Adolphes Hülfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu geschrieben, Sadie von seinem Unfall in Kenntniß gesetzt, und sie gebeten den rückkehrenden Missionscutter zu benutzen und mit dem Kind zurück nach Papetee zu kommen, wenn sie sich seinetwegen ängstige; aber es gehe besser mit ihm und er hoffe selber doch, wie ihm der Arzt gesagt, spätestens in drei bis vier Wochen dessen Sorge entbehren und hinüber zu können, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herstellen und gesund machen würde. Er entschuldigte sich dann auch, trotz Adolphe's Kopfschütteln, bei Sadie, daß er selber die Waffen aufgegriffen gegen ihre Landsleute; aber sie hatten ihn dazu gezwungen, es war in Selbstvertheidigung gewesen, und er blieb nicht Soldat, sondern kehrte nach Atiu zurück.